Erstes Kapitel.
Zum Lindenbaum.
Schon im Jahre 39 war Pittsburg, im Staat Pennsylvanien, eine größere Stadt, die sich besonders durch ihre Fabriken, Eisenwerke, wie überhaupt eine außerordentliche Gewerbsthätigkeit auszeichnete, und in der That seitdem so an Einwohnerzahl und Reichthum gewonnen hat, daß sie jetzt zu den Hauptplätzen der Union gerechnet werden darf.
Von allem Anfang an hatten sich eine Menge Deutsche dorthin gezogen, wie denn ja auch ganz Pennsylvanien vorzugsweise von unseren Landsleuten bevölkert ist. Haben sie sich doch sogar in ihrem Uebergang zur englischen Redeweise eine ganz eigene und merkwürdige Sprache gebildet: das sogenannte Pennsylvanisch-Deutsch, das sie freilich nur unter einander reden können, denn Amerikanern, wie der englischen Sprache nicht mächtigen Deutschen bleibt sie gleich unverständlich.
Ursprünglich ließ sich auch in diesem Staat eine große Zahl jener armen Teufel nieder, die im Befreiungskrieg der Union von deutschen Fürsten an die Engländer verkauft wurden, aber in der Mehrzahl viel zu klug waren, irgend welchen Heldenmuth gegen das für seine Unabhängkeit kämpfende Volk zu entwickeln. Sie desertirten oder ließen sich gefangen nehmen, wonach sie dann mit Vergnügen das Versprechen abgaben: in diesem Kriege nicht mehr gegen die Amerikaner zu dienen, und bald im Walde drin ihre kleine, freundliche Heimath gründeten. Abkömmlinge von ihnen findet man noch überall, besonders in Pennsylvanien, und sie sind sogar stolz darauf zu erzählen, daß ihre Vorväter zu den Freiheitskämpfern übergingen.
So leicht nun auch die Deutschen in den vereinigten Staaten die englische Sprache erlernen und mit den Amerikanern selber auf freundschaftlichem Fuße leben, so finden sie es doch — mit wenigen Ausnahmen — stets gemüthlicher, für ihre Geselligkeit die eigene Landsmannschaft aufzusuchen, und besonders ihre Abende unter Deutschen zuzubringen.
Das amerikanische und deutsche Leben läßt sich in der That nicht gut vereinigen, denn Beider Neigungen liegen zu weit aus einander, und schon die entsprechenden Wirthshäuser kennzeichnen Beide auf das Entschiedenste.
Der Amerikaner ist rastlos in seinen Genüssen wie in seinem Geschäft, und kennt in beiden keine Ruhe. Er arbeitet rasch, aber ebenso ißt er auch, und verschlingt Mittags die Speisen weit eher, als daß er sie ordentlich verzehrt. Eben so wenig hält er sich beim Trinken auf, und so oft er auch über Tag einen Schenkstand besuchen mag, er setzt sich nie dazu, läßt sich sein Glas einschenken, stürzt es hinab und geht weiter.
Das verträgt der Deutsche nicht, weder daheim noch in Amerika, denn er will seinen Stuhl und seinen Tisch haben, um, was er genießt, auch in aller Ruhe und Gemüthlichkeit zu verzehren, und sich dabei gehörig auszusprechen. Sehr natürlich fühlt er sich — mit diesen Neigungen — in amerikanischen Wirthshäusern, in denen er auch meistens sein gewohntes Bier vermißt, nie recht wohl, und nur die ächt amerikanisirten Deutschen (beiläufig gesagt der widerlichste Menschenschlag von Renegaten, der sich auf der Welt nur denken läßt) affektiren die amerikanische Sitte und halten es für unter ihrer Würde, sich in ein deutsches Bierhaus zu setzen, in dem sie sich doch sonst wohl genug fühlten.
In Pittsburg gab es nun schon damals verschiedene derartige deutsche Lokale; den besten Ruf hatte aber jedenfalls der „Lindenbaum“, und verdiente ihn auch, obgleich er von keinem Wirth, sondern nur von einer Wirthin gehalten wurde.
Die „Wittwe Reuter“ war nämlich eine Frau noch in ihren besten Jahren, und verstand vollkommen einer solchen Wirthschaft vorzustehen. Vor einem halben Jahrzehnt nach Amerika, eben verheirathet, ausgewandert, hatte sie ihren Mann, wie sie kaum den Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt, an einem hitzigen Fieber verloren. Sie war damals erst 22 Jahre alt, aber von festem, entschlossenem Charakter, und außerdem nicht gewohnt, die Hände in den Schooß zu legen. Sie verzagte auch deßhalb in dieser schweren Lebenssorge nicht, sondern griff rüstig zu, um sich ihren Unterhalt selber und allein zu erwerben. Anfangs wusch und nähte sie für fremde Leute, dann trat sie als Wirthschafterin in ein sogenanntes Kost- oder Boardinghaus, und verdiente sich, mit rastlosem Fleiß und eiserner Sparsamkeit, endlich so viel, um selber ein ähnliches kleines Hotel, das gerade zum Verkauf ausgeboten wurde, übernehmen zu können.
Dort ging es ihr gut. Der Ruf, wie vortrefflich und reinlich bei ihr gekocht würde, verbreitete sich bald in Pittsburg, und da sie außerdem die besten Getränke zu verhältnißmäßig billigen Preisen ausschenkte, so konnte es nicht fehlen, daß sich ihr Geschäft hob und sie hübsches Geld dabei verdiente.
Besonders hatte sie in ihrem Haus eine Anzahl von gebildeten Landsleuten zu Gästen, die hier, aus sich selbst heraus und ohne Statuten oder Beiträge, eine Art von Klub bildeten, und jeden fremden Landsmann ebenfalls dorthin zogen. Gemischt war die Gesellschaft übrigens, das ließ sich nicht leugnen, aber nur in der Art, wie es in Amerika „gemischte Gesellschaften“ gibt. An Bildung, Sitte und Intelligenz paßten sie Alle zusammen, nur in ihren Beschäftigungen unterschieden sie sich allerdings bedeutender. So bestand denn auch die kleine Zahl von Stammgästen, die sich allabendlich dort zusammenfand, aus ein paar Aerzten, einem Apotheker, einem Advokaten, einem Bankbeamten und einem Geistlichen, auch ein Baron war dabei, der aber freilich das bescheidene Amt eines Zeitungsträgers bekleidete. Außerdem gehörten zwei Kohlenarbeiter dazu — daheim waren sie Dr. philosophiae gewesen, dann ein Schmied — der frühere Stallmeister eines Herzogs von —, der Redakteur des Pittsburger Beobachters mit zwei Setzern, wie noch ein paar junge Kaufleute — und der Klub wurde noch außerdem durch zeitweilige Fremde verstärkt.
So kamen dann und wann, wenn ihr Boot Pittsburg anlief, zwei Feuerleute eines der Ohio-Dampfer in den Klub, die ihr saures Brod zwischen Negern, Mulatten und Irländern hart genug verdienen mußten und in ihren blauen Matrosenhemden und schottischen Mützen — was wenigstens das Aeußere betraf — kaum recht in die Gesellschaft zu passen schienen. Aber es waren prächtige junge Leute — der Eine aus einer altadeligen deutschen Familie stammend, der Andere ein junger Advokat, und der englischen Sprache noch nicht mächtig genug, um hier schon zu plaidiren. — Und was that es dabei, daß sie in der schwersten und niedrigsten Arbeit ihren zeitweiligen Beruf gesucht? Sie verdienten sich ihr Brod ehrlich, und waren hier willkommener, als es mancher befrackte Herr mit Stern und Ordensband gewesen wäre.
Und lustige Abende wurden da verlebt, das ist gewiß, denn keine Etikette galt, kein steif gezwungener Ton konnte aufkommen, und doch herrschte Anstand und Sitte, und es wäre Keinem zu rathen gewesen, die zu verletzen — die Thüre des „Lindenbaumes“ würde sich ihm nie wieder geöffnet haben.
Zu den fleißigsten und ältesten Besuchern dieses wackeren deutschen Wirthshauses gehörte übrigens Dr. Peters, und die übrigen Gäste behaupteten auch, die Wittwe Reuter habe ihn mit als Inventar von dem früheren Eigenthümer überliefert bekommen. Peters war überhaupt in Pittsburg eine sehr bekannte Persönlichkeit, und seines trockenen Humors wegen überall gern gesehen — nur als Arzt schien er nicht besonders zu reussiren — er war nie sehr glücklich in seinen Kuren und hatte dabei eine etwas rauhe Manier mit seinen Kranken umzugehen, so daß ihm in der That sehr viele freie Zeit blieb, und seine Bekannten behaupten wollten, er habe die „Nachtklingel“ an seiner Thür nur für eigenen Bedarf anbringen lassen, um nicht ausgeschlossen zu werden, wenn er Abends spät aus seinem Wirthshaus käme.
Er lachte übrigens selber darüber, und konnte es auch recht gut mit ansehen, denn wenn ihm seine Praxis wenig einbrachte, so besaß er doch nicht allein ein kleines Kapital an baarem Gelde, sondern auch noch außerdem einen sehr vortheilhaften Antheil an verschiedenen benachbarten Kohlenminen. Das setzte ihn in den Stand, sorgenfrei zu leben, und er lebte auch in der That so, und daß er das Wirthshaus zum Lindenbaum so oft besuchte, war außerdem kein Zeichen einer Neigung zur Unmäßigkeit, oder zur Schwelgerei. Er lebte im Gegentheil gewöhnlich mäßig, und nur in fröhlicher Gesellschaft ließ er sich manchmal so weit hinreißen, mit einem kleinen „Spitz“ nach Hause zu gehen. Eigentlich betrunken hatte ihn noch Niemand gesehen.
Der Doktor war dabei ein seelenguter Mensch, und wer ihn näher kennen lernte, gewann ihn auch lieb; außerdem ging er gern und immer auf einen Scherz ein, selbst wenn er auf seine Kosten ausgeführt wurde, und konnte dann auf das Herzlichste mitlachen.
Uebrigens hatte er manche Eigenheiten — keine aber, die einem seiner Freunde je lästig werden durfte. So war er z. B. entsetzlich abergläubisch, und ließ manchen Spott deßhalb über sich ergehen, änderte sich aber nicht und nickte dabei nur immer geheimnißvoll mit dem Kopf, als ob er es doch besser wisse, als alle die Anderen. So hätte er sich nie zu dreizehn an einen Tisch gesetzt, nie an einem Freitag irgend eine wichtige Handlung begonnen; er stieg gewissenhaft jeden Morgen mit dem rechten Fuß zuerst aus seinem Bette, und was alte würdige Frauen mit Nägelabschneiden, Salat essen an gewissen Tagen, Eierschaalen zerdrücken und anderen dem ähnlichen Dingen vorschrieben, beobachtete er auf das Peinlichste.
Trotzdem hatte ihn ein Jeder lieb und seine Freunde besonders, die bald herausfühlten, daß er den „Lindenbaum“ nicht allein seiner guten Getränke, sondern mehr noch der hübschen Wirthin wegen frequentire, hegten die stille Hoffnung, daß er die doch undankbare ärztliche Beschäftigung bald an den Nagel hängen und dafür den „Lindenbaum“ mit der Frau Reuter übernehmen werde.
Grund genug hatten sie dafür, denn Peters war ein regelmäßiger Gast im Hause — ja mehr als das, er verplauderte auch manche müßige Stunde mit der jungen Wittwe, und wurde zuletzt sogar zu einer Art von Factotum im Hause. Die Frau hatte ihm nämlich oft geklagt, welche Noth sie mit ihren Büchern und besonders mit dem Einkauf ihrer verschiedenen Provisionen habe — wozu eine Frau auch eigentlich nicht recht paßt — und er nahm sich von da ab bereitwillig ihrer an. Nicht allein brachte er ihre Bücher in Ordnung und machte fast täglich die laufenden Einträge, sondern er zeigte ihr auch noch manche Verbesserung in ihrer Wirthschaft und gab ihr überdies durch seine große Bekanntschaft gute Quellen an, von wo sie ihre Provisionen und Getränke in bester Qualität und zu billigen Preisen bekommen konnte, ja verschaffte ihr sogar in mehreren Häusern einen neuen und höchst vortheilhaften Kredit. Er schien überhaupt — wie die böse Welt wissen wollte — viel mehr Talent zu einer culinarischen wie medicinischen Thätigkeit zu haben, und daß die Leute deßhalb eine Verbindung des Doktors mit der Wirthin prophezeihten, war wohl natürlich — und trotzdem fand sie nicht statt.
Aber weßhalb nicht? Er hatte sie gern; das leugnete er nicht einmal, und seinen ärztlichen Beruf aufgeben und eine Wirthschaft übernehmen? lieber Gott, da waren ganz andere Veränderungen in Situationen hier in Amerika vorgekommen, und kamen noch jeden Tag vor. Die Frau Reuter war ihm außerdem von Herzen gut, das konnte ein Kind sehen, und der Doktor — als rechtschaffener Mann in der ganzen Stadt bekannt — eine Parthie, wie sie sich dieselbe nicht besser wünschen konnte und wahrscheinlich auch nicht besser haben wollte, und trotzdem machte ihr der Doktor keinen Antrag und Jahr nach Jahr verging.
Dr. Peters schien sich aber selber nicht behaglich in dieser Lage zu fühlen; er gab allerdings den Besuch des Lindenbaums nicht auf und besorgte nach wie vor die Geschäfte der Wittwe auf das Pünktlichste, so daß er jetzt schon als regelmäßiger Buchhalter und Korrespondent derselben angesehen werden konnte, aber in seiner sonstigen Stellung zu ihr hatte sich nichts verändert, und nur sein eigenes Aussehen war nicht mehr so gut wie früher.
Sonst der behäbigste Mann in ganz Pittsburg, wurde er jetzt, ohne daß er es hätte an leiblicher Nahrung fehlen lassen, auffallend magerer, und das Schlimmste von Allem war, daß ihn auch seine frühere Jovialität — eine eigene Fertigkeit, sich über sich selber lustig zu machen — verließ. Er fing an melancholisch zu werden, und da er als Norddeutscher am allerliebsten plattdeutsch sprach, so paßte das gar nicht zu seinem ganzen übrigen Wesen.
Etwas lag ihm auf dem Herzen, und die übrigen Gäste, denen er anfing langweilig zu werden, begannen schon gemeinsam zu berathen, wie sie ihm seine alte fröhliche Laune zurückgeben könnten.