Zweites Kapitel.
Des Doktors Bekenntniß.
Die Seele der Gesellschaft war der Apotheker, ein noch ziemlich junger, aber gewandter Deutscher, der es in wenig Jahren möglich gemacht, hier ein ganz bedeutendes Geschäft zu etabliren. Er stak voller Witz und Laune, und hatte dabei bis jetzt den Doktor Peters zum treuen Verbündeten gehabt. Der aber schien ihm vollständig abhanden zu kommen, und den mußte er wiedergewinnen, koste es was es wolle.
Lange schon hatte er auch versucht, den Doktor zu einem Geständniß zu bringen. So sehr dieser aber das Herz sonst immer auf der Zunge trug, in dieser Angelegenheit hielt er es verschlossen, und Ohlers brachte trotz allen Anspielungen, ja selbst direkten Fragen nichts aus ihm heraus. Da kam eines Morgens Peters zu ihm in die Apotheke, wo er ausnahmsweise einmal ein Rezept verschreiben mußte, grüßte, trat an den Pult, rezeptirte, nahm dann seinen Hut und wollte die Apotheke wieder verlassen. — Es war Zeit geworden, daß er nach dem Lindenbaum hinüber ging.
„Hör einmal, Doktor,“ sagte der Ohlers, der ihn schweigend beobachtet hatte, und einen anderen, als den bisherigen Weg mit ihm einzuschlagen beschloß, „Du kannst mir einen Gefallen thun.“
„So? was ist es?“ sagte der Doktor ruhig.
„Du verstehst doch was vom Wein?“
„Nur ein Bischen — willst Du Wein kaufen?“
„Ich habe da eine Probe von Ungarwein geschickt bekommen,“ sagte Ohlers, „und möchte Deine Meinung darüber hören. Hast Du einen Augenblick Zeit?“
Der Doktor sah nach der Uhr.
„Eine Viertelstunde vielleicht — wo ist er?“
„Oh gleich bei der Hand — Du Carl, bring doch einmal eine Flasche von dem Rothwein herauf, den ich gestern bekommen habe — kannst auch gleich den Limburger Käse mitbringen, er steht vorn links im Keller — Du riechst ihn schon.“
„Donnerwetter, Ohlers, hast Du Limburger Käse?“
„Und was für welchen,“ sagte der Apotheker — „direkt von Deutschland importirt — ich sage Dir, er stinkt durch’s Blech durch.“
„Kannst Du nichts davon ablassen?“
„Für die Wittwe? — hm, ich denke wohl; für mich allein ist’s doch zu viel — nun wir wollen einmal sehen, komm’ jetzt herein, Dein Rezept wird indessen gemacht.“
Der Doktor folgte, und Ohlers führte ihn in sein kleines Privatzimmer, das er sich sehr bequem und nett hergerichtet hatte. Ein Sopha stand darin mit zwei Lehnstühlen, ein kleines Regal mit verschiedenen feinen Liqueuren befand sich in der Ecke, und auf einem Seitentisch fehlte auch nicht eine Kiste mit guten Cigarren, auf die Ohlers überhaupt etwas hielt. Der Doktor kannte das Plätzchen auch gut genug, und hatte in früheren Zeiten manche Stunde hier mit dem Apotheker verplaudert — aber jetzt schon lange nicht mehr, denn seine Morgenstunden waren ausschließlich dem Lindenbaum gewidmet gewesen.
Trotzdem heimelte es ihn an, als er hinein trat, und wie er nun gar behaglich in der Sophaecke lehnte, mit dem ächten Limburger und einem Glas delikaten funkelndem Ungarwein vor sich, überkam ihn ein Gefühl so wie Heimweh, und er wurde ganz wehmüthig gestimmt. — Aber der Wein brachte ihn wieder zu sich.
„Junge, Junge,“ rief er, als er ihn erst vorsichtig und dann schon dreister gekostet hatte, „das ist ja ein ganz delikater Wein — wo hast Du den her?“
„Direkt von Pesth verschrieben, kostet auch ein schönes Geld, bis er hierher kommt — aber nicht wahr, der schmeckt?“
Der Doktor antwortete nicht — er that einen langen Zug und schob das Glas dem Freunde nur mit dem einen Worte wieder zu: „famos!“
Und jetzt der Limburger Käse — der Doktor thaute auf, und war lange nicht so heiter gewesen. Den Augenblick mußte der Apotheker benützen. Wie sein Freund nur eben ein paar Gläser getrunken hatte und das Feuer in den Adern spürte, sagte er treuherzig:
„Nun höre einmal Peters — jetzt beträgst Du Dich wieder wie ein anderer vernünftiger Mensch auch, was aber hat Dir die ganze Zeit über in den Knochen gesteckt, daß Du herum gegangen bist, als ob Dir die Petersilie verhagelt wäre.“
„Ach mein Junge,“ stöhnte der Doktor, und machte seinem Herzen durch einen schweren Seufzer Luft.
„Nanu?“ sagte Ohlers, „Du schneidst ja ein Gesicht wie ein Laubfrosch, wenn’s blitzt.“
„Ach Ohlers,“ seufzte der Doktor wieder, „laß uns von was Anderem reden — ich möchte gern auch einmal vergnügt sein.“
„Ja, das ist ja gerade die Sache,“ rief Ohlers, „weil ich Dich gern wieder vergnügt haben möchte, muß ich mit Dir reden, und Dir die Geschichte wie einen Zahn herausholen. Dir liegt was auf dem Herzen! herunter damit! wir sind jetzt allein, und daß ich es gut mit Dir meine, weißt Du.“
Der Doktor antwortete nicht — er trank und seufzte nur, aber Ohlers ließ ihn still zufrieden. Er war „angebohrt“ und die Dosis mußte jetzt erst arbeiten, ehe sie wirken konnte. Peters schien indessen nicht in gesprächiger Laune, der Limburger Käse mit dem kräftigen Schwarzbrod nahm seine Kinnladen außerdem in Anspruch. Ohlers mußte einen neuen Anlauf nehmen und beschloß dieses Mal gleich mitten hinein zu springen.
„Warum heirathest Du nicht“, sagte er plötzlich, und der Doktor sah ihn starr an, ja brachte das schon gehobene Glas Wein nicht einmal zum Munde.
„Ja, Du heirathest ja auch nicht,“ sagte er endlich.
„Das ist was Anderes,“ rief Ohlers entschieden — „ich bin achtundzwanzig, Du bist achtunddreißig Jahre alt — ich habe eine bestimmte Beschäftigung — Du hast keine —“
„Danke Dir, bin ich nicht Arzt?“
„Bah, so viel für Deine ganze Praxis,“ sagte Ohlers mit dem Kopfe schüttelnd, „Du hast ja nicht einmal Freude daran.“
„Das weiß Gott,“ stöhnte der Doktor wieder.
„Na, dann sei auch vernünftig,“ nickte ihm Ohlers zu und schenkte ihm sein Glas wieder voll, „und mache der Geschichte einmal ein Ende. Du bist bis über die Ohren in die Wittwe Reuter verschossen; sie ist Dir ebenfalls gut und wartet schon seit ein paar Jahren darauf, daß Du um sie anhalten sollst, weßhalb also nicht zugreifen? Du gäbest einen famosen Wirth und Ihr würdet Geld Hand über Hand verdienen.“
Wieder seufzte der Doktor, aber er trank doch diesmal wenigstens dazu, und sah dann eine ganze Weile stier vor sich nieder, so daß Ohlers endlich unruhig wurde.
„Hör einmal,“ sagte er nach einer Weile, „die Sache kommt mir bald bedenklich vor, und ich fange an zu glauben, daß doch am Ende etwas an dem Gerücht ist, von dem man in der Stadt hier munkelt.“
„An dem Gerücht? an welchem Gerücht?“ frug Peters.
„Daß Du nur deßhalb nicht um die Wittwe anhieltest, weil Du — schon verheirathet wärst.“
„Unsinn,“ brummte der Doktor, mit dem Kopf schüttelnd, „wer sagt denn das?“
„Wer sagt es nicht,“ meinte Ohlers, „denn sonst könnte man sich keinen Grund denken, der Dich abhielte, der Quälerei ein Ende zu machen. Wenn Du aber in Deutschland drüben schon eine Frau sitzen hättest, wäre das freilich was Anderes.“
„Ihr seid Alle mit einander nicht recht bei Trost,“ rief der Doktor, sich ganz in Gedanken selber wieder einschenkend, während er dabei die dichten Rauchwolken von sich blies, „ich verheirathet — ich wollte ich wär’s, dann führte ich nicht mehr so ein Hundeleben wie jetzt — aber’s geht nicht — es geht wahrhaftig nicht.“
„Was geht nicht? Mensch, so rück endlich einmal heraus,“ drängte aber jetzt Ohlers. „Dir liegt was auf dem Herzen, das ist gewiß, und je eher Du’s herunter schüttelst, desto besser. Ist Dir dann zu helfen, so —“
„Mir ist nicht zu helfen,“ sagte der Doktor finster, „aber — wenn ich’s Dir auch erzählen wollte — Du lachtest mich einfach aus.“
„Ich lache Dich aus? Ist es denn so was Komisches?“ frug Ohlers gespannt.
„Komisch? Nein,“ sagte der Doktor, „aber — es ist etwas, was ihr nicht Alle begreift, was auch ein Zweiter und Dritter eigentlich begreifen kann, denn es steht mit jenem unbekannten Etwas in Verbindung, das uns umgibt, und das wir trotzdem mit unseren groben Sinnen nicht im Stande sind zu erfassen.“
„Ich verstehe kein Wort davon,“ sagte der Apotheker kopfschüttelnd.
„Na gut, Ohlers, Du sollst es wissen,“ nickte Peters endlich, zum Aeußersten entschlossen, „aber thu’ mir die einzige Liebe und lach nicht, denn die Sache ist wirklich nicht komisch, da sie mich elend und unglücklich macht mein ganzes Leben lang — glaubst Du an Ahnungen?“
„Ne,“ sagte Ohlers, entschieden mit dem Kopf schüttelnd, „nur an Congestionen nach dem Kopf. Glaubst Du dran?“
„Ja, Ohlers,“ sagte der Doktor feierlich, „und — ich habe alle Ursache dazu. Mein Großvater war ein Sonntagskind und verkehrte mit jener Welt, die uns anderen armen Sterblichen meist immer verschlossen bleibt. Du weißt aber, daß in der Natur nur zu oft Eigenschaften vom Großvater auf den Enkel theilweise übererben, und einen kleinen Theil der ihm verliehenen Gaben scheine auch ich von ihm bekommen zu haben.“
Ohlers wollte etwas erwiedern. Es lag ihm schon auf der Zunge, aber der Doktor war einmal im Gang — er durfte ihn jetzt nicht böse machen oder auch nur stören, und trommelte nur, um doch irgend eine Beschäftigung zu haben, mit den Fingern auf den Tisch.
„Nun siehst Du, Ohlers,“ fuhr Peters zutraulich fort, „so hat er den schwächsten Theil seiner Kraft auch auf mich vererbt — das Ahnungsvermögen. — Ich sehe nichts wirklich, wie er es gethan hat; ich kann mit jenen überirdischen Wesen und Kräften nicht selber in Verbindung treten, aber ich ahne sie, und ohne daß ich selber weiß, woher es kommt, erhalte ich oft Verkündigungen kommender Dinge, die in mein eigenes Leben eingreifen, und mich entweder vor einem Unglück warnen, oder mir auch im anderen Fall ein Glück erschließen.“
„Aber guter Peters.“
„Unterbrich mich nicht, Ohlers,“ sagte der Doktor, und leerte langsam sein Glas — „ich habe die Beweise dafür. Ohne einen Cent Geld kam ich nach Amerika, ein armer Teufel, wie sie sich hier zu Tausenden herumtreiben; englisch verstand ich fast gar nicht und die Deutschen wollten nicht krank werden, oder wenn ich einmal einen Patienten bekam, starb er mir unter den Händen weg. Es ging mir damals hundeschlecht, und ich hatte oft das Salz nicht zum Brod und noch weniger das Brod selber. Da wurden hier in der Nähe Kohlenbergwerke entdeckt, und was verstand ich von solchen Dingen, wie ich mich überhaupt nie um die Geologie bekümmert habe. Da war es mir eines Tages, als ob mir Jemand den Rock anzog, den Hut aufsetzte und den Stock in die Hand drückte — ich mußte hinaus in die Berge, ich mochte wollen oder nicht, und dort — ging ich direkt zu dem Platz, dem ich Alles verdanke, was ich auf der Welt habe. Ohne, wie gesagt, die Spur davon zu verstehen, wußte ich, hier liegen Kohlen, ein reicher Grundbesitzer in der Nachbarschaft, der mir als deutschem Doktor Alles zutraute, ging darauf ein, das Land, das ich ihm zeigen würde, gemeinschaftlich mit mir anzugreifen und das Geld zum ersten Betrieb herzugeben und der Erfolg übertraf in der That unsere kühnsten Erwartungen.“
„Aber was hat das Alles mit der Wittwe Reuter zu thun?“ rief der ungeduldig werdende Apotheker.
„Es sollte Dir nur einen Beweis liefern,“ sagte Peters, „daß ich wußte, wo die Kohlen lagen, oder daß mich vielmehr mein Ahnungsvermögen dorthin trieb, und ebenso weiß ich, was mir bevorsteht, wenn ich — der Wittwe Reuter meine Hand reiche.“
Ohlers schüttelte mit dem Kopf.
„Ich bin noch so dumm wie zuvor,“ sagte er, „mir klingt Alles vor den Ohren herum — Du weißt, was Dir bevorsteht, wenn Du die Wittwe heirathest? Und ist denn das gar so was Entsetzliches?“
„In dem Augenblick,“ sagte Peters feierlich, „wo ich mit ihr vor dem Friedensrichter stehe, trifft mich der Schlag!“
„Na nu setz mich mal an Land!“ rief Ohlers, mit der Hand auf den Tisch schlagend, „und das ist die einzige Ursache, weßhalb Du sie nicht heirathest?“
„Weil ich damit mein eigenes Todesurtheil unterschreiben würde,“ versicherte ruhig der Doktor.
Ohlers war aufgesprungen und lief eine Weile in dem engen Raum auf und ab. Er kannte ja auch den Doktor so genau, und wußte recht gut, wie entsetzlich schwer es war, ihn von einer seiner fixen Ideen abzubringen. Trotzdem versuchte er jetzt, den unglückseligen Gedanken durch alle nur erdenklichen Vernunftgründe zu bannen, aber ganz natürlich ohne den geringsten Erfolg. Der Doktor hörte ihn ruhig und lächelnd an, erwiederte aber auf Alles, was ihm Ohlers einwerfen konnte, mit der größten Unbeweglichkeit:
„Was hilft es, lieber Freund; es ist einmal Bestimmung, und wir können nicht dagegen ankämpfen.“
„Und daß Du die arme Frau selber damit unglücklich machst, genirt Dich auch nicht?“ rief Ohlers endlich, als letztes, verzweifeltes Mittel.
„Die arme Frau?“ frug der Doktor verwundert.
„Nun daß sie Dich liebt,“ fuhr aber Ohlers fort, „kann doch ein Blinder sehen; die ganze Stadt weiß es außerdem, und Du bringst sie, oder hast sie vielmehr schon in das Gerede der Leute gebracht, die natürlich nie an ein anständiges Verhältniß, sondern immer nur gleich am liebsten das Allerschlimmste glauben. Aber was kümmert das Dich; Du, mit Deiner fixen Idee im Kopf, daß Dich der Schlag rühren würde, — und der Kerl ist in den letzten Jahren hager geworden wie eine Latte, — besuchst sie Tag nach Tag, sitzest Stunden, ja ganze Morgen lang allein bei ihr, und machst die Sache nur noch immer schlimmer.“
„Du hast Recht,“ sagte der Doktor plötzlich, und jetzt ebenfalls von seinem Sitz aufstehend, „das muß ein Ende nehmen. Ich — sehe ein, ich bin es der Frau schuldig — sie kann es von mir verlangen.“
„Was denn?“ frug Ohlers neugierig, denn er glaubte jetzt wirklich, daß sein letztes Argument über Peters Bedenklichkeiten gesiegt hätte.
„Laß mich nur machen,“ sagte aber der Doktor, seinen Hut nehmend, „Du sollst mit mir zufrieden sein. Ich bin ein ehrlicher Mann, und will wie ein ehrlicher Mann handeln.“
„Und wohin gehst Du jetzt?“
„Zur Wittwe Reuter,“ sagte der Doktor, drückte sich den Hut in die Stirn und verließ die Apotheke.