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Im Hause des Kommerzienrates. cover

Im Hause des Kommerzienrates.

Chapter 24: Kapitel 23
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Die Erzählung schildert die Folgen, als ein alter Müllersmann seine Enkelin zur Universalerbin bestimmt und der bereits eingesetzte Vormund, der Kommerzienrat Römer, die Verwaltung übernimmt. Zwischen bäuerlicher Herkunft und bürgerlichem Vermögen entwickelt sich ein Geflecht aus Sorge, Pflicht und unterschwelligen Machtspielen: ärztliche Notfälle, häusliche Beobachtungen und das Verhalten der Dienstboten zeichnen das Alltagsbild. Intime Kranken- und Haushaltsszenen wechseln mit sozialen Spannungen, und nach und nach treten Geheimnisse, Loyalitätskonflikte und die widersprüchlichen Charakterzüge der Beteiligten zutage.

»Weil Sie, wie Flora sagt, Henriette nicht so ohne weiteres ihrem Schicksale überlassen wollen,« antwortete sie mit der ganzen entschlossenen Aufrichtigkeit, die auf eine entschiedene Frage kein Ausweichen zuläßt. »Sie finden, daß ich meine arme Schwester mit hingebender Liebe pflege, und um ihr das Haus des Kommerzienrates, unser ehemaliges Vaterhaus, auch als fernere Heimat zu sichern, soll ich die schwesterliche Liebe und Hingebung noch weiter bethätigen, indem ich — die Frau des Kommerzienrates werde.«

»Und Sie glauben, daß ich an der Spitze einer derartigen Familienintrigue stehe? Sie glauben das ernstlich? Haben Sie vergessen, daß ich mich gleich zu Anfang dieser aufopfernden Pflege und Ihrem längeren Bleiben in Römers Hause widersetzt habe?«

»Seitdem hat sich vieles geändert,« entgegnete sie rasch und bitter. »Sie werden im September M. für immer verlassen; dann kann es Ihnen gleichgültig sein, wer in der Villa schaltet und waltet; Ihr Behagen wird nicht mehr gestört durch eine unsympathische Persönlichkeit —«

»Käthe!« stieß er heraus.

»Herr Doktor?« Sie hielt, den Kopf stolz hebend, seinen flammenden Blick ruhig aus. »Der Gedanke eines solchen Arrangements liegt eigentlich sehr nahe, und nur einem so langsam kapierenden Wesen wie mir konnte es passieren, so lange blind an alledem vorüberzugehen,« setzte sie scheinbar gelassen hinzu. Es war etwas Ueberlegenes in ihrem Tone und Wesen, als sei sie plötzlich um Jahre an Erfahrung und Erkenntnis gereift. »Dann käme kein fremdes Element in den Familienkreis; die ganzen häuslichen Einrichtungen könnten bleiben, wie sie sind, Bequemlichkeiten und Gewohnheiten in der Villa wie drüben im Turme würden nicht alteriert; nichts, nicht einmal ein eiserner Spind in Moritzens ‚Schatzkammer‘ brauchte von seiner Stelle gerückt zu werden; das ist so praktisch gedacht —«

»Und leuchtet Ihnen so sehr ein, daß Sie nicht einen Augenblick schwanken, zu bleiben,« ergänzte er fliegenden Atems mit einem so ungeduldig verzehrenden Blicke, als zürne er den Lippen, daß sie nicht rasch genug bestätigten.

»Nein, Herr Doktor, Sie triumphieren zu früh,« rief sie mit einer Art von wilder Schadenfreude. »Der obstinate Goldfisch durchbricht das Netz. Ich gehe, ich gehe heute noch. Ich kam vorhin nur, um mich von der Frau Diakonus zu verabschieden, und würde daher gelächelt haben über das Verbannungsdekret, das Sie gegen mich richteten, wenn es mich nicht so schmerzlich berührt hätte. Meine Schwestern haben mir vorhin die blinden Augen geöffnet und mir in prächtiger Perspektive ‚das Glück‘ gezeigt, das man für mich beabsichtigt. Ich hatte im Momente der Eröffnung das Gefühl, als gäbe es aus dem blauen Salon der Frau Präsidentin nur noch einen Weg für mich, den direkten, sofortigen nach der Eisenbahn, die mich heim beförderte, und ich wäre auch gegangen, wenn ich mich nicht meiner übernommenen Pflichten erinnert hätte. Ich gehe nicht für lange, nur für die Zeit, in der ich Moritz von der Ferne aus überzeugt haben werde, daß er mir nie und nimmer mit einer anderen als seiner streng vormundschaftlichen Beziehung kommen darf, daß ich ihm stets die entschiedenste Abneigung zeigen werde, sobald er Miene macht, einen anderen Ton als den des väterlichen Beraters anzuschlagen.«

Ihr Busen hob sich in tiefen, befreienden Atemzügen, und die heiße Glut, die ihr Gesicht bis an die Haarwurzeln überströmte, war das hinreißende Erröten widerstrebender Scham, aber man sah, sie wollte es um jeden Preis klar werden lassen zwischen sich und dem Manne, der sich, während sie sprach, emporrichtete, hoch und elastisch, als werde plötzlich eine niederdrückende Wucht von seinen Schultern genommen.

»Seit dem Tage, wo wir Henriette so schwer leidend in Ihr Haus brachten, besteht ein schönes Verhältnis zwischen der Frau Diakonus und meiner armen Schwester,« fuhr Käthe rascher fort; »ich kann ruhigen Herzens gehen, wenn die Tante sich Henriettens annimmt. Um diesen Liebesdienst wollte ich sie bitten; deshalb kam ich hierher. Ich werde ihr nun von Dresden aus schreiben; denn Sie begreifen wohl, daß die von Ihrem Grund und Boden Verbannte auch nicht einmal die kurze Strecke von hier bis zu der Hausflur je wieder beschreiten wird.«

Mit diesen Worten ging sie an ihm vorüber. »Leben Sie wohl, Herr Doktor!« sagte sie mit einer leichten Verbeugung und schritt nach der Brücke. Jenseits des Holzbogens, beim Umschreiten der Pappel, wandte sie den Kopf noch einmal nach dem lieben, alten Hause zurück. Dort an der Ecke lugten die Kinderköpfchen neugierig und kichernd eines über dem anderen, neben dem Gartentische aber stand der Doktor, beide Hände sonderbar schwer auf die Tischplatte stützend, und aus seinem aschfahlen Gesichte starrten die Augen mit einem fast wilden Blicke ihr nach.

Seltsames Mädchenherz! Sie flog ohne Besinnung über die Brücke zurück, über den verpönten Weg, den sie nie mehr beschreiten wollte — sie wäre noch weiter gelaufen, in die weite Welt hinein, ihm zu Hilfe.

»Ach, Sie sind krank?« stammelte sie, ihre warmen, geschmeidigen Hände angstvoll auf die seinen legend.

»Nein, nicht krank, Käthe — nur das, was Sie mir, wenn auch in einem andern Sinne, schuld gegeben — ein erbärmlicher Schwächling!« stöhnte er und strich sich mit einer heftigen Gebärde das nach vorn gefallene reiche Lockenhaar aus der Stirn zurück. »Gehen Sie, gehen Sie! Sehen Sie denn nicht, daß ich in einem Seelenzustande bin, für den jedes Wort der Teilnahme, jeder warme Blick zum Dolchstoß wird?« rief er rauh, und doch bog er sich blitzschnell nieder und preßte seine Lippen fest und heiß, wie in wahnsinnigem Schmerz, auf die Mädchenhand, die noch auf seiner Linken lag.

Erschreckt fuhr das junge Mädchen zusammen, allein sie fühlte ihr Herz von einem nie gekannten, beseligenden Zärtlichkeitsgefühl überströmen, und es schwebte ihr auf den Lippen zu sagen: »Nein, ich gehe nicht — du bedarfst meiner.« Da stand er jedoch schon wieder hochaufgerichtet vor ihr und winkte mit schmerzentstelltem Gesicht stumm, aber gebieterisch nach der Brücke — und jetzt floh das Mädchen, als schreite der Engel mit dem feurigen Schwerte hinter ihr ....

Einige Stunden später stieg sie in Hut und Schleier, eine Reisetasche in der Hand, eine Seitentreppe der Villa geräuschlos herab — sie ging, wie sie gekommen war, plötzlich, unerwartet. Henriette hatte, wenn auch tödlich bestürzt und unter heißen Thränen, dennoch in die schleunige Abreise und mehrwöchentliche Abwesenheit der Schwester gewilligt, da sie sich selbst sagen mußte, daß auf Floras unumwundene, taktlose Mitteilungen hin nun eine Reihe peinlicher Auftritte für alle Teile folgen würde. Sie war auch damit einverstanden, daß Käthe stillschweigend gehe und von Dresden aus ihre Willensmeinung äußere, während sie selbst es übernahm, die Verwandten von der Abreise in Kenntnis zu setzen. Dafür stellte sie die Bedingung, daß Käthe sofort zurückkehre, gleichviel wann, und möge sie auch sein, wo sie wolle, sobald die kranke Schwester eine Stütze brauche und sie rufe.

Henriette blieb droben an der Treppe stehen und streckte der Scheidenden die Hände nach, während Käthe den Schleier über die verweinten Augen zog. Wie ein Lichtmeer wogte es durch das Haus; alle Gasflammen loderten und am Portale fuhr donnernd eine Equipage nach der andern vor. Für einen Moment war Käthe gezwungen, in einen Seitenkorridor zu flüchten; dort, an die Wand gedrückt, sah sie Damen in eleganter Abendtoilette vorüberrauschen. Die Lakaien schlugen die Thüren des blauen Salons weit zurück und drinnen stand Flora im spitzenbesetzten blaßroten Seidenkleide, strahlend schön und vornehm lächelnd wie ein Fürstenkind, und begrüßte die Gäste, die um ihretwillen kamen — der Kommerzienrat gab ihrem Geburtstag zu Ehren eine große Soiree.

Bei diesem Anblick war es der Lauschenden draußen, als gingen schneidende Schwerter durch ihre Seele. Dort stand die Uebermütige, umschwebt von Glück, das ihr förmlich bettelnd nachgelaufen war, ob sie es auch verächtlich mit dem Fuß fortgestoßen hatte — und hier verbarg sich die Hoffnungslosigkeit, scheu wie die Sünde. Warum war aller Glücksreichtum, die ganze Fülle von Liebesseligkeit auf dieses eine Haupt gehäuft, das ihrer entbehren konnte, während die andere Schwester inmitten ihrer Goldschätze hungernd und entsagend durch das Leben gehen sollte?

Die Thürflügel fielen zu und Käthe eilte hinaus in den Park, von einer Verzweiflung erfüllt, wie sie nur ein junges, heißes Herz zu erschüttern vermag, und während die Kammerjungfer droben ahnungslos ihrer harrte, um auch ihr beim Ankleiden für die Soiree behilflich zu sein, pochte sie an das erleuchtete Mühlenfenster und berief Franz, sie nach dem Bahnhof zu begleiten.

22.

Seitdem waren mehr als drei Monate verstrichen. Nie hatte sich Käthe so eifrig in ihr Musikstudium versenkt wie in dieser Zeit, aber auch ihr übriges Wesen hatte sich auszudehnen und zu vertiefen gewußt mit jener fieberhaften Hast, die in angestrengter Arbeit und Thätigkeit — Vergessenheit sucht. Henriette hatte eine Art Tagebuch für sie angefangen, das sie allwöchentlich schickte. Diese Blätter erzählten ihr, wie sich seit ihrer Abreise das Leben in der Villa weiterspann. Sie las nur zwischen den Zeilen, daß die Präsidentin förmlich neu auflebe, aber auch anmaßender und despotischer als je im Hause herrsche; unumwundener dagegen sprach Henriette aus, daß die Großmama Käthes plötzlichen Entschluß, »um des dabei an den Tag gelegten Taktes willen«, geradezu in den Himmel hebe, während Flora die Achseln zucke und von Backfischstreichen spreche. Der Kommerzienrat hatte mehrere Tage mit ihr gegrollt, ihrer unbefugten Einmischung wegen. Er war an jenem Abend, wo ihm Henriette in einer Ecke des Musiksalons leise das Geschehene mitgeteilt, blaß geworden vor Schreck und Verdruß, und nur die Anwesenheit der Gäste hatte eine heftige Familienszene verhindert, die jedenfalls um so erbitterter ausgefallen wäre, als auch Flora den ganzen Abend sehr verstimmt und pikiert gewesen war — der Bräutigam hatte sich mit Berufspflichten entschuldigt und war in der Geburtstagssoiree nicht erschienen.

Der Kommerzienrat hatte gleich zu Anfang an Käthe und die Doktorin geschrieben und »behufs einer Aussprechung« seinen Besuch in Dresden für den Juni angekündigt, allein das Tagebuch teilte in jener Zeit mit, daß häufiger als je Depeschen in der Villa einliefen, daß der Kommerzienrat weit mehr in Berlin als daheim und mit Geschäften vollständig überbürdet sei. Der Besuch unterblieb; nur selten kam ein flüchtiger Geschäftsbrief von der Hand des Vormundes, und die letzte Geldsendung hatte — was bisher nie geschehen — der Buchhalter abgeschickt.

Käthe atmete auf; der gefürchtete Konflikt war ohne allen Zweifel beseitigt. Der Herr Vormund hatte aus ihrem Antwortschreiben die Ueberzeugung gewonnen, daß er niemals hoffen dürfe, und sich vernünftigerweise beschieden. Das junge Mädchen hätte nun als Pflegerin zurückkehren können, dem aber widersetzte sich die Doktorin energisch, weil Käthe, wie sie oft tadelnd und bekümmert aussprach, so sehr verändert, mit dem Verluste ihres jugendlichen Frohsinns und ihrer frischblühenden Gesichtsfarbe heimgekommen sei. Zudem hatte die Baronin Steiner in der That mit ihrem Gefolge für zwei Monate Einzug in der Villa gehalten und sich dermaßen ausgebreitet, daß kein Winkelchen in der Bel-Etage unbesetzt geblieben war.

Käthe selbst schauderte bei dem Gedanken an eine Rückkehr, solange die Uebersiedelung nach L.....g nicht stattgefunden hatte. Sie wußte nur zu gut, daß sie jetzt nicht mehr monatelang mit äußerer Ruhe inmitten der dortigen Verhältnisse ausharren könne — bedurfte es doch selbst in Dresden all ihrer Kraft, nicht zu zeigen, daß sie ihren inneren Frieden verloren habe, daß sie fast übermenschlich ringe mit der süßen, zwingenden Gewalt, die sich ihrer Seele bemächtigt, und welche die Menschen Sünde nannten. Henriette hatte ja auch noch nicht »gerufen«, trotz ihrer leidenschaftlichen Klagen über die Sehnsucht nach »der starken, besonnenen Schwester«; sie sprach im Gegenteil mit enthusiastischem Danke von der Aufopferung, mit der sie von seiten der Tante einstweilen gepflegt und verhätschelt werde. Ihr Tagebuch war eigentlich auch nur eine fortlaufende Schilderung, in der zwei Menschen die Hauptrolle spielten, der Doktor und die Tante. Alles, was sich im Hause am Flusse ereignete, wurde getreulich mitgeteilt, und war es auch nur der jähe Tod der gelben Henne, die endlich doch ein tückisches Zuschnappen des grimmen Feindes vor der Hundehütte aus der Welt befördert, oder der außergewöhnliche Traubenreichtum, der in diesem Jahre am Weinspalier hing; selbst ein neu angeschafftes, silberweißes Kätzchen, »das sich auf dem Sofa der Tante breit mache«, wurde als Merkwürdigkeit aufgezählt — das waren die harmlosen Momente, sonst aber trug das Tagebuch eine düstere Färbung. Manche Stellen lasen sich, als müßten die Briefblätter noch thränenfeucht sein, andere wieder so leidenschaftlich fortreißend, als sei aus den schreibenden Fingern Feuer in die Feder geströmt. Ueber das bräutliche Verhältnis zwischen Flora und dem Doktor fiel auch hier kein Wort, wohl aber wurde angstvoll geklagt, daß der letztere infolge seiner aufreibenden ärztlichen Thätigkeit sich auffallend verändere; nur den Kranken gegenüber sei er mild und geduldig, im geselligen Umgange dagegen verfinstert, wortkarg wie nie und sichtlich reizbar; in seiner äußeren Erscheinung verfalle er zum Befremden aller.

So war allmählich der Zeitpunkt herangerückt, auf welchen man die Hochzeit festgesetzt hatte. Flora hatte es unterlassen, die ferne Stiefschwester einzuladen; sie habe den Kopf voll — schrieb Henriette — eine Reihe von Feten, die ihr zu Ehren noch gegeben würden, lasse sie kaum noch zu Atem kommen; dazu sei sie kapriziös wie immer, auch bezüglich ihrer Aussteuer und der Vermählungsfeierlichkeiten — es werde fortwährend noch ausgewählt und geändert zur Verzweiflung der Lieferanten. Henriette befand sich in unbeschreiblicher Aufregung; sie betonte wiederholt, daß sie in dem Hochzeitstrubel um keinen Preis allein bleiben wolle. Die Tante Diakonus werde ihr in »den entsetzlichen Tagen« voraussichtlich keine Stütze sein, da sie selbst schon jetzt unter dem Trennungsweh leide und oft auffällig verstimmt und bewegt sei. Diese Klagen steigerten sich von Blatt zu Blatt, bis eines Abends, wenige Tage vor der Hochzeit, ein Telegramm einlief, welches lautete: »Komme sofort! Ich bin auch körperlich sehr elend!«

Da galt kein Zögern; auch die Doktorin war damit einverstanden, daß Käthe gehe — und das junge Mädchen selbst? Ein Nervenschauer um den andern durchschüttelte sie aus Angst vor dem Kommenden, und dabei jubelte sie auf in unbeschreiblicher Seligkeit, daß sie den noch einmal sehen sollte, der — ihr Schwager wurde.

Da stand sie nun an einem Septembermorgen wieder in der Schloßmühlenstube. Sie war mit dem Nachtzuge gefahren und eben angekommen. Bei ihrer Abfahrt hatte sie Franz telegraphisch ihre Ankunft mitgeteilt und liebevoller hätten Mutterhände ihre Aufnahme nicht vorbereiten können, als die alte Suse gethan. Die große, von dem durch die Kastanienwipfel hereinfallenden grünen Dämmerlichte angehauchte Stube war erfüllt von den Düften der Heliotropen, Rosen und Reseden, die auf den Fenstersimsen standen; saubere Decken lagen auf allen Tischen; im Alkoven lockte ein blütenweißes Bett, und auf dem großen Eichentisch mit den plump ausgespreizten Füßen stand die wohlbekannte kupferne Kohlenpfanne, mit ihrer Glut den Kaffee warm erhaltend. Sogar der selbstgebackene Kuchen war noch fertig geworden und stand, zuckerbestreut, in bräunlicher Schöne neben der vergoldeten Tasse, dem Prachtstücke aus dem Glasschranke der seligen Schloßmüllerin.

Nun schütterten die schneeweiß gescheuerten Dielen wieder unter den Füßen des jungen Mädchens, und durch die offenen Fenster kam das Rucksen der Tauben und das Tosen des fernen Wehres — sie war daheim. Von hier aus wollte sie die kranke Schwester besuchen und um keinen Preis die Gastfreundschaft im Hause des Kommerzienrats annehmen, mochte auch die Frau Präsidentin die Nase rümpfen über den anstößigen Verkehr zwischen Villa und Mühle.

Käthe war in einer seltsamen Stimmung. Furcht vor dem ersten Wiedersehen in der Villa, schmerzliche Sehnsucht nach dem Hause am Flusse, dessen Wetterfahnen sie mit hochklopfendem Herzen von dem südlichen Eckfenster aus erblickte, und das sie doch nicht betreten durfte, leidenschaftliche Ungeduld, der hohen Gestalt, wenn auch nur noch ein einziges Mal, zu begegnen, die sie hier in der Mühle zum erstenmal gesehen und — das sagte sie sich ja täglich unter tausend Schmerzen — seit jenem Momente geliebt hatte; das alles wogte in ihr, und daneben schlich eine unerklärliche Bangigkeit und Beklemmung. Schon seit Monaten füllten die Sensationsnachrichten von dem Zusammenbrechen des Gründungsschwindels in Wien und später in der preußischen Hauptstadt die Spalten der Zeitungen. In allen öffentlichen Lokalen, in allen Salons war der welterschütternde Einsturz dieses modernen Turmes zu Babel das Tagesgespräch, und selbst in dem kleinen ästhetischen Zirkel der Doktorin hatte man die Ereignisse wiederholt erörtert. Während der Eisenbahnfahrt von Dresden nach M. waren sie auch das ununterbrochene Gesprächsthema der Mitreisenden gewesen — man hatte haarsträubende Dinge erzählt und noch schrecklichere prophezeit, und nun sah Käthe mit eigenen Augen eine der Folgen dieser Kalamität. In das Gelärme der Tauben und das Rauschen des Wehres hinein klang das laute Durcheinander von Menschenstimmen, und schräg hinter der letzten Kastanie hervor konnte das junge Mädchen den großen Kiesplatz vor der Spinnerei überblicken; er wimmelte, genau wie an jenem Tage des Attentates, von Arbeitern, die bald mit allen Zeichen der Niedergeschlagenheit, bald heftig streitend und drohend untereinander verkehrten — die Aktiengesellschaft, welche die Spinnerei von dem Kommerzienrat gekauft, hatte Bankrott gemacht; eben war die Gerichtskommission erschienen, und die Leute stoben im ersten Schrecken wie Spreu auseinander.

»Ja, ja, so geht's,« sagte Franz, der eben Käthes kleinen Koffer herausgetragen hatte. »Den Leuten war's zu wohl und sie meinten, es ginge ihnen noch lange nicht gut genug; nun gehen sie von einer Hand in die andere und kommen mit der Zeit vom Pferde auf den Esel. 's ist aber auch eine schlimme Zeit, eine heillose Zeit. Jeder will sein Geld mit Sünden verdienen und womöglich die Dukaten von der Straße auflesen, und man kann's den Kleinen kaum noch verdenken, die Großen machen's ja nicht besser.«

»Wohl dem, der sein Schäfchen ins Trockene bringt,« fuhr Franz, gemütlich auf die Tasche klopfend, fort. »Ehrlich verdient und fein stet und redlich vermehrt, das ist meine Parole; dabei kann man ruhig schlafen. Wer sich auf das Spekulieren nicht versteht, der soll's bleiben lassen. Da ist der Kommerzienrat drüben — den ficht freilich die ganze Geschichte nicht an; der sitzt bombenfest, weil er ein kluger Kopf ist und eine feine Nase hat.« Er hob mit wichtiger Anerkennung den Zeigefinger. »Kam gestern erst wieder von Berlin, stramm wie immer. Ich hatte gerade Mehl an die Bahn gefahren — hui, wie da seine zwei Schwarzen, seine Prachtpferde, vorbeisausten. So versteht's keiner. Die Leute meinten, er hätte gewiß wieder einmal gehörig eingestrichen, so munter sah er aus und so recht wie einer, der Millionen kommandiert. Er war diesmal lange fort und wär' wohl auch gestern abend nicht gekommen, wenn sie heute nicht Polterabend drüben feierten.«

Polterabend! und übermorgen war die Hochzeit, und gleich nach der Hochzeit sollte das junge Paar abreisen. Käthe wußte das ja; sie hatte es oft genug in Henriettens Tagebuch gelesen, und doch durchfuhr sie ein jähes, schmerzvolles Erschrecken, als es Menschenlippen so selbstverständlich aussprachen.

»Es soll hoch hergehen heute abend,« sagte Suse, indem sie der jungen Herrin eine Tasse Kaffee präsentierte. »Ich sprach gestern dem Herrn Kommerzienrat seinen Anton, der sagte, es kämen so viele Gäste, daß sie nicht Platz genug schaffen könnten. Ein Theater haben sie gebaut, und eine Menge Fräulein aus der Stadt sollen verkleidet kommen, und das Grüne zum Putzen wird wagenweise aus dem Walde geholt.«

Es schlug elf auf dem Turme der Spinnerei, als Käthe nach der Villa ging. Noch klang das verworrene Stimmengeräusch von der Fabrik her an ihr Ohr, als sie den Mühlenhof durchschritt, aber kaum war die kleine Bohlenthüre in der Mauer, die das Mühlengrundstück von dem Parke trennte, hinter ihr zugefallen, als auch schon tiefe, so recht vornehme Parkstille sie umfing.

Franz hatte recht: hier überkam einen das Gefühl, daß der wüste Lärm des Geldmarktes den reichen Mann und seine wohlgeborgenen Schätze nicht anfechte, daß die alles verschlingenden Unglückswogen nicht einmal bis zu seinen Sohlen hinauflecken durften. Ah, dort dehnte sich ein herrlicher Wasserspiegel hin. Er fing den Azur des wolkenlosen Morgenhimmels auf — ein riesiger Saphir von fleckenloser Reinheit! Der Teich war fertig, unglaublich rasch fertig geworden durch die massenhaft auf diesen kleinen Fleck konzentrierte Menschenkraft und riesige Geldopfer. Schwäne durchfurchten die blaufunkelnde Flut, und dem Ufer nahe schwankte ein buntbewimpelter Nachen an der Kette. Als Käthe gegangen war, hatte der Park in heller Maienblüte gelegen — jetzt schien alles Grün tief schattiert wie ein nachgedunkeltes Gemälde; über das sanfte Farbengemisch der Frühlingsblumen waren die Sonnenflammen sengend hingelaufen und hatten dafür die Blütenfackeln der Cannas, die kerzenartig aufstrebenden Gladiolen auf jedem zwischen der Bocage hervortretenden Rasenspiegel angezündet.

Wie viele Hände mußten bezahlt werden, um dem Parke das Gepräge peinlicher Sauberkeit und Pflege zu bewahren! Kein abgefallenes Blättchen lag auf den Wegen; kein Grashalm bog sich über die vorgeschriebene Linie; keine verdorrte Blüte hing an den Zweigen. Und dort zwischen den köstlich schattierten Gruppen von Laubholz trat jetzt die imposante Fassade des neuen Marstalls hervor; auch an ihr war ununterbrochen gearbeitet worden; ihr Emporwachsen war ein so zauberhaft rasches, als habe eine Riesenkraft das Mauerwerk mit seinen Stuckverzierungen aus der Erde getrieben. Und hier förderte in der That die treibende Macht, das Geld, fort und fort; hier sprang der Goldquell in unverminderter Stärke, ob auch auf der Börsenbühne die großen Brunnen verschüttet waren — nein, nicht einer der elektrischen Schläge, welche die Geschäftswelt mörderisch durchzuckten, hatte seinen Lauf hierher gelenkt.

Unter der kühlen Wölbung der Lindenallee hinschreitend, kam Käthe der Villa näher und näher. Noch nie war ihr das kleine Feenschloß so aristokratisch unnahbar erschienen als in dieser tiefgoldenen Morgenbeleuchtung, mit der aufgezogenen farbenglänzenden Flagge auf seiner Plattform — das flatternde Willkommenzeichen wogte, festlich einladend, hoch in den Lüften. Unwillkürlich legte das junge Mädchen die Hand auf das ängstlich pochende Herz — sie war nicht eingeladen, und doch kam sie. Es war ein schwerer Gang, es war ein großes Opfer der Schwesterliebe, dieses Niederkämpfen der eigenen stolzen Natur. Hinter dem Bronzegitter des unteren Balkons lief das Löwenhündchen der Präsidentin auf und ab und kläffte die Kommende wie immer feindselig an, und die Papageien im blauen Salon akkompagnierten kreischend durch die weit offenen Glasthüren.

Als Käthe unter das Portal trat, huschte eine Dame an ihr vorüber; sie hielt das Taschentuch vor das Gesicht, aber über den Spitzenbesatz hinweg streifte ein scheuer Blick aus furchtbar verweinten Augen das junge Mädchen. Käthe erkannte sie — es war die schöne, üppige, in Luxus schwelgende Frau eines Majors; die Eleganz ihrer Toiletten war in der Residenz sprichwörtlich geworden. Sie eilte um die Hausecke in das Dunkel der Bocage, jedenfalls um erst die Thränenspuren zu beseitigen, ehe sie die von Spaziergängern wimmelnde Promenade betrat.

»Dem Manne bleibt auch nichts anderes übrig, als ‚die Kugel vor den Kopf‘ — das Bett unter dem Leibe soll ihm genommen werden,« hörte Käthe, unter der halb offenen Thür der Portierstube vorübergehend, einen Bedienten sagen. »Geschieht ihm ganz recht — was braucht denn solch ein Offizier in Papieren zu spekulieren, von denen er nicht den Pfifferling versteht! Nun kommt die Frau und heult unserem Herrn was vor, und der soll nun den Karren aus dem Moraste holen — das könnte ihm fehlen! Wenn er allen denen helfen wollte, die in den letzten Tagen dagewesen sind, da könnte er nur den Ziegenhainer in die Hand nehmen und den Staub von den Schuhen schütteln — da blieb' ihm nichts.«

Abermals ein Opfer der entsetzlichen Katastrophe! Käthe schauerte in sich zusammen und stieg unbemerkt die Treppe hinauf. In der Bel-Etage war es feierlich still — mechanisch schritt sie zuerst nach dem kleinen Salon, den sie bewohnt, und öffnete die Thür. Die Baronin Steiner herrschte allerdings hier nicht mehr, aber das Zimmer war auch nicht angethan, einen anderen Gast wieder aufzunehmen. Sämtliche Möbel waren ausgeräumt — dafür standen große, schöndrapierte Tafeln die Wände entlang und trugen auf ihren Flächen einen förmlichen Bazar von Ausstattungsgegenständen, den mit großer Ostentation aufgebauten, wahrhaft fürstlichen »Trousseau« der Professorin in spe; in der Mitte des Salons aber wogte von einem Kleiderständer nieder milchweißer Atlas, umhaucht von Spitzenduft und mit Orangenblüten besteckt, und so hoch auch das Postament war, der schwere Stoff schleppte doch noch weit über das Parkett hin — Floras Brautanzug! Käthe drückte mit weggewandten Augen die Thür wieder zu — einige Sekunden später lag sie tief erschüttert in Henriettens Armen, die in einen so exaltierten Jubel ausbrach, als werde sie durch diese Ankunft aus namenloser Pein erlöst.

Die kranke Schwester war allein. Man habe heute im Hause keine Zeit für sie, klagte sie; der Kommerzienrat richte Flora die Hochzeit aus, und zwar mit einem beispiellosen Aufwand. Er wolle bei dieser Gelegenheit der Residenz wieder einmal zeigen, wie hoch er alle überrage, wenn er auf seinen Geldsäcken stehe — das sei nun einmal seine Schwäche .... Ganz ihrer unabhängigen Art und Weise gemäß hatte sie es unterlassen, den Verwandten anzuzeigen, daß sie Käthe telegraphisch berufen habe. Das sei doch völlig überflüssig, meinte sie mit großen, erstaunten Augen auf Käthes betroffenes Kopfschütteln hin; sie habe es doch stets betont, daß die Schwester eines Tages zurückkommen werde, um sie zu pflegen — man wisse das im Hause gar nicht anders, und was ein mögliches unvorbereitetes Zusammentreffen mit dem Kommerzienrat betreffe, so möge sie ganz ruhig sein, er habe jedenfalls »eine neue Flamme« in Berlin; er sei die beiden letzten Male — vorzüglich aber gestern — ziemlich zerstreut zurückgekehrt, und habe auf Floras Neckereien hin nur schlau gelächelt und durchaus nicht geleugnet.

Käthe schwieg auf alle diese Mitteilungen; sie hatte zuletzt nur den einen Gedanken, daß es allerdings die höchste Zeit für sie gewesen sei, zurückzukehren. Sie fand die Kranke maßlos aufgeregt; der hohle, erstickende Husten schüttelte den schattenhaft abgezehrten Körper viel häufiger als früher; die Hände brannten wie Kohlen und der Atem ging so schwer, so mühsam aus und ein. Henriette hatte es bisher auch bei den heftigsten Leiden nie »zu Thränen kommen lassen« — sie hatte einen unglaublich starken Willen, heute aber waren ihre schönen Augen verweint bis zur Unkenntlichkeit. Sie verzehre sich in Angst, daß Bruck bei all seiner Liebe für Flora doch vielleicht sehr unglücklich werden würde, klagte sie, ihr Gesicht an Käthes Brust verbergend, und obgleich nie ein unvorsichtiges Wort darüber gefallen, sei sie dennoch fest überzeugt, daß die Tante genau so denke und sich gräme .... Käthe wies sie mit der schneidenden Antwort zurecht, daß das einzig und allein Brucks Sorge sei und bleiben müsse; niemand habe mehr Anlaß gehabt, tiefe Einblicke in Floras selbstsüchtiges Wesen zu thun, als gerade er; wenn er trotz alledem darauf bestehe, sie zu besitzen, so werde er sich auch mit seinem Schicksal abzufinden wissen, möge es fallen, wie es wolle .... Henriette fuhr erschrocken empor, so rauh klang das Gesagte; es lag überhaupt etwas so bestürzend Fremdes, eine Art starrer Zurückhaltung und Abgeschlossenheit in der Erscheinung der jungen Schwester, als sei auch sie mit ihrem Schicksal fertig — nach schweren Kämpfen ....


23.

Kurze Zeit nachher stieg Käthe, die kranke Schwester vorsichtig stützend, auf der kleinen Treppe in das untere Stockwerk hinab, »um sich zu melden«. Sie kamen durch den schmalen Korridor, in welchen Käthe bei ihrer Abreise für einen Moment geflüchtet war. Er lief den großen Saal entlang, der fast den ganzen Raum des einen Seitenflügels der Villa nahezu beanspruchte — in ihm wurden die berühmten Hausbälle des reichen Mannes abgehalten.

»Es ist Probe für heute abend, und dabei wird noch fortdekoriert und geschmückt,« sagte Henriette aufhorchend und heiser und höhnisch vor sich hinlachend — pathetische Deklamation, hier und da durch intensives Pochen und Hämmern unterbrochen, scholl durch die Thüren. — »Wie ekeln mich diese Mädchen da drinnen an! Sie möchten sämtlich, wie sie auch auf der Bühne stehen, der Braut die Augen auskratzen, und doch faseln sie in grenzenlosem Schwulst von der schönsten Blume, die ihrem Kranz entrissen werde, von dem Dichtergenius, der ihre Stirn geküßt habe, und was dergleichen poetische Aderlässe mehr besagen. Und Moritz mit seiner maßlosen Verschwendung benimmt sich dabei wie ein Narr. Gestern abend, unmittelbar nach seiner Rückkehr von Berlin, hat er die Handwerker Buben gescholten. Die Dekoration mußte als ‚trödelhafter Plunder‘ sofort von den Wänden gerissen werden, weil die Leute an zwei dunkeln Ecken Wollstoffe statt Seidendamast verwendet hatten; er wird nachgerade abstoßend mit seinem ewig herausgekehrten Millionärbewußtsein. Da sieh her!«

Sie schob unhörbar eine der Thüren etwas weiter auf. Durch den nur schmalen Spalt sah man die Bühne nicht, auf der die Probe abgehalten wurde; dagegen präsentierte sich schräg seitwärts ein prachtvoller Baldachin von goldbefranstem Purpursamt — er sollte sich heute abend über dem Brautpaar wölben.

»Wie wird er mit seinem blassen, finsterbrütenden Gesicht sich ausnehmen unter dem komödienhaften Firlefanz dort!« flüsterte Henriette und drückte den Kopf wie in ausbrechender Verzweiflung tief bewegt an die Gestalt der Schwester. »Und sie wird wieder neben ihm stehen, siegend, triumphierend wie immer, in der wohlstudierten Toilette von weißem Mull und kindlich naiven Margaretenblümchen, wie sie der unschuldsvollen Braut am Polterabend zukommt. Ach Käthe, es ist etwas so Seltsames, Unbegreifliches um die ganze Geschichte; ich habe jetzt so oft das Gefühl, als lauere ein unglückliches Geheimnis dahinter, so etwas wie ein heimlich glimmender Feuerbrand unter grauer Asche.«

Im Eßzimmer saß die Präsidentin mit Flora und dem Kommerzienrat beim Frühstück. Die Braut war im eleganten, rosabordierten Schlafrock und ein Morgenhäubchen bedeckte die aufgewickelten Locken. Käthe erschrak fast, so grau und scharf erschien das Römergesicht der schönen Schwester ohne die goldene Glorie der Stirnlöckchen; heute sah sie zum erstenmal, daß Flora die Jugend hinter sich habe, daß endlich das ruhelose Bestreben, sich hervorzuthun, die glühende Ehrsucht anfingen, das herrliche Oval unerbittlich in harter, einwärtssinkender Linie zu verlängern.

»Mein Gott, Käthe, wie kommst du denn auf die Idee, uns gerade heute ins Haus zu fallen?« rief sie emporschreckend, im rückhaltslosen Aerger. »In welche Verlegenheit bringst du mich! Nun muß ich dich wohl oder übel ins Gefolge stecken. Ich habe schon zwölf Brautjungfern — eine dreizehnte kann ich nicht brauchen, wie du dir wohl selbst sagen wirst —« Sie unterbrach sich mit einem leisen Aufschrei und fuhr zurück.

Der Kommerzienrat hatte mit dem Rücken nach der Thür zu gesessen und eben ein Glas Burgunder zum Munde geführt, als Floras Ausruf den Eintritt der Schwester signalisierte. War ihm das Glas infolge der Ueberraschung entglitten, oder hatte er es unsicher, mit abgewendeten Augen auf den Tisch gestellt — genug, der volle, dunkelpurpurne Inhalt ergoß sich über das weiße Damasttuch und benetzte auch Floras Kleider.

Der reiche Mann stand einen Augenblick starr, verwirrt, mit völlig entfärbtem Gesichte und stierte erschreckten Auges nach der Thür, als trete dort ein wesenloses Phantom, nicht aber das imposante Mädchen mit den ernsten Zügen und der ruhigen, festen Haltung herein. Aber er faßte sich rasch. Mit einer lebhaften Entschuldigung gegen Flora drückte er auf die Tischglocke, um helfende und säubernde Hände herbeizurufen, dann eilte er auf Käthe zu und zog sie in das Zimmer herein. Und da ließ sich auch nicht eine Spur vom verschmähten Liebhaber in seinem ganzen Wesen entdecken, er war in jedem Worte, in seinem kühlen Händedrucke ganz und gar der väterlich gesinnte Vormund von ehedem, der sich freute, seine Mündel wohlbehalten zurückkehren zu sehen. Er klopfte sie wohlwollend auf die Schulter und hieß sie willkommen.

»Ich habe nicht gewagt, dich einzuladen,« sagte er; »auch war ich in der letzten Zeit geschäftlich zu sehr überbürdet, um viel an Dresden denken zu können — du wirst das verzeihen —«

»Ich bin einzig und allein als Henriettens Pflegerin gekommen,« unterbrach ihn Käthe rasch, aber ohne den leisesten Anklang von Gekränktsein über Floras ungezogene Begrüßung.

»Das ist lieb und gut gemeint, mein Kind,« sagte die Präsidentin mit aufgehelltem Gesichte; jede, auch die letzte Befürchtung erlosch in ihr angesichts dieser unbefangenen Begegnung. »Aber wohin mit dir? In deinem ehemaligen Zimmer ist Floras Trousseau aufgestellt und —«

»Sie werden mir deshalb nun doch erlauben müssen, mich in meinem eigenen Daheim einzuquartieren, wie ich auch bereits gethan habe,« fiel Käthe höflich mit bescheidener Zurückhaltung ein.

»Es wird mir vorläufig nichts anderes übrig bleiben,« versetzte die alte Dame lächelnd und sehr gut gelaunt. »Heute wird unser Haus zum Bersten überfüllt sein — dazu leben wir in einem Trubel, wie ich ihn noch nicht gesehen; mit Mühe haben wir uns an den Frühstückstisch gerettet. Vom Morgengrauen an wird gehämmert, probiert —«

»Ja, sie deklamieren drüben, daß die Balken zittern,« sagte Henriette boshaft und legte sich müde in einen Lehnstuhl zurück, den ihr der Kommerzienrat hingerollt hatte. »Im Vorübergehen hörten wir ‚Pallas Athene‘, die ‚Rosen von Kaschmir‘ und die ‚Neue Professur‘ in lieblichem Versegemengsel —«

»Hu!« stieß Flora heraus und legte zornig beide Hände auf die Ohren. »Es ist geradezu unverschämt, mir ein solches Dilettantenprodukt vorzuleiern, mir, die ich mit meinen reizenden Festspielen stets und immer, vorzüglich bei Hofe, exzelliert habe. Und da soll man nun stillsitzen und keine Miene verziehen, während man sich vor Spott und Lachen die Zunge abbeißen möchte —«

Die Präsidentin unterbrach sie mit einer hastigen Handbewegung; eben traten die darstellenden Damen, die vor der Probe Schokolade im Eßzimmer getrunken hatten, herein, um ihre zurückgelassenen Hüte und Sonnenschirme zu holen.

Flora schlüpfte in das anstoßende Boudoir der Großmama.

Mit affektierter Freude eilte die Hofdame, Fräulein von Giese, auf Käthe zu und begrüßte sie als eine »Langentbehrte«; auch dem Kommerzienrate reichte sie die Hand zum Gruße. »Schön, daß wir Sie hier treffen, mein bester Herr von Römer!« rief sie. »Da können wir Ihnen doch vorläufig danken für die bewunderungswürdige Art und Weise, mit der Sie unsern kleinen Polterabendscherz unterstützten. Wahrhaftig süperbe, zauberhaft!« Sie küßte entzückt ihre Fingerspitzen. »Solche Feerien aus ‚Tausendundeine Nacht‘ kann man allerdings auch nur in der Villa Baumgarten arrangieren — darüber ist die ganze Welt einig. — Apropos, haben Sie schon von dem Unglücke des Major Bredow gehört? Er ist fertig, total zu Grunde gerichtet — alle Kreise sind alarmiert. Mein Gott, in welcher entsetzlichen Zeit leben wir doch! Sturz folgt auf Sturz, in so rapider Weise —«

»Major Bredow hat aber auch wahnsinnig genug in den Tag hinein spekuliert,« sagte die Präsidentin gleichmütig und stützte behaglich den Ellenbogen auf die gepolsterte Lehne ihres Fauteuils. »Wer wird denn so toll, so ohne Sinn und Verstand vorgehen?«

»Die Frau, die schöne Julie, ist schuld — sie hat zu viel gebraucht; ihre Toiletten allein haben jährlich dreitausend Thaler gekostet.«

»Bah, das hätte sie auch fortsetzen können, wenn der Herr Gemahl mit seinem Anlagekapital vorsichtiger gewesen wäre, aber er hat sich an Unternehmungen beteiligt, die von vornherein den Schwindel an der Stirn getragen haben.« — Sie zuckte die Achseln. »In solchen Fällen muß man mit einer Autorität gehen, wie ich zum Beispiel; gelt, Moritz, wir können ruhig schlafen?«

»Ich mein' es,« versetzte er lächelnd mit der lakonischen Kürze der Ueberlegenheit und füllte sein Glas mit Burgunder — er leerte es auf einen Zug. »Ganz ungerupft bleibt man bei einem solchen eklatanten Zusammensturz selbstverständlich auch nicht; da und dort entschlüpft ein kleines Kapital, das man ‚spaßeshalber‘ riskiert hat — Nadelstiche, an denen sich bekanntlich niemand verblutet —«

»Ach, da fällt mir eben ein, daß ich ja heute die Börsenzeitung noch nicht erhalten habe,« fiel ihm die Präsidentin ins Wort und richtete sich lebhaft auf. »Sie kommt sonst pünktlich um neun Uhr in meine Hände.«

Er zog gleichgültig die Schultern empor. »Wahrscheinlich ein Versehen auf dem Postamte, oder das Blatt hat sich in mein Brief- und Zeitungspaket verirrt und ist mit hinüber in den Turm gewandert; ich werde nachsehen.« Dabei stellte er sein Glas nieder.

»Pardon, meine Damen!« sagte er mit Hindeutung auf sein rasches Trinken. »Ich fühlte plötzlich, daß mein gefürchteter Kopfschmerz im Anzuge; er kommt blitzschnell, und ich pflege ihn mit einem schnell genossenen Glase Wein aus dem Felde zu schlagen.« Vorhin hatte er in der That ausgesehen, als dringe ihm die dunkle Glut des Rotweins bis unter die Stirnhaut.

Er entkorkte rasch eine Flasche Sekt und füllte mehrere auf dem Büffett stehende Gläser. »Ich bitte, mit mir auf das Gelingen unserer heutigen Abendvorstellung zu trinken,« sagte er, ein Glas erhebend, zu den Damen, welche die Kristallkelche ergriffen und seinem Beispiele folgten. »Die Blumenfee mit ihrem reizenden Gefolge soll leben. Die Jugend und die Schönheit, und das herrliche Leben selbst, das ja keinem von uns feindlich ist, ja, auch der süßen Gewohnheit des Daseins ein Hoch!«

Die Gläser klangen und die Präsidentin schüttelte leise lachend den Kopf.

Käthe war unwillkürlich in die Fensternische zurückgewichen, in deren Nähe Henriettens Lehnstuhl stand. Sie sah, wie sich bei dem taktlosen Trinkspruche die Wimpern der Kranken feuchteten, wie sie sich im schmerzlichen Zorne auf die Lippen biß — die süße Gewohnheit des Daseins war für sie ein Marterrost, und »das herrliche Leben« ließ sich »feindlich« genug jeden Atemzug mit Schmerzen abkaufen. Die junge Mündel hatte kein Glas genommen und der Herr Vormund hatte ihr auch keines angeboten. Der Blick des Mädchens glitt dunkel und ernstspähend über seine lebhaft erregten Züge. Sie hatte nie geahnt, daß auch hinter diesem glatten, leidenschaftslosen Männerantlitze ein innerer Sturm aufwogen könne — und da war er in den unstät flackernden Augen, in dem leisen, konvulsivischen Beben der Lippen, in der ungewöhnlich lustig forcierten Stimme.

Es war, als fühle der reiche Mann den Blick — er sah unwillkürlich nach der Fensternische, dann stellte er rasch sein Glas auf den Tisch und fuhr sich mit beiden Händen hastig über Stirn und Haar; zu dem Kopfschmerze, der diesmal der Weinkur zu spotten schien, hatte sich für einige Sekunden nun auch ein leichter Schwindelanfall gesellt.


24.

Der Polterabendlärm in der unteren Etage steigerte sich nachmittags bis zur Unerträglichkeit. Die adeligen Rittergutsbesitzer aus der Umgegend fuhren vor und mußten einlogiert werden. Aus der Stadt wurden Korbwannen voll »Theaterstaat« herbeigeschleppt — die Darsteller sollten sich in der Villa kostümieren. Friseure und Schneidermamsells rannten aus und ein, und dazwischen trabten die Gärtnergehilfen immer noch von den Treibhäusern her nach der Villa, keuchend und schweißtriefend unter der Last mächtiger Palmen, Orangen- und Gummibäume.

Bei all dem dumpfen Geräusche unter ihrem Zimmer war Henriette doch in einen scheinbar erquickenden Nachmittagsschlummer gesunken. Im anstoßenden Kabinette saß Nanni, die Kammerjungfer, und nähte mit flinken Händen Silberflitter auf eine Gazewolke, deren die noch immer fieberhaft arbeitenden Tapezierer drunten im Saale bedurften. Käthe öffnete leise die Thür und empfahl dem Mädchen, wachsam zu sein und das Zimmer nicht zu verlassen, bis sie zurückkehre — dann ging sie hinab, um in der Mühle verschiedene Anordnungen zu treffen.

Sie vermied es, den Hauptkorridor zu betreten — er wimmelte von ab- und zugehenden Menschen — und bog in den neben dem Saale hinlaufenden Gang ein. Er war weniger belebt, aber in der schmalen Thür, auf die er mündete und welche ins Freie führte, stand der Kommerzienrat, den Strohhut auf dem Kopfe und augenscheinlich im Begriff, nach dem Turme zu gehen. Er gab dem Lakaien Anton, der ihn speziell bediente und deshalb mit ihm die Ruine bewohnte, einige in der Stadt zu besorgende Aufträge. »Lasse dir Zeit!« rief er dem Forteilenden nach. »Erst nach sechs Uhr will ich mich umkleiden.«

Käthe schritt leise und langsam weiter; sie hoffte, er werde nun auch die Schwelle verlassen und in den Garten hinaustreten, allein er schob mechanisch die Hände in die Seitentaschen seines leichten Ueberziehers und ging nicht. Zu seinen Füßen liefen einige Stufen hinab; er stand ziemlich hoch und konnte von da aus ein bedeutendes Stück seines herrlichen Parkes übersehen, und das fesselte ihn offenbar an seinen Platz. Hatte er denn noch nie diesen Anblick in seiner überraschenden Schönheit so empfunden wie jetzt, wo die Spätnachmittagsbeleuchtung, in die sich bereits rosige Tinten des Abendlichtes stahlen, darüber hinfloß? .... Immer wieder zeigte die Bewegung seines Kopfes, daß er die Augen rundum schweifen lasse, aber das junge Mädchen sah auch, daß sein Oberkörper unter fliegenden, gepreßten Atemzügen förmlich bebte; sie sah, wie sich seine Hände in den Taschen krampfhaft ballten, wie die Rechte plötzlich aufzuckend nach der Stirn fuhr und sich über die Augen legte. Er kämpfte jedenfalls mit dem Unwohlsein, über welches er heute morgen geklagt und das er standhaft verbiß, um die Abendfestlichkeit nicht zu stören.

Sie trat jetzt geflissentlich fester auf und bei dem Geräusche fuhr er herum.

»Dein Kopfweh hat sich verschlimmert?« fragte sie teilnehmend.

»Ja — und ich habe in diesem Augenblicke wieder einen beängstigenden Anfall von Schwindel gehabt,« antwortete er mit unsicherer Stimme und drückte sich den Hut tiefer in die Stirn. »Kein Wunder! Hätte ich eine Ahnung gehabt von den tausend Widerwärtigkeiten, die mit dieser Polterabendfeier verknüpft sind, ich hätte ganz gewiß davon abgesehen,« setzte er gefaßter, aber auch mit einer ihm sonst fremden Art von Poltern hinzu. »Diese bornierten Handwerkerköpfe haben in meiner Abwesenheit alles verkehrt gemacht; sie haben mich und meine Intentionen nicht begriffen, und was sie in einer vollen Woche zusammengekleistert und -genagelt haben, das mußte heruntergerissen und in Zeit von zwölf Stunden neu hergestellt werden. Nun haben wir den Lärm und die beispiellose Hetzerei bis auf den letzten Moment, wo die Gardine in die Höhe gehen soll.«

Er stieg die Stufen herab, langsam und zögernd, als schwimme bereits alles wieder vor seinen Augen.

»Soll ich zurückgehen und dir ein Glas Selterswasser holen?« fragte sie, auf der Schwelle stehenbleibend. »Oder wäre es nicht besser, den Arzt zu holen?«

»Nein — ich danke dir, Käthe,« versetzte er in seltsam weichem Tone, und sein feuchter Blick überflog schimmernd, wie messend, das schlanke Mädchen, das seiner Besorgnis so ungekünstelt Ausdruck gab. »Uebrigens irrst du sehr, wenn du meinst, Bruck sei so leicht erreichbar. Der läßt sich von seiner Praxis hetzen bis zum letzten Augenblick; ich glaube, man wird ihn übermorgen vom Krankenbette zur Trauung holen müssen.« Ein sarkastisches Lächeln, als mache er sich innerlich über die ganze Welt lustig, flog über seine Lippen. »Das beste Mittel habe ich selber« — sagte er gleich darauf — »meinen kühlen Turmkeller. Ich bin eben im Begriffe, hinüberzugehen und die Weine für heute abend herauszugeben; die frische Kellerluft wird wirken wie eine kühlende Kompresse.«

Käthe knüpfte die Hutbänder unter dem Kinne fester und trat heraus auf die Thürstufen.

»Und du gehst noch in die Mühle? Hoffentlich nicht weiter?« meinte er, nach seiner Uhr sehend; diese einfache Frage klang so nachlässig hingeworfen, und doch kam es Käthe vor, als stocke ihm der Atem dabei.

Die Stufen herabsteigend, sagte sie ihm, was sie nach der Mühle führe, dann ging sie mit einem freundlichen Kopfneigen über den Kiesplatz, während der Kommerzienrat die Richtung nach dem Turme einschlug. Hinter dem ersten Strauche des nächsten Bosketts sah sie noch einmal unwillkürlich nach ihm hinüber; er war unverkennbar leidender, als er eingestehen mochte. Schon wieder ging er zögernd, wie mit einknickenden Knieen; er hatte den Hut in den Nacken geschoben, als stürme ihm die Fieberglut abermals nach dem Kopfe, und seine Augen irrten ziellos über den Park hin.

Jetzt brauste es auch ihr durch das Gehirn; ein dunkles Angstgefühl überkam sie. Der kranke Mann mit dem unsicheren Gebaren allein im Turmkeller! Wie ein Fiebergespenst jagte der grauenhafte Gedanke, der sie einst angesichts der Ruine gepackt, an ihr vorüber. »Ich bitte dich, Moritz, sei vorsichtig mit dem Kellerlicht!« rief sie ihm angstvoll zu.

War er zu tief im Nachgrübeln versunken gewesen, oder hatte sich bereits jene nervöse Reizbarkeit seiner bemächtigt, die vor jeder lauten Menschenstimme erschrickt! Er fuhr wild empor, als habe ihn ein Schuß getroffen.

»Was willst du damit sagen?« rief er heiser zurück. »Wie? Siehst du Gespenster am hellen Tage, Käthe?« setzte er gleich darauf hinzu; er brach in ein schallendes Gelächter aus, das etwas tief Beschämendes für die jugendliche Warnerin hatte, und verschwand mit einem spöttisch grüßenden Handwinken und sehr stramm gewordener Haltung im nächsten Laubgange.

Kaum eine halbe Stunde später ging Käthe am Flusse hin. Die Geschäfte waren erledigt, und so viel Zeit blieb ihr noch, verstohlen das alte liebe Doktorhaus wiederzusehen. Wie schlug ihr das Herz, als sie durch das bewegliche Laub der Uferbirken die in der Sonne glühenden Wetterfahnen flimmern sah! Wie erschrak sie bei jedem verräterischen Knirschen des Sandgerölles unter ihren Füßen! Sie kam wie eine Vertriebene, die einen letzten Blick in das gelobte Land werfen will. Und nun lehnte sie an der Pappel, die den Holzbogen flankierte — an dieser Stelle hatte sie das letzte unverwischliche Bild in ihre Seele aufgenommen; wie auf Goldgrund hatten sich die lauschenden Kinderköpfchen neben der Hausecke draußen von der strahlenden Landschaft abgehoben, und dort an dem Gartentische war der kraftvolle, strenge Mann in unbegreiflicher Gemütserschütterung zusammengebrochen.

Jetzt war es still auf dem tiefbeschatteten Rasengrunde. Die Obstbäume, die sie in prangender Maienfrische gesehen, bogen sich unter der Last ihrer Früchte, die gelb und rotbackig das unscheinbar gewordene Laub überstrahlten und die Lüfte mit dem köstlichen Aroma der Reife erfüllten, und am Weinspalier des Hauses hing der vielgerühmte Traubenreichtum in tiefer Bläue. Nur einen einzigen schüchternen Blick nach dem Eckfenster, wo der Schreibtisch stand! Der Doktor war ja nicht daheim; er eilte von einem Krankenbette zum andern »bis zum letzten Augenblicke«. Und in dem Zimmer wohnte er auch nicht mehr. Weiße, spitzenbesetzte Gardinen hingen hinter den Scheiben; auf dem Sims, zwischen den Töpfen mit vollblühenden Alpenveilchen, lag ein schneeweißes Kätzchen, und jetzt hoben sich zwei strickende Hände und ein Frauenkopf mit silberweißem Scheitel unter dem sauberen Mullstrich bog sich darüber her — die alte Freundin der Tante Diakonus war bereits eingezogen. Er hatte auch diese Brücke hinter sich gebrochen; er war reisefertig, und übermorgen kam »der letzte Augenblick«, wo die stolze, herzlose Schwester neben ihm stand im weißen Atlaskleide, um — »die Salonrepräsentantin des berühmten Mannes« zu werden. Hatte sie einst schwerer gekämpft, die schöne, blonde Edelfrau, als das Mädchen, das jetzt, bitterlich weinend, die Arme um den schlanken Stamm legte und an die rauhe Rinde die Stirn preßte, bis sie ihr schmerzte? Jene war geliebt worden, und wenn auch verlassen, traf sie keine Schuld, hier aber nagte an dem Herzen einer Ungeliebten sündhafte Eifersucht, und die sie beneidete, war — die eigene Schwester.

Starke Männerschritte hinter ihr machten sie aufschrecken. Der Müller Franz ging mit einer über die Schulter gelegten Eisenstange vorüber, um nach dem oberen Wehre zu sehen, wie er sagte. Diese Begegnung, die ihr das Blut in das Gesicht trieb, scheuchte sie von ihrem Lauscherposten, und während Franz rasch weiter eilte, ging sie langsam am Ufer hin. Sie konnte sich noch nicht entschließen, in die Villa zurückzukehren — mit ihrer Toilette für heute abend war sie ja längst fertig, ehe Henriette, die trotz ihrer Hinfälligkeit um jeden Preis dem Festspiel beiwohnen wollte, ihren armen, elenden Körper so geschmückt hatte, daß die Spuren der verheerenden Krankheit weniger hervortraten.

Hier war es so köstlich einsam. Niemand sah ihre geröteten Augen, und wie sie zornig mit ihrem widerspenstigen Herzen rang, mit ihrer sündigen Sehnsucht, die sie hierher getrieben hatte — ja, sie allein — Schande über sie, wenn sie sich selbst anlog und ihr leidenschaftliches Verlangen beschönigte! Nicht das traute Haus, nicht die liebenswürdige alte Frau drinnen hatte sie wiedersehen wollen, und es war nicht ihre feste Ueberzeugung gewesen, daß er nicht daheim sein könne — sie hatte es doch gehofft, und nun, wo sich ein anderes Gesicht als das seine am Eckfenster gezeigt hatte, war ihr das traute Fleckchen Erde öde und sonnenverlassen erschienen.

Der voranschreitende Müller war ihren Blicken entschwunden — sie kam der Ruine näher. Der Wasserring glitzerte von ferne und das auseinandertretende Gebüsch ließ sie den eleganten Brückenbogen übersehen, der sich über den Graben schwang .... In diesem Augenblicke beschritt ihn vom Turme her ein Mann mit großem, rotblondem, tief auf die Brust herabreichendem Vollbarte. Er trug eine blaue Arbeiterbluse unter dem lässig übergeworfenen Rocke und jagte mit seinem Stocke die zwei Rehe vor sich her. Sie stoben förmlich über die Brücke und flohen in den Park hinein.