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Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) / Neue gesammelte Erzählungen cover

Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) / Neue gesammelte Erzählungen

Chapter 8: Fünftes Kapitel. Der nächste Morgen.
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About This Book

A collection of short narratives alternating between scenes of German-speaking communities abroad and life in small German towns, offering vignettes of emigrant social clubs, tavern life in an industrial city, and village harvest festivities by the Rhine. The tales sketch a range of characters—innkeepers, professionals, laborers and transient visitors—whose interactions and routines expose cultural contrasts, habits, and local customs. Settings move from bustling factory towns with boardinghouses and beer-houses to quieter countryside gatherings, while the prose highlights manners, communal bonds, and the everyday dignity of ordinary people.

Fünftes Kapitel.
Der nächste Morgen.

Es konnte kaum sechs Uhr am nächsten Morgen sein, als Frau Reuter schon angekleidet unten im Gastzimmer war, und darauf sah, daß Alles wieder in Ordnung gebracht und gelüftet wurde. Auch Geschirr und Messer, Gabeln und Löffel revidirte sie ob nichts fehlte oder verkramt war, und ließ die Weinreste vom letzten Abend dann hinüber in ein besonderes Zimmer stellen.

Noch war sie damit beschäftigt, als Ohlers hereintrat, und eine Tasse Kaffee bestellte.

„Gehen Sie damit in’s Nebenstübchen, Herr Ohlers,“ sagte die Wittwe, „hier ist’s noch zu ungemüthlich — er soll Ihnen gleich gebracht werden.“

Die Wittwe folgte ihm dorthin, und wie er das Zimmer betrat, frug der Apotheker rasch und leise:

„Schläft er noch?“

„Fest und gut,“ lautete die Antwort, „aber ich sage Ihnen, Herr Ohlers, mir ist zu Muthe, als ob ich sterben sollte.“

„Unsinn,“ sagte der Apotheker. „Sie sollen jetzt erst anfangen zu leben — aber weiß Ihr Mädchen darum?“

„Natürlich; sie mußte es wissen — aber ich kann mich auf sie verlassen.“

„Desto besser: die kann uns also gleich helfen.“

„Helfen? mit was?“

„Sollen es gleich erfahren. — Aber da kommt der Kaffee — gehen Sie nur langsam voran; ich folge gleich nach.“

Ohlers ließ nicht lange auf sich warten; sobald er die Dienstleute unten wieder beschäftigt sah, stieg er die Treppe hinauf und öffnete leise die Thür des Zimmers, in welchem der Doktor lag.

Es war ein netter, freundlicher Raum — der Wirthin eigenes Schlafgemach, aber der Doktor war noch nicht erwacht. Er schnarchte leise, und Ohlers winkte der Frau, ihn nicht zu stören. Dann ging er in eines der nächsten Zimmer — hatte er sich doch gestern schon vortrefflich orientirt — und bat das auf dem Gang schon wartende Mädchen, das dort stehende Bett mit anzufassen und in das Schlafzimmer des Doktors zu tragen.

„Aber ich bitte Sie um Gotteswillen,“ rief Frau Reuter.

„Bst,“ flüsterte Ohlers wieder mit seinem alten Uebermuth, „verderben Sie uns nicht die ganze Geschichte — es muß sein, um die Täuschung zu vollenden. Nur leise und vorsichtig, denn wenn er aufwacht, ist Alles verdorben.“

Die Beiden trugen jetzt schnell und geräuschlos das Bett in die andere Kammer — aber der Doktor schlief noch fest; er athmete schwer und schien zu träumen, denn er hob einmal den Arm empor, ließ ihn aber wieder sinken, und Ohlers drückte sich rasch der Thüre zu. Der Schläfer erwachte aber noch nicht, und einen flüchtigen Blick im Zimmer umherwerfend ging der Apotheker noch einmal zu dem eben herein geschafften Bett, preßte und schob Decken und Kopfkissen durch einander, als ob Jemand die Nacht darin geschlafen hätte, und der Frau Reuter dann zuwinkend verließ er auf den Zehen das Gemach.

„Und was jetzt?“ frug die Frau, die ihm dort hinaus gefolgt war.

„Jetzt setzen Sie sich ganz ruhig vor Ihre Toilette,“ sagte Ohlers, „und warten bis er aufwacht. Lange kann’s nicht mehr dauern, denn er wird schon unruhig — das Uebrige wissen Sie. Ist er vollkommen munter, so klingeln Sie nur, wir kommen dann herauf, um Sie zu unterstützen.“

„Oh, wenn das gut abläuft,“ seufzte die Frau.

„Verlassen Sie sich nur ganz auf uns,“ lachte der Apotheker. „Jetzt bin ich in meinem Element, denn das Einzige, wovor ich wirklich Angst hatte, war, daß ihm das gestrige — das viele Trinken schaden könne. Das ist nicht geschehen; er sieht wohl und munter und schläft sanft — alles Uebrige ist Nebensache.“

„Und Pastor Umbreit?“

„Kommt um zehn Uhr, machen Sie sich nur keine Sorge, beste Frau Reuter, wir Alle stehen Ihnen bei, und Sie haben nicht das Geringste für sich zu fürchten.“

„Wenn es nur erst vorüber wäre — oh hätte ich Ihnen doch nicht gefolgt, mich nicht überreden lassen.“

„Fort auf Ihren Posten,“ rief aber Ohlers, sie der Thür zuschiebend. „Sie verderben sonst Alles und haben sich dann die Folgen selber zuzuschreiben.“ — Damit glitt er die Treppe hinunter und die Frau ging mit schwerem Herzen in das Schlafzimmer zurück, setzte sich dort auf den Stuhl vor ihrem kleinen Toilettspiegel, und löste sich die Haare auf, die sie dann kämmte und wieder zu flechten anfing. Erst wie sie so weit war, warf sie eine kleine Porzellan-Pomadenbüchse auf den Boden nieder, rückte ihren Stuhl etwas laut zur Seite, hob sie auf und fuhr dann, ohne sich umzusehen, in ihrer Beschäftigung fort.

Und wie sanft schlief Peters indessen — er rührte sich nicht, und nur das tiefe, regelmäßige Athmen seiner Brust verrieth, daß er lebe.

Jetzt fiel die Pomadenbüchse auf die Erde, und er öffnete, wie erschreckt, die Augen, schloß sie aber gleich wieder, noch halb im Schlafe. — Jetzt wurde der Stuhl gerückt, und nach einer Weile hörte er, wie Jemand leise aber deutlich seufzte.

Doktor Peters war munter geworden, aber er hielt die Augen noch geschlossen, und überlegte sich nur im Stillen, wer denn in seinem Zimmer sein könne. Die Gedanken gingen ihm auch noch bunt und wirr durch den Kopf, denn mit der Erinnerung an seine letzte Krankheit und der damals genossenen Pflege verschwamm in diesem Moment der letztverflossene Abend, dessen Folgen er noch in seinen matten Gliedern fühlte. Er besann sich auch jetzt vergebens darauf, wie er nur möglicher Weise gestern Abend nach Hause gekommen sein könne, und mußte sich gestehen, daß er auch nicht die Spur mehr davon wußte. — Er war doch nicht etwa betrunken gewesen?

Wieder hörte er einen leisen Seufzer und öffnete jetzt entschlossen die Augen, denn er mußte doch wissen, wer hier in seinem Zimmer zu seufzen hatte. Wie er aber den Kopf drehte, sah er eine Frau vor einem ihm fremden Spiegel sitzen und sich die Haare machen — und das Zimmer — wo, um des Himmels willen, war er denn eigentlich?

Wieder schloß er die Augen und fing an sich ernstlich zu besinnen. Wohin konnte er denn nur gerathen sein? war er schon auf dem Dampfboote, das ihn nach Arkansas bringen sollte? — unmöglich, die Damenkajüte blieb dort vollkommen abgeschlossen, aber — er mußte jedenfalls geträumt haben. Wo wäre er in Wirklichkeit jemals aufgewacht und hätte eine Dame sich die Haare machen sehen.

Wieder der Seufzer. Ordentlich erschreckt fuhr er von seinem Lager empor und sah sich um — ein Bett mit Gardinen und diese halb zurückgeschlagen? Da drüben die Frau, die ihm den Rücken zudrehte, und ganz unbekümmert ihre Toilette machte — dazu vollkommen fremde, bunte Gardinen — an der Wand an verschiedenen Haken Frauenkleider — dem Doktor schwindelte es ordentlich, denn plötzlich kam ihm der furchtbare Gedanke, daß er wahnsinnig geworden wäre, und jetzt eine Menge von Dingen sähe, die gar nicht existirten, und möglicher Weise nicht einmal existiren konnten.

Zugleich aber erwachte der Gedanke in ihm, daß dies möglicher Weise eine Vision sein könne — ein Truggebild seiner Sinne, das schwinden würde, sobald er ordentlich erwache — oder wenn er wirklich schon jetzt wach wäre, das doch einem ruhigen Ueberlegen weichen müsse, und er beschloß deßhalb, die ihn umgebenden Bilder fest und genau seinem Geist einzuprägen, damit er später wenigstens, wenn Alles wieder verschwunden wäre, die Erinnerung daran bewahre.

Dort drüben waren zwei Fenster mit heruntergelassenen Gardinen, die wohl das Sonnenlicht hereinließen, aber das Zimmer von außen jedem neugierigen Blick abschlossen. Neben der Thüre stand ein Waschtisch mit einem Handtuch daneben, an der Wand hingen zwei Bilder, das eine ein Herr mit einem grünen Frack, der einen auffallend schmalen Kragen hatte, während das weiße Jabot weit vorstand — der Herr war auch sonderbar spitz frisirt, und in der hochgehobenen Hand hielt er einen Blumenstrauß. Die Dame, ein sehr hübsches jugendliches Gesicht, hatte eine Haube mit Spitzen auf, trug aber auch sehr altmodische Kleidung, wie man sie nur auf alten Familienbildern findet. Und das war noch nicht Alles — dort an der Wand stand noch ein anderes Bett, in dem augenscheinlich Jemand die Nacht geschlafen hatte. Die Decken waren noch Alle verschoben — wunderbar. Rechts an der Wand stand eine Kommode mit einer Anzahl vergoldeter Tassen und zwei großen hübschen Vasen — der Doktor rieb sich die Augen — das waren genau zwei solche Vasen, wie er sie einmal zum Geburtstag der Frau Reuter geschenkt hatte — und die Frau — war denn das nicht die Frau Reuter selber? — Er konnte ihr Gesicht von dort, wo er lag, nicht sehen, nicht einmal im Spiegel, vor dem sie saß, aber die ganze Gestalt paßte zu ihr — auch das volle, kastanienbraune Haar, das sie jetzt eben, zusammengeflochten auf ihrem Kopf, mit genau einer solchen Nadel befestigte, wie die Wirthin im Lindenbaum zu tragen pflegte.

„Merkwürdig,“ dachte der Doktor, fiel wieder zurück auf sein Kissen und starrte in die über dem Bett zusammengesteckten Gardinen hinauf. Wie der Blitz fuhr er aber auf’s Neue in die Höhe, denn noch einmal hörte er den Seufzer, und zwar so klar und deutlich, daß eine Täuschung seiner Sinne nicht mehr möglich schien.

„Oh du mein Gott,“ sagte er leise vor sich hin, aber die Töne waren zu dem Ohr der Frau gedrungen, und sich rasch umwendend — sie hatte ihre Frisur gerade beendet — sprang sie von ihrem Stuhl auf und rief:

„Dem Himmel sei Dank — Du bist wieder erwacht, Eduard?“

Eduard? Du? — Das war die Wittwe, wie er nur ihr Gesicht sah — aber die Anrede, der Ausruf? Er schloß wieder die Augen, denn er mußte träumen.

„Ach Eduard, welche Angst haben wir um Dich ausgestanden,“ sagte da die Stimme wieder, und der Doktor fuhr in die Höhe, als ob er einen Schuß bekommen hätte. Er richtete sich auf seinen Ellenbogen auf, und sah sich wild und verstört um.

„Ja, aber um Gottes willen,“ rief er — „Frau Reuter! Wie kommen Sie denn?“

„Oh Gott sei gepriesen! er kommt wieder zu Verstand,“ sagte die Frau mit gefalteten Händen — „er kennt mich,“ und rasch trat sie zu dem Glockenzug und läutete daran.

Der Doktor schüttelte mit dem Kopf. „Er kommt wieder zu Verstand!“ hatte sie gesagt, sollte er denn den schon einmal verloren gehabt haben? Unwahrscheinlich kam ihm das gar nicht vor, wenn er sich seine jetzige Situation überlegte, und er würde sogar weit eher geglaubt haben, daß er ihn noch gar nicht wiedergefunden. Aber jetzt wurden Schritte draußen laut: es klopfte an, und ehe er selber nur einen Entschluß fassen konnte, hatte die Frau schon die Thür geöffnet, und Ohlers, Degmar und Dölzig traten in’s Zimmer.

„Hurrah!“ rief Ohlers aus, wie er nun den Doktor sah — „wieder frisch und gesund: hab’ ich denn nicht recht gehabt? Ich wußte, daß es ihm nicht schaden würde, denn es war nur ein kalter Schlag.“

„Ein kalter Schlag?“ wiederholte der Doktor verdutzt, und sah nur noch, wie die Frau Reuter hinter den Herren das Zimmer verließ.

„Vor allen Dingen, Peters,“ sagte aber Ohlers feierlich, „haben wir Dir Abbitte zu thun, daß wir damals das, was Du eine Ahnung nanntest, bespöttelten und mißachteten.“

„Abbitte? Ahnung?“ rief der Doktor, „wollt Ihr mich wirklich verrückt machen, oder bin ich es schon?“

„Und solltest Du Dich wirklich nicht mehr auf die Vorgänge des gestrigen Abends besinnen?“ sagte Ohlers.

„Bester Ohlers,“ warf Degmar dazwischen, „das war genau so mit meinem Bruder, von dem ich Ihnen heute Morgen erzählt habe, und den ein ganz ähnlicher Anfall traf. Er erlangte nach kurzer Zeit seine vollständige Besinnung wieder, aber was unmittelbar dem Anfall vorausgegangen, die letzten drei oder vier Stunden waren seinem Gedächtniß vollständig entschlüpft, und keine Spur davon mehr in seiner Erinnerung zurückgeblieben.“

„Einen Anfall?“ rief Peters.

„Nun gestern Abend,“ sagte Ohlers ruhig, „wie Du erklärt hattest, daß Du nicht reisen würdest, und der Wittwe Reuter die Hand reichtest — gerade wie Euch der Friedensrichter als Mann und Frau zusammengab —“

„Als Mann und Frau?“ schrie Peters, und fuhr mit beiden Beinen aus dem Bett, ebenso rasch aber auch wieder, einen scheuen Blick im Zimmer umher werfend, zurück und sah die Freunde erstaunt, ja ordentlich verstört an. Plötzlich aber glitt ein Lächeln über seine gutmüthigen Züge, und dem Apotheker verschmitzt mit dem Finger drohend, sagte er:

„Ohlers, Du Schwerenöther, Du willst Dir gewiß einen Jux mit mir machen.“

Degmar konnte sich nicht mehr halten, er platzte gerade heraus, rief aber dabei:

„Nein, das ist zu komisch, jetzt weiß der nicht einmal, daß er verheirathet ist.“

„Hören Sie, Degmar,“ sagte Ohlers ernst, „da ist gar nicht viel Komisches dabei, und wir wollen wahrhaftig keine Zeit versäumen. Bleib nur noch im Bett liegen, Peters, deck Dich warm zu und warte einen Augenblick, ich will gleich nach dem Doktor Becker schicken, denn der Anfall könnte doch sonst am Ende ernstere Folgen haben.“

„Thun Sie das, Ohlers,“ sagte Dölzig, der den Doktor indessen ernst und fast traurig betrachtet hatte, „Degmar und ich bleiben indessen bei ihm.“

„Zum Doktor schicken? und weßhalb?“ rief aber Peters, indem er sich nach seinen Kleidern umsah, „ich bin so wohl wie ich je gewesen, und will aufstehen. Wenn Jemand zum Doktor gehen muß, kann ich’s selber thun; übrigens, wenn Ihr mich nicht verrückt machen wollt, so erzählt mir jetzt ruhig, was vorgegangen ist, und überlaßt dann das Andere mir. — Sie Dölzig sind der Vernünftigste von den Beiden, was ist mit mir seit gestern Abend geschehen, und wo bin ich hier?“

„Ich könnte Ihnen die letzte Frage gleich zuerst beantworten,“ sagte Dölzig ruhig, „aber lassen Sie uns lieber von vorn beginnen, denn ich fange jetzt an, selber zu glauben, daß jener merkwürdige Zufall Ihre Erinnerung für den Augenblick gestört oder doch umflort hat.“

„Merkwürdiger Zufall? welcher?“ sagte Peters.

„Erinnern Sie sich nicht mehr, gestern Ihren Entschluß geändert zu haben, nach Arkansas zu gehen?“

„Keine Silbe,“ rief Peters rasch.

„Auch nicht, daß Sie der Wittwe Reuter einen Heirathsantrag gemacht, als wir, Ohlers, Degmar und ich, mit Ihnen im anderen Zimmer waren, wohinein Sie uns selber riefen?“

„Ich?“ rief Peters erschreckt.

„Und daß wir dann meinen Nachbar, den Friedensrichter Buttler, holen ließen, und der Sie zusammengab?“

„Mich und die Wittwe?“ schrie Peters wieder in äußerstem Erstaunen.

„Und daß, wie er die Worte gesprochen, und Sie der früheren Frau Reuter, jetzigen Frau Doktor Peters die Hand reichten, ein plötzlicher Blutandrang nach dem Kopfe, oder Gott weiß was sonst, Sie erfaßt haben muß, denn Sie brachen zusammen, als ob Sie vom Blitz erschlagen gewesen wären.“

Der Doktor sah den Redenden stier an.

„Bei Gott!“ rief er, „und — ich glaube Sie haben Recht — ich fange wirklich an, mich zu besinnen.“ — Im Geist hatte er sich nämlich diesen immer gefürchteten Augenblick so oft herauf beschworen, und in seine Träume hinein verwebt, daß ihn die Erzählung desselben als Wirklichkeit gar nicht mehr so sehr überraschte. — „Merkwürdig! merkwürdig! Oh meine Ahnung! Siehst Du, Ohlers, habe ich damals nicht Recht gehabt — und Du lachtest?“

Ohlers mußte jetzt mit aller Gewalt, deren er fähig war, zurückhalten, daß er nicht in diesem Moment wirklich herausbrach, aber Dölzig kam ihm zu Hülfe und fiel rasch ein:

„Sie können sich unseren Schrecken denken. Von den übrigen Gästen waren noch einzelne da, die wir doch nichts wollten merken lassen, wir trugen Sie deßhalb rasch in Frau Reuters Schlafzimmer“ — der Doktor warf still und hochaufathmend den Blick umher — „und die Angst der armen Frau kann ich Ihnen gar nicht beschreiben,“ fuhr Dölzig fort — „aber Gott sei Dank, daß jetzt Alles so gut vorübergegangen ist. Sie sind wirklich mit einem blauen Auge davon gekommen, Peters.“

„Merkwürdig, merkwürdig“ sagte immer noch, leise vor sich hin mit dem Kopf schüttelnd, der Doktor, „und so wäre ich eigentlich verheirathet, ohne daß ich selber etwas davon wüßte.“

„Aber Sie sagten ja eben, daß Sie sich darauf besinnen.“

„Ja, aber nur dunkel, ganz dunkel, und wo ist die Frau Reu — wo ist meine Frau?“

„Draußen,“ sagte Ohlers, „und in Todesangst, daß der Anfall böse Folgen für Dich haben könnte.“

„Gute Frau,“ murmelte der Doktor leise vor sich hin, „aber Kinder — thut mir den Gefallen und geht auf einen Augenblick hinaus, daß ich aufstehe und mich ankleiden kann, mir schwindelt der Kopf noch; ich muß mich erst mit kaltem Wasser waschen, daß ich wieder ordentlich zur Besinnung komme. Sowie ich fertig bin, ruf ich Euch.“

Die Verbündeten waren froh, jetzt fortzukommen, denn Degmar besonders konnte sich kaum länger ernsthaft halten. Der Doktor aber stand auf, wusch sich und zog sich an, und wollte dann eben an der Klingel ziehen, als es wieder an die Thür klopfte.

„Herein.“

Es war Ohlers.

„Hör einmal, Peters,“ sagte der Apotheker, und legte dem Doktor seine Hand auf die Schulter, „ich habe eben mit Deiner Frau gesprochen.“

„Mit meiner Frau, Ohlers?“ flüsterte Peters, und ein leises Lächeln flog über seine Züge, „ich kann Dir gar nicht sagen, wie sonderbar das klingt.“

„Na natürlich ist Dir der Ehestand noch neu,“ meinte der Apotheker, „aber — Du kennst ja die Frauen. Mit der Civilehe ist es eine recht schöne Sache, aber wenn sie den Pfaffen nicht doch noch dabei haben, glauben sie, daß die Geschichte nicht ordentlich geleimt und verkittet wäre. Außerdem mit dem Zufall gestern Abend — wenn auch Alles in Ordnung ist — und so läßt sie Dich fragen, ob Du etwas dagegen hättest, wenn wir heute Morgen — nachdem Ihr doch nun vor dem Friedensrichter gestanden und die Sache eigentlich abgemacht ist — noch einmal die kirchliche Trauung vornähmen. Wir Alle wissen ja recht gut, daß es nicht nöthig ist, aber lieber Gott, die Frau beruhigt’s.“

„Ich habe auch nichts dagegen, Ohlers,“ sagte Peters freundlich, „ja ich will Dir aufrichtig gestehen, daß ich, während Ihr unten waret, schon selber daran gedacht habe, und Frau — und meine Frau darum bitten wollte. Das Verhängniß ist gesühnt — ich wußte, welcher Gefahr ich ausgesetzt war, und glaubte nie, daß sie so leicht an mir vorübergehen würde. Jetzt ist es geschehen, und es würde mir selber zur Beruhigung gereichen, nicht blos die dunklen, unbestimmten Umrisse meiner Trauung im Gedächtniß zu bewahren, sondern die feierliche Handlung auch bei vollem Bewußtsein noch einmal durchzumachen.“

„Bravo,“ sagte Ohlers, vergnügt in die Hände schlagend. „Umbreit ist schon unten, in einer halben Stunde kann Alles abgemacht sein, und weißt Du, was Ihr dann thut? Dann setzt ihr Euch auf den Dampfer Dayton und macht eine kleine Vergnügungstour nach Cincinnati oder St. Louis, oder wo Ihr sonst hin wollt, wir werden indessen schon hier zu Rechtens sehen, daß im Lindenbaum Alles seinen ruhigen Gang geht. Wie? hab’ ich Recht?“

„Guter Ohlers,“ sagte Peters, der tief gerührt schien, „mach und ordne Du Alles an, wie Du es willst, ich füge mich Dir ganz, denn ich weiß, daß Du es gut mit mir meinst.“

„Noch einmal Bravo,“ sagte der Apotheker, dem Doktor die Hand reichend, „und darauf kannst Du Dich verlassen, mein alter Junge, denn gerade weil wir es gut mit Dir meinen, haben wir Dir ja auch so zugeredet. Jetzt überlaß nur Alles mir — bleibe noch einen Augenblick hier oben, aber komm mit in das andere Zimmer herüber, denn Deine Frau muß sich auch ein wenig anziehen, und bis zum Frühstück soll Alles abgemacht sein.“

Ohlers hatte nicht zu viel versprochen; er trieb nach allen Seiten, und während die Frau ihre Toilette machte, richtete er in einem der Gastzimmer einen kleinen Altar her, an dem die heilige Handlung ohne Schwierigkeit und mit Anstand vollzogen werden konnte. Degmar besorgte indessen Blumen und sonstige Ausschmückung, Dölzig ging nach Haus, um seine Frau und Schwägerin, die eine zur Zeugin, die andere zur Brautjungfer abzuholen, und um halb elf Uhr führte er den kleinen Zug in feierlicher Prozession in das wirklich festlich hergerichtete Gemach hinüber.

Pastor Umbreit war dabei ebenfalls ein durchaus praktischer Mann, der sich nie lange bei der Vorrede aushielt. Die Trauungsrede, die er hielt, dauerte nicht länger als jede Trauungsrede eigentlich dauern sollte, etwa zehn Minuten, denn was ihnen der Geistliche sagen könnte, wissen die Brautleute schon außerdem, und haben es sich selber oft genug gesagt, und jetzt zum ersten Mal, nachdem sie die von Umbreit selber mitgebrachten Ringe gewechselt und der Segen über sie gesprochen worden, umfaßte Peters seine erröthende Frau, drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn und flüsterte ihr zu, daß er sich recht — recht glücklich fühle, und sein ganzes Leben daran wenden wolle, sie ebenso glücklich zu machen, und ihr für ihre Liebe zu danken.

Nach der Trauung wurde ein gemeinschaftliches Frühstück eingenommen, dann ging Peters nach Hause, packte einen kleinen Koffer und schickte ihn auf den Dampfer Dayton. Vom Lindenbaum aus geschah ein Gleiches, und um ein Uhr Mittags, während das Gerücht der Trauung Pittsburg in Erstaunen setzte, und ehe noch irgend ein neugieriger Bekannter oder Stammgast anfragen und die Neuverlobten stören konnte, fuhren sie, nur von Degmar begleitet, den „schönen Strom“ hinab der „Königin des Westens“, Cincinnati, zu.

Drei Wochen blieben sie auf Reisen, und als Peters endlich mit seiner jungen Frau zurückkehrte, war er ein ganz anderer Mensch geworden. Er sah wirklich um zehn Jahre jünger aus, und mit der Gesundheit schien auch sein fröhlicher heiterer Sinn zurückgekehrt.

Von da an übernahm er die Wirthschaft, die sich bald zu einer der bedeutendsten in ganz Pittsburg hob, denn in dem Geschäft befand er sich wirklich in seinem Element. Auch seine abergläubischen Neigungen — wenn sie auch nicht schwächer wurden, nahmen doch nie wieder einen seiner Ruhe gefährlichen Charakter an. Aber er erfuhr auch nie, wie er damals von den Freunden überlistet worden — schon seiner wackeren Frau zu liebe beobachteten diese unverbrüchliches Stillschweigen. — Jetzt sind Beide todt. Die „Frau Doktorin,“ wie sie immer in der Stadt genannt wurde, starb vor etwa drei Jahren, und Peters überlebte sie nur um etwa zehn Monate, nachdem er ihr Andenken oft und oft gesegnet. Dadurch wurden auch die damaligen Verbündeten ihres Wortes entbunden, sie haben aber nie die gebrauchte List zu bereuen gehabt. Denn eine glücklichere Ehe als sie Peters mit seiner Frau die langen Jahre führte — hat es wohl kaum je gegeben.