VIII.
Eine Predigt Gottes.
Es war Winter geworden. Der Schneesturm tobte und in den Feldern und Wiesen lag er fast zwei Fuß hoch. Wie ein Wintersturm war es auch über meine Jugend dahingegangen. All' mein Hoffen und Sehnen und meine Begeisterung war dahin. Ich fühlte mich innerlich geknickt und gebrochen. Mein Zerwürfniß mit der Gemeinde war zwar äußerlich beigelegt: Anne-Mile hatte geplaudert und sich nach und nach selbst verrathen. Als die Babette an der Guntramseiche in Ohnmacht fiel und ich um Hülfe rief, war sie ganz in der Nähe gewesen und hatte Alles mit angesehen und zum Theil mit angehört. Doch statt Mitgefühl zu empfinden, war der teuflische Plan in ihrer Seele wach geworden, Babette und mich in geschehener Weise zu verdächtigen. Der Anton Scheppler hatte einmal zu ihr gesagt, die Babette sei tausendmal schöner als sie, weil sie züchtig und rein wäre. Das hatte sie schon lange genug geärgert; die sollte nicht länger mit ihrer Unschuld groß thun. Nun hatte sie auch soviel verstanden und sich zusammengereimt, daß ich der Babette helfen wolle und war den Abend gleich zum alten Fink gelaufen und hatte ihm Alles erzählt. Der war heftig erschrocken und versprach ihr zehn Thaler, wenn sie Babette und mich in der geschehenen Weise verdächtige, einen rechten Lärm im Ort mache und so meinen Einfluß vernichte. Die zehn Thaler freilich bekam sie nicht und der Aerger darüber war auch der Anlaß ihres Plauderns.
Der Kirchenvorstand, als er hörte, daß ich ihre Anklage in Händen habe und es mit meiner Versetzung Nichts würde, war gekommen, um mich um Verzeihung zu bitten, jedoch jeder Kirchenvorsteher allein. Der Bürgermeister meinte, der alte Fink und der Mauser wären an Allem schuld. Der alte Fink hätte gehetzt und Branntwein bezahlt und der Mauser hätte die Schrift gemacht. Der Mauser dagegen sagte, der Bürgermeister wäre der Urgrund alles Unheils und wir bekämen keinen Frieden in das Dorf, bis wir einen andern Bürgermeister hätten. Der Schwalb sprach vielleicht allein die Wahrheit, denn er gestand, er habe nicht gewußt, was er unterschrieben habe.
Als der Decan Kirchenvisitation hielt, hatte er sehr zur Eintracht und zum Frieden gerathen. Konnte aber Eintracht und Frieden zwischen mir und meiner Gemeinde sein? Wäre es nicht ein trauriges Zeichen für mich gewesen?
Jetzt im Winter, und da ich Alles in seiner nackten Wirklichkeit schaute und nicht mehr mit der idealisirenden Brille eines jugendlichen Herzens, fühlte ich doppelt meine Einsamkeit und Verlassenheit unter diesen Leuten. Mir war es oft mit meinem wunden Gemüthe, wie dem »ausgewanderten Dichter«:
Allein? Allein? ist das der Wildniß Seegen?
Allein? Allein? o Gott, ein einzig Wesen!
Um dieses Haupt an seine Brust zu legen.«
Ich verstand es, wenn es in der Schrift heißt: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.« Und ich hatte ja eine geliebte Braut; aber bei dem dürftigen Einkommen der Stelle konnte ich nicht an Heirathen denken. Ich konnte stundenlang im trüben Sinnen am Fenster sitzen und hinunterblicken zu den fernen Burgen und Städten der Wetterau und zu den finsteren Höhen des Vogelberges. Meine einzige Gesellschaft war ein Rabe, der stets auf dem Stumpfe des vom Blitz getroffenen Baumes saß. Er nickte mir zu und ich nickte ihm zu, als verständen wir uns. Es schneite dabei immer zu und der Nordweststurm rüttelte an den Fenstern und wirbelte den Schnee auf und jagte den Rauch aus dem Kamin zurück in mein Zimmer. Aus diesem trüben Sinnen wurde ich geweckt durch eine Nachricht, die laut predigte von der Unbegreiflichkeit der Gerichte Gottes und von der Unerforschlichkeit seiner Wege. Es hieß: der Schneider Heimerdinger hat seine Frau erschlagen.
Anfangs hörte ich nur dunkle, abenteuerliche Gerüchte, als habe er ihr mit einer Axt den Leib aufgeschlitzt. Andere sagten, er habe ihr ein Schnitzmesser in den Hals geworfen. Endlich gelangte eine bestimmtere Nachricht an mich, daß die Frau Heimerdinger zwar stark verwundet sei, aber nicht todt, und man auch gar nicht wisse, ob ihr Mann schuldig wäre; nur lasse er keinen Menschen in's Haus, indem er vorgäbe, seine Frau sei zu schwach, um Besuch anzunehmen. Ich beschloß, auf jeden Fall die Sache näher zu untersuchen und mich so leicht nicht abweisen zu lassen. Ich fand die Hausthüre von innen verriegelt. Aber als ich ein wenig Lärm mit dem Drücker machte, erschien ein Kopf am Fenster und bald darauf wurde geöffnet. Es war Konrad, der achtjährige Sohn des Heimerdinger, der mir öffnete. Sein Vater war nicht zu Hause. Er war vor einer Stunde in den Wald gegangen, um Holz zu holen, weil sie keinen Vorrath mehr im Hause hatten, um zu kochen und einzuheizen. Ich trat in ein freundliches, nettes Zimmer, wie kein zweites im ganzen Dorf zu finden war. Die Wände waren mit einer neuen, hellen Tapete bekleidet; an den Fenstern waren schneeweiße Halbvorhänge angebracht und auf einem selbstverfertigten Blumentischchen stand eine ganze Auswahl von Monatsrosen, Nelken, Geranien, Fuchsia's und Cactus. In dem Bett, das die Ofenecke ausfüllte und durch eine einfache Gardine geschützt war, lag die Frau Heimerdinger, das immer noch schöne Gesicht todtenbleich und von Schmerz entstellt. Der kleine Konrad war an ihr Bett getreten und hatte sein Gesicht in dem Kissen vergraben, während die Mutter krampfhaft in seinen Locken wühlte und mich gar verlegen und mißtrauisch anblickte.
»Es scheint Ungewöhnliches in diesem Hause vorgegangen zu sein«, begann ich die Unterredung.
»Ja, Herr Pfarrer, es wird mein Tod sein.«
»Was ist denn eigentlich geschehen?«
»Gestern Abend bin ich dunkel in den Keller gegangen und über das Sauerkrautfaß gefallen und habe mir an einem großen Nagel, der herausstand, den Leib aufgeritzt und ich glaube, einen Darm verletzt.«
Die Geschichte war so einfach und wahrscheinlich und so im Tone der Wahrheit erzählt, daß mir gar kein Bedenken gekommen wäre, wenn ich nicht in ihren Augen etwas Lauerndes meinte wahrgenommen zu haben. Doch ich konnte mich auch täuschen. Um sie weiter zu beobachten, sagte ich rasch: »Es wird im Dorfe ganz anders erzählt, Frau Heimerdinger.«
Aber sie wußte es schon.
»Ich weiß es, der Konrad hat mir's gesagt. Es sind verleumderische Menschen, die einem gern etwas anhängen möchten und die nicht wissen, was sie thun.«
»Sie werden es wohl am besten wissen und werden nicht mit einer Lüge aus der Welt gehen wollen?«
»Nein, wenn man so nahe der Ewigkeit steht, lügt man nicht.«
Sie war aber feuerroth bei diesen Worten geworden und wendete sich ein wenig nach der andern Seite. Es war also nicht Alles richtig. Sie hatte Etwas zu verbergen.
»Gebrauchen Sie einen Arzt?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Sie wissen, wir armen Leute schicken nicht gleich zum Doctor und in die Apotheke, wir können schon einen Stoß vertragen. Doch wenn mein Mann heimkommt, soll er gleich nach einem gehen. Die Schmerzen sind nicht gut zu ertragen und es ist Alles geschwollen.«
»Versäumen Sie es ja nicht! Sie haben schon zu lange gewartet. Sie können dadurch an Ihrem Tode schuldig sein.«
Sie war noch bleicher geworden. Ihre Schmerzen schienen furchtbar zu sein. Aber die größten Schmerzen konnten ihr das Geheimniß nicht auspressen. Sie hatte sogar noch Geistesgegenwart genug, sich nicht durch ein einziges Wort zu verrathen. Als sie sich wieder etwas erholt hatte, bemerkte ich darum, um sie noch stärker anzugreifen:
»Denken Sie auch an Babette?«
»Herr Pfarrer, die macht mir mehr Schmerzen, als meine Wunde. Wir haben gestern Morgen einen Brief von ihr bekommen. Sie schreibt nicht gut.«
»Dürfte ich den Brief vielleicht einmal sehen?«
»Ich glaube, mein Mann muß ihn mit haben.«
»Mutter,« sagte Konrad, »er liegt ja unter Deinem Kopfkissen.«
»Nein, Konrad, Dein Vater hat ihn mit.«
»Lassen Sie nur, Frau Heimerdinger, Sie können mir vielleicht etwas daraus mittheilen.«
»Sie schreibt von New-York aus, des andern Tages würden sie nach Californien absegeln. Sie macht uns schwere Vorwürfe und was mich am meisten ängstigt, ist: daß sie schreibt, sie blicke oft in das Meer und dann denke sie: wenn sie tief, tief dort unten liege, dann hätte sie Ruhe und Frieden. Balzer's Ernst hat auch einen Brief von ihr erhalten.«
Als sie mir nichts weiter mittheilte, wollte ich auch nicht weiter in sie dringen und fragte nur noch, wenn Sie denn sterben sollte, ob Sie sich auch gerüstet glaube, vor dem Richterstuhle Gottes zu erscheinen. Da antwortete sie auf einmal in einem ganz umgeänderten Tone: »Sie müssen wieder kommen, Herr Pfarrer, Sie müssen wieder kommen!« und schwere Thränen perlten in ihren Augen. »Ich habe noch viel mit Ihnen zu reden, ehe ich sterbe, aber jetzt bin ich zu schwach, zu angegriffen.« Ich sah ihr an, wie sie sich nur mit Mühe aufrecht erhielt und entfernte mich. Die Erinnerung an ihr unglückliches Kind schien den Panzer, der ihr Herz umschloß, geschmolzen zu haben. – Ich lag die Nacht im ernsten, tiefen Schlaf; da wurde mit der Faust wider meinen Fensterladen geschlagen. »Herr Pfarrer, Sie sollen gleich in Heimerdinger's kommen: Die Frau Heimerdinger stirbt!« rief es draußen.
Ich zündete Licht an. Es war eben drei Viertel auf ein Uhr. Ich warf mich schnell in meine Kleider und war bereit, dem Manne, der noch draußen mit der Laterne stand, zu folgen. Der Sturm heulte, Schnee und Regen schmetterten wider die Fenster, die Dachziegel klapperten, die zwei alten Pappelbäume vor meinem Hause ächzten und stöhnten. Ich schauderte, in die schwarze, schreckliche Nacht hinauszugehen zu solchem Sterbelager. Aber die Pflicht rief. Unterwegs erzählte mir mein Begleiter, der ein Nachbar von Heimerdingers war, er und seine Frau seien schon den ganzen Abend im Hause. Die Frau Heimerdinger hätte bereits seit Stunden nach mir verlangt, aber der Heimerdinger habe immer Entschuldigungen und Ausreden vorgebracht. Zuletzt als sie immer schwächer geworden, sei er auf eigene Verantwortung zu mir gelaufen und hätte mich gerufen. Er glaube, sie wolle mir ein Geständniß machen. – Als wir eintraten, lag sie ebenso da wie am Morgen; nur saß ihr Mann neben ihr am Bett. Er warf mir einen wilden, verwirrten Blick zu, als ich so plötzlich und unvermuthet hereintrat, wandte sich aber gleich wieder zu der Sterbenden. Diese faltete die Hände und streckte sie hoch in die Luft, warf einen verzweifelten Blick auf mich und ihren Mann, that noch einen Schrei und war verschieden. Ich war zu spät gekommen. Der Mann warf sich schluchzend über die Leiche. Der Konrad lag ohnmächtig in der Nachbarin Arm. Ich sank auf die Knie und betete um Gnade für die arme Seele. Ich hätte gern eine gerichtliche Untersuchung der Leiche gehabt, zumal da das ganze Dorf derselben Ansicht war, wie ich, daß der Fall über das Sauerkrautfaß reine Erfindung sei. Man traute allgemein der Frau Heimerdinger die Festigkeit und Charakterstärke zu, daß wenn sie ein solches Geheimniß hätte mit in's Grab nehmen wollen, sie es auch gekonnt habe. Aber der Arzt, der sie noch den Nachmittag vor ihrem Tode besucht hatte und den ich darüber sprach, sagte: es sei kein Grund vorhanden, hier gerichtlich einzuschreiten, indem an der Angabe der Kranken gar nicht zu zweifeln sei: Ich solle sie in Gottes Namen beerdigen.
Es war in der folgenden Nacht. Der Nordweststurm hatte sich noch nicht gelegt und rüttelte besonders an dem einsamen Haus des Schneiders Heimerdinger, als wollte er es vom Erdboden mit hinwegnehmen und mit ihm alles Verbrechen und Weh, welches es in sich verbarg. Mitternacht mochte vorüber sein, da erwachte der kleine Konrad hinter dem Ofen, hinter dem er sitzend eingeschlafen war. Der Ofen war kalt. Ihn fror es, daß die Zähne klapperten. Das Licht, das auf dem Tische stand, war am Ausgehen und flackerte auf und nieder. Bei seinem ungewissen Schein glaubte er zu sehen, wie seine Mutter, deren Leiche mit einem Leintuch verhüllt auf dem Bette lag, ihre Hände nach ihm ausstreckte. Wie er sich entsetzt abwandte, fiel sein Blick auf seinen Vater, der lang ausgestreckt, bleich wie seine Mutter, auf dem flachen Stubenboden lag. So war er hingefallen, als er spät in der Nacht betrunken in die Stube hereintaumelte, und liegen geblieben und eingeschlafen. In demselben Augenblicke, als der Knabe seinen Vater erblickte, erlosch das Licht. Da wurde es wirr in seinem Sinn; er meinte den Sterbeschrei seiner Mutter wieder zu hören; er glaubte, eine Faust fasse ihn beim Genick, sein Haar sträubte sich in die Höhe und mit einem lauten Schrei stürzte das unglückliche Kind, vom Entsetzen gepackt vor seinen eigenen Eltern, hinaus aus dem Vaterhaus in die wilde Nacht hinein, um sich eine andere Heimat zu suchen. Der Wind spielte mit seinen Locken und fuhr eiskalt durch seine dünnen Kleider und bei jedem Schritt brach er bis über die Knie in den Schnee. Aber fort ging's, wie das gehetzte Wild vor einer Meute Hunde dahinläuft. Fort – fort – aber wohin du armer Knabe, in der dunkeln Nacht, in Wind und Wetter, im tiefen Schnee? In die Heimat? Du hast ja keine Heimat! Dein Vater ist ein Mörder – Deine Mutter ist ermordet – Deine geliebte Schwester ist verkauft! Oder willst du in die andere Heimat? Du hättest sie wohl auch noch erreicht in dieser Nacht, wenn Gott nicht seinen Engeln befohlen hätte: »dies Kind soll wohl behütet sein!«
Auf einmal war es dem Konrad, als hätte er keinen Boden mehr unter den Füßen; dann meinte er, er könne fliegen, dann lag er so weich, so weich und wäre gern eingeschlafen, aber das Bein that ihm so weh, daß er in einem fort aufschreien mußte.
»Hanjörg, Hanjörg«, sagte zum Bauern auf dem Hauserhof seine Frau, die Babett, und strich ihm mit der Hand über's Gesicht, um ihn aufzuwecken: »ich weiß nicht, die Hunde rasen ordentlich an ihren Ketten; es muß Etwas im Hof sein. Es wäre gut, wenn Du einmal hinausgingst und nachsähest: ich traue dem Heidenvolk nicht, das in den letzten Tagen hier herumstrich. – Und horch! – wenn der Sturm nicht so heult – hörst Du es nicht jammern und jispern? Mein Gott, wenn so ein Unglücklicher in der Dunkelheit die Felswand hinabgestürzt wäre!« Mit gleichen Füßen fuhr sie aus dem Bette und in fünf Minuten stand sie schon mit ihrem Manne im Hof und fanden dort den armen Konrad, der ein Bein gebrochen hatte.
Ich hatte noch nicht gefrühstückt, da war ein Knecht vom Hauserhof da: ich solle gleich einmal hinauskommen, es wäre etwas Wichtiges.
Ich beeilte mein Frühstück und machte mich auf den Weg; aber der Hof war, obwohl nur eine Viertelstunde entfernt, kaum zu erreichen vor dem ungewöhnlich tiefen Schnee. Endlich trat ich wie ein Schneemann mit Schnee beladen in's Zimmer und merkte nun alsbald auch, um was es sich handelte, da ich den Konrad im breiten Familienbette entdeckte und die geschwätzige Hoffrau mir fast in einem Athem über die nächtlichen Geschichten berichtete und andeutete, daß der Knabe Alles wisse und auch sagen würde, worüber man bis jetzt nur noch Vermuthungen hatte.
»Das Bein ist wieder kunstgerecht eingerichtet vom Schäfer von Langenbuch: der versteht's besser als ein Doctor. Er war noch keine fünf Minuten fort, als Sie kamen und morgen will er wieder kommen und nachsehen. Aber was das Konrädchen zu sagen hat, da sollten Sie dabei sein! Sie wissen doch besser mit solchen Dingen umzugehen, als wir. Und wenn der schlechte Mensch schuldig ist, so muß er d'ran und wenn es tausendmal noch ein Verwandter von uns ist. Für die Kinder ist gesorgt. Der Konrad bleibt gerade bei uns und ich wollte, die Babett, mein Göthchen, das herzige Mädchen wäre auch wieder da! Es würde sich noch Manches machen lassen. Ich und mein Alter haben schon lange unser Augenmerk auf die herrlichen Kinder des Heimerdinger geworfen, da uns Gott diesen Segen versagt hat.«
Um den Strom der Rede, der wahrscheinlich noch so eine Weile fortgeflossen wäre, abzuschneiden, trat ich an's Bett und fing an, den Knaben zu verhören. Jedoch nur auf die heiligsten Versicherungen des Schutzes, den er genießen sollte, begann er seine Erzählung, die oft durch Weinen unterbrochen wurde und worüber ich mir in manchen Stücken erst durch langes Examiniren Aufklärung verschaffte. Heimerdinger hatte durch den Verkauf seines Mädchens die Schuld, die auf dem Hause ruhte, gedeckt und auch noch etliches baare Geld in die Finger bekommen. Aber sein Durst war diesem und noch mehrerem gewachsen; er schien sich sogar noch von Tag zu Tag zu steigern. Die Arbeit war ihm gänzlich verleidet und er begehrte Nichts als zu trinken und wieder zu trinken. Das war nun ein großes Leidwesen für die Frau, die schon zum Voraus berechnen konnte, wann der Preis, für den sie ihr herrliches Mädchen dahingegeben hatte, durch den Leichtsinn und die Trunksucht ihres verkommenen Mannes bis auf den letzten Heller verzehrt sein würde! Alle Vorstellungen und Zuredungen halfen Nichts; ebensogut hätte sie dem Winde sagen können, er solle nicht mehr wehen oder dem Feuer, es solle nicht mehr brennen, wie dem Heimerdinger, er solle nicht mehr trinken. – Ueber die neuen Tapeten, welche sie gekauft und über die neuen Einrichtungen im Haus und Garten, wonach sie sich schon so lange gesehnt hatte, konnte sie sich gar nicht freuen; sie gereichten ihr nur noch zu größerem Schmerz. Nun kam der Brief von Babette. Sie hatte laut aufweinen müssen vor furchtbarem Weh und Herzeleid, als sie die schweren Kämpfe ihres armen verstoßenen Kindes erkannte und seine gerechten Vorwürfe fielen wie Hammerschläge auf ihr selbstsüchtiges Herz. – Selbst der Mann wurde soweit gerührt, daß er sich vornahm, wieder zu arbeiten. Er wollte sich beim Holzfällen betheiligen und wie sonst den Schweinemetzger im Dorfe spielen und sich auch diese wenigen Kreuzer nicht entgehen lassen. Deshalb nahm er seine Axt und sein Schlachtmesser und sagte: er wolle zur Schmiede, um sie sich dort auf dem Schleifstein zu schleifen. Aber er kam den ganzen Tag nicht heim. Konrad hatte schon mit seiner Mutter zu Nacht gegessen und sie las wieder Babettens Brief, da taumelte Heimerdinger völlig berauscht zur Thüre herein, in der einen Hand die volle Branntweinflasche, in der andern seine Axt und sein Schlachtmesser. Er war sehr guten Humors und setzte die Flasche an den Mund, um seiner Frau zuzutrinken. Aber in dieser hatte jetzt die Geduld ihr Ende erreicht und je lustiger er war, desto grimmiger wurde sie. Sie riß ihm die Flasche aus der Hand und rief: »Du Nimmersatt, du verfluchter Saufaus, o daß Du ersticktest an dem nächsten Tropfen, den Du trinkst! Du säufst unsere Thränen und unser Blut, Du Wütherich!«
Ganz kaltblütig erwiderte er: »Gib die Flasche her und schrei nicht so!« »Die Flasche bekommst Du nicht wieder!« »Gib die Flasche her oder es gibt ein Unglück!«
»Ich fürchte Dich nicht und Du bekommst sie nicht!«
»Gib die Flasche her oder –!«
»Da hast Du sie!« rief seine Frau und warf sie ihm vor die Füße, daß die Splitter umherflogen. Aber in demselben Augenblicke griff er nach seinem Schlachtmesser und rannte es ihr in den Leib. Sie stieß einen fürchterlichen Schrei aus und fiel für todt in die Stube. Heimerdinger war plötzlich nüchtern geworden, als er das Blut am Boden rinnen und seine Frau als Leiche im Zimmer liegen sah. Er schlug sich mit der Faust wider die Stirn und schrie: »Mörder! Mörder!« verfluchte sich und den Branntwein und warf sich über den Leichnam und weinte bitterlich. Als er so über ihr lag, meinte er auf einmal noch Leben in ihr zu verspüren und legte sie deshalb auf ihr Bett. Um die Wunde ungestört untersuchen zu können, riegelte er die Hausthüre zu und machte allerhand Wiederbelebungsversuche. Und wirklich erholte sie sich rasch wieder und fühlte sogar im Augenblick keinen besonderen Schmerz. Da war es denn auch mit der ernstlichen Reue des leichtsinnigen Trinkers schon vorbei und er fing an, die Spuren seiner Unthat zu vertilgen. Die Blutlache machte ihm viele Arbeit, zumal da er nicht überflüssig Wasser im Hause hatte. Das Messer vergrub er im Holzschoppen. Dann sagte er zu seiner Frau: »Nun mag daraus entstehen, was da will; du bist über das Sauerkrautfaß im Keller gefallen. Wenn Du anders sagst, schneide ich mir den Hals ab, das schwöre ich Dir bei Gott dem Allmächtigen!
Und Du, Konrad, wenn ein Wort über Deine Lippen kommt, schlage ich Dir die Axt auf den Kopf, so gewiß ich Heimerdinger heiße!« –
Der Knabe war durch sein Erzählen und mein ständiges Fragen so ermüdet, daß er dringend der Ruhe bedurfte und da auch alles Weitere von keinem besonderen Belange war, überließ ich ihn ganz seinem weiten Federbette.
Ich aber setzte sofort die Hauptsache des eben Gehörten zu einem Bericht zusammen und schickte damit direkt einen Knecht an's Amt. Schon gegen Abend desselben Tages kam eine Untersuchungscommission in's Dorf, von zwei Gensdarmen begleitet. Des Mörders Haus fanden sie jedoch verschlossen. Dieser war seit der Todesstunde seiner Frau nicht mehr nüchtern geworden; bei Tage trieb er sich in den Branntweinkneipen der Umgegend umher und erst spät in der Nacht kehrte er in fast bewustlosem Zustande heim. So wurde die Hausthüre erbrochen. Die Section ergab, daß die Wunde nicht durch einen Nagel, sondern nur durch ein scharfes, schneidiges Instrument könne bewerkstelligt sein. Das Messer fand sich nach kurzem Suchen im Holzschoppen. Und nun erstand auch noch im Nachbar ein wesentlicher Zeuge, da er den Heimerdinger mit Axt, Messer und Flasche hatte heimgehen sehen und den Schrei der Frau und den Ruf »Mörder! Mörder!« gehört hatte. Er war auch an's Haus geeilt, als er aber die Thüre verschlossen fand und er seinen Nachbar in der Trunkenheit fürchtete, hatte er sich wieder zurückgezogen. Es wurden noch außerdem die halbe Nacht Zeugen verhört. Die zwei Gensdarmen saßen während dessen in dem dunklen Haus und warteten auf die Heimkehr des trunkenen Schneiders. Sie mußten lange vergeblich warten. Endlich kam er. Er hatte so weit die Erinnerung an seine ganze Situation durch Branntwein hinuntergespült, daß er mit lauter Stimme sang. Doch mag er etwas überrascht gewesen sein, als er nun plötzlich verhaftet und gefesselt wurde. Den Rest der Nacht mußte er in Fesseln neben der Leiche sitzen. Auch des andern Morgens wurde er nicht gleich abgeführt, da das Zeugenverhör noch immer andauerte, und so traf es sich, daß er gerade von den zwei Gensdarmen aus dem Dorfe hinaustransportirt wurde, als man seine gemordete Frau im Sarge hinaustrug. Wie mag ihm das Grablied, das er noch hörte, in den Ohren geklungen haben.