Paul Jochus eilte wirklich, so rasch ihn seine Füße trugen, nach Hellenhof hinüber, denn was er schon seit heute Morgen im Geheimen befürchtet, war geschehen und es galt nun die Folgen der möglichen Entdeckung von ihren Häuptern abzuwenden. Er traf auch seine beiden Bundesgenossen, den Sohn und dessen Compagnon, zu Hause, aber in anderer Stimmung, als er selber sich befand. Jubelnd sprangen ihm die beiden jungen Männer entgegen, als er das Haus betrat, denn sie hatten ihn schon von oben kommen gesehen und ihm geöffnet, und wie sie nur erst wieder die beiden schweren Riegel vorgeschoben, um von keinem Unberufenen gestört zu werden, führten sie ihn in ihr kleines, abseit gelegenes und nur für besondere Zwecke bestimmtes Arbeitszimmer hinauf. Ja, in ihrer Ausgelassenheit bemerkten sie nicht einmal das niedergeschlagene Wesen des Alten, den sie überhaupt nicht zu Worte kommen ließen.
„Da sieh’ her, Vater,“ rief Franz ihm entgegen, indem er ihm zwei Fünfundzwanzig-Thalerscheine vorhielt, „der eine ist ächt, der andere unächt; nun sage selber, welches der ächte ist.“
„Welches der ächte ist, weiß ich nicht,“ erwiderte der Wirth, während er nur einen flüchtigen Blick auf die Scheine warf, „aber so viel weiß ich, daß wir entdeckt und verrathen sind und auch die letzte Spur unserer Thätigkeit vertilgen müssen, so lange es noch Zeit ist.“
„Alle Teufel!“ rief Brendel, der junge Berliner, aus, indeß Franz den Vater erschreckt anstarrte. „Haben sie einen unserer Unterhändler erwischt? Gewiß den holzköpfigen Meier.“
„Nein,“ sagte der Wirth, „die Polizei weiß zum Glück noch nichts von unserer Arbeit, oder ich hätte vielleicht nicht einmal Gelegenheit bekommen, Euch zu warnen, aber von anderer Seite sind wir beobachtet worden.“
„Von anderer Seite?“ sagte Franz erstaunt. „Das versteh’ ich nicht.“
„Rosel ist hinter unser Geheimniß gekommen.“
„Rosel?“
„Na,“ nickte Brendel, „wenn erst ein Frauenzimmer darum weiß, wär’s freilich Zeit, daß wir einpackten.“
„Aber wie um Gottes willen ist das möglich?“
Paul Jochus erzählte den ihm in der gespanntesten Erwartung zuhörenden jungen Leuten die Ergebnisse der gestrigen Nacht und seine heutige Unterredung mit der Tochter, verschwieg ihnen auch nicht, daß sie die Hand des jungen Adligen ausgeschlagen habe, weil er von jetzt ab beim Criminalamt angestellt sei und sie vor ihrem künftigen Mann kein Geheimniß haben könne und wolle.
„Bah!“ rief Franz verächtlich, „wenn weiter Niemand darum weiß, als Rosel, so hat’s noch keine Gefahr. Daß die uns nicht verräth, ist sicher, und jetzt wahrhaftig können wir die Sache nicht aufgeben, wo wir gerade Alles erreicht haben, was wir wollen. Die Banknoten sind so vorzüglich ausgefallen, daß sie der Finanzminister selber nicht von den ächten unterscheiden sollte. Wir wissen jetzt, daß wir’s machen können, und sollen nun mit diesem Bewußtsein die Flinte in’s Korn werfen, weil meine eigene Schwester Mitwisserin geworden ist? Es wäre reiner Wahnsinn, wenn wir’s thäten.“
„Du kennst die Rosel nicht,“ sagte der Vater ernst, „sie grämt und härmt sich schon jetzt die Seele aus dem Leibe.“
„Aber sie darf uns nicht verrathen,“ rief Franz rasch, „denn sie hat selber die Früchte unserer Arbeit mit genossen, also Theil an dem Betrug genommen. Daß sie deshalb dem langweiligen Jungen, dem Herrn von der Haide, den Laufpaß gegeben, war das Gescheidteste, was sie thun konnte, und wenn sie erst erfährt, daß wir eine Dame aus ihr machen können, wird sie selber mit der Sache einverstanden sein.“
Paul Jochus schüttelte den Kopf; er kannte das Mädchen besser.
„Das wird sie nicht, Franz,“ sagte er entschieden, „ich glaube, sie trüge lieber Hunger und Kummer, als die Mitschuld an etwas Derartigem.“
„Für so dumm hab’ ich sie nicht gehalten,“ sagte Franz verächtlich; „aber es bleibt sich gleich, wie sie darüber denkt, verrathen kann und darf sie uns nicht und wird es auch nicht, wenigstens nicht in der ersten Zeit, denn auf die Länge möchte ich selber keinem Weibermund vertrauen. Haben wir aber nur vierzehn Tage Zeit, so sind wir mit Allem fertig und brauchen nicht mehr zu arbeiten, und dann laß es unsere Sorge sein, uns aus dem Weg zu halten. Hier ist der Absatz der Noten in Masse ja doch nicht so leicht.“
„Wenn wir nur unsere Werkstätte wo anders hin verlegen und sie glauben machen könnten, daß wir es aufgegeben haben.“
„Das geht nicht,“ sagte Franz entschlossen, „und wo fänden wir wohl einen passenderen Platz? Indeß der ausgebrochene Stein muß heute Abend noch ersetzt werden, und würden wir selbst verrathen, so weißt Du doch, daß sie uns da unten nie erwischen könnten, denn den versteckten Ausgang kennt kein Mensch außer uns.“
Der Wirth stand unschlüssig am Tisch und betrachtete fast unbewußt das ihm vorgelegte Falsificat. Es war in der That meisterhaft gearbeitet und er selber nicht im Stande die ächte Note von der unächten zu unterscheiden. Auch das Papier ließ nichts zu wünschen übrig, und er zweifelte keinen Augenblick daran, daß sie von diesen Noten eine Masse auf den Markt werfen könnten, ehe eine Entdeckung möglich würde. — Und selbst dann — wer wollte wissen oder verrathen, woher es stammte — aber Rosel? Er konnte den Blick nicht vergessen, mit dem sie ihn angesehen — er konnte die Worte nicht aus dem Gedächtniß bringen — „was hab’ ich verschuldet, daß ich das Alles für Euch tragen muß?“ — und er mußte auch des Versprechens gedenken, das er ihrer sterbenden Mutter gegeben.
Sein Blick flog über das betrügerische Papier hin in’s Leere und andere Bilder tauchten vor ihm auf.
„Nun, was sagst Du, Vater?“ frug Franz triumphirend, „kann es etwas Vollendeteres geben? Die österreichischen Noten lassen sich mit diesen gar nicht vergleichen, und doch haben sie drei volle Monate gebraucht, bis sie nur dahinter kamen. Wär’s nicht reine Sünde einen solchen Vortheil aus der Hand zu geben?“
Brendel hatte indessen mit untergeschlagenen Armen und zusammengezogenen Brauen am Fenster gestanden und hinaus gestarrt. Jetzt sagte er finster:
„Ich will Dir etwas sagen, Franz, je länger ich über die Geschichte nachdenke, desto weniger gefällt sie mir. Deine Schwester mag mich nicht leiden, so viel ist sicher — Gott weiß, aus welchem Grunde, denn eine so abschreckende Larve trage ich doch nicht mit mir herum — aber deutlich genug hat sie’s wenigstens gezeigt. Wenn sie also wirklich Jemanden verräth, so bin ich das, und unter den Umständen —“
„Aber sie kann Dich doch nicht allein verrathen, ohne ihren Vater und Bruder mit preiszugeben,“ rief Franz heftig aus, „und beim ewigen Gott, wenn die Dirne wahnsinnig genug wäre, das zu thun —“
„Sie wird Euch nicht geradezu verrathen,“ sagte Brendel finster, „aber es wird auf andere Weise an den Tag kommen, verlaßt Euch darauf.“
„Und ein Vermögen, das vor uns auf dem gedeckten Tische liegt, sollen wir aus reinem Muthwillen mit den Füßen von uns stoßen?“ fuhr Franz auf.
„Vielleicht doch nicht ganz,“ erwiderte Brendel; „wir wissen jetzt, wie die Sache gemacht wird, und haben alles Nöthige dazu; es gilt also nur einen anderen Schauplatz zu suchen, auf dem wir das Begonnene beenden können.“
„Und wie wollen wir alle Instrumente und Pressen transportiren, ohne Verdacht zu erregen? Weißt Du noch, welche Mühe und Arbeit es uns gekostet hat, das Alles heimlich in die Ruine zu schaffen? und viel schwieriger wäre es jetzt, es von da wieder wegzubringen.“
„Das weiß ich Alles und ich wollte lieber, daß die Mamsell — doch es ist Deine Schwester und damit abgemacht — Du kannst es mir übrigens nicht verdenken, daß ich lieber in Amerika oder sonst einer hübschen Gegend als im Zuchthaus sitze, und das blüht uns, sobald wir erwischt werden.“
„Das hat uns geblüht, solange wir die Arbeit begonnen,“ sagte Franz verächtlich, „aber sei nicht thöricht und folg’ nur dies eine Mal meinem Rath. Rosel hat einen Trotzkopf, ich weiß es, und ist dabei vom Vater so verzogen, daß sie gewöhnlich thut, was sie eben will — sonst wäre sie auch wahrhaftig nicht Nachts zur Ruine hinauf gegangen, aber sie ist auch klug genug, um zu wissen, wie weit sie gehen darf. Was sie nicht sagen will, behält die schon für sich. Der Vater muß jetzt mit ihr sprechen; er mag ihr meinetwegen versichern, wir hätten die Geschichte aufgegeben, brauchten aber etwa vierzehn Tage Zeit, um all’ die Spuren unserer früheren Arbeiten fortzuschaffen und zu vertilgen, wonach wir Beiden dann nach Amerika auswandern würden. Daß sie dann den Mund hält, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und bis dahin sind wir mit Allem fertig und haben unser Schäfchen im Trockenen.“
„Das könnte gehen,“ sagte Brendel nachdenkend, „und was meinen Sie dazu, Jochus?“
„Ich glaube, der Franz hat Recht,“ nickte der Wirth, dem die Aussicht auf einen so raschen und reichen Gewinn zu verlockend entgegenwinkte, „darauf vorbereitet ist sie überdies schon, denn ich habe ihr ja gesagt, daß ich nur deshalb zu Dir herüberginge, Franz, um Dich davon abzubringen.“
„Aber glaubt Ihr auch gewiß, daß wir in vierzehn Tagen mit der ganzen Arbeit fertig werden?“
„Sicher, vielleicht noch früher,“ nickte Brendel, „denn die Nächte werden jetzt von Tag zu Tag länger, und sowie ein wenig rauhes Wetter einsetzt, sind wir dort oben ganz sicher vor Störung.“
„Gut! dabei bleibt’s!“ rief Jochus nach kurzem Besinnen, denn er hatte in dem Forträumen der Werkzeuge jetzt auch eine vollständige Entschuldigung, wenn Rosel seine Abwesenheit von daheim ja noch bemerken sollte. „Sind denn die Vorbereitungen soweit getroffen, daß wir gleich an die Arbeit gehen können?“
„Daran fehlt’s nicht,“ nickte Franz, „verschaffe uns nur noch bis morgen Abend die hier auf dem Zettel bemerkten Gegenstände, die Du dann gleich mit auf die Burg hinaufbringen kannst.“
„Und sollen wir uns also morgen Abend dort wieder treffen?“ frug Brendel, der seine Bedenken nicht vollständig abgeschüttelt zu haben schien.
„Jedenfalls,“ rief Franz, „denn Zeit dürfen wir nun auch nicht mehr versäumen; jede Stunde ist kostbar.“
„Meinetwegen denn,“ gab Brendel seine Zustimmung, „aber so recht behaglich fühle ich mich nicht mehr hier, das kann ich Euch gestehen, und am allerliebsten versucht’ ich mein Glück an einer anderen Stelle. Wenn Ihr’s freilich nicht anders haben wollt, so können wir uns auch einmal ein paar Wochen auf eine Weiberzunge verlassen, denn ändern läßt sich die Sache doch nicht mehr, dann aber hält mich auch nichts mehr in der Nachbarschaft und ich will Gott danken, wenn ich den Rhein erst gesund hinter mir habe.“
„Da geht unser neugebackener Actuar,“ lachte Franz, der einen Blick durch das mit grünem Draht verstellte Fenster geworfen hatte, „wenn der wüßte, was hier gebraut wird, welch’ glänzende Empfehlung könnte er sich damit beim Criminalamt schaffen!“
„Spotte Du auch noch!“ sagte Brendel, während er neben ihn trat — „und wie sich der Lump spreizt, als ob er schon Justizminister wäre! Lauf’ Du mir nur einmal in den Weg, wenn mir die Füße erst nicht mehr gebunden sind!“
„Der thut keinen Schaden,“ lachte Franz, „wenn sie Alle so unschuldig wären, könnten wir uns getrost hier häuslich niederlassen. Ueberhaupt dürfen wir uns über unsere Polizei nicht beklagen; sie scheint wirklich froh zu sein, wenn man sie nur selbst zufrieden läßt.“
Jochus hatte seinen Hut schon wieder genommen, um nach Hause zurückzukehren, aber er blieb noch in der Stube stehen und sah selbst dem vorübergehenden jungen Manne nach, bis dieser oben in der Straße verschwand.
„Hast Du den Zettel, Vater?“
„Ja — ich werde es besorgen. Um wie viel Uhr treffen wir zusammen?“
„Nicht später als neun,“ sagte Franz, „das Papier ist schon oben und wir können dann gleich beginnen. Also sprich mit der Rosel, sag’ ihr meinetwegen, wir wären zu Kreuz gekrochen und versprächen, es nicht wieder zu thun,“ lachte er bitter vor sich hin, „es wär’ auch nur erst ein Versuch gewesen — na, Du wirst’s schon machen.“
Paul Jochus erwiderte nichts; das Gute, was noch in ihm lebte, die Erinnerung an Rosel’s verstorbene Mutter, arbeitete noch in ihm, aber die Gier nach Geld war mächtiger und wich keinem Schatten mehr. Er mußte, wie er sich einredete, das Begonnene nun auch durchführen, und während er ohne Abschied das Haus verließ, legte er sich im Geiste schon die Lüge zurecht, mit der er sein eigenes Kind beschwichtigen wollte — nicht um sie zu beruhigen und ihr den Frieden wiederzugeben, sondern um seine eigenen schlechten Handlungen sicher zu stellen und die Entdeckung von sich abzuwenden.
Wie trübe verbrachte indessen die arme Rosel daheim die Zeit! Wie schwer, wie entsetzlich schwer war ihr das Herz heute, wo Alles gerade hätte so gut sein können, wo endlich ihr heißes Gebet erhört worden, wo der Geliebte eine feste Stellung errungen hatte und sie Beide dem Ziele ihrer Wünsche näher waren! Durfte sie jetzt noch daran denken, ihm jemals anzugehören? — Dazu hätte sich die stolze Familie vielleicht herbeigelassen, dem jungen Mann die Verheirathung mit einem braven, unbescholtenen Bürgermädchen zu gestatten. Aber hätte sie, die Tochter eines Verbrechers, es wagen dürfen, in das ehrbare Haus einzutreten, hätte sie wagen dürfen, sich Bruno’s Mutter an das Herz zu legen und ihr den theueren Namen zu geben, der ihre ganze Seele füllte? — nie! Wie eine Ausgestoßene kam sie sich selber vor, so rein von Schuld sie ihr eigenes Herz auch wußte, aber wenn sie auch nichts weiter gesündigt hatte, so war sie doch die stillschweigende Mitwisserin jener furchtbaren Schuld, die in ihrer Brust vergraben bleiben mußte, denn konnte sie den eigenen Vater — den Bruder in’s Zuchthaus liefern?
So verbrachte sie den Abend und horchte auf jeden Schritt im Hause, ob der Vater noch nicht zurückkehre und wenigstens einen Trost bringe, daß ihre Bitten und Thränen — ja die absichtlich darin versteckte Drohung einer Klage, gefruchtet hätten. Noch war es ja vielleicht möglich, Geschehenes ungeschehen zu machen, wenigstens dem rächenden Gesetz gegenüber, wenn sie es auch nie aus dem eigenen Herzen reißen konnte. Sie wollte auch gern, o wie gern, Alles allein geduldig tragen und nicht klagen und murren, wenn sie nur den Vater und Bruder vor dem Verderben bewahrt und einem ehrlichen Leben zurückgegeben hatte.
Endlich kam der Vater. Er wollte an ihrem Zimmer vorüber in sein eigenes gehen, aber sie ließ ihn nicht. Wie sie ihn draußen hörte, öffnete sie die Thür und sagte ängstlich:
„Wie ist es, Vater, warst Du drüben bei ihm?“
„Ja, Kind.“
„Und hast Du mit ihm gesprochen? o, komm’ herein und erzähle mir Alles, was er geantwortet hat.“
„’s ist Alles gut, Rosel,“ sagte der Wirth, indem er zu ihr in’s Zimmer trat und sie auf die Stirn küßte — er mochte ihr nicht dabei in’s Auge sehen, „ich hab’ mit ihm geredet, er hat’s eingesehen und wir wollen jetzt unser Möglichstes thun, um Alles, was noch von der Sache übrig ist, aus dem Weg zu schaffen. Noch weiß kein Mensch davon, als Du, und soll auch hoffentlich nie Jemand weiter davon erfahren.“
„Und der Fremde, was wird mit ihm?“ sagte Rosel und richtete sich rasch empor, um ihren Vater anzusehen.
„Er — er hat sich mit Franz gezankt,“ log der Vater, „weil er’s noch nicht aufgeben mochte. Als ihm der Junge aber erklärte, daß er mit der Sache nichts weiter zu thun haben wollte, meint’ er, dann ginge er nach Frankreich hinüber und versucht’s auf eigene Hand.“
„Laß ihn, Vater, o laß ihn gehen,“ bat das Mädchen, „sieh’, ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den Nägeln vorspritzt. Ich kann arbeiten; ich hab’s von Jugend auf getrieben und nichts Anderes in meiner Jugend gelernt. Und wie gern thu’ ich’s,“ setzte sie mit wehmüthigem Lächeln hinzu, indem sie ihr Haupt an seine Brust lehnte, „wenn es dann nur ehrliches Brod ist, was wir essen. Es wird auch gehen, Vater, habe nur guten Muth; Du bist jetzt so gut, Du trinkst nicht mehr und stehst Deinem Geschäft so ordentlich vor, daß Dich alle Menschen d’rum lieb haben; wir müssen uns vielleicht ein Bischen einschränken, aber was thut das? Die Bärbel brauchen wir auch nicht mehr in der Schenkstube, sie ist ein gutes Mädel, aber doch lässig, und man muß ihr fast die halbe Arbeit noch einmal nachmachen, das kann ich auch allein verrichten, und pass’ einmal auf, Deine Gäste sollen sich gewiß nicht beklagen, daß sie langsam bedient würden.“
„Meine gute Rosel,“ sagte der Vater, denn die kindliche Sorgfalt der Tochter stach ihm wie ein Messer in’s Herz und die Scham vor sich selbst trieb ihm das Blut in die Schläfe, „Du bist ein braves Kind, ganz wie Deine selige Mutter, so gut und fromm.“
„O, denk’ recht oft an die selige Mutter, Vater,“ bat das junge Mädchens, sich fester an ihn schmiegend, „recht, recht oft, Du weißt ja, wie lieb sie Dich und mich gehabt und wie schwer ihr das Sterben wurde, weil sie mich zurücklassen mußte und sich so um mich sorgte; denk’ recht oft an sie! willst Du mir das versprechen, Vater?“
„Ja, Rosel, ich will’s,“ flüsterte der Mann und wandte den Kopf ab, denn er fühlte, daß er jetzt ihren Blick nicht ertragen hätte.
„Dann wird auch noch Alles gut werden,“ lächelte das Mädchen unter Thränen vor, „Alles, Du sollst auch nie von mir eine Klage hören. Das verspreche ich Dir, Vater, und Du weißt, daß ich halte, was ich Dir einmal versprochen.“
„Ich weiß es, Rosel — ich weiß es — Du bist so von klein auf gewesen, wie Deine Mutter selig — aber nun laß auch das Weinen sein, Kind. Leg’ Dich jetzt zu Bett und schlaf’ ordentlich aus, und zeig’ den Leuten morgen wieder ein freundlich und ruhiges Gesicht. Du glaubst gar nicht, wie sie heute nach Dir gefragt und sich um Dich gesorgt haben. Der alte Registrator war drei Mal da, um Dir für die Orangenstöcke zu danken, und der Stadtschreiber selber ist den Mittag eigens darum heraus gekommen, um sich zu erkundigen, ob Dir der Marsch gestern Abend nicht geschadet hätte.“
„Der gute alte Mann!“ sagte Rosel leise, „ja, Vater — morgen geh’ ich wieder in die Wirthschaft hinunter, und sei versichert, mit recht leichtem, fröhlichem Herzen. Es soll mir Niemand ansehen, wie weh mir heute zu Muthe gewesen ist und was für eine schwere Nacht ich gehabt habe. Und gehst Du auch jetzt schlafen?“
„Nein, ’s ist noch zu früh,“ sagte Jochus, „und ich werde noch ein wenig hinunter sehen, denn dem Bärbel allein möcht’ ich die Stube nicht überlassen. Also gute Nacht, Rosel; die Thür geht so oft unten, ich glaub’, es sind viele Leute da. Schlaf’ wohl, Kind.“ Und mit den Worten küßte er sie noch einmal auf die Stirn und stieg dann die Treppe hinab.