WeRead Powered by ReaderPub
Im Banne der Furcht cover

Im Banne der Furcht

Chapter 55: Baumseelen.
Open in WeRead

About This Book

Eine ethnographische Darstellung der Wapare in Ostafrika schildert Lebensstationen, Rituale und soziale Organisation: Geburt, Initiations‑ und Frauenfeste, Beschneidung, Erziehung von Jungen und Mädchen, Heirat und Scheidung werden systematisch dargestellt. Rechtssätze, wirtschaftliche Formen, Hausbau, Handwerk, Jagd‑ und Ackergeräte sowie Aspekte der Küche und des täglichen Lebens werden ausführlich erörtert. Ausführliche Kapitel behandeln religiöse Vorstellungen, Totemismus, Orakel, Heil‑ und Bestattungsriten sowie Dämonen‑ und Fetischglauben. Abschließend untersucht der Text Dichtung und Denkweisen der Gemeinschaft und reflektiert die Begegnung mit Mission und Islam sowie deren Auswirkungen auf Bräuche und Glaubenspraxis.

Baumseelen.

Bevor wir dazu übergehen, den Seelenkult zu besprechen, bei welchem man sich die Seele an den Schädel als wichtigsten Knochen gebunden denkt, müssen noch zwei Bäume erwähnt werden, die ebenfalls Gegenstand eines Kultus sind: der mdarya, ein unscheinbares Bäumchen mit apfelartigen, eßbaren Früchten und der mramba (Affenbrotbaum).

Der Mdaryabaum ist sozusagen der Stellvertreter für die Ahnengeister, der Platz, an welchem sie sicherlich angetroffen werden, ähnlich wie an Flußläufen. Um den Stamm legt man Steine, welche den Opferaltar bilden, auf welchem die Speis- und Trankopfer niedergelegt werden. Wird nun einer aus der Sippe derer, die den Mdaryabaum für heilig erachten, krank, so führt man dies nicht auf den Baum selbst sondern auf die Ahnengeister zurück, als deren Vertreter er gilt. Die Opferriten sind den bei der Anbetung der nkoma (Ahnenschädel) befolgten ähnlich, die wir weiter unten besprechen wollen.

Im Gegensatz zum Mdarya ist dem Affenbrotbaum eine selbständigere Stellung eingeräumt. Ihm selbst, nicht wie bei dem Mdaryabaum den Ahnengeistern, werden Speis- und Trankopfer dargebracht. Er kann den Leuten Unglück bringen, um sie an ihre Opferpflicht zu erinnern. Hat das Orakel einen Affenbrotbaum als Ursache zu irgendwelcher Krankheit festgestellt, so geht der Betreffende zum Baumpriester seiner Sippe und teilt ihm die Sachlage mit. Es wird ein Tag festgesetzt, an welchem sie mit den andern Angehörigen der Sippe das Baumopfer darbringen wollen. Jeder der Geladenen hat eine Ziege mitzubringen, außerdem genügend Bier, welches teils aus schwarzen, teils aus weißen Zuckerrohrstangen bereitet sein muß. Dann ziehen sie alle mit Weibern und Kindern zu dem heiligen Baum, der ebenfalls durch an den Stamm gelegte Steine gekennzeichnet ist. Der Priester nimmt bei der Opferung etwas Bier in den Mund, bespützt damit den Affenbrotbaum, und betet ungefähr folgendes: „Wir sind nun alle hier. Du hast nach uns verlangt. Wir haben uns auch schon lange nicht mehr sehen lassen. Wenn du uns wirklich das Unglück gebracht hast, dann laß es uns daran erkennen, daß unsre Opfertiere ‚rein‘ sind!“

Dann befiehlt er, die Ziege, die er mitgebracht hat, zu töten. Sorgfältig untersucht man die Eingeweide und die Leber auf irgendwelche verdächtigen Zeichen hin. Finden sich solche, dann nimmt man vorerst von dem Opfer Abstand, um beim Orakel die Ursache für das unerwartete Hindernis zu erforschen. Da melden sich dann oft die Ahnen, der Geist des Vaters oder der Mutter, oder sonst ein Fetisch wie der mpingu, von welchem wir noch sprechen wollen, und verlangen ihr Opfer. Der Priester wird nun beauftragt, dem betreffenden Geiste vorerst ein Scheinopfer darzubringen und ihn zu bitten, sich solange zu gedulden, bis der Mramba das seinige erhalten habe.

An dem nunmehr neu anberaumten Tage wird sich alles glatt abwickeln, die erste Ziege wird ‚rein‘ sein und damit auch die andern. Der Priester läßt kleine Stückchen Fleisch von allen Körperteilen der Ziege in einen Strohteller legen und betet dann, indem er von dem mitgebrachten Bier an den Baum spützt und kleine Fleischstückchen auf den „Altar“ legt, etwa wie folgt: „Du Affenbrotbaum, wenn du es bist, der uns bisher all das Unglück in unsern Gehöften und unsern Herden gebracht hat, dann sorge, daß wir das von nun an nicht mehr zu befürchten brauchen, denn heute opfern wir dir. Hilf uns, daß wir Kühe und Hühner bekommen und viele Kinder sowie reichliche Speise.“

Der eigentliche Veranstalter des Festes betet dem Priester diese Worte nach. Jetzt erhalten auch sämtliche Anwesende, die während des Gebets der beiden im Kreise um den Affenbrotbaum herumstehen, Bier, und alle bespützen damit den Baum. Dann fängt der Priester seine Beschwörung an:

Pr.: „Wer auch immer sich darüber aufhält, daß dieser Mann dem Mramba sein Opfer dargebracht hat, der soll sterben!“

Alle: „Ja, der soll sterben!“

Pr.: „Wer auch immer sagen wird: Es ist gut, daß man ihm geopfert hat, denn nun werden sie Ruhe haben, der soll leben!“

Alle: „Ja, ewig leben!“

Nunmehr werden auch die andern mitgebrachten Ziegen getötet, d. h. erstickt, und man gibt sich erleichterten Herzens den Freuden einer ziemlich reichlichen Opfermahlzeit hin.