Die Beschneidung.
Das Alter der für diese — bei unsern Wapare entschieden religiöse Handlung — in Frage kommenden Knaben ist verschieden. Manche werden in früher Jugend beschnitten, andre erst, wenn sie 8–10 Jahre alt sind. Ich selbst konnte auf die Einladung eines hiesigen Häuptlings hin einmal der Beschneidung eines etwa sechsjährigen Knaben beiwohnen. Als „Festspeise“ wurde ein Ochse geschlachtet. Weniger vornehme Väter begnügen sich mit einem Ziegenbock. Während der Mann seine Freunde zum Zuckerrohrschneiden einlädt, ruft die Frau ihre Nachbarinnen, ihr bei der Bereitung der Speise und dem Zerreiben der Zuckerrohre zwecks Bierbereitung zu helfen.
Am Abend des der Beschneidung voraufgehenden Tages richtet der Vater in seinem Hause an die Ahnengeister etwa folgendes Gebet: Nkoma, guhani luhwa lwenyu, ambu mawa enyu e uko wanga. Mrereheni uu mwana, ambu yavo henevecha mkea aha. Uu mwana ni nkungu mposha, tevonwa ni mbiba. Mukome vibamba meso, kangi hasitee verigana. — Ihr Ahnengeister, nehmt dieses Opfer von ungegorenem Bier an, denn euer gegorenes Bier ist oben auf dem Hausboden (wo es über Nacht der Gärung harrt)! Habt acht auf diesen Jungen, denn morgen wird ein Dieb hier vorbeigehen. Unser Junge ist eine taube Nuß, um die kümmert sich der Mbiba (Hamster) nicht. Macht alle die Käfer blind, sorgt dafür, daß kein Streit entsteht. — Zum Verständnis sei folgendes bemerkt: Das eigentliche Wort für schneiden, kuchwa, wird ungerne gebraucht, die Wunde würde dann schlecht heilen. Deshalb nimmt man dafür das Wort „stehlen“, der behandelnde Arzt ist der „Dieb“, der bei dem Hause vorbeikommen wird, um das Präputium zu stehlen. Der Junge wird mit einer tauben Nuß verglichen. Deshalb sollen sich die bösen Zauberer um ihn so wenig Mühe machen wie der Hamster um eine taube Nuß, die er schon beim Aufheben als solche erkennt und wieder fallen läßt. Auch werden die Geister gebeten, allen Käfern, gemeint sind die Hexen, die Augen zuzuhalten, damit sie durch ihren bösen Zauber die Wunde nicht zu einer schwer heilenden machen. Das würde auch geschehen, wenn die Gäste im Rausche einander Grobheiten sagen.
Zur gleichen Zeit betet der Hausarzt über seinem kleinen chirurgischen Messer zu seinen Ahnen wie auch zu den Ahnen der Familie derer, die das Fest veranstalten: „Ihr Geister, ihr habt euch doch bei Lebzeiten gekannt, helft meinem Messer, daß alles glücklich verläuft und ich ein angesehener Arzt werde, den alle Leute rufen.“
Am andern Tage findet dann die eigentliche Beschneidung statt. Etwas im Gebüsch verborgen treffen die Männer die Vorbereitungen, die in der Hauptsache im Schlachten und Zerlegen des Ochsen oder der Ziege bestehen. Sie erhalten gleich ihren Anteil, den sie mit nach Hause nehmen dürfen. Unterdes ist auch der Arzt erschienen. Schnell setzt sich einer der Männer auf ein bereitliegendes Fell. Der meist ahnungslose Junge wird gegriffen und auf dieses Mannes Schoß gesetzt. Andere halten ihn an Armen und Beinen fest, und in etwa einer Minute ist die Operation beendigt. Sie ist natürlich für den kleinen Kerl äußerst schmerzhaft, und er schreit dementsprechend unaufhörlich.
Nach Beendigung der Operation nimmt der Arzt einen Schluck Bier und bespützt damit die Wunde. Um zu verhüten, daß die Leisten oder andre Teile anschwellen, wird eine Schnur aus der Rinde des Rizinusbaumes mit vier Zauberknoten dem Knaben um den Leib gebunden. Das Präputium sowie das auf dem Fell haftende Blut wird sorgfältig in einen Ballen aus Kuhmist getan und dieser in die Wand des Hauses eingemauert. Denn wenn solche Seelenträger einem bösen Zauberer in die Hände fielen, wäre die schnelle Heilung der Wunde ausgeschlossen.
Das Messer des Arztes ist ein heiliges Messer, d. h. es wird zu nichts anderem als nur zum Zwecke der Beschneidung gebraucht. Nach der Operation findet ein Festmahl und Biergelage statt. Die Wunde wird am andern Tage von der Mutter oder vom Vater mit einer Feder gewaschen und mit feinem Sand bestreut. Ist dieser Sand am nächsten Tage festgetrocknet, so überläßt man das übrige ruhig der Natur. In etwa zwei Wochen ist alles verheilt. In diesen Tagen bedeckt der Junge nur den Oberkörper mit einem kleinen Lappen und wartet im Hause seiner Eltern die Heilung ab.