Flüsse als Seelenträger.
Wenn der Paremann auch an Flüsse zieht und dort Gelübde und Opfer darbringt, so ist da wohl die Vorstellung von der Psyche vorherrschend. Man kann sich das so erklären, daß man in dem schnell dahinbrausenden Fluß, der aus dem Erdinnern kommt, wohin man die Toten gebettet hat, die flüchtige Hauchseele wiedererkennt. Wenigstens mag diese Vorstellung mit dazu beigetragen haben, das Wasser als einen weiteren Aufenthaltsort der Ahnengeister zu betrachten; denn selbst die Sippen, die den Schädel der Ahnen aufbewahren, sind sich ebenso sicher, von diesen Ahnengeistern auch an irgendeinem Flußlauf oder Teich gehört zu werden. Sind ja doch Flüsse, Teiche und Wiesen der Aufenthaltsort für alle Geister, die aus irgendeiner Ursache zu Hause nicht angebetet werden, wovon wir noch weiter unten sprechen wollen. Es ist da wieder einmal ersichtlich, wie verschlungen die Wege auf diesem Gebiete sind, indem hier die Vorstellung einer an die Knochen gebundenen Körperseele direkt Hand in Hand geht mit dem Glauben an eine leicht beschwingte Psyche, die in jedem Fluß oder größeren Wasser angetroffen werden kann. Es mag sein, daß diese Gedankenverbindung den Übergang zu dem Glauben an Wasserdämonen bildet oder aber daß der besonders nachts unheimlich daherrauschende Fluß und der gefährliche Sumpfsee einen Treffpunkt der Schatten bildet analog dem Blocksberg und den Kreuzwegen. So glaubt man auch tatsächlich an Flußläufen Freudentriller, Gesang, Gelächter und Trommelschlag zu hören. Da haben die Schatten ihr nächtliches Tanzgelage. Die wilden Enten auf den Flüssen nennt der Paremann „Hühner der Schatten“, welcher Ausdruck, wie mir scheint, den Aufenthalt der Schatten im Wasser mehr als einen dauernden bezeichnet. Auf diese „Hühner der Schatten“ Jagd zu machen, würde der heidnische Paremann unter keinen Umständen wagen.
Es mag nun sein, daß der Mpare den Schädel seines Vaters vergeblich um Erhörung einer Bitte angefleht hat, dann versucht er es wohl, sein Gebet am Fluß darzubringen, wo er die Ahnengeister auch anzutreffen hofft. Wohnt er in der Fremde, wo es ihm nicht möglich ist, vor den Schädeln seiner Ahnen zu opfern, so geht er wohl ohne Umschweife an irgendeinen Flußlauf, um dort sein Gelübde und später auch das Opfer darzubringen. Während des Gebetes, welches mit Anrufung der dort „seßhaften Geister“ beginnt, wirft er etwas von irgendeiner Speise oder gar nur Sand ins Wasser und gelobt Größeres, wenn seine Bitte erhört werde. Nun betet er etwa so: „Ihr Geister, die ihr hier in diesem Flusse wohnt, nehmt diesen Sand. Wenn ihr meine Bitte erfüllt, werde ich euch veranlassen, den Sand wieder auszuspeien, und ich bringe euch dafür einen Ziegenbock.“
Findet seine Bitte Erhörung, so wird bald irgendeine Krankheit den Vergeßlichen an sein Gelübde erinnern; „denn“, sagte einer meiner Gewährsmänner, „Opfergelübde sind wie Schulden, die bezahlt man gewöhnlich nicht eher, als bis man von dem Gläubiger gemahnt wird!“ Der Mann sucht nun einen Ziegenbock, borgt ihn vielleicht von Freunden oder Nachbarn. Eine Nacht muß der Bock in seinem Hause sein, um gewissermaßen in seinen Besitz überzugehen. Am Morgen bringt er zuerst an der Haussäule den Ahnen ein Trankopfer dar und bittet sie, das Opfertier möge ihnen genehm sein und in seinen Eingeweiden keine Merkmale tragen, die den Grund zu neuen Befürchtungen legen würden. Nachdem sich die geladenen Gäste durch eine Kostprobe des Opferbieres gestärkt haben, ziehen sie alle an jene Stelle des Flusses, wo das Gelübde abgelegt worden war. Hier betet der Betreffende: „Ihr Geister, die ihr hier in diesem Fluß wohnt. Als ich seinerzeit Trübsal hatte, da flehte ich euch an, und ihr habt mir das Erbetene gegeben, habt Dank und nehmt euren Ziegenbock.“
Dann wird das Opfertier erstickt und kleine Stückchen von allen Gliedern, beim rechten Vorderfuß angefangen, auf zwei Brathölzchen gespießt und gebraten. Von diesem gebratenen Fleisch schneidet man wieder kleine Stückchen ab, um diese mit anderer Speise und Bier unter nochmaligem Gebet in den Fluß zu schütten. Der Rest des gebratenen „Geisterfleisches“ wird von den Anwesenden als Einleitung zur eigentlichen Opfermahlzeit verspeist. Einen Teil des Fleisches nimmt jeder mit nach Hause.