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Im Banne der freien Reichsstadt

Chapter 14: Dreizehntes Kapitel. Sankt Sebaldus-Tag.
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About This Book

A culture-historical narrative aimed at mature girls situates its action in and around a fifteenth-century imperial city and frames personal episodes against political upheavals such as Burgundian expansion, princely maneuvering, dynastic marriage, the peasant uprisings, and the early Reformation. It contrasts the decline of knightly life with the resilience of civic institutions, portraying artisans, Meistersinger, and pre-Reformation church relations while weaving in concrete everyday details—costume, household furnishings, tools—to illuminate social change and the lived experience of women and townspeople.

Dreizehntes Kapitel.
Sankt Sebaldus-Tag.

Kommt und laßt uns vereint den heiligen Sebald erheben!
Dankt ihm in frommem Gebet, preist ihn mit jubelnder Lust.

Seit alten Zeiten wurde der neunzehnte August in Nürnberg als hoher Festtag gefeiert, galt er doch dem Andenken des heiligen Sebaldus, den die Stadt als ihren eigensten Schutzpatron verehrte. Sechshundert Jahre mochte es her sein, so erzählte die fromme Legende, als der heilige Sebald mit seinen Gefährten Wilibald und Wunibald die Länder an der Donau durchzog, lehrend und taufend und seine Predigt durch wunderbare Thaten bekräftigend. Da geschah es einst, als die frommen Männer den Strom erreicht hatten, daß die reißende Flut, welche mit Eisschollen trieb, die Brücke zertrümmerte; zagend sahen die Genossen den Führer an, der aber zog seine Kutte aus, legte sie auf das wildbewegte Wasser und stellte sich darauf. Siehe, da trug ihn die Flut gehorsam bis ans andre Ufer und netzte ihm kaum die Füße. Die andern folgten seinem Beispiel; fast erstarrt kamen die Gottesmänner drüben an und traten in eine dürftige Hütte, in der kein Feuer brannte, denn das Holz war den Bewohnern ausgegangen. Da hieß Sebaldus die Frau, Eisschollen auf den Herd tragen und anzünden, alsbald brannten sie lichterloh und verbreiteten liebliche Wärme. Anbetend sanken die Hüttenbewohner vor dem Heiligen auf die Kniee und wagten es, ihm eine Bitte vorzutragen. Ihr einziges Hab’ und Gut, ein paar Ochsen, war ihnen entlaufen; vergebens hatte der Mann sie gesucht, bis die Dunkelheit einbrach. „Geh noch einmal hinaus,“ gebot Sebaldus, „und bete auf dem Wege, und du wirst sie finden.“ „In der Nacht?“ fragte der Bauer zweifelnd; aber er folgte dennoch dem Gebot, und der Wald leuchtete ihm entgegen, wie von hellem Sonnenschein beglänzt. Er betete und fand die Tiere; zum Dank gelobte er sich dem Heiligen zu jedem Dienst, den dieser von ihm verlangen würde.

Bald danach ging es mit Sankt Sebald zum Sterben, und seine Genossen fragten ihn weinend, wo er begraben sein wolle. Er gebot ihnen, jene Bauersleute um ihre Ochsen zu bitten und dieselben vor seinen Leichenwagen zu spannen; niemand solle sie lenken, aber wo sie stehen blieben, da solle man seine Leiche in die Erde senken. Die frommen Männer suchten die Hütte an der Donau auf und erinnerten das Ehepaar an sein Versprechen, aber jene wollten nichts davon wissen, sie hätten sich nur dem Lebenden verpflichtet, nicht dem Toten. Kaum hatten sie das Wort gesprochen, so brachen die beiden Stiere mit wütendem Gebrüll aus dem Stall und rannten davon, vor dem Leichenwagen aber blieben sie stehen und ließen sich geduldig anspannen. Dann lenkten sie nach der Stelle hin, wo der Neroberg mit dem grauen Turm, dem ältesten Wahrzeichen Nürnbergs, emporragte, und standen vor der kleinen Kapelle des heiligen Petrus still. Kein Ruf, kein Peitschenschlag vermochte sie von dieser Stelle zu vertreiben; da erkannten die Begleiter, daß es die Stätte sei, die der heilige Sebaldus sich zur Rast erkoren hatte, und sie begruben ihn dort. Als aber ein Blitz die Petrikapelle traf und einäscherte, da ward man inne, daß sie des großen Heiligen, der auch im Grabe noch herrliche Wunder wirkte, nicht wert gewesen sei; man legte die Gebeine in einen mächtigen Sarg von gediegenem Silber und führte darüber die gewaltige Sebalduskirche auf. Der Sarg ward ein Ziel der Wallfahrt für alle, die auf Nürnberger Grund und Boden wohnten; man legte reiche Gaben darauf nieder und erkannte immer deutlicher, daß Sankt Sebald der Stadt hold und wohlgesinnt sei. Aber den Vätern leuchtete auch ein, daß der kostbare Sarkophag einer schützenden Hülle bedürfe, wenn sein Glanz nicht durch die tausende andächtiger Küsse, die in jedem Jahr darauf gedrückt wurden, beschädigt werden sollte, sie beauftragten daher den trefflichen Rotgießer, Peter Vischer, einen kunstreichen Tempel zu fertigen, welcher den Sarg wohl den Blicken, aber nicht den Händen und Lippen der Gläubigen aussetze. Dies Kunstwerk war eben vollendet worden und sollte am diesjährigen Sebaldustage enthüllt werden.[2]

[2] Thatsächlich wurde Vischers Sebaldusgrab, wie Adam Kraffts Sakramentshäuschen, erst einige Jahrzehnte später, nach 1500, vollendet, während unsre Erzählung erst bis zum Jahre 1480 vorgeschritten ist; doch haben wir die Beschreibung dieser Kunstwerke hier vorweg genommen, um die Schilderung dieser Periode Nürnbergischer Kunstblüte zu vervollständigen. Beide Künstler waren um diese Zeit in ihrer Vaterstadt thätig.

Schon seit mehreren Tagen bemerkte man eine freudige Erregung in der Stadt, denn alle Klassen, alle Geschlechter wollten an dem großen Kirchenfeste teilnehmen. Als der festliche Morgen anbrach, tönten alle Glocken in feierlicher Harmonie zusammen; gern lauschten die Einwohner den ernsten Klängen, die ihnen von früher Kindheit an lieb und vertraut waren, und begrüßten mit Freude die Töne besonders bekannter Glocken. „Das ist die große Susanna,“ hieß es, „die übertönt alle übrigen, und das ist die kleine Maria, die hat den hellsten Klang.“ In den Straßen wogte eine erwartungsvolle Menge, hier eilten Mitglieder der verschiedenen Innungen zu den bestimmten Sammelplätzen, dort ging eine Schar würdiger Männer nach dem Rathause; geputzte Kinder zogen haufenweise nach den Klosterschulen, und reich geschmückte Jünglinge und Jungfrauen schlüpften, mit schützenden Mänteln angethan, nach der Kirche, von welcher der Festzug ausgehen sollte.

Endlich war die Stunde für den Beginn der Prozession gekommen, Pauken- und Posaunenschall bezeichnete den Anfang des Festes. Eine Anzahl berittener Patriziersöhne, im schönsten Schmuck, mit wehenden Federbüschen, eröffnete den Zug, gefolgt von einem Fähnlein zünftigen Fußvolks. Dann kam die Schuljugend mit ihren Lehrern, die Mädchen in hellen Gewändern mit Blumenkränzen, die Knaben mit zahlreichen Prozessionsfahnen, die dreizipflig an einer Kreuzstange hingen. Es folgte die Klostergeistlichkeit in grauen, weißen, schwarzen und braunen Kutten, jeder Konvent mit Kreuz und Fahne; in festlichem Ornat ging der Bischof unter einem Baldachin, hinter ihm die Weltpriester mit ihren prachtvollen Kirchenfahnen; dann die Zünfte mit den Zeichen ihrer Hantierung, die meisten mit brennenden Kerzen in den Händen, während zahllose Chorknaben die Weihrauchgefäße schwangen, und Musik und Gesang den ganzen Zug begleitete. Das Schönste aber war eine Schar von Mädchen und Jünglingen, welche verschiedene Heilige darstellten und in der Tracht alter Gemälde auftraten. Da war König David im Purpurmantel mit goldener Harfe, der heilige Petrus mit den Himmelsschlüsseln, Sankt Laurentius mit dem eisernen Rost, auf dem er den Märtyrertod gefunden, die heilige Agnes mit dem Lamm, die heilige Cäcilie mit der Orgel und viele andere. Gar lieblich anzuschauen war die heilige Margarete, welche von Herrn Wilibald Ebners ältestem Töchterlein dargestellt wurde; so mochte die Heilige wohl ausgesehen haben, so fromm und demütig, so rein und furchtlos, als sie, nur mit einer Palme bewaffnet, über den grimmigen Drachen hinschritt.

Eine Stimme rief plötzlich ihren Namen ....

Margarete Ebnerin war sich des Eindrucks, den sie auf die Zuschauer machte, nicht bewußt; ihre Gedanken waren aufwärts gerichtet, oder mit ihrem Bruder beschäftigt. Warum durfte er heute nicht unter den Genossen sein, die so stolz und stattlich daherritten, wie gut hätte er dazu gepaßt! Sie fragte sich, ob er sich wohl schon völlig in das geistliche Wesen eingelebt hätte, oder ob er immer noch in geheimer und offner Auflehnung gegen die strenge Klosterzucht beharre? Nur selten hatte der Vater den Sohn besuchen dürfen; er hatte ihn immer düster und unglücklich gefunden, und der Prior hatte jetzt jeden Verkehr mit den Seinen untersagt, bis der widerstrebende Novize sich völlig der geistlichen Regel unterworfen haben würde. Das dauerte nun schon drei Jahre; wie viele heiße Gebete stiegen täglich für ihn zum Himmel auf! war es möglich, daß sie unerhört bleiben sollten? —

Eine Stimme aus der Menge rief plötzlich ihren Namen; der Ton berührte sie wunderbar, er war ihr so fremd geworden und doch so wohlbekannt! Eine heiße Röte stieg in ihre Wangen, unwillkürlich hob sie den Blick empor, um den Rufenden anzusehen. Eine hohe, männliche Gestalt, in dem schwarzen Samtwams, dem kurzen Mantel und schwarzen Barett eines Baccalaureus, drängte sich durch die Reihen der Gaffenden, die ihn nur widerwillig durchließen, und streckte grüßend die Hände aus. Trotz der vier Jahre der Trennung erkannte sie ihn auf den ersten Blick an den goldenen Locken und den blauen Augen. In der ersten Überraschung war es, als ob sie stehen bleiben und seinen Gruß erwidern wollte, doch besann sie sich schnell, daß sie mitten in einer kirchlichen Feier stände; sie neigte das Haupt noch tiefer herab und schritt, scheinbar unbewegt, vorwärts. Aber in ihrem Herzen war plötzlich heller Sonnenschein, sie konnte an nichts anderes denken, als an den Jugendfreund, und zu all der Musik der verschiedenen Instrumente und zu dem tausendstimmigen Chor um sie her sang sie in ihrem Herzen nur die Worte: „der Ulrich, der Ulrich ist wieder im Land!“

Der Zug hatte jetzt die Kirche erreicht, welche zum festlichen Tage den schönsten Schmuck angelegt hatte. Die Wände waren mit gewebten Teppichen bekleidet, auf denen die Wunderthaten des heiligen Sebaldus in bunten Farben dargestellt waren; auf allen Altären prangten Blumen und geweihte Kerzen, und ein sanfter Weihrauchduft erfüllte das herrliche Gebäude. Inmitten des Hauptschiffes ragte ein verhüllter Bau empor, welcher das neue Sebaldusgrab einschloß; um denselben gruppierten sich die Hauptteilnehmer des Festzuges, während die Gewerke und die Söldner an den Thüren die Wache hielten. Der ganze Kirchplatz war von einer wogenden Menschenmenge erfüllt, die in ihrem Hin- und Herdrängen und mit ihren zahllosen, summenden Stimmen den Eindruck einer bewegten Meeresflut machte.

Nach vollendeter Messe trat der Bischof, gefolgt von einer Schar von Geistlichen, die ihn wie ein Glorienschein umgab, in das Mittelschiff und gab mit erhobener Hand ein Zeichen; nun stimmten alle Chöre einen Lobpsalm an, die Posaunen dröhnten dazwischen, und die Decken sanken herab. Ein halb unterdrücktes: Ah! erklang von allen Lippen, als das unvergleichliche Kunstwerk frei vor allen Blicken dastand. Eine erzne Kapelle umschließt den silbernen Sarg des Heiligen; kunstreiche Pfeiler tragen die schön geschwungnen Bogen des Gewölbes, an sie lehnen sich die zwölf Apostel, als die wahrhaften Stützen der Kirche. Zwischen den Pfeilern erheben sich hohe Leuchter, aber ihre Lichte sind auch wieder schlanke Säulchen, welche das Gewölbe tragen helfen. Drei vielfach durchbrochene Türmchen krönen das Werk, dessen untere Platte auf kriechenden Schnecken ruht, und das durch unzählige, kleine Figuren, unter ihnen das Bild des Meisters im Schurzfell, geziert wird.

Margarete konnte heute ihre Gedanken nicht in rechter Andacht sammeln; statt ihre Blicke auf das herrliche Kunstwerk zu richten und der Weiherede des hochwürdigsten Bischofs zu lauschen, ließ sie ihre Augen verstohlen in der Kirche umherschweifen, um ihren Freund zu entdecken. Als sie aber seinem Blick begegnete, der fest auf sie geheftet war, da erschrak sie und schaute nicht wieder auf; sie fühlte sich tief beschämt über ihr unfrommes Gebaren und suchte jeden Gedanken zu verbannen, der nicht eng mit dem heiligen Feste zusammenhing.

Als die Feier beendet war, verließ der Zug in der vorigen Ordnung das Gotteshaus, und neue Hunderte strömten herein, um das Meisterwerk einheimischen Kunstfleißes anzustaunen und ihre Andacht am Sebaldusgrabe zu verrichten. Stundenlang wogte der Strom hin und wieder, denn es war kaum ein Männlein oder Fräulein in der Stadt, das nicht gewünscht hätte, heute an dieser Stätte zu stehen und zum heiligen Sebaldus zu beten. Gehörte der Morgen dem kirchlichen Dienst, so entfaltete sich in den Nachmittagsstunden das fröhlichste Volksfest; überall wurde gegeigt und getrommelt, geschmaust und getanzt. Die unteren Klassen tummelten sich wohlgemut auf Straßen und Plätzen umher und trieben allerlei Kurzweil; die Familien der höheren Stände begaben sich in mancherlei Fuhrwerken, schwerfälligen Karossen oder leichten Korbwägelchen, hinaus in die Landhäuser, wo in den Gärten reicher Patrizier sich heitere Gesellschaften zusammenfanden.

Auch der derzeit gebietende Bürgermeister, Herr Friedrich Volkamer (von den drei erwählten Häuptern des städtischen Regiments, den sogenannten Losungern, führte jedes Jahr ein andrer den Vorsitz im Rat), hatte einen reichen Kreis von Gästen auf seinem prächtigen Landsitze versammelt, unter denen sich auch Herr Wilibald Ebner mit seinen Töchtern befand. Frau Ursula war daheimgeblieben, sie konnte es schwer über sich gewinnen, die Genossen ihres Berthold fröhlich beisammen zu sehen, während er für immer gefangen und von jeder Lebensfreude ausgeschlossen war. Das Haus der Volkamers war mit all der Pracht und dem künstlerischen Geschmack eingerichtet, welche zu jener Zeit dem reichen und kunstliebenden Bewohner Nürnbergs zur Verfügung standen. Im geräumigen Vorsaal verbreitete ein kleiner Springbrunnen erfrischende Kühle; die zierlichsten Erz-Figürchen sprudelten das klare Naß in ein großes Becken, in welchem eine Menge von Goldfischen schwamm; das abfließende Wasser aber setzte eine verborgne Orgel in Bewegung, welche fortwährend eine leise, liebliche Musik ertönen ließ. Der große Speisesaal, dessen geöffnete Thüren in den Garten führten, war mit Bildern reich geziert; auf der köstlich geschmückten Tafel prangte eine Fülle von Gold- und Silbergeschirr, das zum Teil aus der Hand Meister Dürers, des Goldschmieds, hervorgegangen war. Besondere Bewunderung erregte ein Tafelaufsatz von blinkendem Silber, eine weibliche Figur, welche einen reich verzierten Fruchtkorb in den emporgehobenen Händen trägt und mit dem reizenden Köpfchen stützt. Das Stück war ein Meisterwerk in Zeichnung und Ausführung, und doch war es die Arbeit eines Knaben und stammte von Meister Dürers Sohne Albrecht, der auf des Vaters Wunsch bisher noch dessen Handwerk betrieb.

Man saß lange bei Tische, und die Gänge schienen kein Ende zu nehmen; da gab es Biersuppe mit Brot und Käse, grünen Kohl mit gebratenem Hammelskopf, Kalbfleisch mit einer Tunke von Pfeffer und Safran, Hirsebrei mit fetter Wurst und ein gebratenes Reh mit Knoblauch und Zwiebeln. Dazu trank man eine Fülle der feurigsten Weine aus Deutschland und Italien, denn die Speisen waren stark gewürzt und erregten rechtschaffenen Durst. Die Unterhaltung der älteren Gäste wurde immer lebhafter und lauter, die Jugend dagegen warf sehnsüchtige Blicke in den Garten hinaus und wünschte das Ende der Tafel herbei, um sich draußen bei Spiel und Tanz zu vergnügen. Endlich bezeichneten süße Kuchen und saftiges Obst den Schluß des Gastmahls; der Koch erschien mit einem silbernen Waschbecken, an dem ein Hirschkopf befestigt war, dessen Geweih ein reich gesticktes Handtuch trug; aus einer silbernen Kanne goß er Wasser über die Hände der Gäste, welche, nachdem sie das Tuch benutzt hatten, eine Gabe für die Dienerschaft in seine Zipfel knüpften.

Nun konnte man endlich hinaus in den Garten, der zu den Sehenswürdigkeiten Nürnbergs gehörte. Kunstreich angelegte Blumenstücke wechselten mit geschornen Laubwänden und Bogengängen, welche den schattigsten Aufenthalt darboten. In Absätzen, die durch steinerne Brustwehren geschützt und durch breite Treppen verbunden waren, senkte sich der Garten bis zu einem grünen Wiesenplan herab, und, von unten gesehen, hob sich das Haus mit seinem gewaltigen Söller frei und prächtig aus seiner grünen Umgebung heraus.

Während die junge Welt hier in kleinen Gruppen lustwandelte und alle Herrlichkeiten beschaute, traten zwei neue Gäste auf den kiesbestreuten Vorplatz, bei deren Anblick Margaretens Herz heftig zu schlagen begann, denn der eine war ohne Zweifel der, mit welchem alle ihre Gedanken beschäftigt waren — Ulrich von Maltheim. Wie schön und stattlich sah er aus in dem dunklen Gewande, welches seine edlen Züge, die weiße Stirn und die goldenen Locken nur noch glänzender hervortreten ließ! Aber auch sie bot einen reizenden Anblick dar, in dem lichtblauen Kleide, das, an Hals und Ärmeln mit schneeweißer Leinwand gepufft und mit goldenen Streifen umsäumt, ihre jungfräuliche Gestalt fest und anmutig umschloß, mit dem goldnen Netzhäubchen auf dem glänzend braunen Haar und den klaren, grauen Augen, die so ernst und klug, und doch so mädchenhaft und sittsam um sich schauten. Jetzt hatte auch Ulrich sie erkannt, und nachdem er die Wirte begrüßt, eilte er mit ausgestreckter Hand und einem fröhlichen Lächeln auf sie zu.

„Grüß’ Gott, liebe Margarete,“ sagte er innig, „welche Freude, dich endlich wiederzusehen! sei mir tausendmal gegrüßt!“ Er beugte sich über sie, um, wie er früher immer gethan, ihre Stirn zu küssen, aber sie wich verwirrt vor ihm zurück. Eine plötzliche Verschämtheit kam über sie — wie viele Augen waren hier auf sie gerichtet! „Willkommen daheim, Herr von Maltheim,“ sagte sie in förmlichem Ton und neigte sich höflich vor ihm, wie vor einem Fremden, während sie zugleich ihre Hand aus der seinigen zog.

Er sah sie erschrocken an. „So kühl, Margarete? sind wir nicht mehr Freunde, wie wir es immer gewesen?“

„Die Kinderjahre sind vorüber,“ versetzte sie mit gesenkten Augen. „Ihr kehrt als der gebietende Herr von Maltheim zurück, nicht mehr als Junker Ulrich.“

Er zog sich mit einem gekränkten Ausdruck von ihr zurück, begrüßte flüchtig die übrigen, die ihm von früher her bekannt waren und gesellte sich zu den älteren Männern, die unter der großen Linde vor dem Hause in behaglicher Unterhaltung saßen.

Inzwischen berieten die Mädchen und jungen Männer, welch ein Spiel sie unternehmen wollten. „Das Minneturnier!“ riefen mehrere Stimmen, und einer der jungen Leute unternahm es, dies allbeliebte Spiel in Gang zu setzen. Jedes der Mädchen erhielt eine Schleife, die sie an ihre Brust steckte, und ein langes Band von derselben Farbe; die Jünglinge teilten sich in zwei Parteien, Ausforderer und Verteidiger, während der Ordner das Amt eines Minnevogtes versah. Nun erkor sich jeder Verteidiger eines der Mädchen zu seiner Dame, die andern aber forderten die Damen zum Kampf heraus; dann ließ der Verteidiger sich auf Hände und Kniee nieder, das Mädchen setzte sich ihm auf den Rücken und hob den Fuß empor, gegen dessen Sohle der Angreifer einen Stoß mit seiner Fußsohle führte. Wer dabei hinfiel, hatte verloren, ward gebunden und mußte sich auslösen, die Mädchen durch einen Kuß, die jungen Männer durch eine Blume oder eine zierliche Gabe. Die Damen hätten bei diesem Spiel wohl immer verloren, hätten sie nicht den Minnevogt zu Hilfe rufen dürfen, welcher sie stützte und ihrem Stoß dadurch größeren Nachdruck gab.

Eine Weile wurde mit Eifer und vielem Gelächter gespielt; es fehlte auch nicht an kleinen Listen, in denen sich geheimes Wohlgefallen oder versteckte Abneigung verriet; dann stellte es sich heraus, daß der eine Minnevogt unmöglich allen angegriffnen Damen helfen konnte. Man sah sich daher nach einem zweiten um, und einige schlugen vor, Ulrich dazu heranzuziehen. Sogleich erbot sich Elsbeth Ebnerin, ihn aufzufordern, und ohne auf Margaretens abmahnende Blicke zu achten, eilte sie die Treppen hinauf und trat auf ihn zu. „Wollt Ihr nicht mit uns spielen, Ulrich?“ fragte sie in dem vertraulichen Ton einer alten Bekannten, „es fehlt uns gerade noch ein Teilnehmer, und wir würden uns freuen, Euch unter uns zu sehn.“

„Verzeiht mir, wertes Fräulein,“ erwiderte er ernst und höflich, „wenn ich Eurem Rufe nicht folge; ich habe vor zu kurzer Zeit meinen teuren Vater verloren, um mit den Fröhlichen froh zu sein.“

Etwas kleinlaut kehrte Elsbeth mit diesem Bescheide zu den Genossen zurück, Margarete aber dachte mit tiefer Bekümmernis daran, wie vieles Ulrich bei seiner Heimkehr verändert gefunden, und wie wenig Teilnahme sie ihm gezeigt habe. Sie nahm an allen Spielen nur noch mechanischen Anteil; ihre Gedanken weilten bei dem Freunde, den sie so kühl begrüßt hatte, während sie doch so warm für ihn fühlte. — —

Ein ganz anderes Bild zeigte zu derselben Stunde der Garten hinter dem Wirtshaus zur goldenen Rose am Markt, wo sich die Kunstgenossen von Nürnberg zusammengethan hatten, um den Festtag in ihrer Weise zu begehen. Unter schattigen Linden und Akazien hatte man lange Tafeln gedeckt, an denen Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen in bunter Reihe Platz genommen hatten, während die Kinder sich in lauter Fröhlichkeit um sie her tummelten. Die Ehrenplätze an der Spitze nahmen Peter Vischer und Adam Krafft ein, welche sich in die bewundernde Anerkennung ihrer Mitbürger teilten.

Meister Adam hatte in den verflossnen Jahren die Kirchen und öffentlichen Gebäude seiner Vaterstadt mit kunstreicher Hand geschmückt, und manches unsterbliche Werk der Bildnerei bezeugte, daß die zwanzig Jahre seiner Wanderschaft nicht ohne herrliche Früchte geblieben waren. Erst vor kurzem war in der Lorenzkirche sein Sakramentshäuschen enthüllt worden, — ein köstlicher Schrein zur Aufbewahrung der geweihten Hostie. So zierlich erschienen die Formen des schlanken Türmchens, so lebensvoll und anmutig umschlang das reiche Ranken- und Blätterwerk den erznen Schrank in der Mitte, daß die Beschauer nicht glauben wollten, das Ganze sei ein Werk des Meißels aus hartem Stein, sondern daß das Gerücht auftauchte, Adam Krafft habe die Kunst entdeckt, Steine zu erweichen und flüssig in Formen zu gießen. An der heutigen Tafel bildeten die beiden neuesten Kunstwerke lange den Gegenstand des Gespräches; man stritt hin und her, welches das vollendetere Werk wäre, aber man kam zu keinem Schluß, bis endlich Vischer erklärte, es sei in Nürnberg keine kunstvollere Arbeit vorhanden, als das Sakramentshäuschen, und Krafft entschied, das Sebaldusgrab könne nicht übertroffen werden. Da erhob sich lauter Jubel unter den Tischgenossen, und in vielstimmigem Chor wurden die beiden Meister als der Stolz von Nürnberg gepriesen.

Adam Krafft dankte mit wenigen, fast abwehrenden Worten; obgleich er ein berühmter Mann war, dessen Ruf weit über seine Vaterstadt hinausging, war er doch von kindlich einfacher und bescheidener Gemütsart. Um so stolzer schaute seine Magdalene drein, die ihm zur Seite saß; gab es doch für sie kein höheres Entzücken, als die Anerkennung, welche man ihrem Adam zollte. Die elf Jahre ihres Ehestandes erschienen ihr beim Rückblick wie ein einziger Sommertag voll Glück und Freude, und doch waren sie voll Mühe und Arbeit gewesen, denn anfangs ging es in dem kleinen Häuschen oft recht dürftig her, die Einnahmen waren eben bescheiden, die Ansprüche der Kunst oft bedeutend. Da hieß es, sich einrichten, und Magdalene verstand es vortrefflich, mit wenigem hauszuhalten; sie arbeitete und schaffte vom Morgen bis zum Abend und wußte dem Gatten jede Sorge fernzuhalten, denn sie war nicht wie andre Frauen, die mit jeder Klage zum Manne laufen und Hilfe und Teilnahme begehren. Der Künstler fand bei ihr jederzeit ein offnes Ohr und ein empfängliches Herz für seine Pläne, eine stolze Freude an seinen Erfolgen, ein begütigendes Wort bei seinen Ärgernissen, und die Zärtlichkeit und Harmonie der beiden Ehegatten war unter den Freunden des Hauses sprichwörtlich geworden.

Neben Magdalene saß Meister Andreas Fiedler mit seiner Eva, welche mit den Kraffts durch die innigste Freundschaft verbunden waren. Seit Jahren hatte der alte Mann sein Haus nicht verlassen, aber heute hatte Adam darauf bestanden, daß er auch seinen Teil an der allgemeinen Festfreude haben sollte. Mit mehreren seiner Schüler, die einen Handwagen zogen, war er mittags im Hundsgäßlein erschienen; die Jünglinge hatten den Alten sorgsam hineingehoben und ihn erst nach der Lorenz- und dann nach der Sebalduskirche gefahren, um die beiden neuen Kunstwerke zu betrachten; dann aber hatten sie ihn, trotz seines ängstlichen Widerspruchs, in den Garten der goldenen Rose gebracht, wo er nun mitten unter den berühmtesten Männern von Nürnberg saß und sich nicht satt sehen und hören konnte an allem, was um ihn her geschah.

Auch Hans Fiedler saß an einer der Tafeln, welche dem jüngeren Nachwuchs eingeräumt worden waren; als Kraffts Schüler fiel auch auf ihn ein Schimmer von des Meisters Ehren. Mehrere Söhne Peter Vischers, die Gehilfen ihres großen Vaters, nebst Lehrlingen aus andern Werkstätten, hatten sich hier mit den rosigen Töchtern verschiedener Meister zu einem fröhlichen Kreise vereint, in dem es an Scherz und Lachen, an heiterer und ernster Wechselrede nicht fehlte.

Hans saß neben Meister Dürers holdem Töchterlein Sabine, an deren munterm Geplauder er ein besonderes Wohlgefallen fand; auch sah er nicht ungern in die lachenden, blauen Augen und auf die dicken, blonden Zöpfe, die sich unter dem üblichen Netzhäubchen kaum bergen ließen.

Als es anfing zu dunkeln, zündeten die jungen Leute eine Menge bunter Papierlaternen an, welche an Fäden von den Bäumen herabhingen und den Platz mit einem geheimnisvollen Dämmerlicht übergossen; in dem ließ es sich noch ungestörter mit der hübschen Nachbarin plaudern und scherzen. Der köstliche Abend stimmte die jungen Gesellen poetisch, man hörte allerlei Reimfragen und Sprüche erschallen. „Nun sage mir, Meister Traugemut,“ rief einer über den Tisch dem andern zu, „zwei und siebzig Lande sind dir kund: durch was ist der Rhein so tief? durch was sind die Frauen so lieb? durch was sind die Matten so grüne? durch was sind die Ritter so kühne? Kannst du mir darauf rechte Antwort geben, so will ich deine Weisheit hoch erheben.“

Und der andre rief zurück: „Das hast du gefragt einen Mann, der dir’s wohl gesagen kann. Von mancher Quelle ist der Rhein so tief, von holder Minne sind die Frauen so lieb, von manchen Kräutern sind die Matten so grüne, von manchen starken Wunden sind die Ritter so kühne.“

Dann hob ein dritter sein Sprüchlein an: „Wer einen Raben will baden weiß und darauf legt seinen ganzen Fleiß, und an der Sonne Schnee will dörren, und allen Wind in ein’ Kasten sperren, und Unglück will tragen feil und Wasser will binden an ein Seil, und einen Kahlen will bescher’n — der thut auch unnütze Arbeit gern.“

Lautes Gelächter lohnte dem Sprecher, und von allen Seiten regneten ähnliche Scherzreime, bis von der Tafel der Alten ein Zeichen Stillschweigen gebot. „Wir wollen eine Singschule halten,“ hieß es, und jeder war damit wohl zufrieden, denn weitaus die meisten in der Gesellschaft gehörten zur löblichen Meistersingerzunft, und wer nicht selbst sang, der besaß doch ein geübtes Ohr, um das Gehörte nach feststehenden Regeln zu beurteilen. Der Meistergesang stand in Nürnberg in höchster Blüte und wurde von jung und alt eifrig gepflegt.

Heute, unter grünen Bäumen, beim hellen Becherklang, ging es natürlich nicht so ernst und feierlich zu, wie bei der eigentlichen Singschule, die man entweder auf dem Rathause oder in der Kirche abhielt. Dort durften nur geistliche Dinge den Inhalt der Gesänge bilden, und das Gemerk, d. h. die erwählten Richter, achteten sorgfältig auf jeden Verstoß, der gegen Inhalt und Form begangen wurde. Heute herrschte größere Freiheit und Ungebundenheit, dennoch wurde einer der älteren Meister zum Merker ernannt, welcher die Ordnung aufrecht zu halten und eine gewisse Kritik zu üben hatte, und dem sich jeder der Anwesenden ohne Widerspruch unterwarf.

Im Garten der goldenen Rose.

Schon hatten mehrere der älteren Männer allerlei kunstreich verschnörkelte Dichtungen zum besten gegeben, die mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurden, da erging der Ruf an die Jungen, sich auch hören zu lassen. Ohne Zögern sprang ein junger Geselle auf, der schon lange still und in sich gekehrt dagesessen hatte, bat um gütige Erlaubnis und hub also an:

„Ein Weidmann fing ein Vögelein
Von kleiner Art, doch zart und fein,
Ein’ Nachtigall war es genannt.
Als er es hielt in seiner Hand
Um ihm den Todesstoß zu geben,
Da rief es: ‚schenk mir doch mein Leben!
Fürwahr, du wirst nicht satt von mir.
Drei gute Lehren geb’ ich dir,
Die bringen, wohl von dir bewahrt,
Dir Nutzen mannigfacher Art.‘
Er sprach: ‚sag’ an, was mag das sein?‘
Da sprach das kleine Vögelein:
‚Erstens: nie sollst du Glauben schenken
Dem, was unglaublich ist zu denken.
Zum zweiten: mache dir kein Leid
Um Dinge der Vergangenheit.
Zum dritten: trachte nie voll Angst
Nach dem, was du doch nie erlangst.
Die Lehren nun bewahre wohl,
So wirst du aller Weisheit voll.‘
Das hört’ der Jäger mit Vergnügen
Und ließ danach das Vöglein fliegen.
Doch als es saß im hohen Tann,
Da sprach es also zu dem Mann:
‚Gar thöricht ward dein Sinn gelenkt,
Als du die Freiheit mir geschenkt.
Denn wisse, in dem Leibe mein
Bewahr’ ich einen Edelstein.
Krankheit zerstöret er und Gift,
Ein Straußenei er übertrifft
An Größe — den hast du verloren.‘
Der Thor! er hätte gleich geschworen,
Des Vogels Rede wäre wahr!
Vergessen hat er ganz und gar
Die Lehren, die er just empfangen.
Das Vöglein wieder zu erlangen,
Danach stand nun sein ganzer Sinn.
Das aber sprach: ‚Du Narr, fahr hin!
Schlecht paßt mein Sprüchlein in dein Haupt.
Du hast Unmögliches geglaubt:
Nicht könnt’ ich bergen solchen Stein,
Denn dazu bin ich viel zu klein.
Zum zweiten läßt dir’s keine Rast,
Daß du mich nun verloren hast.
Zum dritten trachtest du voll Angst
Nach mir, den du doch nie erlangst,
Nie wieder kreuz’ ich deinen Gang:
Du bleibst ein Thor dein Leben lang!‘“
(Ulrich Boner.)

Unter der Jugend blieb es ziemlich still, als der Sänger geendet, aber bei den älteren Männern sah man beifälliges Nicken, und der Merker sagte: „Ihr habt Euch in der ‚Schwarztintenweis’‘ wacker geübt, Veit Nägelein, und könnt bei fortgesetztem Fleiß wohl einmal aus dem Schüler ein Meister werden.“

„Wollt Ihr nicht auch singen, Hans Fiedler,“ flüsterte Sabine Dürerin ihrem Nachbar zu, „Ihr versteht es doch viel besser, und aus Eurem Munde klingt es viel frischer und fröhlicher.“

„Meint Ihr?“ fragte Hans zurück, indem er vor Freude über das Lob errötete; „ich habe noch nie vor den großen Meistern gesungen, und ich fürchte, sie werden nicht so milde urteilen, wie Ihr, Jungfer Sabine.“ Dennoch konnte er der Lockung nicht widerstehen und meldete sich zum nächsten Gesang, den er mit heller Stimme also ertönen ließ:

„Es thront auf einsam kahler Höh’
Der königliche Aar,
Und rings auf allen Gipfeln,
In grünen Waldeswipfeln
Haust eine stolze Vogelschar.
Doch auch im niedrigen Gezweig
Ein fröhlich Völklein schwärmt.
Sie nisten selbst in Mauern
Zufrieden, sondern Trauern.
Hört nur, wie froh es singt und lärmt.
Denn droben wohnt ein reicher Herr
Im blauen Himmelssaal.
Der deckt mit vollen Händen
Hier und an allen Enden
Den Tisch den Vögeln allzumal. —
Und kannst du auch kein König sein
In güldner Krone Glanz,
Und fliegst auch nicht als Ritter
Ins Schlachtenungewitter,
Und ins Turnier zum Waffentanz:
Sei dennoch froh und wohlgemut,
Verbanne jeden Harm,
Denn sieh, vor Gott im Himmel
Ist in dem Weltgetümmel
Der größ’te auch nur klein und arm.
Auf jeder Menschenseele ruht
Ein Gottesauge lind,
Er läßt die Sonne scheinen
Den Großen und den Kleinen,
Denn jedes ist sein liebes Kind.
Wohlauf! stimmt ein in meinen Spruch,
Den laut ich bringe aus:
In Lieb’ und Treu’ zusammen
Laßt stehen, die da stammen
Aus eines lieben Vaters Haus!“

Diesmal erscholl lauter Beifall an der jungen Tafel, während an der der älteren Leute besonders die Frauen befriedigt aussahen und Meister Andreas seinem lieben Neffen gar vergnügt zunickte. Der Merker aber sagte ernsthaft: „In welchem Ton habt Ihr das Lied gesungen, Hans Fiedler? Zuerst meinte ich, es sollte die ‚Hageblüt-Weise‘ sein, aber die Reime stimmten nicht dazu; dann schien es ‚Cupidinis-Handbogen-Weise‘ zu werden, aber die Verse waren zu kurz.“

„Ich habe in meinem eignen Ton gesungen,“ versetzte Hans, kühn gemacht durch die Zustimmung der Genossen und den verstohlnen Händedruck der warmherzigen Nachbarin, „oder nennt es die ‚lustige Vöglein-Weise,‘ nach der stimmt es gewiß.“ Der Merker schüttelte den Kopf über die kecke Rede und vermahnte den jungen Gesellen, sich noch eine Zeitlang in den bewährten Weisen älterer Meister zu üben, ehe er eigne Töne zu erfinden suche.

Der sinkende Abend mahnte endlich an den Aufbruch; noch einmal stand Hans Rosenblüt, der geschätzte Briefmaler, auf, erhob seinen Becher und sprach folgenden Weinsegen: „Nun gesegne Euch Gott, lieben Freunde mein, den wir getrunken, den goldenen Wein, bis wir wieder zusammenkommen. Sein Name der heißt Kitzelgaumen; er ist unsrer Zunge eine süße Naschung und unsrer Kehle eine reine Waschung, er ist unserm Herzen ein edles Zufließen und unsern Gliedern ein heilsam Begießen, und schmeckt uns besser, als alle Bronnen, die je aus den Felsen sind geronnen. Beschirm’ mich Gott nun vor dem Strauchen, wenn ich die Stiege hinab muß tauchen, daß ich auf meinen Füßen bleib’ und fröhlich heimzieh’ zu meinem Weib und alles wisse, was sie mich frag’. Nun behüt’ Euch Gott vor Niederlag’. Amen.“ — —

Als Hans den Meister Andreas heimgeleitet hatte und seinen Rückweg antrat, stieß er unversehens auf einen Mann, der ihm entgegenkam; der Mond schien ihm hell ins Gesicht, so daß er ihn erkennen konnte. „Willkommen, tausendmal willkommen daheim, Junker Ulrich!“ rief er freudig erregt, „Gott und Sankt Sebald seien gelobt, daß Ihr wieder da seid! Wie ist es Euch ergangen in all den langen Jahren? o wie froh bin ich, Euch wiederzusehn, liebster, bester Junker!“

„Empfindet wirklich einer der alten Freunde noch Freude über meine Rückkehr?“ fragte Ulrich wehmütig. „Habe Dank für deinen herzlichen Gruß, mein wackerer Hans; ich meinte schon, ich wäre Euch allen fremd geworden!“

„Ihr müßt es freilich daheim sehr verändert gefunden haben,“ sagte Hans teilnehmend, „auf der Burg ist es wohl leer geworden, seit Herr Werner und Fräulein Irmgard fehlen. Auch Berthold ist nicht mehr da, — aber Jungfer Margarete ist die alte geblieben, habt Ihr sie schon gesehen?“

„Nein,“ versetzte Ulrich abwehrend, „als ich im Ebnerhause vorsprach, war nur Frau Ursula daheim, und ich muß morgen in aller Frühe fort.“

„Wie, Junker Ulrich, Ihr wollt fort, ohne Margarete gesprochen zu haben? Und sie hat Euer doch so treu gedacht, und unzählige Male haben wir von Euch gesprochen!“

„Du vielleicht, mein treuer Hans; sie hat, wie ich fürchte, die Kinderfreundschaft längst vergessen.“

„Wie Ihr nur redet, Junker!“ rief Hans entrüstet, „Margarete ist keine von denen, die so schnell vergessen, und Ihr habt sie noch nicht einmal auf die Probe gestellt. Ihr werdet Euch wahrlich Eurer Zweifel schämen, wenn Ihr ihren freudigen Empfang sehen werdet!“

„Meinst du, alter Freund?“ sagte Ulrich mit schmerzlichem Lächeln, „nun wohl, wir wollen es abwarten.“

Als Margarete an diesem Abend nach Hause kam, konnte sie ihre Thränen kaum zurückhalten und eilte, sobald sie konnte, in ihre Kammer, um ungestört zu weinen. Sie fühlte, daß sie den Freund, der ihr so warm entgegengekommen war, tief verletzt habe; sie sehnte sich, ihm all ihr Mitgefühl auszusprechen und das seine zu empfangen — und hatte doch die Empfindung, als würde das nie geschehen, als hätte sie den Freund ihrer Kindheit für immer verloren!