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Hurdy-Gurdy: Bilder aus einem Landgängerdorfe cover

Hurdy-Gurdy: Bilder aus einem Landgängerdorfe

Chapter 10: IX. Das Ende.
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About This Book

A first-person narrator with theological training offers a sequence of village vignettes portraying itinerant workers, fallen artisans, and the households that sustain them. Close, often pastoral observation of gestures, rooms, gardens, and small domestic economies reveals contrasts between poverty and dignity, practical skill and social decline. Individual sketches focus on character details—manners, speech, and private discipline—while shifting between landscape description, moral reflection, and the everyday tactics families use to survive, suggesting a tense mixture of penance, pride, resilience, and communal judgment.

IX.
Das Ende.

Eines Nachmittags kam die alte Balzerswäs ganz verstört in mein Zimmer.

»Der Himmel erbarme sich einer alten Wittfrau! Wie schwer wird man heimgesucht! Denken Sie, mein Ernst ist fort, ist der Babett nach, dem verfluchten Mensch!«

»Was sagen Sie, der Ernst ist fort! ist nach Californien?« rief ich ganz verwundert.

»Ach Gott, das viele, viele Geld!«

»Es ist allerdings ein leichtsinniger Streich, der schlimme Folgen für seine Zukunft haben kann. Doch wie ist es denn zugegangen?«

»Nun wie wird's zugegangen sein! Der Bub ist ganz verhext in die Babett, sie hat ihm auch, glaube ich, von Amerika aus geschrieben und ihn dazu verleitet. Es kann ja nicht anders gehen, wenn man sich unter das Bettelpack mischt. Als er die Weihnachten hier war, ist er nicht wieder auf's Seminario. Ich hatte ihm das Kostgeld für ein halbes Jahr mitgegeben, das hat er nicht bezahlt. Seine Bücher, sein Weißzeug, sein Bett und sein Clavier hat er für ein Lumpengeld verkauft und vom Izik aus der Stadt hat er sich auf Handschein zweihundert Gulden geben lassen. Denken Sie, der stille, brave Ernst! Die Gedanken kann ihm doch nur das Satans Ding eingegeben haben. Wir sind erst hinter die ganze Geschichte gekommen, als der Izik mich vorgestern anrief und fragte, wer denn die Zinsen von den zweihundert Gulden bezahlte – ich oder der Ernst. Ich weiß gar nicht, wie ich heimgekommen bin. Der Hanjost mußte gleich hinüber nach J., aber das Nest war leer – der Vogel war fort. Er wird auch nicht mehr aufgenommen in's Seminario, weil er durchgegangen ist. Der Hanjost hat's aus dem Mund vom Direktor.

Denken Sie, jetzt muß ich das Kostgeld noch bezahlen und der Izik will am Ende auch noch sein Geld haben. Ach Gott, das viele, viele Geld! Was hat das Studium nicht Alles gekostet und nun ist Alles umsonst! Es wäre vielleicht doch am besten gewesen, wenn wir Ihnen gefolgt hätten, aber wer hätte denken können, daß Alles so käme! Ja, ich vergesse ganz, was ich eigentlich fragen wollte. Ist denn gar nichts mehr zu machen? Kann man ihn denn nicht mehr erreichen?« – »O ja, Sie müssen nach Hamburg oder Bremen telegraphiren und ihn dort festnehmen lassen.«

»Kostet das aber nicht wieder Geld?«

»Gewiß wird es Geld kosten, doch ich meine, das könnte Sie in diesem Fall nicht kümmern!«

»Nun ich könnte einmal in die Stadt gehen. Hernach kann man immer noch machen, was man will.«

»Aber wenn Ihre Bemühungen Erfolg haben sollen, Frau Balzer, so thut die größte Eile noth.«

Ob sie hat telegraphiren lassen, weiß ich nicht. Zurückgekommen ist er wenigstens nicht. Dagegen kam im Mai des Jahres ein Brief von Försters Anna, der von ihm Nachricht gab. Weil dieser Brief auch die einzige Nachricht vom ferneren Schicksal Babettens enthielt, suchte ich mir denselben zu verschaffen und will den Hauptinhalt desselben hierhersetzen.

Theuerste Eltern!

Ihr empfanget hiermit meine Photographie. Es ist jetzt Mode, seinen Eltern die Photographie zu schicken. Alle Herrn wollen auch meine Photographie haben. Sie sagen: ich wäre sehr gut getroffen und nähme mich reizend aus. Das Kleid, was ich auf dem Bilde anhabe, ist von Seide und die gelben Streifen um die Finger sind goldene Ringe. Ich wollte auch meinen neuen Hut und meine seidene Mantille anthun, aber der Maler sagte, ich würde anders viel schöner aussehen. Alle Herrn sind in mich vergafft. Mir gefällt's sehr gut hier. Anfangs, als ich noch einfältig war, habe ich als viel gegreint und mich heim gewünscht, aber jetzt habe ich mich schon recht gefunden. Es wäre Alles recht gut hier, wenn die Männer nur nicht so wild wären und gleich aufeinander schössen und sich todtstächen. Aber Mord und Todtschlag ist hier überall und Alle haben Pistolen, wo man oft mit schießen kann, die sie »Revolver« nennen und lange Messer. – Artig sind sie – das ist wahr – und können einem ganz anders die Cour schneiden, als unsere Bursche daheim. In unserm Tanzhôtel heiße ich allgemein »die Königin«, besonders seit die Babett todt ist und auch als sie noch lebte, hatte ich schon viel den Vorzug wegen meiner Munterkeit und Anstelligkeit.

Doch ich habe Euch noch gar nicht den Tod der Babett berichtet. Ach, das arme, arme Ding! Ich muß gerad weinen, wenn ich an sie denke. Wir waren immer so gute Kamerädinnen. Ich wollte, ich wäre nur einmal ein paar Stunden bei Euch! Es ist gar zu viel zu erzählen. Die Babett war schon ganz merkwürdig, als wir auf dem Meer waren, gar nicht wie wir Andern. Sie hatte gar keine Furcht, bekam auch nicht die Seekrankheit. Meistens saß sie auf dem Deck und guckte oft stundenlang nach dem Himmel oder hinunter in die See. Ich sagte einmal zu ihr: Nun willst Du ein Sterngucker werden? Da hat sie laut angefangen zu weinen. Hernach habe ich sie nie mehr gestört. Aber ich glaube, sie hat damals viel daran gedacht, sich selbst um's Leben zu bringen. Ich mußte bei ihr sitzen bis spät in die Nacht hinein und wenn ich fort wollte gehen, hat sie mich um Gotteswillen gebeten, ich solle bei ihr bleiben. Dann sang sie all' die Lieder, die wir als Sonntags an der Guntramseiche gesungen haben. Aber auch Ein's hat sie oft gesungen; ich glaube, das hat sie selbst gemacht:

Ich steh' am Schiffsgeländer
Und blicke in die See;
Ich möcht' so gern hinunter,
Begraben alles Weh!
Es ist so tief da drunten,
So tief bis auf den Grund,
Mein Schmerz ist noch viel tiefer;
Ich werd nicht mehr gesund.
Mein Ernst, du lieber Bube,
Dein Schatz sagt dir: Ade!
Du siehst Dein Mädchen nimmer;
Es liegt in tiefer See.
Im Meer ist gar viel Wasser,
Wo man mit säubern mag;
Ich möcht' mich drunten waschen
Von aller meiner Schmach!

Einmal hatte sie es wieder gesungen, da sprang sie wild in die Höhe und schaute ganz verwirrt um sich. Mir war angst und bang, und ich wollte schon um Hülfe rufen, da fiel sie auf die Knie und betete laut:

Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut!
Mach's nur mit meinem Ende gut.

Von der Zeit an habe ich das Lied nicht mehr von ihr gehört.

Wir haben auch einen Sturm mitgemacht. Das brüllte und tobte, als ginge die Welt unter. Aber als wir Alle schrien und weinten, war die Babett ganz ruhig, als wenn Nichts wäre. Und als das Schiff krachte, als wollte Alles kaput gehen, da leuchteten ihre Augen zum ersten Mal wieder wie daheim. – In Californien wollte sie ganz apart sein. Sie hat uns als recht geärgert mit ihren Ermahnungen, wir sollten beten und in der Bibel lesen. Wir sagten ihr, wenn wir uns predigen wollten lassen, gingen wir in die Kirche. All' ihr Heiligthun hat ihr auch Nichts geholfen. Sie mußte mit wie wir Andern. Was ist sie geschlagen und gepeinigt worden! Die Schottin ist noch schlimmer als der alte Fink und der ist wahrhaftig schlimm genug. Sie hat jedoch nie geklagt und auch nie geschrien. In die Lippen hat sie sich gebissen, daß das Blut herunterlief und die Thränen sind ihr aus den Augen gestürzt. Wir mußten als laut weinen, wenn sie so mißhandelt wurde. Im Tanzsaal that sie gar stolz. Sie hat mit Niemandem getanzt und wenn's Einer fertig bringen wollte, mußte er sie mitschleppen. Und doch waren die Herrn gleich in sie vernarrt, als sie zum ersten Mal mit mußte. Es war, als wenn sie allein im Saal wäre. Alle hatten Respekt vor ihr. Sie nannten sie »die Jungfrau von Orleans.« Da war aber Einer – sie nannten ihn den »schwarzen Tom«, – das war der Haupthahn und der Schönste von Allen. Ich konnte ihn ganz gut leiden. Seine kohlschwarzen Augen brannten wie lauter Feuer und seine Zähne waren so weiß wie Elfenbein. Er führte Alles an und sie mußten ihm Alle gehorchen. Der machte eine Wette: er wollte die Babett küssen mitten im Saal vor den Leuten. Und er that's auch; aber die Babett, die immer so riesig stark war, gab ihm eine Ohrfeige, daß er den langen Weg in den Saal fiel. Alle lachten, spotteten und uzten; denn es waren Viele, die ihn nicht leiden mochten. Er wurde dadurch wüthend, nahm seinen Revolver und schoß der Babett durch die Brust. Es war ein furchtbares Durcheinander. Der Tom hätte sich retten können, aber ein alter Herr hielt ihn so fest, daß er nur zappelte. Der ließ auch die Babett in sein Haus schaffen. Man erfuhr hernach, daß er ein Deutscher sei; er hätte auch der Babett ihre Mutter schon gekannt und hätte vorgehabt, die Babett zu sich zu nehmen und hätte nur noch eine Zeitlang warten wollen, um ihre Beständigkeit zu prüfen. Der Tom wurde schon den andern Tag gehenkt. Die Babett war nicht gleich todt, sondern hat noch vierzehn Tage gelegen und nicht besonders viel Schmerzen gehabt. Um den Jammer voll zumachen, kam vor ein paar Tagen plötzlich der Ernst und traf mit einem von unsern Mädchen zusammen.

Das war ein Wiedersehn: Die Steine hätten sich erbarmen mögen! Er hatte die halbe Welt durchreist, um sie zu retten, wie er sagte. Er hatte sein Studium und Alles aufgegeben und nun fand er sie am Sterben. Die Babett war wunderbar ruhig und getrost. Als sie den Ernst sah, sagte sie: Nun ist Alles gut! Der Tod ihrer Mutter durfte ihr nicht gesagt werden. Sie sah fast aus wie ein Engel und Alle hat sie getröstet. Und wie ein Engel ist sie hinübergegangen. Der Ernst ist ganz niedergeschmettert. Er ist vorläufig noch bei dem alten Herrn. Ich habe ihm die Geschichte von unserer Reise so oft erzählen müssen, daß ich sie fast auswendig kann. Doch jetzt thun mir die Finger weh, so viel habe ich geschrieben und es ist auch Zeit, daß ich an meine Toilette denke. Heute Abend ist großer Maskenball und Alle haben gesagt: »Die Königin darf nicht fehlen!«

Haltet Euch gesund und seid gegrüßt von

Eurer treuen Tochter

Anna Klein.

Nachschrift: Ihr findet auch ein Bankbillet von fünfzig Dollars in dem Brief; der alte Fink braucht nicht Alles zu wissen.


Ich hätte vielleicht noch Ausführlicheres von den Heimkehrenden in Erfahrung bringen können, wenn ich nicht etliche Monate darauf in eine der schönsten Gegenden des Lahnthals versetzt worden wäre.


Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld.