Dreizehntes
Kapitel.
Der kranke Heide.
In sehr vielen oder gar den meisten Fällen sieht der Heide in Krankheit und Tod keinen natürlichen Vorgang sondern eine Verzauberung. Daher beschränkt sich die Behandlung seitens ihrer Ärzte nicht auf die Verabfolgung der sicherlich oft recht guten Medizinen, sondern es wird viel Zauber nebenbei gemacht. Das ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Denn mehr noch als die eigentliche Arznei trägt „der Zauber“ zur Stärkung der Zuversicht und damit zur Heilung des Kranken bei. Krankheitsursachen sind u. a.:
1. Ein Ahnengeist will ein Opfer.
2. Tötung eines Seelen- oder Totemtieres. Frevel in einem hl. Hain.
3. Irgendein Vorfahr, etwa der Großvater, hat sich in einem dieser Punkte etwas zuschulden kommen lassen.
4. Ein unerfülltes Gelübde.
5. Ein Fluchtopf.
6. Verzauberung.
Ist einer von den ersten vier Punkten als Ursache festgestellt, bringt man für die Ahnen ein Scheinopfer dar; den Seelentieren oder dem Walddämon wird einstweilen ein Pfand in der bereits beschriebenen Weise gegeben. Tritt am nächsten Tage Besserung ein, so war die Angabe des Orakels richtig, sonst geht man zu einem andern Nzaro, welches etwa als Nebenursache noch Verzauberung feststellt. Nunmehr wird ein Medizinmann bestellt, der die Behandlung übernimmt. So ist der Verlauf bei leichten Erkrankungen, die sich verschlechtern. Man sendet also am vierten oder fünften Tage zum Wahrsager. Tritt die Krankheit sofort in ein heftiges Stadium, wird natürlich sogleich ein Arzt gerufen, während ein andrer Nachbar zum Nzaro läuft.
Die Behandlung besteht hauptsächlich im Einritzen der Haut des ganzen Körpers und nachfolgendem Einreiben der pulverisierten Arzneimittel in die je nach Art der Behandlung leicht oder stärker blutenden Wunden. Andre Medizinen sind zum Einnehmen, flüssig oder in Pulverform, mit Honig vermischt. Alle Arzneien sind vorher vom Medizinmann bespützt bzw. angehaucht worden, indem der Hauch mit Hilfe der Zunge heftig zwischen den Lippen hervorgestoßen wurde. Der Kranke wird ebenfalls nach der Arzneibehandlung heftig bespützt, um ihm die Seelenkräfte des Arztes mitzuteilen und die bösen Zauberkräfte zu vertreiben. Die enge Verbindung zwischen Speichel und Hauch als Seelenträger tritt auch sprachlich in die Erscheinung; denn diese Art des „Anhauchens“ heißt im Chasu kutufia, abgeleitet von kutufa = ausspeien. Das Bespützen beschränkt sich oft nur auf die Medizinen, um ihnen größere Wirksamkeit zu verleihen. Bessert sich der Kranke durch die Behandlung nicht, so wird er oft von einem Dorf ins andre und schließlich in ganz erbärmliche Hütehütten geschleppt, um in der Einsamkeit den Einflüssen der bösen Zauberer zu entgehen.
Die mir im Laufe der Zeit bekanntgewordenen Behandlungsarten und Sympathiemittel, die bei einer schweren Krankheit angewandt werden, bilden sicherlich nur einen geringen Bruchteil der medizinischen Wissenschaft unsrer Wapare. Aber selbst dies Wenige ist zu zahlreich, um hier aufgeführt werden zu können. Nur das eine oder andre will ich aus dem Vielen herausgreifen, damit der Leser ein ungefähres Bild bekommt. Eine sterile Frau z. B. führt der Arzt an einen Mvumo-Baum, wo beide mit einem Messer in die Haut bzw. Rinde geritzt werden. Das austretende Blut der Frau reibt der Medizinmann in die Schnittwunden des Baumes und umgekehrt. Dabei spricht er: „Du Geist des Baumes, gehe in die Frau, und du Dämon der Frau, fahre in den Baum!“ Führt das Orakel die Krankheit auf einen vor Zeiten vergrabenen Topf zurück, so wird dieser durch einen Wünschelrutenmann aufgesucht und mit einem Schafopfer entsühnt.
Wie wir schon im Abschnitt über die Geburt erwähnten, haben die Ärzte ziemlich gute Kenntnisse von den hierher gehörigen Vorgängen. Nur verhüllen Furcht und Aberglaube das Gute immer allzu leicht. Enthauptungen und Wendungen im Mutterleibe, operative Erweiterung des äußeren Geburtsweges sind bekannt. Knochenbrüche werden geschient. Sind jemand durch einen Unglücksfall die Testes aufgeplatzt, so werden sie mit einer gewöhnlichen Nadel und Schafdarm wieder zusammengenäht. Die Ohrläppchen besonders der Frauen werden schon in der Jugend durch eingesteckte Holzplättchen und später durch Palmblattspiralen stark vergrößert, daß sie oft wie dünne Schnüre auf die Schultern reichen. Reißen sie, oder will einer, der Mode folgend, die Sache verkürzt haben, so verwundet der Chirurg die beiden Enden künstlich, legt sie aufeinander und umwickelt die Stelle mit einem Faden.
Kräuter-Dampfbäder stehen in gutem Ruf und werden häufig angewandt. Die Kräuter werden gekocht und der Topf dann vor den Patienten gestellt, der unter einer umgehängten Decke tüchtig schwitzen muß. Eine Abreibung mit dem inzwischen lauwarm gewordenen Wasser beschließt diese Art der Behandlung. Zur Ader läßt man mittels eines Schröpfkopfes (ndumiko). Dieser besteht aus einem kleinen Ziegenhorn, welches am Ende durchbohrt ist und mit einem Wachspfropfen verschlossen werden kann. Der Arzt ritzt die Haut an der zu schröpfenden Stelle, setzt das Hörnchen fest auf, saugt die Luft heraus und schließt während des Saugens die kleine Öffnung in dem Wachspfropfen mit den unteren Schneidezähnen. Bei starken Kopfschmerzen wird der Ndumiko an den Schläfen aufgesetzt, auch bei Stichen in der Brust wird er angewandt. Zauberhörnchen, welche die Vasavi dem Patienten in seinen Körper gezaubert haben, werden mittels des Schröpfkopfes wieder entfernt. Werden Zweifel laut, wie es möglich sei, daß solche Gegenstände durch die kleinen Ritzwunden hindurch ans Tageslicht befördert werden könnten, so begegnet der Medizinmann diesen mit dem außerordentlich logischen Hinweis, daß der böse Msavi beim Hineinzaubern ja nicht einmal diese Ritze gehabt habe. Was durch die heile Haut hineingehe, müsse doch durch die eingeritzte um so leichter hinausgehen. Gegen diese Logik können die Leute nichts machen, denn der „Arzt“ zeigt ihnen die ausgetretenen Gegenstände, des Patienten Lebensmut wächst, nachdem er die scheußlichen Dinge losgeworden ist, die er in der Hand des Medizinmannes gesehen hat, und diesem heiligt wohl der Erfolg die angewandten Mittel. Auch die Sühnzeremonie wendet der Arzt an, um böse Einflüsse während seiner Behandlung fern zu halten. Er nimmt zu dem Zweck ein kleines Hölzchen, bricht über dem Kopf des Kranken mehrere Stückchen ab und wirft sie fort, indem er sagt: „Das Böse, was den Mann krank macht, soll meiner Behandlung nicht entgegenstehen, sei es nun Zauber oder Ahnen oder irgend etwas anderes.“
Eine Krankheit, die früher bei den Wapare unbekannt war, ist die Besessenheit oder pepo. Diese bösen Dämonen, bzw. der Glaube an sie, sind von der Küste her über Usambara auch nach Pare eingedrungen und heute überall verbreitet. Unsre Wapare nehmen an, daß sie mit den Kleidern der Suaheli-Kaufleute eingeschleppt worden seien. Man glaubte nämlich, daß die Kleider, nachdem sie „aus dem Meere gekommen“ wären, von den Küstenkaufleuten in einen „Hain der bösen Seuchen“ gelegt würden, um auf diese Weise ihr Land zu reinigen und die Seuchen mit den Kleidern ins Land der Käufer abzuschieben. Deshalb brachte jeder vorsichtige Mwasumann seine Kleider, die er von reisenden Kaufleuten erstanden hatte, zuerst in eine Höhle, um sie da vier Tage „ablagern“ zu lassen. Mit dem zu diesem und ähnlichen Zwecken vorrätig gehaltenen trockenen Mageninhalt eines Schafes wurden sie dann entsühnt.
Der Mzuka ist der Oberste aller dieser bösen Dämonen. Es gibt eine große Anzahl von Pepoerkrankungen, die alle je nach ihrer Erscheinungsform ihren Namen tragen, z. B.:
1. Pepo ya Mzungu, Europäerdämon. Der Kranke trägt beim Beschwörungstanz einen weißen Turban, hält ein weißes Huhn in der Hand und ißt oft (wie die Europäer zum Entsetzen der Neger hier tun) rohe Eier.
2. Pepo ya Mnyindo, Dämon eines Küstenstammes. Der Kranke tanzt mit schwarzem Turban und schwarzem Huhn.
3. Pepo ya Mlungwana, Dämon eines Küstenstammes.
4. Pepo ya Mkwavi, Massaidämon. Der Kranke nimmt beim Tanz einen Massaispeer usw.
Fast ausschließlich sind es Frauen, die von der Besessenheit befallen werden. Der Beschwörer verspricht dem Dämon allerlei Liebesgaben, damit er die Kranke eine Zeitlang in Ruhe lasse. Bei dem immer heftiger und aufreizender werdenden Klang der Geistertrommeln wird die Kranke unruhig und fängt schließlich an zu tanzen, während der Medizinmann mit dem Dämon spricht. Reagiert die Patientin auf die erste Tanzmelodie nicht, so geht der Beschwörer zu einer andern über.
Die Pepokrankheit ist bei vielen Frauen zur Modesache geworden. Einige sind hysterisch veranlagt, bei andern ist die Tanzsucht so groß, daß jeder Vorwand benutzt wird, ihr zu huldigen. Erotische Momente spielen wohl auch mit hinein, denn man tanzt meist vor männlichen Zuschauern. Mehrere Wapare sagten mir selbst: „Die Dämonenbeschwörung ist oft nur eine Tanzlustbarkeit.“ Aber immerhin liegen in manchen Fällen doch krankhafte und merkwürdige Erscheinungen vor. So sah ich bei einem solchen nächtlichen Beschwörungstanz Frauen, die in ihrer Ekstase glühende Kohlen anscheinend ohne Schaden in den Mund nahmen; andre stiegen bis auf den Dachfirst und legten sich dort zum Schlafen nieder. Andre schneiden plötzlich einem Schaf die Kehle durch und trinken das hervorquellende Blut u. dgl. m. So haben die Wapare auch noch unter den Plagen andrer Stämme zu leiden. Der Islam beläßt sie nicht nur in der Furcht vor ihren Gottheiten, denen ja die meisten mohammedanischen Eingebornen im Innern nach wie vor opfern, sondern seine Träger, die Küstenleute, bringen noch neue Dämonen in ihren Vorstellungskreis, um die Herzen völlig in den Bann der Furcht zu schmieden. Für sie wie für jeden Menschen ist nur Heil im Namen dessen, der den unsaubern Geistern mit Macht gebieten konnte. Das bezeugen heute mehrere unsrer Christenfrauen fröhlichen und dankbaren Herzens. Denn seitdem sie in Jesu Tod getauft worden sind, haben sie von den bösen Geistern, die ihre heidnischen und mohammedanischen Schwestern quälen, nichts mehr zu leiden. Also nicht nur dem gesunden Heiden mit all seinen Wahnvorstellungen, die ihn peinigen, sondern in noch weit höherem Maße dem kranken Heiden können wir in seinen Nöten nur das Evangelium von Jesu bringen: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch nicht nur Kultur geben, ihr sollt auch nicht nur zu geschickten Arbeitern beim Europäer gemacht oder nur unterrichtet werden, eure eignen Äcker vorteilhafter oder in größerem Maßstabe zu bearbeiten; das sollen alles nur Folgeerscheinungen des Evangeliums sein. Aber Frieden und Ruhe will ich euch geben für eure Seelen! — Und wenn man sich nur in die Erinnerung zurückruft, daß z. B. die Mutter des zahnenden Säuglings am Ende der Zahnzeit mit dem Gruß erfreut wird, den sonst der aus Todesgefahr heimkehrende Krieger erhält, weiß man, daß die Heiden sich nach Frieden sehnen. Dies Evangelium ließ eine unsrer Christinnen auf dem Sterbebett triumphierend ausrufen: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!“ Seine Frieden bringende Kraft gab unserm treuen Lehrer Anderea Senamwai auf seinem Lager das Lied in den Mund: „Näher, mein Gott, zu Dir,“ bis der Tod ihm die singenden Lippen schloß.
Verlangt irgendein Gesunder die vorbeugende Behandlung des Medizinmannes etwa gegen Verzauberung, so muß er zuerst den „Taschenöffner“ (kichungua mfuko) in Form einer Hacke oder 25 Heller bezahlen. Gleichzeitig wird der Preis für die Behandlung (ichungwi) festgesetzt. Diese besteht gewöhnlich in einer oder zwei Ziegen, bei reichen Häuptlingen wohl auch in einer Färse. In den meisten Fällen ist die „Beruhigung“, die der Patient als einziges Resultat solcher Zauberbehandlung verspürt, mit der geforderten Ichungwi recht teuer bezahlt. Wird der Arzt dagegen zu einem Kranken gerufen, so hat dieser bis zu seiner Gesundung nichts zu zahlen, sondern holt erst später den Kichungua mfuko und Ichungwi nach. Stirbt der Patient, oder ist die Behandlung erfolglos, so ist an den oder die Ärzte nichts zu zahlen, jedenfalls eine ideale Auffassung des Berufes von seiten der afrikanischen Mediziner. Der Arzt ist gleichzeitig Apotheker, so daß auch in dieser Hinsicht keine Kosten entstehen. Nebenbei bemerkt, habe ich für das Biologische Institut in Amani eine Anzahl Arzneipflanzen der Wapare gesammelt, die z. T. in Berlin bestimmt wurden. Bei den meisten der eingesandten Exemplare war die ihnen hier von den Ärzten zugeschriebene Arzneiwirkung auch zu Hause bekannt. Die Vaganga werden also sicherlich eine große Reihe gut wirkender Heilkräuter kennen und wären wahrscheinlich in der Lage, auch unsre Kenntnis in diesem Stück beträchtlich zu erweitern.
Oft muß der Arzt wegen seiner ihm vorenthaltenen Bezahlung prozessieren. Andre sagen: „Wenn du mir mein Honorar nicht geben willst, unani, teheterire kucha (= nur zu, es ist noch nicht aller Tage Abend). Bei deiner nächsten Krankheit wirst du mich oder meine Kollegen vergeblich rufen.“ Folgende Geschichte erzählen sich die Leute von der Rache eines betrogenen Arztes:
Ein Mganga reiste durch die Landschaft Vwaga und wurde zu einem Schwerkranken gerufen, für dessen Heilung man ihm eine Kuh in Aussicht stellte. Die Heilung gelang ihm; aber man wollte dann nur noch eine Ziege zahlen. Als der Mganga sah, daß er betrogen werden sollte, hieß er seine Begleiter mit den von andern Patienten erhaltenen Ziegen usw. vorausmarschieren. Er selbst gab sich den Anschein, als mache er gute Miene zum bösen Spiel und wolle die Behandlung des Kranken noch vorerst zum Abschluß bringen. Sein Patient mußte in eine leere Hütte gebracht werden. Er befahl den Leuten, draußen stehen zu bleiben und jeden Schmerzensruf des Kranken genau so zu beantworten. Das war weiter nichts Verwunderliches, weil ja bei jeder Behandlung die Wechselgesänge üblich sind. Als er dann in der Hütte mit dem undankbaren Patienten allein war, stach er ihm zuerst mit einem Messer ein Auge aus. Der entsetzte Mann schrie: „Woyahae, jetzt werde ich nicht behandelt, er sticht mir ein Auge aus!“ Der Chor draußen antwortete: „Eeee, o weh, jetzt werde ich nicht behandelt, er sticht mir ein Auge aus!“ Der Arzt stach ihm dann auch das zweite Auge aus. Der mißhandelte Patient schrie: „Jetzt sticht er mir auch das zweite Auge aus!“ Der Chor draußen: „Eee, jetzt sticht er dir auch das andre Auge aus!“ Der Ärmste sah, daß es ihm ans Leben gehen würde und rief noch einmal: „Ihr draußen, denkt nicht, daß ich euch etwas vormache, ich werde hier getötet!“ Aber wie Hohn klang die den Draußenstehenden vom Arzte vorgeschriebene Antwort an die Ohren des Kranken: „Eee, wir denken nicht, daß du uns etwas vormachst, du wirst jetzt getötet!“ Der Mganga erstach dann den Undankbaren, bedeckte ihn mit einem Tuch und befahl den Angehörigen, nicht vor Sonnenuntergang die Hütte zu betreten, damit der Zauber nicht verderbe. Als man die Leiche abends fand, war der Mörder über alle Berge. —
Wenn die Krankheit zu Befürchtungen Anlaß gibt, so ruft der Vater seine Kinder, oder, falls sie noch zu klein sind, einen vertrauten Freund, dem er die Sorge für die Kinder und ihr Erbe ans Herz legt. Er macht ihm auch seine Gläubiger und Schuldner namhaft, damit kein Unberechtigter mit einer Schuldforderung an die Kinder herantreten noch ein Schuldner die Bezahlung verweigern kann.