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Im Banne der freien Reichsstadt

Chapter 16: Fünfzehntes Kapitel. Fehde.
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About This Book

A culture-historical narrative aimed at mature girls situates its action in and around a fifteenth-century imperial city and frames personal episodes against political upheavals such as Burgundian expansion, princely maneuvering, dynastic marriage, the peasant uprisings, and the early Reformation. It contrasts the decline of knightly life with the resilience of civic institutions, portraying artisans, Meistersinger, and pre-Reformation church relations while weaving in concrete everyday details—costume, household furnishings, tools—to illuminate social change and the lived experience of women and townspeople.

Fünfzehntes Kapitel.
Fehde.

Heiß entbrennet der Streit: „hie Wölfe!“ ertönt’s und „hie Nürnberg!“
Und mit Begierde des Kampfs füllt sich des Bürgers Gemüt.

Die Fehde-Erklärung der Nürnberger an den Bund der Wölfe versetzte Stadt und Land in angespannte Thätigkeit, galt es doch, sich für den kommenden Streit zu rüsten und möglichst viele Bundesgenossen zu werben. Nach allen Seiten flogen berittene Boten aus, um die benachbarten Edlen zum Zuzug aufzufordern; andere ritten auf die Dörfer, welche zum Gebiet der Stadt gehörten, und sagten den Bauern an, sich und ihre Habe in Sicherheit zu bringen. Man stellte ihnen anheim, nach der Stadt selbst oder nach den festen Häusern zu fliehen, welche in deren Besitz standen und durch starke Besatzungen geschützt wurden. An allen Orten war man geschäftig, die Verteidigung der Stadt zu sichern; die Landwehr, d. h. der Wall und Graben um die Stadtmark, wurde durch Schranken von Bohlen verstärkt; über die Landstraßen wurden Schlagbäume gelegt, neben welchen ein starker Posten zur Bedeckung lag. Die Mauertürme wurden mit Geschützen und Wachen versehen; mehrere Türmer wechselten sich beständig ab, um jedes Zeichen des herannahenden Feindes durch Blasen oder ein ausgehängtes Signal kundzuthun. Jeder Bürger mußte sich selbst, oder einen Stellvertreter zum Kriegsdienst stellen; die verschiedenen Innungen traten zu geschlossenen Abteilungen zusammen: die einen gehörten zum Fußvolk und wurden aus der Kriegskammer des Rathauses mit Spieß, Hellebarde und Faustrohr bewaffnet, während die reicheren zu Pferde dienten und sich selbst ausrüsteten; andre wurden zur Bedienung der Geschütze bestimmt, welche der Stolz der Stadt waren und fast wie lebende Wesen betrachtet wurden. Sorgfältig wurde jede Abteilung gemustert und eingeübt von den Hauptleuten und Viertelsmeistern, entweder ritterlichen Männern, die im Solde der Stadt standen, oder tüchtigen Handwerkern, die sich schon früher Kenntnisse im Kriegswesen erworben hatten. Die ganze sonst so friedliche Stadt glich plötzlich einem Heerlager; alle gewöhnliche Thätigkeit schwieg, aller Gedanken waren nur auf Kampf und Verteidigung gerichtet.

Aber auch die Wölfe waren nicht müßig geblieben, auch sie hatten Genossen geworben und viele Ritter, die nicht zu ihrem Bunde gehörten, aber irgend eine Klage oder einen Groll gegen die Stadt hatten, sowie eine Menge von Bauern und Söldnern auf ihre Seite gezogen. Vergebens jedoch hatte Junker Veit seine ganze Beredsamkeit aufgeboten, um Ulrich von Maltheim für sich zu gewinnen; derselbe hatte mit der größten Festigkeit erklärt, daß er mit den Wölfen nichts zu schaffen haben, sondern völlig neutral bleiben wolle. Das ward ihm von beiden Teilen arg verdacht, denn jeder schätzte nur die, welche sich ihm zu thatkräftiger Hilfe verpflichteten.

Herr Wilibald Ebner war durch diese Vorbereitungen völlig in Anspruch genommen, und es war ihm lieb, daß die öffentlichen Angelegenheiten seine ganze Kraft erforderten und ihm keine Zeit ließen, an den Kummer in seinem Hause zu denken. Dennoch sah er ein, daß Frau Ursula zu leidend sei, um die Aufregungen einer solchen Zeit mitzuerleben; er beschloß daher, seine Familie fortzuschicken, wozu er die Erlaubnis des Rates durch eine hohe Summe erkaufen mußte. Seine Frau besaß Verwandte in Bamberg; dorthin wollte er sie und die Töchter senden, Lorenz Tucher sollte ihr Begleiter sein. Ursula fügte sich schweigend dem Befehl ihres Gatten, sie fühlte sich zu krank zum Widerspruch; Margarete aber suchte den Vater in seinem Schreibzimmer auf, wo sie ihn allein fand.

„Lieber, teurer Vater,“ begann sie schüchtern, „wollt Ihr Eurer Tochter eine Bitte gestatten?“

„Was soll’s, mein Kind?“ fragte er müde; „du wirst in diesem Augenblick nicht an Kleinigkeiten denken.“

„Nein, es ist etwas Großes, das ich erbitte — — laßt mich bei Euch bleiben, Vater! Die Mutter hat Elsbeth und Lorenz, Ihr aber habt sonst niemand, der Euch einmal die Falten von der Stirn streicht, oder mit dem Ihr ein herzliches Wort sprechen könnt.“

„Meine gute Tochter,“ sagte er gerührt und zog sie an sich, „hast du auch bedacht, was es heißt, bei mir zu bleiben? Nicht, daß ich wirkliche Gefahr für dich fürchtete, aber eine Fülle von Unbehagen und Einsamkeit — und welchen Ersatz könnte ich dir dafür bieten, ich, ein geschlagener Mann, ein entlaubter Baum, dem von unheilbarer Wunde das Mark verdorrt?“

Nie zuvor hatte Margarete einen so tiefen Blick in das verschlossene Innere ihres Vaters gethan, aber dieser eine genügte auch, um alle Zärtlichkeit und Hingebung ihres Herzens für ihn wach zu rufen; sie schlang die Arme um seinen Hals, lehnte ihren Kopf an seine Brust und sagte mit tiefer Innigkeit: „Mein Vater, ich kann dir das nicht ersetzen, was du verloren hast; ich kann dir nur mein ganzes Leben weihen. Stoße mich nicht zurück — laß mich bei dir bleiben!“

„So bleibe,“ sagte er warm und küßte sie auf die Stirn. „Aber jetzt laß mich allein, denn ich habe wichtige Dinge zu bedenken.“ —

Drei Tage vor dem Beginn der Feindseligkeiten — man pflegte die vereinbarten Fristen auf beiden Seiten gewissenhaft einzuhalten — verließ der Reisewagen des Ratsherrn die Stadt. Unter dem schützenden Verdeck hatte man Frau Ursula in Kissen und Decken weich gebettet, Elsbeth saß neben ihr, während Lorenz Tucher, als Befehlshaber über einen Trupp reisiger Knechte, wohlbewaffnet daneben ritt. Herr Wilibald gab den Reisenden das Geleit bis zur Grenzmark der Stadt, schärfte Lorenz noch die größte Vorsicht ein und nahm dann von den Seinen Abschied. Langsam bewegte der Zug sich vorwärts und erreichte wohlbehalten den Annenhof, wo man rastete, um am nächsten Morgen die Reise fortzusetzen. Lorenz lugte beständig nach rechts und links, nach hinten und vorn aus, doch war die Straße leer; nur ein einzelner Reiter, mit einem Knechte hinter sich, zog in gemessener Entfernung desselben Weges. Elsbeth fand die langsame Fahrt sehr langweilig und bat Lorenz, ein wenig zu Fuß gehen zu dürfen; doch lehnte er dies ab, bot ihr aber an, sie für eine Weile vor sich aufs Pferd zu nehmen. Das lies sie sich gern gefallen und plauderte recht munter mit ihrem Begleiter, den ihre kindliche Harmlosigkeit und Heiterkeit stets belustigte, nur vergaß er darüber, auf den Wagen zu achten; derselbe flog plötzlich hoch in die Höhe, weil er auf einen mächtigen Stein gestoßen war, — im nächsten Augenblick gab es einen Krach, und das schwerfällige Gefährt senkte sich langsam auf die Seite.

Der Unfall brachte unter den Begleitern eine große Verwirrung hervor; sie sprangen von den Pferden, einige hoben Frau Ursula heraus und legten sie am Rande des Weges sorgsam nieder, andre richteten den Wagen auf, um den geschehenen Schaden zu untersuchen. In diesem Augenblick brach aus dem nahen Gehölz ein bewaffneter Haufe hervor und stürzte sich auf die reiterlosen Pferde, um sich ihrer zu bemächtigen. Das Unerwartete ihres Erscheinens verblüffte die überraschten Knechte so sehr, daß sie völlig den Kopf verloren, um so mehr, als Elsbeth sich jammernd und schreiend an Lorenz klammerte und ihn an jeder Bewegung hinderte. Doch jetzt flog wie ein Sturmwind der vorhin bemerkte Reiter mit seinem Knappen heran; mit hoch geschwungenem Schwert drang er auf die Räuber ein, seine lauten, bestimmten Kommandoworte fanden williges Gehör, die Reisigen sammelten sich um ihn, und in wenigen Minuten war der räuberische Haufe in wilder Flucht zerstoben.

Der Reiter stieg vom Pferde, zog den großen Hut tiefer ins Gesicht und kniete neben Frau Ursula nieder, die totenbleich, mit geschlossenen Augen auf ihren Kissen lag. „Ist Euch ein Leid geschehen, ehrsame Frau?“ fragte er in gedämpftem Ton.

„Nein, mich hat niemand berührt, dank Eurer kräftigen Hilfe,“ erwiderte sie mit matter Stimme. „Wollt Ihr mir Euren Namen nennen, werter Herr, damit ich weiß, für wen ich beten darf?“

„Ich bin ein namenloser Abenteurer, der alles hinter sich lassen muß, was ihm jemals lieb und teuer war, um in der Fremde sein Glück — oder den Tod — zu suchen. Wollt Ihr mir Euren Segen zu meiner Irrfahrt geben, gestrenge Frau?“

Sie hob die Hände auf und berührte leise sein tief gesenktes Haupt. „Gott segne Euch, mein tapferer Ritter, und die heilige Jungfrau vergelte Euch, was Ihr an uns gethan gehabt.“

„Habt Dank, werte Frau!“ sagt er, und seine Stimme klang, wie von Thränen verschleiert, „Euer Segen wird mir ein Talisman in allen Fährlichkeiten sein. Betet für mich, denn ich weiß nicht, ob meine Mutter es nicht verschmäht, für ihren unwürdigen Sohn zu beten.“

Er hob das Haupt empor und sah sie an, ihre Augen trafen sich. „Berthold!“ rief sie mit einem Ausdruck, der zwischen namenlosem Schrecken und grenzenloser Freude schwankte — ihr schwanden die Sinne. Er riß sie an seine Brust und küßte ihr Antlitz mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit, dann ließ er die bewußtlose Gestalt sanft zurücksinken. Als Elsbeth zu ihrer Mutter trat, schwang er sich eben aufs Pferd, schwenkte noch einmal seinen Hut und jagte davon; als Frau Ursula wieder zu sich kam und angstvoll suchend umherblickte, da zeigte nur noch ein fernes Staubwölkchen die Richtung an, in der er verschwunden war. —

Margarete hatte nicht viel Muße, ihre Einsamkeit zu empfinden, denn die ernste Zeit nahm nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen in Anspruch. Die unter den Waffen stehenden ärmeren Leute, sowie die geworbenen Söldner wurden auf Kosten der Stadt gespeist; man hatte große Küchen errichtet, die von kundigen Frauen bedient und von Höherstehenden beaufsichtigt wurden. Frau Magdalene Krafftin hatte an bestimmten Tagen die Ratsküche unter ihrer Obhut, und Margarete stand ihr treulich bei. Der Haushalt erforderte manche Arbeit; auch waren viele Frauen und Kinder in Nürnberg, die jetzt, da aller Verdienst stockte, ohne den Beistand der Reicheren in bittere Not geraten wären, und für sie gab es fortwährend zu denken und zu sorgen. Kam Herr Ebner vom Rathause zurück, wo er einen großen Teil des Tages in wichtigen Geschäften zubrachte, so fand er sein Töchterlein stets seiner harrend, immer voll Teilnahme an allem, was vorging, immer bereit, ihn mit freundlichen Worten zu erheitern und für sein leibliches Wohl zu sorgen.

Margarete saß in der Fensternische, welche durch dunkle, tief herabfallende Vorhänge von dem eigentlichen Wohnraum abgeschlossen war; durch die gefärbten Scheiben drang nur noch ein dämmeriges Licht. Die Arbeit war ihr entfallen, die Hände ruhten müßig im Schoß, ihre Gedanken flogen träumend umher. Drei Gestalten zogen an ihrem inneren Blick vorüber: Berthold, Lorenz und Ulrich, alle drei ihr lieb und vertraut, und doch so unendlich voneinander verschieden. Wie hatte sie den frischen, fröhlichen Bruder geliebt, mit einer Liebe, die zu jedem Opfer fähig gewesen wäre! Seine Flucht aus dem Kloster hatte ihr Vertrauen zu ihm gewaltig erschüttert, und selbst das tiefe Mitleid, das sie für ihn empfand, konnte sie nicht darüber täuschen, daß ihm die Kraft gefehlt habe, das, was er auf sich genommen, auch durchzuführen. Lorenz, mit seinem klaren Verstand, seinem tüchtigen Charakter, hatte sich bald ihre volle Achtung erworben, und sie mußte sich sagen, daß er viel mehr ein Sohn nach dem Herzen ihres Vaters gewesen wäre, als Berthold mit seinen hochfliegenden Plänen; aber all seine Anschauungen waren nüchtern und praktisch, für die Fragen und Gedanken, die ihre Seele oft bewegten, hatte er nur ein ironisches Lächeln, ein mitleidiges Achselzucken. Wie anders dagegen Ulrich mit seinem rastlosen Streben nach Wahrheit und Erkenntnis, mit dem energischen Willen und dem sanften, liebevollen Herzen! Ja, er entsprach von den Dreien am meisten dem Bilde eines echten, ganzen Mannes.

Die Träumerin fuhr plötzlich mit einem Schrei empor, denn durch die Vorhänge blickte ein männliches Antlitz sie an, während sie den nahenden Tritt völlig überhört hatte. „Ulrich — um Gotteswillen, wie kommt Ihr hierher?“

„Ich komme, um Euch die versprochene Nachricht von Berthold zu bringen, Margarete; habt Ihr mich nicht erwartet?“

„Aber wie kommt Ihr in die Stadt, da doch keiner hereingelassen wird, der nicht zu den Unsrigen gehört?“

„Hans Fiedler hatte die Wache am Spittlerthor, der hat mich eingelassen.“

„Um Jesu willen! Ulrich — wenn Euch jemand hier fände, es könnte Euch teuer zu stehen kommen!“

„Seid ohne Sorge, liebe Margarete, ich komme ebenso sicher hinaus, wie ich hereinkam. Aber seid Ihr nicht gespannt, etwas von Berthold zu hören?“

„Ist er in Sicherheit? Gott sei Dank — und innigen Dank Euch für Eure Hilfe! Aber kommt, kommt, Ulrich, mein Vater darf Euch hier nicht finden, Ihr müßt Euch verbergen, — o kommt, ich vergehe vor Angst.“

Sie zog ihn durch eine schmale Seitenthür in einen finstern Gang, stieß dann eine andre Thür auf und schob ihn in einen düsteren Raum. „Bleibt hier, ich bitte Euch, und wartet meiner, ich komme zurück, sobald ich kann.“ Ehe er sich’s versah, war sie fort und hatte den Schlüssel abgezogen.

Zitternd vor Aufregung kehrte das Mädchen in das Wohngemach zurück, zündete die Lampe an und deckte den Tisch zum Abendessen, das Herr Wilibald jetzt allein, ohne die übrigen Hausgenossen, einzunehmen liebte. Wie sollte sie nur Ulrich ungesehen fortschaffen? sie konnte ja dem Vater nicht einmal erklären, zu welchem Zwecke er gekommen sei, denn sie wagte es nicht, sein strenges Verbot zu übertreten, das selbst Bertholds Namen verpönte. Endlos kam ihr heute die Stunde der Mahlzeit vor, welche ihr sonst so traulich erschien; heute that sie nichts, um Herrn Wilibald zu fesseln, sondern atmete erleichtert auf, als sich endlich die Thür hinter ihm schloß. Eine Weile lauschte sie noch auf den verhallenden Tritt, dann ergriff sie die Lampe und eilte in das Zimmerchen, wohin sie Ulrich gebracht hatte.

„Gott sei Dank, er ist fort!“ sagte sie, „nun könnt Ihr unbemerkt das Haus verlassen. Eilt, Ulrich, ich werde nicht eher ruhig sein, als bis ich Euch in Sicherheit weiß.“

„Mit dem Eilen ist’s nun vorbei,“ erwiderte er mit einem eigentümlichen Lächeln; „während Ihr mich hier gefangen hieltet, ist die Stunde verflossen, in der Hans am Thor die Wache hatte. Ihr müßt Eure Gastfreundschaft schon bis morgen früh ausdehnen, sonst könnte man mich leicht für einen Spion ansehen und am nächsten Pfosten aufknüpfen.“

„Gerechter Gott!“ rief sie entsetzt, „und das sagt Ihr so kaltblütig? Jesus Maria, was habe ich gethan, in welche Lage hat meine Thorheit Euch gebracht — und ich wollte doch nur das Beste! O Ulrich, ist das mein Dank für alles, was Ihr an Berthold gethan habt?!“ Sie setzte sich nieder und brach in bittere Thränen aus.

„Beruhigt Euch, liebe, holde Margarete,“ sagte er sanft und tröstend, „es wird so schlimm nicht werden. Laßt uns auf Gott und mein gutes Glück vertrauen! Und da Ihr mich nun doch nicht loswerden könnt, so trocknet Eure Thränen und laßt uns miteinander reden, wie es guten, alten Freunden geziemt.“

Seine Ruhe wirkte besänftigend auf ihre erregten Gefühle; sie erinnerte sich ihrer hausmütterlichen Pflichten, brachte ihm mit eigner Hand — denn sie mochte niemand von der Dienerschaft ins Vertrauen ziehen — Speise und Trank, ließ sich dann alle Einzelheiten von Bertholds Ergehen berichten und gab ihrer Anerkennung für Ulrichs thätige Hilfe lebhafte und herzliche Worte.

Später brachte sie ihm einige Kissen und Decken. „Ihr müßt Euch für die Nacht hier einrichten, so gut es geht,“ flüsterte sie, „ich kann Euch in kein anderes Zimmer führen. Schlaft wohl, Ulrich, morgen früh komme ich wieder zu Euch. Hier ist der Schlüssel, schließt Eure Thür fest zu.“

Als sie aber am nächsten Morgen an die Thür klopfte, blieb alles still: das Zimmer war leer, und der gefangene Vogel schon vor ihr ausgeflogen. Sie faltete die Hände und sendete ihm ein inbrünstiges Stoßgebet nach.

Der Vormittag verging Margareten in fieberhafter Erregung, bei jedem Schritt, jedem Geräusch fuhr sie zusammen, als bedeute es etwas Schreckliches. Sie war gerade auf dem Vorsaal beschäftigt, als sie auf der Straße lautes Geschrei und das Stampfen vieler Füße hörte. Das war in dieser Zeit nichts Seltenes, man brachte oft Gefangene ein, oder Söldner, welche sich irgendwie gegen die strengen Kriegsregeln vergangen hatten. Sonst sah sie kaum danach, heute aber eilte sie ans Fenster und musterte angstvoll den Zug gewaffneter Knechte, welcher von einer Menge johlender Buben begleitet wurde. In der Mitte gingen zwei Männer, denen man die Hände auf den Rücken gebunden hatte; der eine schleppte sich widerwillig weiter und bekam zuweilen einen Stoß mit der Hellebarde, um ihn im Gange zu erhalten, der andre schritt ruhig, in aufrechter Haltung, dahin, den Hut tief in die Stirn gedrückt. Margarete riß das Fenster auf und streckte die Hände nach ihm aus: „Ulrich, Ulrich!“ rief sie in schneidendem Weh. Ihre Stimme verklang in der Unruhe da unten, und zu rechter Zeit kam noch das Gefühl des Schicklichen über sie; sie flog vom Fenster zurück, ehe ihr Benehmen Aufmerksamkeit erregt hatte, und verbarg verzweiflungsvoll ihr Gesicht in den Händen.

„Gott im Himmel, was habe ich gethan!“ stöhnte sie. „Ich, ich allein trage die Schuld an dieser Schmach! Was wird er sagen? was werden sie ihm anthun? was wird seine Mutter anfangen, wenn er nicht zurückkehrt? was soll ich thun, um ihn zu befreien?“ Sie wäre am liebsten aufs Rathaus geeilt, hätte ihren Vater dort aufgesucht und ihm alles gebeichtet, — aber sie fühlte wohl, daß das unmöglich sei, daß es sich für ein Mädchen nicht zieme, sich unter die vielen Männer zu begeben und alle Blicke auf sich zu ziehen.

Sie mußte also warten, und peinliche, angstvolle Stunden waren es, die sie zubrachte. Endlich, endlich kam ihr Vater zu ihr, um sich, wie er pflegte, eine kurze Weile in ihrer Gesellschaft zu erholen. Sie eilte ihm entgegen. „Was habt Ihr mit ihm gemacht, Vater? Ihr könnt nicht glauben, daß er eine strafbare Absicht gehabt hat — ich bürge für ihn, daß er nichts Böses gegen die Stadt im Schilde führte!“

Herr Wilibald sah sie erstaunt an. „Von wem sprichst du, mein Kind?“

„Von Ulrich von Maltheim — o Vater, entlaßt ihn schleunigst aus seiner Haft, damit sich seine Mutter nicht in Angst um ihn verzehre — es ist schlimm genug, daß er wie ein Verbrecher über die Straße geführt wurde — er, ein untadeliger Edelmann!“

„Und woher weißt du so genau, was der Junker von Maltheim für Absichten hatte, als er sich heimlich in die Stadt schlich?“

„Ich habe ihn gesprochen und weiß, weshalb er kam.“

„Du, Margarete? — — wann und wo sprachst du ihn?“

„Gestern Abend an dieser Stelle.“

„Wie? meine Tochter sagt mir ohne Erröten, daß sie einem fremden Manne ein Stelldichein bewilligt habe? Also darum bist du in der Stadt geblieben, nicht um deinem Vater eine schwere Zeit zu erleichtern, sondern um in der Nähe dieses jungen Fants zu bleiben? — Soll ich alle meine Kinder so verlieren?“

Margarete richtete sich hoch empor und sah dem erregten Manne fest und furchtlos ins Antlitz. „Mein Vater,“ sagte sie mit edlem Stolze, „wann hat deine Tochter dir je das Recht gegeben, so unwürdig von ihr zu denken? Nicht um meinetwillen kam Ulrich von Maltheim her, sondern um deines Sohnes willen: er brachte mir Kunde von Berthold.“

„Schweig!“ rief ihr der Ratsherr heftig zu und wendete sich von ihr; „du weißt, daß dieser Name nicht vor meinem Ohr genannt werden darf!“

„O mein Vater,“ versetzte sie mit sanfter Würde, — und mit einem Schlage war alle Aufregung von ihr gewichen — „wie schwer sich auch Berthold vergangen haben mag, so hört er doch nimmer auf, dein Sohn zu sein, und wie bitter du ihm auch zürnen magst, in deinem innersten Herzen spricht doch eine Stimme für ihn. Wenn es ihm gelingt, auf einem andern Boden ein neues, würdiges Leben zu beginnen, so danken wir es dem thatkräftigen Eingreifen Ulrichs von Maltheim, der als ein treuer Freund an ihm gehandelt hat. War es auch tollkühn von ihm, sich in die Stadt zu wagen, um sein Versprechen zu erfüllen, so braucht er sich seines Thuns doch wahrlich nicht zu schämen, und schlecht stünde es uns an, ihn für solche That unter falschem Verdachte leiden zu lassen.“

Herr Ebner durchmaß das Zimmer mit hastigen Schritten, er kämpfte einen schweren Kampf mit sich selbst. Dann warf er sich in einen Lehnstuhl, stützte das Haupt in die Hand und sagte mit unsicherer Stimme: „Ich will alles wissen, berichte mir genau jedes Wort.“ Er hörte mit gespannter Aufmerksamkeit auf ihre Erzählung, dann versank er in ein tiefes Schweigen. Endlich stand er auf und sagte in strengem Ton: „Du hast unrecht gethan, als du mir Bertholds Erscheinen in Nürnberg verheimlichtest, denn ich hatte das erste Recht darauf, die Verirrungen meines Sohnes zu erfahren, ja, ich hätte ihn damals noch zu seiner Pflicht zurückführen können. Was den Junker von Maltheim betrifft, so werde ich für ihn Bürgschaft leisten und ihn, statt im Ratsgefängnis, in meinem Hause in Gewahrsam nehmen. Du wirst für ihn sorgen, darfst ihn aber weder sehen, noch sprechen. Ich erwarte unbedingten Gehorsam und würde jeden Versuch, diese Vorschrift zu übertreten, streng bestrafen. Setze das kleine Zimmer neben meiner Schreibstube in Bereitschaft und bleibe in deiner Kammer, bis ich dich rufe.“

Er ging hinaus und ließ Margarete in einem Widerstreit von Empfindungen zurück. Sie sah ein, daß ihr Vater über ihren Anteil an Bertholds Flucht ernstlich erzürnt war, und fühlte doch, daß ihm die Gewißheit, der Sohn sei vor jeder Verfolgung sicher, eine Herzenserleichterung gewähre; sie freute sich, daß sie Ulrich von falschem Verdacht gereinigt und vor unwürdiger Behandlung bewahrt habe, und war doch tief bekümmert, daß er bis zum Ende der Fehde ein Gefangener bleiben müsse. Es tröstete sie ein wenig, daß sie selbst für ihn sorgen durfte, und sie richtete das kleine Zimmer so traulich ein, wie sie nur konnte; sie legte ihm ihre eignen Bücher hin — es waren freilich nur wenige —, auch Schreibmaterial, damit ihm die Zeit nicht zu lang würde, und da sie keine Blumen hatte, steckte sie wenigstens große Zweige duftiger Walnußblätter rings umher, welche die kahlen Wände freundlich verhüllten. Das Gemach ging auf den Hof hinaus, doch war das kleine vergitterte Fenster so hoch angebracht, daß der Insasse nur die grüne Krone des Nußbaums sehen, aber mit seinem Blick nicht den Boden erreichen konnte.

Gern saß Margarete mit ihrer Arbeit unter dem lieben, alten Baum, und plötzlich kam ihr ein Gedanke: sehen und sprechen hatte der Vater verboten, aber singen nicht; so erhob sie denn eines Tages ihre Stimme und begann, erst leise und schüchtern, dann immer zuversichtlicher, also zu singen:

„Vöglein im Käfig sitzet alleine,
Blicket so trübe ins wogende Grün,
Schaut auf des Himmels eilende Wolken,
Möchte mit ihnen von hinnen fliehn.
Vöglein, gedulde dich noch ein Weilchen,
Bald schon erschließt sich des Kerkers Thor,
Und mit des Friedens holdem Geläute
Schwebst du zum Licht und zur Freiheit empor!“

Sie lauschte eine Weile mit klopfendem Herzen, dann vernahm sie gedämpfte Töne, die ihr also antworteten:

„Jungfrau, die holde, stehet am Gitter,
Grüßt den Gefangnen mit tröstendem Wort,
Scheucht von der Stirne mit freundlichem Finger
Leise des Unmuts Geister ihm fort.
Siehe, da teilt sich düstres Gewölke,
Leuchtende Sterne winken ihm zu.
Dank dir, o Mägdlein! Stürme der Seele
Sang deine schmeichelnde Stimme zur Ruh!“

So hatte Margarete einen Weg gefunden, um mit Ulrich zu verkehren, ohne das strenge Verbot des Vaters zu übertreten. So oft ihre Pflichten es erlaubten, saß sie unter dem Baum, und auf Flügeln des Gesanges tauschten beide ihre Herzen aus. Freilich achtete sie sorgsam darauf, daß Herr Wilibald niemals Zeuge dieses poetischen Zwiegespräches wurde, denn sie hatte ein leises Gefühl, daß es seinem nüchternen Sinne allzu romantisch erscheinen würde.