WeRead Powered by ReaderPub
Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) / Neue gesammelte Erzählungen cover

Hüben und Drüben; Zweiter Band (2/3) / Neue gesammelte Erzählungen

Chapter 9: Ruine Wildenfels.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A collection of short narratives alternating between scenes of German-speaking communities abroad and life in small German towns, offering vignettes of emigrant social clubs, tavern life in an industrial city, and village harvest festivities by the Rhine. The tales sketch a range of characters—innkeepers, professionals, laborers and transient visitors—whose interactions and routines expose cultural contrasts, habits, and local customs. Settings move from bustling factory towns with boardinghouses and beer-houses to quieter countryside gatherings, while the prose highlights manners, communal bonds, and the everyday dignity of ordinary people.

Ruine Wildenfels.

Erstes Kapitel.
In Wellheim.

In Wellheim, einem kleinen, reizend gelegenen Städtchen am Rhein, war heute die Lese beendet worden und so reichlich ausgefallen, daß allgemeiner Jubel im Orte herrschte. Die Sonne hatte auch den ganzen Sommer und Herbst tüchtig auf die vollen, prachtvoll gebräunten Trauben niedergebrannt, und man durfte auf einen Wein rechnen, der sich den besten Jahrgängen an die Seite stellen konnte. Was Wunder denn, daß man mit dem „alten“ Stoff aufzuräumen suchte, und die ziemlich zahlreichen Wirthshäuser in dieser Zeit von munteren Zechern gefüllt waren.

Wellheim lag unmittelbar am Ufer des herrlichen Stromes an einem außerordentlich sonnigen und günstigen Hang, und dicht darüber, so daß man es selbst bergauf bequem in einer halben Stunde erreichen konnte, stand eine jener alten, prächtigen Ruinen — früher die Geißel, jetzt die Zierde des Landes — und schaute mit ihren weiten öden Fensterhöhlen träumend auf das zu ihren Füßen ausgebreitete wunderschöne Thal hinab.

Schade freilich, daß das alte Schloß so gar verfallen und vernachlässigt war! Da auch dichtes Gebüsch umherwucherte und die alten, steinernen Treppen im Innern dem Einsturz drohten, so daß nur manchmal leichtsinnige junge Touristen das Wagstück versuchten, auf ihnen hinauf zu klettern und die Aussicht von da oben zu genießen, wurde die Ruine nur in seltenen Fällen einmal flüchtig von Fremden besucht. Die Bewohner von Wellheim kamen überdies nicht hinauf, und so wusch denn auch mit den Jahren der Regen den steilen, nie ausgebesserten Pfad, der zu der Ruine führte, so aus, daß es zuletzt ein eben solches Kunststück wurde, ihn zu erklimmen, wie die schon halbzerstörten Treppen im Innern des alten Schlosses zu besteigen.

Etwas hatte die Burg aber, wie so viele jener romantischen Stellen am Rhein: ihren Privat-Geist nämlich, und mit den Jahren, da man durchreisenden Engländern doch etwas erzählen mußte, bildete sich eine ordentliche kleine Sage aus.

Dieser zufolge sollte Hugo von Wildenfels, der letzte Raubgraf, der von hier aus in der „guten alten Zeit“ friedliche Bürger überfallen und geplündert hatte, endlich zu einem wunderbar schönen Burgfräulein am anderen Ufer des Rheins in Liebe entbrannt sein und beschlossen haben, seinem ruchlosen Leben zu entsagen. Ob er aber diesen guten und löblichen Vorsatz auch später gehalten haben würde, wenn er seinen Zweck, die Hand der Jungfrau, erreicht, weiß man nicht, denn er war jedenfalls zu spät gekommen. Kaiser und Reich nämlich, der ewigen Klagen müde, sandten ein paar helle Haufen von Rittern und Knappen gegen die Veste, in der sich Hugo von Wildenfels mit großer Tapferkeit vertheidigte. Schließlich jedoch, ob durch List oder Gewalt, sagt die Chronik nicht, drangen die Belagerer in die Burg und übten Vergeltung für jahrelangen Frevel. Während man den „rothen Hahn“ auf’s Dach derselben pflanzte, wurde der Raubritter gefesselt in seinen eigenen Hof geführt und dort, beim Schein der auflodernden Flammen, enthauptet, der Körper aber nachher nicht begraben, sondern in ein brunnenartiges Burgverließ geworfen, in welchem der Lebende viele unglückliche Opfer hatte verschmachten lassen.

Das war das Ende des tapferen Hugo von Wildenfels, das irdische wenigstens, denn es scheint, als ob ihn seine guten Vorsätze nicht im Grabe ruhen ließen. Zu gewissen Zeiten im Jahre sollte er wenigstens gesehen sein, wie er auf der hinausstarrenden Zinne seines verödeten Schlosses stand und den eigenen Kopf hoch in der Hand nach jener Burg hinüberhielt, in welcher die Auserwählte seines Herzens gewohnt. Ob er sich, indem er ihr den abgeschlagenen Kopf zeigte, damit entschuldigen wollte, daß er sein Wort nicht eingelöst und sie heimgeholt — und allerdings konnte ein solcher Fall als genügender Entschuldigungsgrund gelten — ob er, einem höheren Willen folgend, als abschreckendes Beispiel herumgehen mußte und deßhalb nicht die ewige Ruhe fand, man weiß es nicht. Soviel aber ist sicher, daß es keine alte und vielleicht auch wenige junge Frauen in Wellheim gab, die nicht fest daran geglaubt hätten, daß der kopflose Hugo von Wildenfels noch heutigen Tags — oder vielmehr Nachts — dann und wann erschien, und man hätte Manchen im Ort finden können, der bereit gewesen wäre selber zu beschwören, daß er das entsetzliche Gespenst mit eigenen Augen gesehen.

Uebrigens schien der Ritter seine alte, unheilvolle Thätigkeit jetzt wirklich eingestellt zu haben, denn wenn er sich einmal wieder auf seiner Zinne irgend einem Nachtwandler zeigte, so bedeutete das, wie man sich im Volk erzählte, jedesmal ein gutes Weinjahr, und die Kunde wurde darum immer mit Freuden begrüßt. Drehte sich doch die ganze Existenz der Leute um den Wein.

So war er auch heuer, und sogar zwei Mal, von zwei verschiedenen Leuten gesehen worden; und wie hatte er dabei seinen Ruf bewährt! Es gab gar nicht genug Gefäße im Orte, um nur den süßen Most zu fassen, und der alte Wein schlechterer Jahrgänge wurde um einen Spottpreis verkauft, nur um das Faß zu frischem Gebrauch frei zu bekommen.

Es dämmerte, und im „Burgverließ“, einer kleinen, aber sehr stark besuchten Weinschenke in Wellheim, hatte sich schon ein Theil der Stammgäste eingefunden, um dort, wie sie sich ausdrückten, „ihren Schoppen“ zu trinken. Das Wort „Schoppen“ ist freilich gefällig, denn es enthält gleich im Singular seinen Plural, und daß es nicht bei einem, auch wohl nicht bei drei und vieren blieb, ist sicher.

Trotz der wachsenden Beschäftigung in der Wirthsstube schien aber Rosel, des Wirthes liebliches Töchterlein, doch einen Augenblick Zeit gewonnen zu haben, auf den Hof hinaus zu eilen und ein paar Worte mit einem jungen Mann zu wechseln, der dort jedenfalls auf sie gewartet haben mußte. Sie fürchtete sich auch gar nicht vor ihm, sondern legte ihr Köpfchen ganz vertrauensvoll an seine Brust und litt es, daß er ihr wieder und immer wieder die Stirn küßte; aber es war ihr doch nicht freudig dabei zu Muthe, denn große helle Thränen standen ihr in den Augen und rollten dann schwer an den Wangen hinab auf ihr Mieder.

Endlich, während er ihr liebe und gute Worte zugeflüstert, wand sie sich aus seinem Arme.

„Ich muß fort, Bruno,“ sagte sie, sich mit der Schürze die verrätherischen Thränen abtrocknend, „Du weißt, der Vater will es nicht leiden, daß ich mit Dir spreche, und das Zimmer ist auch voller Gäste, so daß die Bärbel gar nicht mit ihnen fertig wird, und mehr kommen noch. Ein ganzes Boot voll ist den Nachmittag den Rhein hinaufgefahren, Alle wollten heut Abend bei uns einkehren.“

„Drei Tage hab’ ich Dich jetzt nicht gesehen, Rosel, und kaum drei Minuten kannst Du mir schenken,“ klagte der junge Mann; „das ist recht hart.“

„Aber Du weißt ja doch, daß es nicht von mir abhängt, Bruno,“ bat das Mädchen, „mir thut’s ja selber weh genug, aber kann ich es ändern? Leb’ wohl, ich bleib’ Dir gut, das ist sicher und Du hast mein Wort; nun hab’ Geduld, und vielleicht wird Alles noch besser, als wir denken.“

„Besser als wir denken,“ seufzte der junge Mann; „o, wenn ich Dich hier fortnehmen, wenn ich Dich zu meiner Mutter bringen dürfte, daß Du nur der Gesellschaft erst enthoben wärest!“

„Hab’ nur keine Sorge um mich, Bruno,“ lächelte das junge Mädchen wohl freundlich, aber zugleich auch recht wehmüthig, „ich bin hier schon gut genug aufgehoben. Schau’ nur, daß Du was schaffst und vor Dich bringst, ich halt’ treulich aus.“

„Und Dein Bruder —“

„Er ist nicht so schlimm, wie Du denkst,“ sagte das Mädchen treuherzig, „ein bischen roh wohl, lieber Gott, er hat sich lange in der Welt umhergetrieben, und daß ich den Menschen nicht heirathen will, den er mir zugedacht, mag ihm auch ein wenig in die Krone gestiegen sein, aber sie kennen die Rosel — er und der Vater — und wissen, daß sie, wenn sie ’mal was gesagt hat, nie im Leben davon abzubringen ist, mag’s nun biegen oder brechen.“

„Sie werden Dir so lange zureden —“

„Hab’ keine Angst, da zu dem Ohr geht’s hinein und zu dem wieder heraus; in’s Herz hinunter kommt nichts, verlaß Dich darauf. Aber jetzt muß ich fort, Jesus Maria, der da drinnen reißt mir noch die Klingel ab. Es sind gewiß mehr Leute gekommen. Leb’ wohl, Bruno —“

„Und wann seh’ ich Dich wieder?“

„Bist Du morgen Abend noch hier?“

„Ja, aber den ganzen Tag soll ich —“

„Sei morgen früh um neun Uhr auf dem Wege nach der Ruine, vielleicht mach’ ich’s möglich, daß ich ein halb Stündchen abkomme. Die Leut’ haben jetzt Werkeltags viel zu thun und da giebt’s bei uns mehr Zeit. So, schütz’ Dich Gott, Bruno,“ und ihm die Lippen zum Kuß hinhaltend, wand sie sich rasch aus seinem Arm und verschwand im Haus. Aber sie sollte nicht unbemerkt wieder in’s Schenkzimmer schlüpfen, denn ihr Vater, der eben mit einem großen Krug voll Wein aus dem Keller trat, stand im Flur und sagte finster:

„So? Hatt’ ich Dir’s nicht verboten, Dich mit dem adligen Hungerleider wieder einzulassen? und bist Du jetzt nicht draußen auf dem Hof bei ihm gewesen? Durch die Kellerluke hab’ ich Euch gesehen.“

„Was kann er dafür, daß er adlig ist, Vater!“ sagte das Mädchen; „wenn wir das kleine Von vor unserm Namen trügen, wär’ ich auch unschuldig daran.“

„Aber er hat nichts als seinen Dünkel im Kopf,“ brummte der Wirth, „und seiner Sippschaft sind wir ebenfalls ein Dorn im Auge.“

„Wenn er stolz wäre, hielt er doch nicht um die Wirthstochter an,“ sagte das Mädchen.

„Soll mich wohl noch bei dem Schreiber bedanken, daß er sich hier in ein warmes Nest zu setzen denkt?“ knurrte der Wirth, „und kurz und gut, ich leid’s nicht, daß Du zu ihm hältst. Er ist nicht stolz, Gott bewahre, und als ich ihm anbot, er sollte hier bei mir eintreten und die Wirthschaft lernen, was antwortete er da? Das dürfe er seiner Familie nicht zu Leide thun. Ei, zum Geier! sie haben das Brod kaum, was sie essen, und die alte, hochnäsige Baronin schleppt das alte, schwarze Seidenkleid schon so lange, daß man jeden Faden daran erkennen kann; aber versteht sich, Seide muß es sein und Spitzen drum herum und Blumen und Federn auf dem Hut. Kommt er mir noch einmal über die Schwelle, Gott straf’ mich, wenn ich ihm nicht schneller hinaushelfe, als er eingetreten ist.“

„Aber Vater —“

„Jetzt marsch, fort mit Dir, da drinnen sitzt die Stube voll Gäste und Du treibst Dich indessen draußen im Hof mit dem Lump herum; mach’, daß Du hineinkommst, und nimm den Krug mit — es ist guter.“

Rosel zögerte einen Moment; das Blut hatte bei den letzten Worten ihre Wangen verlassen und ein eigenes Feuer glühte aus den dunklen Augen des Mädchens — aber es war ja ihr Vater — sie durfte sich ihm nicht widersetzen. Nur mit einem schweren, recht aus voller Brust herausgeholten Seufzer nahm sie den Krug auf und ging an ihre Arbeit, während der Wirth, Paul Jochus, langsam und sich selber wenig genug um die zahlreichen Gäste kümmernd, in seine eigene Stube hinaufstieg und sich dort einschloß.

Paul Jochus hatte eigentlich eine recht lange Zeit keinen besonders guten Ruf in Wellheim gehabt, und gesellig verkehren mochten selbst jetzt noch nur Wenige mit ihm. Er war rauh in seinem Wesen und verschlossen, mit der üblen Angewohnheit dabei, daß er, wenn er mit Jemandem sprach, ihm nie in’s Auge, sondern immer bald auf die rechte, bald auf die linke Schulter sah. Außerdem blieb es in der kleinen Stadt, wo derartige Familienverhältnisse nicht geheim gehalten werden können, eine bekannte Thatsache, daß er seine verstorbene Frau, ein liebes, sanftes Wesen, stets roh und unfreundlich behandelt hatte, so daß sie sich, auch noch von Nahrungssorgen gequält, langsam aber sicher zu Tode grämte.

Es mußte damals in der That mit Paul Jochus’ Verhältnissen scharf bergunter gegangen sein; er hatte gespielt und viel Geld verloren und sich dann dermaßen dem Trunk ergeben, daß sämmtliche anständige Gäste sein Haus mieden und schon das Gerücht in der Stadt ging, das „Burgverließ“ würde nächstens von Gerichtswegen öffentlich versteigert werden, nur um die aufgelaufenen Schulden zu bezahlen.

Sein Sohn erster Ehe, Franz, war inzwischen draußen in der Fremde gewesen; er hatte sich mit der Stiefmutter nicht vertragen können, weil ihm diese das nicht wollte hingehen lassen, was sie bei dem Gatten nicht hindern konnte. Er war Künstler geworden, wie er sich nannte, als er zurückkam, Kupferstecher und Lithograph, und beabsichtigte, sich jetzt am Rhein niederzulassen.

Da starb die Mutter, und erst nach ihrem Tode mochte Paul Jochus wohl fühlen, was er an ihr gehabt, was er an ihr gesündigt, denn er ging eine Weile wie gebrochen umher und hatte dabei das Trinken fast ganz aufgegeben. Er sah auch wieder fleißig nach seiner Wirthschaft, und wenn auch noch immer nur sehr wenig Gäste bei ihm einsprachen, schien es doch als ob sich seine Umstände von Tag zu Tag wieder besserten. Vom Verkauf des Grundstücks war keine Rede mehr, ja sogar die aufgelaufenen Schulden wurden nach und nach abbezahlt, und da Rosel indeß herangewachsen war und dem Schenkzimmer selber vorstehen konnte, zog sie durch ihr freundliches Wesen bald wieder eine Menge Gäste in’s Haus, doch ohne sich je das Geringste gegen einen derselben zu vergeben. Ueberhaupt hatte das junge Mädchen trotz ihres zarten Alters etwas ungemein Bestimmtes in ihrem ganzen Wesen, und die Wellheimer wußten, was sie sagten, wenn sie die Rosel „ein wahres Prachtmädel“ nannten.

Wo nur der Jochus das viele Geld herbekam? So viel warf die Wirthschaft doch nicht ab, das konnten sie ihm recht gut nachrechnen, und in den letzten zwei Jahren hatte er sich ein Stück Weinberg nach dem andern gekauft. Einige sagten zwar, der Sohn habe Geld mit aus der Fremde gebracht; Andere wollten behaupten, der alte Jochus hätte eine Erbschaft gemacht — wo es aber auch herkam, von Jochus selber erfuhren sie es nicht, denn der war eher noch verschlossener als sonst, aber jetzt auch, was sich nicht läugnen ließ, ein vollkommen anderer und ordentlicher Mensch geworden. Wenn er mehr Geld hatte als früher, verthat und verpraßte er es nicht, sondern legte es auf vernünftige Weise an, und da er keiner Seele mehr etwas schuldete, brauchte sich auch Niemand darum zu kümmern, woher ihm seine Mittel flossen.

Franz, sein Sohn, war kurze Zeit bei ihm im Haus gewesen, und es hieß einmal, er wolle sich in Wellheim selber etabliren. Der kleine Ort würde ihm jedoch kaum Beschäftigung genug geboten haben, und wenn er je den Plan gefaßt, gab er ihn wieder auf. Er hatte sich auch gleich einen Compagnon mitgebracht, einen jungen Herrn aus Berlin, der sich immer fein kleidete, immer Glacéhandschuh trug und sich natürlich gleich nach den ersten vierundzwanzig Stunden sterblich in Rosel verliebte, ja, ihr sogar seine Hand anbot und von dem Bruder lebhaft dabei unterstützt wurde. Rosel mochte ihn aber vom ersten Augenblick an nicht leiden, denn er hatte etwas Freches und Spöttisches in seinem Wesen, und als er sogar noch zudringlich wurde, fertigte sie ihn so entschieden, auf nicht mißzuverstehende Weise ab, daß er seine Werbung nothgedrungen einstellen mußte.

Franz hatte danach einen heftigen Auftritt mit Rosel, und da sich die Geschwister überhaupt nicht recht vertragen konnten, siedelten die beiden jungen Männer nach Hellenhof, einer größeren Stadt, über, die etwa anderthalb Stunden von Wellheim entfernt, doch tiefer im Land, vom Rhein ab lag. Dort, hieß es, wollten sie sich niederlassen, und dort blieben sie auch, und nur sehr selten kam Franz noch manchmal nach Wellheim zum Besuch herüber, wobei er dann nie verfehlte der Schwester von seinem Compagnon vorzureden, wenn gleich immer vergeblich.

Der alte Jochus hatte sich indessen fast ganz von dem „Geschäft“ zurückgezogen, bei dem er fast nur noch den Einkauf des nöthigen Weines und das Keltern des eigenen besorgte. Sonst freilich saß er manchmal bis Mitternacht und noch länger bei den Gästen unten in der Stube, trank mit ihnen oder spielte Karten. Jetzt aber, seit er ordentlich geworden, zog er sich an jedem Abend auf seine Stube zurück und mußte dann auch jedenfalls gleich zu Bette gehen, denn man hörte ihn nie lange in seinem Zimmer.

Heute schien er sich noch früher loszumachen. Er war den ganzen Tag mürrisch und verdrießlich gewesen und hatte Stunden lang auf einem Stuhl in der Ecke gesessen und vor sich niedergestarrt. Es ging ihm jedenfalls etwas im Kopf herum, einem Menschen aber vertraute er’s nicht an, am wenigsten der Rosel, wenn er sie auch sonst lieb genug hatte. Diese wußte auch schon, daß solche böse Stunden — und jetzt öfter als früher — wohl manchmal über ihn kamen. Wenn man ihn aber dann in Ruhe ließ, gingen sie auch wieder von selber vorüber, und am nächsten Morgen geschah es dann nicht selten, daß er lustig im Haus herumpfiff und ein ganz anderer Mensch geworden schien.

Der Rosel war es deshalb recht lieb, daß er sich heute so früh abschloß. Der böse Geist, der in ihm stak, mußte eben austoben, nachher sah er die Welt wieder mit freundlicheren Augen an, und morgen ließ sich vielleicht auch ein vernünftiges und ruhiges Wort mit ihm über Bruno reden. Vor zehn Uhr stand der Vater doch nie auf, kam wenigstens, schon seit langen Monden, nie früher zum Vorschein, und um neun Uhr hatte sie ja Bruno auf den Weg bestellt. Da wollte sie mit ihm Rücksprache nehmen, und wenn möglich, einen Plan für ihr künftiges Leben fassen. Jetzt aber schüttelte sie alle die Gedanken ab, denn da drinnen gab’s wahrlich genug zu thun und Bärbel, das Schenkmädchen, und Caspar, ein armer Verwandter, den Jochus als angehenden Kellner ins Haus genommen, hatten alle Hände voll Arbeit.