Zur Einführung.
Dem Wunsche des Herrn Missions-Sekretärs E. Kotz, seinem Buche ein kleines Geleitwort beizugeben, entspreche ich mit aufrichtiger Freude und wahrer Dankbarkeit. Aus genauer Kennerschaft von Land und Leuten hat uns der Verfasser in diesem Buche eine wissenschaftlich völlig einwandfreie Monographie über die Wapare geschenkt, die für die Völkerkunde von Ostafrika dauernd von großem Wert sein wird. Der Titel „Im Banne der Furcht“ klingt freilich etwas belletristisch, aber wer je ernsthaft über die Psyche der Farbigen in Afrika nachgedacht hat, weiß, wie schwer jeder einzelne früher unter abergläubischen und Wahnvorstellungen gelitten hat und wie erst durch die Bestrebungen der Missionare und durch die Berührung mit anderen wohlmeinenden Europäern diese schwere Last allmählich von den Schultern der Farbigen genommen wird.
Es hat eine Zeit gegeben und sie liegt nicht einmal sehr ferne zurück, in der es in vielen wissenschaftlichen Kreisen üblich war, die Mission als solche gering zu schätzen und in jeder Art zu bekämpfen; kaum daß die rein sprachlichen Arbeiten einzelner Missionare anerkannt wurden, aber das ganze Missionswesen als solches galt als sentimental und überflüssig, ja als staatsfeindlich, und es in jeder Weise einzuengen und zu hemmen, erschien manchen fast wie eine wissenschaftliche Pflicht. Gerade als ich 1885 als Direktorial-Assistent an das Berliner Museum für Völkerkunde berufen wurde, war eine solche Kampagne in vollem Gange. Ein Missionar hatte berichtet, er habe einen ganzen Berg von Götzenbildern aufgetürmt, „eine Kanne Petroleum und ein Streichholz“ und das Christentum hätte einen neuen großen Sieg gefeiert; der Mann sollte zurückberufen und wegen Vernichtung unersetzlicher wissenschaftlicher Schätze zur Verantwortung gezogen werden. Ich sandte ihm damals aus eignen Mitteln einen bescheidenen Geldbetrag und die unbescheidene Bitte, künftighin solche alte Schnitzwerke erst genau zu studieren und dann an ein heimisches Museum zu senden; damit war das Eis gebrochen; es entwickelte sich rasch ein für beide Teile gleich vorteilhafter Verkehr zwischen Missionaren aller Richtungen und dem Berliner Museum; zahlreiche Missionare hörten Jahr für Jahr meine Vorlesungen an der Universität, und auf dem Kolonial-Kongreß von 1910 konnte ich öffentlich erklären, daß die Interessen der Mission und die der Völkerkunde durchaus solidarisch seien. Von dieser wahren und echten Solidarität gibt das hier vorliegende Buch ein in jeder Beziehung glänzendes Beispiel. Frei von jeder törichten Prüderie berichtet es auch über allerhand intime Vorgänge im Leben der Farbigen, die dem flüchtigen Reisenden in der Regel völlig unbekannt bleiben und andererseits von den älteren Missionaren fast durchwegs als „unanständig“ mit Bewußtsein ignoriert wurden. Der Verfasser behandelt derlei Dinge aber in einer so absolut dezenten und doch wissenschaftlich korrekten Art, daß niemand an seiner Darstellung Anstoß nehmen kann.
Uneingeschränktes Lob verdienen auch die sorgfältig ausgewählten und gut reproduzierten Abbildungen, deren Zahl schon an sich darauf schließen läßt, daß der Verleger auf einen großen Absatz des Buches rechnet. Tatsächlich wird es in keiner ethnographischen oder afrikanistischen Bibliothek fehlen dürfen und ebenso wird es sicher in den weiten Kreisen der Missionsfreunde sehr viele und begeisterte Leser finden.
Ganz besonders aber sei das Buch den gebildeten Laien empfohlen, die sich aus ihm rascher und leichter ein Bild von dem Geisteszustand des farbigen Afrikaners machen können, denn aus sehr vielen größeren Reisewerken. Diese Laien werden das Buch jedenfalls alle mit der Anschauung aus der Hand legen, wie völlig verkehrt es ist, wenn immer und immer wieder von schwarzen „Wilden“ gesprochen wird. Die Kultur der Farbigen ist sicher eine ganz andere als die unserige, aber sie ist darum nicht an sich schlechter.
v. Luschan.
Berlin, 10. April 1922.