Der Name als Seelenträger.
Wenn man einen Paremann nach seinem Namen fragt, so gibt er für gewöhnlich einen falschen an. Ich habe oft, besonders an Orten, wo ich fremd war, Mütter nach dem Namen ihrer Kinder gefragt, und man gab mir unrichtige Auskunft. Warum geschieht das? Will man dem Europäer nur etwa vorlügen? Nein, denn auch einem Schwarzen, der ihnen unbekannt ist, sagen sie ihren wahren Namen nicht ohne weiteres. Als Erklärung dafür gaben einige meiner Gewährsleute an, daß die Fragesteller Leute sein könnten, die eine alte Schuld von Großvaters Zeiten her eintreiben wollten und nach dem Schuldner forschen. Aber man ist sich auch hier wie so oft der ursprünglichen Bedeutung der Sitten nicht mehr bewußt und sucht nach Erklärungen. Daß es sich bei der Verschweigung des Namens wenigstens ursprünglich um Dinge gehandelt hat, die in das Gebiet des Seelenglaubens gehören, zeigt ein Brauch, der allgemein bekannt ist. Es ist nämlich bei den Wapare sehr verpönt, irgend jemand bei Nacht mit Namen anzurufen. Man ruft vielmehr: „Du da unten im Hause!“ oder gebraucht ähnliche Umschreibungen. Dies geschieht, damit „dem Zauberer nicht durch den Klang des Namens der betreffende Mensch selbst überliefert werde“. Denn bei Säuglingen und überhaupt nachts, wenn die Traumseele so leicht den Körper verläßt, würde schon die bloße Namennennung genügen, einem in der Nähe befindlichen Zauberer den Raub der Seele zu erleichtern. Aus diesem Grunde legen sich die Wapare für ihre nächtlichen Tanzfeste besondere Namen zu, bei denen sie sich dann ohne Gefahr auch nachts rufen können. Natürlich sprechen da noch andre Gründe mit, die hier nicht erörtert zu werden brauchen. — Selbst die Stimme nehmen die bösen Zauberer und bringen dadurch Unheil über den Sprecher. So werden kleine Kinder verwarnt, des Nachts nicht zu schreien, damit sie nicht verzaubert würden. Heute, wo auf Steuerzetteln und Arbeiterkarten der Mann den Namen angeben muß, den er immer führt, wird dieser Aberglaube etwas bekämpft. Trotzdem ist es bezeichnend, daß die Leute für diese Karten fast immer falsche Namen angaben, so daß sie verschiedentlich unter Androhung von Strafen aufgefordert werden mußten, diese Sitte fallen zu lassen.
Viele Leute nahmen auf Reisen die bekannten Safari- oder Reisenamen an, eine Sitte, der ursprünglich sicher animistische Motive zugrunde lagen. Mit der Zeit merkten die Betreffenden dann bald, daß es auch noch andre Vorteile hatte, wenn man als Pendakulala = „Schlafmütze“ (solche Namen sind besonders bei den Wanyamwezi beliebt) in A. einen Diebstahl ausführen konnte, um dann in B. als Mwacheapotee = „Laß ihn nur laufen!“ wiederum aufzutauchen. Diese Erkenntnis war aber sicher eine im Laufe der Zeit erworbene.
Das Ganze ist übrigens ein Beispiel dafür, wie vorsichtig man in seinem Urteil über das eine oder andre sein muß, was beim Neger unangenehm auffällt, weil es schwer ist, den Irrgängen der Negerpsyche immer nachzugehen. Dasselbe ist auch bei ihren Übertreibungen der Fall. Der Gedanke zu lügen liegt ihnen im ersten Augenblick dabei ganz fern. Aber sie wollen durch ihre übertriebene Darstellung (z. B. des Unglücks) die Geister veranlassen, von ihnen abzustehen.
Eine eigentümliche Sitte unsrer Wapare besteht darin, die oberen vier Schneidezähne spitz zu meißeln und die unteren beiden Schneidezähne auszubrechen. Diese Operation wird bei Knaben und Mädchen etwa im achten Jahre vorgenommen. Zu dem Zweck wird ihnen ein Holz quer in den Mund gelegt, auf welches sie beißen müssen. Es soll das zum Schutz des Gaumens dienen und auch gleichzeitig das Schließen des Mundes verhüten. Dann nimmt der Operateur, der übrigens kein Arzt zu sein braucht, sein Instrument und meißelt die Zähne spitz. Später werden von einem andern Operateur die unteren Zähne ausgebrochen, falls der erste diese Kunst nicht auch versteht.
Zur Begründung dieser Sitte werden heute die wunderlichsten Dinge angegeben. Den kleinen Kindern erzählt man, daß die ungefeilten Zähne nachts aus dem Munde wandern und Kot kauen. Das dient wohl nur dazu, sie für die manchmal schmerzhafte Behandlung willig zu machen. Sonst hört man, daß für das Feilen der Zähne nur Schönheitsrücksichten maßgebend seien. Wundt aber führt auch diese Sitte auf den Seelenglauben zurück, indem durch das Feilen und gänzliche Ausbrechen der Zähne der Hauchseele der Austritt erleichtert werden sollte, was z. B. bei Jägern dazu diente, der Beute um so leichter habhaft zu werden. Heute sind sich jedenfalls die Leute einer solchen ursprünglich sicher vorhanden gewesenen Seelenvorstellung nicht mehr bewußt, höchstens daß sie in dem Glauben, Leute mit ungefeilten Zähnen hätten bei den Frauen kein Glück, noch leise durchklingt.