Wenn Heiden sterben.
Manchmal sind alle Bemühungen der Ärzte vergeblich. Der Kranke wird ohnmächtig (esempuka), die Augen werden gläsern, und der Tod schwingt seine Sense. Eifrig beugt sich der Medizinmann über den Sterbenden, um ihm durch andauerndes Bespützen seine Seelenkräfte mitzuteilen. Von Zeit zu Zeit legt er dem Kranken die Hand aufs Herz, um zu sehen, ob es noch schlägt. Ist der Tod eingetreten, dann sagt er wohl: Nkore ya Murungu teikombolwa = Gott kann man auch durch Zahlung eines Lösegeldes seine Beute nicht entreißen. Oder er nimmt gefaßt seine zahlreichen Arzneikalabassen fort mit den Worten: „Der Tod hat uns ausgelacht,“ d. h. er hat die Partie gewonnen. Sofort stimmen die Angehörigen und alle Anwesenden die Totenklage an (ntiro). Die Gattin weint, daß sie ihren Mann nicht mehr sieht:
Die Kinder beklagen den Verlust ihres Vaters, andre tragen dem Verstorbenen weinend Grüße an ihre Lieben in der Unterwelt auf. Im Augenblick ist das Haus voll mitleidiger Nachbarn, die mitweinen und die Angehörigen trösten: „Wir wollen nicht zuviel weinen, Tränen bringen ihn nicht wieder, sonst wäre schon mancher wiedergekommen.“ Das Begräbnis findet bald nach Eintritt des Todes statt. Während die Männer das Grab schaufeln, schweigt die Totenklage, weil man sonst auf felsigen Boden stoßen würde. Dem Toten werden beide Arme auf die Brust gelegt und die Beine hoch an den Körper angezogen. Sämtlicher Schmuck und auch die Kleider werden ihm abgenommen, und völlig nackt legt man ihn in hockender Stellung in die etwa 1½ m tiefe Grube. Dabei richtet man den Leichnam mit seinem Gesicht immer nach der Gegend, in welcher die Heimat seiner Sippe liegt. Ist das Grab bis an den Hals der Leiche zugeschaufelt, stützt man den Kopf durch vier kreuzweise eingelegte Stäbe. Diese haben den Zweck, den Schädel auch nach eingetretener Verwesung in seiner Lage zu erhalten, damit man ihn später leicht auffinden und in den „Tempel“ zu den übrigen bringen kann. Auf das fertige Grab legt man zu Häupten des Leichnams einen Stein oder Topf oder auch ein Stückchen des Mugi-Baumes, welches leicht anwächst. Übrigens sind die diesbezüglichen Sitten in den einzelnen Landschaften und Sippen verschieden. So legen andre ihre Toten auf die rechte Körperseite lang ausgestreckt ins Grab. Nach getaner Arbeit begeben sich die Totengräber wieder ins Haus, wo die Klage von neuem ertönt.
War der Verstorbene ein großer Häuptling, so wurde sein Tod jahrelang geheim gehalten, und erst im vierten Jahre nach seinem Ableben erscholl die Totenklage. In den früheren unsicheren Zeiten war das von Bedeutung. Denn die Gefahr lag nahe, daß irgendein feindlicher Häuptling auf die Kunde vom Tode seines Gegners die Tage der Verwirrung benutzte, die Hinterlassenschaft gewaltsam an sich zu reißen. So aber gewann man Zeit, alles zu regeln.
Eine eigentümliche Erscheinung bilden die vatani. Der Mtani ist eine Art Sühnepriester, der die Angehörigen fremder Sippen entsühnt. Hat z. B. jemand eine Ritualvorschrift übertreten, so bringt der Mtani das wieder in Ordnung, indem er den Ahnengeistern sagt, daß es sich in dem Falle ja nur um einen Tölpel und Dummkopf handle, der keinen Verstand besäße, der Sache sei also keine Wichtigkeit beizumessen. Diese Vatani kamen auch oft ins Sterbehaus. Sie scheinen mir mit ihren derben Späßen gewissermaßen den Sieg der Lebensfreude über alle Todestrauer zu versinnbilden. Der Mtani fragte wohl mit lauter Stimme draußen vor dem Trauerhause: „Was wird denn hier für ein Fest gefeiert? Ihr singt ja eigentümliche Lieder!“ Drinnen raunen sie einander zu: „Das ist die ‚Mtani-Pest‘.“ Der läßt sich aber nicht irre machen, weist auf den frischen Grabhügel und sagt: „Wer hat denn hier nach meinen Kartoffeln gegraben?“ Man bedeutet ihm, stille zu sein, der Soundso sei gestorben; aber er entgegnet, wenn irgend ein Hund stürbe, solle man doch nicht soviel Aufhebens machen. Bei solchen Späßen können manche der Anwesenden das Lachen nur schlecht unterdrücken. Der Bann, den der Todesfall auf die Herzen gelegt hatte, ist gebrochen, wenn auch auf eine uns Christen recht kläglich anmutende Art. Immerhin hat einer angesichts des Todes den Mut gefunden, zu rufen: „Es lebe das Leben!“ Etwas Ähnliches haben wir bei uns wohl in der lustigen Musik und dem Schmaus nach einem Begräbnis. Die Totenklage dauert zwei Tage. Am dritten Tage früh am Morgen versammeln sich die Verwandtschaft und einige Nachbarn im Sterbehause. Der Mtani ist auch da und nimmt sich gleich die Pfeife des Verstorbenen, um daraus zu rauchen. Die andern sagen ihm: „Du darfst doch nichts von der noch unentsühnten Hinterlassenschaft in Gebrauch nehmen!“ Der Spottvogel erwidert aber kaltblütig: „Unsinn, was ist denn da zu entsühnen, wenn so ein Kerl ins Gras beißt. Übrigens ist er mir gerade eben noch begegnet, er ist also gar nicht tot.“ Hat man noch dies und jenes besprochen und geordnet, gehen alle zum Fluß, wo der Mtani die Kleider des Verstorbenen wäscht. Die Witwe und der Erbe waschen sich am ganzen Körper, die andern nur Gesicht, Hände und Füße. Der Mtani führt dann den Zug wieder ins Haus zurück, wo er die soeben gereinigten Kleider sowie auch die Hinterbliebenen selbst mit dem Mageninhalt einer inzwischen geschlachteten Opferziege völlig entsühnt. Die Kleider übergibt er nach Vornahme noch andrer Zeremonien dem Bruder oder Erben und höhnt ihn: „Du freust dich ja doch, daß er tot ist und du all die Kleider und Frauen erben kannst!“ Und den andern ruft er glückstrahlend zu: „Doch eine schöne Sache, solch ein Todesfall; wenn der jetzt nicht gestorben wäre, hätten wir heute keinen Festbraten!“ Das gebratene Fleisch wird an die Anwesenden verteilt, das übrige nimmt man mit nach Hause. Diese Trauerfeier nennt der Mpare fwire. Am gleichen Tage finden die oft schwierigen Verhandlungen betreffs der Erbschaft statt, und die Hinterlassenschaft samt den Frauen gehen in klarliegenden Fällen in den Besitz des Bruders über.
Am folgenden Tage werden den Hinterbliebenen vom Mtani die Kopfhaare abrasiert. Einige Tage später ritzt er ihnen leicht mit einem Messer die Schläfen, Stirn und alle Gelenke. Jeder kaut eine stark ölhaltige Nuß, und reibt sich mit dem so erhaltenen Brei ein. Die Rückstände werfen sie, ohne sich umzusehen, unter einen großen Baum mit den Worten: „Das Schlechte lassen wir hier zurück!“ Damit sind die Reinigungszeremonien beendet. Den Abschluß bildet auch hier ein kühler Trunk des bereitgestellten Bieres. Man erzählt sich noch dies oder jenes von dem Verstorbenen und tröstet sich damit, daß „die Erde nicht auswählt“, d. h. der Tod jeden wahllos ereilt, ja, sogar den Guten eher als den Schlechten; denn „der beste Pfeil bleibt nicht lange im Köcher“!
Zu erwähnen bleibt noch, daß man für eine Mwai, die vor beendetem zweiten Frauenfeste gestorben ist, das Fest zu Ende führt, damit sie nicht unfertig in die Unterwelt fahre. Es handelt sich hier um eine ähnliche Anschauung, wie sie bei uns der Nottaufe zugrunde liegt, indem auch hier die unbiblische Art der Taufe den Charakter eines heidnischen Zaubergebrauches angenommen hat.
Hat der Tote irgendein Gebrechen, sei es eine Wunde oder eine Geschwulst, so wird das betreffende Glied abgeschnitten und besonders begraben, damit die ganze Sippe nicht an denselben Übeln erkrankt. Stirbt eine schwangere Frau, so schneidet man den Leib auf und begräbt das Kind besonders. Leute, die an den Pocken gestorben waren, ließ man unbegraben im Busch liegen. Recht barbarisch war das Verfahren, sich der Aussätzigen zu entledigen; denn starben solche Leute zu Hause, glaubte man, die schreckliche Seuche würde die ganze Sippe befallen. Merkte man also, daß die Krankheit weit vorgeschritten war, besprach man sich mit den Angehörigen der Sippe und dem Sohne, welcher seine Zustimmung zur Beseitigung des Vaters geben mußte. Dann rief man acht Vatani. Vier von ihnen nahmen den sich heftig sträubenden Kranken und schleppten ihn weit fort in den Busch unter eine große Kandelabereuphorbie. Der Aussätzige wußte natürlich beim Erscheinen der Vatani sofort, was ihm bevorstand, und verfluchte seine grausamen Henker oder bat sie flehentlich, ihn doch nicht zu töten. Diese aber hießen ihn vorwärtsschreiten. An der Stelle, wo der zu fällende riesige Baum niedergehen mußte, wurde das Opfer festgebunden. Krachend fiel dann unter den Axtschlägen der Männer die Euphorbie um und bildete sofort mit ihren dornigen Zweigen einen Grabhügel über dem Kranken. Die andern vier Vatani schafften unterdes sämtliche Kleider und Gebrauchsgegenstände des Aussätzigen herbei und legten die Sachen neben dem Baume nieder. An Ort und Stelle wurde dann eine Sühneziege geschlachtet, an deren Fleisch die Männer sich nach der grausigen Arbeit stärkten.
Krankheit und auch Tod haben für den Mwasu stets tieferliegende Ursachen, die das Orakel feststellen muß. Die überlebenden Verwandten lassen sich nach einem Todesfall vom Nzaro eiligst die innere Ursache angeben; denn solange das betreffende Seelentier oder der Ahnengeist, auf dessen Einfluß das Orakel den Tod zurückführt, nicht versöhnt ist, schweben sie ebenfalls in Todesgefahr. So tritt uns auch hier wiederum das Grundübel des Animismus entgegen, die Furcht, die sich den Leuten an die Sohlen heftet und sie nicht nur während der Krankheit eines Familiengliedes, sondern selbst über dessen Tod hinaus ängstigt.
Vor einigen Jahren starb Rebeka, die Frau unsres Lehrers Petero Mlungwana in Usukuma. Er war mit seiner Gefährtin einem Ruf in unser dortiges Missionsfeld gefolgt, und diese erkrankte dort nach einigen Monaten am Schwarzwasserfieber. Unsre Pare-Lehrer waren gerade in der Kapelle in Kihurio versammelt, als die Nachricht eintraf. Wie ich nachher hörte, knieten sie alle nieder und baten Gott um Kraft für ihren Genossen in der Fremde. Ein Auszug aus einigen Briefen, welche sie ihm dann schickten, möge hier als Abschluß des Kapitels Platz finden. So schrieb der Lehrer Hezekieli Kibwana aus Buiko: „An meinen Bruder Petero! Ich habe gehört, daß Deine Frau verschieden ist. Ich weiß, jetzt bist du in großer Traurigkeit; aber wir alle kennen ja die Geschichte des Hiob. Ich bitte dich, laß das Wort in Offenbarung 2, 10 in dein Herz geschrieben sein. Du kennst mich, Petero, ich kann dir nicht viel sagen, denn du bist ja kein Unwissender. Du weißt, daß Reichtum und Armut, Trauer und Freude bei Gott alles eins ist. Du weißt auch, daß Gott unfehlbar ist. Man kann ihn nicht belehren, warum hast du es nicht so oder so gemacht. Verkündige Du nur den Namen Jesu mit Macht! Mache seine Wunder und seinen Ruhm kund! Denn unsre Hoffnung besteht nicht in einem Leben auf dieser Welt sondern in dem zukünftigen. Du weißt, wenn es mir möglich wäre, so käme ich jetzt zu Dir, aber ich habe keinen Weg. (Es war während des Weltkrieges). Aber da ist einer, dem niemand den Weg versperren kann, das ist der Herr Jesus. Sein Wort wird dich stärken und dein Herz erfreuen. Ja, Bruder, dieser Tod ist der Sünde Sold, wir können dem nicht aus dem Wege gehen; unsre Hoffnung aber ist die Wiederkunft des Herrn Jesu, der uns aus aller Not erlösen wird. Dann werden wir nie mehr Trauer haben oder den Tod sehen, sondern im ewigen Reich wohnen und ewiges Leben haben. Lies 1. Thessalonicher 4, 13–18 ....“
Der Schwager des Petero schrieb: „.... Als ich hörte, daß meine Schwester gestorben sei, habe ich große Not in meinem Herzen gehabt, nicht meiner Schwester wegen; denn wenn sie im Glauben gestorben ist, dann steht ja geschrieben: ‚Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.‘ Aber ich habe Schmerz deinetwegen gehabt. Hat meine Schwester, bevor sie starb, noch irgendein Wort Gottes gesagt, dann schreibe mir darüber ....“
So befreit die selige Hoffnung des Christen den Heiden nicht nur im Leben von der Götzenfurcht, sondern läßt ihn auch angesichts des Todes nicht verzagen und verhilft ihm zu einer tiefer gegründeten Lebensfreude, als die faden Späße des Mtani dem Heiden zu geben vermögen. Und wenn behauptet wird, das Christentum verdüstere die Gemüter, so kann der Gegenbeweis nicht schlagender erbracht werden als durch eine kleine Christenschar, die am offenen Grabe freudig und triumphierend singt: