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Im Banne der Furcht

Chapter 43: Die Kleidung.
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About This Book

Eine ethnographische Darstellung der Wapare in Ostafrika schildert Lebensstationen, Rituale und soziale Organisation: Geburt, Initiations‑ und Frauenfeste, Beschneidung, Erziehung von Jungen und Mädchen, Heirat und Scheidung werden systematisch dargestellt. Rechtssätze, wirtschaftliche Formen, Hausbau, Handwerk, Jagd‑ und Ackergeräte sowie Aspekte der Küche und des täglichen Lebens werden ausführlich erörtert. Ausführliche Kapitel behandeln religiöse Vorstellungen, Totemismus, Orakel, Heil‑ und Bestattungsriten sowie Dämonen‑ und Fetischglauben. Abschließend untersucht der Text Dichtung und Denkweisen der Gemeinschaft und reflektiert die Begegnung mit Mission und Islam sowie deren Auswirkungen auf Bräuche und Glaubenspraxis.

Die Kleidung.

Die kleinen Kinder der Wapare laufen in den ersten Lebensjahren meist nackt umher. Etwa vom dritten bis vierten Jahre an machen die Eltern ihnen Schurzfelle. Die Mädchen tragen vorn einen kleinen Schamschurz und hinten ein langes schmales Fell, das bis auf die Waden reicht. In diesem Alter heißen sie vabora va masambi = Mädchen der (beiden) Schurzfelle. Später, wenn sie die Frauenfeste durchgemacht und sie die von den erwachsenen Frauen getragenen großen Schurzfelle erhalten haben, nennt man sie bis zu ihrer Verheiratung vai va shuke = bekleidete Jungfrauen im Gegensatz zu den völlig unbekleideten vai va nyumba der Festzeit und der nur notdürftig durch die zwei Schurzfelle verhüllten Jugend.

Die Felle der Männer heißen lukopwa, wenn es sich um eine Art Toga handelt, die auf der einen Schulter zusammengebunden wird. Sie besteht aus mehreren zusammengenähten Ziegenfellen. Eine andre Art nennt man kizurwa. Wird eine Kuhhaut zum Fellkleid verarbeitet, nennt man es ikunya. Die Frauenfelle heißen mizia. Sie bestehen aus drei mittels Darm zusammengenähten Ziegenfellen.

Die Kunst des Gerbens ist den Wapare unbekannt. So versuchen sie sich ihre Kleidung auf andre und zwar ziemlich mühsame Weise geschmeidig zu erhalten. Die Technik ist ungefähr folgende: Nachdem das frische Fell in der Sonne ausgespannt und getrocknet worden ist, wird es an beiden Enden mit Verzierungen versehen, indem man zwei zickzackförmige oder sonstwie gemusterte Haarstreifen stehen läßt und die übrigen Haare abschabt. Bei den Mizia (Frauenschurzfellen) z. B. werden dann noch aus zwei weiteren Fellen Seitenteile und Querstreifen zugeschnitten. Die einzelnen Teile werden mit beiden Händen in kreisförmiger Bewegung gewalkt bis sie schmiegsam sind und sich gut zusammennähen lassen. Ist der ganze Schurz fertig, wird er wieder auf die Erde gespannt und mit Fett und roter Erde (ngetwa) oder einer pulverisierten Baumwurzel (ikorobohwa) eingerieben. Nunmehr werden die äußersten Streifen mit den Spannlöchern abgeschnitten (kuvambaa); das Fell wird abermals durchgewalkt und kann dann getragen werden. Das Walken (kusuka) hat jeden Morgen zu geschehen. Unterläßt man es, so wird das Fell steif, und sein Träger bewegt sich recht geräuschvoll auf seinem Lebenswege. Die Vaasu nannten die Schurzfelle wegen des Lärmes, den selbst die gut gewalkten beim Gehen verursachen, mtuka. Das Wort kam während des Krieges auf, und zuerst war ich mir über den sprachlichen Ursprung nicht klar, bis ich nach langem Bemühen auf des Rätsels Lösung kam. Mtuka ist eine Zusammenziehung des englischen Wortes motor-car, d. h. Automobil. Auf meine erstaunte Frage, die ich nach dieser Entdeckung an einige Schwarze richtete, erwiderte einer von ihnen, die Felle machten das gleiche Geräusch wie die Automobile, und außerdem röchen sie genau so schlecht wegen des zum Einreiben benutzten Fettes. Das war mir dann allerdings auch sofort einleuchtend und der anfangs ziemlich dunkle Zusammenhang klar.

Im übrigen haben die europäischen Baumwollstoffe die Fellkleidung fast gänzlich verdrängt. Als während des Weltkrieges Ostafrika völlig von der Außenwelt abgeschnitten war, kam sie allerdings wieder zu Ehren. In einer der Landschaften unsres Missionsgebietes behauptete ein Medizinmann sogar, er sei von den Ahnengeistern beauftragt, die Wapare vor dem Abfall von den väterlichen Sitten auch bezüglich der Kleidung zu warnen und forderte zum schleunigen Verkauf der noch in ihrem Besitz befindlichen europäischen Stoffe auf. Einige Heiden ließen sich einschüchtern und verschleuderten ihre Baumwollstoffe an die hocherfreute aufgeklärte Jugend. Die Kleidernot wurde nachher so groß, daß die Neger gerne 30 Mark und mehr für ein Stück Stoff von ca. 2 m Länge zahlten, wenn sie es nur bekommen konnten.

Mwanangwa von Ntusu mit Frau und Kind.
Hirsehüter in Ntusu.
Kinder verjagen mit Stecken, Schleudern und vielem Geschrei tagsüber die Vögel aus dem Getreide.

Als Schmuck werden Kettchen am Oberarm und über den Waden getragen. Häufig sieht man bis zu 25 cm lange Armspiralen aus Eisen oder Messingdraht, Hals- und Armringe sowie die verschiedenartigsten Halsketten aus eingeführten Glasperlen. Auch die Schamschurze der Vai va nyumba werden oft, wie aus dem Bild ersichtlich, mit Kaurimuscheln bestickt. Ziernarben (mitambara) am Körper macht man auf folgende Weise: Mit einem spitzen Haken wird die Haut an der betreffenden Stelle leicht gehoben und dann mit einem Messer geritzt. Ist auf diese Weise das Muster aufgezeichnet, dann reibt man die Schnittwunden mit einem leicht angerösteten entkernten Maiskolben. Diese Prozedur wird bis zur Heilung der Wunden fortgesetzt. Es bilden sich auf diese Weise etwa 1 cm lange „Zierschmisse“, allerdings auf ganz ungefährliche Art und Weise erworben. Beliebt bei Mädchen und jungen Frauen ist die Gesichtsbemalung mittels ätzender Pflanzensäfte. Früher war das Muster ein großer Strich von der Stirn bis auf die Nasenspitze und ein Ring von je 6–10 Punkten unter den Augen. Später entschied sich die Mode für einen Kreis mit dickem Punkt auf Stirn und Backen. Der Pflanzensaft ätzt die Haut völlig ab. Es entsteht eine Wunde, die nach ihrer Verheilung das Muster in zuerst heller, später tiefschwarzer Farbe erkennen läßt. Auch durch nur stellenweises Abrasieren der Kopfhaare versteht der Paremann sowie auch sein Weib sich das Haupt zu schmücken. Da das Haar Seelenstoffträger ist, liegen hier sehr oft animistische Vorstellungen zugrunde.

Der Leser wird aus dem Vorstehenden schon ersehen haben, daß auch im dunklen Afrika die Mode herrscht. Wenn die Schwarzen auch oft recht eigentümliche Formen wählen, sich zu schmücken, z. B. mit Ohren- und Lippenpflöcken, so haben wir dennoch kein Recht, deshalb auf sie herabzusehen; sie würden uns ihr schönes Sprichwort vorhalten: „Der Affe lacht nur deshalb über den Buckel seines Genossen, weil er den eignen nicht sieht.“ Was für Europa lange Zeit Paris war, das ist für Afrika die Küste. Von dort her dringen die jeweiligen Moden ins Innere vor: heute grellfarbige Stoffe, morgen oft recht ansprechende bunte Muster, dann wieder Tücher, die mit allerlei tiefen Sinnsprüchen in Deutsch, Arabisch oder Kisuaheli bedruckt sind, wie: „Guten Morgen Bibi, wie geht es dir?“ oder: „Guten Tag, mein Liebling!“ und dergleichen mehr. Doch wollen wir uns nun von der Mode, deren Herrschaft auch den schwarzen Ehemann recht viel Geld kostet, etwas Produktiverem zuwenden und von