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Hunger

Chapter 5: Vierter Abschnitt
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About This Book

A first-person narrator wanders an unnamed city in extreme poverty, his starving body and frayed pride shaping episodic, stream-of-consciousness scenes. He seeks odd jobs and tries to sell articles while enduring repeated humiliations, social slights, and creeping mental instability. Starvation warps perception, producing prideful defiance, petty theft, hallucinations, and bursts of creative energy; brief encounters with passersby and the urban environment trace a deteriorating blend of dignity and self-deception as he oscillates between hope and despair.

Wir stehen beide da und sehen zu den Fenstern in Nummer 2 hinauf, als ob keines von uns sie früher schon gesehen hätte.

Können wir nicht zu Ihnen hinaufgehen? frage ich. Ich werde die ganze Zeit bei der Türe sitzen bleiben, wenn Sie das wollen....

Aber nun bebte ich vor Erregung und bereute sehr, so frech gewesen zu sein. Wenn sie nun gekränkt war und von mir fortging? Wenn ich sie nun nie mehr sehen durfte? Ach, welch elenden Anzug ich anhatte. Verzweifelt wartete ich auf die Antwort.

Sie brauchen durchaus nicht an der Türe zu sitzen, sagt sie.

Wir gingen hinauf.

Auf dem Gang, wo es dunkel war, nahm sie meine Hand und führte mich. Ich brauchte durchaus nicht so still zu sein, sagte sie, ich könnte ruhig sprechen. Und wir kamen hinein. Während sie Licht machte — sie zündete keine Lampe an, sondern eine Kerze — während sie diese Kerze anzündete, sagte sie mit einem kleinen Lachen: Aber nun dürfen Sie mich nicht ansehen. Uff, ich schäme mich! Aber ich werde es nie wieder tun!

Was werden Sie nie wieder tun?

Ich werde nie... uff nein, Gott behüte mich.... ich werde Sie nie wieder küssen.

Werden Sie das nicht? sagte ich, und wir lachten beide. Ich streckte die Arme nach ihr aus, sie glitt zur Seite, schlüpfte weg, zur anderen Seite des Tisches hinüber. Wir sahen einander eine Weile an, das Licht stand zwischen uns.

Dann löste sie den Schleier und nahm den Hut ab; währenddessen hingen ihre funkelnden Augen an mir und wachten auf meine Bewegungen, damit ich sie nicht fassen könnte. Ich machte wieder einen Ausfall, stolperte über den Teppich und fiel; mein verletzter Fuß wollte mich nicht mehr tragen. Ich erhob mich äußerst verlegen.

Gott, wie Sie rot geworden sind! sagte sie. Es war aber auch gräßlich ungeschickt.

Ja, das war es.

Und wir begannen wieder herumzuspringen.

Mir scheint, Sie hinken?

Ich hinke vielleicht ein wenig, aber nur wenig.

Kürzlich hatten Sie einen verletzten Finger, jetzt haben Sie einen verletzten Fuß; Sie haben viele Plagen.

Ich wurde vor einigen Tagen ein wenig überfahren.

Überfahren? Wieder betrunken? Nein, Gott bewahre mich, wie Sie leben, junger Mann! Sie drohte mit dem Zeigefinger und stellte sich ernst. Setzen wir uns also! sagte sie. Nein, nicht dort an die Türe; Sie sind zu zurückhaltend, hierher, Sie dort und ich hier, so, ja.... Uff, es ist schrecklich langweilig mit zurückhaltenden Menschen! Da muß man alles selbst tun und sagen, hat nirgends eine Hilfe. Nun könnten Sie zum Beispiel gerne Ihre Hand auf meinen Stuhlrücken legen, Sie hätten das wohl von selbst herausfinden können, das hätten Sie. Und wenn ich so etwas sage, dann machen Sie ein Paar Augen, als glaubten Sie es nicht recht. Ja, das ist wirklich wahr, ich habe es mehrere Male gesehen, jetzt machen Sie es wieder so. Aber Sie dürfen mir nur ja nicht weismachen wollen, daß Sie so bescheiden sind, wenn Sie sich nur getrauen. Sie waren damals ziemlich frech, als Sie betrunken waren und mir bis nach Hause folgten und mich mit Ihren geistreichen Anreden plagten: Sie verlieren Ihr Buch, Fräulein, Sie verlieren ganz bestimmt Ihr Buch, Fräulein! Hahaha! Pfui, das war wirklich schlecht von Ihnen!

Ganz verloren saß ich da und sah sie an. Mein Herz schlug laut, das Blut rann mir warm durch die Adern. Welch ein wundervoller Genuß, wieder in einer menschlichen Wohnung zu sitzen und eine Uhr ticken zu hören, und anstatt mit mir selbst mit einem jungen, lebendigen Mädchen zu reden!

Weshalb reden Sie nichts?

Nein, wie süß Sie sind! sagte ich. Ich sitze hier und bin ganz benommen von Ihnen, hier in diesem Augenblick innerlich benommen. Dagegen ist nichts zu machen. Sie sind das seltsamste Geschöpf, das.... Manchmal strahlen Ihre Augen so, ich habe nie solche Augen gesehen, sie sehen wie Blumen aus. Was? Nein, nein, vielleicht auch nicht wie Blumen, sondern.... Ich bin ganz verliebt in Sie, da hilft gar nichts. Wie heißen Sie? Nun müssen Sie mir aber wirklich sagen, wie Sie heißen....

Nein, wie heißen Sie? Gott, nun hätte ich es beinahe wieder vergessen! Ich dachte gestern die ganze Zeit daran, daß ich Sie danach fragen wollte. Ja, das heißt, nicht den ganzen gestrigen Tag, ich dachte durchaus nicht den ganzen Tag an Sie.

Wissen Sie, wie ich Sie genannt habe? Ich habe Sie Ylajali genannt. Wie gefällt Ihnen das? Solch ein gleitender Laut....

Ylajali?

Ja.

Ist das eine fremde Sprache?

Hm. Nein, das nicht.

Ja, es klingt nicht häßlich.

Nach langen Verhandlungen sagten wir einander unsere Namen. Sie setzte sich mir dicht zur Seite auf das Sofa und schob den Stuhl mit dem Fuß fort. Und wir fingen wieder an zu plaudern.

Sie haben sich heute abend auch rasiert, sagte sie. Im ganzen sehen Sie um einiges besser aus als letzthin, aber nur ein ganz klein bißchen übrigens; bilden Sie sich nur ja nicht ein.... Nein, neulich sahen Sie wirklich schäbig aus. Und obendrein hatten Sie noch einen scheußlichen Lappen um den Finger. Und in diesem Zustand wollten Sie absolut mit mir irgendwohin gehen und Wein trinken. Nein, danke!

Also um meines miserablen Aussehens willen wollten Sie damals nicht mitkommen? sagte ich.

Nein, antwortete sie und sah nieder. Nein, bei Gott, es war nicht deswegen. Ich dachte nicht einmal daran.

Hören Sie, sagte ich, Sie sitzen hier gewiß in dem Glauben, daß ich genau so leben und mich kleiden könne, wie ich möchte? Aber das kann ich eben nicht, ich bin sehr, sehr arm.

Sie sah mich an.

Sind Sie das? fragte sie.

Ja, das bin ich.

Pause.

Du lieber Gott, das bin ich ja auch, sagte sie mit einer unbefangenen Bewegung des Kopfes.

Jedes ihrer Worte berauschte mich, traf mich wie Weintropfen ins Herz, obwohl sie gewißlich ein höchst durchschnittliches Kristianiamädchen war, mit Jargon und kleinen Keckheiten und Geschwätz. Die Gewohnheit, ihren Kopf ein wenig auf die Seite zu legen und zuzuhorchen, wenn ich etwas sagte, entzückte mich. Und ich fühlte ihren Atem dicht an meinem Gesicht.

Wissen Sie, sagte ich, daß.... Aber nun dürfen Sie nicht böse werden.... Als ich gestern abend zu Bett ging, legte ich den Arm für Sie zurecht.... so .... als ob Sie darin lägen. Und so schlief ich ein.

Ach nein? Das war schön! Pause. Aber so etwas konnten Sie auch nur auf Abstand tun; denn sonst....

Glauben Sie nicht, daß ich es auch sonst tun könnte?

Nein, das glaube ich nicht.

Doch, von mir können Sie alles erwarten, sagte ich und warf mich in die Brust. Und ich legte den Arm um ihren Leib.

Kann ich das? erwiderte sie nur.

Es ärgerte und kränkte mich, daß sie mich für so sittsam hielt; ich richtete mich auf, faßte mir ein Herz und ergriff ihre Hand. Aber sie zog sie ganz leise weg und rückte von mir ab. Dies nahm mir wieder den Mut, ich schämte mich und sah zum Fenster. Ich war doch zu jämmerlich, wie ich so dasaß, ich brauchte nicht zu versuchen, mir etwas einzubilden. Hätte ich sie damals getroffen, als ich noch wie ein Mensch aussah, in meinen Wohlstandstagen, da ich noch ein wenig Überfluß hatte, so wäre es etwas anderes gewesen. Und ich fühlte mich sehr niedergeschlagen.

Da können Sie sehen! sagte sie, nun können Sie es wieder sehen; man kann Sie schon mit einem kleinen Stirnrunzeln schrecken. Sie kleinkriegen, indem man von Ihnen abrückt.... Sie lachte schelmisch, mit ganz geschlossenen Augen, als wenn auch sie es nicht ertrüge, angesehen zu werden.

Nein, du großer Gott! platzte ich heraus. Jetzt sollen Sie aber sehen! Und ich schlang die Arme heftig um ihre Schultern. War das Mädchen von Sinnen? Hielt sie mich für gänzlich unerfahren? He! ich wollte doch zum.... Es sollte mir keiner nachsagen, daß ich in diesem Fall zurückstünde. Es war doch ein Satansmädchen. Wenn es nur darauf loszugehen galt, dann....

Als wenn ich zu gar nichts in der Welt taugte!

Sie saß ganz ruhig und hatte ihre Augen immer noch geschlossen; keines von uns sprach. Ich drückte sie fest an mich, preßte ihren Körper an meine Brust und sagte kein Wort. Ich hörte unseren Herzschlag, sowohl ihren wie meinen, es klang wie Pferdegetrappel.

Ich küßte sie.

Ich wußte nichts mehr von mir, sagte einigen Unsinn, über den sie lachte, flüsterte Kosenamen gegen ihren Mund, streichelte ihr die Wange, küßte sie viele Male. Ich öffnete einen oder zwei Knöpfe ihres Leibchens und sah ihre Brüste darunter, weiße, runde Brüste, die wie zwei süße Wunder unter dem Hemd schimmerten.

Darf ich sehen! sage ich, und ich versuche mehrere Knöpfe zu öffnen, versuche die Öffnung größer zu machen; doch meine Erregung ist zu stark, ich komme mit den untersten Knöpfen, wo sich das Leibchen fester anstrammt, nicht zurecht. Darf ich nur ein wenig sehen .... ein wenig....

Sie schlingt den Arm um meinen Hals, ganz langsam, zärtlich; ihr Atem haucht mir aus den roten, zitternden Nasenlöchern ins Gesicht; sie beginnt selbst mit der anderen Hand die Knöpfe zu öffnen, einen nach dem anderen. Sie lacht verlegen, lacht kurz und sieht mehrere Male zu mir auf, prüfend, ob ich wohl bemerke, daß sie furchtsam ist. Sie löst die Bänder, hakt das Korsett auf, ist entzückt und ängstlich. Und mit meinen groben Händen nestle ich an diesen Knöpfen und Bändern....

Sie streicht mir mit ihrer linken Hand über die Schulter, um die Aufmerksamkeit von dem, was sie tut, abzulenken und sagt:

Was hier für eine Menge loser Haare liegt!

Ja, antworte ich und will mit meinem Mund zu ihrer Brust eindringen. In diesem Augenblick liegt sie mit ganz offenen Kleidern da. Plötzlich ist es, als besänne sie sich, als fände sie, daß sie zu weit gegangen sei; sie bedeckt sich wieder und richtet sich ein wenig auf. Und um ihre Verlegenheit über die offenen Kleider zu verbergen, spricht sie wieder von den vielen ausgefallenen Haaren auf meiner Schulter.

Wie kommt es, daß Ihnen das Haar so ausgeht?

Weiß ich nicht.

Sie trinken natürlich zuviel, und vielleicht.... Pfui, ich will das nicht sagen! Sie sollten sich schämen! Nein, das hätte ich nicht von Ihnen geglaubt! Daß Sie so jung schon die Haare verlieren!.... Nun müssen Sie mir aber, bitte schön, erzählen, wie Sie eigentlich leben. Ich bin sicher, daß es fürchterlich ist! Aber nur die Wahrheit, verstehen Sie, keine Ausflüchte! Ich werde es Ihnen übrigens schon ansehen, wenn Sie etwas verheimlichen wollen. So, nun erzählen Sie!

Ach wie müde ich geworden war! Wie gerne wäre ich lieber stillgesessen und hätte sie angesehen, als mich hier aufzuspielen und mich mit allen diesen Versuchen zu quälen. Ich taugte zu nichts, ich war ein Fetzen geworden.

Fangen Sie an! sagte sie.

Ich ergriff die Gelegenheit und erzählte alles, und ich erzählte nur die Wahrheit. Ich machte nichts schlimmer als es war, es war nicht meine Absicht, ihr Mitleid zu erregen; ich sagte auch, daß ich mir eines Abends fünf Kronen angeeignet hatte.

Sie saß mit offenem Mund da und lauschte, bleich, erschrocken, die blanken Augen ganz verstört. Ich wollte es wieder gutmachen, den traurigen Eindruck, den ich erregt hatte, wieder zerstreuen, und strammte mich deshalb auf:

Es ist ja nun überstanden; jetzt ist ja keine Rede mehr davon, jetzt bin ich geborgen....

Aber sie war sehr verzagt. Gott bewahre mich! sagte sie nur und schwieg. Sie wiederholte dies mit kurzen Pausen mehrmals und schwieg immer wieder dazwischen. Gott bewahre mich!

Ich begann zu scherzen, griff ihr in die Seite, um sie zu kitzeln, hob sie an meine Brust herauf; sie hatte ihr Kleid wieder zugeknöpft und das ärgerte mich. Warum knöpfte sie das Kleid wieder zu? War ich jetzt in ihren Augen weniger wert, als wenn ich durch ein unbesonnenes Leben selbst verschuldet hätte, daß mir das Haar ausfiel? Hätte sie mich lieber gehabt, wenn ich mich als einen ausschweifenden Menschen hingestellt hätte?.... Keinen Unsinn. Es galt nur darauf loszugehen! Und wenn es nur galt, drauf loszugehen, dann war ich der Mann dazu. —

Ich mußte es aufs neue versuchen.

Ich legte sie hin, legte sie einfach aufs Sofa hin. Sie wehrte sich, übrigens ganz wenig, und sah mir erstaunt zu.

Nein.... was wollen Sie? sagte sie.

Was ich will?!

Nein.... nein aber....?

Doch, doch....

Nein, hören Sie! rief sie. Und sie fügte diese verletzenden Worte hinzu: Ich glaube beinahe, Sie sind wahnsinnig.

Unwillkürlich hielt ich inne und sagte:

Das meinen Sie doch nicht wirklich!

Doch, Sie sehen so eigentümlich aus! Und an dem Vormittag, an dem Sie mich verfolgten —. Sie waren also damals nicht betrunken?

Nein. Damals war ich auch nicht hungrig, ich hatte eben gegessen.

Um so schlimmer.

Möchten Sie lieber, daß ich betrunken gewesen wäre?

Ja.... Huh, ich fürchte mich vor Ihnen! Herrgott, so lassen Sie mich doch los!

Ich überlegte. Nein, ich konnte nicht loslassen, ich würde zuviel verlieren. Kein so verfluchtes Gewäsch in später Abendstunde auf einem Sofa. He, mit solchen Ausflüchten in einem solchen Augenblick zu kommen! Als wenn ich nicht wüßte, daß das Ganze nur Schamhaftigkeit war! Da müßte ich schön grün sein! So, still jetzt! Keinen Unsinn!

Sie wehrte sich eigentümlich heftig, allzu stark, um sich nur aus Schamhaftigkeit zu wehren. Ich stieß wie aus Versehen die Kerze um, so daß sie erlosch, sie leistete verzweifelten Widerstand, wimmerte sogar einmal leise.

Nein, nicht das, nicht das! wenn Sie wollen, dürfen Sie mich lieber auf die Brust küssen. Lieber, Guter!

Ich hielt sofort an. Ihre Worte klangen so erschrocken, so hilflos, ich wurde zu tiefst getroffen. Sie glaubte, mir einen Ersatz zu bieten, indem sie mir erlaubte, ihre Brust zu küssen! Wie schön war das, wie schön und einfältig! Ich hätte vor ihr auf die Knie niederfallen mögen.

Aber liebes Kind! sagte ich ganz verwirrt, ich verstehe nicht.... ich begreife wirklich nicht, was dies für ein Spiel ist....

Sie erhob sich und zündete mit bebenden Händen das Licht wieder an; ich lehnte mich auf dem Sofa zurück und tat nichts. Was würde nun geschehen? Mir war im Grunde sehr übel zumute.

Ihr Blick ging zur Wand, auf die Uhr, und sie fuhr zusammen.

Uff, jetzt kommt das Mädchen bald! sagte sie. Das war das erste, was sie sagte.

Ich verstand diese Andeutung und erhob mich. Sie griff nach dem Mantel, wie um ihn anzuziehen, bedachte sich aber, ließ ihn liegen und ging zum Kamin. Sie war bleich und wurde immer unruhiger. Damit es doch nicht so aussehen sollte, als weise sie mir die Türe, sagte ich:

War Ihr Vater Militär? Und gleichzeitig machte ich mich zum Gehen bereit.

Ja, er war Militär; woher ich das wisse?

Ich wisse es nicht, es sei mir nur so eingefallen.

Das sei merkwürdig!

Ach ja. Ich habe an manchen Orten solche Ahnungen. Hehe, das gehöre auch mit zu meinem Wahnsinn ....

Sie sah schnell auf, erwiderte aber nichts. Ich fühlte, daß ich sie mit meiner Anwesenheit peinigte und wollte kurzen Prozeß machen. Ich ging zur Türe. Würde sie mich jetzt nicht mehr küssen? Mir nicht einmal die Hand reichen? Ich stand da und wartete.

Wollen Sie jetzt gehen? fragte sie und blieb noch beim Kamin stehen.

Ich antwortete nicht. Ich war gedemütigt und verwirrt und sah sie an, ohne etwas zu sagen. Nein, was hatte ich zerstört! Es schien sie nicht zu berühren, daß ich zum Gehen bereit war, sie war mit einem Mal vollkommen verloren für mich, und ich suchte nach etwas, um es ihr zum Abschied zu sagen, ein schweres, tiefes Wort, das sie treffen und ihr vielleicht ein wenig imponieren könnte. Und meinem festen Entschluß vollkommen entgegen, verwundet, anstatt stolz und kalt, unruhig, beleidigt, fing ich geradezu von Unwesentlichem zu sprechen an; das treffende Wort kam nicht, ich betrug mich äußerst gedankenlos. Wieder wurde es Suada und Büchersprache.

Warum sage sie nicht einfach klar und deutlich, daß ich meines Weges gehen solle, fragte ich. Ja, ja, warum nicht? Es lohne sich nicht, sich zu genieren. Anstatt mich an das Mädchen zu erinnern, das bald heimkommen würde, hätte sie einfach folgendes sagen können: Jetzt müssen Sie verschwinden, denn jetzt muß ich meine Mutter abholen und ich will nicht Ihre Begleitung auf der Straße haben. So, das hätte sie nicht gedacht? O doch, das hätte sie wohl gedacht, ich habe es sofort verstanden. Es brauche so wenig, um mich auf die Spur zu bringen; schon die Art und Weise, wie sie nach dem Mantel gegriffen und ihn wieder liegen gelassen habe, habe mich sogleich überzeugt. Wie gesagt, ich hätte Ahnungen. Und es sei im Grunde wohl nicht soviel Wahnsinn darin....

Aber Gott im Himmel, verzeihen Sie mir nun dieses Wort! Es entfuhr mir! rief sie. Aber sie blieb immer noch stehen und kam nicht zu mir her.

Ich war unerschütterlich und sprach weiter. Ich stand da und schwätzte, mit dem peinlichen Gefühl, daß ich sie langweilte, daß nicht ein einziges meiner Worte traf, und trotzdem hörte ich nicht auf: Im Grunde könne man ja ein ziemlich zartes Gemüt haben, auch wenn man nicht verrückt sei, meinte ich; es gäbe Naturen, die sich von Bagatellen nährten und an einem harten Wort stürben. Und ich ließ verstehen, daß ich eine solche Natur wäre. Die Sache sei die, daß meine Armut gewisse Eigenschaften in einem Grad geschärft habe, daß es mir geradezu Unannehmlichkeiten bereite, — ja, geradezu Unannehmlichkeiten, leider. Aber es habe auch seine Vorteile, es helfe mir in gewissen Situationen. Der arme Intelligente sei ein viel feinerer Beobachter als der reiche Intelligente. Der arme sieht um sich, bei jedem Schritt, den er tut, lauscht mißtrauisch auf jedes Wort, das er von den Menschen hört; jeder Schritt stellt somit seinen Gedanken und Gefühlen eine Aufgabe, eine Arbeit. Er ist hellhörig und feinfühlig, er ist ein erfahrener Mann, seine Seele hat Brandwunden ....

Und ich sprach recht lange von diesen Brandwunden, die meine Seele hatte. Aber je länger ich sprach, desto unruhiger wurde sie; zuletzt sagte sie in der Verzweiflung ein paarmal Gott im Himmel! und rang die Hände. Ich sah wohl, daß ich sie plagte, und ich wollte sie nicht plagen, aber ich tat es trotzdem. Endlich meinte ich, ihr in groben Zügen das Notwendigste gesagt zu haben, ihr verzweifelter Blick ergriff mich und ich rief:

Jetzt gehe ich! jetzt gehe ich! Sehen Sie nicht, daß ich die Hand schon auf der Klinke habe? Leben Sie wohl! Leben Sie wohl! sage ich. Sie dürften mir schon antworten, wenn ich zweimal Lebewohl sage und fix und fertig zum Fortgehen dastehe. Ich bitte Sie nicht einmal, Sie wieder treffen zu dürfen, denn das würde Sie quälen; aber sagen Sie mir: Warum ließen Sie mich nicht in Frieden? Was habe ich Ihnen getan? Ich stand Ihnen nicht im Wege; nicht wahr? Warum wenden Sie sich plötzlich von mir ab, als ob Sie mich gar nicht mehr kennten? Nun haben Sie mich so gänzlich beraubt, mich noch elender gemacht, als ich jemals war. Herrgott, aber ich bin ja doch nicht wahnsinnig. Sie wissen sehr gut, wenn Sie sich nur besinnen, daß mir jetzt gar nichts fehlt. Kommen Sie doch und geben Sie mir die Hand! Oder erlauben Sie mir zu Ihnen hinzukommen! Wollen Sie das? Ich werde Ihnen nichts Schlimmes tun, ich will nur einen Augenblick vor Ihnen niederknien, auf dem Boden vor Ihnen niederknien, nur einen Augenblick; darf ich? Nein, nein, dann werde ich es nicht tun, ich sehe, daß Sie Angst haben, ich werde es nicht, werde es nicht tun, hören Sie. Herrgott, warum erschrecken Sie so? Ich stehe doch still, ich rühre mich nicht. Ich hätte eine Minute lang auf dem Teppich gekniet, genau hier, auf diesem roten Fleck gleich bei Ihren Füßen. Aber Sie erschraken, ich konnte es sofort an Ihren Augen sehen, daß Sie erschraken, deshalb stand ich still. Ich machte keinen Schritt, als ich Sie darum bat; nicht wahr? Ich stand ebenso unbeweglich wie jetzt, da ich Ihnen die Stelle zeige, wo ich mich vor Ihnen niedergekniet haben würde, dort auf die rote Rose im Teppich. Ich zeige nicht einmal mit dem Finger hin, ich zeige durchaus nicht hin, ich lasse es sein, um Sie nicht zu erschrecken, ich nicke nur und sehe hin, so! Und Sie verstehen sehr wohl, welche Rose ich meine, aber Sie wollen es mir nicht erlauben, dort zu knien; Sie haben Angst vor mir und trauen sich nicht, mir nahe zu kommen. Ich begreife nicht, daß Sie es übers Herz bringen können, mich verrückt zu nennen. Nicht wahr, Sie glauben das auch nicht mehr? Das war im Sommer einmal, vor langer Zeit, da war ich verrückt; ich arbeitete zu schwer und vergaß rechtzeitig zum Mittagessen zu gehen, wenn ich viel zu denken hatte. Das geschah Tag für Tag; ich hätte daran denken sollen, aber ich vergaß es immer wieder. Bei Gott im Himmel, das ist wahr! Gott möge mich nicht mehr lebendig von der Stelle kommen lassen, wenn ich lüge! Da können Sie es sehen, Sie tun mir Unrecht. Ich tat es nicht aus Not; ich habe Kredit, großen Kredit, bei Ingebret und Gravesen. Ich hatte oft auch viel Geld in der Tasche und kaufte trotzdem nichts zu essen, weil ich es vergaß. Hören Sie! Sie sagen nichts, Sie antworten nicht, Sie rühren sich nicht vom Kamin weg, Sie stehen bloß da und warten darauf, daß ich gehen soll....

Sie kam rasch auf mich zu und streckte ihre Hand aus. Voll Mißtrauen sah ich sie an. Tat sie das auch leichten Herzens? Oder tat sie es nur, um mich los zu werden? Sie legte ihren Arm um meinen Hals, sie hatte Tränen in den Augen. Ich stand nur da und sah sie an. Sie reichte mir ihren Mund; ich konnte ihr nicht glauben, ganz bestimmt brachte sie ein Opfer, es war nur ein Mittel, um der Sache ein Ende zu machen.

Sie sagte etwas, es klang wie: Ich habe Sie trotzdem lieb! Sie sagte es sehr leise und undeutlich, vielleicht hörte ich nicht richtig, sie sagte vielleicht nicht gerade diese Worte; aber sie warf sich mir heftig an die Brust, hielt beide Arme eine Weile um meinen Hals geschlungen, hob sich sogar auf die Zehen, um gut heraufzureichen und blieb so stehen.

Ich fürchtete, daß sie sich zu dieser Zärtlichkeit zwang, ich sagte nur:

Wie schön Sie jetzt sind!

Mehr sagte ich nicht. Ich trat zurück, stieß die Türe auf und ging rückwärts hinaus. Und sie blieb drinnen stehen.


Vierter Abschnitt

Der Winter war gekommen, ein rauher und nasser Winter, beinahe ohne Schnee, eine neblige und dunkle, ewige Nacht, ohne einen einzigen frischen Windstoß während der ganzen Woche. In den Straßen brannte das Gas fast den ganzen Tag, und die Menschen stießen trotzdem im Nebel aneinander. Alle Töne, der Klang der Kirchenglocken, die Schellen der Droschkenpferde, die Stimmen der Menschen, der Hufschlag, alles zusammen klang in dieser dicken Luft dumpf und begraben. Woche auf Woche verging und das Wetter war und blieb das gleiche.

Und ich hielt mich beständig unten in Vaterland auf.

Immer fester wurde ich mit diesem Wirtshaus, diesem Logis für Reisende verbunden, in dem ich trotz meiner Verkommenheit Wohnung gefunden hatte. Mein Geld war seit langem verbraucht, und doch kam und ging ich hier immer noch, als hätte ich ein Recht dazu und sei hier daheim. Die Wirtin hatte noch nichts gesagt; aber trotzdem quälte es mich, daß ich nicht bezahlen konnte. So verliefen drei Wochen.

Vor vielen Tagen schon hatte ich meine Schreiberei wieder aufgenommen, aber es wollte mir nicht gelingen, etwas zustande zu bringen, mit dem ich zufrieden war. Ich hatte gar kein Glück mehr, obwohl ich fleißiger war als je und es früh und spät versuchte. Was ich auch unternahm, es nützte nichts, das Glück hatte mich verlassen.

Ich saß in einem Zimmer im ersten Stock, im besten Fremdenzimmer, und machte diese Versuche. Seit dem ersten Abend, als ich Geld hatte und für mich bürgen konnte, war ich hier oben ungestört geblieben. Ich hatte auch die ganze Zeit die Hoffnung, endlich irgendeinen Artikel zustande zu bringen, so daß ich mein Zimmer bezahlen konnte und was ich sonst noch schuldig war; deshalb arbeitete ich so fleißig. Ich hatte insbesondere ein bestimmtes Stück angefangen, von dem ich mir sehr viel erwartete, eine Allegorie über einen Brand in einem Buchladen, ein tiefsinniger Gedanke, den ich mit allem Fleiß ausarbeiten und dem „Kommandeur” zur Abzahlung bringen wollte. Der „Kommandeur” sollte doch erfahren, daß er dieses Mal wirklich einem Talent geholfen hatte. Ich hatte keinen Zweifel, daß er das erfahren würde; es galt nur zu warten, bis der Geist über mich kam. Und warum sollte der Geist nicht schon im nächsten Augenblick über mich kommen? Es war gar nichts im Weg; ich bekam von meiner Wirtin jeden Tag ein wenig zu essen, morgens und abends einige Butterbrote, und meine Nervosität war beinahe verschwunden. Ich brauchte mir keine Lumpen mehr um die Hände zu binden, wenn ich schrieb, und ich konnte von meinen Fenstern im ersten Stock auf die Straße heruntersehen ohne schwindlig zu werden. Es ging mir in jeder Beziehung viel besser, und es wunderte mich geradezu, daß ich meine Allegorie noch nicht fertig hatte. Ich verstand nicht, wie das zusammenhing.

Endlich sollte ich eines Tages eine Ahnung davon bekommen, wie schwach ich eigentlich geworden war, wie schlaff und untauglich mein Gehirn arbeitete. An diesem Tag kam nämlich meine Wirtin mit einer Rechnung zu mir herauf und bat mich, sie durchzusehen. Es müsse etwas falsch sein an der Rechnung, sagte sie, sie stimme nicht mit ihrem eigenen Buch überein; aber sie habe den Fehler nicht herausfinden können.

Ich setzte mich hin um zu rechnen; meine Wirtin saß mir gegenüber und sah mich an. Ich zählte diese zwanzig Posten zusammen, erst einmal abwärts und fand die Summe richtig, dann einmal aufwärts und kam wieder zu dem gleichen Resultat. Ich sah die Frau an, sie saß dicht vor mir und wartete auf meine Worte; zu gleicher Zeit bemerkte ich, daß sie guter Hoffnung war, es entging dies meiner Aufmerksamkeit nicht, und ich starrte sie doch keineswegs forschend an.

Die Summe ist richtig, sagte ich.

Nein, sehen Sie nur jede einzelne Zahl an, antwortete sie, es kann nicht soviel sein; ich bin dessen sicher.

Und ich begann jeden Posten nachzuprüfen: zwei Brote zu fünfundzwanzig, ein Lampenglas achtzehn, Seife zwanzig, Butter zweiunddreißig.... Es bedurfte keines besonders klugen Kopfes, um diese Zahlenreihe durchzugehen, diese kleine Krämerrechnung, in der sich keine Weitläufigkeiten befanden, und ich versuchte redlich den Fehler herauszufinden, von dem die Frau sprach, fand ihn aber nicht. Als ich mich ein paar Minuten mit diesen Zahlen herumgetummelt hatte, fühlte ich leider, daß in meinem Kopf alles zu tanzen begann; ich machte keinen Unterschied mehr zwischen Soll und Haben, ich mischte das Ganze zusammen. Endlich stand ich mit einem Mal bei folgendem Posten fest: drei und fünf Sechzehntel Mark Käse zu sechzehn. Mein Gehirn versagte vollständig, ich starrte dumm auf den Käse hinunter und kam nicht vom Fleck. Das ist auch verteufelt schlecht geschrieben! sagte ich verzweifelt. Da steht, Gott helfe mir, einfach fünf Sechzehntel Käse. Hehe, hat man schon so etwas gehört! Ja, hier können Sie es selbst sehen!

Ja, antwortete die Madam wieder, man pflegt es so zu schreiben. Das ist der Kräuterkäse. Doch, das ist richtig! Fünf Sechzehntel sind also fünf Lot....

Ja, das verstehe ich schon! unterbrach ich sie, obwohl ich in Wirklichkeit nichts mehr verstand.

Von neuem versuchte ich mit diesem kleinen Rechenstück fertig zu werden, das ich vor einigen Monaten in einer Minute gelöst haben würde. Ich schwitzte stark und dachte aus allen Kräften über diese rätselvolle Zahl nach und blinzelte nachdenklich mit den Augen, als ob ich ganz scharf dieser Sache nachgrübelte; aber ich mußte es aufgeben. Diese fünf Lot Käse gaben mir den Rest; es war, als zerbräche etwas hinter meiner Stirne.

Um trotzdem den Eindruck zu machen, als arbeitete ich immer noch an meinen Berechnungen, bewegte ich die Lippen und sprach hie und da eine Zahl laut aus. Dies alles, während ich über die Reihen herunterglitt, als käme ich ständig vorwärts und näherte mich dem Abschluß. Die Madam saß da und wartete. Endlich sagte ich: Ja, ja, ich habe sie jetzt von Anfang bis zum Ende durchgegangen, und soweit ich sehen kann, ist wirklich kein Fehler da.

Nicht? antwortete die Frau, wirklich nicht? Aber ich sah genau, daß sie mir nicht glaubte. Und plötzlich schien in ihre Rede eine Spur der Geringschätzung gegen mich zu kommen, ein gleichgültiger Ton, den ich früher nicht von ihr gehört hatte. Sie sagte, ich sei vielleicht nicht gewöhnt, mit Sechzehnteln zu rechnen; sie sagte auch, daß sie sich an jemand wenden müsse, der sich darauf verstünde, um die Rechnung ordentlich durchsehen zu lassen. Sie sagte dies alles durchaus nicht in beschämender Weise, sondern gedankenvoll und ernsthaft. Als sie an die Tür gekommen war und gehen wollte, sagte sie noch, ohne mich anzusehen:

Entschuldigen Sie, daß ich Sie aufgehalten habe!

Sie ging.

Kurz darauf öffnete sich die Türe wieder und meine Wirtin kam noch einmal herein; sie konnte kaum weiter als bis auf den Gang gekommen sein, ehe sie umgekehrt war.

Es ist wahr! sagte sie. Sie dürfen es mir nicht übelnehmen; aber ich habe wohl noch etwas zu gute bei Ihnen? Sind es nicht gestern drei Wochen gewesen, daß Sie einzogen? Ja, ich dächte es. Es ist nicht so leicht, mit einer so großen Familie durchzukommen, ich kann leider hier niemand auf Kredit wohnen lassen ....

Ich unterbrach sie. Ich arbeite an einem Artikel, wie ich Ihnen schon früher erzählt habe, sagte ich, und sobald der fertig ist, werden Sie Ihr Geld bekommen. Sie können ganz ruhig sein.

Ja, aber der Artikel wird ja niemals fertig?

Glauben Sie? Möglicherweise kommt der Geist morgen oder vielleicht schon heute nacht über mich; es ist gar nicht ausgeschlossen, daß er heute nacht einmal über mich kommt, und dann ist mein Artikel in längstens einer Viertelstunde fertig. Sehen Sie, mit meiner Arbeit ist es nicht so, wie mit der anderer Leute; ich kann mich nicht hinsetzen und im Tag eine gewisse Menge fertig bringen, ich muß immer den Augenblick abwarten. Und keiner kann den Tag und die Stunde sagen, wann der Geist über ihn kommt; das muß seine Zeit haben.

Meine Wirtin ging. Aber ihr Vertrauen war sicherlich sehr erschüttert.

Sowie ich allein war, sprang ich auf und raufte mir das Haar vor Verzweiflung. Nein, es gab wirklich keine Rettung mehr für mich, keine, keine Rettung! Mein Gehirn war bankrott! War ich denn ganz zum Idioten geworden, daß ich nicht einmal mehr den Wert eines kleinen Stückchens Kräuterkäse ausrechnen konnte? Aber konnte ich denn meinen Verstand verloren haben, wenn ich mir selbst solche Fragen stellte? Hatte ich nicht sogar mitten in meinen Anstrengungen mit der Rechnung die sonnenklare Beobachtung gemacht, daß meine Wirtin schwanger war? Ich hatte keine Ursache, dies zu wissen, kein Mensch hatte mir davon erzählt, es fiel mir auch nicht willkürlich ein, ich sah es mit meinen eigenen Augen und erfaßte es sogleich, als ich in einem verzweifelten Augenblick dasaß und mit Sechzehnteln rechnete. Wie sollte ich mir das erklären?

Ich trat zum Fenster und sah hinaus; mein Fenster ging auf die Vognmandsstraße. Einige Kinder spielten unten auf dem Pflaster, ärmlich gekleidete Kinder mitten in der ärmlichen Gasse. Sie warfen einander eine leere Flasche zu und schrien laut. Ein Möbelwagen rollte langsam vorbei; es war dies offenbar eine vertriebene Familie, die die Wohnung außerhalb der Umzugszeit wechselte. Ich dachte mir das augenblicklich. Auf dem Wagen lagen Bettzeug und Möbel, wurmstichige Betten und Kommoden, rotgemalte Stühle mit drei Beinen, Matten, altes Eisen, Blechzeug. Ein kleines Mädchen, ein Kind noch, ein richtig häßliches kleines Wesen mit einer Tropfnase, saß oben auf der Last und hielt sich mit seinen armen blauen Händen fest, um nicht herunterzufallen. Es saß auf einem Bündel abscheulicher, nasser Matratzen, auf denen Kinder gelegen hatten und sah auf die Kleinen herunter, die die leere Flasche einander zuwarfen....

Dies alles sah ich, und ich hatte keine Mühe, alles, was vorging, zu verstehen. Während ich dort am Fenster stand und dies beobachtete, hörte ich auch das Mädchen meiner Wirtin in der Küche neben meinem Zimmer singen: ich kannte die Melodie und paßte deshalb auf, ob sie falsch singen würde. Und ich sagte mir, daß ein Idiot all dieses nicht hätte beobachten können; ich war Gott sei Dank so vernünftig wie nur irgend jemand.

Plötzlich sah ich zwei der Kinder unten in der Straße auffahren und raufen, zwei kleine Buben; den einen kannte ich, er war der Sohn meiner Wirtin. Um zu hören, was sie einander sagen, öffne ich mein Fenster, und sofort sammelt sich eine Schar Kinder unter diesem Fenster an und sieht sehnsuchtsvoll herauf. Worauf warteten sie? Daß ich ihnen etwas hinunterwerfen würde? Getrocknete Blumen, einen Knochen, Zigarrenstumpen, irgend etwas, das sie sich in den Mund stopfen oder mit dem sie sich belustigen könnten? Mit blaugefrorenen Gesichtern, mit unendlich langen Augen sahen sie zu meinem Fenster herauf. Unterdessen zanken sich die zwei Feinde immer noch herum. Worte, wie große, feuchte Ungeheuer, wimmeln aus diesen Kindermündern, schreckliche Schimpfnamen, Dirnenausdrücke, Matrosenflüche, die sie vielleicht unten am Hafen gelernt hatten. Und beide sind so davon in Anspruch genommen, daß sie gar nicht bemerken, wie meine Wirtin zu ihnen hinausläuft, um zu hören, was los ist.

Ja, erklärt ihr Sohn, er packte mich an der Gurgel; ich bekam lange keine Luft mehr! Und indem er sich an den kleinen Übeltäter wendet, der ihn boshaft angrinst, wird er vollkommen rasend und ruft:

Fahr zur Hölle, du chaldäisches Vieh, das du bist! So ein lausiger Hurenbalg packt einen an der Kehle! Ich werde dich, so wahr Gott....

Und die Mutter, dieses schwangere Weib, die die ganze enge Gasse mit ihrem Bauch beherrscht, antwortet dem zehnjährigen Kind, während sie es am Arm ergreift und mit sich ziehen will:

Scht! halt deinen Schnabel! Ich meine gar, du fluchst! Du gebrauchst ja das Maul, als wenn du jahrelang im Hurenhaus gewesen wärest! Jetzt hinein mit dir!

Nein, das tue ich nicht!

Doch, das tust du!

Nein, ich tue es nicht!

Ich stehe oben am Fenster und sehe, wie der Zorn der Mutter zunimmt, diese widerliche Szene erregt mich stark, ich halte es nicht mehr aus, ich rufe zu dem Buben hinunter, daß er einen Augenblick zu mir heraufkommen soll. Ich rufe zweimal, nur um sie zu stören, um diesen Auftritt zu beenden; das zweite Mal rufe ich sehr laut, und die Mutter wendet sich verblüfft um und sieht zu mir herauf. Und augenblicklich gewinnt sie die Fassung wieder, sieht mich frech an, richtig überlegen sieht sie mich an, und zieht sich mit einer vorwurfsvollen Bemerkung gegen ihren Sohn zurück. Sie spricht laut, so daß ich es hören kann und sagt zu ihm:

Pfui, schämen solltest du dich, die Leute sehen zu lassen, wie schlimm du bist!

Mir entging nichts, nicht einmal irgendeine kleine Nebensache von allem, was ich auf diese Weise beobachtete. Meine Aufmerksamkeit war äußerst wachsam, ich atmete empfindlich jeden kleinen Umstand ein und machte mir meine Gedanken über diese Dinge, wie sie der Reihe nach verliefen. Es konnte also unmöglich mit meinem Verstand etwas nicht in Ordnung sein. Wie sollte auch jetzt etwas nicht in Ordnung sein?

Höre, weißt du was, sagte ich plötzlich, nun bist du lange genug herumgegangen und hast dich mit deinem Verstand befaßt und dir in dieser Hinsicht Kummer gemacht; nun müssen diese Narrenstreiche aufhören! Ist das ein Zeichen von Verrücktheit: alle Dinge so genau zu beobachten und aufzufassen, wie du es tust? Du machst mich beinahe über dich lachen, versichere ich dir, dies entbehrt nicht des Humors, soviel mir scheint. Kurz und gut, das passiert allen Menschen, daß sie sich einmal verrennen, und zwar gerade bei der einfachsten Frage. Das hat nichts zu sagen, das ist nur Zufall. Wie gesagt, ich muß bei einem Haar über dich lachen. Was diese Krämerrechnung betrifft, diese lumpigen fünf Sechzehntel Armeleutekäse, so möchte ich ihn beinahe nennen, — hehe, ein Käse mit Nelken und Pfeffer darin — was diesen lächerlichen Käse betrifft, da hätte auch der Klügste dumm davor dastehen können; schon bloß der Geruch dieses Käses könnte einen aus der Fassung bringen.... Und ich verhöhnte den Kräuterkäse nach allen Richtungen.... Nein, gebt mir etwas Eßbares! gebt mir meinetwegen fünf Sechzehntel guter Butter! Das wäre etwas anderes!

Ich lachte hektisch über meine eigenen Witze und fand sie höchst lustig. Mir fehlte wirklich nichts mehr, ich war ganz in Ordnung.

Meine Munterkeit stieg, je mehr ich im Zimmer umherging und mit mir sprach; ich lachte laut und fühlte mich überaus froh. Es war auch wirklich so, als hätte ich nur dieser kurzen fröhlichen Weile, dieses Augenblickes richtig heller Entzückung ohne Sorgen nach irgendwelcher Seite hin bedurft, um meinen Kopf in arbeitstüchtige Verfassung zu bringen. Ich setzte mich an den Tisch und fing an, mich mit meiner Allegorie zu beschäftigen. Und es ging sehr gut, besser denn seit langer Zeit. Es ging nicht schnell; aber ich fand, das wenige, das ich zustande brachte, war ganz ausgezeichnet. Auch arbeitete ich eine Stunde lang, ohne müde zu werden.

Schließlich bin ich an einem sehr wichtigen Punkt in dieser Allegorie über einen Brand in einem Buchladen angelangt. Er kam mir so wichtig vor, daß alles übrige, was ich geschrieben hatte, nicht der Rede wert war im Vergleich zu diesem Punkt. Ich wollte gerade den Gedanken, daß es nicht Bücher seien, die verbrannten, sondern Gehirne, menschliche Gehirne, recht tiefsinnig formen, und ich wollte aus diesen brennenden Gehirnen eine ganze Bartholomäusnacht gestalten. Da wurde plötzlich meine Türe mit großer Hast geöffnet, und meine Wirtin kam hereingesegelt. Sie kam bis mitten ins Zimmer, sie blieb nicht einmal auf der Schwelle stehen.

Ich stieß einen kleinen heiseren Schrei aus; es war, als hätte ich einen Schlag bekommen.

Wie? fragte sie. Mir schien, Sie sagten etwas? Wir haben einen Reisenden bekommen und wir müssen dieses Zimmer für ihn haben. Sie können heute nacht bei uns unten schlafen; ja, Sie sollen auch dort ein eigenes Bett bekommen. Und noch bevor sie meine Antwort erhalten hatte, begann sie ohne weiteres meine Papiere auf dem Tisch zu sammeln und sie in Unordnung zu bringen.

Meine frohe Stimmung war wie weggeweht, ich wurde zornig und verzweifelt und stand sofort auf. Ich ließ sie auf dem Tisch zusammenräumen und sagte nichts; ich sprach kein Wort. Und sie gab mir alle Papiere in die Hand.

Ich konnte nichts anderes tun, ich mußte das Zimmer verlassen. Auch dieser kostbare Augenblick war nun verdorben! Schon auf der Treppe begegnete ich dem neuen Reisenden, einem jungen Mann mit großen blauen Ankerzeichnungen auf den Handrücken; ein Träger mit einer Schiffskiste auf der Schulter folgte ihm. Der Fremde war sicher ein Seemann, also nur ein zufälliger Reisender für eine Nacht; er würde mein Zimmer kaum längere Zeit in Anspruch nehmen. Ich konnte ja vielleicht auch morgen, wenn der Mann abgereist war, wieder einen meiner glücklichen Augenblicke haben; es fehlten mir nur noch fünf Minuten der Inspiration, dann war mein Werk über den Brand fertig. Ich mußte mich also in das Schicksal ergeben....

Ich war noch nie in der Wohnung der Familie gewesen, dieser einzigen Stube, in der sich alle zusammen, Mann, Frau, der Vater der Frau und vier Kinder, Tag und Nacht aufhielten. Das Mädchen wohnte in der Küche, in der es auch schlief. Mit großem Widerwillen näherte ich mich der Türe und klopfte an; niemand antwortete, aber ich hörte drinnen sprechen.

Der Mann sagte kein Wort als ich eintrat, erwiderte nicht einmal meinen Gruß; er sah mich nur gleichgültig an, als ob ich ihn nichts anginge. Er spielte übrigens Karten mit einem Menschen, den ich schon unten am Hafen gesehen hatte, einem Träger, der auf den Namen „Glasscheibe” hörte. Ein Säugling plapperte im Bett mit sich selbst, und der alte Mann, der Vater der Wirtin, saß zusammengekrochen auf einer Schlafbank und beugte den Kopf auf die Hände herab, als ob ihn Brust oder Magen schmerzte. Er hatte beinahe weißes Haar und sah in seiner zusammengekrümmten Stellung wie ein geducktes Tier aus, das dasaß und die Ohren spitzte.

Ich muß leider für heute nacht um Unterkunft hier bitten, sagte ich zu dem Mann.

Hat das meine Frau gesagt? fragte er.

Ja. Ein anderer bekam mein Zimmer.

Darauf antwortete der Mann nichts; er befaßte sich wieder mit seinen Karten.

So saß dieser Mann Tag für Tag und spielte Karten mit jedem, der zu ihm kam, spielte um nichts, nur um die Zeit zu vertreiben und um etwas in den Händen zu haben. Sonst tat er nichts, rührte sich nur gerade soviel, als seine faulen Glieder es zuließen, während die Frau die Treppen auf und nieder trabte, an allen Ecken und Enden zugegen war und sich bemühte, Fremde ins Haus zu bekommen. Sie hatte sich auch mit den Schauerleuten und Trägern in Verbindung gesetzt, denen sie für jeden Gast, den diese ihr brachten, ein gewisses Honorar bezahlte, und oft gewährte sie diesen Schauerleuten Unterkunft für die Nacht. Jetzt war es die „Glasscheibe”, die soeben den neuen Reisenden mitgebracht hatte.

Ein paar der Kinder kamen herein, zwei kleine Mädchen mit mageren, sommersprossigen Dirnengesichtern; sie hatten wahrhaft elende Kleider an. Bald darauf trat auch die Wirtin ein. Ich fragte sie, wo sie mich für die Nacht unterbringen wolle, und sie antwortete kurz, daß ich hier drinnen zusammen mit den anderen, oder draußen im Vorzimmer auf der Sofabank liegen könne, ganz wie ich es selbst für gut fände. Sie ging in der Stube umher, während sie mir dies antwortete, und kramte mit verschiedenen Dingen, die sie in Ordnung brachte und sah mich nicht einmal an.

Ich sank bei ihrer Antwort zusammen, blieb bei der Türe stehen und machte mich klein, tat sogar, als sei ich sehr zufrieden damit, mein Zimmer für eine Nacht mit einem anderen zu vertauschen: ich setzte mit Absicht eine freundliche Miene auf, um sie nicht zu reizen und um nicht womöglich ganz aus dem Haus gejagt zu werden. Ich sagte: Ach ja, es findet sich schon Rat! und schwieg.

Sie fuhr immer noch in der Stube umher.

Übrigens will ich Ihnen sagen, daß ich nicht reich genug bin, um Leute auf Kredit in Kost und Logis zu haben. Und das habe ich Ihnen auch schon früher gesagt.

Ja aber, liebe Frau, es handelt sich ja nur um diese paar Tage, bis mein Artikel fertig ist, antwortete ich, und dann will ich Ihnen gerne fünf Kronen obendrein geben, gerne.

Aber offenbar glaubte sie nicht an meinen Artikel, das konnte ich ihr ansehen. Und ich konnte nicht stolz tun und das Haus bloß um dieser kleinen Kränkung willen verlassen; ich wußte, was meiner wartete, wenn ich meines Weges ging.


Einige Tage verstrichen.

Ich war immer noch bei der Familie unten, da es in dem Vorzimmer, das keinen Ofen hatte, zu kalt war; auch nachts schlief ich auf dem Boden in der Stube. Der fremde Seemann wohnte noch immer in meinem Zimmer und es hatte nicht den Anschein, als ob er so bald ausziehen würde. Zur Mittagszeit kam die Wirtin herein und erzählte, daß er einen ganzen Monat im voraus bezahlt hatte. Im übrigen sollte er das Steuermannsexamen machen, bevor er abreiste; deshalb hielte er sich in der Stadt auf. Ich stand da und hörte dies an und begriff, daß mir das Zimmer jetzt für immer verloren war.

Ich ging ins Vorzimmer und setzte mich; würde es mir glücken, etwas schreiben zu können, dann mußte es wohl hier sein, in der Stille. Meine Allegorie beschäftigte mich nicht mehr. Mir war eine neue Idee gekommen, ein ganz vortrefflicher Plan: ich wollte einen Einakter schreiben, „Das Zeichen des Kreuzes”, ein Thema aus dem Mittelalter. Besonders die Hauptperson hatte ich mir vollkommen ausgedacht, eine herrliche, fanatische Dirne, die im Tempel gesündigt hatte, nicht aus Schwachheit und nicht aus Begierde, sondern aus Haß gegen den Himmel, zu Füßen des Altars, das Altartuch unter ihrem Kopf, nur aus herrlicher Verachtung für den Himmel.

Je mehr die Zeit verging, desto stärker wurde ich von dieser Gestalt besessen. Zuletzt stand sie ganz lebendig und genau so, wie ich sie haben wollte, vor meinem Blick. Ihr Körper sollte fehlerhaft und abstoßend sein: hoch, sehr mager und etwas dunkel, und bei jedem Schritt, den sie machte, sollten ihre langen Beine durch die Röcke schimmern. Sie sollte auch große, abstehende Ohren haben. Kurz gesagt, sie sollte nicht schön, sondern nur gerade noch erträglich anzusehen sein. Was mich an ihr interessierte, war ihre wundervolle Schamlosigkeit, war die maßlose und überlegte Sünde, die sie begangen hatte. Sie beschäftigte mich wirklich allzu stark: mein Gehirn war gleichsam ausgebeult von dieser seltsamen Mißgestalt. Und zwei volle Stunden schrieb ich in einem Zug an meinem Drama.

Als ich eine Anzahl Seiten zustande gebracht hatte, vielleicht zwölf Seiten, mit großer Mühe oft, bisweilen mit langen Zwischenräumen, in denen ich umsonst schrieb und meine Bogen zerreißen mußte, war ich müde geworden, ganz steif vor Kälte und Müdigkeit, und ich stand auf und ging auf die Straße hinaus. Auch hatte mich in der letzten halben Stunde das Kindergeschrei im Zimmer der Familie gestört, und ich hätte auf keinen Fall jetzt noch mehr schreiben können. Ich machte deshalb einen langen Spaziergang den Drammensweg hinaus und blieb bis zum Abend fort, ständig darüber nachgrübelnd, wie ich mein Drama fortsetzen sollte. Ehe ich an diesem Tag nach Hause kam, widerfuhr mir folgendes:

Ich stand vor einem Schuhladen ganz unten in der Karl Johanstraße, fast beim Bahnhofsplatz. Gott weiß, warum ich gerade vor diesem Schuhladen stehengeblieben war! Ich sah durch das Fenster, dachte aber im übrigen gar nicht daran, daß ich eben jetzt Schuhe nötig hätte; meine Gedanken waren weit fort, in anderen Gegenden der Welt. Hinter meinem Rücken ging ein Schwarm plaudernder Menschen vorbei, und ich hörte nichts von dem, was gesagt wurde. Da grüßt eine Stimme laut:

Guten Abend!

Die „Jungfer” grüßte mich.

Guten Abend! antwortete ich abwesend. Ich sah die „Jungfer” eine kurze Weile an, bevor ich ihn erkannte.

Nun, wie geht es? fragte er.

Ja, sehr gut.... wie gewöhnlich!

Hören Sie, sagen Sie mir, meinte er, Sie sind also noch bei Christie?

Christie?

Mir schien, Sie sagten einmal, daß Sie Buchhalter beim Großhändler Christie seien?

Ach! Nein, das ist vorbei. Es war ganz unmöglich, mit diesem Mann zusammen zu arbeiten; das ging ziemlich bald von selbst auseinander.

Wieso das?

Ach, ich schrieb eines Tages etwas Falsches, und da....

Gefälscht?

Gefälscht? Da stand die „Jungfer” und fragte geradezu, ob ich gefälscht hätte. Er fragte sogar rasch und interessiert. Ich sah ihn an, fühlte mich tief gekränkt und antwortete nicht.

Ja, ja, Herrgott, das kann dem Besten passieren! meinte er, um mich zu trösten. Er glaubte immer noch, daß ich gefälscht hatte.

Was kann, ja Herrgott, dem Besten passieren? fragte ich. Fälschen? Hören Sie, mein lieber Mann, glauben Sie denn wirklich, daß ich eine solche Niederträchtigkeit begangen haben könnte? Ich?

Aber Lieber, mir schien, Sie sagten ganz deutlich....

Ich warf den Kopf zurück, wandte mich von der „Jungfer” ab und sah die Straße hinunter. Mein Blick fiel auf ein rotes Kleid, das sich uns näherte, es war eine Frau an der Seite eines Mannes. Hätte ich nun nicht gerade dieses Gespräch mit der „Jungfer” geführt, wäre ich nicht von seinem groben Verdacht gekränkt worden, und hätte ich nicht eben den Kopf zurückgeworfen und mich beleidigt abgewandt, dann wäre dieses rote Kleid vielleicht an mir vorbeigegangen, ohne daß ich es bemerkt hätte. Und was ging es mich im Grunde an? Was ging es mich an, selbst wenn es das Kleid der Hofdame Nagel gewesen wäre?

Die „Jungfer” sprach weiter und versuchte den Irrtum wieder gutzumachen; ich hörte ihm gar nicht zu, sondern starrte die ganze Zeit auf dieses rote Kleid, das sich uns die Straße herauf näherte. Und mir lief eine Erregung durch die Brust, ein gleitender, feiner Stich; ich flüsterte in Gedanken, flüsterte ohne den Mund zu bewegen:

Ylajali!

Jetzt wandte sich auch die „Jungfer” um, entdeckte die beiden, die Dame und den Herrn, grüßte sie mit den Augen. Ich grüßte nicht, oder vielleicht grüßte ich doch. Das rote Kleid glitt die Karl Johanstraße hinauf und verschwand.

Wer ging mit ihr? fragte die „Jungfer”.

Der „Herzog”, sahen Sie es nicht? Genannt der „Herzog”. Kannten Sie die Dame?

Ja, so ungefähr. Kannten Sie sie nicht?

Nein, antwortete ich.

Mir schien, Sie grüßten so tief?

Tat ich das?

He, vielleicht nicht? sagte die „Jungfer”. Das ist doch sonderbar! Sie sah die ganze Zeit auch nur Sie an.

Woher kennen Sie die Dame? fragte ich.

Er kannte sie eigentlich nicht. Das Ganze schrieb sich von einem Abend im Herbst her. Es war spät, sie waren drei muntere Burschen gewesen, kamen eben vom Grand, trafen dieses Menschenkind allein in der Nähe von Cammermeyer und hatten sie angesprochen. Zuerst hatte sie abweisend geantwortet; aber der eine dieser lustigen Kerle, ein Mann, der weder Feuer noch Wasser scheute, hatte sie direkt ins Gesicht gefragt, ob er sie heimbegleiten dürfe. Er würde ihr bei Gott kein Haar auf ihrem Haupte krümmen, wie geschrieben steht, sie nur bis zur Türe begleiten, um sich davon zu überzeugen, daß sie sicher heimkäme, er hätte sonst die ganze Nacht keine Ruhe. Er sprach unaufhörlich, während sie weitergingen, brachte ein Ding nach dem anderen vor, nannte sich Waldemar Atterdag und gab sich für einen Photographen aus. Schließlich hatte sie über diesen lustigen Burschen, der sich durch ihre Kälte nicht hatte verblüffen lassen, lachen müssen, und es endete damit, daß er sie begleitete.

Nun ja, was war dann weiter? fragte ich und hielt den Atem an.

Was weiter? Ach, kommen Sie nicht damit! Sie ist eine Dame.

Einen Augenblick schwiegen wir beide, sowohl die „Jungfer” wie ich.

Nein, Teufel, war das der „Herzog”? Sieht er so aus? sagte er darauf gedankenvoll. Aber wenn sie mit diesem Mann zusammen ist, dann möchte ich nicht für sie einstehen.

Ich schwieg immer noch. Ja, natürlich würde der „Herzog” mit ihr abziehen! Schön und gut! Was ging mich das an? Ich wünschte ihr mitsamt ihren Reizen alles Gute, alles Gute wünschte ich ihr! Und ich versuchte, mich selbst zu trösten, indem ich das Schlechteste von ihr dachte, mir gleichsam eine Freude daraus machte, sie richtig in den Schmutz zu ziehen. Es ärgerte mich nur, daß ich vor diesem Paar den Hut abgenommen hatte, falls ich es wirklich getan hatte. Warum sollte ich vor solchen Menschen den Hut abnehmen? Ich riß mich nicht mehr um sie, durchaus nicht; sie war auch nicht mehr im geringsten schön, sie hatte verloren, pfui Teufel, wie sie verblüht war! Es konnte ja gerne sein, daß sie bloß mich angesehen hatte; das wunderte mich nicht, vielleicht begann die Reue in ihr lebendig zu werden. Aber deshalb brauchte ich ihr nicht zu Füßen zu fallen und wie ein Narr zu grüßen, besonders wenn sie in der letzten Zeit so bedenklich gewelkt war. Der „Herzog” konnte sie gerne behalten, wohl bekomm's! Es könnte der Tag kommen, da es mir einfiele, stolz an ihr vorbeizugehen, ohne nach jener Seite zu sehen, auf der sie sich befand. Es konnte geschehen, daß ich mir dies erlaubte, selbst wenn sie mich steif ansah und obendrein ein blutrotes Kleid trug. Das konnte sehr wohl geschehen! Hehe, würde das ein Triumph werden! Wenn ich mich recht kannte, so war ich imstande, mein Drama im Laufe der Nacht fertig zu bekommen und innerhalb acht Tagen würde ich dann das Fräulein in die Knie gezwungen haben. Mitsamt ihren Reizen, hehe, mitsamt allen ihren Reizen....

Leben Sie wohl! sagte ich kurz.

Doch die „Jungfer” hielt mich zurück. Er fragte:

Aber was treiben Sie nun den Tag über?

Treiben? Ich schreibe natürlich. Was sollte ich sonst treiben? Davon lebe ich ja. Augenblicklich arbeite ich an einem großen Drama, „Das Zeichen des Kreuzes”, Thema aus dem Mittelalter.

Tod und Teufel! sagte die „Jungfer” aufrichtig. Ja, wenn Ihnen das gelingt, dann....

Darüber mache ich mir keine großen Sorgen! antwortete ich. Ich denke, in ungefähr acht Tagen werden Sie von mir hören.

Damit ging ich.

Als ich nach Hause kam, wandte ich mich sofort an meine Wirtin und bat um eine Lampe. Es war mir sehr um diese Lampe zu tun: ich wollte heute nacht nicht zu Bett gehen, mein Drama tobte in meinem Kopf, und ich hoffte ganz bestimmt bis zum Morgen ein gutes Stück weiter schreiben zu können. Sehr demütig brachte ich mein Anliegen bei der Madam vor, da ich bemerkte, daß sie eine unzufriedene Grimasse machte, weil ich wieder in die Stube kam. Ich hätte also ein außergewöhnliches Drama beinahe fertig, sagte ich; mir fehlten nur ein paar Szenen, und ich wettete, daß es an irgendeinem Theater aufgeführt werden würde, noch bevor ich es selbst wüßte. Wenn sie mir nun diesen großen Dienst erweisen wollte, dann....

Aber die Madam hatte keine Lampe. Sie dachte nach, konnte sich aber gar nicht entsinnen, daß sie irgendwo eine Lampe hätte. Wenn ich bis nach zwölf Uhr warten würde, dann könnte ich vielleicht die Küchenlampe haben. Warum ich mir keine Kerze kaufe?

Ich schwieg. Ich hatte keine zehn Öre für eine Kerze, und das wußte sie wohl. Natürlich mußte ich wieder stranden! Jetzt saß das Mädchen bei uns hier unten, sie saß einfach in der Stube und war gar nicht in der Küche; die Lampe da droben war also nicht einmal angezündet. Und ich stand da und dachte darüber nach, erwiderte aber nichts mehr.

Plötzlich sagt das Mädchen zu mir:

Mir schien, Sie wären vor kurzem aus dem Schloß gekommen? Waren Sie dort zum Mittagessen? Und sie lachte laut über diesen Scherz.

Ich setzte mich nieder, zog meine Papiere hervor und wollte versuchen, einstweilen hier, wo ich saß, etwas zu arbeiten. Ich hielt die Papiere auf meinen Knien und starrte unablässig auf den Boden, um durch nichts zerstreut zu werden; aber es nützte mir nichts, nützte nichts, ich kam nicht vom Fleck. Die beiden kleinen Mädchen der Wirtin kamen herein und spielten lärmend mit einer Katze, einer seltsam kranken Katze, die beinahe keine Haare mehr hatte. Wenn sie ihr in die Augen bliesen, floß Wasser heraus und über die Nase herunter. Der Wirt und ein paar andere Personen saßen am Tisch und spielten Hundertundeins. Die Frau allein war fleißig wie immer und nähte. Sie sah sehr wohl, daß ich mitten in diesem Durcheinander nicht schreiben konnte, aber sie kümmerte sich nicht mehr um mich; als mich das Dienstmädchen fragte, ob ich beim Mittagessen gewesen wäre, lächelte sie sogar. Das ganze Haus war feindlich gegen mich geworden; es war, als hätte es nur der Schmach bedurft, mein Zimmer einem anderen abtreten zu müssen, um ganz wie ein Unbefugter behandelt zu werden. Sogar dieses Dienstmädchen, eine kleine braunäugige Straßendirne, mit Stirnhaaren und vollkommen flacher Brust, hielt mich am Abend, wenn ich meine Butterbrote bekam, zum Narren. Sie fragte fortwährend, wo ich mein Mittagessen einzunehmen pflegte, da sie mich noch niemals ins Grand habe gehen sehen. Es war klar, daß sie um meinen elenden Zustand wußte, und sie machte sich ein Vergnügen daraus, mir das zu zeigen.

Dies alles fällt mir plötzlich ein und ich bin nicht imstande, eine einzige Replik zu meinem Drama zu finden. Ich versuche es immer wieder vergebens; es beginnt sonderbar in meinem Kopf zu summen und zuletzt ergebe ich mich darein. Ich stecke die Papiere in die Tasche und blicke auf. Das Mädchen sitzt gerade vor mir, und ich sehe es an, sehe diesen schmalen Rücken und ein Paar niedrige Schultern, die noch nicht einmal ganz ausgewachsen waren. Wozu griff sie mich an? Und wenn ich aus dem Schloß gekommen wäre, was dann? Würde ihr das etwas schaden? In den letzten Tagen hatte sie mich frech ausgelacht, wenn ich ungeschickt war, auf der Treppe stolperte oder mir an einem Nagel ein Loch in meinen Rock riß. Erst gestern hatte sie mein Konzept aufgehoben, das ich im Vorzimmer weggeworfen hatte, diese abgetanen Bruchstücke meines Dramas gestohlen und sie in der Stube vorgelesen, hatte in Anwesenheit aller ihren Unfug damit getrieben, nur um sich über mich lustig zu machen. Niemals hatte ich sie gekränkt, und ich konnte mich nicht erinnern, daß ich sie je um einen Dienst gebeten hatte. Im Gegenteil, am Abend machte ich mir mein Bett selbst auf dem Stubenboden zurecht, um ihr keine Schererei damit zu bereiten. Sie verspottete mich auch, weil mir die Haare ausgingen. Am Morgen schwammen im Waschwasser die Haare, und darüber machte sie sich lustig. Meine Schuhe waren jetzt ziemlich schlecht geworden, besonders der eine, der vom Brotwagen überfahren worden war, und sie trieb auch damit ihren Spaß. Gott segne Sie und Ihre Schuhe! sagte sie; sehen Sie sie an, sie sind so groß wie eine Hundehütte! Und sie hatte recht, meine Schuhe waren ausgetreten; aber ich konnte mir doch gerade in diesem Augenblick keine neuen anschaffen.

Während ich an dies alles denke und mich über die offensichtliche Bosheit der Magd wundere, hatten die kleinen Mädchen begonnen, den Greis im Bett dort zu necken: sie hüpften beide um ihn herum und waren mit dieser Arbeit ganz beschäftigt. Jedes von ihnen hatte sich einen Strohhalm gesucht und stach ihm damit in die Ohren. Eine Weile sah ich das mit an und mischte mich nicht hinein. Der Alte rührte keinen Finger zu seiner Verteidigung; er sah nur mit wütenden Blicken auf seine Plagegeister, so oft sie nach ihm stachen, und schüttelte den Kopf, um sich zu befreien, wenn ihm die Halme bereits im Ohr staken.

Bei diesem Anblick wurde ich immer erregter und konnte meine Augen nicht davon losbringen. Der Vater sah von den Karten auf und lachte über die Kleinen; er machte auch seine Mitspieler auf den Vorgang aufmerksam. Warum rührte er sich nicht, der Alte? Warum schleuderte er die Kinder nicht mit den Armen weg? Ich machte einen Schritt und näherte mich dem Bett.

Lassen Sie doch! Lassen Sie doch! Er ist lahm, rief der Wirt. Und aus Furcht, nun bei Anbruch der Nacht vor die Türe gewiesen zu werden, einfach ängstlich, das Mißfallen des Mannes zu erregen, falls ich in diesen Auftritt eingriffe, trat ich stillschweigend an meinen alten Platz zurück und verhielt mich ruhig. Warum sollte ich mein Logis und meine Butterbrote dadurch aufs Spiel setzen, daß ich meine Nase in die Angelegenheiten der Familie steckte? Keine Dummheiten wegen eines halbtoten Greises! Und ich stand da und fühlte mich so herrlich hart wie ein Stein.

Die kleinen Dirnen hörten mit ihren Plagereien nicht auf. Es ärgerte sie, daß der Greis den Kopf nicht stillhalten wollte und sie stachen nun auch nach seinen Augen und Nasenlöchern. Mit haßerfülltem Blick starrte er sie an, er sagte nichts und konnte die Arme nicht rühren. Plötzlich hob er seinen Oberkörper auf und spuckte dem einen der kleinen Mädchen ins Gesicht; er hob sich noch einmal empor und spuckte auch nach dem anderen, traf es aber nicht. Ich sah, wie der Wirt die Karten hinwarf und zum Bett sprang. Er war rot im Gesicht und rief:

Was, du spuckst den Kindern in die Augen, du altes Schwein!

Aber Herrgott, sie ließen ihm ja keinen Frieden! rief ich außer mir. Aber ich hatte dabei die ganze Zeit Angst, hinausgeworfen zu werden und rief durchaus nicht besonders laut, ich bebte nur vor Erregung am ganzen Leibe.

Der Wirt wandte sich nach mir um.

Nein, hört den an! Was, zum Teufel, kümmert Sie das? Halten Sie nur die Schnauze, ja, Sie, und tun Sie, was ich sage; das wird für Sie das beste sein.

Aber nun ertönt auch die Stimme von Madam und das ganze Haus war von Scheltworten erfüllt.

Ich denke, Gott helfe mir, ihr seid alle miteinander verrückt und besessen! schrie sie. Wenn ihr hier drinnen bleiben wollt, dann müßt ihr alle beide ruhig sein, sage ich euch! He, nicht genug damit, daß man dem Gesindel Kost und Logis gibt, nein, auch noch Radau und Teufelszeug und Jüngsten Tag muß man hier im Zimmer haben. Aber das soll jetzt aufhören, denke ich! Scht! Haltet eure Mäuler, Kinder, und putzt euch die Nasen, sonst besorg ich's! Solche Leute habe ich doch auch noch nicht gesehen! Kommen von der Straße herein, ohne einen Ör für Lausesalbe und fangen an, mitten in der Nacht Lärm zu schlagen und den Leuten des Hauses Krach zu machen. Davon will ich nichts wissen, versteht Ihr mich, und Ihr könnt euch alle miteinander packen, die Ihr nicht hergehört. In meiner eigenen Wohnung will ich Frieden haben, daß Ihr's wißt!

Ich sagte nichts, machte den Mund gar nicht auf, sondern setzte mich wieder an die Türe und hörte dem Lärm zu. Alle schrien mit, sogar die Kinder und das Dienstmädchen wollten erklären, wie der ganze Streit angefangen hatte. Wenn ich mich nur stumm verhielte, so würde es wohl noch einmal vorübergehen; es würde ganz gewiß nicht zum Äußersten kommen, wenn ich nur kein Wort sagte. Und was könnte ich auch zu sagen haben? War es vielleicht nicht Winter draußen und ging es nicht noch außerdem auf die Nacht zu? War das die Zeit, auf den Tisch zu schlagen und aufzubegehren? Nur keine Narrenstreiche! Und ich saß still und verließ das Haus nicht, obwohl ich beinahe hinausgewiesen worden war. Verstockt starrte ich an die Wand, an der Christus in Öldruck hing, und schwieg hartnäckig auf alle Ausfälle der Wirtin.

Ja, wenn Sie mich loswerden wollen, Madam, dann soll, was mich betrifft, nichts im Wege sein, sagte der eine der Kartenspieler.

Er erhob sich. Auch der andere Kartenspieler stand auf.

Nein, dich meinte ich nicht. Und auch dich nicht, antwortete die Wirtin den beiden. Ich werde schon sagen, wen ich meine, wenn es darauf ankommt. Wenn es darauf ankommt. Denke ich! Es wird sich zeigen, wer es ist....

Sie sprach abgerissen, versetzte mir diese Hiebe mit kleinen Zwischenräumen und zog sie richtig in die Länge, um es mir deutlicher zu machen, daß sie mich meinte. Ruhe! sagte ich zu mir selbst. Nur Ruhe! Sie hat mich noch nicht aufgefordert zu gehen, nicht ausdrücklich, nicht mit offenen Worten. Nur keinen Hochmut auf meiner Seite, keinen Stolz zur Unzeit! Die Ohren steif!.... Es war doch ein eigentümlich grünes Haar, das der Christus auf dem Öldruck da hatte. Es war grünem Gras gar nicht so unähnlich, oder mit ausgesuchter Genauigkeit ausgedrückt: dickem Wiesengras. He, eine durchaus richtige Bemerkung meinerseits, ganz dickem Wiesengras.... Eine Reihe flüchtiger Ideenverbindungen lief mir in diesem Augenblick durch den Kopf: Von dem grünen Gras bis zu der Stelle in der Schrift: daß jedes Leben wie Gras sei, das angezündet würde, — von dort zum Jüngsten Tag, da alles verbrennen werde, dann mit einem kleinen Abstecher zum Erdbeben in Lissabon, worauf mir irgend etwas wie ein spanischer Spucknapf aus Messing und ein Federhalter aus Ebenholz vorschwebte, den ich bei Ylajali gesehen hatte. Ach ja, alles war vergänglich! Ganz wie Gras, das angezündet wurde! Es lief auf vier Bretter hinaus und auf Leichenwäsche — bei Jungfer Andersen, rechts im Torweg....

Und dies alles wurde in meinem Kopf umhergeworfen, in diesem verzweifelten Augenblick, als meine Wirtin im Begriff war, mich vor die Tür zu jagen.

Er hört nicht! rief sie. Ich sage, Sie sollen das Haus verlassen, nun wissen Sie es! Ich glaube, Gott verdamm mich, der Mann ist verrückt! Nun machen Sie aber, daß Sie fortkommen, und zwar auf der Stelle!

Ich sah zur Türe, nicht um zu gehen, durchaus nicht um zu gehen; ein frecher Gedanke fiel mir ein: Wäre ein Schlüssel in der Türe gewesen, dann hätte ich ihn umgedreht, hätte mich mit den anderen zusammen eingesperrt, um nicht gehen zu müssen. Ich hatte ein ganz hysterisches Grauen davor, wieder auf der Straße zu stehen. Aber es war kein Schlüssel in der Türe, und ich stand auf; es gab keine Hoffnung mehr.

Da mischt sich plötzlich die Stimme meines Wirtes in die der Frau. Erstaunt bleibe ich stehen. Der gleiche Mann, der mich eben noch bedroht hatte, nimmt, merkwürdig genug, meine Partei. Er sagt:

Du darfst die Leute doch nicht in die Nacht hinausjagen, das weißt du. Darauf steht Strafe.

Ich war nicht sicher, ob Strafe darauf stand, ich glaubte es nicht, aber vielleicht war es so; die Frau besann sich bald, wurde ruhig und sprach mich nicht mehr an. Sie legte mir sogar zum Abendessen zwei Butterbrote hin, aber ich nahm sie nicht an, aus reiner Dankbarkeit gegen den Mann nahm ich sie nicht an, indem ich vorgab, in der Stadt gegessen zu haben.

Als ich mich endlich in das Vorzimmer begab, und zu Bett gehen wollte, kam mir die Madam nach, blieb auf der Schwelle stehen und sagte laut, während ihr großer, schwangerer Bauch mir entgegenstrotzte:

Dies aber ist die letzte Nacht, die Sie hier schlafen, daß Sie es wissen.

Ja, ja! antwortete ich.

Morgen würde sich schon Rat für ein Obdach finden, wenn ich mich richtig danach umtat. Irgendein Unterschlupf mußte sich doch finden. Vorläufig freute ich mich darüber, daß ich nicht heute nacht fortzugehen brauchte.


Ich schlief bis gegen fünf, sechs Uhr morgens. Als ich erwachte, war es noch nicht hell, ich stand aber trotzdem sofort auf; — ich hatte wegen der Kälte in allen Kleidern geschlafen und brauchte nichts weiter anzuziehen. Nachdem ich ein wenig Wasser getrunken und in aller Stille die Türe geöffnet hatte, ging ich schnell hinaus, da ich fürchtete, meine Wirtin noch einmal zu treffen.

Der einzige lebende Mensch, den ich in den Straßen sah, war irgendein Schutzmann, der in der Nacht Dienst gehabt hatte; bald darauf begannen auch ein paar Männer die Gaslaternen auszulöschen. Ich trieb mich ohne Ziel herum, kam in die Kirchstraße und nahm den Weg zur Festung hinunter. Kalt und noch schläfrig, in den Knien und im Rücken müde von dem langen Weg, und sehr hungrig, setzte ich mich auf eine Bank und duselte lange Zeit. Drei Wochen lang hatte ich ausschließlich von den Butterbroten gelebt, die mir meine Wirtin morgens und abends gegeben hatte; und nun waren genau vierundzwanzig Stunden seit meiner letzten Mahlzeit vergangen, es fing wieder schlimm in mir zu nagen an, und ich mußte möglichst bald einen Ausweg finden. Mit diesen Gedanken schlief ich auf der Bank wieder ein....

In meiner Nähe wurde gesprochen und ich erwachte dadurch. Als ich mich ein wenig aufgerappelt hatte, sah ich, daß es heller Tag und alles schon auf den Beinen war. Ich erhob mich und ging fort. Die Sonne brach über den Höhen hervor, der Himmel war weiß und fein, und in meiner Freude über den schönen Morgen nach den vielen dunklen Wochen vergaß ich alle Sorgen und fand, daß es mir schon manches Mal noch schlimmer ergangen sei. Ich klopfte mir auf die Brust und sang eine kleine Melodie vor mich hin. Meine Stimme klang so schlecht, klang so mitgenommen, ich wurde durch sie zu Tränen gerührt. Auch dieser prachtvolle Tag, der weiße, lichttrunkene Himmel wirkten stark auf mich ein und ich war nahe daran, laut zu weinen.