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Im Banne der freien Reichsstadt

Chapter 9: Siebentes Kapitel. Das Strafgericht der Stadt.
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About This Book

A culture-historical narrative aimed at mature girls situates its action in and around a fifteenth-century imperial city and frames personal episodes against political upheavals such as Burgundian expansion, princely maneuvering, dynastic marriage, the peasant uprisings, and the early Reformation. It contrasts the decline of knightly life with the resilience of civic institutions, portraying artisans, Meistersinger, and pre-Reformation church relations while weaving in concrete everyday details—costume, household furnishings, tools—to illuminate social change and the lived experience of women and townspeople.

Siebentes Kapitel.
Das Strafgericht der Stadt.

Räuberischer Gesell, du Zerrbild christlichen Adels,
Trotzest du heut’ dem Gesetz, einmal bezwingt es dich doch!

In der Hausflur des Ebnerschen Hauses drängte sich ein Haufe Menschen, Männer, Frauen und Kinder, in dürftiger bäuerlicher Tracht. Ihr Aussehen bezeugte deutlich, daß sie zu den Mühseligen und Beladenen gehörten, denn alle Gesichter hatten einen Ausdruck des Leidens, der bei den einen mehr in stumpfes Dulden, bei den anderen in verbissenen Groll überging. Justus hatte vergebens versucht, die Leute hinauszudrängen, sie widerstanden ihm mit ruhiger Hartnäckigkeit und erklärten, nicht vom Platze weichen zu wollen, bis sie den Ratsherrn gesprochen hätten. Endlich öffnete sich eine Thür, und Herr Wilibald Ebner erschien auf den Stufen; alles stürmte auf ihn zu, und alle Stimmen riefen auf einmal: „Helft uns, rettet uns! Habt Erbarmen, übt Gerechtigkeit!“

Der Kaufherr hob die Hand auf. „Schweigt!“ sagte er in ernstem Ton, und in seiner Haltung, wie in dem Klange seiner Stimme lag etwas Gebietendes, das sich sofort Gehorsam erzwang. „Einer rede und sage mir in kurzen Worten Euer Begehr. Sprich du, Freund, was führt Euch zu mir?“

Der Angerufene, ein älterer Mann von ehrbarem, aber unendlich niedergedrücktem Wesen, trat einen Schritt vor. „Herr,“ begann er kummervoll, „wir sind Einwohner des Dorfes Hohenheiligen und bitten Euch um Schutz gegen unsere Bedränger. Junker Veit von Rotenhahn, der die alte Burg bewohnt, behandelt uns wie Feinde; er raubt uns unser Vieh, verwüstet unsre Felder, schlägt unsre Kinder .....“

„Mir hat der Teufel, der schwarze Janko, die einzige Kuh von der Weide getrieben,“ rief eine Stimme dazwischen — „Mir haben die kleinen Junker die Gänse gestohlen,“ schrie eine andre — „Mir hat der lahme Miklot meine Tochter entführt und zum Dienst auf der Burg gepreßt, wo sie mehr Schläge erhält als Essen“ — „Uns haben sie das Heu von der Wiese genommen“ — „Uns das Getreide vom Felde gefahren“ — — Die Klagen wollten kein Ende nehmen.

Wieder erhob Herr Wilibald die Hand und gebot Schweigen; wieder nahm der erste Sprecher das Wort. „Als wir uns bei dem Junker Veit selbst über das Treiben seiner Knechte und seiner wilden Söhnlein beschweren wollten, warf er einen unsrer Boten ins Verließ, wo weder Sonne noch Mond hinscheint, die andern ließ er vom Hofe peitschen. Dann gingen wir zum Ritter nach Maltheim, wo seit der Väter Zeiten unsre Herren gesessen, — aber er sagte uns, er habe Dorf und Flur Hohenheiligen an Euch, Herr, verpfändet und während der Pfandzeit könne er nichts für uns thun. So sind wir zu Euch gekommen, gestrenger Herr; nehmt Ihr Euch unserer Not an! wahrlich, wir sind des Lebens satt und müde, denn es ist, als säße der leibhaftige Teufel mit seinen Helfershelfern über uns und plagte uns schier zu Tode!“

Herrn Ebners Stirn zog sich in dunkle Falten, unwillkürlich ballte sich seine Hand, doch bewahrte er äußerlich seine Ruhe und sprach nach kurzem Bedenken: „Ich gehe eben in die Ratssitzung; drei von Euch mögen mich begleiten, um Eure Klagen vor dem wohllöblichen Rat der Stadt vorzubringen; ich, als Einzelner, vermögte Euch wenig zu helfen. Die andern mögen sich auf dem Hofe niedersetzen, meine Hausfrau wird sie mit Speise und Trank erquicken. Dann aber geht ruhig Eures Weges und erwartet in Geduld das weitere.“

Diese Entscheidung wurde mit einem beifälligen Gemurmel aufgenommen; der Haufe, der vom weiten Wege müde und hungrig war, lagerte sich im Schatten des alten Nußbaums, der seine grünen Zweige freundlich über die Armen und Elenden ausbreitete. Nach einiger Zeit erschien Frau Ursula mit den Töchtern zur Seite und zwei Mägden hinter sich, welche große Schüsseln dampfenden Mehlbreis, Brot, Käse und Wurst trugen. Die Hausfrau selbst leitete die Verteilung und sah zu, daß niemand zu kurz käme; besonders auf die Kinder hatte sie ein gütiges Auge, und es rührte sie, zu sehen, mit welchem heißhungrigen Lächeln sie zulangten und sich die gute Kost schmecken ließen, die für sie ein seltener Leckerbissen war. Mit freundlicher Herablassung sprach sie mit den armen Weibern und ließ sich die Geschichte ihrer Leiden erzählen, die ihr tief zu Herzen ging; es war ein erschütterndes Bild täglich wiederholter Plagen, welche diesen unterdrückten Menschen jede Lebensfreude verkümmerten, ja, ihrem elenden Dasein jede Sicherheit entzogen.

So sehr hatten sich im Laufe der Jahrhunderte die ländlichen Verhältnisse verändert, daß die ehemals freien Bauern, welche mit Freude und Selbstbewußtsein ihren Acker bauten und die Früchte ihres Fleißes genossen, fast ausnahmslos zu rechtlosen Leibeigenen herabgedrückt und unter die Knechtschaft der adligen Herren gestellt worden waren. Die Zeit war nicht mehr fern, in der der tiefe Groll, der lange Jahre hindurch die Gemüter mit wohlberechtigter Entrüstung erfüllt hatte, endlich in hellen Flammen wilden Hasses auflodern, und bei der gänzlichen Verkommenheit alles geistigen Lebens ein furchtbares Verderben um sich her verbreiten sollte, in welchem zahllose Dränger und Bedrängte ihren Untergang finden mußten. — Wie dankbar empfand die Ebnerin in dieser Stunde alle Vorzüge ihrer Stellung, wie preßte sie ihre Kinder ans Herz und pries den Himmel dafür, daß sie nicht der Bosheit roher Knechte und ungezügelter Buben ausgesetzt waren! —

Unterdessen fand auf dem Rathause eine sehr erregte Sitzung statt. Die Klagen der Bauern fielen auf einen wohlbereiteten Boden, denn sie waren nicht die einzigen, deren Rechte Junker Veit gröblich mit Füßen trat. Kaum ein Warentransport gelangte von dieser Seite her in die Stadt, dem er nicht aufgelauert hätte, und wenn seine Kräfte auch denen der reisigen Begleiter selten in offenem Kampfe gewachsen gewesen wären, so verstand er es doch vortrefflich, durch List einen einzelnen Wagen zum Stürzen zu bringen und sich in der eintretenden Verwirrung eines Teils seiner Ladung zu bemächtigen. Jeder Handelsherr der Stadt hatte schon Verlust und Arger durch ihn erlitten, und in der Zeit des regsten Verkehrs verging keine Woche ohne solche Schädigungen. Wurden doch in der guten Jahreszeit die Straßen nicht leer von Fuhrwerken, welche die im Auslande lebhaft begehrten Woll- und Lederarbeiten, die Harnische und Waffen und all die zierlichen Erzeugnisse der vorgeschrittenen Industrie Nürnbergs fremden Plätzen zuführten, während andrerseits die großen Kaufhäuser täglich ankommende Waren erwarteten, Weine vom Rhein, aus Spanien, Italien und Ungarn, feine Leinwand aus Flandern, Gewürze aus Indien, Heringe aus dem Norden und andre Dinge aus aller Welt Enden. Da brachte ein einziger Fang dem Räuber ebenso stattlichen Gewinn, wie er dem Kaufmann bedeutenden Schaden zufügte. Auch der städtische Jägermeister hatte beständig gegen Junker Veit und seine Spießgesellen zu klagen, denn sie jagten ohne jede Berechtigung im Reichswalde, der städtisches Eigentum war, und fällten dort so viel Holz, wie sie für Herd und Ofen brauchten. Die Namen Veits von Rotenhahn, des schwarzen Janko und des lahmen Miklot wurden von allen Seiten nur mit Haß und Verachtung genannt; man meinte allgemein, sie müßten mit dem Bösen im Bunde stehen, weil es nie gelänge, einen von ihnen zu fassen. Stets wußten sie mit heiler Haut zu entwischen, auch wenn die Verfolger in der Überzahl und in offenbarem Vorteil waren.

Darin also waren alle einig, daß Junker Veit ein arger Bösewicht sei, welcher gegen jedes Recht frevle und harte Strafe verdiene; aber wie die Strafe zu vollstrecken sei, darüber gingen die Meinungen weit auseinander. Die Hitzigsten wollten Aufbietung der bewaffneten Stadtmacht, offne Fehde-Erklärung, Belagerung der Burg und Vernichtung oder Gefangennahme der Übelthäter; die Ruhigen verlangten, daß erst alle Mittel friedlicher Justiz versucht werden sollten. „Wir wenden uns mit unsrer Klage an das kaiserliche Landgericht,“ hieß es.

„Habt Ihr vergessen,“ wendete ein andrer ein, „daß Markgraf Albrecht Achilles Verwalter des kaiserlichen Gerichts ist? und könnt Ihr von ihm Gerechtigkeit erwarten in Sachen der Stadt wider einen Adligen?“

„Wir müssen uns selbst Recht schaffen!“ rief ein dritter; „ladet den Junker vor die städtische Gerichtsbarkeit, er hat sich hundertmal auf städtischem Gebiet vergangen.“

„Laden können wir ihn wohl, aber wird er kommen?“ fragte ein vierter; „wird er unsre Forderung nicht einfach verlachen?“

Dennoch hatte dieser Vorschlag schließlich die meisten Stimmen für sich, und man beschloß, dem Junker durch drei sichere Boten eine Ladung zu senden. Sollte er derselben nicht folgen, so konnte man ihn in seiner Abwesenheit verurteilen und für vogelfrei erklären, sobald er sich auf städtischem Grund und Boden betreten ließe. Dann würde es wohl nicht schwer halten, ihm durch ein paar verwegene Gesellen auflauern und ihn in sichere Haft bringen zu lassen — und dann winkten ihm Galgen und Rad als unausbleibliche Strafe.

Inzwischen saß der, gegen welchen diese Anklagen geschleudert wurden, in seiner sicheren Feste, wie ein Dachs in seinem Bau, und seine Tage vergingen teils in aufregenden Unternehmungen, teils in trägem Müßiggang. Die Stätte, wo er mit seiner Familie hauste, war keineswegs anheimelnd oder wohnlich, doch war sie seinen wilden Neigungen trefflich angepaßt. Inmitten eines wüsten Trümmerhaufens erhob sich in drei Stockwerken ein turmartiger Bau mit gewaltigen, unversehrten Mauern, der letzte Überrest einer stolzen Burg. Das unterste Gelaß, das nur durch einige Öffnungen dicht unter der Decke spärlich erhellt wurde, enthielt die Küche und etliche Vorratsräume; eine schmale Spalte, die durch eine starke eichene Thür und eiserne Riegel verwahrt werden konnte, führte ins Freie. In den zweiten Stock gelangte man von außen auf einer hölzernen Treppe, welche in eisernen Haken hing, und die man nach Gefallen abnehmen konnte; von hier führte eine steinerne Wendeltreppe nach oben. Jedes Stockwerk enthielt einen größeren Raum, unten den für die Männer, oben den für die Frauen, und kleine Schlafkammern daneben; auf der Zinne wohnte in einer winzigen Zelle der Türmer, der auf einem vorspringenden Söller ringsum gehen und die Umgebung der Burg auf eine weite Entfernung überschauen konnte. Ein enger Hof, der durch eine hohe Umwallung aus den zerfallenen Steinen der ehemaligen Burg abgeschlossen wurde, umgab den Turm; die Zugbrücke, welche meist aufgezogen blieb, wurde durch zwei Donnerbüchsen behütet, und so war mit großem Geschick eine fast uneinnehmbare Festung geschaffen worden, deren Inhaber die Feindschaft und den Haß der ganzen Welt verlachte.

Junker Veit lag lang ausgestreckt auf seinem Lager, dessen Stroh nur mangelhaft durch einige ausgebreitete Felle verdeckt wurde; eine umgestürzte, riesige Bierkanne zeugte deutlich von der Beschäftigung, der er sich vorher hingegeben hatte. Sein Weib stand neben ihm. „Holla, Veit,“ rief sie laut und schüttelte ihn derb an der Schulter, „wie lange willst du hier noch auf der Bärenhaut liegen? sollen deine Frau und deine Kinder Hunger leiden um deiner Faulheit willen?“

Er blinzelte und gähnte, ohne seine Stellung zu verändern. „Rüste dich, und ziehe auf die Jagd aus,“ fuhr sie fort, „die Kammer ist leer, kein Stücklein Fleisch oder Speck im Vorrat, das Mehl in der Tonne bedeckt kaum noch den Boden, der Wein ist ausgetrunken. Schaffe neue Vorräte an, oder Schmalhans wird unser Küchenmeister sein, und den liebst du am wenigsten.“

„Schicke die Knechte aus,“ sagte er schläfrig.

„Miklot behauptet, er könne nicht zu Pferde steigen: der Stich, den er neulich ins Bein erhalten, schmerze noch zu sehr; und Janko will nicht allein reiten, er sagt, die verdammten Bauern fahndeten zu hart auf ihn, einer könne sich ihrer schlecht erwehren.“

„So laß die Knaben ausziehen und dir ein paar Hühner oder ein Schweinchen von der Weide holen.“

„Meinst du, ich würde die unschuldigen Lämmer noch einmal den Knütteln der elenden Dorfbuben aussetzen? Emmo ist kaum noch kenntlich, so haben ihm die Schufte das Gesicht zerbläut, und Balduins Rücken ist mit Beulen überdeckt, daß ich Tag und Nacht daran kühlen muß. Du magst es vergessen, daß die Knaben von ihrer Mutter Seite her aus altem, edlem Geschlecht stammen, ich habe es immer vor Augen und werde sie vor Unwürdigem zu bewahren wissen, obgleich ihr Vater nur ein landläufiger Abenteurer ist.“

Mit einem Satz war Junker Veit auf den Füßen, „Hochmütige Hexe!“ knirschte er zwischen den Zähnen, „willst du mich rasend machen?“ Sie entfloh vor seinem wilden, drohenden Blick in ihr eignes Gemach; eine Weile saß sie dort still in bebender Angst, dann lauschte sie auf die unten erschallenden Tritte. „Er rüstet sich!“ sagte sie triumphierend, „ich habe ihn aufgerüttelt. Es versteht es doch keiner, mit ihm fertig zu werden, als ich allein!“

Als am Abend dieses Tages Junker Veit und Janko mit reicher Jagdbeute heimkehrten, empfing Walburg den Gatten aufs freundlichste.

„Seid willkommen, teurer Herr,“ sagte sie mit liebevollem Lächeln, „und habt Dank, daß Ihr meine Vorratskammer so reich versehen habt. Ich wußte es ja, daß dieser starke Arm die Seinen nicht würde darben lassen.“

Er küßte sie flüchtig auf die Stirn, und der oft getrübte Friede war wieder einmal geschlossen. —

Am nächsten Mittag stieß der Türmer ins Horn. „Was siehst du?“ rief Junker Veit zu ihm hinauf.

„Es kommen drei Reiter von der Stadt her; sie tragen die Abzeichen von Nürnberg und ein weißes Fähnlein, zum Zeichen friedlicher Gesinnung.“

„Viel Gutes werden sie mir nicht bringen,“ meinte der Junker, „ich glaube nicht, daß die Krämerseelen mir besonders gewogen sind. Doch man kann ja hören, was sie wollen.“

Er stieg hinab rief die beiden Knechte zu sich, ließ die Zugbrücke fallen und stellte sich am Anfang derselben auf, Janko und Miklot hinter sich, doch so, daß sie von den Ankommenden nicht gesehen werden konnten. Die Reiter hielten vor der Brücke still. „Was ist Euer Begehr?“ rief Veit ihnen zu.

„Wir sind vom wohllöblichen Rat der Stadt Nürnberg gesendet, um eine Ladung an den Junker Veit von Rotenhahn zu überbringen.“

„Ich bin es selber; sprecht aus, was Ihr zu sagen habt.“

Der vorderste Reiter zog aus dem Schaft seines hohen Stiefels ein Papier, an dem ein großes Siegel hing, entfaltete es und begann mit lauter Stimme zu lesen. Es war eine genaue Aufzählung all der Übertretungen, deren sich der Inhaber der Burg Hohenheiligen schuldig gemacht hatte, — und eine mächtige lange Reihe hatte man zusammengestellt, wovon schon die Hälfte genügt hätte, dem Übelthäter an Kopf und Kragen zu gehen. Zum Schluß ward der Junker vor das städtische Gericht geladen, um sich wegen dieser Anklagen zu verantworten.

Veit hatte mit belustigtem Zwinkern zugehört und sich behaglich den Bart gestrichen; als die Lesung beendet war, brach er in ein höhnisches Gelächter aus. „Sagt dem gestrengen Rat: auch die Nürnberger hängten keinen, sie hätten ihn denn, und mich sollen sie noch lange nicht haben! Was schert mich der Rat der Stadt? ich bin ein freier Mann auf eignem Grund und Boden und lache der städtischen Gerichtsbarkeit. Wollen die Herren mich richten, so mögen sie zu mir kommen, wir wollen sie gastlich und mit Ehren empfangen und ihnen ein lustiges Tänzlein aufspielen! Zum Zeichen aber, daß Veit von Rotenhahn nicht mit sich scherzen läßt, behalte ich diesen großmäuligen Patron als Geisel in meinem Gewahrsam.“

Damit warf er sich auf den überraschten Reiter und riß ihn vom Pferde; Janko und Miklot waren wie der Blitz an seiner Seite, und ehe der Mann sich von seinem Schrecken erholt hatte, war er schon innerhalb des Thores. Ratlos sahen die beiden Begleiter sich an; sollten sie sich gleicher Gefahr aussetzen? ihre Pflicht war es vielmehr, dem Rat diesen neuen Frevel zu melden. Sie gaben ihren Pferden die Sporen und jagten davon; rasselnd fuhr hinter ihnen die Zugbrücke in die Höhe.

Der Gefangene ward gebunden und in einen dunklen, gewölbten Kellerraum geschleppt, der sich unter den Trümmern der alten Burg weit hinzog. „Welche Absicht hast du mit ihm?“ fragte Walburg unzufrieden. „Mich dünkt, er ist nur ein unnützer Esser mehr, der uns gar keinen Nutzen schaffen, sondern die Städter nur noch mehr gegen dich aufbringen kann.“

„Wenn du nichts für ihn zu essen hast, so laß ihn hungern,“ gab Veit gleichmütig zur Antwort; „der feiste Bursche hat so lange an den fetten Fleischtöpfen der Nürnberger gesessen, daß er ohne Schaden eine Weile fasten kann. Übrigens weiß ein kluger Kopf jeden Umstand auszunutzen — wer weiß, ob mir die Stadt nicht ein erkleckliches Lösegeld für ihren Kriegsknecht bietet.“

„Schwerlich!“ versetzte Walburg. „Doch ist er ein ansehnlicher Geselle, und mir ist, als müßte ich ihn von früher her kennen.“

Sie grübelte darüber nach, wo sie ihn schon gesehen haben könnte; die dunkle Erinnerung vermischte sich mit Bildern aus ihrer Jugend — jetzt hatte sie’s: es war Klaus Zworrer, der Ehemann jener Frau Barbara, welche schon im Dienst ihrer Stiefmutter gestanden, als sie selbst noch als Mädchen auf Maltheim lebte. Walburg hatte sich bei ihrem langen Besuch im Vaterhause genau nach allen Umständen erkundigt, welche sich an die wunderbare Genesung der kleinen Irmgard knüpften; sie hatte erfahren, daß Barbaras Gatte gerade damals für kurze Zeit ein Gast auf der Burg gewesen war. Vielleicht ließ sich von dem Manne etwas herausbringen, was darauf Bezug hatte, und seine Gefangennahme erwies sich wirklich als eine nutzbare That ihres Ehegemahls, vor dessen schlauen Anschlägen sie eine große Ehrfurcht empfand.

Nachdem der Gefangene zwei Tage lang ohne Speise und Trank in seinem dunklen Gewahrsam gelegen hatte, stieg Frau Walburg selbst zu ihm hinab, in einer Hand eine Laterne, in der andern einen Krug Bier und ein Brot im Arm. Sie stellte alles in einiger Entfernung vor dem Manne nieder, so daß er es, vermöge seiner Bande, nicht erreichen konnte und betrachtete ihn aufmerksam. „Gebt mir zu essen,“ stöhnte er mit trockner Kehle, „ich verschmachte vor Hunger und Durst.“

„Ihr sollt alles erhalten,“ versetzte sie, „doch müßt Ihr Euch dafür erkenntlich zeigen.“

„Was kann ich thun?“ röchelte er „elend gefesselt und halb tot?“

„Ihr seid der Ehemann jener Frau Bärbel, die früher im Dienst der Herrin auf Maltheim stand?“

„Ja, der bin ich.“

„Wollt Ihr mir aufrichtig und ohne Rückhalt einige Fragen beantworten?“

„Alles, was ihr wollt — nur gebt mir zu essen und zu trinken.“

Sie schnitt ein Stück Brot ab, füllte einen kleinen Becher mit Bier und reichte ihm beides; er ergriff es mit Gier und verschlang es mit tierischem Heißhunger. „Mehr, mehr!“ stöhnte er.

„Erst müßt Ihr mir Bescheid geben. Ihr wart auf Maltheim bei Eurer Frau — es mögen jetzt etwa drei Jahre her sein?“

„Ja, ich war dort, ich erinnere mich genau, denn bald darauf zog ich mit meinem Weibe nach Nürnberg.“

„Es war zu der Zeit, als das kleine Töchterchen des Ritters auf dem Tode lag und wunderbar genas, besinnt Ihr Euch?“

„Nein, davon weiß ich nichts.“

„Nicht? so bin ich fertig und kann wieder gehen.“ Sie griff nach der Laterne und den Lebensmitteln; aus der Brust des Gefangenen drang ein Jammerlaut, der schauerlich von dem weiten Gewölbe widerhallte.

„O bleibt, erbarmt Euch — geht nicht fort — gebt mir mehr zu essen —; was ich irgend weiß, will ich Euch sagen.“

Sie reichte ihm wieder einen Bissen und einen kargen Trunk. „Redet,“ sagte sie herrisch „verhehlt mir nicht den kleinsten Umstand aus jener Zeit.“

„Ich war lange in der Fremde gewesen, in burgundischen Diensten,“ erzählte er in abgebrochenen Sätzen, „aber ich hatte die reiche Beute nicht gefunden, die ich erhofft — ein Teil freilich war mir beim Würfelspiel wieder durch die Finger gegangen. Müde und krank kehrte ich zurück, — in der Nähe der Burg Maltheim fand ich ein Bündel auf der Straße liegen und hob es auf, denn ich meinte, es möchte vielleicht ein gutes Geschenk für mein Weib darin sein. Als ich es vor mir am Sattelknopf befestigte, fing es innen an, sich zu rühren und zu quäken; ich erschrak und untersuchte es — es war ein kleines Kind darin. Schon wollte ich es ärgerlich herabwerfen, aber das Würmchen dauerte mich, es sah so weiß und fein aus; so nahm ich es mit und brachte es meinem Weibe, das mich arg dafür auszankte. Sie behielt mich zwei Tage bei sich; dann sagte sie, ich müsse fort, denn die Gebieterin wolle mich unter ihrem Dach nicht leiden und dürfe mich nicht sehen. Das Kind wolle sie behalten, aber ich müsse schwören, niemand ein Wort davon zu sagen. Darauf zog ich nach Nürnberg und nahm Dienste bei der Stadt als reisiger Knecht; meine Bärbel hat dort eine Schenke, und wir leben in leidlicher Eintracht bei einander. Das ist alles, was ich Euch sagen kann — und nun gebt mir zu essen und zu trinken, denn ich bin schwach zum Sterben.“

Mit einem Hochgefühl des Triumphes kehrte Walburg in ihr Gemach zurück; endlich glaubte sie den Schlüssel zu einem Geheimnis gefunden zu haben, an dessen Lösung sie sich bisher vergeblich versucht hatte. Es schien ihr kein Zweifel mehr übrig, daß Irmgard jener Findling sei, den der Kriegsknecht nach Maltheim gebracht hatte. Sie beschloß, über ihre Entdeckung vorerst zu schweigen, um sie bei gelegener Zeit zu verwerten, dagegen jetzt etwas für Klaus zu thun, um ihn desto sicherer in ihrer Hand zu behalten.

„Ich sprach heute mit dem Gefangenen,“ sagte sie zu ihrem Gatten; „der Hunger hat ihn mürbe gemacht, er ist bereit, aus der Hand zu fressen, wie ein Hund, den man mit der Peitsche gezähmt hat. Übrigens scheint er kein verächtlicher Geselle zu sein; vielleicht könntest du in ihm einen tüchtigen Knecht gewinnen, denn Miklot wird gebrechlich, und es ist nicht mehr auf ihn zu zählen.“

Der Gedanke leuchtete Junker Veit ein, und er bot dem unglücklichen Mann die Freiheit an, falls er sich verpflichte, in seinen Dienst zu treten, und ihm geloben wolle, ihm in allen Stücken treu und gewärtig zu sein. Klaus weigerte sich anfangs lebhaft; er stand im Dienst der Stadt, hatte ihrem obersten Kriegshauptmann das Jurament geleistet, und es erschien ihm schimpflich, diesen ehrlichen Dienst mit dem bei einem Stegreifritter und gemeinen Räuber zu vertauschen. Aber einige Tage Hunger, Finsternis und Einsamkeit brachten ihn auf andre Gedanken; er sah ein, daß er ohne Hilfe nicht aus dem Raubnest entfliehen könne, und daß man ihn bei fortgesetzter Weigerung ohne Bedenken würde verhungern lassen; die Zeit der Einkerkerung kam ihm wie eine Ewigkeit vor, denn Tage und Nächte schlichen in endlosem Gleichmaß an seiner geängsteten Seele vorüber. Da er daran verzweifelte, daß die Stadt etwas für ihren gefangenen Boten thun würde, so sagte er endlich „ja“ zu Junker Veits Vorschlägen und taumelte mühsam zum Licht der Sonne empor, das seinen geblendeten Augen wehthat, während alle seine Glieder steif und schmerzhaft waren und seine Kniee vor Schwäche zitterten. Es genügten freilich wenige Tage, um ihn körperlich wiederherzustellen, aber sein Sinn blieb düster und sein Mund verschlossen; hätte nicht Junker Veit ihn mit einem furchtbaren Eide an sich gebunden und seinen Abfall mit entsetzlichen Strafen bedroht, so hätte er vom ersten Tage an nur auf Flucht gesonnen.

Die Nachricht, welche die beiden Boten nach Nürnberg brachten, hatte Rat und Bürgerschaft in unbeschreibliche Entrüstung versetzt; laute, aufgeregte Stimmen schrieen nach Rache für solche unerhörte Frechheit, galten doch in der ganzen Christenheit Boten für geheiligte Persönlichkeiten, an denen sich niemand vergreifen durfte. Man forderte blutige Sühne für diesen Frevel, und hätte die allgemeine Stimmung sich sofort in die That umgesetzt, wäre am nächsten Tage eine bewaffnete Schar ausgezogen, um die Burg zu überfallen, so wäre es Junker Veit übel ergangen. Aber so schnell ging es nicht; man war bei jeder Unternehmung an weitläufige Formalitäten gebunden, an einberufene Versammlungen, Vorschläge, Abstimmungen, Einspruchsfristen, und in dieser Zeit verrauchte viel von dem anfänglichen Feuer. Endlich, nach Ablauf einer Woche, marschierte ein Fähnlein Fußvolk unter einem berittenen Anführer nach Hohenheiligen ab.

Inzwischen hatte Veit Muße gehabt, sich auf alle kommenden Ereignisse vorzubereiten. Eines Tages kam Janko, der zum Spionieren ausgeschickt war, auf schweißbedecktem Gaule angesprengt: „Sie kommen, Herr,“ rief er keuchend, „in drei Stunden stehen sie vor unserm Thor.“

„Gut,“ sagte der Junker ruhig, „da haben wir noch reichlich Zeit, uns zu ihrem Empfange zu rüsten.“ Er gab sofort seine Befehle, setzte Walburg und die Knaben zu Pferde und gab ihnen Klaus und Miklot zur Begleitung; sie sollten auf wohlbekannten Waldpfaden nach einer benachbarten Burg reiten, wo ein gleichgesinnter Freund wohnte, und dort das weitere abwarten. Walburg hatte sich zuerst geweigert, ihn in dieser Gefahr zu verlassen, aber er lachte nur über den Gedanken an Gefahr und verhieß ihr, sie in kurzem wieder heimzuholen.

Als die Nürnberger Soldaten vor der Burg anlangten, sahen sie mit Erstaunen, daß die Zugbrücke herabgelassen war und das Thor weit offen stand. Vorsichtig verbot der Anführer das Betreten der Brücke und des Burghofes, weil er irgend eine teuflische List vermutete; als aber eine Stunde verging und nichts sich regte, schickte er ein Häuflein ab, um die Sache zu untersuchen. Totenstille herrschte in dem engen Hof, die Thüren der niedrigen Ställe standen offen, nirgend war ein lebendes Wesen zu sehen. Der Turm schien keinen Eingang darzubieten, denn die schmale Öffnung, welche aus der Küche ins Freie führte, war so kunstreich geschlossen, daß man nicht einmal eine Spur davon gewahrte; die Treppe zum Oberstock war abgenommen, man sah nichts, als kahle, nackte Mauern. Der Junker, der das Fähnlein führte, schüttelte verwundert und unschlüssig den Kopf: wen sollte man denn bekriegen, wenn gar kein Feind da war? Er hieß seine Leute, die ganze Burg umzingeln und bewachen und ritt mit geringer Begleitung ins Dorf, um Kundschaft einzuziehen. Bald sammelte sich die ganze Bevölkerung um die tapferen Krieger und schrie auf sie ein; die alten Klagen gegen Junker Veit und seine Knechte erschollen wieder, flehentliche Bitten, sie von ihren Peinigern zu befreien, wurden laut.

„Schweigt, Ihr Gesindel!“ herrschte der Anführer die Bauern an, „ich bin nicht gekommen, um Euer Gewäsch anzuhören. Sagt mir kurz und bündig, was Ihr von den Insassen der Burg wißt; mir scheint, die Galgenvögel sind allesamt ausgeflogen.“

„Ich sah die ganze Gesellschaft heute früh in gestrecktem Lauf davonreiten,“ rief einer, „sie werden wohl Wind bekommen haben und entflohen sein.“

„Meine Tochter, die auf der Burg gedient hat, ist heute zurückgekehrt,“ sagte eine Frau, „Junker Veit hat sie vom Hofe gejagt.“

„Bringt mir die Dirne her,“ gebot der Anführer. Ein bleiches, verschüchtertes Mädchen trat zitternd hervor, sie sah unendlich verkommen und zerlumpt aus. „Rede!“ rief der Reiter gebieterisch, „was weißt du von dem, was auf der Burg vorgegangen?“

„Ich weiß nicht viel,“ stammelte die Dirne ängstlich; „vorige Woche haben sie einen Gefangenen in den Keller geschleppt, aber niemand durfte zu ihm, als der Herr und die Frau. Nach ein paar Tagen kam er heraus und schwur dem Junker Treue, von da an ging er frei aus und ein. Heute früh trieb mich der Herr mit der Peitsche aus der Küche, ich solle mich hüten, wiederzukommen, er ritte mit all den Seinen davon. Da bin ich gelaufen, was meine Füße mich tragen wollten, und habe mich nicht mehr umgesehen, denn dort ist’s schlimmer, als in der Hölle.“

Zwei Tage und zwei Nächte blieben die Soldaten beobachtend vor der Burg liegen: als aber alles still und ausgestorben blieb, fingen sie an zu murren und verlangten, entweder in einen ehrlichen Kampf, oder nach Hause geführt zu werden. Es gab nicht einmal etwas zu plündern auf dem elenden Burghof, wo ohnehin alles in Trümmern lag; die alten Mauern des Turmes hätten doch aller Bemühungen gespottet, ihnen einen Schaden anzuthun. So begnügte sich der Anführer damit, das Urteil des Rates, wonach Junker Veit von Rotenhahn als ein Ehrloser gebrandmarkt und auf seinen Kopf ein Preis gesetzt wurde, ans Thor zu nageln. Dann zog er mit seinem Fähnlein unrühmlich von dannen, um den Vätern der Stadt mit prunkenden Worten zu berichten, daß schon die Annäherung eines bewaffneten Trupps genügt habe, um den Frevler mit all den Seinen in wilder Flucht von Haus und Hof zu jagen. Übrigens sei der Kriegsknecht, Klaus Zworrer, ein Elender und Eidbrüchiger, zu dessen Befreiung weitere Anstalten nicht zu treffen seien. —

Eine Weile, nachdem die tapferen Stadtsoldaten abgezogen waren, blieb es still wie vorher auf dem Burghof von Hohenheiligen, dann öffnete sich die Thür im Oberstock, die Treppe ward herabgelassen, Junker Veit und Janko stiegen hinunter. Im Nu war die Zugbrücke aufgezogen, das Thor geschlossen, die Pferde aus dem Kellergewölbe hervorgezogen. Die beiden wackeren Kumpane waren unmäßig vergnügt, und dem Anführer des Fähnleins hätten billig die Ohren klingen müssen von all den Ehrentiteln, mit denen die beiden ihn belegten. Zuletzt holten sie einen dickbäuchigen Krug spanischen Weines herauf, der beim letzten Überfall in ihre Hände geraten war, und fingen an zu zechen. Erst jubelten und sangen sie, daß die alten Mauern widerklangen, dann lallten sie unverständliche Worte, und schließlich lagen Herr und Knecht in tiefem Rausch mitsammen unter dem Tisch.

Das war das Ende des Strafgerichts, welches die freie Reichsstadt Nürnberg gegen den Raubritter Veit von Rotenhahn verhängte.