Es war naß geworden, ich breitete es aus und legte es in die Sonne. Darauf begann ich in meinem Zimmer auf und ab zu wandern. Wie bedrückend alles aussah! Rings auf dem Boden kleine abgeschnittene Streifen von Blechplatten. Aber kein Stuhl zum Sitzen, nicht einmal ein Nagel in den nackten Wänden. Alles war in „Onkels Keller” gebracht und war verzehrt worden. Ein paar Bogen Papier auf dem Tisch, dick mit Staub bedeckt, war all mein Besitz. Die alte grüne Decke auf dem Bett hatte mir Hans Pauli vor einigen Monaten geliehen.... Hans Pauli! Ich knipse mit den Fingern. Hans Pauli Pettersen muß mir helfen! Und ich besinne mich auf seine Adresse. Wie konnte ich auch Hans Pauli vergessen! Er wird sicher sehr gekränkt sein, weil ich mich nicht gleich an ihn gewandt hatte. Rasch setze ich meinen Hut auf, raffe das Manuskript zusammen und eile die Treppe hinunter.
Hör Jens Olai, rief ich in den Stall, ich glaube ganz bestimmt, daß ich dir heute nachmittag helfen kann!
Beim Rathaus angekommen, sehe ich, daß es elf Uhr vorbei ist, und ich beschließe, sofort in die Redaktion zu gehen. Vor der Bureautüre blieb ich stehen, um zu untersuchen, ob meine Papiere auch der Reihe nach lägen; ich glättete sie sorgfältig, steckte sie wieder in die Tasche und klopfte an. Mein Herz pochte hörbar, als ich eintrat.
Die Schere ist wie gewöhnlich da. Ich frage furchtsam nach dem Redakteur. Keine Antwort. Der Mann sitzt mit seiner langen Schere da und bohrt kleine Nachrichten aus den Provinzzeitungen heraus.
Ich wiederhole meine Frage und trete weiter vor.
Der Redakteur ist noch nicht gekommen, sagte die Schere endlich, ohne aufzusehen.
Und wann er käme?
Kann es nicht sagen, kann es durchaus nicht sagen, Sie.
Wie lange ist das Bureau offen?
Hierauf bekam ich keine Antwort mehr und mußte gehen. Die Schere hatte während des Ganzen nicht einen Blick auf mich geworfen. Er hatte meine Stimme gehört und mich daran wiedererkannt. So schlecht bist du hier angesehen, dachte ich, man findet es nicht einmal der Mühe wert, dir zu antworten. Ob dies wohl eine Weisung des Redakteurs war? Ich hatte ihn allerdings auch, seit mein berühmtes Feuilleton für zehn Kronen angenommen worden war, mit Arbeiten überschwemmt, hatte beinahe jeden Tag seine Türe mit unbrauchbaren Sachen eingerannt, die er hatte durchlesen und mir zurückgeben müssen. Er wollte dem vielleicht ein Ende machen, seine Verhaltungsmaßregeln treffen.... Ich begab mich auf den Weg nach Homansby hinaus.
Hans Pauli Pettersen war ein Bauernstudent in der Mansarde eines vierstöckigen Hauses, also war Hans Pauli Pettersen ein armer Mann. Aber hatte er eine Krone, so würde er sie nicht schonen. Ich würde sie so gewiß bekommen, als hätte ich sie schon in der Hand. Und ich ging weiter und freute mich auf diese Krone und fühlte mich ihrer sicher. Als ich an die Haustüre kam, war sie verschlossen, und ich mußte läuten.
Ich wünsche mit dem Studenten Pettersen zu sprechen, sagte ich und wollte hinein; — ich weiß sein Zimmer.
Student Pettersen? wiederholt das Mädchen. Der in der Dachstube gewohnt habe? Er sei ausgezogen. Ja, wohin, wüßte sie nicht, aber er hatte gebeten, seine Briefe zu Hermansen in der Toldbodstraße zu senden, und das Mädchen nannte die Nummer.
Voll Hoffnung und Glauben gehe ich die ganze Toldbodstraße hinunter, um Hans Paulis Adresse zu erfragen. Dies war mein letzter Ausweg, und ich mußte ihn ausnützen. Unterwegs kam ich an einem Neubau vorüber, vor dem einige Zimmerleute standen und hobelten. Ich nahm zwei saubere Späne aus dem Haufen, steckte den einen in den Mund und den anderen für später in die Tasche. Und ich setzte meinen Weg fort. Ich stöhnte vor Hunger. In einem Bäckerladen hatte ich ein wunderbar großes Zehnörebrot im Fenster gesehen, das größte Brot, das man für diesen Preis bekommen konnte....
Ich komme, um nach der Adresse des Studenten Pettersen zu fragen.
Bernt Ankersstraße Nummer 10, Dachwohnung. — Ob ich hinausgehen wolle? So, dann wäre ich vielleicht so freundlich, ein paar Briefe mitzunehmen.
Wieder ging ich in die Stadt hinauf, den gleichen Weg, den ich gekommen war, ging wieder an den Zimmerleuten vorbei, die nun mit ihren Blechtöpfen zwischen den Knieen dasaßen und ihre gute, warme Mahlzeit aus der Dampfküche aßen, an dem Bäckerladen vorbei, in dem das Brot noch an seinem Platz lag, und erreichte endlich, halb tot vor Erschöpfung, die Bernt Ankersstraße. Die Türe ist offen, und ich begebe mich die vielen schweren Treppen zum Speicher hinauf. Ich hole die Briefe aus der Tasche, um Hans Pauli gleich beim Eintreten mit einem Schlag in gute Laune zu versetzen. Er würde mir diesen kleinen Gefallen gewiß nicht abschlagen, wenn ich ihm meine Lage erklärte, sicher nicht, Hans Pauli hatte ein so weites Herz, das hatte ich schon immer von ihm gesagt....
An der Türe fand ich seine Karte: „H. P. Pettersen, stud. theol. — heimgereist.”
Ich setzte mich auf der Stelle nieder, setzte mich auf den blanken Boden, dumpfmüde, zerschlagen vor Erschöpfung. Ich wiederhole ein paar Mal mechanisch: Heimgereist! Heimgereist! Dann schweige ich ganz still. Keine Träne war in meinen Augen, ich hatte keinen Gedanken und keine Empfindung. Mit aufgerissenen Augen saß ich da und starrte ohne mir etwas vorzunehmen auf die Briefe. Es vergingen zehn Minuten, vielleicht auch zwanzig oder mehr, ich saß immer auf dem gleichen Fleck und rührte keinen Finger. Diese dumpfe Betäubung war beinahe wie ein Schlummer. Dann höre ich jemand die Treppe heraufkommen, ich stehe auf und sage:
Für den Studenten Pettersen — ich habe zwei Briefe für ihn.
Er ist heimgereist, antwortet die Frau. Aber er kommt nach den Ferien zurück. Die Briefe kann ja ich an mich nehmen, wenn Sie wollen.
Ja danke, das wäre sehr gut, sagte ich, dann erhält er sie, wenn er zurückkommt. Es könnten wichtige Dinge darin sein. Guten Morgen.
Als ich hinausgekommen war, blieb ich stehen und sagte laut, mitten auf der Straße, indem ich die Hände ballte: Eines will ich dir sagen, mein lieber Herr und Gott: du bist ein — na kurz und gut! Und ich nicke wütend mit zusammengebissenen Zähnen zu den Wolken hinauf: Du bist, der Teufel hol' mich, ein —
Dann ging ich einige Schritte und blieb wieder stehen. Indem ich plötzlich die Haltung wechsle, falte ich die Hände, lege meinen Kopf schief und frage mit süßer frommklingender Stimme: Hast du dich auch an ihn gewandt, mein Kind?
Das klang nicht richtig.
Mit großem I, sage ich, mit einem I wie ein Dom! Noch ein Mal: Hast du Ihn denn auch angerufen, mein Kind? Und ich senke den Kopf und mache meine Stimme traurig und antworte: Nein.
Das klang auch nicht richtig.
Du kannst doch nicht heucheln, du Narr! Ja, mußt du sagen, ja ich habe meinen Gott und Vater angerufen! Und du mußt die jämmerlichste Melodie, die du je gehört hast, zu deinen Worten finden. Also, noch ein Mal! Ja, das war schon besser. Aber du mußt seufzen, seufzen wie ein krankes Pferd. So!
Da gehe ich und unterrichte mich selbst, stampfe ungeduldig auf die Straße, wenn es mir nicht gelingen will und schelte mich einen Holzklotz, während die erstaunten Vorübergehenden sich nach mir umwenden und mich betrachten.
Ich kaute ununterbrochen auf meinem Hobelspan und schwankte, so schnell ich konnte, durch die Straßen. Bevor ich es selbst wußte, war ich ganz unten am Bahnhofsplatz. Die Uhr an der Erlöserkirche zeigte halb zwei. Ich stand eine Weile still und überlegte. Ein matter Schweiß trat mir auf die Stirne und sickerte mir in die Augen. Komm ein wenig mit zum Hafen! sagte ich zu mir. Das heißt, wenn du Zeit hast? Und ich verbeugte mich vor mir selbst und ging zum Eisenbahnkai hinunter. Die Schiffe lagen draußen, die See wiegte sich im Sonnenschein. Überall war geschäftige Bewegung, waren heulende Dampfpfeifen, Träger mit Kisten auf den Schultern, muntere Aufgesänge klangen von den Prahmen herüber. Eine Kuchenfrau sitzt in meiner Nähe und beugt sich mit ihrer braunen Nase über ihre Waren; der kleine Tisch vor ihr ist sündhaft voll von Leckereien, und ich wende mich mit Unwillen ab. Sie erfüllt den ganzen Kai mit ihrem Speisengeruch! Pfui! Auf mit den Fenstern! Ich wende mich an einen Herrn, der mir zur Seite sitzt, und stelle ihm eindringlich diesen Mißstand vor, Kuchenfrauen hier und Kuchenfrauen dort.... Nicht? Ja, aber er müsse doch wohl einräumen, daß.... Doch der gute Mann ahnte Unrat und ließ mich nicht ein Mal zu Ende sprechen, er erhob sich und ging. Auch ich erhob mich und ging ihm nach, fest entschlossen, diesen Mann von seinem Irrtum zu überzeugen.
Sogar aus Rücksicht für die sanitären Verhältnisse, sagte ich und klopfte ihm auf die Schulter....
Entschuldigen Sie, ich bin fremd hier und weiß nichts von den sanitären Verhältnissen, sagte er und starrte mich voll Entsetzen an.
Na, das veränderte die Sache, wenn er fremd war.... Ob ich ihm nicht irgendeinen Dienst erweisen könnte? Ihn umherführen? Denn es würde mir ein Vergnügen sein, und es sollte ihn ja nichts kosten....
Aber der Mann wollte mich absolut loswerden und kreuzte schnell über die Straße zum anderen Gehsteig hinüber.
Ich ging wieder zu meiner Bank zurück und setzte mich. Ich war sehr unruhig, und der große Leierkasten, der ein wenig weiter weg zu spielen begonnen hatte, machte es noch schlimmer. Eine feste, metallische Musik, ein Brocken von Weber, zu dem ein kleines Mädchen eine traurige Weise singt. Das Flötenartige, Leidensvolle des Leierkastens rieselt mir durchs Blut, meine Nerven fangen zu zittern an, als gäben sie Widerhall, und einen Augenblick später sinke ich auf die Bank zurück, winsele und summe mit. Worauf verfallen unsere Empfindungen nicht, wenn man hungert! Ich fühle mich in diese Töne aufgenommen, aufgelöst in Töne, ich ströme aus, und ich merke ganz deutlich, wie ich ströme, hoch über den Bergen schwebend, in lichte Zonen hineintanzend....
Einen Ör! sagt das kleine Leierkastenmädchen und streckt seinen Blechteller vor. Nur einen Ör!
Ja, antwortete ich unbewußt und sprang auf und durchsuchte meine Taschen. Aber das Kind glaubt, daß ich es nur zum besten halten will und entfernt sich sofort, ohne ein Wort zu sagen. Diese stumme Duldsamkeit war zuviel für mich; hätte es mich ausgescholten, wäre es mir lieber gewesen. Der Schmerz ergriff mich, und ich rief sie zurück. Ich habe keinen Ör, sagte ich, aber ich werde an dich denken, vielleicht morgen. Wie heißt du? Ja, das ist ein schöner Name, ich werde ihn nicht vergessen. Also morgen....
Aber ich fühlte gut, daß sie mir nicht glaubte, obwohl sie kein Wort sagte, und ich weinte vor Verzweiflung darüber, daß diese kleine Straßendirne mir nicht glauben wollte. Noch ein Mal rief ich sie zurück, riß schnell meinen Rock auf und wollte ihr meine Weste geben. Ich will dich schadlos halten, sagte ich, wart einen Augenblick....
Und ich hatte keine Weste.
Wie konnte ich auch nach ihr suchen! Es waren Wochen vergangen, seit sie in meinem Besitz gewesen. Was fiel mir auch ein? Das erstaunte Mädchen wartete nicht länger, sondern zog sich eilig zurück. Und ich mußte es gehen lassen. Leute scharten sich um mich und lachten laut, ein Polizeibeamter drängt sich bis zu mir durch und will wissen, was los ist.
Nichts, antwortete ich, gar nichts! Ich wollte nur dem kleinen Mädchen dort meine Weste geben.... für seinen Vater.... Deswegen brauchen Sie nicht dazustehen und zu lachen. Ich könnte ja nach Hause gehen und eine andere anziehen.
Keinen Unfug auf der Straße! sagt der Schutzmann. Soo, Marsch! Und er pufft mich vorwärts. Sind das Ihre Papiere? ruft er mir nach.
Ja, Tod und Teufel, mein Zeitungsartikel, viele wichtige Schriften! Wie konnte ich auch so unvorsichtig sein....
Ich packe mein Manuskript zusammen, vergewissere mich, daß es in Ordnung liegt und gehe, ohne einen Augenblick anzuhalten oder mich umzusehen, zur Redaktion hinauf. An der Erlöserkirche war es nun vier Uhr.
Das Bureau ist geschlossen. Ich schleiche über die Treppe hinunter, ängstlich wie ein Dieb, und bleibe ratlos vor dem Tore draußen stehen. Was soll ich tun? Ich lehne mich an die Mauer, starre auf die Steine hinab und denke nach. Eine Stecknadel liegt da und schimmert vor meinen Füßen, und ich beuge mich nieder und hebe sie auf. Wenn ich nun die Knöpfe von meinem Rock abtrennte, was würde ich für sie bekommen? Vielleicht wäre es zwecklos. Knöpfe waren eben Knöpfe; aber ich drehte und untersuchte sie nach allen Seiten und fand, daß sie so gut wie neu seien. Es war doch eine glückliche Idee, ich konnte sie mit meinem halben Federmesser abschneiden und sie zum Keller bringen. Die Hoffnung, ich könne diese fünf Knöpfe verkaufen, belebte mich sofort, ich sagte: Sieh, sieh, es macht sich! Meine Freude nahm überhand, und ich fing gleich an, die Knöpfe einen nach dem anderen abzutrennen. Dabei hielt ich folgendes stumme Gespräch:
Ja, sehen Sie, man ist ein bißchen arm geworden, eine augenblickliche Verlegenheit.... Abgenützt, sagen Sie? Sie dürfen sich nicht falsch ausdrücken. Den möchte ich sehen, der seine Knöpfe weniger abnützt als ich. Ich gehe immer mit offenem Rock, sage ich Ihnen; es ist bei mir zur Gewohnheit geworden, eine Eigenheit .... Nein, nein, wenn Sie nicht wollen, dann. Aber ich möchte meine zehn Öre dafür haben. Mindestens .... Nein, Herrgott, wer hat denn behauptet, daß Sie müssen? Halten Sie Ihren Mund und lassen Sie mich in Frieden.... Ja ja, meinetwegen holen Sie die Polizei. Ich werde hier warten, während Sie den Schutzmann holen. Und ich werde Ihnen nichts stehlen.... Na, guten Tag, guten Tag! Mein Name ist also Tangen, ich bin ein wenig zu lang aus gewesen....
Da kommt jemand die Treppe herunter. Augenblicklich bin ich wieder in der Wirklichkeit, ich erkenne die Schere und stecke die Knöpfe eiligst in die Tasche. Er will vorbei, beantwortet nicht einmal meinen Gruß, hat es plötzlich so eifrig mit seinen Fingernägeln. Ich stelle ihn und frage nach dem Redakteur.
Ist nicht da, Sie.
Sie lügen! sagte ich. Und mit einer Frechheit, die mich selbst erstaunte, fuhr ich fort: Ich muß mit ihm sprechen; es ist eine notwendige Sache. Ich kann ihm etwas vom Stiftsgaard mitteilen.
Ja, können Sie es denn nicht mir sagen?
Ihnen? sagte ich und maß die Schere mit den Augen.
Dies half. Sofort ging er mit mir wieder hinauf und öffnete die Türe. Nun saß mir das Herz im Halse. Ich biß die Zähne heftig zusammen, um mir Mut zu machen, klopfte an und trat in das Privatkontor des Redakteurs.
Guten Tag! Sind Sie es? sagte er freundlich. Setzen Sie sich bitte.
Hätte er mir augenblicklich die Türe gewiesen, wäre es mir lieber gewesen; ich fühlte die Tränen und sagte:
Ich bitte um Entschuldigung....
Setzen Sie sich, wiederholte er.
Und ich setzte mich und erklärte, daß ich wieder einen Artikel habe und daß es mir sehr am Herzen läge, ihn in seinem Blatt erscheinen zu lassen. Ich hätte mir solche Mühe damit gegeben, er habe mich soviel Anstrengung gekostet.
Ich werde ihn lesen, sagte er und nahm ihn. Anstrengung kostet Sie gewiß alles, was Sie schreiben! aber Sie sind eben zu heftig. Wenn Sie nur ein wenig besonnener wären! Zuviel Fieber. Ich werde ihn aber lesen. Und er wandte sich wieder zum Tisch.
Da saß ich. Wagte ich, um eine Krone zu bitten? Ihm zu erklären, weshalb alles Fieber war? Dann würde er mir sicher helfen; es war nicht das erste Mal.
Ich stand auf. Hm! Aber als ich das letzte Mal bei ihm gewesen war, hatte er über Geldknappheit geklagt, sogar den Kassenboten ausgeschickt, um Geld für mich zusammenzuscharren. Das würde nun vielleicht wieder der Fall sein. Nein, das sollte nicht geschehen. Sah ich denn gar nicht, daß er beschäftigt war?
War es sonst noch etwas? fragte er.
Nein, sagte ich und machte meine Stimme fest. Wann darf ich wieder vorsprechen?
Ach, wenn Sie einmal vorbeikommen, antwortete er, in ein paar Tagen oder so.
Ich konnte meine Bitte nicht über die Lippen bringen. Die Freundlichkeit dieses Mannes schien ohne Grenzen, und ich wollte sie zu achten wissen. Lieber zu Tode hungern. Und ich ging.
Nicht einmal, als ich draußen stand und wieder einen Hungeranfall fühlte, bereute ich es, das Bureau verlassen zu haben, ohne um diese Krone zu bitten. Ich nahm den anderen Hobelspan aus der Tasche und steckte ihn in den Mund. Das half wieder. Warum hatte ich das nicht früher getan? Du müßtest dich schämen! sagte ich laut; konnte es dir wirklich einfallen, diesen Mann um eine Krone zu bitten und ihn wieder in Verlegenheit zu bringen? Und ich wurde richtig grob gegen mich selbst, wegen der Unverschämtheit, die mir da eingefallen war. Das ist bei Gott das Schofelste, das ich je gehört habe! sagte ich; zu einem Mann zu rennen und ihm beinahe die Augen auszukratzen, nur weil du eine Krone brauchst, du elender Hund! So, Marsch! Schneller! Schneller, du Lümmel! Ich will dich lehren!
Ich begann zu laufen, um mich zu bestrafen, legte springend eine Straße nach der anderen zurück, trieb mich mit verbissenen Zurufen vorwärts und schrie mir innerlich stumm und wütend zu, wenn ich anhalten wollte. Auf diese Weise war ich weit hinauf in den Pilestraede gekommen. Als ich endlich stillstand, beinahe losheulend vor Zorn, weil ich nicht länger laufen konnte, bebte ich am ganzen Körper, und ich warf mich auf eine Treppe hin. Nein, halt! sagte ich. Und um mich richtig zu quälen, stand ich wieder auf und zwang mich stehenzubleiben, und lachte über mich selbst und ergötzte mich an meiner eigenen Verkommenheit. Endlich, nach Verlauf mehrerer Minuten, gab ich mir durch ein Nicken Erlaubnis, mich zu setzen; aber auch da wählte ich mir noch den unbequemsten Platz auf der Treppe.
Herrgott, war es prachtvoll, sich auszuruhen! Ich trocknete den Schweiß von meinem Gesicht und trank große frische Atemzüge. Wie war ich gelaufen! Aber ich bereute es nicht, es war wohlverdient. Warum hatte ich auch eine Krone verlangen wollen? Nun sah ich die Folgen! Und ich fing an, mir sanft zuzusprechen, Ermahnungen zu geben, wie es eine Mutter hätte tun können. Ich wurde immer rührseliger, müde und kraftlos begann ich zu weinen. Ein stilles und innerliches Weinen, ein inwendiges Schluchzen ohne eine Träne.
Eine Viertelstunde oder länger saß ich an der gleichen Stelle. Leute kamen und gingen und niemand belästigte mich. Kleine Kinder spielten ringsum da und dort, ein Vogel sang in einem Baum auf der anderen Seite der Straße.
Ein Schutzmann kam auf mich zu und sagte:
Warum sitzen Sie hier?
Warum ich hier sitze? fragte ich. Weil es mich freut.
Ich habe Euch in der letzten halben Stunde hier beobachtet, sagte er. Ihr habt eine halbe Stunde hier gesessen?
So ungefähr, antwortete ich. Sonst noch etwas? Ich erhob mich zornig und ging.
Am Marktplatz angekommen, blieb ich stehen und sah die Straße hinunter. Weil es mich freut! War das nun auch eine Antwort? Vor Müdigkeit, solltest du gesagt haben, und du solltest deine Stimme weinerlich gemacht haben — du bist ein Vieh, du lernst niemals zu heucheln! — Vor Erschöpfung! Und du solltest geseufzt haben wie ein Pferd.
Als ich zur Brandwache kam, blieb ich wieder stehen, von einem neuen Einfall ergriffen. Ich knipste mit den Fingern, schlug ein lautes Gelächter auf, das die Vorübergehenden erstaunte, und sagte: Nein, nun mußt du wirklich zum Pfarrer Levison hinausgehen. Das mußt du wahrhaftig tun. Doch, nur um es zu versuchen. Was hast du dabei zu versäumen? Es ist ja auch solch herrliches Wetter.
Ich ging in Paschas Buchladen, fand im Adreßbuch Pastor Levisons Wohnung und begab mich hinaus. Nun gilt es! sagte ich, mache nun keine Streiche! Gewissen, sagst du? Keinen Unsinn; du bist zu arm, um ein Gewissen zu haben. Du bist hungrig, das bist du, kommst mit einem wichtigen Anliegen, dem ersten, dringendsten. Aber du mußt den Kopf auf die Schulter legen und deinen Worten Melodie verleihen. Das willst du nicht? Dann gehe ich nicht einen Schritt weiter mit dir, das weißt du sehr gut. Ferner: du bist in einem Zustand der Anfechtung, kämpfst in der Nacht mit den Mächten der Finsternis, mit großen lautlosen Ungeheuern, daß es ein Grauen ist, hungerst und durstest nach Wein und Milch und bekommst nichts. So weit ist es mit dir gekommen. Nun stehst du da und hast keinen Tropfen Öl mehr auf deiner Lampe. Aber du glaubst an die Gnade, Gott sei Lob, du hast den Glauben noch nicht verloren! Und dann mußt du die Hände zusammenschlagen und aussehen wie ein reiner Satan vor lauter Glauben an die Gnade. Was den Mammon betrifft, so hassest du den Mammon in allen seinen Gestalten, eine andere Sache ist es mit dem Psalmenbuch, eine Erinnerung für ein paar Kronen.... An der Türe des Pfarrers hielt ich an und las: „Sprechstunde von 12 bis 4”.
Jetzt keinen Unsinn! sagte ich; nun machen wir Ernst damit! So, hinunter mit dem Kopf, noch ein wenig.... und ich läutete an der Privatwohnung.
Kann ich den Herrn Pastor sprechen? sagte ich zum Mädchen; aber es war mir unmöglich Gottes Namen einzuflechten.
Er ist ausgegangen, antwortete sie.
Ausgegangen! Ausgegangen! Das zerstörte meinen ganzen Plan, verrückte vollständig alles, was ich zu sagen mir ausgedacht hatte. Welchen Nutzen hatte ich nun von diesem langen Weg? Jetzt stand ich wieder da. War es etwas Besonderes? fragte das Mädchen.
Durchaus nicht! antwortete ich, nein gar nicht! Es war nur so ein gesegnetes Wetter des Herrn, und da wollte ich gerne herauskommen und den Herrn Pastor begrüßen.
Da stand ich und da stand sie. Mit Absicht streckte ich die Brust heraus, um sie auf die Stecknadel, die meinen Rock zusammenhielt, aufmerksam zu machen; ich bat sie mit den Augen, zu sehen, wozu ich gekommen war; aber die arme Haut verstand nichts.
Ein gesegnetes Wetter des Herrn, ja. Ob auch die gnädige Frau nicht zu Hause sei?
Doch, aber sie habe Gicht, liege ohne sich rühren zu können auf dem Sofa....
Ob ich vielleicht eine Nachricht oder sonst etwas hinterlassen wolle?
Nein durchaus nicht. Ich mache öfters solche Spaziergänge, um ein bißchen Bewegung zu haben. Das sei so gut nach dem Mittagessen.
Ich begab mich auf den Rückweg. Was konnte es nützen, noch länger zu schwätzen? Außerdem fühlte ich Schwindel; fast wäre ich allen Ernstes zusammengebrochen. Sprechstunde von 12 bis 4; ich hatte um eine Stunde zu spät angeklopft. Die Stunde der Gnade war vorbei.
Am Stortorv setzte ich mich auf eine der Bänke bei der Kirche. Herrgott, wie schwarz es nunmehr für mich aussah! Ich weinte nicht, ich war zu müde. Bis zum Äußersten gepeinigt saß ich da, ohne mir irgend etwas vorzunehmen, saß unbeweglich und hungerte. Die Brust war gewiß entzündet, es brannte so merkwürdig arg da drinnen. Auch das Spänekauen wollte nichts mehr nützen; meine Kiefer waren der fruchtlosen Arbeit müde, und ich ließ sie rasten. Ich ergab mich. Obendrein hatte ein Stück brauner Apfelsinenschale, das ich auf der Straße gefunden und sofort zu benagen angefangen hatte, mir Würgen verursacht. Ich war krank; die Pulsadern meiner Handgelenke schwollen blau an.
Was hatte ich auch eigentlich erhofft? Den ganzen Tag war ich um einer Krone willen herumgelaufen, die mich doch nur einige Stunden länger am Leben hätte erhalten können. War es im Grund nicht gleichgültig, ob das Unumgängliche einen Tag früher oder später geschah? Hätte ich mich wie ein ordentlicher Mensch betragen, so wäre ich längst heimgegangen, hätte mich zur Ruhe gelegt, mich ergeben. Meine Gedanken waren in diesem Augenblick klar. Nun sollte ich sterben; es war die Zeit des Herbstes und alles war in Winterschlaf gefallen. Ich hatte jedes Mittel versucht, jede Hilfsquelle, die ich wußte, ausgenützt. Sentimental spielte ich mit diesem Gedanken und jedes Mal, wenn ich wieder auf eine mögliche Rettung hoffte, flüsterte ich abweisend: Du Narr, du hast ja schon angefangen zu sterben! Ich sollte ein paar Briefe schreiben, alles fertig haben, mich bereit machen. Ich wollte mich sorgfältig waschen und mein Bett schön ordnen; meinen Kopf wollte ich auf die paar Bogen weißen Schreibpapiers legen, das sauberste Ding, das ich noch besaß, und die grüne Decke könnte ich....
Die grüne Decke! Mit einem Mal wurde ich hell wach, das Blut stieg mir zum Kopf, und ich bekam starkes Herzklopfen. Ich erhebe mich von der Bank und beginne zu gehen, das Leben rührt sich überall in mir von neuem, und ich wiederhole immer wieder die losgerissenen Worte: die grüne Decke! Die grüne Decke! Ich gehe schneller und schneller, als gelte es etwas einzuholen, und stehe nach kurzer Zeit wieder daheim in meiner Spenglerwerkstatt.
Ohne einen Augenblick anzuhalten oder in meinem Entschluß zu wanken, gehe ich zum Bett hin und rolle Hans Paulis Decke zusammen. Es müßte doch seltsam zugehen, wenn mich mein guter Einfall nicht retten könnte! Über die dummen Bedenken, die in mir wach wurden, war ich unendlich erhaben; ich gab ihnen allen den Laufpaß. Ich war kein Heiliger, kein Tugendbold, noch hatte ich meinen Verstand....
Und ich nahm die Decke unter den Arm und ging in die Stenersstraße Nummer 5.
Ich klopfte an und trat zum ersten Mal in den großen fremden Saal; die Klingel an der Türe schlug eine ganze Menge desperater Schläge über meinem Kopf an. Ein Mann kommt von einem Nebenzimmer herein, kauend, den Mund voll Essen, und stellt sich vor den Ladentisch.
Ach leihen Sie mir eine halbe Krone auf meine Brille? sagte ich; ich werde sie in ein paar Tagen wieder einlösen, ganz bestimmt.
Was? Nein, das ist doch eine Stahlbrille?
Ja.
Nein, das kann ich nicht.
Ach nein, das können Sie ja wohl nicht. Es war auch nur so gesagt. Nein, ich habe eine Decke dabei, für die ich eigentlich keinen Gebrauch mehr habe, und es fiel mir ein, daß Sie mir diese am Ende abnehmen könnten.
Ich habe leider ein ganzes Lager von Bettzeug, erwiderte er. Und als ich sie aufgerollt hatte, warf er einen einzigen Blick darauf und rief:
Nein, entschuldigen Sie, dafür habe ich wirklich keine Verwendung!
Ich wollte Ihnen die schlechteste Seite zuerst zeigen, sagte ich; auf der anderen Seite ist sie viel besser.
Ja, ja, das hilft nichts, ich will sie nicht haben. Sie werden nirgends zehn Öre dafür bekommen.
Nein, es ist klar, sie ist nichts wert, aber ich dachte, daß sie vielleicht mit irgendwelchen anderen alten Decken zusammen auf die Auktion kommen könnte.
Ja, nein, es nützt nichts.
Fünfundzwanzig Öre? sagte ich.
Nein, ich will sie überhaupt nicht haben, Mensch, ich will sie nicht einmal im Haus haben.
Da nahm ich die Decke wieder unter den Arm und ging heim.
Ich tat vor mir selbst, als sei nichts geschehen, breitete die Decke wieder über das Bett, strich sie schön glatt, wie ich es zu tun pflegte und versuchte jede Spur meiner letzten Handlung auszulöschen. Ich konnte unmöglich bei vollem Verstand gewesen sein in dem Augenblick, als ich den Entschluß faßte, diesen Spitzbubenstreich zu begehen; je mehr ich darüber nachdachte, desto unmöglicher kam es mir vor. Es mußte ein Anfall von Schwäche gewesen sein, oder irgend eine Schlappheit meines Inneren, die mich überrumpelt hatte. Ich war ja auch nicht endgültig in diese Falle gegangen. Ich hatte geahnt, daß es anfing, schief mit mir zu gehen, und ich hatte es ausdrücklich zuerst mit der Brille versucht. Und ich freute mich sehr, daß ich nicht Gelegenheit gefunden hatte, diese Sünde zu begehen, die die letzten Stunden meines Lebens besteckt haben würde.
Und wieder wanderte ich in die Stadt hinein.
Ich ließ mich abermals auf einer Bank bei der Erlöserkirche nieder, schlummerte, den Kopf auf der Brust, erschlafft nach der letzten Erregung, krank und verkommen vor Hunger. Und die Zeit ging.
Ich wollte auch diese Stunde draußen sitzen bleiben; es war hier etwas heller als drinnen im Haus. Außerdem kam es mir so vor, als arbeite es in meiner Brust nicht ganz so heftig, wenn ich in der freien Luft war; ich kam ja auch zeitig genug heim.
Und ich kämpfte mit dem Schlaf und dachte und litt unsäglich. Ich hatte einen kleinen Stein gefunden, den ich abputzte und in den Mund steckte, um etwas auf der Zunge zu haben; sonst rührte ich mich nicht und bewegte nicht einmal die Augen. Menschen kamen und gingen, Wagengerassel, Pferdegetrampel und Stimmen erfüllten die Luft.
Aber ich könnte es doch mit den Knöpfen versuchen? Es nützte natürlich nichts, und außerdem war ich ziemlich krank. Doch wenn ich es recht überlegte, mußte ich auf dem Heimweg sowieso die Richtung zum „Onkel” — meinem eigentlichen „Onkel” — einschlagen.
Endlich erhob ich mich und schleppte mich langsam und taumelnd durch die Straßen. Ich fühlte einen brennenden Schmerz über meinen Augenbrauen, ein Fieber war im Anzug, und ich beeilte mich soviel ich konnte. Abermals kam ich an dem Bäckerladen vorbei, in dem das Brot lag. So, nun bleiben wir hier nicht stehen, sagte ich mit gemachter Bestimmtheit. Aber wenn ich nun hineinginge und um einen Bissen Brot bäte? Das war ein Gedankenblitz, ein Funken. Pfui! flüsterte ich und schüttelte den Kopf. Und ich ging weiter, voll Spott über mich selbst. Ich wußte doch gut, daß es nichts nützte, mit Bitten in diesen Laden zu kommen.
Im Repslagergang stand ein Paar in einem Tor und flüsterte; ein wenig weiter steckte ein Mädchen den Kopf aus dem Fenster. Ich ging ganz ruhig und bedachtsam, sah aus, als grüble ich über alles mögliche — und das Mädchen kam auf die Straße.
Wie steht's mit dir, Alter? Wie? Bist du krank? Nein, Gott steh mir bei, welch ein Gesicht! Und das Mädchen zog sich eiligst zurück.
Plötzlich blieb ich stehen. Was war mit meinem Gesicht los? Hatte ich wirklich zu sterben begonnen? Ich fühlte mit der Hand über die Wangen: mager, natürlich war ich mager; die Wangen waren wie zwei Schalen mit dem Boden nach innen. Herrgott! Und ich schlich mich weiter.
Aber ich blieb wiederum stehen. Ich mußte ganz unbegreiflich mager sein. Und die Augen waren auf dem Weg in den Kopf hinein. Wie sah ich eigentlich aus? Es war ja nun auch, um zum Teufel zu fahren, daß man sich bei lebendigem Leib schon nur durch Hunger entstellen lassen mußte. Ich fühlte noch einmal die Raserei in mir, ihr letztes Aufflackern, ein Muskelzucken. Gott bewahr mich, welch ein Gesicht, was? Hier ging ich mit einem Kopf, der im Lande nicht seinesgleichen fand, mit einem Paar Fäusten, die, Gott steh mir bei, einen Dienstmann zu Mehl und Staub zermalmen konnten und hungerte bis zur Entstellung mitten in der Stadt Kristiania! War das eine Art und Weise? Ich hatte mich wie ein Roß abgeschunden, Tag und Nacht, hatte mir die Augen aus dem Schädel studiert und mir den Verstand aus dem Gehirn gehungert — was, zum Teufel, hatte ich nun davon? Sogar die Straßendirnen baten Gott, sie von diesem Anblick zu befreien. Aber nun soll Schluß sein — verstehst du! — Schluß soll es sein, hol mich der Satan!.... Mit ständig wachsender Wut, mit unter dem Gefühl meiner Mattheit knirschenden Zähnen, unter Weinen und Fluchen fuhr ich fort, loszupoltern, ohne der Leute zu achten, die an mir vorbeigingen. Ich fing wieder an, mich selbst zu martern, rannte mit Absicht meine Stirne gegen die Laternenpfähle, grub die Nägel tief in meine Handflächen, zerbiß im Wahnsinn meine Zunge, wenn sie nicht deutlich sprach, und ich lachte jedesmal rasend, wenn es weh tat.
Ja, aber was soll ich tun? antwortete ich mir zuletzt selbst. Und ich stampfe mehrere Male auf den Boden und wiederhole: Was soll ich tun? — Ein Herr geht gerade vorbei und bemerkt lächelnd:
Gehen Sie hin und lassen Sie sich einsperren.
Ich sah ihm nach. Es war einer unserer bekannten Frauenärzte, der „Herzog” genannt. Nicht einmal er verstand sich auf meinen Zustand, ein Mann, den ich kannte, dessen Hand ich gedrückt hatte. Ich wurde still. Einsperren? Ja, ich war verrückt; er hatte recht. Ich fühlte den Wahnsinn in meinem Blut, fühlte sein Jagen durch das Gehirn. So sollte es also mit mir enden! Ja ja! Und wieder begann ich meinen langsamen traurigen Gang. Da also sollte ich landen!
Mit einem Mal stand ich wieder still. Aber nicht einsperren! sage ich; nur das nicht! Und ich war beinahe heiser vor Angst. Ich bat, flehte ins Blaue hinein: nur nicht eingesperrt werden! Dann würde ich wieder aufs Rathaus kommen, in eine dunkle Zelle eingeschlossen werden, in der es nicht einen Funken Licht gab. Nur das nicht! Es gab ja noch andere Auswege, die mir offen standen. Und ich wollte sie versuchen; ich wollte fleißiger sein, mir gut Zeit dazu nehmen und unverdrossen von Haus zu Haus umhergehen. Da war nun zum Beispiel der Musikalienhändler Cisler, bei ihm war ich noch gar nicht gewesen. Es gab schon noch Rat.... So ging ich und sprach, bis ich wieder vor Rührung weinen mußte. Nur nicht eingesperrt werden!
Cisler? War dies vielleicht ein höherer Fingerzeig? Sein Name war mir ohne Grund eingefallen, und er wohnte so weit weg; aber ich wollte ihn dennoch aufsuchen, wollte langsam gehen und dazwischen ausruhen. Ich kannte den Laden, ich war oft dort gewesen, hatte in guten Tagen dort ein paar Noten gekauft. Durfte ich ihn um eine halbe Krone bitten? Das würde ihn vielleicht genieren; ich mußte um eine ganze bitten.
Ich kam in den Laden und fragte nach dem Chef; man führte mich in sein Bureau. Da saß der Mann, hübsch, modisch gekleidet, und sah Papiere durch.
Ich stammelte eine Entschuldigung und brachte mein Anliegen vor. Von dem Drang gezwungen, mich an ihn zu wenden.... Es sollte nicht sehr lange dauern, bis ich es zurückbezahlen würde.... Wenn ich das Honorar für meinen Zeitungsartikel bekäme.... Er würde mir eine so große Wohltat erweisen.
Noch während ich sprach, wandte er sich wieder zum Pult und setzte seine Arbeit fort. Als ich fertig war, sah er schräg zu mir herüber, schüttelte seinen hübschen Kopf und sagte: Nein! Nur Nein. Keine Erklärung. Kein Wort.
Meine Kniee bebten heftig und ich stützte mich gegen die kleine polierte Schranke. Ich mußte es noch einmal versuchen. Warum sollte mir gerade sein Name eingefallen sein, als ich weit unten im „Vaterland” gestanden? Es riß ein paarmal in meiner linken Seite, und ich begann zu schwitzen. Hm. Ich sei wirklich höchst heruntergekommen, sagte ich, leider ziemlich krank; es würden sicher nicht mehr als ein paar Tage vergehen, bis ich es zurückzahlen könne. Ob er nicht so freundlich sein wolle?
Lieber Mann, warum kommen Sie ausgerechnet zu mir? sagte er. Sie sind mir ein vollständiges X, von der Straße hereingelaufen. Gehen Sie zu der Zeitung, bei der man Sie kennt.
Aber nur für heute abend! sagte ich. Die Redaktion ist schon geschlossen und ich bin jetzt sehr hungrig.
Er schüttelte andauernd den Kopf, schüttelte ihn sogar immer noch, als ich schon die Klinke erfaßt hatte.
Leben Sie wohl! sagte ich.
Dies war kein höherer Fingerzeig gewesen, dachte ich und lächelte bitter; so hoch könnte ich auch zeigen, wenn es darauf ankäme. Ich schleppte mich durch ein Viertel nach dem anderen, hie und da rastete ich auf einer Treppe. Wenn ich nur nicht eingesperrt wurde! Das Entsetzen vor der Zelle verfolgte mich die ganze Zeit, ließ mich nicht in Frieden; so oft ich einen Schutzmann auf meinem Weg sah, huschte ich in eine Seitenstraße, um die Begegnung zu vermeiden. Jetzt zählen wir hundert Schritte, sagte ich, und dann versuchen wir wieder unser Glück! Einmal wird doch wohl Rat werden ....
Es war ein kleiner Weißwarenladen, ein Geschäft, das ich nie vorher betreten hatte. Ein einzelner Mann hinter dem Ladentisch, im Hintergrund das Kontor mit dem Porzellanschild an der Türe, beladene Regale und Borde in langer Reihe. Ich wartete, bis der letzte Kunde, eine junge Dame mit Lachgrübchen, den Laden verlassen hatte. Wie glücklich sie aussah! Ich, mit meiner Stecknadel im Rock, versuchte nicht, Eindruck auf sie zu machen, sondern wandte mich ab.
Wünschen Sie etwas? fragte der Gehilfe.
Ist der Chef da? sagte ich.
Er ist auf einer Gebirgstour in Jotunheimen, antwortete er. War es etwas Besonderes?
Nur ein paar Öre zum Essen, sagte ich und versuchte zu lächeln; ich bin hungrig und habe nicht einen Ör.
Dann sind Sie ebenso reich wie ich, sagte er und fing an, Garnpakete zu ordnen.
Ach, weisen Sie mich nicht fort — nicht jetzt! sagte ich, auf einmal kalt über den ganzen Körper hinab. Ich bin wirklich beinahe tot vor Hunger. Seit vielen Tagen habe ich nichts mehr gegessen.
Im tiefsten Ernst, ohne etwas zu sagen, begann er seine Taschen umzudrehen, eine nach der anderen. Ob ich seinen Worten nicht glauben wolle?
Nur fünf Öre, sagte ich. Dann werden Sie in ein paar Tagen zehn wieder bekommen.
Lieber Mann, wollen Sie denn, daß ich sie aus der Kasse stehle? fragte er ungeduldig.
Ja, sagte ich, ja, nehmen Sie fünf Öre aus der Kasse.
Könnte mir einfallen! Und er fügte hinzu: Und lassen Sie es sich nur gleich gesagt sein: jetzt ist's genug.
Ich schob mich hinaus, krank vor Hunger und heiß vor Scham. Nein, nun sollte es ein Ende haben! Es war wirklich zu weit mit mir gekommen. Ich hatte mich so viele Jahre oben gehalten, war in so harten Stunden aufrecht gestanden, und nun war ich mit einem Mal bis zur brutalen Bettelei herabgesunken. Dieser eine Tag hatte mein ganzes Denken verroht, mein Gemüt mit Schamlosigkeit beschmutzt. Ich hatte mich nicht entblödet, mich vor den kleinsten Krämern zu demütigen und mich vor sie hinzustellen und zu weinen. Und was hatte es genützt? War ich nicht vielleicht immer noch ohne einen Bissen Brot, den ich in den Mund stecken könnte? Ich hatte nur erreicht, daß es mich vor mir selbst ekelte. Ja ja, nun mußte es ein Ende haben! Gleich würde man das Tor daheim schließen, ich mußte mich beeilen, wenn ich nicht heute nacht wieder auf dem Rathaus schlafen wollte....
Dies gab mir Kräfte; im Rathaus wollte ich nicht übernachten. Mit vorgebeugtem Körper, die Hand an die linken Rippen gestemmt, um die Stiche ein wenig abzuschwächen, tappte ich vorwärts, hielt die Augen aufs Pflaster geheftet, um nicht etwaige Bekannte zum Grüßen zu zwingen, und hastete zur Brandwache. Gott sei Dank, es war erst sieben Uhr an der Erlöserkirche, ich hatte noch drei Stunden, bis das Tor geschlossen wurde. Wie hatte ich mich geängstigt.
So war also kein Ding unversucht geblieben, ich hatte alles getan, was ich konnte. Daß es wirklich einen ganzen Tag lang nicht ein einziges Mal glücken wollte! dachte ich. Wenn ich das jemand erzählte, so würde es keiner glauben, und wenn ich es niederschriebe, würde man sagen, daß es erfunden sei. An keiner einzigen Stelle! Ja ja, es gab keinen Rat mehr; vor allem nicht mehr rührselig sein. Pfui, das war ekelhaft, ich versichere dir, daß es mich vor dir ekelt! Wenn alle Hoffnung verloren war, so war es aus. Konnte ich mir übrigens im Stall nicht eine Hand voll Hafer stehlen? Ein Lichtstrahl, ein Streifen — ich wußte, daß der Stall verschlossen war.
Ich ertrug es mit Ruhe und kroch in langsamem Schneckengang heimzu. Ich fühlte Durst, erfreulicherweise zum ersten Mal am ganzen Tag, und sah mich nach einer Stelle um, wo ich trinken konnte. Ich war schon zu weit von den Basaren entfernt, und in ein Privathaus wollte ich nicht gehen; ich konnte vielleicht auch warten, bis ich heimkam; das würde eine Viertelstunde dauern. Es war auch gar nicht gesagt, daß ich einen Schluck Wasser bei mir behalten konnte; mein Magen vertrug überhaupt nichts mehr, ich fühlte sogar von dem Speichel, den ich hinunterschluckte, ein Würgen.
Aber die Knöpfe! Mit den Knöpfen hatte ich es noch gar nicht versucht! Da stand ich sofort still und begann zu lächeln. Vielleicht gab es doch noch Hilfe! Ich war nicht ganz verurteilt! Zehn Öre würde ich ganz bestimmt dafür bekommen, morgen bekam ich dann sonst irgendwo zehn dazu, und am Donnerstag könnte ich vielleicht das Geld für meinen Zeitungsartikel erhalten. Ich würde es schon noch erleben, es machte sich! Daß ich wirklich die Knöpfe vergessen konnte! Ich holte sie aus der Tasche und betrachtete sie, während ich wiederum weiter ging; meine Augen wurden dunkel vor Freude, ich sah die Straße nicht mehr vor mir.
Wie genau ich den großen Keller kannte, meine Zuflucht an den dunklen Abenden, mein blutsaugender Freund! Meine Besitztümer waren eins nach dem anderen da unten verschwunden, meine Kleinigkeiten von daheim, mein letztes Buch. An den Auktionstagen ging ich gerne hin, um zuzusehen, und ich freute mich, wenn meine Bücher in gute Hände zu kommen schienen. Der Schauspieler Magelsen hatte meine Uhr, und darauf war ich beinahe stolz; einen Jahreskalender, in dem mein erster kleiner poetischer Versuch stand, hatte ein Bekannter gekauft, und mein Überrock landete bei einem Photographen zum Ausleihen im Atelier. Also daran war weiter nichts auszusetzen.
Ich hielt meine Knöpfe in der Hand bereit und trat ein. Der „Onkel” sitzt an seinem Pult und schreibt.
Ich habe keine Eile, sage ich, ängstlich, ihn zu stören und ungeduldig zu machen. Meine Stimme klang so seltsam hohl, ich kannte sie beinahe nicht wieder, und mein Herz schlug wie ein Hammer.
Er kam mir wie immer lächelnd entgegen, legte seine Hände flach auf den Ladentisch und sah mir ins Gesicht ohne etwas zu sagen.
Ja, ich hätte etwas dabei und wollte ihn nur fragen, ob er keine Verwendung dafür habe.... etwas, das mir daheim nur im Weg lag, ich versichere, nur zur Plage, einige Knöpfe.
Na, was ist es denn, was ist es denn mit den Knöpfen? Und er senkt seine Augen ganz auf meine Hand hinunter.
Ob er mir nicht einige Öre dafür geben könne? Soviel ihm selbst gut dünke.... Ganz nach seinem eigenen Ermessen....
Für die Knöpfe? Und „Onkel” starrt mich verwundert an. Für diese Knöpfe?
Nur zu einer Zigarre oder dergleichen. Ich ging eben vorbei und da wollte ich hereinschauen.
Da lachte der alte Pfandleiher und drehte sich zu seinem Pult zurück ohne ein Wort zu sagen. Nun stand ich wieder da. Ich hatte eigentlich nicht viel erhofft, und trotzdem hatte ich es für möglich gehalten, daß mir geholfen würde. Dieses Lachen war mein Todesurteil. Nun konnte wohl auch ein Versuch mit der Brille nichts mehr nützen?
Ich würde natürlich meine Brille mit dreingeben, das ist selbstverständlich, sagte ich und nahm sie ab. Nur zehn Öre, oder wenn er wolle, fünf Öre.
Sie wissen doch, daß ich Ihnen auf Ihre Brille nichts leihen kann, sagte „Onkel”; ich habe Ihnen das schon früher gesagt.
Aber ich brauche eine Briefmarke, erwiderte ich dumpf; ich könne nicht einmal die Briefe abschicken, die ich schreiben müsse. Eine Briefmarke für fünf oder zehn Öre, ganz wie Sie es selbst für gut finden.
Nun machen Sie um Gotteswillen, daß Sie fortkommen! antwortete er mit einer abwehrenden Handbewegung.
Ja ja, dann muß ich es wohl sein lassen, sagte ich zu mir selbst. Mechanisch setzte ich die Brille wieder auf, nahm die Knöpfe in die Hand und ging. Ich sagte Gute Nacht und schloß die Türe wie gewöhnlich hinter mir. Hieran war also nichts mehr zu ändern! Draußen vor dem Treppenschacht blieb ich stehen und sah die Knöpfe noch einmal an. Daß er sie durchaus nicht haben wollte! sagte ich; es sind doch fast neue Knöpfe. Das kann ich nicht verstehen!
Während ich in diese Betrachtungen vertieft dastand, kam ein Mann vorbei und ging in den Keller hinunter. Er hatte mir in der Eile einen kleinen Stoß versetzt, wir baten beide um Entschuldigung, und ich drehte mich um und sah ihm nach.
Nein bist du es? sagte er plötzlich unten auf der Treppe. Er kam herauf, und ich erkannte ihn. Gott behüte dich, wie siehst du aus! sagte er. Was hast du da unten getan?
Ach — Geschäfte. Du willst hinunter, wie ich sehe?
Ja. Was hast denn du hingebracht?
Meine Knie bebten, ich stützte mich an die Wand und streckte meine Hand mit den Knöpfen aus.
Was, zum Teufel? rief er. Nein, das geht aber doch zu weit!
Gute Nacht! sagte ich und wollte gehen; ich fühlte das Weinen in der Brust.
Nein, warte einen Augenblick! sagte er.
Worauf sollte ich warten? Er war doch selbst auf dem Weg zum „Onkel”, brachte vielleicht seinen Verlobungsring hin, hatte mehrere Tage gehungert, war seiner Wirtin Geld schuldig.
Ja, antwortete ich, wenn du bald....
Natürlich, sagte er und ergriff mich beim Arm; aber ich will dir sagen, ich trau dir nicht, du bist ein Idiot; es ist am besten, du gehst mit hinunter.
Ich begriff, was er wollte, verspürte plötzlich wieder ein Gefühl von Ehre aufsteigen und antwortete:
Kann nicht! Ich habe versprochen, um halb acht Uhr in der Bernt Ankersstraße zu sein, und....
Halb acht, ganz richtig, ja! Aber jetzt ist es acht Uhr. Hier habe ich die Uhr in der Hand, die da hinunter soll. So, hinein mit dir, du hungriger Sünder! Ich bekomme mindestens fünf Kronen für dich.
Und er puffte mich hinein.
Dritter Abschnitt
Eine Woche verging in Herrlichkeit und Freuden.
Ich war auch dieses Mal über das Schlimmste hinweggekommen, hatte jeden Tag zu essen gehabt, mein Mut stieg, und ich schob ein Eisen nach dem anderen ins Feuer. Ich hatte drei oder vier Abhandlungen in der Arbeit, die mein armseliges Gehirn um jeden Funken beraubten, um jeden Gedanken, der darin entstand, und ich fand, daß es besser ging als je vorher. Der letzte Artikel, für den ich so viel Lauferei gehabt und auf den ich so viel Hoffnung gesetzt hatte, war mir bereits vom Redakteur zurückgesandt worden, und ich hatte ihn sofort vernichtet — zornig, beleidigt, ohne ihn nochmals durchzulesen. In Zukunft wollte ich es bei einer anderen Zeitung versuchen, um mir mehrere Auswege zu eröffnen. Im schlimmsten Fall, wenn auch dies nichts half, hatte ich noch die Schiffe als Zuflucht. Die „Nonne” lag segelklar unten am Kai, gegen Arbeit nahm sie mich vielleicht mit nach Archangel, oder wo es eben hingehen sollte. Es fehlte mir also nicht an Aussichten nach verschiedenen Seiten hin.
Die letzte Krise hatte mir böse mitgespielt. Ich verlor das Haar in großen Mengen, das Kopfweh war auch sehr lästig, besonders am Morgen, und die Nervosität wollte sich nicht geben. Tagsüber saß ich da und schrieb und hatte die Hände in Tücher eingebunden, nur weil ich meinen eigenen Atem auf ihnen nicht ertragen konnte. Wenn Jens Olai die Stalltüre unter mir hart zuschlug, oder ein Hund in den Hinterhof kam und zu bellen anfing, drangen mir kalte Stiche durch Mark und Bein und trafen mich überall. Ich war ziemlich heruntergekommen.
Tag für Tag mühte ich mich mit meiner Arbeit, gönnte mir kaum die Muße, mein Essen zu schlucken, und setzte mich schon wieder zum Schreiben hin. In dieser Zeit waren sowohl das Bett wie mein kleiner wackeliger Tisch mit Notizen und beschriebenen Blättern, an denen ich abwechselnd arbeitete, überschwemmt. Ich fügte neue Dinge hinzu, die mir im Laufe des Tages einfielen, strich durch, frischte die toten Punkte da und dort mit einem farbigen Wort auf, schleifte mich mit der größten Mühe von Satz zu Satz weiter. Eines Nachmittags endlich war einer meiner Artikel fertig und ich steckte ihn glücklich und froh in die Tasche und begab mich hinauf zum „Kommandeur”. Es war hohe Zeit, daß ich trachtete, wieder ein wenig Geld zu bekommen, ich hatte nicht mehr viele Öre übrig.
Und der „Kommandeur” bat mich, einen Augenblick Platz zu nehmen, er würde sofort.... Und er schrieb weiter.
Ich sah mich in dem kleinen Bureau um: Büsten, Lithographien, Ausschnitte, ein unmäßiger Papierkorb, der aussah, als könne er einen Mann mit Haut und Haar verschlingen. Mir wurde traurig zumute beim Anblick dieses ungeheuren Rachens, dieses Drachenmaules, das immer offen stand, immer bereit, neue abgelehnte Arbeiten — neue zerbrochene Hoffnungen aufzunehmen.
Welches Datum haben wir? sagt plötzlich der „Kommandeur” am Tisch dort.
Den 28., antworte ich, froh darüber, daß ich ihm zu Diensten sein konnte.
Den 28. Und er schreibt immer noch. Endlich legt er ein paar Briefe in die Umschläge, wirft einige Papiere in den Korb und legt die Feder weg. Dann schwingt er sich auf dem Stuhl herum und sieht mich an. Als er merkt, daß ich noch an der Türe stehe, gibt er mir einen halb ernsten, halb scherzhaften Wink mit der Hand und deutet auf einen Stuhl.
Ich wende mich von ihm ab, damit er nicht sehen soll, daß ich keine Weste anhabe, wenn ich den Rock öffne, und hole das Manuskript aus der Tasche.
Es ist nur eine kleine Charakteristik Correggios, sage ich, aber sie ist wohl leider nicht so geschrieben, daß....
Er nimmt mir die Papiere aus der Hand und beginnt in ihnen zu blättern. Er wendet mir sein Gesicht zu.
So sah er also in der Nähe aus, dieser Mann, dessen Namen ich schon in meiner frühesten Jugend gehört hatte, und dessen Zeitung alle diese Jahre her den größten Einfluß auf mich gehabt hatte. Sein Haar ist gelockt und die schönen braunen Augen sind ein wenig unruhig; er hat die Gewohnheit, ab und zu die Luft durch die Nase zu stoßen. Ein schottischer Pfarrer hätte nicht milder aussehen können, als dieser gefährliche Skribent, dessen Worte dort, wo sie hinfielen, stets blutige Striemen schlugen. Ein eigentümliches Gefühl der Furcht und der Bewunderung erfaßt mich diesem Menschen gegenüber, ich bin nahe daran, Tränen in die Augen zu bekommen, und ich rücke unwillkürlich einen Schritt vor, um ihm zu sagen, wie innig ich ihn verehre für all das, was er mich gelehrt hatte, und um ihn zu bitten, mir kein Leid zuzufügen. Ich sei nur ein armseliger Stümper, dem es schon schlimm genug gehe.
Er sah auf und legte das Manuskript langsam zusammen, während er dasaß und nachdachte. Um ihm eine abschlägige Antwort zu erleichtern, strecke ich die Hand ein wenig vor und sage:
Ach nein, natürlich ist es nicht brauchbar? Und ich lächle, um den Eindruck zu machen, daß ich es leicht nehme.
Wir können nur ganz populäre Sachen verwenden, antwortet er. Sie wissen, welche Art von Publikum wir haben. Aber könnten Sie es nicht wieder mitnehmen und ein wenig vereinfachen? Oder sich etwas anderes ausdenken, was die Leute besser verstehen?
Seine Rücksichtnahme setzt mich in Erstaunen. Ich begreife, daß mein Artikel abgelehnt ist, und doch könnte ich keine schönere Zurückweisung bekommen haben. Um ihn nicht länger aufzuhalten, antworte ich:
Doch ja, das kann ich wohl.
Ich gehe zur Türe. Hm. Er möge entschuldigen, daß ich ihn damit in Anspruch genommen habe.... Ich verbeuge mich und fasse nach dem Türgriff.
Wenn Sie etwas brauchen, sagt er, können Sie lieber einen kleinen Vorschuß bekommen. Sie können ja dafür schreiben.
Nun hatte er ja gesehen, daß ich zum Schreiben nicht taugte, — sein Angebot demütigte mich deshalb ein wenig. Ich antwortete:
Nein, danke, ich reiche noch eine Zeitlang aus. Ich danke übrigens vielmals. Leben Sie wohl!
Leben Sie wohl! antwortet der „Kommandeur” und wendet sich gleichzeitig seinem Schreibtisch zu.
Er hatte mich doch unverdient wohlwollend behandelt und ich war ihm dankbar dafür; ich wollte das auch zu würdigen wissen. Ich nahm mir vor, nicht wieder zu ihm zu gehen, bevor ich ihm nicht eine Arbeit bringen konnte, mit der ich selbst ganz zufrieden war, und die den „Kommandeur” ein wenig in Erstaunen setzen sollte und ihn veranlassen konnte, mir ohne einen Augenblick der Überlegung zehn Kronen anweisen zu lassen. Und ich ging wieder heim und machte mich von neuem an meine Schreiberei.
An den folgenden Abenden, gegen acht Uhr, wenn das Gas schon angezündet war, geschah mir regelmäßig folgendes:
So oft ich aus dem Torweg herauskomme, um mich nach des Tages Mühe und Beschwer auf einen kleinen Spaziergang durch die Straßen zu begeben, steht immer eine schwarzgekleidete Dame an dem Laternenpfahl gleich vor dem Tor und wendet mir das Gesicht zu, folgt mir mit den Augen, wenn ich an ihr vorbeikomme. Ich beobachte, daß sie beständig dasselbe Kleid anhat, den gleichen dichten Schleier, der ihr Gesicht verbirgt und über ihre Brust herunterfällt, und daß sie einen kleinen Schirm mit einem Elfenbeinring am Griff in der Hand trägt.
Drei Abende nacheinander hatte ich sie nun schon hier gesehen, immer an derselben Stelle. Sowie ich an ihr vorbeigekommen bin, dreht sie sich langsam um und geht die Straße hinunter, von mir fort.
Mein nervöses Gehirn streckte seine Fühlhörner aus, und mir kam sofort der unsinnige Gedanke, daß ihre Besuche mir galten. Ich war zuletzt fast im Begriff, sie anzusprechen, sie zu fragen, ob sie jemand suche, ob sie irgendeine Hilfe brauche, ob ich sie heimbegleiten, sie, so schlecht gekleidet, wie ich leider sei, in den dunklen Straßen beschützen solle. Aber ich hatte eine unbestimmte Furcht davor, daß es vielleicht Geld kosten könnte, ein Glas Wein, eine Wagenfahrt, und ich hatte gar kein Geld mehr; meine trostlos leeren Taschen wirkten allzu niederschlagend auf mich. Ich hatte nicht einmal den Mut, sie ein wenig forschend anzusehen, wenn ich vorbeiging. Der Hunger hauste schon wieder bei mir, seit dem vorhergegangenen Abend hatte ich nichts gegessen; — das war allerdings noch keine lange Zeit, ich hatte es oft mehrere Tage lang aushalten können, aber ich ließ bedenklich nach, ich konnte gar nicht mehr so gut hungern wie früher, ein einziger Tag konnte mich betäuben, und ich litt an häufigem Erbrechen, sobald ich Wasser trank. Dazu kam, daß ich in den Nächten dalag und fror, in allen Kleidern, wie ich tagsüber ging und stand, und vor Kälte blau wurde. Daß mich jeden Abend Frostschauer durcheisten und ich im Schlaf erstarrte. Die alte Decke konnte die Zugluft nicht abhalten, ich erwachte am Morgen davon, daß mir die Nase durch die scharfe Reifluft, die von außen zu mir hereindrang, zugeschwollen war.
Ich gehe durch die Straßen und denke darüber nach, wie ich es anstellen könnte, mich aufrecht zu halten, bis ich meinen nächsten Artikel fertig hätte. Wenn ich nur eine Kerze besäße, würde ich versuchen, bis in die Nacht hinein loszulegen. Es würde ein paar Stunden dauern, falls ich nur erst richtig in Schwung käme; morgen könnte ich mich dann wieder an den „Kommandeur” wenden.
Ohne weiteres gehe ich ins Oplandske und suche meinen jungen Bekannten von der Bank, um mir zehn Öre für eine Kerze zu verschaffen. Man ließ mich ungehindert durch alle Zimmer gehen. Ich kam an einem Dutzend Tische vorbei, an denen plaudernde Gäste saßen und aßen und tranken, ich drang bis zum Ende des Cafés vor, bis in das Rote Zimmer, ohne meinen Mann zu finden. Flau und ärgerlich verzog ich mich wieder auf die Straße und ging in der Richtung zum Schlosse weiter.
War es nun nicht auch um zum Teufel zu fahren, daß meine Widerstände kein Ende nehmen wollten! Mit langen wütenden Schritten, den Rockkragen brutal in den Nacken heraufgeschlagen und die Hände in den Hosentaschen geballt, ging ich und schimpfte während des ganzen Weges auf meinen unglücklichen Stern. Seit sieben, acht Monaten nicht eine einzige wirklich sorgenfreie Stunde, keine einzige kurze Woche das nötigste Essen, — nun zwang die Not mich abermals auf die Knie. Bei alledem war ich tätig gewesen und mitten in allem Elend ehrlich geblieben, ehrlich, hehe, bis zum alleräußersten! Gott bewahre mich, wie närrisch war ich gewesen! Und ich erzählte mir selbst, wie ich sogar ein schlechtes Gewissen gehabt hatte, weil ich einmal Hans Paulis Decke versetzen wollte. Ich lachte höhnisch über meine zarte Rechtschaffenheit, spuckte verächtlich auf die Straße und fand kein Wort, das stark genug war, mich wegen meiner eigenen Dummheit zum Narren zu halten. Das sollte nur jetzt sein! Fände ich in diesem Augenblick den Sparpfennig eines Schulmädchens auf der Straße, den einzigen Ör einer armen Witwe, ich würde ihn aufheben und ihn in die Tasche stecken, ihn mit bestem Gewissen stehlen und danach die ganze Nacht wie ein Stein schlafen. Nicht umsonst hatte ich für nichts und wieder nichts so unsäglich viel gelitten, meine Geduld war zu Ende, ich war zu allem bereit, was es auch sein mochte.
Ich ging drei, vier Mal ums Schloß, faßte darauf den Entschluß, heimzugehen, machte noch einen kleinen Abstecher in den Park und nahm endlich den Weg durch die Karl Johanstraße zurück.
Es war ungefähr elf Uhr. Die Straße war ziemlich dunkel und überall wanderten Menschen umher, stille Paare und lärmende Scharen. Die große Stunde war da, die Paarungszeit, in der geheime Dinge geschehen und die frohen Abenteuer beginnen. Raschelnde Mädchenröcke, das eine und andere kurze sinnliche Lachen, wogende Brüste, heftige, keuchende Atemzüge; weit unten beim Grand ruft eine Stimme: Emma! Die ganze Straße war ein Sumpf, aus dem heiße Dämpfe aufstiegen.
Unwillkürlich durchsuche ich meine Taschen nach zwei Kronen. Die Leidenschaft, die in jeder Bewegung der Vorübergehenden zittert, sogar das dunkle Licht der Gaslaternen, die stille, schwangere Nacht, alles zusammen beginnt mich anzupacken, diese Luft, die erfüllt ist von Flüstern, Umarmungen, bebenden Geständnissen, halb ausgesprochenen Worten, kleinen Seufzern. Einige Katzen lieben sich mit hohen Schreien im Tor von Blomquist. Und ich hatte keine zwei Kronen! Es war ein Jammer, ein Elend ohnegleichen, so verarmt zu sein! Welche Demütigung, welche Entehrung! Und wieder fällt mir das letzte Scherflein der armen Witwe ein, das ich gestohlen hätte, die Mütze oder das Taschentuch eines Schulknaben, eines Bettlers Brotsack, die ich ohne Umstände zum Lumpensammler gebracht und den Erlös dann verpraßt hätte. Um mich zu trösten und mich schadlos zu halten, fing ich an, an diesen frohen Menschen, die an mir vorbeiglitten, alle möglichen Fehler aufzusuchen, ich zuckte zornig mit den Schultern und sah sie geringschätzig an, wie sie, Paar auf Paar, an mir vorbeizogen. Diese genügsamen, Süßigkeiten naschenden Studenten, die glaubten, europäisch ausschweifend zu sein, wenn sie einem Nähmädchen auf die Brust patschten! Diese Stutzer, Bankleute, Großhändler, Boulevardlöwen! Nicht einmal die Seemannsfrauen und dicken Weiber vom Kutorv, die für ein Seidel Bier im ersten besten Torweg umfielen, verschmähten sie! Welche Sirenen! Der Platz an ihrer Seite war noch warm von der vergangenen Nacht, die sie mit einem Feuerwehrmann oder mit einem Stallknecht verbracht hatten, der Thron war immer frei, gleich weit geöffnet, bitte sehr, steigen Sie hinauf!.... Ich spuckte weit über das Pflaster, ohne mich darum zu kümmern, ob ich jemand treffen könnte, war wütend, erfüllt von Verachtung für diese Menschen, die sich aneinander rieben und sich vor meinen Augen paarten. Ich erhob den Kopf und fühlte mich erhaben und gesegnet, weil ich auf reinen Wegen wandeln durfte.
Am Stortingsplatz traf ich ein Mädchen, das mich starr ansah, als ich an ihre Seite kam.
Guten Abend! sagte ich.
Guten Abend! Sie blieb stehen.
Hm. Ob sie so spät noch spazieren gehe? War es denn nicht ein wenig gefährlich für eine junge Dame, um diese Tageszeit auf Karl Johan zu gehen! Nicht? Ja, aber wurde sie denn niemals angesprochen, belästigt, ich meine, gerade herausgesagt, gebeten mit nach Hause zu kommen?
Sie starrte mich verwundert an, forschte in meinem Gesicht, was ich wohl damit meinen könnte. Dann schob sie plötzlich die Hand unter meinen Arm und sagte:
Also gehen wir!
Ich ging mit. Als wir einige Schritte an den Droschken vorbei waren, hielt ich an, machte meinen Arm frei und sagte:
Höre, mein Kind, ich besitze nicht einen Ör. Und ich schickte mich an, meines Weges zu gehen.
Im ersten Augenblick wollte sie mir nicht glauben; aber nachdem sie alle meine Taschen durchsucht und nichts gefunden hatte, wurde sie ärgerlich, schüttelte den Kopf und nannte mich einen Stockfisch.
Gute Nacht! sagte ich.
Warten Sie ein wenig! rief sie. Ist das eine Goldbrille, die Sie tragen?
Nein.
Dann scheren Sie sich zum Teufel!
Und ich ging.
Gleich darauf kam sie mir nachgelaufen und rief mich wieder.
Sie können trotzdem mitkommen, sagte sie. Ich fühlte mich von diesem Angebot einer armen Straßendirne gedemütigt und sagte Nein. Es sei außerdem spät in der Nacht, und ich hätte noch eine Verabredung; sie könne sich auch solche Opfer nicht erlauben.
Doch, jetzt will ich Sie mit mir haben.
Aber ich gehe auf diese Art nicht mit.
Sie wollen natürlich zu einer anderen, sagte sie.
Nein, antwortete ich.
Ach, ich hatte nicht mehr das richtige Zeug in mir. Mädchen waren für mich beinahe wie Männer geworden, die Not hatte mich ausgedörrt. Ich hatte das Gefühl, daß ich mich dieser aparten Dirne gegenüber in einer jämmerlichen Lage befand und beschloß, den Schein zu retten.
Wie heißen Sie? fragte ich. Marie? Na! Hören Sie nun zu, Marie! Und ich erklärte ihr mein Betragen. Das Mädchen wurde immer erstaunter. Ob sie also geglaubt habe, daß auch ich einer von denen sei, die an den Abenden auf die Straßen gingen und kleine Mädels kaperten? Ob sie wirklich etwas so Schlechtes von mir geglaubt habe? Hatte ich vielleicht zu Beginn etwas Unartiges zu ihr gesagt? Betrug man sich so wie ich, wenn man etwas Böses vor hatte? Kurz und gut, ich habe sie angesprochen und sei ein paar Schritte mit ihr gegangen, um zu sehen, wie weit sie es treiben würde. Übrigens sei mein Name der und der, Pastor so und so. Gute Nacht! Gehe hin und sündige nicht mehr.
Damit ging ich.
Entzückt über meinen guten Einfall rieb ich mir die Hände und sprach laut mit mir selbst. Welche Freude war es doch, umherzugehen und gute Werke zu tun! Vielleicht hatte ich diesem gefallenen Geschöpf einen Anstoß zur Besserung für das ganze Leben gegeben! Und sie würde das anerkennen, wenn sie sich darauf besänne, sich sogar in ihrer Todesstunde, das Herz voll Dank, meiner erinnern. Oh, es lohnte sich trotzdem, ehrlich zu sein, ehrlich und rechtschaffen! Meine Laune war strahlend, ich fühlte mich frisch und mutig zu allem, was es auch sein mochte. Wenn ich nur ein Licht hätte, dann könnte ich vielleicht meinen Artikel fertig schreiben! Ich ging und schlenkerte mit meinem neuen Torschlüssel, summte, pfiff und sann darüber nach, wie ich mir Kredit verschaffen konnte. Es blieb nichts anderes übrig, ich mußte meine Schreibsachen herunterholen, auf die Straße heraus, unter die Gaslaterne. Und ich öffnete das Tor und ging hinauf, um meine Papiere zu holen.
Als ich wieder herunterkam, schloß ich das Tor von außen zu und stellte mich in den Lichtschein. Es war überall still, ich hörte nur den schweren, klirrenden Schritt eines Schutzmannes unten in einer Querstraße, und weit weg, in der Richtung von St. Hanshaugen, einen bellenden Hund. Nichts störte mich, ich zog den Rockkragen über die Ohren und begann aus allen Kräften zu denken. Es würde mir großartig weiterhelfen, wenn ich so glücklich wäre, den Schluß dieser kleinen Abhandlung zustande zu bringen. Ich befand mich eben an einem etwas schwierigen Punkt, es sollte ein ganz unmerklicher Übergang zu etwas Neuem kommen, darauf ein gedämpftes, gleitendes Finale, ein langes Knurren, das zuletzt in einer Klimax enden sollte, so steil, so aufwühlend, wie ein Schuß oder wie der Krach eines berstenden Felsens. Punktum.
Aber die Worte wollten mir nicht einfallen. Ich las das ganze Stück von Anfang an durch, las jeden Satz laut, konnte aber meine Gedanken durchaus nicht zu dieser berstenden Klimax sammeln. Während ich dastand und daran arbeitete, kam obendrein der Schutzmann, stellte sich ein Stück weit von mir entfernt mitten in der Straße auf und verdarb meine ganze Stimmung. Was ging es nun ihn an, daß ich in diesem Augenblick dastand und an einer ausgezeichneten Klimax zu einem Artikel für den „Kommandeur” arbeitete? Herrgott, es war rein unmöglich, mich über Wasser zu halten, was ich auch versuchte! Ich stand eine ganze Stunde da, der Schutzmann ging seines Weges und die Kälte wurde zu groß, um ruhig stehen zu bleiben. Mutlos und verzagt über diesen neuen vergeblichen Versuch öffnete ich endlich wieder das Tor und ging in mein Zimmer hinauf.
Es war kalt da oben, und ich konnte in dieser dicken Finsternis kaum mein Fenster sehen. Ich tastete mich zum Bett vor, zog die Schuhe aus und wärmte meine Füße zwischen den Händen. Dann legte ich mich nieder — so wie ich es seit langer Zeit zu tun pflegte, ganz einfach wie ich ging und stand, in allen Kleidern.
Sobald es am nächsten Morgen hell wurde, setzte ich mich im Bett auf und nahm meinen Artikel wieder in Angriff. In dieser Stellung saß ich bis zum Mittag und hatte dann ungefähr zehn, zwanzig Zeilen zustande gebracht. Und ich war noch nicht zum Finale gekommen.
Ich stand auf, zog die Schuhe an und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, um warm zu werden. Auf den Fensterscheiben lag Eis; ich sah hinaus, es schneite, unten im Hinterhof lag eine dicke Schicht Schnee auf dem Pflaster und auf dem Pumpbrunnen.
Ich kramte im Zimmer umher, ging willenlos auf und ab, kratzte mit den Nägeln an der Wand, legte meine Stirne vorsichtig an die Türe, klopfte mit dem Zeigefinger auf den Boden und horchte aufmerksam, alles ohne irgendeinen Sinn, sondern still und nachdenklich, als hätte ich eine wichtige Sache vor. Und dabei sagte ich ein über das andere Mal laut, so daß ich es selbst hörte: Aber, du guter Gott, das ist doch Wahnsinn! Und so trieb ich es ununterbrochen weiter. Nach Verlauf langer Zeit, vielleicht einiger Stunden, nahm ich mich fest zusammen, biß mich in die Lippe und straffte mich auf, so gut ich konnte. Es mußte ein Ende haben! Ich suchte einen Splitter, um darauf zu kauen, und setzte mich entschlossen wieder zum Schreiben hin.
Ein paar kurze Sätze kamen mit großer Mühe zustande, ein Dutzend ärmlicher Worte, die ich mir mit Gewalt abrang, um nur überhaupt vorwärts zu kommen. Dann hielt ich an, mein Kopf war leer, ich konnte nicht mehr. Und da ich durchaus nicht mehr weiterkommen konnte, starrte ich mit weit offenen Augen auf diese letzten Worte, diesen unbeendeten Bogen, gaffte diese seltsamen zitternden Buchstaben an, die mich vom Papier aus wie kleine stachelige Figuren anstarrten, und zuletzt begriff ich das Ganze nicht mehr, ich dachte an nichts.
Die Zeit verging. Ich hörte den Verkehr auf der Straße, den Lärm von Wagen und Pferden. Jens Olais Stimme stieg aus dem Stall zu mir herauf, wenn er mit den Pferden schwätzte. Ich war ganz schläfrig, saß da und schmatzte ein wenig mit dem Mund, tat aber sonst gar nichts. Meine Brust war in einer traurigen Verfassung. Es begann zu dämmern, ich fiel immer mehr zusammen, wurde müde und legte mich auf das Bett zurück. Um meine Hände ein wenig zu wärmen, strich ich mit den Fingern durch das Haar vor und zurück, kreuz und quer; es gingen kleine Zotteln mit, losgelöste Büschel, die sich zwischen die Finger legten und auf das Kopfkissen fielen. Ich dachte nichts dabei, es war, als ginge es mich nichts an, ich hatte auch noch genug Haare. Ich versuchte wieder, mich aus dieser seltsamen Betäubung aufzurütteln, die mir wie ein Nebel durch alle Glieder glitt, setzte mich aufrecht, schlug mir mit der flachen Hand auf die Knie, hustete, so fest es meine Brust zuließ — und fiel wiederum zurück. Nichts half. Ich starb mit offenen Augen hilflos dahin, geradeaus auf die Decke starrend. Zuletzt steckte ich den Zeigefinger in den Mund und sog daran. In meinem Gehirn begann sich etwas zu rühren, ein Gedanke, der sich da drinnen hervorarbeitete, ein ganz toller Einfall: Wenn ich nun zubiß? Und ohne mich einen Augenblick zu bedenken, kniff ich die Augen zu und schlug die Zähne zusammen.