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Im Banne der Furcht

Chapter 64: Das Orakel (nzaro).
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About This Book

Eine ethnographische Darstellung der Wapare in Ostafrika schildert Lebensstationen, Rituale und soziale Organisation: Geburt, Initiations‑ und Frauenfeste, Beschneidung, Erziehung von Jungen und Mädchen, Heirat und Scheidung werden systematisch dargestellt. Rechtssätze, wirtschaftliche Formen, Hausbau, Handwerk, Jagd‑ und Ackergeräte sowie Aspekte der Küche und des täglichen Lebens werden ausführlich erörtert. Ausführliche Kapitel behandeln religiöse Vorstellungen, Totemismus, Orakel, Heil‑ und Bestattungsriten sowie Dämonen‑ und Fetischglauben. Abschließend untersucht der Text Dichtung und Denkweisen der Gemeinschaft und reflektiert die Begegnung mit Mission und Islam sowie deren Auswirkungen auf Bräuche und Glaubenspraxis.

Das Orakel (nzaro).

Das Orakel ist die Brücke, welche die Menschen mit der unsichtbaren Welt verbindet. Was sollte der Mwasu anfangen, wenn er kein Orakel hätte, welches ihm bei der verwirrend großen Anzahl seiner Gottheiten einen Fingerzeig gibt, welcher von ihnen zu opfern ist! Das Nzaro ist ihm der Ratgeber in allen Lebenslagen. Er plant eine Reise, will mit seinem Nachbar prozessieren, er hat eine Seuche in der Herde, er oder ein Familienglied ist krank, er hat irgend etwas verloren, seinem Kinde kommen die Zähne nicht zur rechten Zeit oder es hat Stuhlverstopfung, kurz: in allen Nöten fragt er das Orakel um Rat. Man muß gestehen, daß eine so vielseitige Einrichtung für Leute, die im Banne der Furcht gefangen gehalten sind, eine außerordentliche Hilfe bedeutet. Für 25 Heller kann man die Ursache jeder Krankheit erfahren, und man weiß, welche Gottheit ein Opfer erheischt. Berühmte Orakel sind entsprechend teurer.

Von den verschiedenen Orakeln sind die hauptsächlichsten folgende: 1. nzaro ya mbotwe; 2. nzaro ya mapande; 3. nzaro ya lusinga; 4. nzaro ya vijwiijwii; 5. nzaro ya lagula; 6. nzaro ya mlamulo; 7. nzaro ya kidonga; 8. nzaro ya ugonezi.

1. Mbotwe sind große braune Samen eines Baumes, hier „Steine“ genannt. Diese werden mit allerlei Medizinen in einem Stück Bambusrohr aufbewahrt. Soll das Orakel befragt werden, so riecht der Besitzer zuerst gründlich in den Behälter hinein, um seine Sinne für die Aufnahme der zu erwartenden Botschaften vorzubereiten. Dann ermahnt er das Nzaro mit folgenden Worten: „Du Orakel, Freund der Ahnen, was ich dich auch frage, bejahe es mit vier Steinen, verneine es mit einem Stein.“ Nach ihm bekannten Regeln legt er nun immer Häufchen von je fünf Samen zusammen, und aus dem übrigbleibenden Rest ersieht er ja oder nein.

2. Das Nzaro ya mapande ist eine Schere aus Holz mit vielen Gliedern, wie man sie bei uns zur Fastnachtszeit als Scherzartikel verkauft. An den Bewegungen der ausgezogenen Schere ersieht der Zauberer die Antwort der Geister.

3. Das Nzaro ya lusinga besteht aus einer etwa 15 cm langen Metallnadel, die an ihrem einen Ende einen kleinen Holzgriff trägt. Der Medizinmann reibt die Spitze in etwas Asche und versucht dann, die Nadel durch eins der bereitgelegten vier Stückchen einer Bananenblattrippe zu stoßen. Geht die Nadel glatt durch, so bedeutet das nein; bleibt sie trotz Anwendung von Kraft stecken, so hat das Nzaro die Frage bejaht.

Der Verlauf einer solchen Sitzung ist etwa folgender: Dem Nachbarn, der den Orakelspruch unentgeltlich abgibt, teilt man zur Abkürzung des Verfahrens gleich mit, daß etwa die Tochter krank sei, und es wird die Ursache festgestellt. Ein fremder Medizinmann, der für seine Mühewaltung Bezahlung verlangt, muß dagegen selbst feststellen, was den Ratsuchenden zu ihm geführt hat und damit gleichsam eine Probe seines Könnens ablegen. Er wird also in diesem Falle nach wenigen Augenblicken dem Manne sagen: „Du kommst wegen deines Kindes zu mir.“ Der antwortet: „Drücke dich bestimmter aus!“ — „Es handelt sich um deine Tochter.“ Der andre ruft nun zur Bestätigung: Taire! d. h. du bist ein Wissender, du hast es getroffen. Dann fragt der Medizinmann sein Orakel nach allen möglichen Krankheitsursachen ab: Ist es ein Ahn? Ist ein böser Zauberer im Spiel? Handelt es sich um ein getötetes Seelentier? — Jede Feststellung wird dem Klienten mitgeteilt und von diesem, wenn sie zutrifft, mit einem Taire beantwortet. Oft macht das Nzaro auch ganz bestimmte Angaben, etwa: Vor einigen Wochen oder Tagen hat dich ein Mann mit heller Gesichtsfarbe besucht. — Taire! — Der ist dann noch öfter zu dir gekommen. — Taire! — Nun, der ist es, der deine Tochter verzaubert hat. Grabe da und da nach, so wirst du mit Hilfe der Mzuza einen Zauber vorfinden. — Das Orakel hat seine Schuldigkeit getan, das Weitere ist Sache des nunmehr aufzusuchenden Medizinmannes. In wichtigen Angelegenheiten befragt man Orakel in anderen Landschaften oder gar fernen Provinzen, wo eine Kenntnis der Verhältnisse des Klienten ausgeschlossen erscheint.

4. Das Nzaro ya vijwiijwii besteht aus einem kleinen Kürbisfläschchen, welches der Medizinmann zuerst tüchtig anraucht, worauf in der Flasche ein lautes Piepen ertönt, durch welches das geheimnisvolle Ding dem Zauberer auf seine Fragen antwortet.

5. Berühmt ist das Nzaro ya lagula, welches ebenfalls aus einem Kürbisfläschchen mit Medizin besteht. Der Zauberer setzt sich vor die Erschienenen und riecht an seiner Flasche. Dann fängt er an zu singen, die Herumsitzenden antworten im Chor: „Lagula!“ bei zutreffenden Feststellungen: „Taire!“ etwa wie folgt:

Ihr meine Leute — lagula!
Wo kommt ihr her? — lagula!
Ihr kommt aus Mamba — taire!
Was wollt ihr denn hier? — lagula!
Ihr habt einen Prozeß — taire!
Es handelt sich um eine Kuh — taire! usw.

Der Medizinmann soll, wie mir Christen erzählten, die geheimsten Dinge ans Licht bringen. Da es sich oft um völlig fremde Leute handelt, die eine weite Reise zurückgelegt haben, ist auch hier eine vorherige Verständigung durch andre kaum anzunehmen.

6. Das Nzaro ya mlamulo besteht aus etwa 40 fingerlangen Stäbchen, die zu je vier abends auf den Boden gelegt und mit Mehl bestreut werden. Da gibt es eine Gruppe des bösen Zauberers, andre bezeichnen die verschiedenen Gottheiten, die als Krankheitserreger auftreten können, usw. Sind am nächsten Morgen z. B. die vier für den Dachgötzen hingelegten Hölzchen auseinandergeworfen, so ist dieser als Ursache festgestellt.

7. Das Nzaro ya kidonga besteht aus einer kleinen Medizinkalabasse, deren Inhalt, nachdem die Flasche geschüttelt wurde, glänzende Blasen wirft. Ein Medizinmann, den ich eines Tages gerade beim Wahrsagen antraf, erklärte mir nachher, daß er aus der Art der sich bildenden Blasen das Gewünschte ersehen könne.

8. Das Nzaro ya ugonezi ist ein berühmtes Orakel und erinnert an jenes zu Delphi. Nachdem der Medizinmann im Hause der Ratfragenden den ganzen Abend allerlei ihn inspirierende Lieder gesungen, seine Medizinen getrunken und Weihrauch verbrannt hat, zieht er sich in die für ihn bereitgehaltene Hütte zurück mit dem Gesang:

„Ihr guten Geister folgt mir nach,
Ihr schlechten bleibet fern!“

Am Kopfende seines Bettes stößt er einen Stab in die Erde, an welchen er seine Medizinflaschen hängt, und dann begibt er sich zur Ruhe, während Weihrauchdämpfe die Hütte erfüllen. Im Traum erhält er von den guten Geistern Aufschluß über die schwebenden Fragen; auch manche andre Zukunftsblicke lassen sie ihn tun. Während die meisten Orakel für etwa eine Rupie zu kaufen sind, belaufen sich Ausrüstungs- und Unterrichtskosten für dieses Nzaro auf eine Färse und einen Ochsen.

Außer den aufgezählten gibt es noch andre Orakel, die unsre Wapare z. T. von fremden Stämmen übernommen haben. Die verschiedenen Nzaro eingehend zu besprechen, würde einen breiten Raum erfordern und die Darlegungen würden starken Zweifeln begegnen; sicherlich oft nicht zu Recht, denn manches wird doch unerklärlich bleiben. So suchte einer dieser Wahrsager, ein Greis mit weißem Haar, am Tage der Einnahme von Taveta 1914 den Missionar einer unsrer Nachbarstationen zu bereden, die Flagge hochzuziehen, weil Taveta von den Deutschen genommen sei. Er habe in der Nacht im Gesicht den Kanonendonner gehört und die deutsche Flagge dort wehen sehen. Zu der Zeit war uns Europäern von der tatsächlichen Einnahme noch nichts bekannt, da die Nachricht erst mehrere Tage später eintraf.