Siebzehntes Kapitel.
Die Werbung.
Nie hatte Elsbeth Ebnerin eine glücklichere Zeit verlebt, als die, welche sie mit ihrer Mutter bei den Verwandten in Bamberg zubrachte. Bisher hatte sie stets hinter Margarete zurückstehen müssen, denn obgleich jene nur zwei kurze Jahre vor ihr voraus hatte, so genoß sie doch bei allen ein unbedingtes Vertrauen, während man sie selbst immer noch wie ein halbes Kind behandelte. Aber jetzt fiel ihr die Pflege der geliebten Mutter ganz selbstverständlich zu, und jeder mußte sagen, daß sie sich derselben mit Geschick und Treue widmete; auch machte ihr niemand Lorenz Tuchers Gesellschaft streitig, und das beglückte sie besonders. Er begegnete ihr mit der Vertraulichkeit eines älteren Bruders und hörte mit wohlwollendem Lächeln ihrem Geplauder zu, das zwar nicht viel Geist, aber ein gutes Herz und einen kindlich reinen Sinn verriet. In der größeren Selbständigkeit entwickelte sich ihr ganzes Wesen freier und anmuthiger; da sie nicht unter dem beständigen Vergleich mit der begabteren Schwester litt, so galt sie bei jedermann in Bamberg für ein hübsches, wohlerzognes Mädchen, und man begegnete ihr auf das freundlichste. Sie war daher wenig erbaut von der Botschaft, daß ihrer Rückkehr nichts mehr im Wege stünde, und war am letzten Tage so ernsthaft und traurig, daß Lorenz sie teilnehmend fragte, was ihr fehle.
„Ich muß an das Märchen vom verzauberten Prinzen denken,“ versetzte sie, „das Muhme Lene uns so oft erzählt hat, als wir noch Kinder waren. Ein böser Zauberer hatte ihn in einen Zwerg verwandelt; nur einen Tag im Jahr durfte er in seiner wahren Größe auftreten, aber sobald die Sonne sank, mußte er wieder in die verhaßte Zwerggestalt schlüpfen. So geht es mir auch.“
„Wie meint Ihr das, Bäschen? ich hoffe, es hat niemand gewagt, Euch ein Leid anzuthun?“
„Nein, das nicht, aber ich fürchte, zu Hause und neben Margarete werde ich wieder nur der Zwerg sein, den niemand für voll ansieht.“
Sie sah so betrübt aus, daß er tröstend über ihre Wange strich und ihre Hände faßte. „Liebe kleine Elsbeth,“ flüsterte er ihr ins Ohr, „denkt Ihr etwa, daß ich Eure Schwester Euch vorziehe? Ihr seid mir viel lieber als sie.“
„Bin ich das wirklich?“ rief sie hocherfreut, „o Lorenz, wie gut seid Ihr! bisher hat mich noch niemand neben ihr beachtet, und Ihr seid doch so klug, wie kein andrer!“
Das Lob schmeichelte ihm und rührte ihn zugleich; er beugte sich herab und küßte sie auf die roten Lippen. Sie schlug die Hände vor das erglühende Gesicht, „Ihr seid ein Böser!“ rief sie halb erzürnt und halb beglückt und lief davon. Er blieb beschämt zurück; wie konnte er, der Ruhige, Verständige, sich so hinreißen lassen! —
Frau Ursula und Elsbeth waren glücklich heimgekehrt, und während die Mutter nach der ermüdenden Fahrt sogleich die Ruhe suchte, saßen die beiden Schwestern traulich beisammen und tauschten ihre Erlebnisse aus, wobei freilich jede manches vor der andern zurückhielt. Aber Margarete bedurfte eines teilnehmenden Herzens für die große Sorge, die drohend wie ein Gespenst vor ihr stand, und sie beschloß, Elsbeth in ihr Vertrauen zu ziehn. „Der Vater,“ sagte sie beklommen, „ist Lorenz überaus wohlgesinnt und wünscht ihn ganz an unser Haus zu fesseln; ich fürchte, er denkt sogar an — eine Heirat.“
Elsbeths Wangen färbten sich purpurn. „Ich sehe nichts Furchtbares darin,“ sagte sie mit niedergeschlagenen Augen.
Die Ältere stützte den Kopf in die Hand und sah ernsthaft vor sich hin. „Nicht? ach Elsbeth, er ist gewiß ein lieber, braver Mensch, aber der beste von allen kann er mir doch nie sein, ich ....“
„Du?“ schrie die Jüngere auf, „warum denn du und immer du? o ich wußte es wohl, daß meine glückliche Zeit zu Ende ginge, sobald ich hierher zurückkehrte, daß ich immer nur das Stiefkind sein würde neben dir, der Bevorzugten und Geliebten! Und er hat es mir doch selbst gesagt, daß ich ihm werter sei, als du ....“ ein Thränenstrom unterbrach ihre Rede, sie legte den Kopf auf die gefalteten Hände und schluchzte laut.
Margarete stand erschrocken vor diesem leidenschaftlichen Ausbruch, den sie zuerst gar nicht begriff; allmählich aber ging ihr ein Licht auf, und eine Centnerlast schien ihr mit einemmal vom Herzen zu fallen. „Liebe, gute Elsbeth,“ rief sie jauchzend, „warum weinst du? ist er dir lieb und bist du ihm wert, o so ist alles gut! Vergieb, daß ich nur einen Augenblick denken konnte — — o heilige Anna, habe Dank — — wie froh bin ich, wie namenlos froh, nun ebnet sich ja alles nach unsern Wünschen! Laß dich küssen, meine Schwester, ich wünsche dir von Herzen Glück!“
Sie umarmte Elsbeth stürmisch und lachte und weinte vor Freuden, so daß jene die ruhige, verständige Schwester kaum wiedererkannte. Da sie aber einsah, daß sie ihrem Glück nicht im Wege stünde, stimmte sie in ihren Jubel ein, und zwischen den beiden Schwestern war jedes Wölkchen zerstoben. —
Auf Maltheim drängten unterdessen die Verhältnisse zu einer Entscheidung, denn es stellte sich nur zu bald heraus, daß ein Zusammenleben von Frau Kunigunde und ihrer Stieftochter unmöglich sei. Als die Weihe des ersten Schmerzes vorüber war, traten bei Walburg schnell genug die alten, häßlichen Charakterzüge, Eigennutz, Anmaßung und Begehrlichkeit, hervor, und mit Heftigkeit forderte sie die Teilung des väterlichen Erbes. Herr Pirkheimer hatte inzwischen schon sein Gutachten dahin abgegeben, daß Herr Werner von Maltheim kein Recht gehabt habe, Hohenheiligen im alleinigen Interesse seiner Kinder zweiter Ehe zu veräußern, und daß Walburg ein Anrecht auf die eine Hälfte des Kaufpreises habe. Mit Mühe überredete Ulrich seine Mutter dazu, in einen Verkauf von Maltheim zu willigen, um Walburg abzufinden; der Kurfürst Albrecht Achilles, der alte Gönner des verstorbenen Ritters, wollte selbst der Käufer sein. Im Andenken an die Treue seines ehemaligen Kampfgenossen, bot er dem Sohne eine Anstellung in kurbrandenburgischen Diensten an, die jener dankbar und bereitwillig annahm, denn dort durfte er hoffen, ein weites Feld für seine hochstrebenden Pläne und Gedanken zu finden. Seit Kaiser Sigismund auf dem Konzil zu Kostnitz den treuesten Kämpen seines Thrones, den Burggrafen Friedrich von Nürnberg, mit der Verwaltung der Mark Brandenburg betraut und bald darauf mit der Kurwürde belehnt hatte, war die Entwicklung des verwilderten Landes in bessere Bahnen geleitet worden. Teils durch kluge Verträge mit den Nachbarfürsten, teils durch gewaltiges Niederwerfen der aufsätzigen Großen, hatte Friedrich Ruhe und Ordnung im Lande angebahnt, und was er mit Kraft begonnen, das hatte sein Sohn, Kurfürst Friedrich der Zweite, fortgesetzt: er hatte die trotzigen Städte gedemütigt, die Sitten der Geistlichkeit gebessert und den Adel in gebührenden Schranken gehalten. Jetzt war Albrecht Achilles der eigentliche Herrscher des Landes, aber er verweilte dort nur zuweilen als Gast, denn er mochte seine schöne fränkische Heimat nicht mit jenem rauhen, ärmlichen Lande vertauschen; so hatte er denn seinen Sohn Johann als Statthalter in den Marken eingesetzt, und ihm sollte Ulrich seine Kräfte widmen.
Frau Kunigunde konnte sich nicht entschließen, sich im fremden Lande eine neue Heimat zu gründen, und so namenlos schwer ihrem Mutterherzen auch der Gedanke einer dauernden Trennung von Ulrich fiel, so weigerte sie sich doch entschieden, ihn zu begleiten. Sie zog sich in die tiefste Stille zu einer Schwester zurück, die ihr gern ihr Haus öffnete, aber die Kümmernisse und Täuschungen, die sie erlitten, zehrten an dem Mark ihres Lebens, und nach wenigen Jahren folgte sie ihrem Gatten in die ewige Heimat.
So war denn alles vollendet, die Erbschaft geteilt, die Frauen nach verschiedenen Seiten abgezogen. Ulrich hatte die Mutter in ihr Asyl geleitet und dann die Burg in die Hände des neuen Besitzers übergeben; von einigen Knappen gefolgt, sprengte er jetzt den Burgberg hinab. Der Abschied von der Heimat seiner Kindheit wurde ihm schwerer, als er selbst gedacht hatte; das Bewußtsein, dem uralten Erbe seiner Väter, das Jahrhunderte lang in den Händen seiner Familie gewesen war, für immer Lebewohl zu sagen, als ein heimatloser Wanderer hinauszuziehen in eine ungewisse Zukunft, rührte ihn fast zu Thränen, aber er gab seinem Pferde die Sporen, so daß seine Begleiter ihm kaum folgen konnten, und zog sein Schwert aus der Scheide. „Vorwärts!“ rief er, „mit Gott und Sankt Georg! Als ein echter Ritter will ich kämpfen für Wahrheit und Recht gegen Lüge und Finsternis, und Gott helfe mir zum Siege! O Herr, stelle mir ein hilfreiches Wesen an die Seite, das mit seiner Liebe und seinem Vertrauen mich stärke und tröste, wenn ich schwach werde!“
Er rastete nicht im scharfen Ritt, bis er die Thore von Nürnberg erreicht hatte; dort hieß er seine Begleiter in der Herberge bleiben, stellte sein Roß in den Stall und schlug zu Fuß den Weg nach dem Ebnerhause ein.
Hier fand er alles in froher Bewegung, denn man feierte eben die Verlobung von Lorenz Tucher mit Elsbeth Ebnerin. Herr Wilibald war zwar sehr erstaunt und gar nicht erfreut gewesen, als seine Gattin ihm mitteilte, daß nicht Margarete, sondern ihre Schwester die Erwählte sei; er hätte es viel mehr seinem Lieblinge gegönnt, die ansehnliche Stellung einzunehmen, zu der er Lorenz den Weg ebnete, — aber gegen die volle Übereinstimmung aller drei Beteiligten konnte er nichts einwenden. Elsbeth strahlte vor Seligkeit; zu dem Gefühl des eignen Glücks kann noch die Genugthuung, bei diesem wichtigsten Schritt des Lebens der bevorzugten Schwester den Rang abgelaufen zu haben.
Ulrich stattete seinen Glückwunsch ab und bat um Erlaubnis, vor seiner Abreise in die Fremde hier einige Stunden zu rasten, die ihm mit Freuden gewährt wurde. Aber obgleich er auf teilnehmendes Befragen ausführlichen Bescheid über alles gab, was er erlebt hatte und von der Zukunft erwartete, so war er im ganzen doch ernst und schweigsam, und Margarete teilte seine Stimmung. Endlich sprach er gegen sie den Wunsch aus, noch einmal das Stübchen zu betreten, in dem er die Wochen seiner Gefangenschaft zugebracht hatte; das Mädchen stand bereitwillig auf, um ihn zu geleiten, aber auch der Ratsherr schloß sich an. Erst, als sie auf dem Hofe unter dem alten Nußbaum standen, rief irgend eine wohlthätige Anfrage aus einer der Schreibstuben Herrn Wilibald ab, und endlich waren die beiden allein. Ulrich faßte beide Hände der Jungfrau, die errötend vor ihm stand: „Liebe Margarete,“ sagte er leise und schnell, „wenn es mir gelingt, mir im Norden eine Stellung zu verschaffen, die — Euer würdig ist, würdet Ihr es für denkbar halten, — die geliebte Heimat zu verlassen — und mir zu folgen?“
Sie hob die treuen, grauen Augen mit dem Ausdruck vollsten Vertrauens zu ihm empor. „Ja, Ulrich,“ sagte sie fest, „wenn es mein Vater erlaubt, will ich Euch folgen, wohin es auch sei.“
„Und wenn es ein Jahr und länger dauern sollte, ehe ich wiederkomme, willst du meiner harren, du Liebe, und nicht müde werden?“
„Ich will warten und hoffen, bis du kommst, sei es in einem Jahr oder in zehn.“
Da nahm er ein Ringlein vom Finger und steckte es an den ihrigen, danach aber zog er ihre Hände an seine Lippen und küßte sie inbrünstig. „Lebe wohl, meine süße Braut,“ sagte er innig, „Gott schenke uns ein glückliches Wiedersehen! baue so fest auf meine Liebe und Treue, wie ich auf die deine!“ —
Ehe Ulrich von Nürnberg schied, suchte er eine ungestörte Unterredung mit Herrn Wilibald Ebner und bat ihn um Margaretens Hand. Der Ratsherr maß ihm vom Kopf bis zu den Füßen mit einem strengen, forschenden Blick. „Was habt Ihr meiner Tochter zu bieten, Herr?“ fragte er in schneidendem Ton, „habt Ihr Haus und Hof, oder ein Amt, das Euch ernährt? oder glaubt Ihr, ich werde mein liebstes Kind einem fahrenden Ritter übergeben, daß er es vor sich aufs Pferd nehme und mit ihm durch die Lande ziehe, um sein Glück zu suchen? Oder meint Ihr gar, ich solle dem Bräutchen Hohenheiligen als Mitgift geben, wie es schon vor Jahren Euer edler Herr Vater vorschlug? Weit gefehlt, Herr von Maltheim! Ein nüchterner Städter will feste, geordnete Verhältnisse vor sich sehen, aufs Geratewohl wirft er seine Tochter nicht dem ersten besten an den Hals!“
Ulrich verbeugte sich tief. „Ihr habt recht, Herr Ratsherr,“ sagte er eisig kühl, aber mit vollkommener Höflichkeit, „es ist noch zu früh für mich, um als Bewerber Eurer Tochter aufzutreten. In einigen Jahren, wenn ich als wohlbestallter Rat des Kurfürsten von Brandenburg vor Euch treten und Euch meine Einkünfte nach Heller und Pfennig vorrechnen kann, dann will ich wieder bei Euch vorsprechen und meine Bitte erneuern. Aber Ihr werdet es nicht hindern können, daß Jungfrau Margarete das Wort hält, das sie mir gegeben hat, denn sie ist Eure echte Tochter und hat gelernt, Versprechen heilig zu halten. Gehabt Euch wohl, Herr Wilibald Ebner, auf Wiedersehn!“ Noch einmal verbeugte er sich mit ritterlichem Anstand und ging hinaus.
Mit finsterem Blick sah ihm der Kaufherr nach. „Er wagt es, mir zu trotzen!“ murmelte er, „thörichter Knabe, habe ich nicht allein das Recht, über die Hand meiner Tochter zu verfügen? Und doch,“ setzte er milder hinzu, „es war nichts Knabenhaftes in seiner Art, er ist ein Mann geworden, den man achten muß. Wäre er nicht ein Edelmann, ich selber könnte ihn lieb haben! — und ich fürchte, Margarete wird schwer von ihm lassen.“ —
Mehrere Jahre waren vergangen; Elsbeth war längst verheiratet und ihrem Gatten in willenlosem Gehorsam unterthan; sie liebte es, sich gegen Margarete ihres häuslichen Glücks, ihres blühenden Wohlstandes zu rühmen, nicht ohne dabei einige mitleidige Seitenblicke auf die hoffnungslose Wartezeit der Schwester zu werfen. Aber diese beneidete sie nicht, sie fühlte sich glücklich und zufrieden. Zwar empfand sie oft eine tiefe Sehnsucht nach dem geliebten Freunde, doch nie kam ein Zweifel an seiner Treue, an seiner endlichen Wiederkehr in ihre Seele. Auch war sie nicht ganz ohne Nachricht von Ulrich, denn zwischen dem Hofe zu Berlin, wo Markgraf Johann die Marken verwaltete, und der Kadolzburg, wo der alte Löwe selber hauste, herrschte ein, für damalige Verhältnisse, reger Verkehr durch berittene Boten, welche Anfragen, Berichte und Verordnungen hin- und hertrugen. Margarete wußte, daß Ulrich an dem gelehrten Markgrafen, den seine Zeitgenossen um seiner klassischen Bildung willen „Cicero“ nannten, einen überaus wohlgesinnten Herrn gefunden habe. Doch waren die Zustände in der Mark so ärmlich, die Landstände so schwierig in der Bewilligung von Geldern, daß es dem Gebieter oft an den nötigsten Mitteln fehlte, um seine Hofhaltung standesgemäß zu führen; mußte er doch die eigne Hochzeit verschieben, weil ihm das Geld zu einer fürstlichen Ausstattung fehlte. Das alles mußte sich ändern, wenn Johann Cicero erst der wirkliche Herr und Kurfürst war, und so vertröstete Ulrich sich und seine Braut auf diesen Zeitpunkt, der erst mit Albrecht Achills Tode eintreten konnte.
Margarete hätte aber auch wenig Zeit gefunden, um trüben Gedanken nachzuhängen, denn ihre Kräfte waren vollauf in Anspruch genommen; sie war ihren Eltern unentbehrlich und hätte selbst nicht zu sagen gewußt, wie ihre zarte, leidende Mutter ohne ihren Beistand hätte leben sollen. Wenige Monate nach dem Abschluß jener Fehde war dem Ebnerhause ein unverhofftes Glück zu teil geworden, der Himmel hatte die leere Stelle ausgefüllt und den trauernden Eltern ein Söhnchen geschenkt. Unendlich groß war Herrn Wilibalds Freude über dies Gnadengeschenk; nun konnte er wieder mit Freudigkeit in die Zukunft sehen, nun durfte er hoffen, daß neben dem neuerblühenden Geschlecht der Tuchers auch der Name Ebner in Nürnberg wachsen und dauern werde. In dem Glück, das er empfand, hatte er Margareten versprochen, sie nie zu einer Ehe zu drängen, zu der ihr Herz sie nicht triebe; Ulrichs Name war dabei nicht genannt worden, sie überließ es der Zukunft, diese Angelegenheit zu rechter Zeit zur Sprache zu bringen.
Frau Ursula empfand beim Anblick ihres Knaben nur eine wehmutsvolle Freude; stets stand ihr dabei ihr Erstgeborner vor Augen, der ihr für immer entrissen war. Bewahrte sie auch die flüchtige Begegnung auf dem Wege nach Bamberg als einen kostbaren Schatz in ihrer Erinnerung auf, so quälte der Gedanke an sein Seelenheil sie doch mit unablässigem Kummer, und ihr Leben war eine Kette von Opfern und Bußen, um den Zorn des Himmels zu versöhnen. Es ward ihr schwer, zu sehen, daß der kleine Deodat — diesen Namen hatte Herr Wilibald dem Kinde gegeben, um es als eine besondere Gottesgabe zu kennzeichnen — im Herzen seines Vaters völlig Bertholds Stelle einnahm, daß jener auf ihn alle die Hoffnungen setzte, die bei dem ältesten Sohne gescheitert waren, ja, sie empfand es mit einer eifersüchtigen Pein, daß er den Spätgebornen mit unendlich viel größerer Zärtlichkeit behandelte, als ehemals Berthold. —
So war der Frühling des Jahres 1486 herangekommen, und durch die Stadt lief das Gerücht, daß Kurfürst Albrecht Achilles, der alte Feind der Reichsstädter, zu Frankfurt sein müdes Haupt zur Ruhe gelegt habe und in der Klostergruft zu Heilbronn bestattet worden sei. Die Nachricht bewegte Margaretens Herz mächtig; hatte sie auch als echtes Nürnberger Kind wenig Neigung für den streitbaren Fürsten empfunden, so mußte sein Tod doch entscheidend auf ihr und Ulrichs Schicksal einwirken. In unruhiger Spannung verlebte sie die nächsten Wochen, konnte jetzt doch jeder Tage den Ersehnten bringen und ihr Leben in gänzlich neue Bahnen lenken!
Der alte Nußbaum auf dem Hofe hatte eben wieder sein hellgrünes Blätterkleid angelegt, und die Schwalben schossen zwitschernd und jubilierend darunter fort. Auf dem Sitz, der den gewaltigen Stamm umgab, saß Margarete mit ihrer Arbeit; zu ihren Füßen spielte Deodat, der alle Augenblicke zu ihr gelaufen kam, um ihr etwas zu zeigen, oder sie nach hundert Dingen zu fragen; hing er doch fast mehr an ihr, als an seiner Mutter, die sich oft so kränklich und schwach fühlte, daß sie das lebhafte Kind nicht in ihrer Nähe ertragen konnte. Durch den gepflasterten Thorweg klangen männliche Schritte, die auf den Hof zukamen; Margaretens Herz fing an zu klopfen, sie schaute gespannt nach dem Eingang — aber es war eine andre Gestalt, als die ersehnte, wenn auch eine wohlbekannte: Hans Fiedler. Er hatte längst seine Lehrzeit bei Meister Adam Krafft hinter sich, war dann einige Jahre durch das Reich gewandert und jetzt nach Nürnberg gekommen, um sein Meisterstück zu machen und sich irgendwo als tüchtiger Steinmetz niederzulassen.
„Grüß’ Gott, Hans!“ sagte Margarete und bot ihm die Hand zum Gruß, „wo habt Ihr so lange gesteckt? wir haben manchen Tag nichts von Euch gesehen.“
„Ich war auf dem Annenhof,“ versetzte er ernsthaft, „Ihr wißt, die Großmutter war schon lange krank, am letzten Montag ist sie selig entschlafen, und gestern haben wir sie zur letzten Ruhe bestattet.“
„Crescenz ist tot?“ rief das Mädchen bewegt, „o wie mich das dauert! die gute, alte Seele, Gott hab’ sie selig! sie hat sich durch ihre unwandelbare Treue sicher einen Gotteslohn erworben. Aber was wird aus Eurer lieben Mutter werden, Hans? sie ist nicht von der Art der Großmutter und wird schwerlich ganz allein dort haushalten und wirtschaften mögen.“
„Nein, Jungfer Margarete, das ist auch meine Meinung; wenn ich schon Meister wäre, würde ich sie gern zu mir nehmen, aber damit hat’s noch gute Weile. Und dann — und dann —“ er drehte verlegen seine Kappe zwischen den Fingern hin und her.
„Habt Ihr etwas auf dem Herzen, lieber Hans?“ fragte Margarete freundlich, „nur heraus damit, Ihr wißt, wir beide sind von Kind auf immer gute Freunde und getreue Kameraden gewesen.“
„Ja, Jungfer Gretchen, daher möchte ich auch Euch zu allererst sagen, was mir widerfahren ist,“ sagte Hans, und über sein gutes Gesicht flog ein unwiderstehlicher Freudenschein. „Ihr kennt Meister Dürer, den Goldschmied — und seine Töchter — auch die Sabine — die hat mir versprochen, — mein liebes Weib zu werden, sobald ich Meister geworden bin.“
„Das freut mich von Herzen!“ sagte Margarete warm und schüttelte ihm beide Hände. „Die Sabine ist ein liebes, tüchtiges Mädchen und wird sicher eine frische, fröhliche Hausfrau werden. Gott segne Euch beide, Hans; Ihr hättet nichts Besseres thun können.“
Hans strahlte vor Glück; er verehrte Margarete so sehr, daß ihr Lob und ihre Zustimmung ihm sein erwähltes Mädchen noch lieber machten.
Der Tod der alten Crescenz bewegte Frau Ursula hauptsächlich um Afra’s willen, der sie stets eine warme Zuneigung bewahrt hatte. Daß jene nicht allein auf dem Annenhofe bleiben konnte, war klar, man mußte dort eine kräftigere Schaffnerin einsetzen. „Ich habe einen Gedanken, Margarete,“ sagte die Mutter am andern Tage, „ich möchte Afra anbieten, wieder wie einst in meinen persönlichen Dienst einzutreten. Sie weiß mit Kranken umzugehen und wird dir meine Pflege erleichtern; und wenn du, mein geliebtes Kind, in kurzem wünschen wirst, dein Elternhaus zu verlassen, so wird es dir weniger schwer werden, wenn du mich wohl versorgt weißt.“
Margarete umarmte die Mutter mit Thränen der Wehmut und Zärtlichkeit; sie hatte kein Geheimnis vor ihr und teilte alle ihre Sorgen, Hoffnungen und Pläne mit der Teuren. So sehnsüchtig sie nach Ulrich ausschaute, so schmerzlich war ihr doch der Gedanke, die Mutter zu verlassen, die an ihre immerwährende Fürsorge und liebreiche Gesellschaft so gewöhnt war.
Afra ging gern auf den Vorschlag ein; sie hatte keine Neigung für die ländliche Wirtschaft, so treu sie auch in den letzten Jahren der alternden Crescenz darin beigestanden hatte. Ihre stille, sanfte Art, der wehmütige Schatten, der über ihrem ganzen Wesen lag, die lebhafte Teilnahme, die sie für die Schmerzen anderer empfand, machten sie zu einer passenden Umgebung für Frau Ursula, und Margarete fühlte sich in der That sehr beruhigt, wenn sie an die Trennung dachte; sie würde die geliebte Mutter wenigstens in sicherer Pflege zurücklassen. —
Heiße Sommerglut lag auf den Straßen von Nürnberg; in den Patrizierhäusern waren überall die dunklen Vorhänge herabgelassen, um der sengenden Sonne den Eingang zu verwehren. Im Erker des Ebnerhauses war es kühl und angenehm, denn die Sonnenstrahlen trafen ihn nicht, und die dicken Mauern ließen die Hitze nicht eindringen. Dort saß Margarete und blickte träumerisch hinaus auf die Gasse, in der nichts zu sehen war, aber ihre Augen schauten auch nicht nach äußeren Dingen, sie waren nach innen gekehrt. Plötzlich scholl Pferdegetrappel vom Markt her, mehrere Reiter bogen auf den Ägidienplatz ein. Einer sprengte voraus, eine herrliche, hohe Gestalt; er nahm den Hut vom Kopfe, daß ihm die blonden Locken um die weiße Stirn wehten, und schwenkte ihn grüßend nach oben. Eine Purpurglut schoß in Margaretens Wangen — der Augenblick, von dem sie in sechs langen Jahren geträumt, war gekommen: Ulrich war wieder da! Sie stand regungslos, nur das Antlitz hatte sie der Treppe zugekehrt. Und jetzt kam er heraufgestürmt, der treue Freund ihrer Kindheit und Jugend, der Erkorne ihrer reiferen Jahre, er zog sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn. „Meine Margarete, meine süße Braut,“ flüsterte er mit unsäglicher Zärtlichkeit, „da bin ich endlich, endlich bei dir! O wie lang und schwer waren diese Jahre der Trennung! Aber nun soll sich nichts mehr zwischen uns drängen, nun wollen wir treu zusammenstehen, bis einst der Tod uns scheidet.“
Sie lehnte sich an seine treue Brust und sah mit glücklichen Augen zu ihm auf; dann machte sie sich sanft von ihm los. „Du mußt dir meines Vaters Zustimmung erbitten, Ulrich. Mein Herz konnte ich allein verschenken, über meine Hand kann nur er verfügen. Aber erst komm zur Mutter.“
Frau Ursula empfing Ulrich wie einen geliebten Sohn, er hatte ja einst so viel für ihren Berthold gethan, und Margaretens Liebe machte ihn ihr doppelt wert. Es war eine köstliche Stunde im traulichen Gemach der Hausfrau —, aber noch war mancher Sturm zu bestehen, ehe das Schifflein der Liebenden im sicheren Hafen landete. Herr Wilibald konnte sich nicht entschließen, seine Einwilligung zu ihrer Verbindung zu geben; die alten, festgewurzelten Vorurteile gegen den adligen Stand verbanden sich mit der tiefen Abneigung, seine Lieblingstochter, deren teilnehmendes Verständnis ihm unentbehrlich zum Leben schien, aus seinem Hause fort, in eine unerreichbare Ferne ziehen zu lassen. Alle Bitten Margaretens und seiner Gattin prallten an seinem hartnäckigen Widerstande ab, sein „nein“ schien unumstößlich zu sein.
In tiefem Kummer war das Mädchen einmal zu Meister Andreas Fiedler gegangen; der liebe, alte Mann mit dem kindlichen Glauben und der reichen Erfahrung sollte ihr sagen, wie sie sich in dem herben Zwiespalt zwischen dem Vater und dem Bräutigam verhalten solle. Frau Eva und ihr Gatte wechselten bedeutungsvolle Blicke bei ihrem traurigen Bericht. „So wollen wir es versuchen, Eures Vaters Herz zu rühren,“ sagte der Alte endlich, „unserm Worte wird er vielleicht nicht widerstehen.“
Margarete sah ihn erstaunt an, sie konnte sich die Zuversicht, mit der er sprach, nicht erklären; welchen Einfluß glaubte der schlichte Meister über den stolzen Patrizier zu besitzen? Sie gab sich keiner Hoffnung hin, daß seine Einmischung zum Ziele führen werde.
Der Ratsherr saß in seiner Schreibstube am Pult, aber die Feder war ihm aus der Hand gefallen, und er brütete düster vor sich hin. Da ward an seine Thür geklopft, und auf seinen ärgerlichen Ruf — denn wer wagte es, ihn gerade jetzt zu stören? — trat ein alter Mann mit schneeweißem Haupthaar ein, auf eine Krücke gestützt, während eine ebenso alte, einfache Frau ihn am andern Arm führte.
„Wer seid Ihr, und was wollt Ihr von mir?“ fuhr der Kaufherr auf.
„Kennt Ihr uns nicht mehr, Wilibald Ebner?“ fragte Andreas mit sanftem Ernst. „Ich hätte Euch noch heute unter Tausenden erkannt, obgleich Ihr Euch auch sehr verändert habt, seit Ihr zu Ulm in meinem Hause ein- und ausgingt. Damals wart Ihr noch kein großer, reicher Herr, und Hedwig Fiedlerin war nicht unter Eurer Beachtung.“
„Andreas Fiedler und Frau Eva!“ sagte Herr Wilibald erbleichend, indem er sich erhob und die alten Leute durch ein Handbewegung zum Sitzen einlud. „Freilich, es sind viele Jahre seit jener Zeit vergangen, und es ist alles, alles anders geworden. Und doch habe ich die Jugend nicht vergessen — nein, sicher nicht! Hedwig Fiedlerin steht heute noch in meiner Erinnerung, als ein wunderbar liebliches, engelreines Wesen, zu gut für diese Welt und ihre grausamen Verhältnisse.“
Frau Eva wischte sich die Thränen aus den Augen, und Meister Andreas sah sehr gerührt aus. „Ich will Euch jetzt, nach mehr als dreißig Jahren, keinen Vorwurf machen, Herr Ebner,“ sagte er milde, „daß Ihr unser einziges Kind verließt und ihm das treue Herz bracht — Ihr mögt Gründe gehabt haben, die Ihr für zwingend hieltet, und Hedwig ruht längst in seligem Frieden. Aber wir wissen, was solch ein junges Herz leidet, wenn ihm der liebste Wunsch versagt wird, und wir möchten Euch bitten, inständig und mit allen Kräften: Bereitet Eurer eignen Tochter, Eurer lieben, holden Margarete kein solches Los! Tausendmal schwerer, als die Trennung von ihr, würde das Bewußtsein auf Euch lasten, ihr Lebensglück vergiftet, ihre süßesten Hoffnungen geknickt zu haben. Seid milde und gütig und gewährt Eurem Kinde das, was Ihr dem unsrigen einst geraubt habt!“
Lange saß der Ratsherr, den Kopf in die Hand gestützt, und kämpfte schwer mit sich selbst und seinem harten Sinn. Endlich stand er auf, reichte den beiden Alten die Hand und sagte: „Ihr habt mich bezwungen! Heute noch feiern wir die Verlobung meiner Margarete mit Ulrich von Maltheim. Möchte der Himmel das Opfer, das ich bringe, als eine Sühne annehmen für das, was ich an Eurer Tochter verschuldete!“