Zehntes Kapitel.
Technik und Wirtschaftsform.
Der Hausbau.
Will der Mwasu ein neues Haus errichten, und hat er einen ihm zusagenden Platz gefunden, so säubert er diesen von allem Strauchwerk und Gras (kufora kivanza = den Bauplatz graben). Dann geht er in den Busch und fällt dünne und dickere Stämme, die er mit Hilfe seiner Frau und einiger Nachbarn an den Bauplatz bringt. Zunächst muß er sich nun Stricke besorgen, mit denen er die Latten und Balken zusammenfügen kann. Dazu dienen ihm gewisse besonders geeignete Lianenarten (kaganda, kikozi, kigwira nguluwe, luhaga, senkunde). In der Steppe werden meistens die Fasern der Sansiveren verwandt.
Um die Hauswand schön kreisförmig zu machen, schlägt er in der Mitte des Bauplatzes einen Pflock in die Erde und befestigt daran einen Strick. Diesen schlingt er um seinen Fuß, daß die Entfernung vom Mittelpunkt etwa 2 m beträgt. Dann zieht er einen Kreis, indem er mit dem angebundenen Fuß die Kreislinie auf dem Erdboden markiert. Dieser folgend, hebt er einen schmalen, etwa 30 cm tiefen Graben (mkembe) aus und gießt Wasser hinein. In den so aufgeweichten Boden stößt er die angespitzten Stangen im Abstande von etwa 30 cm. Um dieses kreisförmige Gerüst wird dann die untere Mauerlatte, bestehend aus einer Anzahl zusammengelegter dünner Stangen, in etwa 2 m Höhe befestigt. Auf diese werden später die Bodenbalken gelegt. Die Lücken in der Hauswand werden durch weitere in den Boden gestoßene Stangen ziemlich dicht ausgefüllt, Querlatten befestigt und schließlich auch die obere Mauerlatte angebracht, auf welcher die Dachsparren ruhen sollen.
Das Dach baut man auf ebener Erde, um es in halbfertigem Zustande auf das Haus zu setzen. Zu dem Zweck verfertigt sich der Mpare einen kleinen Ring von etwa 10 cm Durchmesser aus starkem Strick, gerade weit genug, um die vier ersten Sparren hindurchzwängen zu können. Um diese windet er kreisförmig dünne Dachlatten, dabei immer neue Sparren einschiebend. Das so gebildete kiare wird, bevor es zu schwer ist, mit Hilfe einiger Freunde auf das Haus gesetzt, wo es vollendet wird und die Sparren durch einfaches Anstecken bis auf den durch Stützen getragenen äußeren Lattenring verlängert werden (s. Abbild.). Das Dach wird mit Schilf gedeckt, im Gebirge auch mit Bananenblattscheiden (malamba). Das gut getrocknete Schilf wird in kleinen Bündeln mit Sansiverenfasern oder Lianen von unten anfangend auf die Dachlatten gebunden, während man die etwa 10 cm breite Malamba einfach von unten an um die einzelnen Latten schlingt und die Enden nach außen herunterhängen läßt.
Das Ausfüllen der Wände mit Lehm nennt man kukanda. Zu dieser Arbeit werden sämtliche Nachbarn geladen. Frauen tragen das Wasser, während die Männer den Lehm mit den Füßen kneten und das Fach- bzw. Flechtwerk damit ausfüllen. Diese Arbeit trägt den Charakter eines Festes, da sämtliche Teilnehmer Speise mitbringen, die am Ende gemeinschaftlich vertilgt wird. — Auch der Dachboden wird mit Lehm ausgeschmiert. Später wird die Wand innen und außen mit Sand und Kuhmist geglättet (kukuluga).
a und b große Herdsteine, c Haussäulen, d Kochtopf, e „Herdringe“.
a große Herdsteine, b große Steinplatte als dritter Herdstein, c Haussäulen, d Kochtöpfe verschiedener Größe, e erster „Herdring“, e1 und e2 weitere „Herdringe“ für noch kleinere Töpfe.
Diese Art des runden Hauses nennt man nyumba ya lukumbi, d. h. Verandenhaus. Es ist anscheinend von den in der Steppe wohnenden Wazegua übernommen worden. Die ursprüngliche Art scheint mir das nyumba ya msoma si (auf die Erde stoßendes Haus) zu sein. Bei ihm gehen Dach und Wand ineinander über. Von außen wird solches Haus bis zur Erde mit Schilf oder Bananenblattscheiden gedeckt und innen mit Lehm verschmiert. Diese Art sieht man heute fast nur noch im Gebirge. Dem mit der Kultur in Berührung gekommenen Schwarzen sagt das Verandahaus mehr zu, weil es geräumiger ist und man durch Aufführung einer Verandamauer leicht weitere große Räumlichkeiten schaffen kann. Ebenso hat die rechteckige Hausform schon viele Freunde gefunden, was auch vom hygienischen Standpunkte aus sehr zu begrüßen ist, da in derartige Häuser meistens Fenster eingesetzt und für Küche, Schlafraum und Stall besondere Abteilungen gebaut werden. In den andern Wohnstätten fehlen Licht und Luft dagegen fast vollständig.
Am Tage, der auf das erstmalige Ausschmieren der Wände mit Lehm folgt, zieht der Mwasu in sein neues Heim ein. Er hat es mit seinem Umzug so eilig, weil er verhüten muß, daß irgendein böser Mensch ihm einen Schabernack spielt und z. B. in der neuen Hütte uriniert. Damit hätten nämlich die den Ausscheidungsprodukten innewohnenden Seelenkräfte von dem Hause Besitz ergriffen (kuvyala nyumba) und würden den rechtmäßigen Eigentümer quälen und schließlich töten. Liegt ein derartiger Verdacht vor, so ruft der Mpare den schon des öfteren erwähnten Sühnepriester, den Mtani, der die bösen Geister vertreiben muß. Liegt dagegen kein Bedürfnis vor, den Mtani rufen zu lassen, so begibt sich der Besitzer mit den Nachbarn ins Haus. Die Frauen fegen die Hütte aus, während die Männer eine große Steinplatte herbeischleppen, die an die beiden Mittelstützen gelehnt wird. Vor diese werden zwei weitere Steine gelegt, und der Küchenherd ist fertig. Ist ein Topf zu klein, um ohne weiteres auf diese drei Steine gestellt zu werden, so klemmt die Hausfrau flache Steinstückchen zwischen Topf und hintere Herdplatte ein. Wir haben also hier die Urform vor uns, die sich im Lauf der Zeit zu unsren Herdringen entwickelt hat.
Doch zurück zu unserm Hausbesitzer. Dieser schreitet nämlich jetzt zur Zeremonie des Feueranzündens. Hierzu darf er sich keine glühende Kohle vom Nachbar holen, sondern er muß selbst neues Feuer mit Hilfe der Reibhölzer erzeugen. Dieses heilige Feuer ist ein Bild der alle Morgen neues Leben gebenden Sonne. Dann opfert er den Ahnen, indem er etwas Bier an den Fuß der Mittelstütze gießt und betet: „Ihr nkoma (Ahnen), nehmt euer Bier! Ich beziehe heute mein neues Haus. Laßt mich hier guten Schlaf finden und von Krankheiten verschont bleiben. Laßt mich hier viele Kinder zeugen und Kühe, Ziegen und Hühner züchten. Teilt das Opfer mit den Ahnen der männlichen und weiblichen Linien. Freuet euch und schlaft! — nkoma shinjiani!“ Die Erschienenen trinken den „Rest“ des Bieres (nebenbei bemerkt, übertrifft er wie immer so auch hier die Menge des Opferbieres um ein Erkleckliches) und nehmen wohl auch einen kleinen Imbiß, den die Hausfrau zurechtgestellt hat.
Zum Schluß noch die Bemerkung, daß der Polygamist früher für jede Frau eine besondere Hütte baute. Seit der Einführung der Hüttensteuer unterläßt man es jedoch. Dies hat allerlei das Volksleben schädigende Folgen nach sich gezogen, auf die ich schon hingewiesen habe. Mädchen- und Knabenhäuser gibt es bei unsern Wapare nicht, ebensowenig besondere Häuptlingshütten.