Sie sprach zum erstenmal vom Sterben, und es war gut, daß die klavierspielenden Finger drüben in erneuter Kraft über die Tasten flogen und die drei alten Herren am Kamin im lebhaften Disput ihre Stimmen erhöhten; denn der letzte Ausruf der Kranken hatte laut und leidenschaftlich geklungen; Käthe stieß sie verstohlen an — die Präsidentin warf einen scharfen mißbilligenden Blick über die Augengläser hinweg nach dem Theetisch. Henriette nahm sich augenblicklich zusammen. »Ah bah, kann mir das jemand verdenken?« sagte sie frivol und spöttisch die Achseln emporziehend. »Niemand stirbt gern allein. Der Arzt ist dazu da, daß man bis zum letzten Augenblick Hoffnung aus seinem Zuspruch schöpft.«
Käthe wußte genug. Die Kranke ging nicht mit ihr nach Dresden. Sie wies die Tasse Thee zurück, die ihr Henriette mit hastigen Händen füllte, und zog eine angefangene kleine Stickerei aus der Tasche.
»Ach, lasse den Kram doch stecken!« sagte Henriette ungeduldig. »Glaubst du, ich bleibe gefälligst hier sitzen und sehe in grenzenloser Langmut zu, wie du den weißen Faden aus- und einziehst?« Sie erhob sich und schob ihren Arm in den der Schwester. »Gehen wir in das Musikzimmer! Margarete Giese schlägt uns noch das Instrument und die Nerven entzwei, wenn wir der Quälerei nicht ein Ende machen.«
Sie gingen in den anstoßenden Salon, aber die Dame am Klavier, die in ihren eigenen Leistungen schwelgte, blieb unangefochten ... Die breite Flügelthür, die in Floras Arbeitszimmer führte, stand, wie gewöhnlich an den kleinen Empfangsabenden, weit offen; man konnte das ganze große Zimmer übersehen. Es erschien mit seinem gedämpften Ampellicht fast dämmerig neben den brillant erleuchteten anderen Räumen, und seine dunkle Purpurfarbe nahm in den Ecken ein düsteres Schwarz an.
Flora stand mit nachlässig verschlungenen Händen am Schreibtisch, während der Kommerzienrat bequem im nächsten Fauteuil lag. Doktor Bruck aber blätterte stehend in einem Buche. Er sah ungewöhnlich bleich aus; der von oben herabfallende Lampenschein ließ zwei finstere Stirnfalten und einen tiefen Schatten unter seinen Augen scharf hervortreten, und doch erschien sein ausdrucksvoller Kopf merkwürdig jung im Vergleich zu der schönen Braut.
Henriette ging ohne weiteres hinüber — das Brautpaar war ja nicht allein — Käthe aber, welche sie mit sich zog, setzte nur zögernd den Fuß auf die Schwelle; Floras Mienen stießen sie zurück; es lag etwas Zornmütiges, Ungeduldiges darin. Sie war offenbar sehr übler Laune. Ihr Blick lief auch sofort mit sarkastischem Ausdruck über die Gestalt der Schwester hin, die heute zum erstenmal das monotone Schwarz der Kleidung mit dem hellen Grau der Halbtrauer vertauscht hatte.
»Komm nur herüber, Käthe!« rief sie, ohne ihre Stellung zu verändern. »Bist zwar wie gewöhnlich in starrer Seide, siehst aus wie ein papierner Christengel und machst den robustesten Menschen nervös mit dem ewigen Rauschen und Knistern. Sage mir nur um des Himmels willen, warum du immer diese entsetzlich schweren Stoffe trägst,« unterbrach sie sich, »die passen doch zu deinem Küchenamt in Dresden wie die Faust aufs Auge.«
»Das ist meine Schwäche, Flora,« antwortete Käthe ruhig lächelnd. »Es mag schon kindisch sein, aber ich höre so gerne Seide um mich rauschen — es klingt so majestätisch. Bei meinem ‚Küchenamt‘ trage ich sie selbstverständlich nicht, wie du dir wohl selbst sagen wirst.«
»Schau, wie stolz sie das ‚Küchenamt‘ zugibt! Närrisches Ding! Ich möchte dich einmal sehen in der Leinenschürze hinter rußigen Töpfen. Nun, jeder nach seinem Geschmack — ich danke.« Ihre großen grauen Augen richteten sich langsam und lauernd auf das Gesicht des Doktors, der eben ruhig das Buch zuschlug und es auf den Tisch zurücklegte.
Käthe fühlte, wie sich Henriettens kleine Hand auf ihrem Arm zur Faust ballte. »Ach, geh doch, Flora!« rief sie scheinbar heiter und amüsiert; »vor noch fünf Monaten hast du oft genug zwischen Christels Kochtöpfen drunten in der Küche gewirtschaftet — ob gerade geschickt, das will ich nicht behaupten — aber das gutgemeinte Bestreben und die hübsche weiße Latzschürze stand dir prächtig.«
Flora biß sich auf die Lippen. »Du faselst wie gewöhnlich und bist damals nicht fähig gewesen, eine scherzhafte Anwandlung als das zu nehmen, was sie hat sein sollen — eine kleine Kaprice.« Sie schlug die Arme unter, und den Kopf gedankenvoll gesenkt, ging sie langsam einige Schritte an den Fenstern hin. Sie sah sehr schön aus in der weißen Alpakaschleppe, die ihr lang und weich nachfloß.
Der Kommerzienrat sprang auf. »Nun, Flörchen, ist es dir gefällig, mit hinüber zu kommen?« fragte er. »Der Salon ist heute zum Verzweifeln leer — aus guten Gründen; es ist ja diplomatische Soiree beim Fürsten,« beruhigte er sich selbst. »Wir müssen aber ein wenig Leben hineinzubringen suchen, sonst haben wir die Großmama einige Tage verstimmt und schlecht gelaunt.«
»Ich habe mich bereits für eine halbe Stunde noch entschuldigt, Moritz,« sagte sie ungeduldig. »Ich muß den Artikel, den ich unter der Feder habe, heute noch schließen. Das Manuskript läge längst fertig da, wenn Bruck nicht dazwischen gekommen wäre.«
Der Doktor war an den Schreibtisch getreten. »Eilt das so sehr? Und weshalb?« fragte er, nicht ohne einen leisen Anflug von Humor in Gesicht und Stimme.
»Weshalb, mein Freund? Weil ich mein Wort halten will,« versetzte sie spitz. »Ah, das amüsiert dich! Es ist allerdings nur Frauenarbeit, und du begreifst natürlich nicht, wer in aller Welt auf eine solche Bagatelle warten mag.«
»So denke ich nicht über die Frauenarbeit im allgemeinen —«
»Im allgemeinen!« persiflierte sie hart auflachend. »Ach ja, der allgemeine, landläufige Begriff: Kochen, Nähen, Stricken —« zählte sie an den Fingern her.
»Du hast mich nicht ausreden lassen, Flora,« sagte er gelassen. »Ich bezog mich ebensowohl auf die geistige Thätigkeit wie auf die Handarbeit. Ich stehe der Frauenfrage durchaus nicht fern und wünsche, wie alle Billigdenkenden, daß die Frau die Mitstrebende, die verständnisvolle Gehilfin des Mannes auch auf geistigem Gebiete werde.«
»Gehilfin? Wie gnädig! Wir wollen aber keine Gnade, mein Freund; wir wollen mehr; wir wollen Gleichstrebende, Gleichberechtigte nach jeder Richtung hin sein.«
Er zuckte die Achseln und lächelte; sein interessantes Gesicht erschien durch dieses Gemisch von leisem Spott und nachsichtiger Milde ungemein beseelt. »Das ist ja die höchste Potenz der modernen Ansprüche und Forderungen, von der sich die Verständigen längst wieder abgewendet haben, und welche die Freunde des Fortschrittes auf staatlichem und religiösem Boden bekämpfen werden, solange die Frauenwelt Exzesse begeht, wie die Bet-Orgien in den Straßen der amerikanischen Städte, solange sie urteilslos und fanatisch mit dem schwarzen Heer der Beichtväter zu gehen pflegt. Das hieße ein mörderisches Messer in eine kleine, unvorsichtige Hand drücken.«
Flora erwiderte kein Wort. Sie war marmorweiß geworden. Anscheinend gleichmütig nahm sie eine Stahlfeder, probierte sie auf dem Daumennagel und steckte sie in den Federhalter. Dann zog sie einen Kasten auf und ergriff mit etwas unsicher tappender Hand einen kleinen Gegenstand.
Henriette riß plötzlich mit einem gewaltsamen Ruck ihren Arm aus dem der Schwester und trat einen Schritt vorwärts, während der Kommerzienrat so rasch aus dem Zimmer ging, als habe er etwas zu besorgen vergessen. Käthe erschrak — sie sah, wie die edelgeformten Finger dort leicht bebend nach dem Federmesser griffen und die Spitze der aus dem Kasten genommenen Cigarre abschnitten.
»Auch ein Messer, das wir nicht führen sollen, zu diesem Zweck nämlich,« sagte Flora mit erzwungenem Scherz halb über die Schulter nach dem Doktor hin, der während des Sprechens einmal im Zimmer auf und ab gegangen war. »Aber merkwürdigerweise hat unser um acht Lot ärmeres Frauengehirn doch das mit den Herren der Schöpfung gemein, daß es schärfer denkt und angeregter arbeitet — beim Rauchen.« Sie brannte die Cigarre an und schob sie zwischen die nervös lächelnden Lippen.
Die Klavierspielerin im Nebenzimmer hatte längst ihre rauschende Salonpiece geschlossen und trat in diesem Augenblick auf die Schwelle des Salons. »Flora, du rauchst, du, die den Cigarrenqualm nie ausstehen konnte!« rief sie und schlug lachend die Hände zusammen.
»Meine Braut scherzt,« sagte Doktor Bruck vollkommen ruhig. Er trat wieder an den Schreibtisch. »Sie wird es bei diesem einen Versuch bewenden lassen; ein Mehr könnte ihr teuer zu stehen kommen.«
»Willst du es mir verbieten, Bruck?« fragte sie in kaltem Tone, aber in ihren Augen glomm ein unheimliches Feuer auf. Sie hatte die Cigarre für einen Moment aus dem Munde genommen und hielt sie zierlich zwischen den Fingern.
Der Doktor schien nur darauf gewartet zu haben. Mit unzerstörbarem Gleichmut, ohne alle Hast nahm er ihr die Cigarre aus der Hand und warf sie in den Kamin. »Verbieten, als dein Verlobter?« wiederholte er achselzuckend. »Noch steht mir das Recht nicht in dem Maße zu. Ich könnte dich bitten, aber ich bin kein Freund von Wiederholungen und unnützen Worten; du hast ja gewußt, daß ich die Cigarre im Frauenmunde verabscheue. In diesem Falle verbiete ich sie einfach als Arzt — du hast alle Ursache, deine Lunge zu schonen.«
Flora stand einen Augenblick wie erstarrt vor seiner Kühnheit, und jetzt, bei seinen letzten Worten, durchzuckte es sie sichtlich; aber sie beherrschte sich sofort. »Das ist ja eine haarsträubende Diagnose, Bruck,« rief sie spöttisch lächelnd. »Und davon hat mir der abscheuliche Medizinalrat, der mich seit meiner Kindheit behandelt, nicht ein Wort gesagt. Ach was, damit schreckt man Kinder! Uebrigens habe ich keine Ursache, das Leben so zu lieben, daß ich mir zu seiner Erhaltung irgend einen Genuß versagen möchte — im Gegenteil! Ich werde nach wie vor rauchen; es ist mir dies bei meinem schriftstellerischen Beruf nötig, und dieser Beruf ist mein Glück, mein moralischer Halt; in ihm lebe und atme ich —«
»Bis dich ein unvermeidlicher Wendepunkt deinem eigentlichen Beruf zuführt,« warf der Doktor ein. Seine Stimme klang hart wie Stahl.
Ein erschreckendes Rot überflammte ihr Gesicht; sie öffnete die Lippen zu einer schneidigen, rücksichtslosen Antwort, aber ihr Blick fiel auf Fräulein Giese, die Klavierspielerin, das mokante Hoffräulein, das mit spitzem Gesicht und spitzen Schultern vorgeneigt auf der Schwelle stand, als sauge sie mit Ohren und Augen, ja mit allen Poren aus diesem scharfen Wortwechsel und den verlegenen Gesichtern der Umstehenden das Material zu einem vergnüglichen Hofklatsch, und der war nichts weniger als erwünscht. Flora wandte sich plötzlich mit einer graziös schmollenden Bewegung ab. »Ach, geh doch, Bruck!« schalt sie. »Wie prosaisch! Kommst eben von einer Vergnügungsreise zurück, hast dich amüsiert —«
Sie verstummte — Bruck hatte mit festem Druck ihr Handgelenk umfaßt. »Willst du die Freundlichkeit haben, meinen Beruf aus dem Spiel zu lassen, Flora?« fragte er, seine Worte scharf markierend.
»Ich sprach von Vergnügen,« antwortete sie impertinent und zog ihre Hand aus der seinen.
Das Gesicht der Präsidentin mit seinem kühlen Ausdruck war Käthe zu allen Zeiten unsympathisch und flößte ihr bei einem unerwarteten Entgegentreten stets eine Art von scheuem Schrecken ein; in diesem Augenblick aber atmete sie freier auf, als die alte Dame plötzlich in das Zimmer trat. Sie kam ungewöhnlich rasch, sichtlich verdrießlich und ärgerlich. »Ich werde wohl künftig meine Spieltische hierher stellen müssen, wenn ich nicht will, daß meine Freunde vernachlässigt werden,« sagte sie in sehr gereiztem Tone. »Wie kannst du zu so früher Stunde schon die Theemaschine im Stiche lassen, Henriette? Es wird mir nichts übrig bleiben, als meine Jungfer dahinter zu setzen. Und dich, Flora, begreife ich nicht, wie du dich an den Schreibtisch zurückziehen magst, wenn wir Gäste haben. Wirst du wirklich von deinem Verleger so gedrängt, daß du abends arbeiten mußt, dann schließe deine Thür, wenn die Sache nicht sehr nach Ostentation und gelehrter Koketterie aussehen soll!« Sie mußte sehr aufgebracht sein, daß sie sich so unumwunden vor einer Dame vom Hofe aussprach.
Flora legte ihr Manuskript zurecht und tauchte die Feder ein. »Beurteile das, wie es dir beliebt, Großmama!« sagte sie kalt. »Ich kann nicht dafür, daß man mich hier aufsucht, und säße längst mit Aufopferung meiner selbst an einem deiner grünen Tische, wenn man mich nicht gestört hätte.«
Henriette schlüpfte an der Präsidentin vorüber und winkte Käthe verstohlen, ihr zu folgen. »Diese Aufregungen töten mich,« flüsterte sie drüben im leeren Musikzimmer.
»Sei ruhig! Flora kämpft vergeblich; er zwingt sie doch zu seinen Füßen,« sagte Käthe mit eigentümlich erregter Stimme. »Aber ihn begreife ich nicht. Wäre ich ein Mann wie er —« Sie richtete sich mit flammenden Augen hoch und stolz empor.
»Weißt du, wie die Liebe thut, Käthe? Richte nicht! Du mit deinem kühlen Blicke und blumenfrischen Gesichte bist noch unberührt von dem rasenden Rausche, der die Menschenseele erfaßt.« Sie unterbrach sich und schöpfte tief und mühsam Atem. »Du weißt ja nicht, wie hinreißend und verführerisch Flora sein kann, wenn sie will; du kennst sie nur in ihrer jetzigen nichtswürdigen Rolle, diese feige, selbstsüchtige, erbarmungslose Seele. Wer sie einmal Liebe gebend gesehen hat, der begreift, daß ein Mann eher den Tod sucht, als daß er sie aufgibt.«
9.
Sie ging, ihr vernachlässigtes Amt am Theetische wieder aufzunehmen, Käthe aber blieb am Flügel stehen und blätterte in den Noten. Die letzten Worte Henriettens hatten sie tief bewegt. War verschmähte Liebe wirklich so seelenerschütternd, daß man um ihretwillen sterben möchte? Und hatte sie diese tragische Gewalt auch über einen Mann wie Bruck?
Er verließ eben mit festen Schritten Floras Zimmer; auch die Präsidentin rauschte eilig vorüber; es hatten sich noch zwei ältere Damen im Salon eingefunden, welche sie begrüßen mußte. Die Thür nach dem Arbeitszimmer blieb nach wie vor offen; jedenfalls wurde der fragliche Artikel konsequentermaßen beendet, denn nachdem auch Fräulein von Giese wieder herübergekommen war und sich abermals präludierend an den Flügel gesetzt hatte, wurde es ganz still drüben.
Käthe verfolgte mit einem Seitenblick den Doktor, wie er den Salon durchschritt. Er trat an den Theetisch, um mit Henriette zu sprechen; allein eine der neu angekommenen Damen hielt ihn fest und verwickelte ihn in ein Gespräch. Er war ritterlich verbindlich und sehr ruhig in seinen Gebärden, aber Käthe hatte vorhin bei Floras maliziöser Antwort eine Flamme in seinen Augen lodern sehen; er hatte jäh die Farbe gewechselt, und auch jetzt noch brannte ein erhöhtes Rot auf seinen Wangen — er war nicht so ruhig heiter, wie er zu sein schien. Und seine schöne Widersacherin drüben im roten Arbeitszimmer war es ebensowenig; schon nach fünf Minuten stieß sie hörbar ungeduldig den Stuhl zurück und kam herüber.
»Nun, Flora, schon fertig?« fragte das Hoffräulein und ließ die unermüdlichen Finger in Terzen über die Tasten laufen.
»Bah, glaubst du, man schüttelt einen wirksamen Schluß nur so aus dem Aermel? Ich bin eben nicht mehr aufgelegt, und ohne Inspiration schreibe ich nun einmal nicht; dazu ist mir der Schriftstellerberuf zu heilig.«
Fräulein von Giese zwinkerte eigentümlich boshaft mit den Augen; sie hatte einen falschen Blick. »Ich bin sehr gespannt, wie die Kritik dein großes Werk ‚Die Frauen‘ aufnehmen wird. Du hast uns so viel davon erzählt. Hat der Verleger es angenommen?«
Flora hatte das Augenspiel wohl bemerkt. »Es wäre euch schon recht, ihr treuen Seelen, wenn es Fiasko machte — nicht wahr, Margarete?« sagte sie beißend. »Aber das Gaudium erlebt ihr nicht; das sagt mir mein — nun, mein kleiner Finger.« Sie lachte leise und übermütig, schüttelte die duftigen Löckchen aus der Stirn und schickte sich an, den Salon mit jener vornehmen Nachlässigkeit zu betreten, welche sie wie eine stolze Fürstin anzunehmen wußte.
»Kind, du stehst ja da, mit dem Notenhefte in der Hand, als wolltest du auch unsere Ohren in Anspruch nehmen,« sagte sie im Vorübergehen zu Käthe mit spöttischem Tone und einem sprechenden Seitenblicke nach der emsigen Klavierspielerin. »Singst du denn?« Käthe schüttelte den Kopf. »Das müßte ein Sommerserbteil sein; unsere Familie hat keine Singstimmen.«
»Ja, Flora, Käthe treibt Musik,« rief der Kommerzienrat herüber. Er sprach mit einem Herrn in der Nähe der Thür und trat jetzt näher. »Ich weiß es aus den Rechnungsbelegen der Doktorin. Viel Geld, Käthe! Ich habe es dir schon sagen wollen: Du hast sehr teure Lehrer.«
Das junge Mädchen lachte. »Die besten, Moritz. Wir in Dresden sind praktische Leute; das Beste ist das Billigste.«
»Nun, mir ist's schon recht. Hast du denn aber auch Talent?« fragte er in zweifelhaftem Tone; »die musikalische Begabung lag allerdings nicht in der Familie Mangold.«
»Den Trieb wenigstens,« versetzte sie einfach, »und die Neigung, Melodien zu ersinnen.«
Flora, die eben auf die Schwelle des Salons trat, wandte sich überrascht um. »Geh doch, Käthe!« sagte sie hastig. »Melodien ersinnen! Du siehst mir danach aus mit deinen roten Backen und deiner Hausfrauenerziehung. Eine Polka oder ein Walzer läuft wohl jedem, der gerne tanzt, einmal durch den Kopf —«
»Und ich tanze leidenschaftlich gern, Flora,« unterbrach Käthe sie heiter und aufrichtig bekennend.
»Siehst du? Wer wird sich da gleich den Anschein tiefsinniger Produktivität geben! Und darauf hin nimmst du wohl gar Unterricht in der Komposition?«
»Ja, seit drei Jahren.«
Flora schlug die Hände zusammen und kam ganz erregt in das Musikzimmer zurück. »Ist denn deine Lukas« — sie nannte die ehemalige Gouvernante immer noch bei ihrem Mädchennamen — »von Sinnen, daß sie das Geld so zum Fenster hinauswirft?«
Es war ziemlich still im anstoßenden Salon. Die drei alten Herren am Kamin und die Dame, welche mit dem Doktor gesprochen, hatten eben auch einen Spieltisch besetzt; Doktor Bruck saß in leise geführter Unterhaltung neben Henriette und Fräulein von Giese pausierte aufhorchend für einen Moment; so konnte man jedes Wort dieses ziemlich lauten Gespräches drüben hören.
Henriette sprang auf und kam herüber. »Du bist musikalisch, Käthe,« fragte sie erstaunt, »und hast, solange du da bist, nicht eine Taste berührt?«
»Der Flügel steht neben Floras Zimmer; wie konnte ich denn so anmaßend sein, sie mit meinem Klavierspiel im Arbeiten zu stören?« antwortete das junge Mädchen unbefangen und natürlich. »Ich habe freilich schon den lebhaften Wunsch gehabt, und es hat mir in den Fingern gezuckt, auch einmal auf dem Instrumente hier zu spielen, denn es ist herrlich und mein Pianino daheim taugt nicht viel. Wir haben es vor fünf Jahren alt gekauft. Die Doktorin will schon seit lange ein besseres von dir fordern, aber ich war immer dagegen. Es war mir fatal, daß du von dieser Forderung auf meine Leistungen schließen könntest. Nun aber, nachdem ich heute den bewußten Schrank gesehen habe, bin ich durchaus nicht mehr so blöde; ich wünsche mir ein Instrument wie dieses.«
»Es kostet tausend Thaler; tausend Thaler für eine kleine Mädchenpassion! Das will überlegt sein, Käthe.«
»Und wer im Hause spielt denn auf eurem Instrumente?« fragte sie jetzt mit fast harter Stimme und aufglühenden Augen; man sah, sie war im Innersten verletzt. »Wem verschafft es einen Genuß in stillen Stunden? Es steht nur für Gäste da. Muß denn das Kapital immer so angelegt sein, daß es nur brilliert?«
Der Kommerzienrat trat ihr ganz betroffen näher und erfaßte ihre Hand; er hatte diesen Ausdruck voll Energie und eigener fester Urteilskraft noch nicht in dem blühenden Mädchenantlitze gesehen. »Ereifere dich nicht, liebes Kind!« begütigte er. »Bin ich denn je ein harter und knickeriger Vormund gewesen? Geh, spiele eine Piece und beweise uns, daß dir die Beschäftigung mit der Musik wirklich Herzenssache ist! Mehr verlange ich gar nicht, und du sollst ein Instrument haben, wie du es dir wünschest.«
»Nun, nach dem Vorhergegangenen thue ich's nicht gern,« sagte sie aufrichtig und unumwunden und entzog ihm ihre Hand. »‚Erspielen‘ will ich mir den Flügel keinenfalls, wer weiß denn, was für eine Leistung du unter der ‚Herzenssache‘ verstehst! Aber ich werde meine Noten holen, weil mir das ‚Sichnötigenlassen‘ verhaßt ist.«
Sie wollte sich entfernen.
»Wozu denn Musikalien? Spiele doch eine deiner ‚Kompositionen‘!« sagte Flora, ein sardonisches Lächeln halb verbeißend.
»Ich kann auch meine eigenen Arbeiten nicht auswendig,« antwortete Käthe hinausgehend.
Sie kam sehr rasch mit einem Notenhefte in der Hand zurück. Während sie sich auf den Klavierstuhl setzte, den ihr Fräulein von Giese bereitwillig einräumte, nahm Flora das Heft vom Notenpulte. »Von wem?« fragte sie, das Titelblatt aufschlagend.
»Nun, hast du nicht eine Komposition von mir zu hören gewünscht?«
»Allerdings, aber du hast dich vergriffen — das Tonstück da ist ja gedruckt —«
»Ganz recht. Es ist gedruckt.«
»Mein Gott, wie kommt denn das?« fuhr Flora so rasch, so naiv erstaunt und betreten heraus, daß sie auf einen Augenblick ihre selbstbewußte Haltung einbüßte.
»Ja, Flörchen, wie kommt es denn, daß deine Sachen gedruckt werden?« fragte Käthe scherzend, mit Humor zurück und legte ihre schönen, schlankgebauten Hände auf die Tasten. »Ich will dir sagen, wie ich zu der Ehre gekommen bin,« setzte sie schnell und begütigend hinzu — Flora hatte offenbar ihre Antwort sehr übel genommen; sie richtete sich beleidigt empor und sah mit hochmütigem Blicke auf die junge Schwester herab. »Meine Lehrer haben die ‚Phantasie‘ heimlich drucken lassen, um mir eine Geburtstagsfreude zu machen.«
»Ah so — das konnte man sich denken,« sagte Flora und legte die Noten auf das Pult zurück.
Henriette war währenddem hinter ihr weggeschlüpft; sie bog sich über Käthes Schulter und zeigte mit dem Finger auf das Titelblatt. »Lasse dir doch nichts weismachen, Flora!« rief sie auflachend. »Sieh her! Da steht der berühmte Verlag von Schott und Söhne — die Firma gibt sich doch zu einem Geburtstagsspaße nicht her. Käthe, sage die Wahrheit!« bat sie mit strahlenden Augen. »Man spielt deine Sachen draußen in der Welt — sie werden gekauft?«
Das junge Mädchen nickte errötend und bestätigend mit dem Kopfe. »Die Wahrheit ist aber auch, daß ich um mein eigenes Hinaustreten nicht gewußt und das erste Opus gedruckt auf meinem Geburtstagstische gefunden habe,« sagte sie und begann ihren Vortrag.
Es war eine ganz einfache Melodie, welche an das Ohr der Hörer schlug, aber schon nach einigen Takten ließen die am Spieltische Sitzenden die Whistkarten sinken, so samtweich quollen die Töne aus dem Instrumente, und so durch und durch originell und herzergreifend klang die neue Weise. Die junge Komponistin saß da, die Augen ernst sinnig auf die Noten geheftet, in so ruhiger Haltung, daß man das schwarze Jettkreuz auf ihrer Brust unter den Atemzügen beben sehen konnte. Da war kein Brillieren mit Fingerfertigkeit, kein »Wühlen in den Tönen« — man fragte sich nicht, ob das Spiel korrekt sei; man dachte überhaupt nicht an das Spiel, so wenig wie man bei einem erschütternden Gesange an die Mundstellung des Sängers denkt, und als die Melodie schwieg, die nicht einmal zum Schlusse in die rauschende Gangart eines modernen Konzertstückes verfallen war, da blieb es noch einen Augenblick so atemlos still, als dürfe die entfliehende Tonseele, die eben noch so innig gesprochen, nicht durch lautes Geräusch erschreckt werden. Dann aber wurde es lebendig drüben im Salon; die Herren riefen: »Bravo!« — »Scharmant!« — »Superb!«, und die Damen bedauerten, daß der Papa Mangold das nicht erlebt habe. Man war überrascht, gerührt und — griff wieder zu den Karten.
»Die reizende ‚Phantasie‘ müssen Sie mir geben, Fräulein. Ich werde sie der Fürstin vorspielen,« sagte die Hofdame mit Protektormiene.
»Und den schönsten Konzertflügel, der je gebaut worden ist, sollst du haben, Käthe!« setzte der Kommerzienrat enthusiastisch hinzu.
Henriette aber schmiegte liebkosend ihr blasses Gesicht an die blühende Wange der Schwester und flüsterte mit feuchten Augen: »Du Auserwählte!«
Schon nach den ersten Tönen war Flora wie verscheucht vom Flügel weggetreten und geräuschlos hinausgegangen. Langsam glitt sie drüben im roten Zimmer hin und wieder, bei jeder herzerschütternden Wandlung der Melodie einen förmlich erschreckten Blick nach dem genialen Mädchen am Klavier werfend, und nun, als der letzte Ton verklungen, war die ruhelos schwebende weiße Gestalt verschwunden; sie hatte sich jedenfalls in die Schreibtischecke am Fenster zurückgezogen.
»Ah, mir scheint, Flora nimmt es übel, daß sie nun nicht mehr die einzige ‚Berühmtheit‘ der Familie Mangold sein wird,« sagte Fräulein von Giese halb für sich, halb zum Kommerzienrat gewendet mit boshaftem Geflüster.
Der Kommerzienrat lächelte; er lächelte stets, wenn jemand vom Hofe vertraulich zu ihm sprach, aber er vermied es, zu antworten.
»Auf deine Doktorin bin ich übrigens sehr böse, weil sie mir niemals Näheres über deine musikalische Begabung mitgeteilt hat,« sagte er zu Käthe, die eben ihren Platz am Flügel verließ.
Sie lachte.
»Bei uns daheim wird überhaupt kein Aufhebens davon gemacht,« versetzte sie unbefangen. »Die Doktorin ist eine Frau, die mit ihrem endgültigen Urteil kargt und zurückhält; sie weiß, daß ich noch sehr viel zu lernen habe.«
»Ach, geh mir doch! Das ist schon mehr spartanische Erziehung —«
»Oder auch das ausgesuchteste Raffinement, mit welchem man einen großen Erfolg in Szene zu setzen wünscht,« fiel Flora ein, die eben unter die Thür trat; ihr Gesicht glühte wie im Fieber. »Mir machst du nicht weis, Käthe, daß du so harmlos bescheiden über dein Talent denkst, daß du wirklich so wenig Gewicht darauf legst, um bei einem fünftägigen Aufenthalte in unserem Hause gar nicht zu thun, als könntest du auch nur eine Note — das ist falsch, hinterlistig gegen mich, gegen uns alle.« Der aufquellende Groll erstickte fast ihre schöne, klangreiche Stimme.
»So urteilst du, Flora?« brauste Henriette empört auf. »Du, die nie müde wird, ihre schriftstellerischen Bestrebungen, ihre ‚gelehrten Studien‘ in jedes Gespräch zu ziehen und breitzutreten, die sich in ihrem Bekanntenkreise bereits auf Erfolge stützt, welche noch abzuwarten sind —«
»Henriette, besorge den Thee!« rief die Präsidentin in scharfem, strengem Tone herüber — man war zu laut im Musikzimmer.
Die Angerufene ging grollend hinaus.
»Du irrst, Flora, wenn du denkst, ich lege kein Gewicht auf mein Talent,« sagte Käthe vollkommen ruhig, während die geistesstolze Schwester zornig an der Unterlippe nagte und die Hinausgehende mit einem bitteren Blicke verfolgte. »Dann wäre ich unwahr gegen mich selbst und auch namenlos undankbar, denn es verschafft mir himmlische Stunden. Es ist Zufall, daß ich nicht gleich bei meiner Ankunft darüber gesprochen habe; denn gerade die Musik ist schuld, daß ich einen Monat früher hierher gekommen bin. Mein Lehrer in der Komposition mußte auf vier Wochen verreisen, und weil ich dann volle zwei Monate den Unterricht eingebüßt haben würde, entschloß ich mich rasch und verließ Dresden mit ihm zugleich.«
Bei diesen letzten Worten des jungen Mädchens ging Fräulein von Giese in den Salon, sichtlich widerwillig sich losreißend — die Erörterungen waren ja doch zu pikant — aber ihr Vater, ein alter pensionierter Oberst, war eben gekommen; er mußte begrüßt werden, auch der Kommerzienrat ging hinaus.
Flora trat wieder an den Flügel und nahm das Notenheft vom Pult. Käthe sah, wie sich der schöne Busen der Schwester unter fliegenden Atemzügen hob, wie ihre Hand in nervöser Aufregung bebte; Käthe bereute bitter die Arglosigkeit, mit der sie das kleine Werk in diesem Kreise vorgeführt hatte.
»Man hat dir wohl viel Schmeichelhaftes darüber gesagt?« fragte Flora und schlug mit der umgekehrten Rechten auf das Titelblatt — ihre Augen hingen verzehrend an den Lippen der Schwester.
»Wer denn?« entgegnete Käthe. »Meine Lehrer sind ebenso zurückhaltend mit ihrem Lobe wie die Doktorin, und andere wissen nicht um meine Autorschaft; du siehst doch, der Name des Komponisten fehlt.«
»Aber das Werkchen wird viel gekauft?«
Käthe schwieg.
»Sage nur die Wahrheit! Ist es schon mehr als einmal aufgelegt worden?«
»Nun ja.«
Flora warf das Heft auf den Flügel. »Zu solch einem Backfisch mit dem dicken Posaunenengelgesicht und der unverkümmerten Seelenruhe kommt der Ruhm im Schlafe, und andere müssen qualvoll kämpfen um jede Staffel; sie sterben fast im glühenden Ringen und Streben, ehe sie auch nur genannt werden,« stieß sie bitter heraus. Sie schlug die Arme unter und ging auf und ab.
»Nun, was thut's im Grunde?« sagte sie plötzlich stehen bleibend, wie erleichtert. »Die glänzendste Rakete verpufft spurlos droben in der Luft; sie ist dagewesen, während der Feuerkern im Vesuv fort und fort glüht; die Welt weiß um sein Dasein, und wenn er seine Flammen ausstößt, dann jubelt oder zittert das Menschenherz. Ganz gut so, da sind es eben zwei aus der Familie Mangold, die hinaustreten in die Arena. Wir wollen sehen, Käthe, wer von uns beiden die brillanteste Karriere macht.«
»Ich ganz gewiß nicht,« rief Käthe heiter und strich sich ein rebellisches Löckchen aus der Stirn. »Ich werde mich hüten, in die Arena zu gehen. Denke ja nicht, daß ich unempfindlich bin gegen Erfolge! Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, zu sehen, daß man mit seinen Schöpfungen die Herzen anderer rührt und bewegt, und das gäbe ich nicht hin um alle Schätze der Welt. Aber bloß dafür und deshalb zu leben? Nein, ich sehe daheim zu viel Glück, zu viel beseligendes Zusammensein und Zusammenwirken — was hilft mir der Ruhm, wenn er mich einsam läßt?«
»Aha, da haben wir ja die Bescherung, die ganze hausbackene Quintessenz deiner Erziehung! Wie es dieses Fräulein Lukas selbst unablässig erstrebt und schließlich durchgesetzt hat, so wirst du es auch machen — du willst dich verheiraten.« Sie lachte in verletzendem Spott hell und schneidend auf.
Das köstliche Karminrot auf den Wangen des jungen Mädchens breitete sich plötzlich bis an die Haarwurzeln der Stirn; es lief selbst über den schneeweißen runden Hals hinab. »Du lachst und spottest, als sei es dir nie eingefallen, dasselbe zu thun,« sagte sie entrüstet, aber mit unwillkürlich gedämpfter Stimme, »und doch —«
Flora streckte so rasch die Hand aus, als wolle sie die schönen Mädchenlippen zupressen. »Bitte, kein Wort weiter!« rief sie gebieterisch. Sie verschränkte die Arme wieder unter dem Busen und neigte langsam zustimmend den Kopf. »Ja, mein sehr weises Fräulein, ich war allerdings für einen Moment so schwach und verblendet, mir ein Netz überwerfen zu lassen, aber, Gott sei Dank, der Kopf ist wieder draußen; er ist klar und stark genug, sich die Freiheit zurückzuerobern.«
»Und hast du gar kein Gewissen, Flora?«
»Ein sehr empfindliches sogar, mein Schatz; es sagt mir eben, daß es ein unverantwortlicher Leichtsinn gewesen ist, mich selbst so hinzuwerfen. Du wirst bibelfest genug sein, um zu wissen, daß jeder dafür verantwortlich gemacht wird, wie er sein Pfund verwertet. Sieh mich an, kannst du dir wirklich denken, ich würde zeitlebens als simple Frau Doktorin am Herde stehen und Gemüse kochen? Und für wen?« Sie neigte den Kopf bezeichnend nach dem Salon, aus welchem jetzt lebhaftes Stimmengeräusch herüberscholl; mit dem Eintritte des alten Obersten von Giese war Leben und Bewegung in die Gesellschaft gekommen, nur Doktor Bruck saß allein am Theetische und las in einer Zeitung; er war scheinbar sehr vertieft und hatte kaum aufgesehen, als Henriette an seine Seite zurückgekehrt war.
»Siehst du, daß auch nur einer der Herren mit ihm verkehrt?« fragte Flora mit unterdrückter Stimme. »Er ist geächtet, und mit allem Recht. Er hat mich und die Welt betrogen; sein ihm vorausgegangener brillanter Ruf ist eitel Reklame gewesen.«
Sie brach ab und zog sich rasch in ihr Zimmer zurück, jedenfalls, um dem alten redseligen Obersten aus dem Wege zu gehen, der jetzt in Begleitung seiner Tochter und des Kommerzienrates in das Musikzimmer trat und sich Käthe vorstellen ließ. Auf seine Bitte setzte sich das junge Mädchen noch einmal an das Instrument und spielte. Wunderlich! Mit was für Augen ihr Schwager und Vormund nach ihr hinsah, sobald sie den Blick vom Notenblatte hob, so feurig, so unerklärlich, durchaus nicht so brüderlich vertraut, wie er ihr als Kind die Bonbonstüten und gestern noch ein schönes Boukett aus der Stadt mitgebracht hatte. Sie ließ ihm stets willig die Hand, wenn er sie im Gespräche erfaßte, und litt es, daß er ihr liebkosend die Locken aus der Stirn strich; er that das so harmlos, wie es ihr Vater einst gethan, und jetzt, als sie die Hände von den Tasten sinken ließ, trat er unter dem rauschenden Beifall der andern rasch auf sie zu und legte seinen Arm um ihre Schultern.
»Käthe, was ist aus dir geworden!« flüsterte er, sich über sie herabbeugend. »Wie erinnerst du mich an Klothilde, deine selige Schwester! Aber du bist schöner, ungleich begabter.«
Sie griff mit der Linken nach dem Arm, um ihn abzustreifen, aber Moritz erfaßte nun auch die Hand und hielt sie mit festem Drucke, als sei es fürs ganze Leben. Für die Anwesenden war das ein hübsches Bild, eine selbstverständliche, harmlose Gruppe. Der Vormund umarmte stolz und hingerissen seine Mündel, das ihm anvertraute Kind seines Schwiegervaters. Nur Henriettens bleiches Gesicht war sehr rot geworden; sie lächelte so eigentümlich. Doktor Bruck neben ihr sah nach seiner Uhr, dann reichte er Henriette verstohlen die Hand und benutzte die allgemeine Aufregung, um sich unbemerkt zu entfernen.
10.
Seit dem Gesellschaftsabend war eine Woche verstrichen; »eine entsetzlich fatigierende Woche!« seufzte erschöpft die Präsidentin und schalt gleich darauf nachdrücklich und energisch ihre Schneiderin, daß sie die Toilette zu dem achten dieser ermüdenden Tage nicht elegant genug arrangiert habe, daß die Schleppe absolut zu kurz, die Spitzen nicht breit genug, die Stoffe allzu leicht seien. Es waren mehrere große Damenthees und Kaffeegesellschaften in den höchsten Kreisen zu bewältigen gewesen; außerdem hatte Flora zu lebenden Bildern, die bei einem kleinen Hoffest gestellt wurden, die Verse machen und sprechen müssen, »man war kaum zu Atem gekommen«.
Henriette mußte aus Rücksicht auf ihr verschlimmertes Kranksein dieses aufregende Treiben streng meiden, und Käthe blieb, obgleich sie stets sehr freundlich mit eingeladen wurde, konsequent bei ihr zu Hause. Dann tranken sie den Thee allein im Musikzimmer, und Käthe erzählte Schnurren und spielte Klavier, um Henriettens Trübsinn zu verscheuchen. So scharf auch die Urteilskraft der Kranken war, so tief sie auch das Oberflächliche, die wehende Kühle in dem gesellschaftlichen Leben und Treiben empfand, sie war und blieb doch das Kind der vornehmen Welt; sie war im Salon unter den aristokratischen Freunden der Großmama aufgewachsen, und so sagte sie oft bitter lächelnd, wenn zur Thee- oder Theaterstunde das Getöse der rollenden Wagen von der Stadt fern herüberscholl, ihr sei zu Mute wie einem invaliden Streitroß, das, lahm und schwach, beim Signal die Ohren spitze und um alles gern mitlaufen möchte.
Blendend wie eine Fee schwebte Flora abschiednehmend durch das Musikzimmer. Sie hatte meist eine Unmutsfalte zwischen den Brauen und ein Spottlächeln auf den Lippen, das den jugendlich knappen Toiletten der Großmama galt; sie beklagte die verlorene kostbare Zeit, aber sie warf den schützenden Schleier über die blumengeschmückten Locken, nahm die Schleppe auf und ging, um draußen den wartenden Wagen zu besteigen und — »sich zu opfern«.
Der Kommerzienrat war vor sechs Tagen in Geschäften nach Berlin gereist. Er schrieb täglich an die Präsidentin »wahrhaft goldtrunkene Briefe«, sagte sie bedeutungsvoll lächelnd. Vorgestern aber waren prachtvolle Boukette an die drei Schwägerinnen gekommen, und da hatte die Frau Präsidentin nicht gelacht. Für Flora und Henriette hatte der galante Schwager Kamelien und Veilchen binden lassen, Käthes Rosenstrauß dagegen strotzte von Orangenblüten und Myrten. Der Präsidentin wäre wahrscheinlich die zarte Sprache aus der Ferne entgangen; sie nahm achtlos die Boukette aus der Kiste und war eben im Begriff, die zwei für Henriette und Käthe bestimmten hinaufzuschicken, als Flora, sich schüttelnd vor Lachen, mit dem Finger auf das ausdrucksvolle Blumenarrangement zeigte. Da wurde das Gesicht der alten Dame lang und fahl wie noch nie in ihrem ganzen langen Leben. »Aber, Großmama, hast du denn wirklich geglaubt, Moritz werde sich den Adel mit solchen Unsummen erkaufen, um dann sein Geschlecht aussterben zu lassen?« rief Flora in ihrer übermütigen, frivolen Scherzweise. »Du hättest doch wissen müssen, daß ein Mann wie er, noch ziemlich jung, reich und stattlich, nicht zeitlebens Witwer bleiben wird! Und er freit nicht vergeblich um Käthe — das weiß ich am besten.«
Mit diesem kleinen Zwischenfall trat plötzlich ein Spukwesen in der Villa Baumgarten auf. Käthe ahnte sein Dasein nicht; sie hatte die aus Draht gebundenen Blumen mit frischem Wasser bespritzt, um sie nicht so rasch verschmachten zu lassen, und das Boukett auf das Fensterbrett gestellt, ohne die bedeutungsvolle Blumenschrift verstanden zu haben. Durch die Gemächer der Präsidentin aber wandelte die graue dräuende Gestalt; sie verdüsterte den Glanz der vielfach beneideten Seidensamt-Möbel, der Goldbronzen und der unschätzbaren Meißner Porzellangarnitur; sie saß im Wintergarten auf dem Lieblingsplatz der Präsidentin und vergällte ihr den Genuß an allem, was ihr das Leben schmückte. Die alte Dame sorgte um ihre Zukunft, als habe sie erst die Hälfte ihres Lebens hinter sich; der Kommerzienrat durfte sich nicht wieder verheiraten; er war ihr das schuldig. Sie hatte ihn durch ihre Konnexionen, ihren gesellschaftlichen Einfluß erst zu dem gemacht, was er geworden war; sie hatte mit ihrem unvergleichlichen Geschmack sein Haus zu einem kleinen Schloß umgestaltet, das selbst den verwöhntesten Hofleuten imponierte, und war es ihrerseits nicht ein bedeutendes Opfer, ein Akt der Selbstüberwindung gewesen, mit welchem sie sich an die Spitze seines damals noch ziemlich simplen, bürgerlichen Hauswesens gestellt? Und nun, als sich alles so gefügt, wie sie gewünscht und unablässig erstrebt hatte, nun sollte es plötzlich eine junge Frau von Römer geben, die hier unten in den prachtvollen Räumen empfing — und wer die Frau Präsidentin Urach sehen wollte, der mußte hinaufsteigen in »das Auszugsstübchen«, das man »der Großmama« eingeräumt. Nicht einmal Flora, das Kind ihrer eigenen Tochter, hätte sie an dieser Stelle sehen mögen, geschweige denn die Enkelin des Schloßmüllers. Die Frau Präsidentin sprach mit einemmal sehr interessiert von Käthes Heim in Dresden; sie zeigte sich so besorgt, daß das wundervolle musikalische Talent vier Wochen lang brach liegen müsse, und ging mit der Idee um, das junge Mädchen in höchsteigener Person nach Dresden zurückzubringen.
Käthe ließ alle diese ausgesuchten Höflichkeiten schweigend über sich ergehen. Sie wollte abwarten, ob sich Henriette nicht doch durch Doktor Bruck bestimmen ließe, die Schwester zu begleiten. Bis jetzt hatte er noch keinen Versuch gemacht, wahrscheinlich weil er den Plan an der Reizbarkeit der Kranken nicht scheitern sehen mochte, und aufgeregt und gereizt war sie augenblicklich in hohem Grade. Er kam jeden Morgen um die bestimmte Stunde. Die Wohnzimmer der beiden Schwestern stießen aneinander, und die Thür stand stets offen. Käthe hörte dann seine beschwichtigende Stimme, sein sanftes Zureden; er konnte aber auch so herzlich auflachen, daß die Kranke unwillkürlich einstimmte. Für Käthes Ohr hatte dieses metallreiche, frohmütige und doch so angenehm beherrschte Lachen einen eigentümlichen Reiz — es zeugte so unwiderleglich von der unangetasteten Jugendfrische der Seele; es bewies ihr, daß er seiner Sache, seiner Zukunft gewiß war, daß er sich auch innerlich absolut nicht den tausend Widerwärtigkeiten und Kränkungen beugte, die auf ihn einstürmten.
Sie selbst sprach ihn nicht. Um diese Zeit meist an ihrem Arbeitstische sitzend, konnte sie ihn drüben auf und ab wandeln sehen, aber so unzertrennlich auch sonst die beiden Schwestern waren, kurz vor der Besuchsstunde des Arztes zog sich Henriette stets in ihr Zimmer zurück, und Käthe hütete sich, mit einem hinübergerufenen Worte oder auch nur einem verständnisvollen Blicke Teilnahme an dem Gespräche zu verraten, die von der Kranken offenbar nicht gewünscht wurde .... Die Tante Diakonus aber sprach sie sehr oft, und zwar in der Schloßmühle. Die alte Frau sah täglich nach Suse, seit sie so nahe wohnte; sie brachte ihr Suppen und eingemachte Früchte und saß stundenlang bei der Haushälterin, die sich durchaus nicht darein fand und sehr unglücklich war, daß es mit dem Spinnen, Stricken und Waschen »immer noch nicht gehen wollte«.
Das waren trauliche Dämmerstündchen in der Schloßmühlenstube. Die Tante erzählte aus ihrer Jugend, aus der Zeit, wo sie noch die »Frau Seelsorgerin« im Dorfe gewesen war; sie beschrieb den schweren, thränenreichen Moment, wo sie den Doktor als achtjährigen Knaben aus dem Elternhause weggeholt hatte, weil ihm Vater und Mutter in Zeit von wenigen Tagen gestorben waren, und mochte sie auch mit kleinen Erlebnissen aus ihrer sonnigen Mädchenzeit oder aus ihrem glücklichen Eheleben beginnen, stets und immer gipfelten ihre Schilderungen in dem Zusammensein mit dem Doktor, der so recht der Sonnenschein ihres Lebens geworden war, wie sie versicherte.
Beim Nachhausegehen begleitete Käthe die alte Frau den rauschenden Fluß entlang bis an die Brücke. Die kleine Hand der Tante lag dann auf dem Arme des jungen Mädchens, und sie wandelten dahin wie zusammengehörig, als müßten sie auch miteinander über die Brücke schreiten und hineingehen in »des Doktors Haus«, das so still und friedlich, so weltverloren und vom Dämmerlichte eingesponnen hinter dem Ufergebüsche lag. Die Abende waren noch sehr frisch, und von dem schwarzen, starrenden Walde her zogen dünne Nebelschleier und feuchteten Haar und Kleider — da schlüpft man gern unter das gastliche Dach, auf welchem der Schornstein raucht. Gewöhnlich brannte schon die grünverschleierte Lampe in der Eckstube; durch das eine unverhüllte Fenster fiel ihr Licht, breit und hell, schräg über die Brücke. Die heimkommende alte Frau konnte nicht fehlgehen, wenn es auch schon tief dunkelte. Dann ging sie hinein; der letzte Fensterladen wurde geschlossen, und dort in der behaglichen Ofenecke — Käthe konnte sie mit ihren scharfen Augen vollkommen übersehen —, wo der grüne, verblichene Fußteppich lag und hinter dem runden Tische ein hochlehniger, gepolsterter Armstuhl stand, arrangierte sie geräuschlos den Abendtisch und wartete strickend, bis der Doktor sein Pensum beendet hatte ...
Das hatte sie dem jungen Mädchen auf der Abendwanderung wiederholt geschildert, und gar so gern blieb sie dann einen Augenblick auf der Brücke stehen, überblickte ihr trautes Heim und deutete lächelnd nach dem Manne, der arbeitend seinen dunkellockigen Kopf über den Schreibtisch beugte. Aber er sprang dann gewöhnlich auf und öffnete das Fenster, denn der neu angeschaffte Kettenhund fuhr mit wütendem Gebell auf die Herankommenden los. »Bist du es, Tante?« rief der Doktor herüber. Bei diesen Lauten floh Käthe aus dem Bereiche des Lampenscheines. Mit einem flüchtigen »Gute Nacht!« stürmte sie die einsame Allee hinauf; sie kam sich vor wie ausgestoßen, und so mußte auch ihm später zu Mute sein — falls er Flora wirklich noch an seine Seite zu zwingen vermochte —, wenn er aus dem Hause am Flusse in die Stadtwohnung zurückkehrte und von seinem Weibe, der Seele des Hauses, mit kühlem Gruß am Schreibtische, oder geschmückt zu einer Abendgesellschaft, im flüchtigen Vorübergehen empfangen wurde. —
Es war am siebenten Tage nach der Abreise des Kommerzienrates, als die Nachricht aus Berlin eintraf, daß die Spinnerei verkauft sei. Die Präsidentin war von dieser Neuigkeit so angenehm berührt, daß sie, noch im Kaschmirschlafrocke, mit dem Briefe in der Hand, die Treppe zur Bel-Etage hinaufstieg und in Henriettens Zimmer trat, wo sich auch Flora kurz vorher eingefunden hatte.
Die alte Dame setzte sich in einen Lehnstuhl und erzählte. »Gott sei Dank, daß Moritz ein Ende macht!« sagte sie heiter gestimmt. »Er hat ein brillantes Geschäft abgeschlossen; das Etablissement wird ihm so horrend bezahlt, daß er selbst ganz überrascht ist.« Sie legte die feinen Hände gefaltet auf den Tisch und sah unendlich zufrieden aus. »Er wird nun ganz und gar mit seiner kaufmännischen Vergangenheit brechen. Damit fallen auch die fatalen Rücksichten für die sogenannten Geschäftsfreunde weg; denkt nur zurück, wie oft wir ungehobelte Gäste beim Diner gehabt haben, die besser am Domestikentische gesessen hätten! Mein Gott, waren das peinliche, verlegene Momente! Ach ja, man hat sich so manchmal stillschweigend überwinden müssen.«
Käthe stand währenddem am Fenster. Von dieser Stelle aus konnte man das große Fabrikgebäude inmitten seiner unvollendeten neuen Anlagen liegen sehen. Der weite Kiesplatz vor dem Hause wimmelte von Menschen, von Männern, Weibern, Kindern, die aufgeregt durcheinander fuhren und gestikulierten. Die Maschinen standen verlassen; es mochte kein einziger Arbeiter in den Sälen verblieben sein.
Das junge Mädchen am Fenster deutete betroffen hinüber.
»Weiß schon,« sagte die Präsidentin lächelnd; sie erhob sich und trat an das Fenster. »Der Kutscher hat mir eben im Korridore Meldung gemacht, es solle sehr laut da drüben zugehen. Man ist außer sich, daß die Spinnerei an eine Aktiengesellschaft verkauft worden ist, deren Direktorium hauptsächlich aus Juden zusammengesetzt sein soll. Ja, ja, so geht's, die guten Leute ernten nun, was sie gesäet haben. Moritz hätte auf keinen Fall so überraschend schnell Tabula rasa gemacht; sein Herz hing ja in für mich unbegreiflicher Weise an der Spinnerei, aber die letzten Vorgänge haben ihm den Besitz gründlich verleidet, er will mit der Sache nichts mehr zu thun haben.«
»Das sieht genau aus, als habe er sich gefürchtet, der gute Moritz,« meinte Flora mit verächtlich sich wölbenden Lippen. »Ich für meinen Teil hätte gerade in diesem Momente die Fabrik nicht für Millionen hingegeben; erst mußten die Kläffer sich überzeugen, daß ihr Lärmen umsonst gewesen sei, daß man ihre Schreckschüsse verlache. Der Grimm schnürt mir den Hals zu, wenn ich mir denke, es könnte nun heißen, die Drohbriefe an mich hätten uns eingeschüchtert.«
»Sei ruhig, Flora! Das glaubt niemand von dir; man sieht dir die Soldatenkourage und Zuversicht auf hundert Schritte an,« spottete Henriette.
Die schöne Schwester rauschte schweigend nach der Thür; sie ignorierte ja derartige Bemerkungen der Kranken stets mit einem kalten Lächeln, und auch die Großmama erhob sich, um Toilette zum Diner zu machen.
»Bruck hat dir für heute einen kleinen Spaziergang erlaubt, Henriette?« fragte die alte Dame, sich an der Thür noch einmal zurückwendend.
»Ich soll mich ein wenig im Stadtforste ergehen, um Tannenharzluft zu atmen.«
»Dann werde ich mich anschließen,« sagte Flora. »Ich brauche auch Luft, Luft, um nicht zu ersticken unter der Last von Widerwärtigkeiten, die mir das Schicksal aufbürdet.«
Sie reichte der Präsidentin den Arm, um sie die Treppe hinabzuführen.
Henriette stampfte zornig mit dem Fuße; sie hätte weinen mögen vor Aerger, aber verhindern konnte sie es doch nicht, daß die schöne Schwester nach Tische im weißen Filzhütchen, den Palmblattfächer in der Hand, erschien, um sie auf dem Waldspaziergange zu begleiten.
Es war ein herrlicher Apriltag mit wolkenlos blauem Himmel, mit glitzerndem Sonnengolde auf Weg und Steg und dem Dufte der ersten Veilchen in seinen samtweichen Lüften. Noch war es hell in dem Streifen Laubwald, der den schwarzgrünen Mantel des Tannenforstes gleichsam verbrämte, so hell, als sei die Kuppel von diesen sonst so wonnig dunkelnden Säulengängen genommen; noch lag das machtvolle Grün, das die knorrigsten Aeste bewältigt und sie geschmeidig jung aussehen macht, zu Milliarden weicher Flöckchen zusammengedrückt, im engen, braunen Schrein der Knospen; nur das feinzweigige Unterholz umschleierte ein bläßlich grüner Hauch, und aus den feuchten Moospolstern reckten sich langstielige weiße Glöckchen. Diesen kleinen hellen Blumen ging Käthe pflückend nach, während Flora und Henriette auf dem schmalen Wege blieben, der nach dem Tannengrunde führte.
Still war es heute nicht im Walde — es war der Tag, an welchem sich die Armen der Stadt das dürre Holz holen durften. Man hörte das Einknicken verdorrter Aeste, das gegenseitige Zurufen von Menschenstimmen, und tief im Gestrüpp stand Käthe plötzlich vor einem braunen Weibe, das eben einen abgesägten armstarken Buchenast zu Boden riß. War es, weil sie grünes statt des erlaubten dürren Holzes in den Händen hielt, oder machte ihr die unerwartet hervortretende Erscheinung selbst einen zornerregenden Eindruck — sie warf unter dem lilafarbenen Tuch hervor, das sie um den Kopf gebunden hatte, einen wilden Blick auf das junge Mädchen; in der Art und Weise aber, wie sie, kerzengerade aufgerichtet, mit dem Ast gleichsam spielend über den Boden hin- und herfegte, lag eine freche Herausforderung.