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Im Hause des Kommerzienrates. cover

Im Hause des Kommerzienrates.

Chapter 13: Kapitel 12
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Die Erzählung schildert die Folgen, als ein alter Müllersmann seine Enkelin zur Universalerbin bestimmt und der bereits eingesetzte Vormund, der Kommerzienrat Römer, die Verwaltung übernimmt. Zwischen bäuerlicher Herkunft und bürgerlichem Vermögen entwickelt sich ein Geflecht aus Sorge, Pflicht und unterschwelligen Machtspielen: ärztliche Notfälle, häusliche Beobachtungen und das Verhalten der Dienstboten zeichnen das Alltagsbild. Intime Kranken- und Haushaltsszenen wechseln mit sozialen Spannungen, und nach und nach treten Geheimnisse, Loyalitätskonflikte und die widersprüchlichen Charakterzüge der Beteiligten zutage.

Käthe fürchtete sich nicht im geringsten; sie bückte sich, um eine ganze Familie Anemonen unter dem nächsten Strauche zu pflücken; in diesem Augenblicke drang vom Wege her ein vereinzelter Ruf, ein schwacher Laut, dem ein Tumult von geflissentlich gedämpften Stimmen folgte.

Das Weib horchte auf, schleuderte den Ast fort und schlug sich in der Richtung des Lärms quer durch das Untergesträuch. Und jetzt zitterte der Aufschrei wieder herüber — es war Henriettens krankhaft verschleierte, dünne Stimme. Käthe folgte der Frau auf den Fersen; die Dornen rissen ihr Fetzen vom Kleide und die Büsche, die das Weib mit kräftigen Armen teilte, schlugen zurückschnellend und klatschend in ihr Gesicht, aber sie kam rasch heraus auf den Weg.

Zuerst sah sie nur einen Knäuel von Weibern und zerlumpten Jungen, der sich um den Stamm einer Kiefer drängte; bei den heftigen Bewegungen der Versammelten aber teilte sich da und dort das Konglomerat von struppigen Haaren und schmutzigen Kopftüchern und ließ Floras weißes Hütchen mit der emporstehenden blauen Feder auftauchen.

»Laß den Zwerg los, Fritz!« rief ein bärenhaftes Weib.

»Aber sie schreit ja wie närrisch,« sagte eine Jungenstimme.

»Ach was, das Piepen hört kein Mensch.« Die Frau hatte eine breite Stumpfnase und kleine, boshafte Augen und überragte in hünenhafter Länge alle anderen.

Jetzt sprach Flora — Käthe erkannte kaum ihre Stimme.

Ein vielstimmiges Hohngelächter antwortete ihr.

»Aus dem Wege gehen?« wiederholte das große Weib. »Das ist der Stadtforst, Fräulein; da kann der ärmste Bürger spazieren gehen so gut wie die großen Herren — den will ich sehen, der mich da vertreibt.« Sie stellte sich noch breitspuriger hin. »Da guckt her, ihr Leute! Unsereins sieht das Gesicht sonst nur in der stolzen Kutsche, wenn die Pferde um die Ecken rennen und den armen Leuten am liebsten die Beine wegfahren möchten .... Ein schönes Frauenzimmer sind Sie, Fräulein — das muß Ihnen der Neid lassen. Alles Natur, nichts angestrichen; eine Haut wie Samt und Seide — neinbeißen möchte man.« Sie bog den Kopf dicht neben das weiße Hütchen.

Die Frau, die vor Käthe hergelaufen war, wühlte sich förmlich in den Kreis. »Da kommt noch eine!« rief sie und zeigte mit dem Finger auf das junge Mädchen zurück.

Die Nächststehenden fuhren herum und traten unwillkürlich auseinander. Da stand Schwester Flora, weiß wie Schnee auf Wangen und Lippen; man sah ihre Kniee wanken — sie rang sichtlich nach der gewohnten stolzen Haltung.

»Die geht uns nichts an,« schrie ein Junge und wandte Käthe den Rücken; der Kreis schloß sich wieder, noch enger, dichter als vorher.

»Käthe!« rief Henriette in hilfloser Angst hinter der Mauer von Menschenleibern, aber der Ruf wurde sofort erstickt; man hörte deutlich, daß ihr eine Hand auf den Mund gepreßt wurde. In demselben Moment taumelten drei, vier Jungen rechts und links. Käthe stieß mit kraftvollen Armen selbst das Hünenweib auf die Seite und trat vor ihre Schwestern. »Was wollt ihr?« fragte sie mit lauter, fester Stimme.

Einen Augenblick standen die Angreifer bestürzt, aber auch nur einen Augenblick — es war ja nur ein Mädchen mit einem blutjungen Gesicht, das da zu Hilfe kam. Nun wurde auch sie unter lautem Gelächter mit eingeschlossen.

»Tausendsapperlot, die fragt ja so kurz und knapp wie die Herren auf dem Gericht,« rief die Große und schlug sich klatschend auf die breite Hüfte.

»Ja, und thut so stolz, als ob sie direktement von den heiligen drei Königen abstammte,« fiel die Frau im violetten Kopftuch ein. »Hören Sie, Ihre Großmutter war aus meinem Dorfe. Schuh und Strümpfe hab ich dazumal nicht an ihren Füßen gesehen, und ich weiß auch noch recht gut, wie Ihr Großvater Hü und Hott bei dem alten Müller Klaus seinen Pferden machte —«

»Glaubt Ihr, ich weiß das nicht, oder ich schäme mich dessen?« unterbrach sie Käthe ruhig und kalt, aber jeder Blutstropfen war ihr aus dem ernsten Gesicht gewichen.

»Wär auch noch schöner — ist Ihnen doch sein Geld gut gewesen, das viele, viele Geld,« rief eine dritte, sich dicht an das junge Mädchen hinandrängend. Sie griff nach Käthes seidenem Kleide und rieb den Stoff prüfend zwischen den Fingern. »Ein schönes Kleid! Ein Staatskleid! Und so mitten in der Woche und im Walde, wo die Fetzen an den Dornen hängen bleiben! Na, was schadet's denn? Das Geld ist ja da. Spreukörbe voll haben sie bei dem Alten gefunden. Aber wo es hergekommen ist? Gelt, danach wird nicht gefragt? Ob der Schloßmüller den armen Leuten das Korn vor der Nase weggekauft und auf seinen Böden eingeschlossen hat, viel tausend scheffelweise — das ist Ihnen sehr einerlei, Fräulein. Und ob er gesagt hat, es müßte erst so und so hoch im Preise steigen, ehe er auch nur eine Schaufel voll hergäbe, und wenn die Leute wie die hungrigen Mäuse pfiffen —«

»Lüge!« rief Käthe außer sich.

»So — Lüge? Es ist wohl auch nicht wahr, daß wir nun den Gründern in die Krallen geworfen werden? Die nehmen uns die letzte Kartoffel aus dem Topfe. Das gibt ein Unglück. Meine Tochter geht lieber ins Wasser, als daß sie bei den Menschenschindern arbeitet.«

»Und mein Bruder schießt sie am ersten Tage über den Haufen,« prahlte ein halbwüchsiger Bursche.

»Ja, wie dem Zwerg da seine Tauben,« sagte ein anderer anzüglich und mit den Augen blinzelnd und zeigte auf Henriette, die sich mit zuckendem Gesicht, in wahnsinniger Angst an Käthe anklammerte.

Da scholl in ziemlicher Nähe das Gekläff eines Hundes. Augenblicklich richtete sich Flora auf, und der ganze kalte Hochmut, der ihr zu Gebote stand, spiegelte sich auf ihrem Gesicht. »Was geht mich der Verkauf der Spinnerei an?« fragte sie verächtlich. »Macht das mit dem Kommerzienrate aus! Er wird euch schon zu antworten wissen. Und nun marsch aus dem Wege! Eure Unverschämtheit soll euch sehr schlecht bekommen — darauf könnt ihr euch verlassen.«

Sie streckte den Arm mit einer herrischen Gebärde gegen die Umstehenden aus, aber das große, starke Weib ergriff die feinbekleidete Hand, als sei sie zu einem freundschaftlichen Druck geboten, und schüttelte sie derb mit gutgespielter Treuherzigkeit; dabei lachte sie aus vollem Halse und die anderen stimmten johlend ein. »Fräulein, Sie kriegen ja Kourage wie ein Gendarm — wohl, weil dort drüben« — sie zeigte mit dem Daumen über die Schulter zurück — »ein Hund gebellt hat? Das ist dem Kreiser Sonnemann sein Dachsel; ich kenn' ihn an der Stimme, und der alte Sonnemann ist stocktaub und sein Dachsel geht nicht von ihm weg. Die gehen miteinander nach Oberndorf in die Schenke, wie jeden Nachmittag. Hierher kommen sie nicht — da seien Sie ganz ruhig! Und es geht Sie wirklich nichts an, Sie schönes Frauenzimmer Sie, daß die Spinnerei verkauft worden ist? Wer's glaubt! Man braucht Sie nur anzusehen, da weiß ein jeder gleich, wo Barthel Most holt. Sie und die alte Madame regieren und kommandieren, und der Kommerzienrat hat bloß zu gehorchen, und weil er nun reich genug ist, da sollen die gemeinen Leute, die ihm das Geld verdient haben, abgeschüttelt werden wie Ungeziefer. Na, ändern können wir's freilich nicht, aber bedanken wollen wir uns doch bei Ihnen, Fräulein.«

Sie rückte näher, und der funkelnde Blick aus ihren kleinen, schiefen Augen hatte etwas katzenartig Grausames.

Flora schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht. »Gott im Himmel, sie wollen uns ermorden,« stöhnte sie tonlos mit bebenden Lippen.

Der ganze Chor lachte.

»Denken Sie nicht daran, Fräulein!« sagte die Frau. »So dumm sind wir nicht. Da geht's uns ja selbst« — sie strich sich bezeichnend mit der Hand unter dem Kinne weg — »an den Kragen; was haben wir davon? Nur einen kleinen Denkzettel sollen Sie haben.«

Flora griff plötzlich, wie in Folge einer plötzlichen Eingebung, in die Tasche ihres Kleides, öffnete ihr Portemonnaie und schüttete den ganzen Inhalt, Gold und Silber, auf die Erde. Sofort erweiterte sich der Kreis, und die Vordersten, meist Knaben, waren im Begriffe, sich über das Geld herzustürzen. »Untersteht euch!« schrie die Große und stellte sich mit ausgestreckten Armen zurückdrängend vor sie hin, daß sie wie eingekeilt standen. »Dazu ist's nachher auch noch Zeit! Nachher, Fräulein,« wandte sie sich bedachtsam und ironisch höflich an die schöne Dame, »erst den Denkzettel!«

»Hüten Sie sich, uns zu berühren!« sagte Käthe. Sie behielt vollkommen ihre Fassung, während beide Schwestern dem Umsinken nahe waren.

»Ach Sie! Was mischen Sie sich denn da hinein? — Vor was soll ich mich denn hüten? Ein paar Wochen brummen,« sie machte eine wegwerfende Bewegung, »das läßt man sich schon einmal gefallen, und mehr geben sie einem beim Gericht nicht für — na, für eine Ohrfeige oder ein paar Schrammen im Gesichte. Und die sollen Sie haben, Fräulein, so gewiß wie ich dastehe,« wandte sie sich mit erhöhter Stimme an Flora. »Ich will Ihre schneeweiße Haut malen, daß Sie zeitlebens an mich denken, Sie sollen ein Gesichtchen kriegen so schön gestreift wie ein Tigertier in der Menagerie.«

Blitzschnell hob sie die Hände, um mit den schmutzigen Nägeln Floras Gesicht zu zerkratzen; allein ebenso rasch griff Käthe zu. Mit einem einzigen Rucke packte sie die knochigen Fäuste und stieß das Weib zurück, daß der wuchtige Körper taumelnd eine Bresche in die Menschenmauer schlug. Und nun entstand ein unbeschreiblicher Tumult. Wie ein wütend gereizter Bienenschwarm stürzte sich die Menge auf das große, kraftvolle Mädchen, das leichenblaß, aber hochaufgerichtet dastand, die Schwestern mit ihrem Leibe deckend. Flora war zu Boden gesunken; sie umklammerte, halbtot vor Angst, den Kieferstamm und drückte das bedrohte Gesicht an seine Rinde. Das herabfallende weiße Hütchen wurde unter den Füßen der Angreifer zerstampft.

»Hilfe, Hilfe!« schrie Henriette mit übermenschlicher Anstrengung, während alle Hände nach Käthe griffen; schon hing die schwarze Seidenpelerine in Fetzen von ihren Schultern. Der Hut wurde ihr vom Kopfe gerissen und die Flechten fielen gelöst über den Rücken hinab; da kreischte der Junge, der abermals seine Hände auf Henriettens Mund gepreßt hatte, wild auf. »Herr Jesus, was ist denn mit der da?« schrie er und wühlte sich durch das Gemenge, um zu entfliehen.

Ein Blutstrom quoll über die Lippen der Kranken, die mit versagenden Blicken und tastenden Händen nach einer Stütze griff, aber alles wich scheu zurück. Blut! .... Im Nu zerstob die Menge nach allen Richtungen hin. Im Gebüsche rauschte und knackte es, wie wenn ein Rudel Wild durchbricht, dann war es still, als sei das wilde Heer, das sich eben noch so wütend gebärdet hatte, im Waldboden versunken. Und wenn auch da und dort der Kopf eines Jungen aus dem Gestrüpp lugte, um die Stelle, wo das Geld auf der Erde verstreut lag, nicht aus den Augen zu verlieren, so geschah das vorsichtig und vollkommen lautlos.

Käthe hatte die Schwester in den Armen aufgefangen und ließ sich mit ihr zu Boden gleiten. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Kiefer und bettete den Kopf der Kranken an ihrer Brust. In dieser Lage hörte das Blut allmählich auf zu strömen.

»Hole Hilfe!« sagte sie, ohne die weinenden Augen von dem totenähnlichen Gesichte der Kranken wegzuwenden, zu Flora, die in Angst und Ungeduld auf die Gruppe niedersah und ihre krampfhaft verschränkten Hände gegen den Busen drückte.

»Bist du wahnsinnig?« fuhr sie mit gedämpfter Stimme auf. »Soll ich der Meute geradeswegs in die Hände laufen? Allein rühre ich mich nicht von der Stelle. Wir müssen versuchen, Henriette fortzuschaffen.«

Käthe sagte kein Wort; sie sah, daß sie an diesen grenzenlosen Egoismus vergebens appellierte. Nach verschiedenen vorsichtigen Manipulationen, bei denen Flora behilflich war, stand sie endlich auf den Füßen und trug Henriette wie ein Kind auf dem Arme; der Kopf der noch immer Bewußtlosen ruhte auf ihrer Schulter. Sie glitt förmlich über den Boden und wich dem kleinsten Steine aus, um jede gefahrbringende Erschütterung zu vermeiden. Diese Bemühungen erschwerten ihr die Last bedeutend, aber stehen bleiben und nur einmal tief Atem schöpfen durfte sie nicht.

»Ruhe aus, so lange du Lust hast, wenn wir draußen im freien Felde sind — nur hier nicht, wenn du nicht willst, daß ich vor Angst sterben soll!« sagte Flora in gebieterischem Tone. Sie ging dicht an Käthes Seite, mit hochgehobenem Kopfe und ihrer gewohnten imposanten Haltung, aber unausgesetzt das verräterische Gebüsch am Wege scheu beobachtend, um bei dem geringsten verdächtigen Geräusche die Flucht zu ergreifen. — Wo war die »Soldatenkourage«, die Henriette heute ironisch betont hatte? Wo die stets so geflissentlich zur Schau getragene Konsequenz und Sicherheit, der schroff männliche Geist? Käthe sagte sich in dieser schweren Stunde ernster Erfahrung, daß da, wo bei der Frau das edel weibliche Denken, Empfinden und Streben aufhört, die — Komödie beginnt.

11.

Endlich standen sie draußen auf dem weiten, sonnigen Felde. Käthe stützte sich für einen Augenblick auf einen hohen Grenzstein, den eine mächtige Eiche überwölbte, während Flora einige Schritte weiter hinaustrat, um den »entsetzlichen« Wald möglichst weit hinter sich zu haben. Die Gefahr war vorüber. Weit drüben auf dem Ackerlande arbeiteten Leute. Sie hätten nötigenfalls einen Hilferuf hören können; man sah die Türme der Stadt und dort lief der Weg nach dem Parkthore der Besitzung Baumgarten.

Aber Käthes Augen hingen an einem Punkte, den Flora nicht sah, an dem niedrigen Dache mit den hohen Schlöten und den vergoldeten Windfahnen, das so friedlich aus dem Walde von Obstbäumen auftauchte. Sie konnte deutlich das Staket erkennen, das den Garten umschloß; es lag weit näher als das Parkthor, und dahin lenkte sie nach kurzem Ausruhen schweigend ihre Schritte.

»Nun, wo hinaus?« rief Flora, die bereits auf dem Wege nach dem Parke schritt.

»Nach Doktor Brucks Haus,« versetzte das junge Mädchen, ruhig und unbeirrt weitergehend. »Es liegt am nächsten; dort finden wir vor allen Dingen ein Bett, auf das ich Henriette niederlegen kann, und möglicherweise auch sofortige Hilfe. Vielleicht ist der Doktor gerade zu Hause.«

Flora runzelte die Brauen und zögerte, aber sei es, daß sie das rachedürstende Weib mit den gekrümmten Fingern immer noch nahe auf ihren Fersen wähnte, oder daß sie fürchtete, zwischen dem Parkthor und dem Walde ohne Hut in ihrer derangierten Toilette Spaziergängern zu begegnen — sie kam schweigend herüber.

So ging es über das offene Feld hin. Für Käthe war die Aufgabe eine namenlos anstrengende. Der selten betretene Weg durch den weichen Ackerboden war voller Löcher und sehr steinig; bei jedem Fehltritte, den sie machte, fühlte sie aus Furcht vor einer Wiederkehr des schrecklichen Anfalls ihr Blut fast erstarren. Dabei brannte die Sonne, sengend wie im August, auf ihren unbedeckten Scheitel; von Zeit zu Zeit schwamm die Welt in einem unheimlich rotgelben Lichte vor ihren Augen, und dann glaubte sie vor Erschöpfung zusammenbrechen zu müssen, aber in solchen Momenten heftete sich ihr Blick um so fester auf des Doktors Haus; es rückte ja immer näher, das liebliche Bild des ländlichen Friedens und der erquickenden Ruhe. Sie sah nun schon vollkommen klar und deutlich, wie hinter dem Staket emsig hantiert wurde, und bei aller Angst und Ermüdung kam ihr doch ein leises Gefühl der Freude. Der Mann in Hemdärmeln nagelte dort aus Fichtenästen eine Laube zusammen, eine Laube für die Tante Diakonus. Die alte Frau konnte die weinbewachsene Hütte im kleinen Pfarrgarten nicht vergessen und hatte seitdem nie wieder so im Grünen sitzen dürfen — welche Freude nun für ihr genügsames Herz!

Und jetzt kam sie selbst die Thürstufen herab, im weißen Häubchen, die blauleinene Küchenschürze vorgebunden, und brachte auf einem Teller dem Arbeiter sein Vesperbrot. Sie sprach eifrig mit dem Mann; beiden fiel es nicht ein, über das Staket ins Feld hinaus zu sehen. Käthe überlegte eben, ob sie nicht doch um helfende Hände hinüberrufen sollte — in demselben Augenblicke kam auch der Doktor vom Hause her.

»Bruck!« rief Flora mit dem ganzen frischen Silberklange ihrer Stimme über das Feld hin.

Er blieb stehen und starrte einen Augenblick nach der seltsamen Gruppe, die sich auf ihn zu bewegte; dann stieß er die Thür im Stakete auf und stürmte herüber. »Mein Gott, was ist denn geschehen?« rief er schon von weitem.

»Ich bin einem tollen Mänadenschwarme in die Hände gefallen,« antwortete Flora bitter lächelnd, aber auch ganz wieder mit jener Geringschätzung und stolzen Nachlässigkeit, die sich durch nichts in der Welt aus der Fassung bringen lassen. »Das Gesindel hat mit seinen Drohungen Ernst gemacht; ich war in Lebensgefahr, und das arme Ding da« — sie zeigte auf Henriette — »hat vor Aufregung darüber einen Blutsturz bekommen.«

Er sah nur von der Seite zu ihr hinüber — sie stand ja heil und unversehrt da — und griff mit beiden Armen zu, um Käthe die Kranke abzunehmen. »Sie haben sich übermenschlich angestrengt,« sagte er, und seine Augen streiften besorgt ihre ganze Erscheinung. Man sah, wie ein nervöses Schütteln durch ihren Körper ging; sie biß krampfhaft mit den Zähnen die Unterlippe, und ihre Wangen glühten, als wollte das erhitzte Blut die zarte Samthaut zersprengen .... Und daneben stand Flora ruhig atmend, und auf ihrem schönen Gesicht lag nur die duftige, verklärende Röte der seelischen Erregung.

»Du hättest deiner Schwester die Last nicht allein überlassen sollen,« wandte er sich an seine Braut, indem er die bewußtlose Henriette behutsam weiter trug.

»Bruck, wie kannst du das von mir verlangen?« rief sie beleidigt. »Uebrigens bedurfte es dieser Zurechtweisung deinerseits durchaus nicht, mein Freund,« setzte sie sehr scharf hinzu; »ich kenne meine Pflicht und wäre sehr gern aus eigenem Antriebe bereit gewesen, Henriette zu tragen, hätte ich mir nicht selbst sagen müssen, daß das bei meinem schwachen Körperbau geradezu Wahnsinn sei, und wäre Käthe nicht eine solche urgesunde, robuste Walkürennatur, die eine derartige Anstrengung sicher nicht anficht.«

Er antwortete ihr mit keiner Silbe und rief der herbeieilenden Tante zu, rasch ein Bett herzurichten. Diese lief, so schnell sie konnte, in das Haus zurück, und als die Ankommenden die Flur betraten, da stand sie schon an der geöffneten Thür eines nach Westen gelegenen Zimmers und winkte stumm und mit bestürzter Miene, da einzutreten.

Es war ihre Fremdenstube, ein von glänzendem Tageslichte erfüllter, ziemlich großer Raum mit ausgetretenen Dielen, verschabten, einst rosa angestrichenen Wänden und einem Ofenungetüm von schwarzen Kacheln. Die neuen, mit Rosen bedruckten Kattunvorhänge an den zwei Fenstern waren vielleicht der Luxus, den sich die Tante Diakonus beim Umzuge gestattet hatte. Am Kopfende des Bettes stand ein uralter, mit chinesischen Figuren beklebter Bettschirm, und rings an den Wänden hingen schwarz eingerahmte, nicht besonders künstlerisch ausgeführte Szenen aus der lieblichen Idylle »Luise« von Voß. Eine köstlich reine, mit Lavendelduft gemischte Luft wehte die Eintretenden an.

Auf der jugendlichen Stirn des Doktors lag ernste Besorgnis. Es dauerte sehr lange, bis sich unter seinen Bemühungen Henriettens Augen zu einem umschleierten Blicke öffneten. Sie erkannte ihn sofort, aber ihre augenblickliche Schwäche war so groß, daß sie die Hand nicht von der Bettdecke zu heben vermochte, um sie ihm zu reichen. Er hatte den Gartenarbeiter in die Villa Baumgarten geschickt, um die Präsidentin von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen — sie kam sogleich. Bis dahin war im Krankenzimmer kein Wort gefallen. Flora stand in dem einen Fenster und starrte in die Gegend hinaus, und in dem andern saß Käthe, die Hände in den Schoß gefaltet und den Blick auf das Bett geheftet, während die Tante geräuschlos ab und zu ging, um dem Doktor alles herbeizubringen, was er brauchte.

Die Präsidentin sah sehr verstört aus; sie erschrak sichtlich, als sie Henriettens Gesicht so wachsbleich auf dem Kissen liegen sah, und mochte wohl das Schlimmste befürchten, weil die Kranke bei ihrer sanften Anrede die Wimpern nicht hob. Henriette hatte die Augen in dem Moment wieder geschlossen, als ihre Großmutter auf die Schwelle getreten war.

»Sagt mir ums Himmels willen, wie das gekommen ist!« rief die alte Dame; ihre weiche, vornehm moderierte Stimme klang förmlich erschreckend laut in die bisher beobachtete Stille hinein.

Nun trat Flora aus dem Fenster und erzählte. Sie schilderte ergrimmt, mit drastischer Deutlichkeit die Szene im Walde; ihrer Darstellung nach hatte sie selbstverständlich keinen Augenblick den Mut und die Geistesgegenwart verloren, aber einer Schar von mindestens zwanzig Furien gegenüber brauche der stärkste Geist alle seine Kraft, um nicht vor Ekel und Abscheu zu erliegen, versicherte sie.

Die Präsidentin ging währenddem ganz außer sich auf und ab; sie bemerkte in ihrer Erregung nicht einmal, daß ihre Seidenschleppe auf dem faserigen Dielenboden jenes monoton schrille Geräusch machte, das für leidende Nerven zur Tortur werden kann. »Was sagt der Menschenfreund nun dazu?« fragte sie endlich stehen bleibend, und aus ihren halbzugesunkenen Augen zuckte es wie ein mörderischer Blick nach dem Doktor hin.

Er schwieg mit jener ruhigen Milde, die sein jugendlich schönes Gesicht so geistig überlegen erscheinen ließ. Henriettens Hand in der seinen haltend, schien er nur Augen für das schwach pulsierende Leben zu haben, das jeden Augenblick in das Nichts zerrinnen konnte.

Die alte Dame trat wieder an das Bett und bog sich mit zurückgehaltenem Atem über die Kranke.

»Herr Doktor,« sagte sie nach einem momentanen Zögern, »der Zustand scheint mir sehr bedenklich — wollen wir nicht doch endlich einmal meinen alten, erfahrenen Freund und Hausarzt, den Medizinalrat von Bär, zu einer Konsultation herbeiführen? — Sie dürfen mir das nicht verargen.«

»Nicht im geringsten, Frau Präsidentin,« sagte er, die aufzuckende Hand der Kranken auf die Bettdecke legend. »Es ist sogar meine Pflicht, alles zu thun, was zu Ihrer Beruhigung dienen kann.« Er erhob sich ruhig und verließ das Zimmer, um nach dem verlangten Arzte zu schicken.

»Mein Gott, was für einen Streich habt ihr gemacht, Henriette hierher zu bringen!« schalt die Präsidentin hastig, mit gedämpfter Stimme, sobald sich die Thür hinter dem Hinausgehenden geschlossen hatte.

»Daran ist Käthes Weisheit schuld,« versetzte Flora erbittert. »Ihr mache den Vorwurf, daß wir nun möglicherweise gezwungen sind, in dem verkommenen Neste hier wochenlang verkehren zu müssen.« Ihre Augen streiften zornig das schweigende Mädchen im Fenster.

»Und welche Indolenz, das arme Geschöpf so zu betten, daß sie bei jedem Augenaufschlag das schwarze Ungeheuer von Ofen vor sich hat! Dazu diese Fratzen an den Wänden — man könnte sich fürchten.« Die alte Tante wandte ihr bei diesen naiven Darstellungen den Rücken und untersuchte das Bett. »Das Lager scheint passabel zu sein; das Leinen wenigstens ist weiß und weich, aber ich werde doch Henriettens seidene Steppdecke herüberschicken; ebenso einen bequemen Fauteuil für den Medizinalrat, vor allen Dingen aber anderes Waschzeug. — Steingut!« sagte sie verächtlich und schob das saubere Geschirr auf dem Waschtische zusammen, um für das kommende gemalte und vergoldete Porzellan Platz zu machen. »Gott, wie erbärmlich leben solche Leute! Und das fühlen sie nicht einmal — Wünschest du etwas, mein Engel?« unterbrach sie sich mit sanfter Stimme und trat wieder an das Bett.

Henriette hatte langsam den Kopf aufgerichtet und einen sprühenden Blick um sich geworfen; jetzt lag sie schon wieder mit geschlossenen Augen da, aber ein Anschein von Kraft war insoweit zurückgekehrt, als sie die Hand der Großmama, die streichelnd ihre Rechte berührte, wegzuschieben vermochte.

»Eigensinnig, wie immer!« seufzte die Präsidentin, und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bette.

Der Medizinalrat ließ nicht lange auf sich warten, aber er kam ganz konsterniert. Er konnte sich anfänglich durchaus nicht dreinfinden, seine alte Freundin im Hause am Flusse zu sehen, bis man ihm in flüchtigen Umrissen das Vorgefallene mitteilte. Er war ein hübscher alter Herr, spiegelblank vom Kopfe bis zur Zehe und von hochmütig zurückhaltenden Manieren. Er war Leibarzt des regierenden Fürsten, hatte für seine Verdienste den Adel, eine hübsche Anzahl Orden, Brillanten und goldene Schnupftabaksdosen erhalten, und draußen an der Brücke hielt seine prächtige Equipage.

»Fatal, sehr fatal!« sagte er, mit bedenklicher Miene an das Bett tretend. Er beobachtete die Kranke minutenlang, dann fing er an, die kranke Brust zu beklopfen. Er that das zwar vorsichtig, aber die Patientin stöhnte dennoch auf; die wiederholte Berührung verursachte ihr offenbar Schmerz.

Doktor Bruck stand schweigend mit untergeschlagenen Armen neben ihm. Er zuckte mit keiner Wimper; allein bei dem ersten Jammerlaute Henriettens zogen sich seine Brauen unwillig zusammen; in diesem vorgerückten Stadium der Krankheit war eine so anhaltende, gründliche Untersuchung vollkommen überflüssig. »Darf ich Ihnen meine Beobachtungen mitteilen, Herr Medizinalrat?« fragte er mit gelassener Stimme, aber nachdrücklich, um ein Ende zu machen.

Der alte Herr schielte seitwärts empor. Für den bittersten, gehaßtesten Feind gab es keinen giftigeren Blick, als der aus den tiefliegenden Augen des vornehmen Arztes schoß. »Erlauben Sie, daß ich mich persönlich überzeuge, Herr Kollege!« antwortete er kalt und setzte seine Untersuchungen fort. »So, nun stehe ich zu Ihrer Verfügung,« sagte er einige Augenblicke später. Er trat vom Bette zurück und folgte dem Doktor, der die Thür öffnete, in das Eck- und Arbeitszimmer.

Gleich darauf hob Henriette die Wimpern. Auf ihren Wangen lag das gefährliche Rot innerer Aufregung, und sie verlangte mit fast heftigen Gebärden und Worten nach ihrem Arzte, dem Doktor Bruck.

Die Präsidentin vermochte kaum ihren Aerger über »den bodenlosen Eigensinn« zu unterdrücken; allein sie ging ohne Widerrede, um den Wunsch der Kranken zu erfüllen. Sie kam auch durchaus nicht zu früh, wie sie gefürchtet. Der Herr Medizinalrat hatte jedenfalls von den Beobachtungen des jungen Arztes keinen Gebrauch zu machen gewußt, und noch weniger war er auf eine Beratung eingegangen — er setzte sich eben an den Arbeitstisch des Doktors, um ein Rezept zu verschreiben.

Doktor Bruck verließ das Zimmer, und die Präsidentin trat zu ihrem alten Freunde, um sein Urteil zu hören. Er war ziemlich spitz und verstimmt, sprach von total verfehlter Behandlung des Leidens und warf den Vorwurf hin, daß man immer erst in den gefährlichsten Momenten »vor die rechte Schmiede gehe«. Die Großmama habe längst Henriettens eigensinniges Köpfchen brechen und den alten Hausarzt, der sie doch in ihrer Kindheit behandelt, zu Rate ziehen müssen. In solchen Fällen sei eine Rücksicht wie die auf Floras Bräutigam genommene geradezu gewissenlos. »Vor allen Dingen müssen wir jetzt sehen, daß wir das arme Kind so schnell wie möglich in sein eigenes, bequemes und elegantes Schlafzimmerchen bringen, meine Gnädigste,« setzte er hinzu. »Sie wird sich in ihrer gewohnten Umgebung wohler fühlen; auch bin ich dann sicher, daß meine Anordnungen strikte befolgt werden, was hier voraussichtlich nicht der Fall sein würde.«

Er tauchte die Feder ein — da fiel sein Blick auf ein geöffnetes, elegantes Kästchen, das mitten unter den Büchern und Schreibmateralien stand; es mochte kaum erst ausgepackt worden sein, denn die Emballage lag noch daneben.

Die Frau Präsidentin hatte das blühende Gesicht ihres »bewährten Freundes« noch nie so lang, noch nie so unbeschreiblich, bis zur Geistlosigkeit verdutzt gesehen, wie in diesem Augenblicke, wo ihm die Feder aus der Hand fiel.

»Mein Gott, das ist ja der herzoglich D.sche Hausorden,« sagte er und tippte mit scheuem Finger an das Kästchen. »Wie kommt denn der in dieses Haus, an diese obskure Adresse?«

»Merkwürdig!« murmelte die Präsidentin betreten. Ueber ihre bleiche Haut flog das schnelle Rot einer jähen unliebsamen Ueberraschung. Sie hielt die Lorgnette vor die Augen und musterte eifrig den Inhalt des Kästchens. »Ich kenne den Orden und seine Bedeutung nicht —«

»Das glaube ich gern, wird er doch selten genug verliehen!« fuhr der Medizinalrat dazwischen.

»Sonst möchte ich behaupten, die Dekoration rühre noch vom letzten Feldzuge her,« vollendete sie.

»Denken Sie nicht daran!« polterte er heraus — er mußte in sehr aufgeregter Stimmung sein, da er diesen Ton anschlug. »Erstens ist der Orden nur gestiftet für Leistungen, die dem Fürstenhause persönlich gelten, und dann möchte ich den Mann sehen, der eine solche Auszeichnung jahrelang besäße, ohne daß die Welt es erführe .... Eh — wenn ich nur das Motiv wüßte, das Motiv!« Er rieb sich unablässig wie geistesabwesend die Stirn mit der Rechten, an der mindestens drei fürstliche Huldbeweise in Brillantenfeuer glänzten — was galten sie ihm in diesem Augenblick! Es waren Geschenke, die ihm seine fürstlichen Herrschaften von den Reisen mitgebracht, keine Auszeichnung fremder Höfe.

»Gerade dieser Orden ist das Ziel vieler Wünsche,« fügte er hinzu; »manche hochgestellte Persönlichkeit hat sich schon vergeblich darum beworben, und nun liegt er hier, wie achtlos aus der Hand geschoben, auf diesem erbärmlichen, angestrichenen Arbeitstische. Und jenem Menschen, jenem Ignoranten, der sich durch seine Mißerfolge so gründlich blamiert hat — Pardon, meine Gnädigste! aber das muß heraus — ihm wird er an den Hals geworfen, und man hat nicht die blasse Ahnung, wofür.«

Er war aufgesprungen und durchmaß mit großen Schritten das Zimmer. Die stolze Frau, die sich sonst durch nichts so leicht aus der Fassung bringen ließ, verfolgte ihn jetzt mit ziemlich ängstlichen, ratlosen Blicken. »Ich kann mir nicht denken, daß die Dekoration mit seinem ärztlichen Wirken zusammenhängt,« warf sie unsicher hin; »wie käme er denn auch an den D.schen Hof?«

Der Medizinalrat blieb stehen und lachte laut auf, aber es war ein gewaltsam erzwungenes Lachen. »Nun, das muß ich sagen, Sie sprechen da etwas aus, meine Gnädigste, was mir nun und nimmermehr in den Sinn gekommen wäre, weil es einfach — unmöglich ist. Es müßten sich denn alle Dinge der Welt plötzlich auf den Kopf gestellt haben, so daß die Stümperei und Unwissenheit bei unreifen Strebern ausgezeichnet und das gediegene Wissen, die gereifte Erfahrung, das wahre Verdienst mit Füßen getreten würde. Nein, daran denkt meine Seele nicht.« — Er trat an ein Fenster und trommelte mit den Fingern auf dem Sims. »Wer weiß denn, welcher Mission er sich unterzogen hat! Er war ja für acht Tage verschwunden, und niemand wußte wohin,« sagte er nach kurzem Verstummen in gedämpftem Ton über die Schulter zurück. »Hm, wer kennt denn seine Beziehungen außerhalb? Solche Duckmäuser, die nie von sich und ihrem Berufe sprechen, haben stets ihre guten Gründe — es kommen ja in der ärztlichen Praxis genug Dinge vor, zu denen sich achtbare Leute nicht hergeben. Nun, ich schweige. Es ist nie meine Sache gewesen, von den dunkeln Umtrieben anderer den Schleier zu heben; es geht ja schließlich doch alles seinen Weg, wie der da droben es will.« Er zeigte himmelwärts mit so gutgespieltem Gottvertrauen, daß es ihm nur seine intimste Freundin, die Frau Präsidentin, nicht glaubte; er wurde stets fromm und weich, wenn er sich zurückgesetzt oder in irgend einem Vorrechte verkürzt wähnte.

Er setzte sich wieder an den Tisch und schrieb das beabsichtigte Rezept, aber so hastig und flüchtig, als sei in dem fatalen Kästchen neben ihm ein Brennpunkt, der ihm die Finger versenge. »Um eines bitte ich Sie, meine verehrte Freundin,« sagte er, einen Augenblick innehaltend, »suchen Sie der Sache ein wenig auf den Grund zu kommen! Ich möchte gern au fait sein, ehe Bruck Lärm schlägt mit seiner zweifelhaften Auszeichnung — man kann nötigenfalls parieren .... An Ihre diplomatische Feinheit brauche ich selbstverständlich nicht zu erinnern; die steht hoch über jedem Zweifel.«

Die alte Dame antwortete im ersten Augenblicke nicht; sie hatte ihn, solange er seine zierlichen, mysteriösen Schriftzüge auf das Papier warf, nachdenklich beobachtet und finden müssen, daß der Freund plötzlich merkwürdig gealtert habe. Nicht etwa, daß Runzeln seine blühenden Wangen durchfurcht hätten — noch sah er wohlbeleibt und glatt aus, aber ein undefinierbares Gemisch von Besorgnis, von Niedergeschlagenheit und mürrischem Verdrossensein sprach in diesem Moment des Sichgehenlassens aus allen seinen Gesichtslinien; er sah aus wie ein Mensch, dem ein heimlich verstimmender Gedanke die Freuden des Tages beeinträchtigt und den Schlaf stört. Und sie erinnerte sich jetzt, daß er in der letzten Zeit hier und da ganz feine Andeutungen über fürstliche Launen hingeworfen hatte. Himmel, wenn sie diesen Freund verlor! Damit meinte sie durchaus nicht seinen Heimgang aus diesem irdischen Leben — sie dachte überhaupt nie ans Sterben — sie verlor ihn nur durch seine Pensionierung; er konnte ihr nichts, gar nichts mehr sein bei Hofe, und wie sich dann alles ändern würde, das mochte sie gar nicht ausdenken. Bah, warum denn auch? Der Medizinalrat aß gar zu gern Trüffeln und andere gute, aber schwerverdauliche Dinge, und starke Weine und schweres Bier liebte er auch — er begann hypochondrisch zu werden; er fing Grillen und sah Gespenster; sie mit ihren feinen Fühlfäden spürte es stets lange vorher, wenn eine Macht bei Hofe stürzen sollte, diesmal aber hatte auch nicht das leiseste Wehen eines Lüftchens die Schwenkung der reizbaren Wetterfahne angezeigt.

»Aber, bester Medizinalrat, wer sagt Ihnen denn, daß die Dekoration überhaupt für den Doktor selbst bestimmt ist?« fragte sie mit der ganzen Zuversicht der erfahrenen Weltdame. »Ich glaube nicht daran, weil ich mit dem besten Willen den Zweck nicht einsehe. Uebrigens mag die Sache zusammenhängen, wie sie will, ihm wird sie in unserer Residenz nichts nützen, denn da ist er ein für allemal so gut wie tot. Ich will Ihnen gern den Gefallen thun und nachforschen, lediglich zu Ihrer Beruhigung —« Sie verstummte; im Nebenzimmer knarrte eine Thür; die Frau Diakonus kam herein, um etwas aus ihrer Kommode zu holen.

Der Medizinalrat erhob sich und übergab der Präsidentin das Rezept; dann gingen beide durch das Zimmer, wo die Tante eben den Kasten wieder schloß. Am liebsten hätte der Medizinalrat seiner Unruhe jetzt gleich ein Ende gemacht und im Vorübergehen mittels einer schalkhaften Bemerkung eine aufklärende Antwort herausgelockt, allein die alte Frau verneigte sich so kühl und würdevoll, mit so viel ernster Zurückhaltung, daß er gar nicht wagte, sie anzureden.

Und drüben war noch weniger zu erfragen. Der Doktor hatte die große Glasschale mit den Goldfischen aus dem Zimmer der Tante herübergebracht und war eben bemüht, den dazu gehörigen Apparat eines Springbrunnens in Gang zu bringen; die Aufwärterin schleppte frisches Wasser herbei und goß es in verschiedene flache Schüsseln auf den Tischen und in einen Kübel nicht weit vom Krankenbett, alles, um die Luft des Zimmers möglichst zu durchfeuchten ... Wer hätte dem Manne, der in seiner Fürsorge, seiner Pflichterfüllung aufzugehen schien, gerade jetzt mit verfänglichen Andeutungen über Außendinge kommen mögen? Und der Medizinalrat fand das auch plötzlich vollkommen überflüssig. Es wurde ihm ganz leicht ums Herz; die Sache mußte anders zusammenhängen; denn so schlicht und unbefangen, so anspruchslos wie der junge Arzt dort gerierte sich kein Mann, der eben einer seltenen Auszeichnung gewürdigt worden war.

Henriette saß jetzt, durch Kissen gestützt, im Bette aufrecht und sah mit weit offenen, glänzenden Augen um sich; es war starkes Fieber eingetreten. Von einem Uebersiedeln nach der Villa konnte keine Rede sein, so lebhaft auch die Präsidentin es wünschte. Sie mußte sich vorläufig damit begnügen, Henriettens Jungfer zur Pflege für die Nacht, und alles, was das Krankenzimmer »komfortabel« machen konnte, herüberzuschicken. Käthes Bitte, die Nachtwache übernehmen zu dürfen, wurde weniger von ihr und dem Medizinalrat, als von seiten des Doktors Bruck rundweg abgeschlagen. Die Thränen traten dem jungen Mädchen in die Augen, als er so kühl und fest bei seinem Ausspruche beharrte, nach welchem die pflegende Hand der Kammerjungfer unter seiner speziellen Aufsicht und Leitung völlig genügte. Es wurde demnach beschlossen, daß Flora und Käthe bis um zehn Uhr bleiben und dann durch Nanni abgelöst werden sollten.

Flora hüllte sich bei diesen Verhandlungen in konsequentes Schweigen. Sie fühlte so gut wie die Großmama, daß sie als leibliche Schwester sich bei diesem Erkranken, welches im Verein mit dem Vorfalle im Walde morgen voraussichtlich das Tagesgespräch der Residenz bilden werde, durch Käthe sich nicht beschämen lassen dürfe, und deshalb ließ sie den Beschluß wie eine Verurteilung über sich ergehen.

12.

Bald nach dem Weggang der Präsidentin und ihres Freundes kamen Lakaien und Hausmädchen schwer beladen aus der Villa und schoben und trugen mit geräuschloser Behendigkeit Polstermöbel und allerhand Gerätschaften in das Krankenzimmer; die überaus einfache, aber dennoch anheimelnde Fremdenstube wurde plötzlich so buntscheckig wie ein Auktionslokal. Der gestickte Ofenschirm vor den halb erblindeten, schwarzen Kacheln, das prachtvolle Waschgerät, die apfelgrünen, seidenglänzenden Lehnstühle — wie lächerlich unpassend, gleichsam wie von einem ungünstigen Wind verschlagen, stand das alles inmitten der vier verblaßten getünchten Wände!

Ohne eine Miene zu verziehen, ganz in ihrer sanften, gelassenen Weise, räumte die Tante Diakonus ihr verstoßenes Eigentum fort. Ihre Augen begegneten nicht ein einziges Mal denen des Doktors, der sich mit verschränkten Armen in eines der Fenster zurückgezogen hatte und schweigend den Veränderungen zusah; vielleicht fürchtete die alte Frau, er könne in ihrem Blick eine leise Spur des Gekränktseins finden, und das wollte sie um keinen Preis.

Mit der einziehenden gewohnten Eleganz kam sichtlich neue Spannkraft in Floras bisherige apathische Haltung; sie dirigierte das Arrangement, legte eigenhändig die grünseidene Decke auf Henriettens Bett und versprühte eine ganze Flasche Eau de Cologne auf den Dielen. Dann ließ sie einen schwellenden Teppich in die leere Fensternische breiten und stellte einen Fauteuil darauf, und als die Dienstleute sich entfernt hatten, warf sie sich in den Lehnstuhl und kreuzte die schmalen Füße auf einem gestickten Fußkissen. Sah es doch aus, als habe sie sich aus der Wüste auf eine kleine Oase gerettet — so eng schmiegte sich ihre Gestalt zusammen, und so fremd und kalt musternd blickte sie über alles hin, was sich außerhalb ihrer teppichbelegten Ecke befand. Dort in dem »lächerlich kleinen« Stückchen Spiegelglas, das ein brauner Holzrahmen umschloß, hatte sie vorhin bemerkt, daß ihr dünnes Scheitelhaar abscheulich derangiert sei. Sie hatte einen kleinen weißen Spitzenshawl vom Halse genommen und ihn graziös über die losen Löckchen gesteckt; dieses weiße klare Gewebe legte sich wie ein Heiligenschein um den reizenden Kopf. Und die Tante Diakonus mußte immer wieder hinsehen; es war und blieb doch eine wunderschöne Braut. Nun erst begriff sie ganz, daß der Doktor dieses sylphenhafte Wesen weder im tollen Treiben der Studienzeit, noch auf den Schlachtfeldern hatte vergessen können, und ihr jetziges seltsames Benehmen, ihre finstere Schweigsamkeit, so verletzend sie auch das warme Gefühl berührte, war ja doch nur die augenblickliche natürliche Folge eben stattgehabter heftiger Gemütserschütterungen.

Inzwischen ging der Nachmittag zu Ende. Im Westen flammten die Abendgluten auf; die niedersinkenden kleinblätterigen Rankenfransen der Blumenampeln in den Fensternischen erschienen goldbeflittert, und die Purpurrosen auf den Kattungardinen wuchsen im Sonnenfeuer zu Riesenpäonien, die das Krankenzimmer mit feurigem Glanze erfüllten.

Henriette lag still, mit geschlossenen Augen in den Kissen. Sie hatte fast angstvoll gegen das Niederlassen der Rouleaux protestiert, »weil sie nicht an dumpfer Dämmerung ersticken wollte«; ebenso war es ihr Wunsch, daß man zwanglos aus und ein gehen und sich mit lauter Stimme unterhalten möge; sie könne das Geflüster und das »Auf-den-Zehen-gehen« nicht ausstehen, ja, sie fürchte sich davor und meine, man sehe eine Todkranke oder gar Sterbende in ihr. Ihr Wunsch wurde erfüllt; man bemühte sich, bei möglichster Geräuschlosigkeit vollkommen unbefangen zu erscheinen.

Während der Doktor für einige Minuten das Zimmer verließ, um ein Buch zu holen, kam die Tante Diakonus herein mit einem Präsentierteller in den Händen, und sofort verbreitete sich ein köstliches Thee-Aroma, das selbst den starken, scharfen Duft der Eau de Cologne niederkämpfte. Auf dem Brett lag eine glänzend weiße Damastserviette vom feinsten Gewebe; die Tassen waren von altem Porzellan und die silbernen Löffel altväterisch massiv und dick, lauter Erbstücke einer respektabeln Familie. Und das rote Sonnenlicht verklärte die alternde Frauengestalt, wie sie so, in wahrhaft holländischer Sauberkeit leuchtend, mit dem edlen, friedfertigen Gesicht unter dem aschblonden, ungelichteten Scheitel vor die Braut in der Fensterecke trat und ihr freundlich die Erfrischung bot.

»Selbstgebackene Waffeln?« fuhr Flora aus ihrer halbliegenden Stellung empor. »Ach ja, der Schmorduft kam vorhin von der Küche her bis zu mir in diese Ecke. Wie appetitlich!« Sie schlug die Hände zusammen wie in naiver Bewunderung. »Mein Gott, wer wie ich so völlig talentlos für häusliches Wirken ist, der begreift absolut nicht, wie solch ein kleines Kunstwerk zu stande kommen kann. Wie viel Geduld, aber auch wie viel Zeit mag dazu gehören!«

»Ich geize mit meiner Zeit und habe mir deshalb ein wenig Flinkheit angewöhnt,« sagte die Frau Diakonus lächelnd. »So werde ich ziemlich rasch mit meinen Hauspflichten fertig. Ich habe über sehr viel Mußestunden zu verfügen und bin so glücklich — was viele andere stark beschäftigte Hausfrauen nicht können, nicht dürfen — an meiner geistigen Fortbildung nach Kräften arbeiten zu können. Im vergangenen Winter z. B. habe ich mir die Aufgabe gestellt, die Bibel vom ersten bis zum letzten Worte, in der Reihenfolge, durchzulesen —«

»Um des geistigen Trostes willen?« fragte Flora.

»Deshalb nicht — ich bin bibelfest genug, um die Stellen auswendig zu wissen, an die ich mich im Leben zu halten pflege, aber der heiße politisch-religiöse Streit, der jetzt die Welt bewegt, geht auch die Frau an, und wenn man auch nicht zu den Waffen greifen kann, so gilt es doch, sich aufrichtig bekennend einer der Phalangen einzureihen, die hinter den Vorkämpfern stehen, und das kann man nur, wenn man einmal von allem, was Schule und Predigt überliefern, absieht und möglichst vorurteilslos an die heilige Schrift herantritt.«

Flora sah ihr mit grenzenlosem Erstaunen, weit offenen Auges in das Gesicht. Die ganze Bibel durchlesen, um der Ueberzeugung willen! Wie entsetzlich trocken und uninteressant! Dazu fehlte ihr, der Poesiereichen, die Geduld. Daß sie sich selbst mit Vorliebe der Welt gegenüber als den ernst grübelnden, forschenden Geist aufspielte, vergaß sie vollständig in diesem Momente, wo sie sich über die unvermutete geistige Beschäftigung »der strümpfestopfenden, unermüdlich backenden und scheuernden Frau« gründlich ärgerte. Wie kam denn die dazu, die Pfarrerswitwe, sich auch um die Welthändel zu kümmern? Ah, nun wußte man auch, wer den Doktor verdarb, wer ihm das lächerliche Ideal aufstellte, nach welchem die Frau Köchin und »geistige Gehilfin« zugleich sein konnte.

Käthe war längst hinzugetreten und hatte der Tante das Präsentierbrett abgenommen. Mit klugem Blicke verfolgte sie die steigende Bewegung in den schönen Zügen der Schwester — sie wußte, daß sie sich zu irgend einer rücksichtslosen Aeußerung hinreißen lassen würde; deshalb bot sie ihr schleunigst den Thee an.

Flora pflückte ungeduldig mit ihren zarten Fingerspitzen an dem Taschentuche auf ihrem Schoße und dankte sichtlich verstimmt, »weil sie noch zu sehr alteriert sei, um etwas über die Lippen bringen zu können«, wenige Minuten darauf aber sah das junge Mädchen, wie sie eine Bonbonniere aus der Tasche zog und sich mit Eisbonbons erquickte; sie vermied es geflissentlich, in diesem Hause etwas anzunehmen. Sie wollte absolut keine Gemeinschaft mehr mit ihm. Käthe erkannte sehr wohl, daß die treulose Braut mit dem Eintritte in das Haus, in die einfach bürgerliche Fremdenstube, den letzten Rest von Selbstbeherrschung und erkünstelter Ruhe verloren hatte; sie las in den großen, graublauen, vor verzehrender Ungeduld funkelnden Augen, daß sie dem Momente nahe gekommen sei, wo sie »endlich das Joch abschütteln wolle, abschütteln um jeden Preis«. Durch die Seele der jungen Schwester zog es wie ein inbrünstiges, angstvolles Gebet, daß nur hier, im eigenen Heim des unglücklichen Mannes, die furchtbare Entscheidung nicht erfolgen möge. Zum Glück bemerkte die alte Frau Floras häßliches Gebaren nicht; sie trug, ahnungslos, daß über ihrem hellen friedlichen Stillleben eine schwarze, unglückbringende Wolke hing, das Geschirr wieder hinaus, nachdem Käthe eine Tasse Thee dankbar angenommen hatte.

Das glühende Abendlicht verblaßte allmählich. Alle Purpurfarbe zog sich aus dem Krankenzimmer zurück und blieb zuletzt nur noch auf der schönen Dame im Fenster liegen — wie ein von dämonischem Feuer umzüngelter böser Engel saß Flora dort.

Die Kranke wurde unruhiger. Sie zupfte und zerrte an der grünseidenen Bettdecke und war sichtlich bemüht, sie fortzuwerfen. »Im Grün ist Arsenik — fort damit!« flüsterte sie mit der ganzen unheimlichen Hast und Angst des Fiebers vor sich hin.

Käthe vertauschte sogleich die seidene Decke mit der kühlen, weißleinenen des Gastbettes und glättete sie über dem armen hageren Körper, den sie heute im Walde »den Zwerg« genannt hatten. In den wunderschönen Augen der Kranken lag in diesem Augenblicke keine Spur von Verständnis. Sie rollten wild und wirr unter den halb zugesunkenen Lidern.

»Das thut gut,« sagte sie, sich unter der Decke streckend. »Und nun lasset sie nicht wieder herein, wenn sie mich mit der vergifteten, heißen Seide ersticken will! Die Großmama ist falsch, wie alle, die sich im Salon anlügen — sie und der alte Giftmischer, die große Autorität. Ich werde nach ihm schlagen, wenn er seine abscheulichen Finger auf meine Brust drückt,« zischte sie erbittert durch die Zähne. Sie setzte sich plötzlich auf und ergriff Käthes Hand. »Nimm dich vor ihm in acht, Bruck!« warnte sie mit aufgehobenem Finger, »und vor der Großmama auch! Und sie — du weißt schon, wen ich meine; sie raucht Cigarren und fährt wie toll mit den neuen wilden Pferden, weil du es verboten hast — sie ist die Falscheste von allen.«

»Sehr verbunden!« flüsterte Flora halblaut mit einem bösen Lächeln und schmiegte sich noch enger in den Polsterlehnen zusammen.

Eine unbeschreibliche Bangigkeit überschlich Käthe, deren Hand mit so innigem Drucke festgehalten wurde. Sie vermied es, den Doktor anzusehen, für den die Fiebernde sie hielt, und welcher, von dem chinesischen Schirme halb verdeckt, am Kopfende des Bettes stand.

»Weißt du noch, wie es früher war, Doktor?« fuhr Henriette fort. »Weißt du noch, wie sie die Lakaien durch Wind und Wetter jagte, dir nach, mit Briefen, vier, fünf an einem Tage? — Weißt du noch, wie sie, fast toll vor Sehnsucht, dir entgegenlief, wenn du nicht zur versprochenen Minute gekommen warst? Und wie sie dann draußen die Arme um deinen Hals schlang, wild und stark, als wollte sie dich nie wieder lassen?«

Jetzt fuhr Flora jäh empor; ihre seidenen Gewänder rauschten und zischelten, und sie war so rot im Gesicht, als breite sich noch einmal das eben versunkene grelle Abendlicht über ihre weißen Wangen. »Gib ihr Morphium!« rief sie herüber. »Das ist schon mehr Verrücktheit als fieberhafte Aufregung; sie muß schlafen.«

Der Doktor hatte der Kranken kaum erst einen Löffel voll Medizin gereicht; er beantwortete Floras Aufforderung nur mit jenem halben, flüchtigen Lächeln, mit welchem man über ein thörichtes Verlangen der Unwissenheit hinweggeht, und veränderte seine Stellung nicht im geringsten; auch die Glut, die bei Henriettens letzten Worten über sein braunes Gesicht hinflammte, erlosch rasch wieder; er sah ruhig und kalt aus wie vorher.

Flora sank zornig in ihren Stuhl zurück, wandte sich ab und ließ ihre Augen funkelnd und rastlos über die Gegend draußen hinschweifen.

»Hättest du damals gedacht, daß sich das ändern würde, Bruck? Daß sie je sagen könnte, es sei ein schwerer Irrtum gewesen?« hob Henriette von neuem an und umklammerte nun auch mit der anderen brennend heißen Hand Käthes Rechte. Dem jungen Mädchen stockte fast der Herzschlag; aus den Lippen der Kranken schwebte es, woran bis jetzt niemand, selbst die Schuldige nicht, mit dem lauten, klaren Wort zu rühren gewagt hatte. Sie bog sich rasch über die Fiebernde und legte ihr instinktmäßig die kühlen Finger auf die Stirn, als könne sie damit den unheilvollen Gedankengang in eine andere Bahn leiten.

»Ah, das kühlt!« seufzte Henriette auf. »Aber weißt du noch, wie Flora damals deine Hand von meiner schmerzenden Stirn stieß? Sie war tödlich eifersüchtig.«

Ein halb unterdrücktes höhnisches Auflachen klang aus der Fensterecke herüber. Henriette hörte es nicht. Sie war der Außenwelt völlig entrückt.

»Mich läßt der Schmerz über das, was kommen wird, nicht schlafen,« klagte sie und schlang jetzt ihre Finger ineinander und drückte sie leidenschaftlich gegen die kranke Brust. »Dann wirst du unser Haus meiden und ein unglücklicher Mann sein, der nicht einmal unseren Namen mehr auf die Lippen nimmt. Ach, Bruck, was fragt sie danach in ihrer bodenlosen Eitelkeit, die sie Ehrgeiz nennt! Sie wird sich losreißen um jeden Preis.«