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Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) / Neue gesammelte Erzählungen cover

Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) / Neue gesammelte Erzählungen

Chapter 7: Viertes Kapitel. Das Abschieds-Souper.
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About This Book

A collection of short narratives alternating between scenes of German-speaking communities abroad and life in small German towns, offering vignettes of emigrant social clubs, tavern life in an industrial city, and village harvest festivities by the Rhine. The tales sketch a range of characters—innkeepers, professionals, laborers and transient visitors—whose interactions and routines expose cultural contrasts, habits, and local customs. Settings move from bustling factory towns with boardinghouses and beer-houses to quieter countryside gatherings, while the prose highlights manners, communal bonds, and the everyday dignity of ordinary people.

Viertes Kapitel.
Das Abschieds-Souper.

Ohlers hatte sich übrigens, mit ein paar Gläsern Ungarwein im Kopf, die Sache viel leichter gedacht, als sie sich wirklich herausstellte. Wie er, noch an dem nämlichen Nachmittag, zur Frau Reuter hinüber ging, fühlte er doch, daß er zu einer solchen Aufgabe bei vollkommen klarem Verstande sein müsse, und verschob deßhalb den ersten Sturmlauf auf den nächsten Vormittag — aber selbst da wurde er abgeschlagen. Die Frau hörte kaum, um was es sich handelte, als sie sich auf das Entschiedenste weigerte, dazu ihre Hand zu bieten. Sie sei, wie sie jetzt offen und ohne Scheu gestand, dem Doktor recht von Herzen gut und würde sich glücklich fühlen, seine Frau zu werden, aber — sie könne, um das zu erreichen, nie zu einem solchen Mittel ihre Zuflucht nehmen, das sie später ja, wenn er es einmal erfahre, in der Achtung ihres Gatten herabsetzen, ja ihr seine Liebe ganz entziehen müsse.

Ohlers kratzte sich verlegen hinter den Ohren. Der Einwurf war so vernünftig und ehrlich dabei, daß all’ seine Spitzfindigkeiten scheel und nichtig dagegen erschienen, und nach einer Stunde vergeblichen Redens mußte er es in Verzweiflung aufgeben, die Hauptperson selber ihrem Plan zu gewinnen. Seine letzte Zuflucht blieb jetzt der Pastor, aber mit kaum besserem Erfolg. Umbreit gestand ihm allerdings zu, daß — wie er sich Alles ausgedacht — nichts Unrechtes oder Unehrenhaftes an der Handlung sei, da es ja überhaupt nur galt, einen unglückseligen Wahn zu besiegen, und beide betreffende Theile, aller Wahrscheinlichkeit nach, durch das Gelingen der List glücklich gemacht würden, aber er selber werde sich nie dazu verstehen, der Wittwe zuzureden. Früge sie ihn darum, gut, so werde er ihr das Nämliche sagen, was er jetzt Ohlers gesagt habe — aber weiter nichts — und dabei blieb es.

Degmar war außer sich und Ohlers hatte die größte Mühe, ihn von einem tollen Streich abzuhalten, da er es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, der Wittwe einen Mann zu verschaffen. Er wollte auch absolut zum Doktor gehen und diesem die Wahl lassen, augenblicklich um die Hand der Frau Reuter anzuhalten, oder sich mit ihm zu schießen, und konnte nur mit der größten Mühe überzeugt werden, daß er dadurch, wenn er den beabsichtigten Bräutigam todtschieße, unmöglich seinen Zweck erreichen würde.

Der Doktor selber nahm aber ihre Aufmerksamkeit bald auf sehr ernste Weise in Anspruch, denn er wurde schwer krank und verfiel in ein nervöses hitziges Fieber, das ihn an den Rand des Grabes brachte. Erbärmliche Pflege hatte er außerdem gehabt, denn er wohnte in einem Privatlogis mit einer alten halbtauben Magd zur Aufwartung, die kaum dazu gebracht werden konnte, sein Zimmer rein zu halten, und sich um den Kranken wenig oder gar nicht bekümmerte.

Degmar wich in der Zeit fast nicht von des Doktors Seite. Er ließ sich seine Matratze hinüber schaffen und saß ganze Nächte bei ihm auf, und nur Ohlers und Dölzig, wie auch zu Zeiten Einer der übrigen Stammgäste aus dem Lindenbaum wechselten mit ihm ab, daß er sich manchmal die nöthigste und unentbehrlichste Ruhe gönnen konnte. Der Arzt, der ihn behandelte, zweifelte auch eine lange Zeit an seinem Wiederaufkommen; endlich aber siegte seine urkräftige Natur doch, und er erholte sich langsam.

Ohlers hatte ebenfalls manche Nacht an seinem Bett gewacht, und seinen tollen Phantasien gelauscht. Alles aber, was er in seinem besinnungslosen Zustand sprach, bezog sich nur immer auf den Lindenbaum und auf jenen bösen Feind, der seines Schicksals Fäden in der Hand hielt und mit seiner Keule bereit stand, um ihn — sowie er nur den Arm nach dem erhofften Glück ausstreckte — erbarmungslos damit zu Boden zu schlagen. Der arme Teufel fühlte sich, all’ seinen Reden nach, namenlos unglücklich, und oft in ruhigen Stunden liefen ihm die hellen Thränen an den Backen nieder.

Die Frau Reuter verbrachte indessen eine kaum minder schwere Zeit. Wie gern hätte sie ihn gepflegt, aber durfte sie es denn? hatte sie ein Recht dazu? Hundertmal stand sie auf dem Sprung, zu ihm zu eilen, aber eben so oft verwarf sie auch den Entschluß, und saß so eines Abends auch wieder, still weinend, in ihrer Kammer, als Ohlers zu ihr in’s Zimmer trat und ruhig sagte:

„Bitte, Frau Reuter, setzen Sie einmal Ihr Bonnet auf und kommen Sie mit mir.“

„Mit Ihnen, Herr Ohlers? wohin?“

„Wohin, zum Doktor natürlich — wollen Sie ihn nicht noch einmal sehen?“

„Oh du großer Gott, ist er denn wirklich so krank,“ rief die Frau, die Hände faltend.

„Wenn er’s überlebt, ist’s ein Wunder,“ sagte Ohlers, „ich glaub’ aber nicht, daß er’s noch bis morgen früh macht.“

„Aber was kann ich thun?“ rief die arme Frau in Verzweiflung.

„Jetzt gar nichts mehr,“ sagte der Apotheker, „als ihm vielleicht noch einmal die Hand drücken. Wären Sie früher meinem Rath gefolgt, hätten Sie sich und ihm das erspart.“

„Ach mein guter Herr Ohlers —“

„Setzen Sie Ihr Bonnet auf und kommen Sie; es ist keine Schande, daß Sie einen alten Freund, der so treu bei Ihnen die langen Jahre ausgehalten, auf seinem Sterbebett besuchen.“

„Ich gehe mit Ihnen, Herr Ohlers — ich gehe mit Ihnen,“ rief die Wittwe, aufgelöst in Thränen, und ohne weiter eine Silbe zu äußern, setzte sie ihr Bonnet auf, warf ihren Mantel um und schritt der Wohnung des Doktors zu.

Sie fanden Peters wirklich noch sehr leidend, aber doch nicht mehr besinnungslos, und als er die Frau erkannte, flog ein mattes Lächeln über seine bleichen Züge. Reden konnte er nicht, aber er drückte ihr still die Hand, und schloß dann die Augen, als ob er schlafen wolle. — Sie mußten ihn auch in Ruhe lassen und durften ihn besonders nicht aufregen. Als Ohlers aber die Wittwe nach Hause zurückbegleitete, erzählte er ihr, mit was sich des Kranken Phantasien die ganze Zeit beschäftigt, wie er sich elend und verlassen fühle, und doch nicht die alte Furcht vor einem eingebildeten Schreckbild bewältigen könne, bis er sie endlich so weit hatte, daß sie weinte, als ob ihr das Herz brechen müsse — dann empfahl er sich und ging wieder nach Hause.

Und der Doktor erholte sich wirklich. Degmar hatte — als das Schlimmste mit ihm überstanden war — Briefe aus New-York bekommen, die seine Anwesenheit dort nöthig machten. Er hielt sich aber nicht lange da auf, und als er zurückkehrte, fand er den Doktor wieder auf und munter, und außer einer etwas bleichen Gesichtsfarbe wohl aussehend. Aber er hatte den „Lindenbaum“ noch nicht wieder betreten — die Wittwe seit jenem Abende, an dem sie ihn besuchte, nicht wieder gesehen, und traf jetzt alles Ernstes seine Vorbereitungen, nicht allein Pittsburg, sondern überhaupt Pennsylvanien zu verlassen. Der Antheil an den Kohlenminen blieb ihm, und war in sicheren Händen, so daß er keine Uebervortheilung zu fürchten brauchte, und er selber hatte, wie er sagte, die Absicht, nach Arkansas überzusiedeln, und sich dort eine kleine Farm zu kaufen.

Seine Abreise war auf Montag in acht Tagen festgestellt, und Degmar, der jetzt wieder mehrere Konferenzen mit Ohlers hatte, zu denen zuletzt auch Pastor Umbreit gezogen wurde, schien seine Abreise nach Missouri auf den nämlichen Tag verlegt zu haben.

Zu dem Zwecke hatte er sich auch mit dem Doktor Peters verabredet, am Sonntag Abend vorher ihren gemeinschaftlichen Freunden einen Abschiedsschmauß zu geben, und der Doktor war damit vollkommen einverstanden. Es handelte sich nur noch darum: in welchem Lokal, denn anfangs weigerte er sich entschieden, diesen „Lebensabschnitt“ im Lindenbaum zu feiern. Ohlers aber und Alle, die er darüber sprach, erklärten ihm auf das Bestimmteste, daß er gar keinen andern Ort wählen könne, als den, wo sie schon so viele vergnügte Abende mitsammen verlebt, daß wenigstens Keiner von ihnen Allen einen andern besuchen würde, da sie nicht Willens wären, die Frau Reuter bis auf’s Blut zu kränken.

Degmar selber entschied sich ebenfalls für den Lindenbaum; er habe, wie er meinte, noch kein anderes Wirthshaus hier in Pittsburg betreten, und wolle damit nicht den letzten Abend anfangen; es sei auch schon alles dort bestellt, und wolle der Doktor absolut keinen Theil daran nehmen — und er begreife nicht, was er gegen den Lindenbaum habe — so möge er es auch selber dort absagen.

Der Doktor sah sich überstimmt — und ließ sich vielleicht gern überstimmen — zog es ihn doch selber noch einmal zum alten Platz, und Abschied von der Frau Reuter hätte er ja überdies nehmen müssen. Er konnte doch die Stadt nicht verlassen, ohne sie noch einmal gesehen zu haben.

Dabei blieb es also. Sonntag Abend um sieben Uhr sollten sie dort zusammen kommen — Montag Mittag ging der Dayton, ein kleiner guter Dampfer, den Strom hinab bis Cairo, an der Mündung des Ohio in den Mississippi, und auf dem wollten dann Beide zusammen Passage nehmen. In Cairo fanden sie nachher jeden Tag Gelegenheit, mit einem der Mississippidampfer entweder nach St. Louis gen Norden oder nach Arkansas gen Süden weiter zu fahren.

Der Sonntag kam, und in dem Hause der Frau Reuter herrschte eine ganz ungewöhnliche Thätigkeit, denn nicht allein wurde hergerichtet, was Speisekammer und Küche vermochten, sondern die Wirthin selber schien außerordentlich erregt und kam den ganzen Tag nicht von den Füßen.

Erst hatte sie dabei mit dem Herrn Ohlers eine lange Zusammenkunft, dann, nach der Kirche, mit dem Pastor Umbreit, der endlich auch einer günstigeren Auffassung der Sache gewonnen schien. Hatte er doch den Doktor selber ein paar Mal in seiner Krankheit besucht, auch einmal eine Nacht bei ihm gewacht und sich dabei wohl überzeugen können, wie schwer der unglückselige Wahn auf seinem Geist lag, und wie unmöglich es sein würde, ihn auf gewöhnlichem Wege zu bannen. Er selber weigerte sich allerdings auf das Entschiedenste, mit dem eigentlichen Plan irgend etwas zu thun zu haben — wenn auch nichts weniger als bigott, durfte er das schon seiner Stellung wegen nicht, der Gemeinde gegenüber, wie aber jetzt alles modificirt worden, hatte er wenigstens nichts mehr dagegen einzuwenden, und glaubte selber, daß es zum Guten ausschlagen könne, noch dazu, da ihm die Frau erklärte, sie sei dem Doktor wirklich von Herzen gut, und wolle selbst der Gefahr trotzen, ihren guten Ruf zu gefährden, nur um ihn wieder gesund und vielleicht glücklich zu machen.

So rückte der Abend heran, und eine der Hinterstuben des Hauses war für die heutige kleine Gesellschaft hergerichtet, damit sie nicht im gewöhnlichen Gastzimmer durch zufällig eintreffende Fremde gestört würden. Die Gesellschaft hatte es sich aber ausbedungen, daß Frau Reuter heute Abend selber an ihrem Tische präsidiren müsse, die beiden scheidenden Gäste saßen dann — der Doktor an ihrer Rechten und Degmar an ihrer Linken — Ohlers hatte seinen Platz neben dem des Doktors belegt, Pastor Umbreit saß der Wittwe gegenüber, am andern Ende der Tafel.

Ohlers hatte die Zettel geschrieben und die Plätze geordnet. Er war mit Degmar noch allein im Zimmer.

„Hören Sie einmal, Degmar,“ sagte er, als das Mädchen, das eben eine Anzahl Gläser herein gestellt hatte, wieder hinaus gegangen war, „wissen Sie wohl, daß ich jetzt verfluchtes Herzklopfen kriege? Es ist doch eigentlich eine verwünschte Geschichte, und wenn es schief geht, kann ich nur meine Apotheke verkaufen und auswandern, denn hier im Lindenbaum dürft’ ich mich nicht wieder blicken lassen.“

„Ach was schief gehen,“ lachte Degmar — „einen Hauptspaß giebt’s, und das Einzige, was mir leid thut, ist, daß ich morgen früh nicht die erste Scene mit erleben kann.“

„Ja,“ sagte Ohlers, „Sie haben gut lachen, Sie scheeren sich den Henker darum. Wenn hier was passirt, schultern Sie Ihr altes Schießeisen und verschwinden im Urwald, aber wir sitzen in der Falle drin, und nachher wär’ der Teufel zu bezahlen und kein Pech heiß.“

„Haben Sie Furcht?“ lachte Degmar.

„Furcht,“ sagte Ohlers verächtlich — „was heißt Furcht? Wenn ich mich fürchtete, käm’ ich heute dem Lindenbaum nicht zu nahe, und da liegt mein Couvert. Das Einzige, wovor ich mich wirklich fürchte, ist, daß ich mich blamire, und das wäre eine ganz nichtswürdige Pastete — ich würde hier in Pittsburg meines Lebens wahrhaftig nicht wieder froh. — Aber es kann jetzt nichts mehr helfen,“ setzte er mit einem Seufzer hinzu — „der Stein rollt, und wir müssen ihn eben laufen lassen.“

Der Stein rollte wirklich, denn in diesem Augenblick kam der Doktor selber, etwas verlegen zwar, da er sich hier so lange nicht hatte blicken lassen, aber doch vollkommen entschlossen, heute, am letzten Abend, noch ein fröhliches Gesicht zu zeigen, und Niemanden merken zu lassen, wie weh und unbehaglich ihm eigentlich zu Muthe sei. In Wirklichkeit war ihm aber ebenso zu Sinne, wie dem „Peter in der Fremde“ beim Auswandern, und er fürchtete sich selber vor einem Kreuzweg; aber es half jetzt einmal nichts: er hatte seinen Entschluß gegen alle seine Freunde ausgesprochen, die Vorkehrungen waren getroffen worden, und nach dem heutigen Abschiedsessen hätte er doch überdies nicht länger in Pittsburg bleiben können, ohne sich lächerlich zu machen. — Nur ein wenig rasch war es ihm selber vorgekommen — etwas zu rasch. Ein paar Tage würde er vielleicht noch zugegeben haben, aber der verwünschte Degmar trieb ja so und schien so entsetzliche Eile zu haben, daß er sich selber verleiten ließ, ihm die Zusage seines Mitgehens zu geben. Jetzt war es geschehen, an der Sache nichts mehr zu ändern — und es war auch vielleicht das Beste so, denn was hätte längeres Zögern überhaupt noch genützt.

Am Peinlichsten war ihm das erste Begegnen mit der Frau Reuter, denn er fürchtete, daß sie ihm Vorwürfe seines langen Ausbleibens wegen machen werde — aber nichts derartiges geschah. Sie war freundlich, ja herzlich gegen ihn wie immer, und frug ihn nur nach seiner Gesundheit, und ob er sich jetzt wohl und kräftig genug fühle, eine so weite Reise anzutreten.

Bald kamen auch die übrigen Gäste hinzu, und Peters, der die ganzen letzten Wochen ein wahres Einsiedlerleben geführt, schien etwas aufzuthauen, als er sich in dem alten befreundeten Kreise befand, und von Allen so herzlich begrüßt wurde. Aber Niemand von Allen spielte auch nur auf die baldige und beabsichtigte Trennung an. Es war, als ob sie nur einfach einmal hier, wie vor alten Zeiten, wieder zusammen gekommen wären, und keinen weiteren Zweck hätten, als sich zu amüsiren — wer dachte da an Abschiednehmen oder sonst etwas Trauriges.

Und jetzt wurde die Mahlzeit aufgetragen, und die Köchin hatte sich heute wirklich selber übertroffen, denn Alles, was Wald, Feld oder Strom bot, und sonst käuflich in der Stadt gewesen war, prangte auf der unter ihrer Last fast brechenden Tafel. Trotzdem blieb die Unterhaltung im Anfang sehr einsilbig, denn alle die Hauptpersonen, die sonst Leben und Bewegung in das Ganze gebracht, saßen heute still und mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, und mußten ordentlich geweckt werden, um nur eine an sie gerichtete Frage zu beantworten.

Der junge Degmar schien noch der Einzige, dem man eine innere Aufregung nicht anmerken konnte, und er wußte auch Ohlers zuletzt so aufzurütteln, daß er sich wenigstens gewaltsam zusammen nahm. War es doch den anderen Tischgästen schon aufgefallen, denn daß der Abschied des Doktors ihn nicht so niedergedrückt haben konnte, lag auf der Hand.

Der Doktor war der Stillste von Allen und augenscheinlich gerührt. Seine Nachbarin hatte ihn nach dem Verlauf seiner letzten Krankheit, nach seinen nächsten Plänen und Hoffnungen gefragt, und die Augen wurden ihm feucht, wenn er daran dachte, wie er ja all’ seinen Hoffnungen und Plänen entsagen müsse, nur des einen entsetzlichen Schreckbildes wegen, das sich drohend zwischen ihn und sein Glück stellte.

Jetzt endlich wurde aber Ohlers wieder warm. Er hatte das erste, unbehagliche Gefühl abgeschüttelt, und nur einmal in Gang gebracht, und er fühlte sich wieder er selber. Selbst den Doktor brachte er zuletzt mit seinen Späßen und Erzählungen zum Lachen, und je mehr der Wein den Gästen in die Köpfe stieg, desto lauter und lustiger wurden sie, und fingen zuletzt an, sich vortrefflich zu amüsiren.

Der Doktor selber hatte anfangs keinen Wein trinken wollen. Dagegen wurde aber augenblicklich Protest eingelegt, ja sein anwesender Arzt, Doktor Becker, erklärte sogar, daß er jetzt tüchtig guten und starken Wein trinken müsse, um wieder zu Kräften zu kommen und die letzten Nachwehen seiner Krankheit los zu werden.

Und der Wein schmeckte ihm — Ohlers trank ihm wacker zu, und sorgte dafür, daß sein Glas nie leer wurde — ein Toast nach dem andern wurde ausgebracht, und das Unglaubliche geschah: der Doktor fühlte sich so angeregt, daß er sang.

Jetzt hielt es aber Frau Reuter an der Zeit, sich zurückzuziehen; sie stand geräuschlos auf und verließ das Zimmer; die Mädchen wurden ebenfalls abgerufen und einem der Kellner oder barkeeper die Bedienung der Herren überlassen, und nun begann das eigentliche Gelage, das etwa bis um Mitternacht dauerte, und eine eigene Wirkung auf Dr. Peters auszuüben schien.

Anfangs war er ganz ausgelassen und lachte und erzählte und sang, Alles durcheinander — zuletzt fing ihm die Zunge an schwer zu werden. Ohlers mischte ihm ein Glas Limonade, die er auf einen Zug leerte; aber er wurde bald sehr schläfrig. Er setzte sich von der Tafel ab auf das Sopha, und schlug noch eine Weile mit dem rechten Fuß den Takt zu dem Gesang der Uebrigen — dann lag er ganz still, und zuletzt war er tief und fest eingeschlafen. Niemand bekümmerte sich auch die erste halbe Stunde um ihn, sobald aber Ohlers sah, daß der Kellner beschäftigt war neuen Weinvorrath herbeizuschaffen — und er selber gab ihm dazu noch verschiedene Aufträge — winkte er Degmar und Dölzig, und die drei faßten den Schlafenden auf — allerdings kein leichtes Stück Arbeit, und trugen ihn hinaus.

„Hallo, wo wollt Ihr mit dem Doktor hin?“ lachte Einer der Zechenden.

„Ihn zu Bett bringen — er liegt hier schlecht,“ sagte Ohlers, „wir sind gleich wieder da,“ und durch die Thür verschwanden sie mit dem Bewußtlosen.