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Im Hause des Kommerzienrates.

Chapter 21: Kapitel 20
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Die Erzählung schildert die Folgen, als ein alter Müllersmann seine Enkelin zur Universalerbin bestimmt und der bereits eingesetzte Vormund, der Kommerzienrat Römer, die Verwaltung übernimmt. Zwischen bäuerlicher Herkunft und bürgerlichem Vermögen entwickelt sich ein Geflecht aus Sorge, Pflicht und unterschwelligen Machtspielen: ärztliche Notfälle, häusliche Beobachtungen und das Verhalten der Dienstboten zeichnen das Alltagsbild. Intime Kranken- und Haushaltsszenen wechseln mit sozialen Spannungen, und nach und nach treten Geheimnisse, Loyalitätskonflikte und die widersprüchlichen Charakterzüge der Beteiligten zutage.

Währenddem hatte der Kommerzienrat geschäftig die Kiste ausgepackt. Ihm war es stets höchst fatal, wenn das Gespräch auf ein Gebiet hinüberspielte, wo die Meinungsdifferenzen ihm das häusliche Behagen, wenn auch nur für einen Moment, störten. Er entfaltete maisgelben Atlas und veilchenfarbenen Seidensamt. »Zwei Toiletten zu deinem ersten Debüt als Frau Professorin auf dem Balle und in der Soiree,« sagte er unmittelbar nach Brucks Ausspruche zu Flora.

Er hatte seinen Zweck erreicht — der Glanz, den er hinbreitete, war zu verführerisch für Damenaugen; selbst Henriette vergaß momentan ihren Groll, als auch noch elegante Fächer und Kartons mit Pariser Blumen und Federn das reiche Geburtstagsgeschenk vervollständigten. Aber noch war der Inhalt der Kiste nicht erschöpft. »Die anderen Damen meines Hauses dürfen nicht leer ausgehen, um so weniger, als ich einstweilen eine Reise nicht in Aussicht und mithin für die nächste Zeit nicht die Gelegenheit habe, etwas mitbringen zu dürfen,« fuhr der Kommerzienrat fort.

Die Präsidentin nahm mit süßem Lächeln einen kostbaren Spitzenshawl in Empfang und Henriette erhielt eine weiße Taftrobe, in Käthes widerstrebende Hand aber drückte der Kommerzienrat mit einem eigentümlich verständnisvollen, vielsagenden Blicke ein ziemlich umfangreiches Etui.

Dieser eine Blick rief blitzschnell in der Seele des jungen Mädchens einen wahren Sturm der widerwärtigen Empfindungen wach, die sie in der letzten Zeit zu ihrem eigenen Befremden so sehr gegen den Schwager und Vormund eingenommen. Nein, und abermals nein! So seltsam feurig und so innig vertraut, als gelte es ein Geheimnis, um das nur sie beide wüßten, durfte und sollte er sie nicht anblicken — sie wollte sich das ein für allemal verbitten. Scham, Abneigung und der fast unbezwingliche Drang, ihren Widerwillen gleich jetzt, vor aller Ohren, unverhohlen auszusprechen, das alles kämpfte in ihr und mochte sich wohl auf ihrem Gesicht spiegeln, wenn es auch mißverstanden wurde.

»Nun, Käthe, ist es dir so etwas Neues, beschenkt zu werden?« fragte Flora. »Was hat dir denn Moritz zugesteckt? — Einmal müssen wir es doch erfahren, das süße Geheimnis — gib nur her, Kind!« — Sie fing das Etui auf, das eben im Begriff war, auf die Erde zu fallen, und drückte auf die Feder. Ein blaßrotes Feuer entströmte den Steinen, die, als Halsband aneinander gereiht, auf schwarzem Samt lagen.

Die Präsidentin nahm die Lorgnette vor die Augen. »Superbe gefaßt! Eigentlich zu künstlerisch, zu antik für die Imitation, wenn sie auch modern und selbst von hochgestellten Damen augenblicklich sanktioniert wird ... Der Glasfluß ist merkwürdig rein und feurig.« Sie blinzelte angestrengt hinüber und streckte nachlässig die Hand aus, um sich das Etui zur näheren Besichtigung auszubitten.

»Glasfluß?« wiederholte der Kommerzienrat beleidigt. »Aber, Großmama, wie können Sie mich denn für so entsetzlich unnobel halten? Ist denn auch nur ein Faden hier unecht?« — Er fuhr mit der Hand durch die knisternden Stoffe. »Ich kaufe grundsätzlich nie Imitation — das sollten Sie doch aus Erfahrung wissen.«

Die Präsidentin biß sich auf die Lippen. »Das weiß ich, Moritz — ich bin nur ganz konsterniert der Thatsache gegenüber; das sind Rubinenexemplare, wie sie, meines Wissens, unsere liebe Fürstin nicht einmal aufzuweisen hat.«

»Dann thut mir der Fürst leid, daß ihm die Mittel dazu fehlen,« rief der Kommerzienrat unter übermütigem Lachen. »Uebrigens müßte ich mich schämen, gerade Käthe etwas Wertloses zu schenken, Käthe, dem Goldkind, das in zwei Jahren aus dem eigenen Besitze jedes beliebige Kapital entnehmen und sich Juwelen anschaffen kann, so viel sie Lust hat. Wie würde sie dann die Imitation als eine Beleidigung verächtlich in die Ecke werfen!«

»Ich glaube das selbst,« fiel die Präsidentin mit kühler Ironie ein; »Käthe hat eine merkwürdige Passion für alles Schwere, in welchem recht viel Geld steckt — das beweisen ihre ewigen Tafttoiletten. Aber, mein Kind,« — sie heftete die Augen scharf auf das junge Mädchen, das die bebenden Hände wieder auf der Stuhllehne gefaltet und keine Miene gemacht hatte, das Geschmeide zurückzunehmen — »auch die Art, sich zu kleiden, muß vom Taktgefühle, vom guten Ton ausgehen, wenn man denn einmal gern zur feinen Welt gehören möchte. Achtzehn Jahre und Brillanten passen nicht zusammen — an einen Mädchenhals gehört ein schlichtes Kreuz oder Medaillon am Samtbande, allerhöchstens eine einfache Perlen- oder Korallenschnur.«

»Ich bitte dich, Großmama, Käthe bleibt doch nicht immer achtzehn Jahre und auch nicht immer ein Mädchen,« rief Flora mit frivolem Mutwillen. »Das weiß ich am besten, gelt, Käthe?«

Die Augen des Mädchens flammten auf vor beleidigter Scham und vor Unwillen; sie wandte sich stolz ab, ohne auch nur mit einer Silbe zu antworten.

»Schau, wie sie erhaben aussehen kann, die Kleine!« lachte Flora gezwungen auf — es gelang ihr nicht, ein Gemisch von Aerger und Verlegenheit ganz zu verbergen. »Thut sie doch, als hätte ich an das strengste Amtsgeheimnis mit meiner unschuldigen Ausplauderei gerührt! Ist's denn ein Verbrechen, wenn man den Wunsch hat, sich zu verheiraten? Geh, kleine Prüde! Was man in einem vertraulichen Augenblicke bekennt, das muß man auch öffentlich nicht verleugnen.« Sie schob die schneeweißen Finger spielend unter die funkelnden Rubinen und sah schelmisch und vielsagend blinzelnd den Kommerzienrat von der Seite an. »Wahr ist's, Moritz — das ist in der That ein Kollier — wie es nur die Frau eines Millionärs tragen kann.«

Bei diesen Worten erhob sich die Präsidentin. Sie raffte mit ungewohnter Hast und unsicheren Fingern Brief und Lorgnette auf und zog die Mantille über die Schultern, um zu gehen. »Magst du auch immer streng auf Echtheit halten, bester Moritz,« sagte sie vornehm gelassen; »der Champagner, den wir mittags auf Floras Wohl getrunken haben, war es nicht; er macht mir unerträgliches Kopfweh. Ich muß mich für einige Stunden niederlegen.«

Inmitten des Salons wandte sie sich noch einmal zurück. »Wenn ich mich erholt haben werde, möchte ich dich um eine Entscheidung bitten,« setzte sie hinzu, indem sie dem Kommerzienrat den Brief hinhielt. »Lies ihn — du wirst finden müssen, daß die Baronin nicht zum zweitenmal zurückgewiesen und beleidigt werden darf. Ich habe mich neulich gefügt um des lieben Friedens willen, aber nun bin ich nicht mehr in der Lage, so unverantwortlich nachzugeben. Leute unseres Standes lassen sich denn doch nicht wie Marionetten, je nach Gefallen, dirigieren und wohl gar als unbequem abschütteln. Das bedenke wohl, Moritz!«

Mit kalter Strenge in den Zügen und einem hochmütigen Kopfnicken ging sie hinaus.


19.

»Da wirst du einen schweren Stand haben, Moritz,« sagte Flora, nach der Richtung zeigend, wo die Präsidentin verschwunden war. »Die Großmama ist gerüstet und bewehrt bis an die Zähne —«

Der Kommerzienrat lachte hell auf.

»Nun, du sollst sehen, sie wird nicht einen Zoll breit von dem Terrain, das du ihr allzu bereitwillig und unumschränkt eingeräumt hast, an eine andere abtreten wollen. Ich habe dich oft genug gewarnt, sieh du nun auch zu, wie du mit ihr fertig wirst!« Sie unterbrach sich plötzlich und erfaßte besorgt Brucks Hand. »Sage mir nur um des Himmels willen, was mit dir ist, Leo?« rief sie leidenschaftlich erregt. »Du kämpfest mit einem inneren Schmerz, den du mir verbergen möchtest. Magst du auch andere täuschen, das Auge der Liebe täuschest du nicht. Hier und hier« — sie fuhr mit ihren weißen Fingern über seine Stirn, die bis an die Haarwurzeln errötete — »sehe ich Linien, die mich ängstigen. Du strengst dich offenbar zu sehr an. Weißt du, daß ich mir die Freiheit nehmen und von heute an einen unserer Diener in deine Stadtwohnung beordern werde, um diese lästigen Spießbürger unerbittlich zurückzuweisen, die dein ärztliches Wirken kaum noch mit Steinen beworfen haben und nun dich zu Grunde richten mit ihrer Zudringlichkeit?«

Henriette starrte die zuversichtliche Sprecherin wie fassungslos an, und der Kommerzienrat räusperte sich und strich wiederholt mit der Hand über sein feines Bärtchen, um einen mokanten Ausdruck zu verbergen; über das Gesicht des Doktors aber, das vorhin allerdings eine unerklärliche, erschreckende Starrheit angenommen hatte, ging jetzt schattenhaft ein schneidendes, bitterverächtliches Lächeln hin. »Das wirst du nicht thun, Flora,« sagte er rauh und sehr gebieterisch. »Jede unbefugte Einmischung in meine Praxis muß ich mir entschieden verbitten — heute und immer. Ich habe übrigens im Interesse eines Schwerkranken, den heftige Gemütsbewegungen geistig und körperlich gebrochen, ein Wort mit dir zu reden,« wandte er sich an den Kommerzienrat. »Möchtest du mir wohl eine Besprechung unter vier Augen gestatten?«

»Eines Schwerkranken?« wiederholte der Kommerzienrat nachsinnend. Er runzelte gleich darauf finster die Brauen und ein harter, widerwilliger Zug entstellte seinen Mund. »Ach ja, ich weiß schon,« sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung; »es ist der wagehalsige Mosje, der Kaufmann Lenz. Der Mensch hat auf die unvernünftigste Weise ins Blaue hinein spekuliert und möchte sich nun mit einem tiefen Griffe in meinen Säckel retten; ich bedanke mich.«

»Willst du mir dergleichen nicht lieber drüben aussprechen?« fragte der Doktor mit starkem Nachdrucke. »Wir beide sind heute noch die einzigen, die der Mann in seine furchtbare Lage eingeweiht hat; nicht einmal seine Frau weiß darum —«

»Nun meinetwegen; ich werde ja hören, inwiefern er dich zum Vermittler gemacht hat, glaube aber schwerlich, daß ich ihm auch nur eine Fingerspitze reichen werde. Es ist eine total verlorene Sache, sag' ich dir.« Er zuckte kalt die Achseln; den einst wirklich gutherzigen Mann hatten Glück und Geld unempfindlich gemacht — er war völlig unfähig geworden, sich in eine von qualvollen Sorgen hin und her gepeitschte Menschenseele hineinzudenken. »Im übrigen hast du am allerwenigsten Ursache, dich seiner anzunehmen, er hat auch einen Stein aufgehoben, um dich zu bewerfen.«

»Soll das wirklich maßgebend für mich sein?« fragte Bruck ernst über die Schulter, während er sich anschickte, dem Kommerzienrate in das anstoßende Zimmer voranzugehen. — Der Mann der Wissenschaft erschien in diesem Augenblicke hochherrlich und imponierend neben dem jäh errötenden Geldmenschen.

Die drei Schwestern blieben allein. Flora schellte übelgelaunt nach ihrer Jungfer, damit sie die Geschenke des Kommerzienrates hinwegräume, und Käthe griff nach ihrem Sonnenschirme.

»Willst du ins Freie, Käthe?« fragte Henriette, die sich wieder in ihren Schaukelstuhl gekauert hatte.

»Es ist heute Arbeitsstunde bei der Tante Diakonus; ich habe mich schon verspätet und muß eilen —« Das junge Mädchen verstummte unwillkürlich; Schwester Flora warf einen Karton mit Blumen so heftig in die Korbwanne, welche die Kammerjungfer herbeigeholt hatte, daß ein ganzer Regen zarter, weißer Blütenglocken über die Stoffe hinflog.

»Wie mich dieses Thun und Treiben anekelt, kann ich gar nicht sagen,« rief sie ergrimmt. »Diese Tante, dieses personifizierte Pflichtgefühl, hat meine heutige Einladung zum Kaffee abgelehnt, weil die kleinen Damen aus unserem verrufensten Stadtviertel beileibe nicht unverrichteter Dinge fortgeschickt werden dürfen, und Fräulein Käthe beeilt sich selbstverständlich aus demselben Grunde, zu der Farce eine ernsthafte Miene voll Pflicht und Tugend zu machen.«

Sie biß sich auf die Lippen und wartete, bis sich die Jungfer entfernt hatte, dann aber erfaßte sie Käthe, die eben schweigend das Zimmer verlassen wollte, am Arm und hielt sie zurück. »Nur einen Augenblick Geduld! Ich muß dir sagen, daß du mich durch dein Gebaren in eine Rolle drängst, die ich auf die Dauer unmöglich durchführen kann — bis zum September ist eine lange Zeit. Was liegt näher, als daß die Tante von der Braut ihres Neffen dieselbe heroische Selbstüberwindung verlangt, wie sie das Muster von Schwester an den Tag legt? — Ich soll die ungewaschenen Kinderfinger zwischen die meinen nehmen und lammgeduldig Masche um Masche von den Nadeln heben, bis solch ein vernagelter Tagelöhnerkopf die Manipulation des Strickens begriffen hat. Ich soll nötigenfalls schmutzige Gesichter waschen, wirre Zöpfe strählen und stundenlang mit den unappetitlichen Menschenkindern Ringelreihe spielen — ich hab's versucht — brr! Und wenn ich darauf hin mein Mitwirken unterlasse, da geschieht es, daß ich durch die Ohrenbläsereien der guten Tante in Brucks Augen zu einem wahren Ungeheuer gestempelt werde, das — unweiblich und herzlos — die süße Kinderwelt nicht liebt. Aus diesem Grunde verbiete ich dir nochmals, ein für allemal diese Art Verkehr im Hause meines Bräutigams, kraft meines guten Rechtes — hörst du?«

»Ich höre, werde aber nichtsdestoweniger thun, was mir mein eigenes Gewissen nicht verbietet,« versetzte Käthe fest und ruhig und schob mit einer energischen Gebärde die Hand der Schwester von ihrem Arm. »Deinem guten Recht, das du übrigens selbst mißachtet und in meiner Gegenwart als überlästig ausgeboten hast —«

»Ja wohl, ja wohl!« rief Henriette dazwischen — sie stand plötzlich neben Käthe und ihre Augen funkelten in unversöhnlichem Haß die übermütige Schwester an.

»Also diesem Recht trete ich in keiner Weise nahe, dessen bin ich mir bewußt,« fuhr Käthe fort. »Schlimm aber steht es um dich, wenn du in jeder menschenwürdigen Handlung anderer ein feindliches Element siehst, das deine Stellung gefährdet —«

»Gefährdet?« wiederholte Flora, unter spöttischem Gelächter die Hände zusammenschlagend. »Liebste, weiseste aller Moralpredigerinnen, das ist ein kleiner Irrtum. Eine Liebesleidenschaft, die sich das alles bieten läßt, was ich mit gutem Vorbedacht als Feuerprobe über Bruck verhängt hatte, kann durch nichts mehr auf Erden gefährdet werden.«

»Traurig genug!« murmelte Henriette mit heiserer, fast erstickter Stimme und zornig geballten Händen. »Ich muß mir immer wieder Brucks männliche Festigkeit in seinem ganzen sonstigen Verhalten und Auftreten ins Gedächtnis zurückrufen, um ihn nicht als — Schwächling zu verurteilen.«

»Es handelt sich eben nur um die Spanne Brautzeit bis zum September,« fuhr Flora fort, Henriettens Einwurf mit spöttischem Achselzucken einfach übergehend, »und es ist nichts anderes als ein höfliches Zugeständnis meinerseits der Alten gegenüber; ich wünsche mich mit ihr zu vertragen. In L.....g ändert sich freilich alles; da fallen dergleichen Rücksichten von selbst weg, und was Bruck betrifft, so wird er in den ersten Wochen unserer Ehe einsehen, daß eine Frau, wie sie die Tante für ihn wünscht, nicht nur eine beschämende Last, sondern geradezu eine Unmöglichkeit für ihn sein würde. Dann erst kann er meinen Wert vollkommen erkennen, wenn der Salonverkehr seines Hauses, dem ich präsidiere, den rechten Lüster über seine hervorragende Stellung wirft; wenn er mich stets in gewohnter Eleganz und Sicherheit auf meinem Posten findet, ohne daß mein Fernhalten von Hauswesen und Kinderstube pekuniäre Opfer seinerseits fordert. Ich habe bereits alles berechnet; nach Abzug meiner Toiletten- und Nadelgelder bleibt mir von meinen Revenüen so viel übrig, daß ich den Gehalt einer perfekten Köchin, der Wirtschaftsmamsell, der Kinderfrau und der Gouvernante aus meiner eigenen Tasche bezahlen kann.«

Sie sah bei den letzten Worten auf ihre glänzenden, rosenfarbenen Nägel, dann wandte sie mit einer langsamen, stolzen Bewegung den Kopf seitwärts — der deckenhohe Spiegel warf ihre Gestalt zurück, diese blendende Erscheinung, bei deren Anblick man sich allerdings unmöglich denken konnte, daß sie je in trauter Häuslichkeit einen kleinen Liebling auf den Knieen wiegen, am Krankenbettchen Märchen erzählen und in der Kinderstube das sein werde, was die treue Mutter sein soll, das tröstende Licht, das keine Nacht aufkommen läßt, die höchste Instanz, die mit einem Kusse jeden Streit schlichtet, die unermüdlich stützende Hand, an der das Kind geistig und physisch laufen lernt.

Und ihr Blick irrte wie schönheitstrunken weiter und blieb vergleichend an dem weißgekleideten Mädchen hängen, hinter welchem die blausamtene Portiere niederfiel. Von diesem Grunde hoben sich die jugendlich schwellenden Glieder, die unvergleichliche Schönheit der Gesichtsfarben unter der dicken Flechtenkrone, die im reinsten Perlmutterweiß schwimmenden dunkeln Augensterne herrlich ab, und wenn die schöne Flora in ihrem Gesamtausdrucke das wissende Weib repräsentierte, das bereits tief in das Leben geschaut hat, so stand da neben ihr ein jungfräulich keuscher Schwan in naiver Unschuld und fleckenloser Seelenreinheit. Vielleicht mißfiel ihr das. Sie lächelte das Spiegelbild spöttisch an und nickte hinüber.

»Ja ja, meine Kleine, so veilchenhaft bescheiden wirst du nicht immer bleiben, und die häuslichen Bestrebungen, zu denen dich die Lukas in so unvernünftig übertriebener Weise erzogen, sind bei dir ebenso wenig am Platze wie bei meiner künftigen Lebensstellung. Moritz wird dir nie das unharmonische Geklingel mit dem wirtschaftlichen Schlüsselbunde gestatten — darauf verlasse dich, und wenn er dir galanterweise sogar zehnmal einen Geflügelhof in Aussicht stellt! Gerade er mit seinem neugebackenen Adel wird in Bezug auf die etikettengemäß weißen, geschonten Hände seiner Frau penibel sein wie kaum unser Allerdurchlauchtigster.«

Käthe war längst errötend aus dem Bereiche des Spiegels getreten. »Das mag Moritz halten, wie er will. Was geht das mich an?« fragte sie in halbabgewendeter Stellung, aber die Augen groß und verwundert auf das Gesicht der Schwester richtend.

»Aber ich bitte dich, Flora, wie kannst du so taktlos sein, Moritz in so unumwundener Weise vorzugreifen?« rief Henriette erschreckt; sie fixierte mit einem besorgten, verlegenen Seitenblick Käthes Gesichtsausdruck.

»Ach was, er kann mir nur dankbar sein, wenn ich ihm den Weg ein wenig glatt und eben mache. Und glaubst du denn, ich spräche da etwas aus, das Käthe nicht selbst längst wüßte? Es gibt kein Mädchen über fünfzehn Jahre, das nicht mit den Fühlfäden des Sehnens und Wünschens unausgesetzt sondierte und sofort wie durch einen elektrischen Schlag fühlte, wenn ein Männerherz sich ihm zuneigt. Die das nicht zugeben, sind entweder zu dumm oder raffinierte Koketten.« Sie maß wieder ihr Spiegelbild vom Kopf bis zu den Fußspitzen und zog die Löckchen tiefer in die Stirn. »Wer vorhin Augen gehabt hat, zu sehen, wie unsere Kleine sich vertrauensvoll und hingebend anzuschmiegen weiß, der kann nicht mehr fehlgehen — gelt, Käthe, du verstehst mich?« Jetzt lächelte sie mit frivol blinzelnden Augen unter dem hochgehobenen Arme weg die junge Schwester an.

»Nein, ich verstehe dich nicht,« versetzte das junge Mädchen mit stockendem Atem; ein undefinierbares Gemisch von heftigem Widerwillen und böser Vorahnung stieg in ihr auf und machte sie ängstlich.

»Komm, Käthe, wir wollen gehen,« sagte Henriette und schlang ihren Arm um die Hüften der großen, schlanken Schwester, um sie nach der Thür zu ziehen. »Ich leide ein solch indiskretes Verhör nicht,« setzte sie, zornig mit dem Fuße stampfend, hinzu.

»Bah, echauffiere dich nicht, Henriette!« lachte Flora. Sie reichte Käthe das Etui mit dem Geschmeide hin. »Hier, Kleine, du wirst doch die Steine nicht in dem offenen Salon liegen lassen, wo die Dienerschaft aus und ein geht?«

Käthe legte unwillkürlich und naiv wie ein Kind die Rechte, in welche der Schmuck gedrückt werden sollte, auf den Rücken. »Mag doch Moritz sie wieder an sich nehmen,« sagte sie kurz und bestimmt. »Deine Großmama hat darin ganz recht — es ist ein unpassendes Geschenk; an meinen Hals gehört ein solcher Schmuck nicht.«

»Und an diese gutgespielte Unbefangenheit soll ich glauben?« rief Flora ärgerlich und wie gelangweilt. »Geh! Einem so großen, vierschrötigen Mädchen steht die kindische Ziererei nun einmal nicht an. Da liegt er noch, der Spitzenshawl, den Moritz der Großmama mitgebracht hat — sie verschmäht ihn; sie ist empfindlicher als deine Schwestern, die es selbstverständlich finden, daß dein Geschenk alles, was er hier für uns ausgebreitet hat, an innerem Werte mindestens vierfach aufwiegt — und über das Warum dieser Auszeichnung wolltest du allein im unklaren sein? Mache dich nicht lächerlich! Hörst Tag für Tag das Hantieren drüben im Pavillon — alle im Hause, bis auf die aus und ein gehenden Handwerker hinab, wissen, daß die Wohnung für die Großmama hergerichtet wird, damit die junge Frau Kommerzienrätin in diese brillanten Räume einziehen kann — nun, kleine Unschuld, soll ich noch deutlicher werden?«

Bis dahin hatte das junge Mädchen regungslos gestanden und mit zurückgehaltenem Atem und aufdämmerndem Verständnis die Redewendungen der Schwester so erschreckten Auges verfolgt, als sehe sie eine buntschillernde, gefährliche Schlange allmählich sich entringeln. Nun aber irrte ein stolzes Lächeln um ihre blaßgewordenen Lippen. »Bemühe dich nicht — ich habe dich endlich verstanden,« sagte sie bitter — dem Metallklang ihrer Stimme hörte man den inneren Schrecken an — »du hast es weit klüger angefangen als deine Großmama, mir den ferneren Aufenthalt in diesem Hause unmöglich zu machen.«

»Käthe!« schrie Henriette auf. »Nein, darin irrst du. Flora ist wie immer entsetzlich rücksichtslos gewesen, aber böse gemeint waren ihre Anspielungen sicher nicht.« Sie schmiegte sich eng an die Schwester an und sah ihr zärtlich in das Gesicht. »Und wenn auch, weshalb sollten dich denn derartige Neckereien aus dem Hause treiben, Käthe?« fragte sie halb ängstlich und zögernd in schmeichelndem Flüstertone. »Bist du wirklich so ahnungslos der Liebe gegenüber geblieben, die dir so unzweideutig gezeigt wird? Sieh, ich habe jetzt oft den heißen Wunsch zu sterben, wenn es aber wahr würde, daß du als Herrin hier in unserem väterlichen Heim einzögest, dann —«

Käthe wand sich ungestüm aus den zarten Armen, die sie umstrickten. »Niemals!« rief sie, den Kopf heftig schüttelnd, zornig, erbittert, wie es nur ein stolzes, plötzlich in allen seinen Tiefen unsanft und schonungslos aufgerütteltes Mädchengemüt sein kann.

»So — also niemals?« wiederholte Flora sarkastisch. »Vielleicht ist dir die Partie nicht vornehm genug — wie? Wartest wohl auf irgend einen verschuldeten Grafen oder Prinzen, der modernerweise nicht das Dornröschen selbst, sondern ihre Geldsäcke aus dem Zauberbanne erlöst? Ei nun, die Jetztzeit ist ja nicht arm an solchen Ehen! Wie aber die unglückliche Mitgabe, die Frau, dabei fährt, weiß man auch ... Willst du immer wieder hören, daß dein Großvater hinter den Müllerpferden hergegangen und deine Großmutter barfuß gelaufen ist, dann heirate nur in eine solche adelsstolze Familie! Uebrigens möchte ich wirklich wissen, was du an Moritz auszusetzen hast, oder vielmehr, was dich berechtigt, seine Hand zurückzuweisen. Du bist allerdings sehr reich, aber was es für einen bedenklichen Haken dabei hat, wissen wir. Du hast viel Jugendfrische, allein schön bist du nicht, meine Kleine, und was dein Talent betrifft, mit welchem du allerdings in günstigen Momenten zu brillieren verstehst, so ist das ein von ehrgeizigen Lehrern künstlich angefachtes Geistesfünkchen, das sehr schnell wieder erlöschen wird, sobald das fette Honorar aufhört.«

»Flora!« unterbrach sie Henriette empört.

»Schweig! Ich rede jetzt in deinem Interesse,« sagte Flora, mit einer kräftigen Handbewegung die schwache Gestalt der Kranken beiseite schiebend. »Oder möchtest du Moritz leidenschaftlicher verliebt in dich sehen, als er sich gibt, Käthe? Liebes Kind, er ist ein gereifter Mann, der über das Heldenspielen in einem Backfischroman längst hinaus ist. Es fragt sich überhaupt, ob du je um deiner selbst willen gewählt wirst — bei solchen kleinen Millionärinnen kann man das nie wissen .... Ich begreife dich nicht. Du hast dich bis zu diesem Augenblicke auf die Krankenpflegerin kapriziert, wie kaum eine aussichtslose alte Jungfer, weil — es eigentlich von keiner Seite gewünscht wurde, und nun, da Henriette ihre ganze fernere Existenz an dein Bleiben im Hause knüpft, willst du gehen? Ich für meine Person würde auch ruhiger in der Ferne sein, wenn ich unsere Schwester unter deinen pflegenden Händen wüßte, und was Bruck anbelangt — nun, du hast dich allerdings eben wieder überzeugen müssen, wie wenig sympathisch du ihm bist, armes Kind; er will lieber den ungezogenen Schreihals, den Job Brandau, in seinen vier Wänden dulden als dein häusliches Schalten und Walten, aber ich weiß trotz alledem gewiß, daß er seine Patientin, die er schließlich doch hier ihrem Schicksale überlassen muß, dir am liebsten übergibt, an der sie mit Liebe hängt.«

Henriette lehnte mit kreideweißen Wangen an der Wand — sie war keines Wortes fähig, so tief erbitterten sie die unbeschreibliche Nonchalance, der beispiellose Uebermut, mit welchem Flora alles, was die Schwesterherzen demütigen mußte, an das Licht zerrte. Käthe jedoch hatte ihre äußere Fassung vollkommen wiedergewonnen.

»Darüber werden wir zwei uns allein verständigen, Henriette,« sagte sie ganz ruhig, aber die Lippen, welche die Stirn der Kranken küssend berührten, die Finger, die sich mit innigem Druck um ihre Hand legten, waren kalt wie Eis. »Du gehst doch wohl jetzt hinauf in dein Zimmer;« sie sah nach ihrer Uhr, »es ist Zeit, daß du deine Tropfen nimmst. Ich komme bald zurück.«

Sie ging hinaus, ohne noch einen Blick auf Flora zu werfen.

»Eingebildetes Ding! Ich glaube gar, sie nimmt es auch noch übel, daß man sie nicht für die erste Schönheit erklärt und daß nicht auch Männer wie Bruck an ihrem Siegeswagen ziehen,« sagte die schöne Dame mit sarkastisch zuckenden Mundwinkeln, und während Henriette schweigend ihr Geschenk und die Kapsel mit dem Rubinschmucke forttrug, schritt sie, eine Melodie trällernd, nach dem Zimmer, in welches sich die beiden Herren zurückgezogen, und klopfte ungeniert mit dem Finger an, weil es, wie sie durch die Thürspalte hinüberrief, sehr ungalant sei, »das Geburtstagskind« heute allein zu lassen.

20.

Käthe wanderte lange ziellos durch den Park, durch alle Laubgänge und Alleen, in die entlegensten Partien hinein. So aufgeregt, wie sie war, mochte sie der Tante Diakonus nicht unter die Augen treten; sie wußte, die alte Frau würde teilnahmvoll fragen, und dann mußte sie beichten, und wahrscheinlicherweise gehörte die alte Freundin auch zu denen, die ihre Verbindung mit dem Kommerzienrat wünschten — sie machten ja in dem Punkte alle Front gegen sie, Flora, Henriette, der Doktor. Egoisten waren sie alle, das wußte sie nun. Aber sie ließ sich nicht in den glänzenden Käfig sperren; sie flog ihnen davon. Das dachte sie bitter, mit finsterem Trotze, und blieb einen Augenblick mit müden Füßen vor der Ruine stehen, bis wohin sie sich verirrt hatte. Die Sonne stand schon tief — es war Abendsonnenlicht, das die Lüfte, den dunkeln Tannenwald im Hintergrunde und den flutenden Wasserring um die Ruine von zwei Seiten her mit Purpur- und Goldtinten glühend tränkte und färbte. Wie ein Gebild aus schwarzem Marmor hob sich die Hügelform mit dem Turme von dem glitzernden Grunde, und die vollblätterige Nußbaumgruppe stand vor ihr wie eine vielzackige dunkle Silhouette, durch deren Geäst nur da und dort die Farbengluten tropften.

Mit einem feindseligen Blick starrte das junge Mädchen über das Wasser hinüber. Dort oben, wo die schwere dunkelrote Seidengardine hinter der mächtigen Spiegelscheibe wie ein unheimlicher Blutstrom niederrollte, stand der vielberufene Geldschrank. Bis dahin hatte sie ihn gefürchtet; heute haßte sie diese vier engen eisernen Wände, die ihr Ich, ihr warmschlagendes Herz aus dem Dasein löschten und sich selbst an die Stelle eines jungen Mädchens mit idealen Hoffnungen und Wünschen und tiefer Sehnsucht nach wahrem, stillem Liebesglück drängten. Wer auch kam und um ihre Hand freite, er liebäugelte mit dem eisernen Ungetüm, das sich an ihre Fersen heftete; jeder Blick, der begehrend auf sie fiel, galt der Millionärin, jeder warme Händedruck dem Papiergespenst, »das immer neue Summen aus der Welt an sich zog«. Und das bedachte der Herr Kommerzienrat von Römer auch — der reiche Mann wollte noch reicher werden. Wahrlich, heimtückischer war das Nagen des Wurmes auch nicht, das allmählich von innen eine köstliche Frucht verzehrte, als dieser ewig bohrende, das Selbstgefühl vernichtende Gedanke, den Flora boshaft lachend in die Seele der jungen Schwester geschleudert.

Und dort unten, an der Basis des Turmes gähnte die dunkle Kellerluke, wo die kostbaren Weine des reichen Mannes feurig gegen die einzwängenden Faßdauben und Flaschen pochten. Der Kommerzienrat hatte erst kürzlich wieder die Präsidentin und seine drei Schwägerinnen hinuntergeführt. Die Eisenbahn hatte wieder einmal zahllose Fässer und Körbe herangerollt, und sie alle fanden Platz in den mächtigen Gewölben, die ihre Steinbögen weit und tief in den Leib des Hügels hineintrieben.

Es wehte eine herrlich kühle, reine und trockene Luft da unten; die Steinfliesen des Fußbodens blinkten wie poliert; kein Staubkörnchen, nicht das dünnste Spinnwebfädchen hing an den Steinrippen, die sich oben zur Kuppel kreuzten, und das Kellergerät, das Trinkgeschirr, die grünen Römer, die Champagnergläser, alles funkelte und gleißte; man sah, daß hier dienende Hände ohne Unterlaß fegten und spülten, strenger und peinlicher als im glänzenden Salon. Und da, wo die edelsten Sorten, Faß an Faß, lagerten, wo nur ein schwacher Schein des Tageslichtes hoch oben an der Gewölbdecke dämmerte, da standen auch in der dunkelsten Ecke die zwei Tonnen mit dem historischen Schießpulver, so frisch und unversehrt, daß Käthe neulich lachend gemeint hatte, die ehrwürdigen Reliquien würden wahrscheinlich von Zeit zu Zeit erneuert wie der berühmte Tintenfleck auf der Wartburg. Diese Ecke aber war und blieb ihr unheimlich; sie begriff nicht, wie der reiche Mann sie Tag und Nacht unter seinen Füßen dulden konnte; und wenn sie auch nur die gespenstische Ahnfrau der Baumgarten mit umherleuchtender Fackel hin und her irrend dachte, dann sträubte sich ihr das Haar.

Ihr Blick stieg an den geschwärzten Quadern empor — ein einziger Funke, der von dem Kellerlicht wegsprang — und das alte, wie für die Ewigkeit gekittete Turmgefüge barst auseinander, und alles, was Menschenhände an Schätzen in dem Mauerviereck gierig zusammengerafft, es stürmte, in Atome zerstückelt, gen Himmel. Auch die eisernen Wände zersprangen, und die Papiere, an denen der Fluch der Bedürftigen hing, zerstoben und zerflatterten nach allen Winden.

Dem jungen Mädchen graute vor der eigenen Seele, durch die der Gedanke huschte, es möchte so sein, auf daß ihr Ich erlöst werde von der goldenen Maske, nach der die Gelddurstigen strebten. Entsetzt vor dem Bilde der Zerstörung, das die eigene Phantasie heraufbeschworen, hatte sie die Augen bedeckt, und nun ließ sie die Hände sinken und sah tiefaufatmend in die blaugoldigen Lüfte, in welchen, hoch über dem Turme, Henriettens Taubenscharen kreisten, und dort vor dem Fenster des scheinbar schiefhängenden Mauerstückes, das auf seinem Rücken den letzten herrlichen Kolonnadenrest trug, hing der Amselbauer des dort hausenden Dieners. Rosmarin und Goldlack standen auf dem Sims; und darüber her fiel eine Gardine maiengrüner und maienduftender Hopfenranken. Das Vögelchen sang aus allen Kräften in das Gelärm der flügelklatschenden Tauben hinein, und den grasigen Abhang herab waren geräuschlos die Rehe gekommen und äugten über das Wasser hinweg nach dem großen, schlanken Menschenkind, das eben so häßlich, so verzweiflungsvoll geträumt hatte.

Die Rehe und die Tauben kannten sehr gut das junge Mädchen, das stets in den Taschen Brot und Körner mitbrachte, aber heute hatte sie nur ein stummes Abschiedwinken mit der Hand für sie, ob auch das Taubenvolk sich jetzt auf den Rasen niederstürzte und seine Kecksten rekognoszierend und bettelnd auf die Brücke vorausschickte. Käthe ging weiter am Flußufer hin, und bald mischte sich ferner Kinderjubel mit dem Rauschen des Wassers. Die kleinen Schülerinnen der Tante Diakonus spielten noch im Garten, und trotz der tiefen Niedergeschlagenheit, trotz der Seelenschmerzen, deren Wesen und Ursprung sie zum Teil nicht einmal begriff, weckten diese Laute ein warmes Freudengefühl in Käthe. Ach nein, die kleinen Geschöpfe da drüben mit den unschuldigen Augen und den jungen fröhlichen Herzen sahen nicht die Millionärin in ihr; sie wußten noch nichts von dem eisernen Geldschranke; sie nahmen unbefangen und dankbar das gereichte Vesperbrot und fragten nicht, wer es bezahlt habe. In den jungen Seelen lebte sie als Tante Käthe, um deren Liebesbeweise man sich stritt und zankte, welcher man sehnsüchtig entgegenlief und in deren Ohr das ängstliche Bekenntnis kleiner Vergehen oder die weinende Klage über ein erlittenes Unrecht vertrauensvoll geflüstert wurden. Nein, dort wurde sie geliebt, aufrichtig geliebt um ihrer selbst willen.

Sie verdoppelte ihre Schritte; je näher sie dem Hause kam, desto mehr wurde ihr zu Sinne, als kehre sie heim aus der Irre. Dort trat die Magd zwischen den zwei gewaltigen Pappeln hervor, die zu beiden Seiten der Brücke standen, und wanderte, den Henkelkorb am Arme, nach der Stadt, um die Abendeinkäufe zu machen — das war auch eine treue Seele, die nicht um des Geldes willen an der Herrschaft hing; ihr gutmütiges, offenes Gesicht gehörte so recht in das gemütliche Heimwesen am Flusse.

Von den Kindern war nichts zu sehen, als Käthe über die Brücke kam — sie spielten hinter dem Hause; dafür machte sich der Haushahn um so breiter auf dem Rasenplatze; er schlug mit den farbenglänzenden Flügeln und krähte, daß es weit über das Feld hingellte; die Hühner unterbrachen ihr Scharren und schielten mit schiefgehaltenem Kopfe nach der Mädchenhand, die ihnen oft Futter hinstreute, und der Hofhund begnügte sich mit einem begrüßenden Schwanzwedeln. Er war jetzt gut Freund mit Käthe, bellte sie nie an und hatte sich mit der Zeit so viel Bildung angeeignet, die gelbe Henne nunmehr auch unangefochten vor seiner Nase hinspazieren zu lassen.

Die Hausthür stand weit offen und die Magd war ausgegangen, mithin befand sich die Tante im Hause. Käthe stieg eben die Stufen hinauf, als sie in der Flur den Doktor sprechen hörte. Wie festgewurzelt blieb sie stehen.

»Nein, Tante, der Lärm belästigt mich. Meine Kopfnerven machen mir augenblicklich zu schaffen,« sagte er. »Wenn ich mich für Momente in den grünen Winkel hier flüchte, so will ich ausruhen; ich brauche Ruhe, Ruhe.« — War er es wirklich, der gelassene Mann, in dessen Stimme so viel nervöse Ungeduld, so viel zitternde Pein mitsprach? »Es ist ein Opfer, das ich von dir verlange, Tante, ich weiß es, aber trotz alledem bitte ich dich dringend, diese Unterrichtsstunden für die wenigen Monate, die ich noch hier sein werde, auszusetzen. Für diese Zeit will ich herzlich gern ein Zimmer in der Stadt mieten und eine Lehrerin bezahlen, damit deinen Schülerinnen kein Nachteil erwächst —«

»Um Gott, Leo, du brauchst ja nur zu wünschen,« unterbrach ihn die Tante erschrocken. »Wie konnte ich denn ahnen, daß dir dieser Verkehr plötzlich so unangenehm ist? Nicht ein Laut mehr soll dich stören — dafür lasse mich sorgen! Mich dauert nur eins dabei — Käthe —«

»Immer dieses Mädchen!« brauste der Doktor auf, als verliere er bei dieser Klage den letzten Rest von Geduld und Selbstbeherrschung. »An mich denkst du nicht.«

»Aber ich bitte dich, Leo, was ficht dich an? Ich glaube gar, du bist eifersüchtig auf die Liebe und Zuneigung deiner alten Tante,« rief die alte Frau erstaunt und ungläubig lachend.

Er schwieg; das junge Mädchen draußen hörte, wie er einige Schritte nach der Hausthür machte.

»Meine arme Käthe! Es ist völlig undenkbar, daß ihr geräuschlos wohlthuendes Walten, ihre ganze Erscheinung irgend einem Menschen auf Gottes Erde unangenehm sein könnte,« sagte die Tante, leisen Trittes ihm nachgehend. »Ich habe noch kein Mädchen gesehen, das so prächtig Kindesunschuld und Frauenwürde, Verständnisschärfe und Innigkeit des Gemütes in sich vereinte. Das zieht mich unwiderstehlich zu ihr hin, und ich meine, so ungerecht dürfte auch mein Leo nicht sein, daß er neben seiner vergötterten Braut kein anderes weibliches Wesen gelten ließe.«

Käthe schrak zusammen — der Doktor brach in ein sardonisches Gelächter aus, so laut und erschütternd, daß sie sich davor entsetzte. Unwillkürlich hob sie den Fuß zur Flucht — nein, sie blieb. Das spöttische Lachen galt ihr — sie wollte wissen, wie der Doktor die gute Meinung der Tante, die ihr allerdings die Glut der Beschämung in die Wangen trieb, widerlegen werde.

»Du bist sonst eine so kluge, klarsehende Frau, Tante, aber hier läßt dich dein Scharfblick kläglich im Stich,« sagte er, das Lachen in jäher, unheimlicher Weise abbrechend. »Immerhin! Ich werde selbstverständlich deine Ansichten nicht anfechten — wer vermag sich denn selbst in das Gesicht zu schlagen? Ich habe dich nur um eins zu bitten: daß unser Zusammenleben bis zu meiner Abreise sich genau wieder so gestalte, wie es vordem war — wir wollen allein sein. Du hast dich früher ohne die Gesellschaft junger Damen zufrieden gefühlt; suche dich für die wenigen Monate meines Hierseins wieder in die ungestörte Einsamkeit zu finden — ich will niemand hier aus und ein gehen sehen.«

»Also auch Käthe nicht?«

Ein starkes Aufknirschen des über die Steinfliesen hingestreuten Sandes drinnen ließ das junge Mädchen vermuten, daß der Doktor ungeduldig mit dem Fuße auftrete. »Tante, soll ich denn durchaus gezwungen werden —« rief er erbittert; seine Stimme war kaum zu erkennen.

»Behüte Gott — alles wie du willst, Leo!« unterbrach ihn die alte Frau erschrocken und doch ihr schmerzliches Bedauern nicht verbergend. »Ich werde mich bemühen, die Verbannung so schonend wie möglich einzuleiten, damit sie nicht allzu wehe thut ... Aber, mein Himmel, wie erregt du bist, Leo, und wie fieberisch deine Hand brennt! Du bist krank. Du opferst dich für deine Patienten. Nun, wenigstens hier in deinem Heim werde ich dir Ruhe verschaffen — darauf verlasse dich! Darf ich dir ein Glas Limonade mischen?«

Er dankte mit beruhigter Stimme und verabschiedete sich. Käthe hörte, wie die Tante nach der Küche ging, wahrscheinlich, um das verspätete Vesperbrot herzurichten. Gleich darauf trat der Doktor unter die Hausthür.

Er dankte mit beruhigter Stimme und verabschiedete sich. (S. 269.)

21.

Da, dicht neben der Thüreinfassung, lehnte das junge Mädchen an der Wand; mit blassem Gesicht, die Zähne fest zusammengebissen, starrte sie neben dem herabsteigenden Manne weg in die leere Luft — sie wollte ihn nicht sehen.

Er schrak bei ihrem Anblick zusammen und blieb einen Moment wortlos vor ihr stehen, die unbeweglich wie ein Wachsbild in ihrer Stellung verharrte. »Käthe!« rief er leise, ängstlich zögernd wie jemand, der einen in einem schweren Traum Befangenen zu erwecken sucht.

Sie richtete sich in ihrer ganzen Höhe und schlanken Schönheit auf und stieg langsam die Stufen herab. »Was wünschen Sie, Herr Doktor?« fragte sie, drunten auf dem Rasen stehend, über die Schulter nach ihm zurück. Auch diese Bewegung hätte noch den Eindruck des Automatenhaften gemacht, wäre nicht der empört flammende Blick gewesen, den sie jetzt auf den Doktor richtete.

Er errötete heiß wie ein Mädchen und trat zu ihr. »Sie haben gehört —« fragte er unsicher, aber gespannt in jeder Gesichtslinie.

»Ja,« unterbrach sie ihn bitter lächelnd, »jedes Wort, und habe damit selbst schlagend bewiesen, wie recht Sie thun, Ihr Haus von fremden Eindringlingen zu säubern — die Wände haben Ohren.« — Sie ging noch einige Schritte vom Hause weg, als könne sie nicht entfernt genug von der Schwelle stehen, die sie nicht mehr betreten sollte.

Er hatte sich währenddem gefaßt; er warf seinen Hut auf einen Gartentisch in Käthes Nähe und richtete seine hohe Gestalt aus der vorgeneigten Stellung empor, die er im ersten Zusammenschrecken angenommen. Aus seinen Wangen war die Röte gewichen, aber es sah aus, als atme er auf, als sei es ihm erwünscht, daß eine solche Wendung eingetreten, daß ihm der Zufall zu Hilfe gekommen sei. »Die Furcht, belauscht zu werden, hat keinen Teil an dem, was ich vorhin meiner Tante ausgesprochen. Dieses stille Haus hat keine Geheimnisse, und das, was man in seiner Brust verschließen muß, wird auch nicht laut zwischen Wänden, die keine Ohren haben,« sagte er mit ruhigem Ernste. »Sie haben jedes Wort gehört — dann wissen Sie auch, daß mich nur der Wunsch nach momentanem Ausruhen bestimmt, ungestörte Stille zu fordern. Ich muß es leider gleich von vornherein aufgeben, diesen meinen rohen Egoismus entschuldigend zu motivieren. Sie können sich selber nicht denken, daß es Seelen gibt, die fortgesetzt gleichsam auf der Flucht sind vor Gedanken und — Gestalten, aber vielleicht wird es Ihnen leichter, sich den schmerzvollen Zorn, die Qual eines Verfolgten vorzustellen, der erschöpft dem schützenden Heim zueilt und gerade da sich vor denen sieht, die er flieht.«

Sie sah mit ihren klugen Augen scheu prüfend zu ihm empor, der ihr während des Sprechens näher getreten war. Ja, es war ihm tiefer Ernst mit dem, was er sagte; er schilderte nicht nur die Qual eines solchen Verfolgten, er empfand sie auch in diesem Augenblicke wirklich und leibhaftig, das sah sie an seinem seltsam verstörten Blicke, an dem fahlen Erbleichen, das sein Gesicht seltsam überschauerte; allein — vor seiner Braut floh er doch nicht, auch auf die unschuldigen Kinder konnte sie das Gesagte unmöglich beziehen; sonst aber verkehrte niemand hier — außer ihr; mithin verhielt es sich in Wirklichkeit so, wie sie sich bereits tiefverletzt eingestanden; sie war ihm als Zeugin verschiedener Auftritte zwischen ihm und Flora lästig und unerträglich geworden; er mochte ihr wenigstens in seinem Hause nicht mehr begegnen, und die Unterrichtsstunden wurden nur sistiert, um ihr jeden Vorwand zum ferneren Aus- und Eingehen abzuschneiden. Diese Ueberzeugung machte ihre lieblichen Züge in dem Ausdrucke eisig lächelnden Unglaubens förmlich erstarren.

»Sie haben gar keine Verpflichtung, Ihre strenge Maßregel zu motivieren — Sie sind Herr hier, und das genügt,« versetzte sie frostig. »Aber welche unbegrenzte Verehrung müssen Sie für die Frau Baronin Steiner hegen, daß Sie ihr die heißersehnte Ruhe opfern und ihren ungebärdigen Enkel samt Gouvernante in das Haus nehmen wollen!« — Das war eine herbe Zurechtweisung aus dem Mädchenmunde, der allerdings stets fest zu sprechen gewohnt war, noch nie aber gezeigt hatte, bis zu welcher Schneidigkeit die weiche Glockenstimme sich schärfen konnte. »Ach nein, thun Sie das nicht!« rief sie in plötzlicher leidenschaftlicher Steigerung und streckte die Hand gegen ihn aus, als er überrascht und betreten die Lippen zu einer Entgegnung öffnete; »ich möchte nicht, daß Sie sich aus leidiger Höflichkeit zu einer Bemäntelung herbeiließen und anders sprächen, als Sie denken. — Weiß ich doch nur zu gut, welche Beweggründe sie leiten!« Sie kämpfte sichtlich zornige Thränen nieder. »Ich habe einigemal ungeschickterweise Ihren Weg gekreuzt und begreife vollkommen die Erbitterung, mit welcher Sie vorhin sagten: ‚Immer dieses Mädchen!‘ ... Ich kann mir ja selbst dieses Ungeschick nie verzeihen, obgleich ich in Wahrheit nur ein einzigesmal schuldig gewesen bin, d. h. mit Vorbedacht mich eingemischt habe. Sie aber gehen noch unerbittlicher mit mir ins Gericht — Sie verfolgen mich dafür.«

Doktor Bruck widersprach mit keinem Worte, allein es war, als schließe er gewaltsam die Lippen gegen die Versuchung, zu sprechen. Seine Augen sahen seitwärts mit einem festen ausdrucksvollen Blick auf sie nieder, und die Rechte, die er auf den Gartentisch gestützt hatte, zog sich wie im Krampfe zusammen. In dieser Stellung, in allen Linien seines schönen Gesichts lag das Grundgepräge dieses Männercharakters, die Verschlossenheit, die Willenskraft, die sich nur im äußersten Falle eine Erklärung abringen läßt.

»Ich bin mit innerem Widerstreben hierher zurückgekehrt,« hob sie wieder an. »Die alte Dame da drüben« — sie zeigte in der Richtung nach der Villa Baumgarten — »hat mit ihrem Präsidentenstolz meine Kindheit vergiftet, wo es ihr irgend möglich war, und die bitteren Thränen, die sie mit ihrer fortgesetzten Impertinenz meiner armen Lukas damals erpreßt, kann ich ihr nie vergessen. Sie wissen, wie mir bei meiner Ankunft vor dem Zusammentreffen mit meiner geistesstolzen Schwester Flora bangte, und wie ich angesichts der Villa am liebsten kehrt gemacht und zur selben Stunde die Rückreise in mein Dresdener Heim angetreten hätte — wäre ich doch gegangen! Neben dem Beamtenstolze und der geistigen Ueberhebung macht sich nun auch der unerträgliche Geldhochmut breit — es weht eine von Goldstaub und Anmaßung erfüllte Luft dort drüben, in der auch das lebensfrischeste Denken und Empfinden verkümmern muß. Meiner ganzen Natur nach bin ich unfähig, in einem solchen Boden Fuß zu fassen, aber hier« — mit aufgehobenem Arme deutete sie über Haus und Garten hin — »hier war ich heimisch; hier hätte ich selbst meine Dresdener Heimat vergessen können, warum — ich weiß es ja selbst nicht.«

Wie lieblich stand sie im schneeweißen Kleide da, den flechtengeschmückten Kopf sinnend gesenkt! »Die alte prächtige Frau hat mir's angethan, glaub' ich,« setzte sie mit einem hellen Aufblicke hinzu, »ihre edle, einfache Erscheinung verhilft mir immer wieder zu innerem Gleichgewicht; sie geht leise und geräuschlos ihren Weg, und wenn man auch nie einen eigentlichen Widerspruch von ihren Lippen hört, nie ein eigensinniges Beharren bemerkt, so weicht sie doch nicht um eine Linie von dem, was sie für gut und recht hält, ab. Das thut wohl im Hinblicke auf so viel inhaltslose Vornehmthuerei, auf so lügenhafte Aufbauschung und Aufgeblasenheit und auch — so manche beklagenswerte Schwäche, in die leider selbst der männliche Geist verfallen kann.« Die Brauen finster faltend, warf sie einen kleinen, blütenschweren Zweig, den sie unterwegs gepflückt und bisher spielend zwischen den Fingern gedreht hatte, verächtlich weit von sich.

Diese eine Bewegung reizte und empörte den vor ihr stehenden Mann sichtlich. Ein düsteres Feuer glomm in seinen Augen auf — er hatte sie verstanden. »Sie haben vorhin eine Tugend der ‚alten, prächtigen Frau‘ aufzuzählen vergessen: die Milde und Vorsicht im Richten,« sagte er scharf und strafend. »Nie würde sie ein so unbedingt verdammendes Urteil in der unfehlbaren Weise aussprechen, wie Sie eben gethan, weil sie weiß, wie leicht man mißversteht, und daß gar manchmal — wie es sich denn auch in dem von Ihnen betonten Fall verhält — gerade hinter der vermeinten Schwäche sich ein Aufbieten aller inneren Kraft verbirgt.« Er sprach in heftiger Steigerung; die schlichte Gelassenheit, die er nicht einmal bei dem mächtigen Wechsel seiner Lebensstellung auch nur momentan eingebüßt, war von ihm gewichen.

Wohl senkte Käthe in der ersten Bestürzung die Wimpern tief auf die heißen Wangen, aber sie fühlte sich im Recht; er war namenlos schwach gegen sich selbst, in seiner Liebesleidenschaft wie in seiner Abneigung — das letztere hatte sie ja eben an sich selbst erfahren müssen. Sie warf trotzig den Kopf zurück.

In diesem Augenblicke kamen die kleinen Schülerinnen im Haschespiele um die Hausecke gelaufen. Käthe erblicken und jubelnd auf sie losstürmen, war eins. Daß der Doktor mit seinem tiefverfinsterten Gesicht neben dem Mädchen stand und die Hände abwehrend ausstreckte, kümmerte die fröhliche Schar nicht — im Nu war die schlanke, weiße Gestalt umringt; die kleinen Hände stießen und drängten sich gegenseitig weg. Jedes wollte die Aermchen um »die schöne Tante« legen, oder mindestens eine ihrer Hände erhaschen.

Trotz ihrer inneren Bewegung hätte Käthe beinahe hell aufgelacht; denn so fest sie auch auf ihren Füßen stand, sie schwankte unter dem Anpralle der elastischen Kinderleiber und konnte sich ihrer kaum erwehren, der Doktor aber ergrimmte, wie sie ihn noch nie gesehen. Er schalt die Kleinen zudringlich, schob sie unsanft weiter und gebot ihnen mit harter Stimme, sich wieder hinter das Haus zu verfügen und dort zu warten, bis man sie entlasse.

Die Kinder schlichen betrübt und eingeschüchtert davon.

Käthe biß sich auf die Unterlippe und ihr umflorter Blick verfolgte die kleinen Mädchen, bis sie hinter der Hausecke verschwunden waren. »Wie gern ginge ich mit ihnen, um sie zu beruhigen, aber ich werde natürlich nicht um einen Schritt auf dem Terrain zurückgehen, das ich bereits für immer verlassen habe,« sagte sie mit einem Gemisch von Schmerz und heftigem Zürnen.

»Beruhigen!« wiederholte der Doktor in persiflierendem Tone. »Möchten Sie mich nicht auch noch zum Unmenschen stempeln, wie ich vorhin als Schwächling bezeichnet wurde? — Trösten Sie sich — solch ein Kindergemüt trägt die Beruhigungsmittel in sich selber; Lachen und Weinen wohnen eng zusammen. Hören Sie, wie dort drüben bereits wieder gekichert wird?« — Er zeigte mit einem flüchtig um seine Lippen spielenden Lächeln über die Schulter zurück. »Ich wette, das gilt mir und meiner Strenge. Ich habe um Ihretwillen die ausgelassene Schar in die Schranken gewiesen — ich konnte das nicht sehen; wie mögen Sie es dulden, daß man Sie so heftig attackiert? Die Kinder sind schlecht erzogen —«

»Weil sie mich lieb haben? Gott sei Dank, daß es so ist! Ja, Gott sei Dank, daß ich wenigstens da noch glauben darf!« rief sie, die Hände auf die Brust pressend. »Oder wollen Sie mich vielleicht auch angesichts dieser Zuneigung glauben machen, daß der Zärtlichkeitsbeweis einzig und allein meinem Geldschranke gelte? — Ach nein, auf dieser trostvollen Ueberzeugung stehe ich fest; da lasse ich mich nicht auch weghetzen — darauf verlassen Sie sich!« Wie herzzerschneidend klang diese bittere Verwahrung von den jungen Lippen.

Er trat erstaunt zurück.

»Welche seltsame Idee —«

»Ach, ist es Ihnen wirklich so verwunderlich, daß ich endlich aufgerüttelt bin aus meiner mehr als kindlichen Vertrauensseligkeit, die da gemeint hat, warmes Fühlen und braves, redliches Wollen gelten auch etwas in der Welt? Nicht wahr, es hat lange genug gedauert, bis der schwerfällige deutsche Michel in meiner Seele die Augen aufgeschlagen hat, um zu sehen, daß er sich unsterblich lächerlich mache mit seinen altmodischen Ansichten von gut und schlecht, von Wahrheit und Lüge?« Sie wurde ganz blaß und schauerte zusammen. »Es ist etwas Schreckliches um die plötzliche Erkenntnis, daß man eigentlich gar nicht mehr existiert als das, was man sich eingebildet hat zu sein, als ein junges Menschenkind mit der Berechtigung, dereinst auf seine Art glücklich zu werden.«

Er wandte schweigend die Augen von ihr weg und sie fuhr nach einem tiefen Atemholen fort: »Sie haben mich bei unserer ersten Begegnung gefragt, wie ich mein plötzliches Reichwerden auffasse; ich bin erst in diesem Augenblicke fähig, Ihnen darauf die richtige Antwort zu geben. Ich komme mir vor wie verunglückt in diesem Geldmeere; es streckten wohl viele die Hand aus, aber nicht, um mich meiner selbst wegen an sich zu ziehen, sondern nur, weil die Goldwogen mir folgen.«

Der Doktor fuhr wie entsetzt empor. »Um Gott, wie kommen Sie zu dieser grauenhaften Vorstellung?«

Sie lachte herzerschütternd auf. »Das fragen Sie noch? Zwingt man mich nicht täglich, stündlich, diese grauenhafte Vorstellung mit der Gottesluft zu atmen, mit jedem Trunke zu schlürfen? Da soll man mich in meinem lieben Dresdener Heim nur kajolieren, weil ich der ‚Goldfisch‘ bin; meine Lehrer nähren das schwache Fünkchen des musikalischen Talentes in mir nur um des reichen, sicheren Honorars willen, das ich zahle, und der Vormund freit um die Mündel, weil er sie — am besten zu taxieren versteht.«

Sie hatte, indem sie vor sich hinsprach, den Blick ziellos über den Abendhimmel schweifen lassen; jetzt sah sie den Doktor an — er hatte eine Bewegung gemacht, als gehe ein elektrischer Schlag durch seinen Körper. »Ist das bereits Thatsache?« stammelte er und strich sich wiederholt über die Augen, wie wenn ihn ein Schwindel überkomme. »Und es macht Ihnen wohl tiefen Kummer, sich vorstellen zu müssen, daß auch Moritz so denke?« setzte er nach einem augenblicklichen Schweigen gepreßt hinzu.

Betroffen horchte sie auf — seine Stimme klang so auffallend matt und gebrochen. »Mehr noch verletzt es mich, daß sich jedes für berechtigt hält, in dieser Angelegenheit mitzusprechen,« entgegnete sie, und ihre schöne, kraftvolle Gestalt majestätisch aufrichtend, stand sie da, die verkörperte Abwehr gegen fremde Anmaßung. Sie schüttelte den Kopf mit einem bitteren Spottlächeln. »Solch ein armer Goldfisch, wie muß er sich allen Ernstes wehren, wenn er nicht in den Händen der Egoisten zum erbärmlichen Spielball werden will, und ich will nicht — absolut nicht! Sehen Sie sich vor, Herr Doktor! Sie gehören auch zu denen, die meinen, ein verwaistes junges Mädchen müsse sich dirigieren lassen, wie der Vorteil, das Behagen anderer sein Kommen und Gehen erheische. Hier verbannen Sie mich, und dort möchten Sie mir eine Kette um den Fuß legen, damit ich bleibe. Ich möchte wissen, was Sie zu dieser Willkür berechtigt, oder nein,« — ihre Lippen zuckten im Kampfe mit aufquellenden Thränen — »ich möchte mit Henriette fragen: ‚Was habe ich Ihnen gethan?‘«

Das letzte dieser in leidenschaftlicher Klage herausgestoßenen Worte erlosch ihr auf den Lippen — der Doktor hatte ihr Handgelenk umfaßt. Seine kalten Finger drückten wie Eisen.

»Kein Wort mehr, Käthe!« raunte er ihr in Lauten zu, die sie erschreckten. »Ich weiß zum Glück, daß nicht eine Spur von komödienhafter Falschheit in Ihnen lebt, sonst müßte ich glauben, Sie hätten die raffinierteste Folterqual ersonnen, um mir ein streng behütetes Geheimnis zu entreißen;« er ließ ihre Hand fallen; »aber auch ich will nicht — absolut nicht!«

Er schlug die Arme über der Brust zusammen und entfernte sich einige Schritte, als wolle er rasch nach dem Hause gehen, aber plötzlich wandte er sich dem wie erstarrt dastehenden Mädchen wieder zu. »Es interessiert mich übrigens, zu erfahren, inwiefern ich Ihnen eine Kette um den Fuß legen möchte, damit Sie bleiben,« sagte er ruhiger. Er kam zurück und blieb vor ihr stehen.

Käthe errötete tief; einen Augenblick zögerte sie in mädchenhafter Scheu, dann aber versetzte sie entschlossen: »Sie wünschen, daß ich die — Herrin in der Villa Baumgarten werde —«

»Ich — ich?« Er drückte die geballten Hände gegen die Brust und brach in jenes hohnvolle Lachen aus, das sie schon vorhin bei seiner Unterredung mit der Tante erschreckt hatte. »Und wie begründen Sie diese Beschuldigung? Warum soll ich wünschen, Sie als Herrin der Villa Baumgarten zu sehen?« fragte er, sich mühsam bezwingend.