Siebentes Kapitel.
Das Waldfest (mshitu).
Der Mshitu oder das Waldfest ist das erste aller Parefeste. Soll es gefeiert werden, so verbreitet sich die Kunde mit Blitzesschnelle durch alle Lande, selbst bis nach Usambara hinüber. In langen Schlangenlinien kommen dann aus allen Richtungen die Festteilnehmer mit den aufzunehmenden Knaben über die Berge gezogen, und weithin erschallt eins der Marschlieder durch die stille Landschaft: Kombo ehee, kombo-e, hoe! Über dieses berühmte Mshitu sind schon allerlei Märchen erzählt worden. Was ich selbst auf verschiedenen Festen, zu denen mir von den Leuten der Zutritt erlaubt worden war, sah, und was mir dann von meinen z. T. christlichen Gewährsleuten erklärt und ergänzt wurde, will ich in der Hauptsache im folgenden erzählen. Da die Lieder, die bei diesem Fest gesungen werden, sowie auch manche der symbolischen Handlungen z. T. äußerst anstößig sind, so muß ich mich darauf beschränken, nur eine Auswahl niederzuschreiben, bzw. den Text in der Übersetzung freier wiederzugeben.
Gewöhnlich hat jeder Stamm und jede Sippe ihren eigenen Mshitu oder Wald. Diese heiligen Wälder sind in grauer Vorzeit von den Ahnen angelegt worden. Sie dürfen zwar betreten werden, aber niemand fällt einen Baum oder sucht Holz in ihnen. Jeder „Holzfrevel“ wird mit einer Ziege gesühnt, die dann im Walde geopfert werden muß, damit er wegen der „Wunde“, die er erhalten hat, versöhnt wird.
Nun kommt es vor, daß jemand kein Kind hat. Das Orakel sagt ihm, daß der Mshitu die Ursache sei. Daraufhin geht er in den heiligen Wald und bittet ihn, ihm doch zu einem Kinde zu verhelfen, oder, falls die Frau schon guter Hoffnung ist, frühere Kinder aber regelmäßig gestorben sind, das zu erwartende Kind doch leben zu lassen. Er gelobt dem Walde bzw. den Ahnen als seinen Hütern ein großes Opferfest, eben das Waldfest. Dieses Fest ist für die Nachkommenschaft von außerordentlicher Bedeutung, da alle Wapare behaupten, vom Walde geboren zu sein. Selbst unfruchtbare Frauen werden, wie wir noch weiter unten sehen werden, durch Beteiligung an dem Kirumbe-Tanz Nachkommenschaft erhalten. Der Mshitu wird also auch das oben erwähnte Gebet erhören, und der Mann wird die Freude haben, seinen Sohn aufwachsen zu sehen. Vergißt er nun sein Gelübde, so erinnern die Geister ihn durch Krankheit und andere Beschwerden und durch ihr Sprachrohr, das Orakel, wieder daran. Er ruft dann die Angehörigen seiner Sippe zusammen und hält eine Besprechung mit ihnen ab, als deren Ergebnis der Beschluß gefaßt wird, in einigen Wochen das Waldfest stattfinden zu lassen und nun die Vorbereitungen dazu zu treffen. Sie warten gewöhnlich bis kurz vor Beginn der Regenzeit, denn „der gleich nachher einsetzende Regen wird alle Spuren des Festes verwischen“.
Ungefähr sechs Wochen vor Beginn des eigentlichen Festes werden die männlichen Glieder der Sippe dessen, der das Fest veranstaltet, zu ihm ins Gehöft geladen und hier alle Maßnahmen besprochen, die für den ordentlichen Verlauf des Mshitu getroffen werden müssen. Der Wirt hat vorher dafür gesorgt, daß seine Gäste nicht zu verdursten brauchen und einen tüchtigen Vorrat von Zuckerrohrbier gebraut. Auf dieser Versammlung wird alles besprochen und Verabredungen über die nächsten Zusammenkünfte werden getroffen. So kommen sie am vierten Tage der folgenden Woche in der Nähe des Festplatzes zusammen, um die Wege auszuholzen und einen Tanzplatz (kiuga) zu schaffen. Diesen Kiuga-Platz nennen sie den „Minister“ des Waldes. Ihm wird ein Opfer dargebracht und er dabei gebeten, dem „Häuptling“, nämlich dem Walde selbst, Mitteilung von ihrem Kommen zu machen. Es würde zu weit führen, alle diese Vorgänge eingehend zu schildern. Es mag genügen, zu erwähnen, daß sie auch in den folgenden Wochen jedesmal am heiligen vierten Tage im Walde erscheinen, um allerlei Sühnopfer vorzunehmen und vor allem aus der Lage der Opfertiere sowie aus deren Eingeweiden und Leber zu ersehen, ob dem Walde das Opfer angenehm sein wird. Auch kommende Hungersnöte und Seuchen werden hier erkannt und vorausgesagt. Bei der letzten dieser Versammlungen wird dann die nächste Zusammenkunft in der eigentlichen Festwoche auf den zweiten Tag festgesetzt, von welchem Tage an die Männer bis zum „Schließen der Tore“ am sechsten Tage im Walde bleiben und nicht mehr nach Hause gehen.
Die Kunde vom bevorstehenden Feste verbreitet sich schnell überall im Lande und auch in den ferner gelegenen Gebieten.
Beizeiten schon haben die Veranstalter einen gewöhnlich ganz alten Mann gebeten, während des Festes gewissermaßen die Funktionen des Oberpriesters auszuüben. Er heißt kimbokoko. Diesen nehmen sie nunmehr mit in den Wald. Manche erzählen, daß der Oberpriester für seine Bemühungen ein Extrarind bekäme, denn er würde nun nicht mehr lange zu leben haben. In Westusambara wohnt der eigenartige Volksstamm der nach dorthin aus der Parelandschaft Bwambo ausgewanderten Wambugu. Es sind keine Bantuneger; aber durch langen Aufenthalt in Pare haben sie die Sitten der Wapare zum Teil angenommen, besonders das Waldfest. In Chome haben sie einen großen Wald, in welchem das Fest nach einer Reihe von Jahren abgehalten wird. Zu diesem kommen dann die Wambugu in langen Zügen von den Usambarabergen nach Pare herüber. Über das Fest wußten mir weder Christen noch Heiden etwas zu berichten, da die Wambugu keinen Mann eines anderen Stammes zulassen. Als Eigentümlichkeit wurde mir nur erzählt, daß sie ihren Oberpriester, den Kimbokoko, nicht wieder mit aus dem Fest nach Hause zurückbrächten, sondern daß er im Wald getötet würde, zum Heil seiner Nachkommen. Es hätte ihn noch niemand zurückkommen sehen. Wie weit diese Angaben den Tatsachen entsprechen, konnte ich nicht mehr nachprüfen.
Bis zum vierten Tage der Festwoche ziehen nunmehr abends die Ngurunguru, „die Kinder des Waldtieres“ durch das Land, um die Leute noch besonders auf die Nähe des Festes aufmerksam zu machen. Die eigentlichen Ngurunguru sind Schwirrhölzer, etwa 30 cm lang und 10–15 cm breit, die von den Trägern an einem Bande geschwungen werden und einen brummenden Ton erzeugen. Das sind die Kinder des Waldtieres, denn selbst ist es zu groß, als daß es im Lande umherziehen könnte. Es verschlingt nur die Kinder, die ins Fest kommen, um sie dann wieder auszuspeien. Hören die Leute in den Häusern den Ton, so setzen sie Essen draußen hin. Die Ngurunguru streuen Kot oder Sand auf das Übriggebliebene, um so noch mehr ihren übermenschlichen Charakter darzutun. Finden die Hausbewohner am Morgen ein kleines Stöckchen neben dem Topf liegen, so deutet das auf die baldige Geburt eines Mädchens in dem Hause hin; ein ganz kleiner, nur angedeuteter Bogen läßt sie einen Knaben erwarten. Wenn die Ngurunguru sich vor der Tür melden, so antworten die Hausbewohner: Murye = friß ihn auf, und spielen damit auf die Haupttätigkeit des Waldtieres, Kinder zu fressen, an. Die Männer, die in der Zeit im Walde bleiben, haben ein Schlachtfest nach dem andern und vertreiben sich die Zeit mit Tanzen.
Am vierten Tage haben die Novizen, die das Fest zum ersten Male mitmachen sollen, sich einer besonderen Zeremonie zu unterziehen. Die Kleider werden ihnen offiziell ausgezogen, denn die Novizen müssen unbedingt nackt sein. Die Wapare nennen das lungasu luchungwa = das Fest wird aufgebunden. Die Novizen sammeln sich mit ihren Helfern (vakunjiga) in einem der Häuser aus der Nachbarschaft. Einer von den Festbereitern oder auch sonst einer aus dem Dorfe wird zusammen mit einer alten Frau erwählt, das „Fest aufzubinden“. Die Mutter eines jeden Novizen oder eine beliebige Frau setzt sich auf die Erde. Dann nimmt die erwählte Alte jeden der Jungen und setzt ihn viermal in den Schoß der anderen Frau. Der daneben stehende Mann sagt jedesmal dazu uhu, die andern erwidern uhu, darauf die auf dem Boden sitzende Frau uwa. Der Wortlaut der gleichzeitig stattfindenden Gesänge läßt sich hier schicklich nicht wiedergeben. Die Alte hat unterdes dem Novizen sämtliche Kleider abgenommen und sie dessen „Helfer“ übergeben, der sie bis zum Ende des Festes verwahrt. Sind sämtliche Jungen entkleidet, so ziehen sie alle unter Vorantritt des Mannes und der Alten viermal um die heilige Feuerstelle herum, unter Absingen der Festmarschlieder. Da der Mshitu ja ein Fruchtbarkeitsfest ist, so haben die meisten der Lieder einen für unser Empfinden anstößigen Text, doch manchen liegt auch eine anziehende Symbolik zugrunde. So lautet eins:
Es wird mit diesem Lied die Frau, die ein totes Kind zur Welt gebracht hat, mit dem Hinweis getröstet, daß selbst die doch als sehr fruchtbar bekannte Banane (die deshalb auch das Symbol der Fruchtbarkeit besonders in den Frauenfesten ist) manchmal wohl eine Traube hervorbrächte, die aber vor der Reife wieder vertrockne. Die Banane treibt jedoch neue Schößlinge. So wird auch die Frau nach der Feier des Waldfestes neuen Kindersegen erhoffen dürfen, Kinder, die unter dem Schutz der Ahnen auch aufwachsen werden.
Nach Beendigung des Rundganges müssen sich sämtliche Novizen mit ihren Helfern einer neben dem andern mit dem Leib auf die Erde hinlegen und die Augen mit den Händen zuhalten. Dann tritt ein Mann herzu, der unter seinem Schurzfell einen gabelförmigen kurzen Knüttel verborgen hat. Zuerst wälzt er sich auf den Rücken der auf dem Boden Liegenden herum und stößt brummende Laute aus wie das Waldtier: Vvv, vvv, vvv! Die andern antworten: Murye (friß ihn)! Endlich kniet er vor dem ersten Helfer, der bereits eingeweiht ist, nieder und hält ihm eine längere Ermahnungs- und Strafrede: „Wenn ihr euch von den Mädchen betören laßt und ihnen etwas aus dem Mshitu mitteilt, wovon Frauen doch nichts wissen dürfen, dann werdet ihr sterben.“ Zum Schluß schlägt er den auf dem Boden Liegenden mit seinem Knüttel unter Uhu-Rufen und Heha-Antworten der Übrigen heftig dreimal auf Fersen, Waden, Kreuz und Schulterblatt, den letzten Schlag gibt er besonders kräftig auf den Kopf. Nachdem alle Novizen mit ihren Helfern diese sehr eindringliche Ermahnung „angehört“ haben, erhält jeder der Burschen von seinem Helfer einen vorher bereitgelegten, ganz weiß geschälten Stock (msenge) von etwa 2½ m Länge. Diesen Stock halten die Knaben auf allen ihren Ausgängen in den Händen, sie dürfen aber nicht die Erde damit berühren, sonst heißt es ngasu yakela = die Festregel ist übertreten, der Stock will „lecken“. So wird dann der Übertreter bei der nächsten „eindringlichen Ermahnung“ besonders bedacht.
Nun setzt sich der ganze Zug wieder in Bewegung, um draußen viermal um das Haus zu marschieren. Liegt das betreffende Dorf weit von dem Festplatz ab, so begeben sie sich jetzt in langem Zuge zu den nähergelegenen Häusern, um dort die Nacht zu verbringen. Sie singen unterwegs:
Das heißt:
Das bedeutet: das Waldfest bietet durch den „Festlöwen“ dieselben Gefahren wie ein Marsch durch die Steppe mit ihren Löwen.
Kommt der Zug an einen Wasserlauf, so wird Halt gemacht, und die Novizen müssen sich wieder alle nebeneinander auf die Erde legen, um mehr oder weniger heftig geschlagen zu werden. Nachdem die Vai (wie auch die männlichen Novizen heißen) in Häusern nahe beim Festplatz untergebracht sind, begeben sich die Männer in den Wald, um dort die Nacht hindurch zu tanzen. Am andern Morgen, das ist am fünften Wochentage nach kipare Zählung, werden die Vai morgens ganz früh abgeholt und auf die große, früher bereits gesäuberte Wiese geführt. Von hier aus bringt dann jeder Helfer seinen Schützling in den Wald hinein. Zuerst kommen die Kinder aus der Sippe derer an die Reihe, die das Fest veranstaltet haben. Dann folgen wohl noch zwei oder drei angesehene Häuptlinge mit den ihrigen und hierauf die andern.
Mädchen rechts mit umgehängter Schnupftabaksdose.
Im Innern des Waldes sind von den Festbereitern vier Tore aus Bäumen und Zweigen hergestellt. Durch diese Tore muß jeder Helfer seinen Schützling durchbringen. Schauerlich schallt im Düstern und in der Stille des Waldes das ungeheure Gebrumm des Waldtieres, das sich anschickt, die Neulinge zu verschlingen, um sie dann wieder auszuspeien. An jedem Tor stehen einige Wächter, die mit Knütteln die Anstürmenden zurücktreiben, so daß stets nur einer durch die etwa 75 cm hohen Tore hindurch kann. Hinter dem letzten Tor sitzt das „Waldtier mit seiner Frau“, so wenigstens glauben die Neulinge es. Zu beiden Seiten des Tores steht je ein Mann, der eine Art Bambusrohr in seiner Hand hält, dessen Ende in einen großen Topf ausmündet. Das Rohr und auch der Topf ist mit einem schwarzen Tuch verhüllt. Der andre Mann hat einen etwas kleineren Apparat, der das weibliche Waldtier vorstellt. An diesen beiden wird nun der nackte, meist vor Kälte und Angst zitternde Junge vorbeigeführt. Die Augen hält ihm sein Helfer fest zu, denn sehen soll er das vermeintliche Ungeheuer nicht. Erst beim nächsten Waldfest darf er, nunmehr selbst zum Helfer geworden, einen kleinen Jungen durch die Tore führen und sieht dann, daß der gefürchtete Festlöwe bedeutend ungefährlicher ist als sein Ruf. Heute ist ja dem Waldfest sein Schrecken genommen, weil die Regierung gefürchtet wird. Aber in früheren Jahren war das anders. Da standen bei dem letzten Tor in der Nähe des Waldtieres eine Menge Männer, mit Knüppeln in den Händen, um die anstürmende Menge, die zum letzten Tore hinauswollte, abzuhalten und nur einzeln durchzulassen. Große Schlägereien waren an der Tagesordnung. Oft soll es vorgekommen sein, daß der nebenhergehende Mkunjiga (Helfer) gerade noch sah, wie sein Schützling von einem aus der Menge mit einer Keule erschlagen wurde. Ihm blieb dann die traurige Pflicht, der armen Mutter die Kleider ihres Sohnes zurückzubringen mit der Botschaft: Ngasu yammia = das Fest hat ihn verschlungen. Deshalb wurde ja auch der Mutter beim Fortgehen des Sohnes im Liede geraten, als Zeichen der Trauer einen Bananenstrick um den Leib zu binden, denn sie konnte nicht wissen, ob ihr Sohn wieder lebendig zurückkommen würde. Die glücklich Heimkehrenden aber singen, wie wir noch sehen werden: „Mutter, binde den Bananenstrick los. Denn alles ist gut verlaufen, und deinen Sohn haben wir gesund zurückgebracht.“
Sind die Vakunjiga mit ihren Schutzbefohlenen durch das letzte Tor, und am Waldtier ohne Unfall vorübergekommen, so wird den Vai von einem dort bereitstehenden Manne mit einem kurzen Stück Holz eines heiligen Baumes mittels Kreide ein Siegel auf Stirn, Schläfen und Gelenke gedrückt. Den Frauen wird gesagt: „Das ist der Speichel des Waldtieres, es hat die Knaben verschluckt, aber wieder ausgespien.“ Die Helfer gehen mit ihren Schützlingen auf die Wiese, aus welcher der Kirumbe-Tanz aufgeführt wird. Sie singen:
Das heißt:
So soll nämlich der nun zu erwartende Kindersegen werden. Hier tanzen auch sterile Frauen in derselben Hoffnung. Draußen sammeln sich die einzelnen Abteilungen und überreichen den Veranstaltern des Festes je eine Kürbisflasche mit Bier. Die Vai erhalten ihre Stöcke (misenge) wieder, und wie sie kamen, sieht man sie in großen Schlangenlinien wieder über die Berge abziehen. Dabei singen sie dann:
Das heißt:
Mutter, binde dein Trauerband los, denn wir haben deinen Jungen wieder mitgebracht.
Alle möglichen Vorgänge werden nun aus dem Stegreif besungen. So sang bei einem kürzlich abgehaltenem Feste ein alter kriegslustiger Heide, als er an einem unsrer Christendörfer vorbeikam:
Das heißt:
Anstatt daß sie auch fernerhin, wie sich das für einen Varemann geziemt, Bogen und Pfeile auf ihren Ausgängen mitnehmen müssen, haben sie nur noch ein Spazierstöckchen nötig, denn Krieg gibt es ja leider keinen mehr. Das ist natürlich ein sehr vereinzelter Standpunkt früherer „Raubritter“, der in diesem Spottgesang zum Ausdruck kam. Im allgemeinen freuen sich die Leute, daß sie heute, nachdem die Regierung Ordnung geschaffen, ohne Waffen durch das Land ziehen können.
Die Veranstalter des Festes bleiben bis zuletzt im Walde. Wenn alle andern hinaus sind, beraten sie sich über die Verteilung der Häute und das Geschenk für den Kimbokoko. Das füllt den Rest des fünften Tages aus. Am letzten, dem sechsten Tage der Parewoche, werden die Tore „geschlossen“. Der Kimbokoko fängt bei dem Topf, der das Waldtier darstellte, an zu beten und opfert Bier und Fleisch der vorher geschlachteten Opfertiere. Zu dem Zweck nimmt er etwas Bier in den Mund und spützt es in der Nähe des Topfes auf die Erde. Ebenso macht er es mit einem Bissen Fleisch. Dann betet er: „Ihr Ahnen, hier habt ihr euer Opfer, das Waldfest ist aus. In fünf Jahren kommen wir wieder, um dir, o Wald, ein Opfer zu bringen. Wenn irgendeiner in der Zwischenzeit an dir frevelt, deine Ruhe stört, Holz fällt oder sonst etwas Unanständiges in dir tut, so verfolge ihn!“ — Alle: „Ja, verfolge ihn!“ — „Hat sich jemand über dieses Waldfest und seinen Veranstalter geärgert, der möge sterben!“ — Alle: „Ja, der soll sterben!“ — „Aber jeder, der das Waldfest und seinen Veranstalter ehrt, der möge lange leben!“ — Alle: „Ja, ewig leben!“ —
So wird auch an jedem der einzelnen Tore gebetet und damit das Tor geschlossen. Die kommende Regenzeit und die dann besonders üppig aufsprießende Vegetation wird in wenigen Wochen jede Spur des Festes verwischt haben. Bald liegt über dem Ganzen die den afrikanischen Hochwäldern eigentümliche Grabesstille. Die Sonne bemüht sich vergebens, das Gewirr von Bäumen und Schlingpflanzen zu durchdringen. Affen turnen wieder von Ast zu Ast; selten, daß ein einsames Vöglein seine Stimme für einen Augenblick erschallen läßt, sonst feierliche Totenstille. Der Mshitu hat sein Opfer erhalten .... mshitu washinjia .... der Wald schläft!
Die Festbereiter gehen nun in das Haus des eigentlichen Veranstalters, um der vorhergehenden Beratung gemäß die Felle der geschlachteten Opfertiere zu teilen. Diese sollen sich oft auf 30–40 belaufen. Die Männer bitten die Ahnen des Veranstalters, sie in den kommenden Jahren zu behüten. Dem Kimbokoko geben sie dann noch eine Strecke das Ehrengeleit, und jeder geht darauf seines Weges.
In der Zwischenzeit haben die Mütter zu Hause viel Speise gekocht und Bier bereitet. Wird der Gesang der Heimkehrenden vernommen, so kommen die Frauen alle vor dem Hause eines angesehenen Mannes oder des Häuptlings zusammen, um dort ihre Kinder zu erwarten. Sie gehen ihnen eine Strecke Wegs entgegen und stampfen tanzend vor Freude heftig mit den Füßen auf die Erde. Wenn aber die Heimkehrenden singen: Mcheku, umanyere = Mutter, gewöhne dich daran (nämlich daß du keinen Sohn mehr hast), dann weiß man: Einer ist nicht wieder zurückgekommen, das Waldtier hat ihn verschlungen.
Auf dem Gehöft werden nun Tänze aufgeführt und folgende Lieder gesungen, die ich z. T. etwas abgekürzt wiedergebe:
Das heißt:
Die glückliche Heimkehr wird besungen und auf das Ende des Festes hingewiesen, bei welcher Gelegenheit die langen heiligen Stöcke (misenge, hier miziru) verbrannt werden. Aber hauptsächlich freut man sich, daß die Zurückkehrenden nun offiziell in den Stamm aufgenommene Männer sind und reicher Kindersegen zu erwarten ist. Diese Hoffnung findet Ausdruck in dem zweiten Liede:
Das heißt:
Hier wird die nunmehr zu erwartende Fruchtbarkeit besungen; manchmal werden auch einzelne Teilnehmer, um ihnen eine besondere Ehre zu erweisen, mit Namen aufgerufen und ihre Nachkommenschaft mit der Lukungu-Schlingpflanze verglichen, die, wenn sie sich ausbreitet, zahlreiche Nüsse hervorbringt. Aber in der allgemeinen Festfreude, die in diesen Tagen besonders solche ergreift, die einige Kinder oder wenigstens eins haben, soll sich keiner überheben und die Minderbegünstigten oder gar Krüppel verspotten, denn:
Das heißt:
Die Alten, die von diesem Fest keine direkten Folgen zu erwarten haben, trösten sich in der Erinnerung an die Vergangenheit mit der Freude an ihren Kindern und Enkeln:
Unterdes ist es Abend geworden. Die Vai und ihre Helfer haben sich an Speise und Trank gütlich getan und ziehen sich nun in das Haus eines älteren Mannes zurück, dessen Frau in einer andern Hütte schlafen muß. Ihre Stöcke stecken die Vai in das Dach des Hauses. Die ganze Nacht hindurch wird getanzt. Wenn einer der Helfer sieht, daß jemand vom Schlaf überwältigt wird, so stößt er den Uhu-Ruf aus. Sofort herrscht Stille, und nach einer kurzen Begründung erhält der Betreffende wegen dieses Mangels an Disziplin die oben schon erwähnte Prügelstrafe mit dem gabelförmigen Holz in mehr oder weniger gelinder Form.
Kommen Besucher, die auch an dem Tanz teilnehmen wollen, so müssen sie sich draußen kniend mit dem Uhu-Ruf melden. Sofort ist drinnen Stille, alle erwidern: Heha! Nun muß der Einlaßbegehrende die Festparole abgeben.
Wer diese Parole hersagen kann, wird ins Haus gelassen, andernfalls muß er draußen warten, oder er bekommt die bekannte Prügelstrafe. Die Wiedergabe der Parole selbst ist hier nicht angängig.
Am sechsten Tage frühmorgens fegen einige Männer einen Platz, wenn möglich in einer Höhle, rein, oder es wird ein andrer Platz vom Gestrüpp befreit. Er heißt dann kiuga. Bei Sonnenaufgang gehen die Vai mit ihren Helfern in die Landschaften, um, wie wir es schon bei den Mädchen gesehen haben, zu pflücken (kuatunda). Sie dürfen in den Garten irgendeines Mannes gehen, um hier eine Bananentraube, dort einige Zuckerrohre oder Nüsse und Mais zu holen. Auf den Gehöften erhalten sie Hühner. Sollte etwa einer der Leute den Vai die Mitnahme seines Huhnes oder anderer Dinge, die sie „gepflückt“ haben, verweigern und keinen Ersatz dafür anbieten, so stecken sämtliche Novizen ihre Misenge (Stöcke) in das Dach seines Hauses. Nun wird er bald andern Sinnes werden und ihnen mehr geben als sie erbeten hatten. Im schlimmsten Falle, wenn der Mann wirklich den Mut hätte, eine ganze Nacht zu trotzen und die Misenge in seinem Dach stecken zu lassen, so würde er sicher schon am andern Morgen mit einer Ziege erscheinen, um durch diese Sühne die Vai zum Abholen der Stöcke zu veranlassen.
Die Jungen haben einen besonderen „Pflückgesang“ und ziehen damit durch die Landschaft. Alles was sie mitnehmen, müssen sie mit den Händen, ohne Zuhilfenahme eines Messers, abreißen. Kommen sie unterwegs über ein größeres Wasser, so erhalten die Novizen wiederum die bekannte Prügelstrafe, die einen „schlagenden“ Beweis für ihre Männlichkeit liefern soll. Man sagt den Jungen, die dabei Miene zum Weinen machen: „Seid männlich und haltet aus; hiermit erkauft ihr euch das Recht zu heiraten.“
Nachmittags zieht der Trupp zum Kiuga (Tanzplatz) zurück, an dessen Eingang sie die oben erwähnte Parole in der Kniebeuge abzugeben haben. Unterdes haben die Mütter in die Nähe Essen hingestellt und dies durch Freudentriller angekündigt. Ein Mann holt das Essen herbei, da den Frauen jede Annäherung streng verboten ist. Die Nacht hindurch wird wiederum getanzt, während die Vai allerlei Belehrungen erhalten und Kraft- und Geschicklichkeitsproben ablegen müssen. Es wird z. B. jedem einzelnen die Aufgabe gestellt, sich auf den Rücken zu legen, Hände und Arme aufzustützen und dann mit dem Munde ein leicht in die Erde gestecktes Hölzchen herauszuholen. Entfällt einem dabei der Mut, so wird er mit der Prügelstrafe immer wieder angefeuert.
Der zweite Pflücktag verläuft ähnlich. Die Jungen bringen von ihren Ausgängen allerlei mit nach Hause, so eine Art Erdwespe. Am dritten Tage holen sie Brennesseln sowie eine Zwiebelart (kimuumuu), welche bei der Berührung mit der Haut diese sehr reizt, sowie eine Bananentraube mit geschlossener Blüte am Ende des Fruchtstandes.
Am Morgen des vierten Tages gehen die Novizen ganz früh an einen Teich, um sich zu waschen und allerlei symbolische Handlungen vorzunehmen. Dann kehren sie auf den Kiuga zurück, um dort bis zum Mittag zu tanzen. Unterdes sind die mitgebrachten Zwiebeln zerrieben worden und in Verbindung mit diesen sowie den Brennesseln und der Bananenblüte, die eine Frau darstellt, werden nun die Vai zur Belustigung der zusehenden Alten allerlei Standhaftigkeitsproben unterworfen, die sich hier nicht wiedergeben lassen, auf die aber schon Paulus in Röm. 1, 24 hingewiesen hat. Später werden die Vai an einen Baum geführt, und es wird ihnen gesagt: „Hier sind wilde Bienen, die ihr ausräuchern sollt.“ Bei dieser Gelegenheit werden sie dann mit allerlei brennesselartigen Pflanzen „gestreichelt“, z. B. unter der Nase. Jetzt, so sagt man dem Knaben dabei, hast du auch einen Bart, jetzt bist du ein erwachsener Mann und kannst heiraten. Bis alle so einzeln vorgenommen worden sind, ist es nachmittag geworden. Nun wird ein Feuer angezündet, in welchem sofort alle Überreste der Speisen und die Federn der verzehrten Hühner verbrannt werden. Auch die Stöcke der Vai werden bis auf ein etwa ¾ m langes Stück, welches ihnen verbleibt, ins Feuer geworfen. Um dieses Feuer tanzen die Helfer mit ihren Schützlingen und springen dann auch, ähnlich wie wir es schon beim Mädchenfeste beobachteten, durch die weihende Flamme. Die Helfer verfluchen alle, die jemals die Mysterien dieses Festes Fremden preisgeben.
Schon vorher sind an die kurzen Überreste der Stöcke Halsfedern eines Hahnes und andere geheimnisvolle Dinge von den Helfern angebunden worden. Die Frauen, die das Essen brachten, haben für ihre Kinder Öl und Perlschnüre bereitgelegt. Nunmehr salben die Helfer ihre Schützlinge und schmücken sie mit den Perlen. Wie den Mädchen werden auch ihnen Stirnkränze umgelegt. Ihre bis dahin vom Helfer verwahrten Kleider dürfen sie nunmehr wieder anziehen. Die Vai werden ermahnt, ihre Misenge quer vor sich zu halten, keinen zu grüßen, sondern stumm vor sich zu sehen. Vor dem Häuptlingshause wird noch einmal der Kirumbe-Tanz aufgeführt. Daraufhin bringt jeder Mkunjiga seinen Schützling nach Hause, wo er, falls er unverheiratet oder sonst abkömmlich ist, noch einige Tage bleibt, um den Knaben zu all seinen Verwandten zu führen. Hier wird der neu in die Stammesgemeinschaft aufgenommene junge Paremann überall mit Pfeilen, Ketten, Hellern usw. beschenkt. Frauen und Mädchen spricht er nicht eher an, bis er ein Geschenk von ihnen erhalten hat. Die Mädchen treten auf ihn zu und kitzeln ihn; aber wenn er eine Gabe erhalten will, darf er nicht lachen, sondern muß, wie es einem Manne ziemt, würdevoll und ernst dabei bleiben. Er spricht auch nur mit leiser Stimme.
Nach einer Woche etwa bringt eine ältere Frau den ganzen Trupp der Vai auf einen Acker und führt ihnen die Hände bei einigen, gewissermaßen offiziellen Hackenschlägen. Um der Tatsache ihrer Aufnahme in den Stamm möglichste Verbreitung zu sichern, werden sie später auch auf den Markt geführt, aber nicht getragen wie die Mädchen. Dann wird ihnen der Festschmuck abgenommen. In der Woche, in welcher den Novizen zum Abschluß des Mshitu auch die Misenge genommen werden, bereitet man Bier. Am vierten Tage gehen die Vai wiederum nackt aus in die Landschaft, um zu „pflücken“. Die „gesammelten“ Bananen usw. werden gekocht, und die Alten schlachten sich bei dieser Gelegenheit den Hahn, dem man vorher die Halsfedern ausgezogen hatte, um die Misenge damit zu schmücken. Alle Überreste werden in einem Feuer verbrannt und auch die kurzen Stockenden hineingeworfen. Wiederum müssen die Vai durch das Feuer springen; für den Fall der Preisgabe der Mysterien werden sie dabei verflucht. Nachdem die Knaben mit Öl gesalbt und mit Perlschnüren geschmückt worden sind, setzt sich der Zug zum letzten Male vom Kiuga nach dem Dorfe zu in Bewegung, wo nochmals gemeinschaftlich der Kirumbe-Tanz aufgeführt wird. Dann werden die Vai entlassen, und manche legen noch am selben Abend ihren Schmuck endgültig ab.
Damit ist das berühmte und für unsre Wapare bedeutendste Fest zum Abschluß gelangt. Ich lasse hier eine in mehr belletristischer Form gehaltene Skizze folgen. Ich hoffe dadurch dem Leser die geschilderten Vorgänge noch anschaulicher zu machen und innerlich näherzurücken.