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Im Banne der Furcht

Chapter 49: Der Speichel.
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About This Book

Eine ethnographische Darstellung der Wapare in Ostafrika schildert Lebensstationen, Rituale und soziale Organisation: Geburt, Initiations‑ und Frauenfeste, Beschneidung, Erziehung von Jungen und Mädchen, Heirat und Scheidung werden systematisch dargestellt. Rechtssätze, wirtschaftliche Formen, Hausbau, Handwerk, Jagd‑ und Ackergeräte sowie Aspekte der Küche und des täglichen Lebens werden ausführlich erörtert. Ausführliche Kapitel behandeln religiöse Vorstellungen, Totemismus, Orakel, Heil‑ und Bestattungsriten sowie Dämonen‑ und Fetischglauben. Abschließend untersucht der Text Dichtung und Denkweisen der Gemeinschaft und reflektiert die Begegnung mit Mission und Islam sowie deren Auswirkungen auf Bräuche und Glaubenspraxis.

Der Speichel.

Eine noch ausgedehntere Rolle in den Anschauungen unsrer Wapare spielt der Speichel als Seelenträger. Am häufigsten tritt das bei dem Brauch des Bespützens in die Erscheinung. Zauberschnüre aus Bananenbast werden vor dem Anlegen an den betreffenden Körperteil bespützt. Mit Wunden geschieht das gleiche, um die Blutung zu stillen, eine suggestive Behandlungsweise, die sich ja selbst in Deutschland noch in manchen Gegenden erhalten hat. Jede Arznei wird vor dem Gebrauch bespützt. Sobald bei der Geburt der Kopf des Kindes erschienen ist, wird dies Mittel eifrigst angewandt, um ein Zurücktreten zu verhüten. Den ungeratenen Sohn verflucht der Vater oder die Mutter, indem sie den Opferplatz an der Haussäule bespützen und ihren Fluch aussprechen. Man sagt dann: Mwana einkiwe lute = der Junge hat „Speichel“ bekommen, welcher Ausdruck deutlich erkennen läßt, daß dem Speichel die magischen Kräfte zugeschrieben werden, die ausgesprochenen Drohungen zu verwirklichen. Will der Vater seinen Sohn dagegen segnen, so spützt er leicht in dessen Hände, und dieser reibt sich die Spuren des „Seelenträgers“ ins Gesicht. Bei Sternschnuppenfällen und Kometenerscheinungen wird nach der betr. Gegend hin gespützt, um Krankheit, Hungersnot und Krieg abzuwehren, also ähnliche Vorgänge, wie sie sich in dem aufgeklärten Europa zur Zeit des Halleyschen Kometen zeigten.

Hier wäre noch die Herstellung eines Amuletts zu erwähnen, welches gegen alle Arten von Verzauberung schützen soll und aus einer Mischung von mancherlei Seelenträgern besteht. Der Medizinmann saugt zu behandelnden Personen mittels eines Schröpfkopfes Blut aus und gießt es in eine Topfscherbe, wo es zu Asche geröstet und dann mit andern Sympathiemitteln vermischt wird. Von diesem Pulver streut er einen Teil in einige kleine schwarze Läppchen. Die zu behandelnden Leute tun etwas von ihrem Speichel, Haupthaar, Augenbrauen und Wimpern sowie Finger- und Zehennägel dazu. Des weiteren bildet Erde, auf welche man den Schatten von Hand, Fuß und Kopf hat fallen lassen, einen wichtigen Bestandteil. Die Läppchen werden zusammengebunden, und die „Medizin“ ist fertig. Um sie möglichst wirksam zu machen, muß sie oft spät am Abend auf einem Kreuzwege eingegraben und nach Mitternacht beim ersten Hahnenschrei wieder hervorgeholt werden.

Der Speichel bildet übrigens schon einen Übergang von dem Begriff der gebundenen Körperseele zu dem der Hauchseele. Dies tritt besonders bei dem Bespützen zu Tage, indem der Name an den Speichel erinnert, die eigentliche Tätigkeit sich aber fast ganz darauf beschränkt, den Hauch zwischen den wie zum Kuß gespitzten Lippen hervorzustoßen. Hier scheint also die Vorstellung des Hauches als Seelenträger den ursprünglichen Gedanken an den magischen Speichel allmählich zu verdrängen. Einer meiner Gewährsleute erklärte mir auch das Bespützen der Medizinmänner eigentümlicherweise klipp und klar dahin, daß der „Geist“ (Hauch) des Arztes in den Kranken hineinfahren und dessen Gesundung bewirken solle.

Einige besondere Arten von Freundschaftsbündnissen oder Seelenvermischungen bestehen zwischen Eheleuten. Auch hier spielt der Speichel neben andern schon erwähnten Seelenträgern eine Rolle. Der Grund zu solchen Bündnissen bildet meistens die Eifersucht. Manchmal sind natürlich auch andre Motive vorhanden; z. B. ist mir ein Fall bekannt, wo die Frau ohne Anhang dastand und sie den Mann für jeden Fall an sich fesseln wollte. Bezeichnend für die Auffassung des Eheverhältnisses unter unsern Wapare ist die Tatsache, daß in den meisten Fällen nur die Frau sich verpflichtet, die eheliche Treue zu halten. „Der Mann kann das verlangen, er hat ja Kühe für seine Frau bezahlt!“

Sind sich beide Teile darüber klar geworden, daß sie ein solches Bündnis eingehen wollen, so nehmen sie einen kleinen Topf mit irgend einer Fleischbrühe, Bier oder Milch. Zuerst speit jeder einmal in den Topf, um dann von der Oberfläche einiger seiner Fingernägel etwas abzuschaben und es ebenfalls mit der Brühe im Topf zu vermischen. Nun fängt der Mann etwa mit der Beschwörung an:

„Wenn du die Ehe brichst, soll dich unsere Bundesspeise töten; bist du aber treu, so werde sie dir an deinem Leibe wie Öl. Wenn ich dich mit andern Männern schwatzen sehe, eifersüchtig werde und dich schlage, so soll mich die Bundesspeise töten, darum, daß ich ihr nicht getraut habe, denn sie ist ja fortan dein Tugendwächter.“

Hierauf erwidert die Frau:

„Wir machen den Bund, weil wir uns lieben. Wenn du mich schlägst und ich bin nicht untreu gewesen, so soll dich die Bundesspeise töten; gebe ich mich aber mit einem andern Manne ab, so wird mich die verwünschte Speise umbringen.“

Nun reicht einer dem andern mit zwei Händen den Topf an den Mund und läßt ihn trinken. Ist das geschehen, so schlägt der Mann eine kleine Ecke aus dem Topf, um ihn dann zu vergraben. Es gibt viele verschiedene Arten der Seelenvermischung zwischen Mann und Frau, von denen einige zu anstößig sind, um sie hier beschreiben zu können.