Sechzehntes Kapitel.
Kampf und Frieden.
Schon einige Wochen lang währte die Fehde, und kein Tag verging, an dem nicht lodernder Feuerschein am Himmel gezeigt hätte, daß hier und dort eine Scheune oder ein Wohnhaus in Flammen aufginge und arme, vielgeplagte Menschen ihrer dürftigen Habe oder ihres armseligen Obdachs beraubt würden. Noch war kein entscheidender Schlag gefallen, und die Wölfe drängte es auch gar nicht, ihre Streitkräfte der überlegenen, städtischen Heeresmacht gegenüberzustellen, vielmehr ging ihr ganzes Streben nur dahin, durch fortgesetzte Plänkeleien die Kräfte des Gegners zu ermüden und zu zersplittern. Für die raublustigen Ritter mit ihrem besitzlosen Anhang war dieser Zustand gerade erwünscht; sie fanden dabei Beute genug und ließen sich die Gelegenheit zu Kampf und Aufregung wohl gefallen.
Ganz anders lagen die städtischen Interessen. Im ersten Augenblick war der kriegerische Geist der Bürgerschaft auch nicht zu verachten; nicht nur der große und kleine Rat, in welchem die Häupter des Stadtadels Sitz und Stimme hatten, sondern auch die Versammlung der „Genannten“, d. h. die Erwählten der Zünfte und kleinen Handelsleute, welche man nur bei ganz besonderer Gelegenheit zur Mitberatung einberief, waren fast einstimmig für die Aufnahme des Kampfes gewesen, denn jeder einzelne brannte in seinem reichsstädtischen Selbstbewußtsein darauf, die adligen Widersacher zu züchtigen und unschädlich zu machen. Mit jedem Tage aber wurden die Opfer, die alle bringen mußten, fühlbarer und drückender; Handel und Wandel stockten, der Verdienst blieb aus, die Lebensmittel wurden täglich teurer. Da ließen sich denn bald unzufriedene Stimmen hören, der Dienst mit den Waffen wurde widerwilliger geleistet, Auflehnungen gegen die strenge Mannszucht kamen häufiger vor. Schon mehrmals hatten die Väter der Stadt lange Beratungen darüber gepflogen, wie der Fehde ein Ende zu machen sei; auch heute hatten sie sich im Ratssaale vereinigt und erwogen in Rede und Gegenrede die Wege, um den ersehnten Frieden herbeizuführen.
„Ich meine, wir müssen den Wölfen ernstlich auf den Leib rücken und sie in ihren Höhlen überfallen,“ sagte Herr Hennerle von Steifen, ein adliger Mann, der früher selbst der Stadt manchen Schaden zugefügt hatte, dann aber in ihren Dienst und Sold getreten und nun einer ihrer obersten Hauptleute war.
„Das ist von Anbeginn meine Meinung gewesen,“ versetzte Herr Wilibald Ebner. „Wozu haben wir unsern Saturn, unsre Chriemhild mit schweren Kosten angeschafft, wenn sie nicht die feindlichen Burgen brechen sollen?“
„Aber wie wollt Ihr die schweren Geschütze auf den holprigen Waldwegen meilenweit durchs Land schleppen?“ warf ein andrer ein; „bedenkt, daß die Chriemhild allein zehn Wagen und sechs und fünfzig Pferde gebraucht.“
„War die faule Grete, mit welcher der eiserne Burggraf Friedrich von Hohenzollern die Schlösser der aufsätzigen märkischen Junker in Trümmer schoß und ihren trotzigen Sinn beugte, nicht noch schwerer?“ fragte Herr Wilibald dagegen.
„Möglich würde es schon sein,“ fiel Herr Hennerle ein, „aber eine regelrechte Belagerung erfordert viel Opfer an Zeit und Geld. Besser wäre es, die Wölfe zu überraschen und ihre Häupter gefangen zu nehmen; solch ein unerwarteter Streich würde den Bund zersprengen und uns am meisten Nutzen bringen.“
„Und wie wollt Ihr das anfangen, Hauptmann?“
„Wir müssen einen kundigen Mann gewinnen, der uns den Zugang zum Hauptquartier verrät.“
Eine Stille folgte diesem Vorschlag, hie und da ein mißbilligendes Kopfschütteln; doch schien ein jeder die Worte ernstlich zu überlegen.
„Wißt Ihr ein Mittel, um an solchen kundigen Mann zu gelangen, Herr von Steifen?“ fragte der Bürgermeister.
„Wir haben einen Knecht des Junkers von Rotenhahn gefangen. Ich glaube, daß man ihn mit Gutem oder mit Gewalt bewegen könnte, uns die erforderliche Auskunft zu geben.“
„Laßt den Gefangenen hereinführen!“ gebot der Bürgermeister. Nach kurzem Warten öffnete sich die Thür, und, von der Wache geleitet, trat ein Mann in den Saal, derselbe, der einige Tage zuvor mit Ulrich zusammen eingebracht worden war, in abgerissener Kleidung, mit wirrem Haar und einem finstern Blick, der beharrlich am Boden haftete.
„Euer Name?“ fragte der Bürgermeister. Der Gefangene antwortete nicht; erst, als ihm der wachehabende Stadtsoldat einen Rippenstoß gab, murmelte er trotzig: „Ihr kennt mich, ohne daß ich’s Euch sage.“
Herr Volkamer warf einen forschenden Blick auf den finstern Gesellen, flüsterte mit seinem Nachbar und sagte dann in strengem Ton: „Wohl kenne ich Euch, Klaus Zworrer; Ihr habt einst im Dienste dieser wohllöblichen Stadt gestanden, aber Ihr habt Euren Schwur gebrochen und seid treulos zu unserm ärgsten Feinde übergegangen. Wißt Ihr, daß wir Euch dafür ohne weiteres an den Galgen hängen können?“
„Ich weiß es,“ versetzte Klaus düster, „macht’s kurz, wozu die vielen Reden?“
„Es gäbe ein Mittel, um Euch Gnade und Leben zu erkaufen, einen Weg, um Eure Schuld zu sühnen und ein ehrlicheres Leben zu beginnen,“ sagte der Bürgermeister langsam und mit Nachdruck.
Klaus schaute auf. „Und das wäre?“ fragte er hastig.
„Ihr habt seit Jahren dem Junker von Rotenhahn gedient und seid ohne Zweifel mit seinen Plänen und Schlupfwinkeln genau bekannt; liefert uns die Häupter des Wolfenbundes ohne Aufsehen in die Hände, und Ihr sollt die Freiheit und reichen Lohn erhalten.“
Der Gefangene blickte finster zu Boden; in schweigender Spannung sahen die Beisitzer des Rates auf ihn. „Ich kann es nicht,“ sagte er endlich mit fest zusammengezogenen Brauen.
„Und warum nicht? ist Euch das Leben nichts mehr wert? wollt Ihr aus diesem Saal sofort auf den Richtplatz wandern?“
„Herr,“ erwiderte Klaus mit rauhem Ton, „ich habe einmal meine arme Seele verkauft, um mein elendes Leben zu retten, als ich Euch meinen Eid brach, — soll ich es zum zweiten Mal thun und ohne Erbarmen zur Hölle fahren?“
Die Bedenken des rohen Kriegsknechtes blieben nicht ohne Eindruck auf die Versammlung. „Ein Eid, den Ihr gezwungenermaßen einem Ehrlosen und Räuber geleistet, kann nicht bindend sein,“ nahm nach einer Pause einer der Herren das Wort; „jeder Priester wird Euch davon freisprechen. Bedenkt, daß die Stadt das erste Anrecht an Eure Treue hat.“
Es kostete noch manches Hin- und Herreden, bis Klaus’ Zweifel überwunden waren; endlich aber gewann die Ansicht der ehrsamen und gestrengen Herren vom Rat den Sieg über seine Gewissensbedenken, und er sagte seine Hilfe zu. Als er wieder in seinem Gefängnis saß, wo man ihm sofort allerlei Erleichterungen gewährte, ballte er die Faust und rief mit wilder Freude: „Jetzt kommt die Stunde der Rache, Junker Veit von Rotenhahn! jetzt sollt Ihr büßen für all das Elend, das Ihr mir in diesen Jahren bereitet habt — Ihr und Euer Weib!“
Bald danach brachen von Nürnberg mehrere Fähnlein Fußvolk und eine ansehnliche Reiterschar auf, denen mehrere Geschütze und anderes Belagerungsmaterial folgte, und mit gewaltigem Lärm schlugen dieselben langsam und bedächtig einen Weg ein, der nicht nach Hohenheiligen führte. Einige Stunden später aber schlich sich, im Schutz der Dunkelheit, ein auserlesener Haufe aus dem Thor, lauter erprobte Männer voll Kraft und Entschlossenheit, die mit den besten Handwaffen ausgerüstet waren, an der Spitze Herr Hennerle von Steifen, und neben ihm Klaus Zworrer, als Führer. Es war tiefe Nacht, als sie im Walde, unweit der Räuberburg ankamen; man zündete einige Fackeln an, und mit ihrer Hilfe fand Klaus den künstlich verborgenen Eingang zu dem unterirdischen Gange, der bis in den inneren Burghof führte. Auf den Zehen schleichend, den scharfen Dolch zwischen den Zähnen, die Hand am gespannten Hahn des Faustrohrs, drangen die Männer, in langer Reihe dicht hintereinander gehend, durch den engen, niedrigen Gang vor; der Soldknecht, der schläfrig den Ausgang bewachte, war im Nu niedergestoßen, und der dunkle Hof füllte sich mit Bewaffneten.
Im Turme saßen die Häupter des Wolfenbundes beim Gelage und spotteten beim vollen Becher des Nürnberger Rates, der seine Unternehmungen so wenig zu verstecken wisse, daß man immer zwölf Stunden Zeit zur Vorbereitung habe. Auch Frau Walburg bewegte sich unter den wilden Gesellen; sie war sehr gealtert, und das kostbare Brokatkleid, das sie trug — es war aus kürzlich erbeutetem Stoff gemacht und wohl für eine Fürstin bestimmt gewesen —, hing schlottrig um ihre dürre Gestalt; die letzten Jahre mußten ihr nicht viele ruhige und pflegsame Tage gebracht haben. Sie hatte viel zu thun, um den zechlustigen Genossen ihres Gatten die Becher zu füllen und ihre zahlreichen Wünsche zu befriedigen; die Scherze, die sie dabei zu hören bekam, waren wenig für ein weibliches Ohr gemacht, doch war sie an solche Unterhaltung zu sehr gewöhnt, um Anstoß daran zu nehmen. Oft stimmte sie in die freie Rede ein und lachte laut über einen derben Witz, oder erwehrte sich mit einer Ohrfeige eines allzu zudringlichen Gesellen.
Plötzlich erscholl von unten Getümmel und Waffengeklirr, — die Eindringlinge waren mit der Besatzung der Burg ins Handgemenge gekommen. Im nächsten Augenblick stürzte Janko schreckensbleich unter die Zechenden: „rettet Euch,“ schrie er atemlos, „die Nürnberger sind über uns! Klaus, der Schurke, hat sie geführt!“ In wildem Durcheinander sprangen alle auf und griffen zu den Waffen; einer und der andre taumelte stark, aber die Gefahr zerstreute schnell den Rausch, der die Sinne benebelte. Auf der Treppe stießen Angreifer und Überfallne aufeinander, und ein wütendes Ringen begann. Aber noch waren die Wölfe nicht überwunden, sie bissen mit der Wut der Verzweiflung um sich, einige schossen aus den kleinen Fenstern des Turmes auf die Städter herab, bis von außen her Trompetenklang und Pferdegetrappel erscholl: der Vortrab der Belagerungstruppe rückte heran und berannte das Thor — damit war der Sieg der Nürnberger entschieden.
Als Junker Veit erkannte, daß alles verloren sei, wollte er sein Heil in tollkühner Flucht versuchen; schon hatte er ungesehen den Stall erreicht und sich auf sein Leibpferd geworfen, — er drückte ihm beide Sporen tief in die Flanken, daß es in gewaltigen Sätzen mitten durch die Kämpfenden dahinflog. Vielleicht wäre er entkommen, aber ein haßerfülltes Auge war ihm gefolgt, Klaus, der sich bis dahin ganz unthätig verhalten, riß sein Schießgewehr an die Wange — der Schuß krachte, und schwer getroffen stürzte Veit von Rotenhahn vom Pferde herab. „Du Teufel! fahre hin an deine Stätte, von der du gekommen bist!“ rief Klaus in wildem Triumph, aber das letzte Wort erstarb ihm auf der Lippe, denn mit hoch geschwungenem Krummsäbel war der schwarze Janko auf ihn zugesprungen und hatte ihn so furchtbar getroffen, daß er röchelnd zusammenbrach. „Stirb, verräterischer Hund!“ knirschte Janko — im nächsten Augenblick lag er selbst gebunden am Boden.
Die aufgehende Sonne beleuchtete eine Stätte des Grauens und der Verwüstung; Tote und Verwundete beider Parteien füllten den Schloßhof. Totenbleich und regungslos lag Junker Veit da, neben ihm saß Walburg, die sein Haupt auf ihren Schoß gebettet hatte und das strömende Blut zu stillen suchte. Dunkle Tropfen rannen über ihr kostbares Kleid herab — sie achtete ihrer nicht, alle ihre Sinne und Gedanken hingen an dem sterbenden Manne. „Veit, mein Gatte, mein Geliebter!“ rief sie jammernd, „geh nicht von mir, laß mich nicht allein hier zurück! Was soll ich anfangen ohne dich, du meine Stütze, mein treuer Gemahl in guten und bösen Tagen? O thue wieder deine Augen auf und schaue mich an, sage mir noch ein einziges Mal, daß ich immer dein gutes, treues Weib gewesen bin. O Veit, mein Licht, meine Sonne, bleibe bei deiner Walburg, die ohne dich nicht leben mag!“
Da schlug der Sterbende die Augen auf und sah sie mit einem Blick voll Liebe an. „Lebe wohl, du Treue,“ stöhnte er, „hab’ Dank — bewahre unsre Söhne — vor ihres Vaters Schicksal ...“ Er drückte ihr krampfhaft die Hand, streckte sich — und war tot. —
Walburg drückte ihm die Augen zu, ein paar große Thränen rollten langsam über ihre Wangen; lange schaute sie dem Toten unverwandt ins Angesicht, dann legte sie ihn sanft auf die Erde nieder, richtete sich empor und suchte mit ihrem Blick den Anführer. „Hauptmann,“ sprach sie — und der Schmerz lieh ihr eine Würde, die sie sonst nie besessen — „Ihr seid die Sieger, wir die Besiegten. Ihr habt diese Burg erobert, nehmt alles hin, nur laßt mir diesen Leib, daß ich ihn ehrlich begrabe.“
Herr Hennerle von Steifen machte eine ritterliche Verbeugung. „Edle Frau,“ erwiderte er höflich, „wir führen nur gegen die Lebenden Krieg, nicht gegen die Toten, auch bekämpfen wir nur Männer und nicht Frauen. Nehmt Euren Schmuck und Eure Kleider, auch was sonst zur Notdurft gehört, nebst dem Leichnam Eures Gatten; Wagen und Pferde stehen zu Eurer Verfügung, und ein Häuflein Reiter soll Euch geleiten, wohin Ihr’s begehrt.“
Frau Walburg neigte das Haupt und verschwand in der Burg; in kurzem kehrte sie zurück, ein Bündel in der Hand, eine große Decke über dem Arm. Der Tote ward auf einen Wagen gehoben und sorgfältig zugedeckt; ehe die Witwe dazu stieg, wendete sie sich noch einmal an den Hauptmann. „Gebt mir diesen mit!“ sagte sie halb bittend und halb befehlend, indem sie auf den gefesselten Janko wies, der aus vielen Wunden blutete. „Er war der treueste Diener seines Herrn und hat nur nach seinen Befehlen gehandelt.“
„Es sei!“ versetzte Herr Hennerle nach kurzer Überlegung, „er wird uns nicht mehr schaden.“
Janko küßte seiner Gebieterin dankbar die Hand und kroch mühselig auf den Wagen; wie ein verwundeter Hund kauerte er sich zu den Füßen seines toten Herrn nieder. „Nach Maltheim!“ befahl Walburg, und langsam setzte der traurige Zug sich in Bewegung; die alte Heimat war der einzige Zufluchtsort der beraubten Witwe. In diesem Augenblick dachte sie nicht an die Söhne, die ihr noch geblieben waren und, fern von dem gesetzlosen Treiben der letzten Zeit, erzogen wurden; sie konnte nur an den Gatten denken, mit dem sie jung gewesen, den sie in ihrer Weise heiß und aufrichtig geliebt hatte. Sie verhüllte ihr Haupt; die ganze Welt um sie her war versunken; wie eine trauernde Königin, die mit dem Gatten Krone und Reich verloren, fuhr sie dahin. — — — —
Mit lautem Triumph kehrten die Nürnberger Truppen heim in die Stadt, wo sie mit Jubel empfangen wurden. Groß waren die Vorteile, die sie mit diesem einen Schlage errungen hatten, denn fast alle feindlichen Anführer waren in ihren Händen, der ganze Bund zersprengt und gelähmt durch den Verlust seiner Häupter. Dagegen waren ihre Verluste verhältnismäßig gering: wer fragte nach Klaus Zworrer, der statt Lohn und Freiheit den Tod gefunden hatte? Frau Barbara war tot, und seine Töchter kannten den Vater kaum, von dem sie nur wenig Gutes erfahren hatten. Von allen Seiten traten jetzt die guten Freunde beider Parteien auf, die sich bisher vom Kampfe fern gehalten hatten; sie suchten zwischen den Streitenden zu vermitteln, damit keiner von beiden durch die Friedens-Bedingungen zu hart getroffen würde. Die gefangenen Edelleute fanden viele Fürsprecher unter ihren Standesgenossen, und die Stadt durfte ihnen nicht allzu scharf an den Kragen gehen, um sich nicht neue Feinde auf den Hals zu ziehen. Man mußte sich begnügen, an einigen geringeren Leuten ein Exempel zu statuieren, machte ihnen den Prozeß und überlieferte sie dem hochnotpeinlichen Gericht, welches sie durch Galgen und Rad vom Leben zum Tode beförderte. Die vornehmeren unter den Wolfenbündlern mußten schwören, nie wieder die Waffen gegen die freie Reichsstadt zu erheben, und wurden dann gegen ein Lösegeld in Freiheit gesetzt. So ging die Fehde zu Ende, und die den ganzen Kampf ausbaden mußten, waren vor allem die kleinen Bauern in den offenen Dörfern, deren Häuser und Höfe verbrannt und verwüstet, deren Felder zerstampft, und deren Vieh geschlachtet und fortgeführt war, während niemand daran dachte, ihnen den erlittenen Schaden zu ersetzen.
Ulrich von Maltheim war gleich beim Beginn der Friedens-Verhandlungen aus seiner Haft entlassen worden. „Ihr habt meinem verlornen Sohne Freundschaft erwiesen,“ hatte Herr Wilibald ernst zu ihm gesprochen, „dafür danke ich Euch. Freilich wäre es echtere Freundschaft gewesen, wenn Ihr den Verirrten auf den Weg der Pflicht und Treue zurückgewiesen hättet — doch Ihr seid ein Edelmann und habt wie ein solcher gehandelt. Es kann keiner von uns über die Schranken seines Standes hinaus, aber es stände vielleicht besser in der Welt, wenn es viele Edelleute von Eurem Schlage gäbe, Herr von Maltheim.“
Ulrich war hoch erfreut über diese Rede, aus der er nur das Lob heraushörte; sie schien ihm die Erfüllung der süßen Hoffnungen zu verbürgen, welche in den stillen Tagen seiner Gefangenschaft sein ganzes Herz eingenommen hatten. Er wünschte sehnlich, ein paar ungestörte Worte mit Margarete zu sprechen, aber er fand keine Gelegenheit dazu; das letzte Frühstück nahm er in Gesellschaft von Vater und Tochter ein, und der Ratsherr blieb bei ihm, bis er sein Roß bestieg.
Als er fort war, ging das Mädchen in das kleine Zimmerchen, in dem er die letzten Wochen gewohnt hatte; träumend betrachtete sie jedes Stück, das er benutzt hatte, und fuhr liebkosend über jedes Buch, in dem er gelesen. Als sie das eine aufschlug, fiel ein Zettel heraus, und hoch errötend las sie folgende Worte darauf:
Herr Wilibald erschien an diesem Abend besonders aufgeräumt; der Abschluß der Fehde mochte ihm wohl manche schwere Sorge vom Herzen nehmen. „Was hältst du von Lorenz Tucher?“ fragte er im Laufe des Gesprächs seine Tochter.
„Ich halte ihn für einen wackern und tüchtigen Mann,“ erwiderte sie unbefangen, „wohl wert, Euch wie ein lieber Sohn zur Seite zu stehen.“
Dem Vater schien die Antwort zu behagen, denn er lächelte befriedigt vor sich hin. „Es freut mich, mein Kind, daß du verständig genug bist, so vorzügliche Eigenschaften anzuerkennen, auch wo sie ohne ritterlichen Firlefanz, unter schlichter, echt bürgerlicher Außenseite zu Tage treten. Du hast dich in dieser schweren Zeit als meine treue, verständige Tochter bewährt, und so will ich dir mein Vertrauen schenken: ich denke daran, Lorenz in alle Rechte eines Sohnes einzusetzen und ihm einen vollen Anteil an der Handlung zu geben. Und es ist mein herzlicher Wunsch, daß er auch noch durch ein anderes, zarteres Band mit meinem Hause verknüpft werden möchte, durch ein Band, das ihm ein besonderes Recht geben würde, mich ‚Vater‘ zu nennen.“
Er legte seine Hand einen Augenblick wie segnend auf ihren Scheitel, küßte sie liebevoll auf die Stirn und verließ sie dann. In banger Verwirrung blieb Margarete zurück; sie konnte des Vaters Wunsch nicht mißverstehen, aber ihr Herz sprach kein Wort dazu.