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Im Banne der freien Reichsstadt

Chapter 20: Neunzehntes Kapitel. Nach vierzig Jahren.
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About This Book

A culture-historical narrative aimed at mature girls situates its action in and around a fifteenth-century imperial city and frames personal episodes against political upheavals such as Burgundian expansion, princely maneuvering, dynastic marriage, the peasant uprisings, and the early Reformation. It contrasts the decline of knightly life with the resilience of civic institutions, portraying artisans, Meistersinger, and pre-Reformation church relations while weaving in concrete everyday details—costume, household furnishings, tools—to illuminate social change and the lived experience of women and townspeople.

Neunzehntes Kapitel.
Nach vierzig Jahren.

Freunde der Jugend — im Alter vereint: es trennt sie der Glaube,
Hoffnungen sanken in Staub, aber die Liebe, sie bleibt!

Mehrere Jahrzehnte waren verflossen, eine neue Zeit war über Deutschland heraufgezogen. Der Schwan, den Meister Andreas so sehnsüchtig erwartet hatte, war hundert Jahre nach Hussens Tode erschienen: Luthers gewaltiges Auftreten lenkte das geistige Leben der Nation in ganz veränderte Bahnen. Alte Fesseln sprangen, gefangene Geister und Gewissen wurden frei; die dichte Wolke von Heiligen und Priestern, welche sich zwischen Erde und Himmel gedrängt hatte, teilte sich, und die frommen Herzen lernten ihren Weg zu Gott selbständig und ohne Fürsprecher finden. Die Klöster öffneten sich, und hunderte von Mönchen und Nonnen folgten dem Beispiel des Reformators, warfen die erzwungenen, oder als nichtig erkannten Gelübde von sich, um hinfort Gott nicht in beschaulichem Müßiggang, sondern in ehrlichem Arbeiten und Schaffen zu dienen. Auch in die Klassen der Mühseligen und Beladenen dieser Erde, vor allem in die der schwer gedrückten Bauern drang die frohe Botschaft von der evangelischen Freiheit und der Gleichheit aller Menschen vor Gott ein und wurde mit freudiger Hoffnung aufgenommen. Längst schon war ihnen das Joch der übermütigen geistlichen und weltlichen Herren unerträglich geworden; oft schon hatten sich hie und da Bauernbünde gebildet, welche die Befreiung der Unterdrückten anstrebten, jetzt kam ein neuer, mächtiger Antrieb in die Sache. Das Streben nach Abstellung des zeitlichen Elendes verband sich mit edleren Zielen, religiösen Gedanken und berief sich auf göttliche Gebote. Aber dem Edlen und Berechtigten mischten sich nur zu bald unreine Elemente bei; aufrührerische Geister predigten eine falsche Freiheit, ein gewaltsames Abschütteln aller alten Verpflichtungen. Ein Thomas Münzer, Jäcklin Rohrbach, Georg Metzler und andere entflammten durch Wort und Beispiel die Bauern zu furchtbarer Gewaltthat, und durch alle Gauen Deutschlands, vom Süden und Westen anfangend, zog sich der entsetzliche Bauernkrieg, der alles bedrohte, was vornehm, reich und gebildet war, oder unter der Herrschaft der Kirche stand.

Einige Meilen von Nürnberg entfernt, in der Nähe von Hohenheiligen, lag das Kloster gleichen Namens, das den Klarissinnen gehörte, einem Orden von der strengsten Regel. Das Kloster besaß ausgedehnte Ländereien und viele hörige Leute, die durch den adligen Klostervogt in tiefster Unterthänigkeit erhalten und zu harter Fronarbeit herangezogen wurden. Manches, was der Ritter versah, ward durch die Mildthätigkeit der Nonnen wieder gut gemacht; sie pflegten die Kranken, kleideten die Nackten, speisten die Hungrigen und erwarben sich manches „lohn’s Gott,“ während sich hinter dem Vogt oftmals eine schwielige Faust ballte und ein zorniger Mund ihm Rache schwur.

Im Sommer des Jahres 1525 war es, als sich von Weinsberg her, wo die Blutthat gegen den Grafen von Helfenstein Furcht und Entsetzen verbreitet hatte, die wilde Flut der Bauernbewegung gegen Würzburg wälzte; überall wurden Burgen und Klöster erstürmt und geplündert und die einheimische Bevölkerung zum bewaffneten Aufstande ermuntert. Ein räuberischer Haufe war bis nach Hohenheiligen gedrungen, hatte sich mit den hörigen Leuten des Klosters verbrüdert und beschlossen, den Vogt zu züchtigen und das reiche Klostergut an sich zu bringen.

Trefflich war der Überfall gelungen, der Ritter samt seinen Knechten war gefangen und unschädlich gemacht worden, ehe er sich um Beistand an seinen Nachbar wenden konnte; lärmend und tobend drang die wilde Horde gegen das Kloster vor. Die Thür, die fest verschlossen war, ward zertrümmert; wie ein reißender Strom ergoß sich die Rotte in die stillen Kreuzgänge. Nirgends war ein menschliches Wesen zu sehen, unheimliches Schweigen gähnte die Raubgesellen aus allen Winkeln und Zellen an. So drangen sie bis in die Kirche vor, aber hier hielten die rohen Männer unwillkürlich inne. Vor dem Altar, über dem die ewige Lampe schwebte, lagen die sämtlichen Nonnen auf den Knieen; in ihrer Mitte stand die Äbtissin, eine kleine, feine Gestalt im weißen, faltigen Rock und weißen Wimpel, der Brust und Hals in dicken Falten umgab. Vom Kopf herab wallte der schwarze Nonnenschleier bis zu den Ellenbogen, auf der Brust glänzte ein großes, goldenes Kreuz. In dem marmorweißen Antlitz stand keine Furcht geschrieben, nur feste Entschlossenheit; die dunklen Augen leuchteten in todesmutiger Ruhe; sie hielt den Anstürmenden ein Kruzifix entgegen, und ihre Lippen bewegten sich in leisem Gebet. Der Anblick hatte etwas überwältigend Feierliches, Ehrfurchtgebietendes; die von Hohenheiligen erinnerten sich plötzlich all der Wohlthaten, die ihre Frauen und Kinder hier empfangen hatten, sie senkten Spieße und Sensen und drückten sich still hinaus. Die Fremden aber ließen sich nicht lange einschüchtern; ein riesiger Bursche, der den Anführer machte, stellte sich der Äbtissin gegenüber und verlangte gutwillige Herausgabe aller Schätze, widrigenfalls er und seine Genossen sie mit Gewalt nehmen würden.

Der Retter in der Not.

„Die heiligen Gefäße und Gerätschaften gehören nicht mir, sondern dem Kloster,“ erwiderte die Äbtissin mit klarer Stimme; „nie, so lange ich atme, werde ich das anvertraute Gut den Händen der Feinde unsrer heiligen Kirche übergeben.“

„Nehmt Euch in acht, Ihr winziges Milchgesicht!“ rief der Sprecher drohend, „es kostet mir nur ein Aufheben meines Spießes, so ist Euer kindischer Widerstand gebrochen, und Ihr liegt erschlagen am Boden. Aber Ihr seid ein so erbärmlich schwacher Widersacher, daß ich Gnade gegen Euch üben will, wenn Ihr ohne weitere Umstände meinem Befehl gehorcht. Ich will bis zwanzig zählen: legt Ihr inzwischen alle Eure verborgnen Kostbarkeiten vor uns nieder, so sollt Ihr ungeschoren bleiben; weigert Ihr Euch, so wird’s Euch schlimm ergehen, und wir nehmen, was wir begehren, mit Gewalt!“

Er fing langsam zu zählen an, regungslos blieb die Äbtissin vor ihm stehen, während die zitternden Nonnen sich näher an sie drängten. „Sechzehn, siebzehn, achtzehn,“ zählte der Bauer; schon hob er seinen Spieß, und seine Mordgesellen hielten ihre Waffen zum tödlichen Schlage bereit — da fuhr plötzlich eine andre bewaffnete Schar auf die Räuber ein, Schwerter klirrten, Pistolenschüsse dröhnten durch die heilige Stätte. Ein wilder Kampf begann zwischen den Bauern und den neuen Ankömmlingen, welche durch eine Seitenpforte hinter dem Altar in die Kirche gedrungen waren und sämtlich die Abzeichen des Deutschen Ordens trugen. Der Anführer eilte auf die Äbtissin zu, schlug seinen weißen Mantel um sie und hob sie mit starken Armen empor. „Ihr müßt fliehen, hochwürdigste Frau!“ rief er ihr zu und schleppte sie durch das Pförtchen; eilenden Fußes folgten ihm die Nonnen. Er hob die Äbtissin auf sein Pferd und jagte mit ihr davon, während die frommen Schwestern ihr Heil in wilder Flucht suchten.

Das alles war so schnell und mit so unwiderstehlicher Gewalt vor sich gegangen, daß die geistliche Frau kaum zur Besinnung kam, geschweige denn einen Widerstand versuchen konnte. Nach einigen Minuten richtete sie sich auf und fragte in strengem Ton: „Wer seid Ihr, und wohin bringt Ihr mich?“

„Ich bringe Euch in Sicherheit, Irmgard von Maltheim,“ erwiderte der Ritter; „Euer todeskühner Leidensmut würde Euch diesen Buben gegenüber wenig genützt haben, und nicht unter ihren kirchenschänderischen Händen solltet Ihr Euer Leben aushauchen.“

„Ihr nennt einen Namen, der längst begraben ist,“ versetzte sie wehmutsvoll; „seit einem halben Jahrhundert habe ich Schwester Matthäa geheißen. Und Ihr? woher kennt Ihr meine Vergangenheit? von wannen kommt Ihr?“

„Kennt Ihr mich denn gar nicht mehr, Irmgard? ist kein Zug an mir, der Euch an die alte, längst verklungene, glückliche Jugend gemahnte?“

Sie sah ihn aufmerksam an. Das Gesicht war einst vielleicht schön gewesen, aber eine harte Zeit hatte es mit tiefen Furchen gezeichnet, Haare und Bart waren grau, und um den Mund lag ein Zug bitterer Enttäuschung. Nur in den dunklen Augen glühte noch das Feuer früherer Tage, — und diese Augen, obwohl sie einst lachend und sorglos in die Welt hinausgeschaut, riefen ihr das Bild des Jugendfreundes zurück. „Ihr müßt Berthold Ebner sein,“ sagte sie, tief aufatmend.

„Ich war es, aber auch ich habe diesen Namen längst begraben, meine Flucht aus dem Kloster hatte mich seiner unwert gemacht. Als mich der Hochmeister unsres Ordens zum Ritter schlug, legte er mir den Namen Berthold von Franken bei, und diesen habe ich seit vierzig Jahren, wie ich hoffe, nicht mit Unehren geführt.“

Vor ihnen tauchte jetzt ein schmuckes Herrenhaus auf, keine Burg mit Türmen und Gräben, mit Donnerbüchsen gespickt, sondern ein friedlicher Landsitz, der zwar von einer Mauer umgeben und mit starken Thoren versehen war, aber doch ein freundliches, ländliches Gepräge trug. „Wißt Ihr, wer hier wohnt?“ fragte Berthold.

„Auch ein Genosse unserer Jugend: Ulrich von Maltheim.“

„Mein Schwager Ulrich?“ rief er erstaunt, „welch wunderbares Zusammentreffen! Ich glaubte ihn in kurbrandenburgischen Diensten, wo ich ihn vor fünfzehn Jahren aufgesucht habe!“

„Er hat sich vom Hofdienst in diese ländliche Stille zurückgezogen. Hätte er nur geahnt, was uns drohte, er wäre uns gleich zu Hilfe geeilt, obgleich auch er unsrer heiligen Mutter Kirche untreu geworden und zum neuen Glauben übergetreten ist.“

„Darf ich Euch bitten, hier abzusteigen, Irmgard, und allein einzutreten?“ fragte Berthold, als sie am Thor angelangt waren, „ich muß zurück, um nach meinen Leuten zu sehen.“

„O ich bitte Euch, erkundigt Euch auch nach meinen armen Schwestern — ich habe sie treulos in der Gefahr verlassen, wie ein Mietling, der den Wolf kommen sieht und flieht!“

„Ihr gehorchtet nur dem Zwange, auch hättet Ihr sie nicht schützen, nur mit Ihnen sterben können. Aber seid ohne Sorge, meine Leute werden den Rebellen wacker die Zähne gezeigt haben, und dieser elende Bauernpöbel flieht, sobald man ihm ernsthaft gegenübertritt.“

Als Berthold nach wenigen Stunden zurückkehrte, konnte er gute Nachricht mitbringen: die Ordensbrüder waren mit dem Bauerntrupp bald fertig geworden, der Vogt und seine Knechte waren befreit und das Kloster besetzt, um es gegen eine Wiederkehr der Aufrührer zu schützen. Mehrere Nonnen waren bereits zurückgekehrt, anderen, die sich in der Nähe verborgen, war Botschaft gesendet worden, daß sie nichts mehr zu fürchten hätten, einige freilich hatten die gute Gelegenheit benutzt, um die heimlich ersehnte Freiheit zu gewinnen. Die Äbtissin ließ sich, angesichts der hergestellten Sicherheit, überreden, den Tag über in dem verwandten Hause zu verweilen und erst zur Nacht in das Kloster zurückzukehren.

Es war ein wehmütiges, und doch unendlich wohlthuendes Beisammensein der alten, so lange getrennten Jugendgenossen, die hier in trautem Kreise ihre Lebensschicksale austauschten. Am wenigsten hatte Irmgard zu berichten; aus dem langen Gleichmaß ihrer Tage ragte eigentlich nur ein großes Ereignis hervor: ihre Wahl zur Äbtissin. Auch in ihre streng geregelte Gemeinschaft hatte die Kunde von Luthers Auftreten Eingang gefunden, aber die unwandelbare Festigkeit der Oberin, welche mit Liebe und ernstem Eifer über die ihr anvertrauten Seelen wachte, hatte bis jetzt noch jeden Abfall vom alten Glauben verhindert.

Viel bewegter war das Leben gewesen, von dem Ulrich und Margarete zu erzählen hatten. Manche Not und Widerwärtigkeit hatten sie in der Mark zu überwinden gehabt, wo die Zustände noch vielfach ungeordnet, die Mittel immer knapp waren. Aber die unverbrüchliche Liebe und Treue, welche die beiden Gatten vereinte, hatte weder in guten, noch in bösen Tagen gewankt, und wenn Ulrich in seinem Amt auf Schwierigkeiten stieß, wenn ihm zuweilen Hindernisse in den Weg traten, die seine guten Absichten kreuzten und ihm bittere Täuschungen bereiteten, so fand er in seinem Hause immer einen Hafen des Friedens, in dem seine Kraft sich stärkte und sein Streben neue Anregung fand. Nach Johann Ciceros Tode war Ulrich in den Dienst seines Nachfolgers, Joachims des Ersten, übergegangen und hatte denselben in seinem Bemühen, die Rechtspflege zu fördern und die Verwaltung in gedeihliche Bahnen zu lenken, mit all seinem Wissen und Wollen kräftig unterstützt. Als aber die neue Zeit anbrach und die Reformation ihren Siegeslauf begann, als Ulrich und sein Weib sich der reineren Lehre alsbald mit ganzem Herzen anschlossen, da hatte der Abscheu des Fürsten gegen die Neuerung seinem geheimen Rat den weiteren Dienst unmöglich gemacht, und derselbe hatte sich nach Hohenheiligen zurückgezogen, das nach des Vaters Tode Margareten zugefallen war. Hier führte er ein stilles Leben voll geistiger Arbeit, während sich sein Ehegemahl in der alten Heimat sehr glücklich fühlte. Sie sorgte wie eine Mutter für alle Elenden und Betrübten und ward von ihrer Umgebung unbeschreiblich verehrt. In Hohenheiligen hätten die Anführer sicher keinen Anklang mit ihren Aufreizungen gefunden, denn dort wurden alle gerechten Beschwerden liebevoll angehört und abgestellt; das kleinste Bäuerlein konnte seinen Acker in Frieden bauen und dessen Früchte ohne erdrückende Lasten und Fronen genießen.

Die Kinder des edlen Elternpaares waren in aller Welt zerstreut, die Söhne dienten verschiedenen Herren, nur der jüngste studierte, zur Freude seiner Mutter, zu Wittenberg die Gottesgelahrtheit, um einst ein Prediger des Evangeliums zu werden. Von den Töchtern war nur noch eine zu Hause, und ihre holde Jungfräulichkeit bildete einen lieblichen Gegensatz zu der matronenhaften Schönheit und Würde, welche Frau Margareten eigen waren. Unter der weißen Schleierhaube, die das ergraute Haar bedeckte, leuchteten deren graue Augen in ungetrübtem Glanze hervor, ein Hauch von Milde und Güte lag über den edlen Zügen, und die hohe, ungebeugte Gestalt kam auch in der schlichten Kleidung des Alters noch zu voller Geltung. —

Bertholds Geschichte war eine Kette trüber Täuschungen. Die Flucht aus dem Kloster hatte ihm wie ein schwerer Bann auf Seele und Gewissen gelegen; er konnte der gestohlenen Freiheit nicht froh werden, und sein Leben ward, wie das seiner Mutter, eine Reihe von Bußen, um diese Schuld zu sühnen. Nur zu bald hatte er erkennen müssen, daß er sein Leben an eine verlorne Sache gesetzt habe, daß der Deutsche Orden im Absterben sei und seinem Ende entgegeneile. Weder Friedrich von Sachsen, noch Albrecht von Brandenburg, die letzten Hochmeister, hatten es vermocht, dem Verderben Einhalt zu gebieten; von innen hatten sich die alten Bande der Zucht und Ehre völlig gelockert, von außen drohte Polen mit seiner Übermacht den Orden zu erdrücken, und die Kraft und Tapferkeit der Einzelnen erschöpfte sich in nutz- und ruhmlosen Kämpfen. Endlich hatte Albrecht Frieden mit der Krone Polen gemacht und über den Trümmern der Ordensherrschaft ein weltliches Herzogtum Preußen errichtet; dann hatte er den neuen Glauben angenommen und sich mit einer Fürstentochter vermählt. Aber nicht alle Ordensritter wollten sich der neuen Ordnung der Dinge fügen; viele zogen sich grollend zurück, unter ihnen Berthold, den das Gelübde seiner Mutter mit unzerreißbaren Banden gefangen hielt. Mit einer Schar gleichgesinnter Ordensbrüder, die ihn zum Anführer erwählten, hatte er das Preußenland verlassen, um nach dem Süden zu ziehen, wo der Deutschmeister Walter von Kronberg zu Mergentheim die zersprengten Reste vereinigte, und wo der Deutsche Orden noch lange ein schattenhaftes Dasein, ohne innere Kraft und Bedeutung, führen sollte. Die Zeiten des Rittertums waren unwiederbringlich dahin, selbst der ritterliche Kaiser Maximilian hatte die abgestorbenen Formen nicht neu beleben können. Man nannte ihn den letzten Ritter, und mit ihm ward die alte Zeit für immer begraben. —

„Was ist aus unserm Jugendgespielen Hans Fiedler geworden?“ fragte Berthold.

„Er ist in der Mark geblieben,“ versetzte die Schwester, „wo er eine ansehnliche Stellung als erster Baumeister des Kurfürsten einnimmt und ein reiches Feld für seine Gaben gefunden hat. Nach dem Tode unserer Mutter holte er unsre treue Afra zu sich; sie ist erst vor wenigen Jahren in hohem Alter gestorben, nachdem sie das Glück genossen, einen Kreis zahlreicher Enkel um sich erblühen zu sehen.“

Am folgenden Tage sandte Ulrich eine Botschaft an Elsbeth und Deodat in Nürnberg, daß der lang entbehrte Bruder eingekehrt sei, und entbot sie zu einem Gastmahl in seinem Hause. So waren einmal alle vier Geschwister unter einem Dache vereint: Berthold von Franken, Margarete von Maltheim, Elsbeth Tucherin und Deodat Ebner, und verschieden wie ihre Namen, waren auch ihre äußeren und inneren Verhältnisse. Deodat war wie Margarete mit voller Überzeugung der neuen Lehre beigetreten, Berthold hielt starr am alten Glauben fest, ohne die Berechtigung der Reformation zu prüfen, und auch Elsbeth war, wie ihr jüngst verstorbener Gatte, der alten Kirche treu geblieben, hatte es aber nicht hindern können, daß ihre Kinder meist in das Lager der Neuerer übergegangen waren. Berthold hatte seinen Kindertraum erfüllt gesehen: er war ein Ritter geworden, aber sein Glück hatte er nicht gefunden. Deodat war in seines Vaters Fußstapfen getreten und brachte den Namen Ebner zu neuem Ansehn und vermehrten Ehren in der alten Vaterstadt; auch hatte er mehrere Söhne, welche die von Herrn Wilibald ersehnte Fortdauer seines Geschlechtes verbürgten. Die Namen Ebner und Tucher blieben eng vereint, und die verbundenen Häuser standen noch lange in hoher Blüte, als ein würdiges Bild patrizischen Reichtums und bürgerlicher Ehrenhaftigkeit.

Druck von August Pries in Leipzig.