Das Strafrecht.
Die Strafgewalt liegt in den Händen des Häuptlings, der von den Ältesten des Landes beraten wird. An diese Körperschaft hat sich jeder Geschädigte zu wenden. Selbsthilfe wird bestraft, wenn sie das erlaubte Maß überschreitet. Wenn jemand z. B. einem hartnäckigen Schuldner mit Gewalt eine Kuh fortnimmt, stößt dieser den Kriegsruf aus, denn Viehraub ist Krieg. Das langgezogene uuuwi! pflanzt sich von Mund zu Mund durch die Landschaft fort. Na hio? = wohin? fragt man und erfährt so den Ort, an den man sich mit den Waffen zu begeben hat. Dort angelangt fragt man den Schuldigen: „Warum bist du nicht zum Häuptling gegangen und hast einen Prozeß angestrengt?“ Die Kuh nimmt man ihm ab und bindet ihn selbst mit einer Bogensehne solange, bis er sich durch Zahlung des „Ochsen der Sehne“ löst. Mit diesem Sühnetier müssen „die Bogen nach Hause, die Pfeile in die Köcher und die Schwerter in die Scheiden“ zurückgebracht werden. Dieselbe Strafe, nämlich die Zahlung des Nzao ya luge, trifft den, der ohne Grund den Kriegsruf ausstößt. Der Häuptling wacht darüber, daß die Leute nicht aus Spielerei zu den Waffen gerufen werden, damit der Hilfe- und Kriegsruf im Ernstfalle nicht unbeachtet bleibt. Stößt eine Frau, die von ihrem Manne geschlagen wird, den Hilferuf aus, so ruft der Mann schnell, um Verwirrung zu vermeiden: „Hohoyo, hohoyo, es handelt sich nur um einen Mann, der sich mit seiner Frau streitet.“
Während gewaltsame Selbsthilfe ohne besondre Erlaubnis des Häuptlings nicht gestattet ist, darf man hartnäckigen Schuldnern gegenüber folgendes Zwangsverfahren anwenden. Der Gläubiger begibt sich frühmorgens vor das Haus des Schuldners und bindet dessen Haustür mit einem Strick fest zu oder legt sich einfach auf die Schwelle. Der Schuldner wagt nun nicht, sein Vieh hinaus zu lassen, damit der eigentümliche Türhüter nicht verletzt wird. Der Gläubiger tut kund, daß er sich nicht eher zu entfernen beabsichtige, als bis seine Schuld beglichen sei. Der Mann muß schließlich wohl oder übel diesem Zwange nachgeben, wenn die hungrigen Kühe immer ungeduldiger im Stalle brüllen.
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