Fünftes Kapitel.
Die Wittwe Müller blieb nicht lange in ihrer Kammer, denn sie hatte nur das erste Wiedersehn der Beiden nicht stören wollen; als sie die Thür aber wieder leise öffnete, lag der Reuige noch immer vor seiner Frau auf den Knien, und ohne daß er gewagt hätte, sein Auge zu ihr zu erheben, klagte er sich selber an. Er schilderte ihr aber auch dabei, wie er Alles, Alles versucht habe, auf ehrliche Weise sein Brot zu finden, und wie ihm Alles wieder und wieder mißglückt und fehlgeschlagen sei, bis er endlich, bis zum Aeußersten getrieben, so schwer gesündigt habe, die eigene Schwägerin hintergehen zu wollen. Ohne ein Wort zu verschweigen, beschrieb er dabei sein erstes Zusammentreffen mit dem Kellner und dessen Lüge, und wie er darauf seinen Plan gebaut, ein paar hundert Thaler für sich zu gewinnen und damit zu ihr zurückzukehren, um mit dem kleinen Capital ein neues Leben beginnen zu können. Wie tief er die Schmach jetzt empfinde, könne er ihr nicht sagen, wie schwer er das Geschehene bereue — aber es sei zu spät, und er müßte jetzt wieder hinaus in die Welt — wohin, bliebe sich gleich, um durch harte Arbeit und ehrliches Ringen seine Schuld zu sühnen und ihr zu beweisen, daß er doch nicht ganz verdorben sei.
Die Frau hörte ihm zu, das sorgenschwere Haupt gebeugt, und ihre Thränen fielen schnell und schwer auf den Scheitel des Knienden.
„Und ist das Ihr Ernst?“ fragte da die Wittwe, die ungehört bis hinter den Stuhl Therese’s getreten war, „wollen Sie wirklich an Ihrer armen Frau das wieder gut machen, was Sie gesündigt haben? — Gut — gut — ich glaube Ihnen,“ fuhr sie fort, als der arme Teufel seine Stirn nur fester gegen die Knie der Gattin preßte, „aber fort dürfen wir Sie nicht mehr lassen, denn wo Sie bis jetzt auf sich selber angewiesen blieben, sind Ihre Erfolge eben nicht übergroß gewesen. So mag denn jetzt Therese sehen, was sie mit Ihnen ausrichten kann.“
„Aber wie soll das geschehen?“ fragte diese traurig und kopfschüttelnd.
„Um meines armen Caspar Willen, dem Sie im Aeußeren so ähnlich sind,“ sagte da leise die Frau, „will ich selber den Versuch machen — will ich selber Ihnen die Gelegenheit bieten, ein ordentlicher und wieder selbstständiger Mann zu werden.“
Müller sah scheu und überrascht zu ihr auf.
„Und Sie wollen mir das Geschehene verzeihen?“
„Ich will Ihnen glauben, daß Sie nur Ihrer armen Frau wegen jenes Unrecht versuchten, wenn Sie mir auch eine schwere Stunde damit bereitet haben. Aber hören Sie mich an. Ich habe schon lange die Absicht gehabt, mich von der Wirthschaft, der eine einzelne Frau nicht gut vorstehen kann, zurückzuziehen, und dieselbe zu verpachten. Ich werde Euch Beiden den Pacht übergeben, über den wir uns später dann vereinigen können. Sind Sie das zufrieden?“
Es bedarf keiner Worte weiter, das Glück der beiden Menschen zu schildern. Müller freilich war tief beschämt über so viel Liebe und Güte, denn er fühlte recht gut, wie wenig er das Alles verdient und wie unwürdig jedes Vertrauens er sich eigentlich gemacht hatte; aber von Herzen gut, und mit dem festen Vorsatz, ein anderer, besserer Mensch zu werden, fühlte er auch die Kraft in sich, den Platz auszufüllen, auf den er jetzt gestellt wurde, und die Zukunft zeigte, daß die Wittwe ihr gutes Werk nie zu bereuen hatte.
Am meisten überrascht war allerdings Herr Louis über die Wendung, die das Ganze genommen, und deren Ursache er sich noch immer nicht erklären konnte, und er baute auch jetzt neue Hoffnungen darauf, daß ihn sein „alter Freund“ nicht im Stich lassen würde. Herr Müller hatte aber schon zu viel von der Thätigkeit des Burschen als Oberkellner gesehen, und war überhaupt gewillt, keine Leute zu zahlen, deren Dienst er selber versehen konnte. So blieb die Entlassung des Oberkellners bestätigt, und dieser verließ am Ersten des nächsten Monats — sein Herz mit Bitterkeit gegen die Undankbarkeit des Menschengeschlechts im Allgemeinen und Herrn Müller’s im Besonderen gefüllt — das Haus.
„Hotel Müller“ aber schien unter der neuen Herrschaft nicht schlechter zu fahren. Müller selber war Tag und Nacht auf dem Posten, und ein so aufmerksamer Wirth, wie sich nur wünschen ließ. Ja, als er zehn Jahre den mäßigen Pacht gezahlt, war er sogar im Stande, das ganze Anwesen seiner Schwägerin abzukaufen, und wenn auch jetzt in seiner eigenen Stube das Bild des Bruders hing, daß es ihn immer an jenen Fehltritt mahnen sollte, brauchte er es doch nicht mehr, um ihn vor einem Rückfall zu bewahren.