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Im Hause des Kommerzienrates. cover

Im Hause des Kommerzienrates.

Chapter 26: Kapitel 25
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Die Erzählung schildert die Folgen, als ein alter Müllersmann seine Enkelin zur Universalerbin bestimmt und der bereits eingesetzte Vormund, der Kommerzienrat Römer, die Verwaltung übernimmt. Zwischen bäuerlicher Herkunft und bürgerlichem Vermögen entwickelt sich ein Geflecht aus Sorge, Pflicht und unterschwelligen Machtspielen: ärztliche Notfälle, häusliche Beobachtungen und das Verhalten der Dienstboten zeichnen das Alltagsbild. Intime Kranken- und Haushaltsszenen wechseln mit sozialen Spannungen, und nach und nach treten Geheimnisse, Loyalitätskonflikte und die widersprüchlichen Charakterzüge der Beteiligten zutage.

Käthe würde den Mann nicht weiter beachtet haben — Handwerker verkehrten ja oft im Turme — wenn sein Gebaren sie nicht stutzig gemacht hätte. Der Kommerzienrat liebte die Rehe zärtlich; er konnte sehr böse werden, wenn er eines im Parke umherirrend fand — und nun jagte der Fremde die scheuen Tiere geflissentlich über das Wasser! War er einer jener Erbitterten, die dem beneideten Reichtume Schaden zufügen und Schabernack anthun, wo sie können? ... Er schlug den Weg ein, der nach dem großen Parkthore und auf die Landstraße hinausführte; sie verfolgte ihn mit den Augen, bis ihn das Dickicht aufnahm — welche Aehnlichkeit! Seiner Haltung und Größe, seinem ganzen Körperbau nach hätte der Mann im Arbeiterrocke ein blonder Zwillingsbruder des Kommerzienrates sein können.

Sie blieb wider Willen gefesselt stehen und sah nach dem Turme, von wo er gekommen war — wie herrlich gruppierte sich hier die Landschaft um die Ruine, und mit welch künstlerischem Takte und Gefühle hatte der aus der Ferne herbeigerufene Baumeister das Vorhandene zu benutzen verstanden, um die Mauerreste mit einem so ergreifenden romantischen Zauber zu umspinnen! Es war wieder still geworden; nur das Flügelklatschen der Tauben, die über dem Turme kreisten, klang schwach herüber — wie kleine Silberkähne durchschifften die graziösen Luftsegler den klaren, rot angehauchten Abendhimmel und schlüpften durch die Lücken der Mauerkrone, die scharfzackig in das Aetherblau hineinschnitt — nein, nicht die Mauerkrone! Ein urplötzlich speiender Krater war es, der unter donnerndem Krachen eine Garbe schwarzen Schwalles riesenhoch in den Himmel hinaufschleuderte. Der Boden wurde dem Mädchen buchstäblich unter den Füßen weggerissen — sie stürzte, wie hingeschmettert — dann schwemmten kühle Wassermassen an sie heran.

Was war das? ... Alles, was laufen konnte, stürzte aus der Villa und rettete sich hinaus in den Garten — das Haus hatte in seinen Grundfesten bis zum Einsturze gewankt. — Ein Erdbeben! Wie entgeistert, atemlos standen die Menschen draußen, jeden Augenblick erwartend, daß sich die Erde zu ihren Füßen aufthun werde. Schon spie sie Wasserbäche dort über die niedriger gelegenen Rasenspiegel hin; die Lüfte atmeten Brandgeruch und streuten Atome zu Zunder gebrannter Stoffe auf den Kies ... Die mächtigen Scheiben des stolzen Hauses waren zersprungen, und im großen Saale lagen die deckenhohen Spiegel zerschmettert auf dem Parkett, und von dem luftigen Bau der Bühne waren die Samt- und Seidendraperien abgeschüttelt, und die Arbeiter hatten sich nur mit Mühe vor den schwer niederstürzenden Bronzeverzierungen und Stangen gerettet.

Von der Promenade her stürmten jetzt die Spaziergänger herein, unter ihnen Anton, der aus der Stadt zurückkehrte. »Dort, dort!« schrieen die Leute der Präsidentin zu, die sich halb ohnmächtig auf Floras Schulter stützte, und zeigten über den Park hin. Dort brannte es — dicke schwarze Rauchwolken quollen auf, so intensiv, daß man besonders brennbare Stoffe wie Raketen einzeln in dunkler Nacht emporschießen sah.

»Das Pulver im Turme hat explodiert!« rief jemand aus der Mitte des Menschenknäuels.

»Unsinn!« antwortete Anton, nahezu lachend, obgleich ihm die Zähne vor Schrecken und Entsetzen zusammenschlugen. »Das taube Zeug explodiert längst nicht mehr, und die paar frischen Prisen, die der gnädige Herr aus Jux drüber hergestreut hat, heben keinen Ziegelstein von seinem Platze.«

Trotzdem rannte er wie toll parkeinwärts, quer über die schwimmenden Rasenflächen — er wußte ja seinen Herrn dort drüben, wo es brannte. Der ganze Menschenschwarm brauste hinter ihm drein, während auf dem nahegelegenen Stadtturm die Feuerglocke zu läuten begann.

Welche Verwüstung! Was war in einer flüchtigen Sekunde, die kaum zu einem Atemzuge genügte, aus dem paradiesischen Gefilde geworden, zu welchem ein verschwenderischer Aufwand von Gold und Arbeit den ehemaligen Lustgarten eines erloschenen Rittergeschlechts umgewandelt hatte! Wie ein Springquell, der spielend Kiesel in die Lüfte wirft, so hatte dort, wo der schwarze Qualm den Himmel verfinsterte, ein Höllensprudel die Mauerquadern gepackt und in weitem Bogen verstreut, hier einen Granitwürfel tief in den weichen Rasenboden einwühlend, dort starke Baumwipfel wie Rohr unter der Steinwucht einknickend, und drüben nach Süden hin stand das Palmenhaus wie ein gläsernes Sieb, doppelt flimmernd und glitzernd mit seinen Scherbenzacken; ein wahrer Steinhagel mußte sich, wie aus boshafter Knabenhand geschleudert, gerade auf »das Glaswunder« der Residenz gelenkt haben.

Es war ein Anblick, wohl geeignet, das Haar sträuben und die atemlos Herbeieilenden zurücktaumeln zu machen, als das letzte hohe, verbergende Buschwerk hinter ihnen lag. Hatte die Ahnfrau der Baumgarten in der That die Lunte angelegt, um dem komödienhaften Spiel, das der Parvenü mit den ehrwürdigen Ueberresten ihrer Stammburg trieb, ein Ende zu machen? Aber sie mußten Eisen in die Mauerfugen gegossen haben, die Alten. Wohl war das obere Gelaß mit der Zackenkrone auf dem Scheitel zerstückelt und nach allen vier Wänden hingeschleudert worden; von dem unteren Teil des Gemäuers dagegen hatte die Riesengewalt nur eine kleinere Hälfte abzusprengen vermocht; sie lag, herabgestürzt, aber noch festgefügt und unzerstörbar zusammenhaltend, nahe dem Graben, während die andere trutzig und dräuend wie vorher in die Lüfte ragte; aus ihrem Schlund loderten die bleichgelben Flammen empor, jeden Balkensplitter, jeden Zeugfetzen gierig von den Innenwänden leckend.

»Mein armer Herr!« stöhnte Anton und streckte die Arme verzweiflungsvoll über den Graben hin. Da drunten gurgelten und brodelten die Wasser, die der furchtbare Stoß aus ihren Ufern gehoben und weithin über den Park verschüttet hatte; nun stürzten sie sich zurück in ihr niedriger gelegenes Gebiet, Sand- und Rasenstücke und blutige zerrissene Tauben- und Dohlenleichen mit sich schleppend. Der zierliche Brückenbogen war spurlos verschwunden, der schönberaste, eiförmige Hügelrücken in klaffende Spalten geborsten, und die alten Nußbäume, die er genährt und die sein Schmuck gewesen, hatte er ausgestoßen; sie lagen hingestreckt, die Aeste wie die Geweihe zweier im erbitterten Kampfe verendeter Hirsche ineinander verrannt.

Was half es, daß immer neue Menschenscharen zuströmten, daß die Feuerspritzen heranjagten? Da war nichts zu retten. Wer suchte noch dort in dem lodernden Krater die kostbaren Möbelstücke, die berühmte Humpensammlung, die Bild- und Skulpturwerke und Elfenbeinschnitzereien, die reichen Teppiche? Wie in entsetzlichem Hohne war eine der purpurnen Seidengardinen, unversehrt aus dem Fenster fliegend, am Sims hängen geblieben und fiel grauenhaft unbeweglich über die Außenseite des Turmrestes, wie wenn das Blut unmerklich rinnend einer breiten Wunde entströmt.

Und die Menschen raunten sich von aufgehäuften Gold- und Silberschätzen zu — oder nein, es waren ja Papiere gewesen, Papiere, die den Besitz von Fabriken, Grubenwerken, Landstrecken und dergleichen in unermeßlichem Werte verbürgten und welche der alte, feste Turm mit seinen Mauern, seinen unbesieglichen Schlössern und seinem Wassergürtel wie ein Drache gehütet hatte. Wo waren sie? Wo die Eisenplatten, die sie umschlossen? Waren die Geldspinde unzersprengt hinabgestürzt in das Kellergewölbe, inmitten der Flammenglut eine Auferstehung ertrotzend?

Und was war aus ihm geworden, aus dem reichen Manne, von welchem Anton bestimmt wissen wollte, daß er sich vor einer Stunde nach dem Turme begeben habe, um Weine aus dem Keller zu holen? Alles starrte mit stockendem Atem in das Flammengewoge, während der treue Diener händeringend den Graben umkreiste und den Namen seines Herrn immer wieder über das Wasser hinüberrief. Es war doch eine unverzeihliche Marotte gewesen, Schießpulver da aufzubewahren, wo man mit dem offenen Kellerlicht hantierte.

»Die verkommene historische Merkwürdigkeit hat das nicht gethan; dazu ist ein ganz anderer Sprengstoff nötig gewesen,« sagte einer der zuerst herbeigeeilten Spaziergänger, ein Ingenieur, laut und sehr bestimmt in das Stimmengewirr hinein.

»Aber wie wäre denn der in den Keller gekommen?« stammelte Anton stehenbleibend, indem er den Sprecher blöde und verständnislos mit seinen angstverschwollenen Augen ansah.

Der Herr zuckte schweigend, mit einer zweideutigen Miene die Achseln und wich mit den anderen zurück — die Spritzen begannen ihre Arbeit.

Und nun zischten die Wasserstrahlen empor und die Glocke auf dem Stadtturm läutete unermüdlich, solange sich das Feuer ungebärdig gegen seinen Erzfeind aufbäumte; von der Villa her schleppte die Feuerwehr Bretter und Stangen, um eine improvisierte Brücke über den Graben zu schlagen, und der Lärm und das Menschengetümmel wuchs und schwoll von Sekunde zu Sekunde. Da scholl mitten in das Getöse hinein ein markdurchschütternder Schrei — dort drüben, der Ruine ziemlich nahe, auf dem Wege vom oberen Wehre her, hatten sie den Müller Franz gefunden; ein schwerer Stein hatte ihn zu Boden gerissen und ihm die Brust zerquetscht — der Mann war tot.

Es war, als pflanze sich der Schrei, den die Frau des Müllers im Hinstürzen über den Entseelten ausgestoßen, von Kehle zu Kehle fort — ein solch unbeschreiblicher Stimmenaufruhr wogte über den Park hin.

»Moritz — sie haben ihn gewiß gefunden!« murmelte die Präsidentin aufschreckend. Sie war unweit des Hauses auf einer Gartenbank zusammengesunken; weiter hatten sie ihre Füße nicht getragen, jetzt machte sie abermals eine krampfhafte Anstrengung, sich zu erheben — vergebens! Die bisher so standhaft ignorierte Altersschwäche machte sich angesichts einer wirklichen Gemütserschütterung in bestürzender Weise geltend. »Haben sie ihn? Ist er tot? Tot?« lallte sie, und die sonst so fest, so vornehm und kühl blickenden Augen irrten, weit aufgerissen, in wilder Angst den Weg entlang, der in der Richtung der Ruine den Rasenplatz durchschnitt; dabei umklammerte sie Floras Arm, die neben ihr stand.

Die schöne Braut war die einzige, die ihre Fassung behauptete. Welch ein Kontrast! Dort über den Bäumen zog schwelend und träge der dicke Qualm und färbte weithin den Himmel mit einem schmutzigen Schiefergrau, und hier, vor dem Hause mit seinen zertrümmerten Spiegelscheiben, seinen umgestürzten Orangeriekübeln unterhalb des Balkons, verliefen und versickerten nur langsam die angeschwemmten Wasser und sammelten sich zu rinnenden Bächen in den tiefen Furchen, welche die Räder der Feuerspritzen in die Kies- und Rasenflächen gerissen — dazu das wahnwitzige Geschrei, das durch die Lüfte gellte, das geräuschvolle Vorüberstürzen immer neuer Menschenmassen von der Stadt her, und inmitten dieser Verwüstung, dieses Tumultes eine schneeweiße Braut, weiße Maßliebchen an der Brust und in den blonden Locken, bleich bis in die Lippen, aber zuversichtlich und überlegen in der äußeren Haltung wie immer — eine gegen jedes persönliche Unglück Gefeite.

»Wenn du meinen Arm nur einmal loslassen wolltest, Großmama!« sagte sie ungeduldig. »Ich könnte dich möglicherweise überführen, daß du Gespenster siehst. Weshalb soll und muß denn Moritz durchaus verunglückt sein? Bah — Moritz mit seinem fabelhaften Glück? Ich bin überzeugt, er ist heil und ganz drüben mitten im Getümmel, und unsere kopflose Dienerschaft, die es, nebenbei gesagt, nicht der Mühe wert hält, nach uns zu sehen, und nur dann und wann im Vorüberrennen albernes Gewäsch in den Himmel hineinschreit, diese bornierten Menschen, sage ich, sehen ihren Herrn mit offenen Augen nicht.« — Ihr Blick streifte das nasse Terrain, dann sah sie auf ihren Fuß, der sich im weißen Stiefelchen unter den Garnierungen des Tarlatankleides verschob. »Man wird denken, ich sei auch ein wenig verrückt geworden,« meinte sie achselzuckend, »aber ich muß hinüber —«

»Nein, nein, du bleibst,« rief die Präsidentin und grub ihre Finger in die Falten des weißen Kleides. »Du wirst mich nicht allein lassen mit Henriette, die noch hilfloser ist als ich und mir nicht beistehen kann. O mein Gott, ich sterbe. Wenn er tot wäre, wenn — was dann?« Ihr Kopf fiel tief auf die Brust, die in Brillanten flimmerte — wie entsetzlich alt sah die Frau aus! Ihre gelbe Moireeschleppe umbauschte wie in grellem Hohn die gebeugte Greisengestalt.

Henriette kauerte auf der andern Seite der Bank, aschfarben vor Erregung und mit entsetzten Kinderaugen in das Weite starrend. »Käthe! Wo nur Käthe bleibt?« sagte sie mit bebenden Lippen wieder vor sich hin, als sei ihr der Satz eingelernt worden.

»Gott im Himmel, schenke mir Geduld!« murmelte Flora zwischen den Zähnen. »Es ist doch etwas Schreckliches um solche Frauenzimmer ... Ich bitte dich, Henriette, warum schreist du denn immer nach deiner Käthe? Die wird dir doch niemand nehmen!«

Mit verzehrender Ungeduld überflog ihr Blick das Haus, aber da war kein lebendes Wesen zu sehen, das sie von dem ihr aufgezwungenen Beschützerposten hätte erlösen können — sie waren alle nach der Ruine gerannt, die bereits angekommenen Gäste aus der Umgegend, die Lakaien, die dienstbaren Geister der Küche; selbst die feinbeschuhten Kammerjungfern waren durch die tiefen Wasserlachen mitgelaufen. Aber von der Stadt her nahte jetzt Beistand — die darstellenden Damen des Festspiels kamen atemlos um die Hausecke.

»Um Gottes willen, was geht bei euch vor?« rief Fräulein von Giese und stürzte auf die verlassene Frauengruppe zu.

Flora zog die Schultern empor. »Im Turm hat eine Explosion stattgefunden — mehr wissen wir auch nicht. Alles rennt vorüber, niemand steht uns Rede, und ich kann nicht von der Stelle, weil die Großmama den Kopf verloren hat und mir in ihrer bodenlosen Angst buchstäblich die Kleider vom Leibe reißt. Sie bildet sich ein, Moritz sei umgekommen.«

Die jungen Mädchen standen wie zu Stein erstarrt vor dieser gräßlichen Vermutung — der blühend schöne Mann, der vor wenigen Stunden noch »dem herrlichen Leben« ein Hoch gebracht, dort in den Flammen umgekommen oder in Atome zerstückelt! Das war nicht auszudenken. »Unmöglich!« stieß Fräulein von Giese heraus.

»Unmöglich?« wiederholte die Präsidentin unter einem Gemisch von Schluchzen und wahnwitzigem Auflachen; jetzt stand sie wie emporgerissen auf ihren Füßen, aber sie schwankte wie eine Betrunkene und deutete mit einer unsicheren Armbewegung nach dem nächsten Boskett. »Da — da bringen sie ihn! Gerechter Gott! Moritz, Moritz!«

Dort wurde unter feierlichem Schweigen ein Gegenstand hergetragen, und in dem Kreise neugierig mitlaufender Menschen schritt Doktor Bruck; er war ohne Hut und seine hohe Gestalt überragte alle.

Flora flog hinüber, während die Präsidentin in ein lautes krampfhaftes Weinen ausbrach. Beim Anblick der herbeieilenden, gebieterisch schönen Braut trat die Begleitung unwillkürlich auseinander; nach einem raschen Blicke über die hingestreckte Gestalt, die man auf einem Ruhebette trug, wandte sich Flora sofort zurück und rief beschwichtigend: »Beruhige dich doch nur, Großmama! Es ist ja nicht Moritz —«

»Käthe ist's — ich wußte es,« murmelte Henriette halb schluchzend, halb gespenstisch flüsternd mit ihrer heiseren Stimme und wankte hinüber, wo die Träger, Atem schöpfend, für einen Augenblick ihre Last niedergesetzt hatten.

Die Verunglückte lag auf einem altmodischen Ruhebette aus des Doktors Arbeitszimmer — ihre seitwärts niederhängenden Kleider troffen von Nässe. Weiche Bettkissen unterstützten Kopf und Rücken; sie hätte mit ihren sanft geschlossenen Lidern und den zwanglos im Schoße ruhenden Händen ausgesehen wie eine friedlich Schlummernde, wäre nicht das Blutgerinnsel an der linken Wange nieder und die Binde über der Stirn gewesen, die von einer Kopfwunde zeugten.

»Was ist's mit Käthe, Leo? Was in aller Welt hat sie an der Unglücksstätte zu suchen gehabt?« fragte Flora, an das Ruhebett herantretend — Ton und Blick zeigten mehr Aerger über den vermeintlichen Vorwitz der Stiefschwester als eigentlichen Schrecken.

Der Doktor war vorhin bei ihrer beschwichtigenden Versicherung wie in jäh aufloderndem Zorne emporgefahren; jetzt schien es, als höre er gar nicht, daß sie spreche — so fest lagen seine Lippen aufeinander und so leer war der Blick, der neben ihr hinstreifte und dann auf Henriette niedersank.

Die arme Kranke stand, nach Atem ringend, vor ihm und ihre thränenumflorten Augen sahen in Todesangst zu ihm auf. »Nur ein einziges Wort, Leo — lebt sie?« stammelte sie mit bittend gehobenen Händen.

»Ja, die Lufterschütterung und der Blutverlust haben sie betäubt, gefahrbringend sind augenblicklich nur die nassen Kleider; die Stirnwunde ist ungefährlich, Gott sei Dank!« antwortete er wie aus tiefster Brust in vibrierenden Tönen, und liebreich wie ein Bruder legte er den linken Arm um ihre schwache Gestalt, die sich kaum auf den Füßen zu erhalten vermochte. »Vorwärts!« befahl er den ruhenden Trägern mit hörbarer innerer Angst und Ungeduld.

Der begleitende Menschenschwarm verlief sich enttäuscht; es war ja keine Gefahr vorhanden; die meisten kehrten nach der Brandstätte zurück. Das Ruhebett wurde über den Kiesweg getragen, an der Präsidentin vorüber, die völlig geistesabwesend auf die Ohnmächtige stierte und nichts mehr zu begreifen, zu fassen schien. Die entsetzte Mädchenschar drängte sich wie gescheucht aneinander und blickte ratlos zu dem jungen Arzte empor, der, ohne sie zu beachten, neben dem Ruhebette schritt. Noch hielt er mit dem linken Arme Henriette umschlungen; die Rechte aber hatte er auf Käthes Stirn gelegt, um jeder schmerzenden Erschütterung vorzubeugen. Der sonst so scheu sein Inneres verbergende Mann, den man in der letzten Zeit nur noch mit tiefverfinsterten Augen und gezwungenem Wesen gekannt hatte, sah unverwandt behütend, mit unverhohlener Zärtlichkeit auf das erblaßte Mädchengesicht nieder, als existiere nichts anderes mehr für ihn, als habe er unter Todesqualen sein Liebstes und Heiligstes auf dieses Ruhebett gerettet.

Flora ging der schweigenden Gruppe nach, isoliert, wie wenn nicht das geringste Band sie mit den drei Menschen verkette, die das Unglück plötzlich vor aller Augen in so innige Beziehung brachte. Dort, wo die Träger gerastet hatten, standen noch tiefe Wasserlachen; sie war mit ihren zierlichen weißen Stiefeln in das trübe Naß getreten und die lange Tarlatanschleppe schleifte durchfeuchtet und beschmutzt über den Kies. Mit einem raschen Griff nahm die schöne Braut den weißen Margueritenkranz aus dem Haar; er war zur bitteren Ironie geworden inmitten der entsetzlichen Ereignisse; sie zerdrückte und zerriß ihn mechanisch mit den Fingern, und wo sie gegangen war, lagen die kleinen schneeigen Sterne verstreut.

Aber auch sie schritt an der Großmama und den Freundinnen vorüber, ohne sie anzusehen. Ihr funkelnder Blick maß unausgesetzt die imposante Gestalt des Bräutigams — man sah, sie erwartete von Sekunde zu Sekunde, daß er sich nach ihr umwende, und so folgte sie ihm Schritt für Schritt über den weiten Platz, über die Schwelle des Hauses. Die Präsidentin rief nach ihr; ein abermaliges, erderschütterndes Gerassel, dem ein emporbrausendes Toben von Menschenstimmen folgte, dröhnte von der Ruine herüber — sie sah nicht zurück; mochte auch hinter ihr die Welt zusammenbrechen — sie ging in unerbittlicher Entschlossenheit »ihren Rechten« nach.


25.

Auf diesen grauenvollen Tag folgte eine dumpfschweigende Nacht voll todesbanger, atemloser Spannung. Niemand ging zu Bette; alle Gasflammen im Hause brannten; die Dienerschaft schlich ruhelos auf den Zehen umher oder hockte flüsternd in den Ecken zusammen, und nur wenn drüben vom Turme her die Schritte eines Feuerwächters näher klangen oder eine der nach außen führenden Thüren leise geöffnet wurde, fuhren alle wie elektrisch empor und rannten hinaus in die Korridore, denn der Herr des Hauses sollte und mußte noch kommen, aber die Nacht verging und das Frührot brach durch die Fenster — und er kam nie, nie wieder.

Es war ein rosiger, den klarsten Tag verkündender Strahl, der über die Villa Baumgarten hinglitt und die zersprungenen Spiegelscheiben glitzern und flimmern machte. Er lief durch den Festsaal und ließ den Purpursamt des herabgestürzten Brautbaldachins aufleuchten; er küßte das welkende Laub der Festons und das zerknickte Geäst der umgeworfenen Treibhausbäume — welch ein Chaos! Ein einziger Stoß hatte die kostbare, aber leicht gefügte Feerie aus »Tausendundeine Nacht« in ein schauerliches Gemengsel von zahllosen Scherben und Trümmerresten zusammengeschüttet. Und alle die zierlichen, die bräutliche Freundin verherrlichenden Verse waren ungesprochen geblieben, und da, wo die goldbeflitterten Genien im Rosengewölk hatten herabschweben sollen, spielte der scharf hereinziehende Morgenwind gespenstisch mit rosa und weißen Kreppfetzen.

Vielleicht heute zum erstenmal durfte das Frühlicht in die vornehmen Räume schimmern; kein Laden war vorgelegt, kein Rouleau niedergelassen worden; selbst das prächtige Schlafzimmer auf der nordöstlichen Ecke des Erdgeschosses mit seinen korinthroten Seidendraperien und seinem kostbar geschnitzten, von Spitzen überdeckten Bette auf hoher Estrade war ihm preisgegeben und es durfte sich in den Brillanten spiegeln, die noch in den Lockenpuffen der Präsidentin verstreut lagen. Die Hand der Kammerjungfer hatte die alte Dame nicht berühren dürfen; noch schleppte ihr das gelbe Stoffkleid schwer nach, wie sie immer wieder durch die lange Zimmerreihe wankte, in welcher die umgeworfenen Möbel, die von den Simsen gestürzten Statuen umherlagen.

Die Schleierwolke um Hals und Kinn der alten Dame hatte sich gelöst, und der sonst so sorgfältig verhüllte, fleischlose Unterkiefer hob sich scharf, in hippokratischer Linie von dem vertrockneten Halse. Ja, sie war hochbetagt und für den ausgedörrten Körper stand die Lebenssonne tief, tief im Niedergehen — und dennoch wälzte diese wankende Greisin in fieberhafter Angst den Gedanken unablässig durch den Kopf: »Wer wird Moritz beerben?« Sie selbst hatte nicht den leisesten Anspruch auf die Hinterlassenschaft des so jäh Hingerafften — nicht einmal auf das Bett, in welchem sie schlief, nicht auf das Geschirr, aus welchem sie aß. Der Kommerzienrat war früh verwaist; so viel sie wußte, existierten keine Verwandten seines Namens mehr, aber hatte er nicht öfter Unterstützung an eine arme Schwester seiner verstorbenen Mutter an den Rhein geschickt? Sollte sie die Erbin sein? Der Gedanke war zum Rasendwerden. Die Frau eines obskuren Schreibers, eine bedürftige Weißnäherin, nahm Besitz von den kolossalen Reichtümern, und die Frau Präsidentin Urach, die sich schon lange gar nicht mehr vorstellen konnte, wie man ohne seidengepolsterte Equipage von einem Ort zum andern kommen, wie man ohne Koch und servierende Lakaien anständig essen und in einem Bette ohne Brokatbaldachin schlafen könne, sie mußte ihre alten, auf den Dachboden gestellten Möbel wieder ausklopfen und in eine enge Mietwohnung schaffen lassen, wo es keinen Marstall voll dienstbereiter Pferde, keine Livreebedienung und keine fürstlich splendide Küche mehr gab — denn sie und ihre beiden Enkelinnen waren ja nicht blutsverwandt mit dem Millionär, der ohne Testament aus der Welt gegangen.

— und dennoch wälzte sie in fieberhafter Angst den einen Gedanken unablässig durch den Kopf: »Wer wird Moritz beerben?« (S. 318.)

Die aus der Umgegend eingeladenen Herren waren bis nach Mitternacht um die alte Dame versammelt geblieben, und wenn man auch diesen Punkt nicht berührt hatte, so war doch schon in die hochgehenden Wogen der schreckensvollen Bestürzung da und dort ein scheues Wort gefallen über die entsetzliche Verwirrung, die der Katastrophe bezüglich der Vermögensverhältnisse des Verunglückten auf dem Fuße folgen müsse, da der Kommerzienrat seine Dokumentenschränke und seine Bücher in dem Turme verwahrt gehabt habe, und von alledem nicht ein einziges versprengtes Papierblatt gefunden worden sei.

Aber mochten auch da drüben Unsummen in die Luft geflogen sein — stand sie, die alte Frau, nicht hier auf einem Grund und Boden, der nach vielen Tausenden geschätzt wurde? War nicht unter ihren Füßen, in dem festen Steingewölbe, die Silberkammer? Standen nicht Pferde der edelsten Rassen drüben in den Ställen? Und welcher unermeßliche Wert steckte in der Gemäldesammlung berühmter Meister! Das alles genügte, um der Frau Präsidentin das schöne, luxuriöse Leben einer reichen Frau bis an ihr Ende zu sichern, wenn die hochgeborene Dame den Beweis zu erbringen vermochte, daß das Blut des Seilersohnes auch in ihren Adern fließe.

Und auch von der, die über ihr in Henriettens Wohnzimmer lag, von der Enkelin des Schloßmüllers, war gesprochen worden — man wußte, daß ihr ganzes großes Vermögen in dem Turme eingeschlossen war. Die Präsidentin in ihrer nervösen Angst und Unruhe hatte nur mit halbem Ohre hingehört — was ging sie das Wuchergeld des ehemaligen Müllerknechtes an! Flora dagegen war bei ihrer merkwürdigen Sammlung und objektiven Ruhe, die sie angesichts des grauenhaften Ereignisses behauptete, den möglichen Eventualitäten gefolgt, welche die völlige Vernichtung der Dokumente für ihre Stiefschwester herbeiführen konnte.

Es hatte etwas Zornmütiges, Verbissenes in ihrem schönen, bleichen Römergesichte gelegen, als sie gegen zehn Uhr aus der Bel-Etage herabgekommen war. Sie, der gefeierte Mittelpunkt der geselligen Kreise, das schöne Mädchen, dessen geistiges Uebergewicht, dessen scharfes Urteil für alle Bekannten maßgebend war, sie hatte zu ihrer tiefsten Indignation die klägliche Rolle einer Ueberflüssigen droben in dem »sogenannten« Krankenzimmer spielen müssen. Außer Henriette, die, auf einem Sofa kampierend, um keinen Preis Käthe verlassen wollte, war auch die Tante Diakonus als Pflegerin erschienen. Sie hatte zugleich ein Asyl in der Villa suchen müssen, denn auf dem Hause am Flusse, das ja der Unglücksstätte am nächsten lag, waren die Schlöte eingestürzt; an der südlichen Hausmauer zeigten sich bedenkliche Risse und Sprünge; die Fenster lagen in Trümmern und keine der Thüren paßte mehr in Schloß und Angel. — Die neueingezogene Dame war mit der Köchin in der Schloßmühle bei Suse einquartiert worden, und für die Nacht hatte der Doktor zwei Wächter an das verlassene Haus postiert.

Am Bette der Verletzten war kein Platz für Flora gewesen. Zu Häupten hatte die Tante, entsetzlich verweint, in einem Lehnstuhl gesessen, und ihr gegenüber der Doktor. »Die Alte« hatte sich gebärdet, als sei Käthes ungefährliche Stirnwunde, ihre anhaltende Betäubung, das Allerbeklagenswerteste, was der unheilvolle Tag überhaupt gebracht, und der Doktor war nicht von seinem Platze gewichen — er hatte Käthes Hand nur aus der seinen gelassen, wenn der Umschlag auf ihrer Stirn erneuert werden mußte. Ein solch besorgnisvolles Gebaren um »das robuste, lange Mädchen mit den Nerven und Gliedern der ehemaligen Holzhackerstochter« widerspruchslos mit anzusehen, dazu hatte denn doch für Flora ein vollgerütteltes Maß Geduld und Selbstüberwindung gehört.

Des ewigen bangen Geflüsters müde, und einsehend, daß sich heute mit all den konsternierten Menschen kein vernünftiges Wort reden lasse, war die schöne Braut endlich hinabgestiegen, allein und tief ergrimmt — der Doktor hatte sie nicht einmal bis zur Zimmerthür, geschweige denn die Treppe hinab geleitet. Zu Bette war sie selbstverständlich auch nicht gegangen; sie hatte die verunglückte Polterabendtoilette abgestreift, ihre schmiegsamen Glieder in den weißen Kaschmirschlafrock von griechischem Zuschnitte gehüllt und sich gegen Morgen ein wenig auf das rote Ruhebett hingestreckt.

Das ehemalige Studierzimmer ließ an Oede und Unwohnlichkeit nichts mehr zu wünschen übrig. Der schwarze Schreibtisch stand abgeräumt und verstaubt in seiner Fensterecke; von den Regalen waren sämtliche Bücher genommen und lagen verpackt in großen Kisten inmitten des großen Zimmers. Die Säulenstücke samt Büsten rollten umgestürzt auf der Erde; darüber her warf die qualmende, von unsicherer Dienerhand angezündete Hängelampe einen häßlich ungewissen Schein, und nun, als die Morgenluft kräftig durch die Fensterscheiben zog und der Tag mit seinem energischen Lichte hereinbrach, schaukelte sie leise droben an ihrer Kette in bläßlichem Rot, als glimme der Ruinenbrand in ihrer weißen Schale nach.

Jetzt, mit Tagesanbruch, hatte Flora hinaufgeschickt und den Doktor zu sich bitten lassen — sie hörte ihn sicheren, militärisch festen Schrittes durch den Korridor kommen. Mit eiligen Händen die derangierten Stirnlöckchen unter den Spitzen des Morgenhäubchens noch einmal zurechtzupfend, drückte sie das weiße Marmorgesicht tiefer in die roten Polster und sah blinzelnd nach der Thür, durch die er eintreten mußte.

Er schritt über die Schwelle. Sie hatte ihn noch nie so gesehen, und deshalb erhob sie sich, unwillkürlich, mechanisch, als trete ein fremder Mann herein.

»Ich fühle mich unwohl, Leo,« sagte sie unsicher und ohne den Blick des Erstaunens von dem Gesichte wegzuwenden, das bleich, überwacht und dennoch wie von einem inneren Lichte belebt und durchleuchtet, plötzlich einen so völlig veränderten Charakter angenommen hatte. »Mein Kopf brennt — der Schrecken und durchnäßte Füße haben mir jedenfalls ein Fieber zugezogen.« Sie setzte das stockend hinzu, während seine Augen kalt prüfend mit der beobachtenden Ruhe des Arztes über ihre Züge hinstreiften. Dieser eine Blick machte ihr das Blut sieden.

»Nimm dich in acht, Bruck!« sagte sie mit völlig beherrschter Stimme, aber ihr Busen wogte unter gepreßten Atemzügen und die schöngeschwungenen Brauen hoben sich, so daß zwei strenge, tiefe Querfalten die weiße Stirn durchschnitten. »Ich ertrage es nun schon monatelang geduldig, daß deine Praxis die Geliebte ist, der ich mich unterordnen muß.« Sie zuckte die Achseln. »Ich sehe ein, daß das mein Schicksal bleiben wird, und denke groß genug, um mich darüber hinwegzusetzen; denn diese Hingabe an seinen Beruf macht den Mann bedeutend, dessen Namen ich tragen werde.« Bei diesen Worten wandte sie den hochgehobenen Kopf weg, als überfliege ihr geistiger Blick die weite Welt, die sein berühmter Name erfüllte. So entging ihr die jäh emporlodernde Flammenglut auf seinen Wangen. »Aber ich protestiere entschieden gegen jede Zurücksetzung, sobald ich selbst deinen ärztlichen Rat brauche,« fuhr sie fort. »Wir alle haben unter der furchtbaren Katastrophe zu leiden gehabt — ich armes Opfer mußte bei allem Schrecken noch die halb wahnwitzige Großmama und Henriette in ihrem trostlosen Zustande unter die Flügel nehmen — eine nicht zu beschreibende Aufgabe. Und doch ist es dir bis zu dieser Stunde nicht eingefallen, auch nur einmal zu fragen: ‚Wie trägst denn du das Unglück?‘«

»Ich habe nicht gefragt, weil ich weiß, daß bei dir dergleichen seelische Eindrücke durch den Verstand kontrolliert werden und weil ich auf den ersten Blick hin sehe, wie wenig dein körperliches Befinden in Wahrheit beeinträchtigt ist.«

Sie horchte befremdet auf den Ton seiner Stimme — er sollte gelassen wie immer klingen, und doch bebte er hörbar, wie infolge ungestümer Herzschläge.

»Was deine zweite Behauptung betrifft, so irrst du,« sagte sie nach einem augenblicklichen Schweigen; »ich habe in der That nervöses Klopfen an den Schläfen; bezüglich der ersten aber magst du recht haben. Ich suche mich jedem Ereignisse gegenüber — gleichviel welchem — stets so rasch wie möglich zu sammeln, um es mit klarem Blicke übersehen zu können. Du scheinst diese meine Taktik zu mißbilligen, wie ich aus deinem seltsamen Tone entnehme, und doch hast du gerade heute alle Ursache, sie zu preisen. Ich habe mich nie überreden lassen, mit meinen vom Papa geerbten soliden Obligationen zu spekulieren — hätte ich mithin nicht auch bei überschwenglichen Glücksfällen den Kopf oben behalten, dann stände ich heute hier vor dir mit leeren Händen — meine Mitgift wäre verpufft, wie das unermeßliche Papiervermögen, das gestern in alle Lüfte geflogen ist. Ja, sieh mich nur scheu an, Bruck!« sie dämpfte ihre Stimme. »Ich lasse mich nicht düpieren und nenne die Dinge beim Namen. Die Großmama rennt drüben auf und ab und ringt die Hände, daß der kolossale Besitz Fremden zufalle; unsere lieben Gäste haben die halbe Nacht hindurch den reichen Mann beklagt und beweint, der ein Schoßkind des Glückes gewesen, den die boshafte Ironie des Schicksals in so tragischer Weise mitten aus seinem Erdenhimmel gerissen habe — ich aber sage: Der theatralische Abgang war mittelmäßig in Szene gesetzt; in den Kulissen ist eine Lücke geblieben, durch die man der Wirklichkeit auf den Leib gehen wird. In der Kürze, vielleicht in den nächsten Tagen schon, werden die Gerichte festgestellt haben, daß Römer anfangs vielleicht nur ein sehr leichtsinniger Spekulant, schließlich aber — ein Schurke gewesen ist.«

Eine einschneidendere Wandlung der Dinge ließ sich nicht denken, als die schöne Dame in diesem Augenblicke zur Geltung brachte. Sie stand in ihrem weißen Iphigeniagewande, den roten Teppich unter den Füßen, die schwebende Hängelampe über der Stirn, genau auf derselben Stelle, wo sie im Dezember gegenüber dem Kommerzienrate die ärztliche Wirksamkeit ihres Verlobten gebrandmarkt und gesagt hatte: »Ich dulde nichts Totgeschwiegenes in meiner Seele.«

Flora hatte recht; sie nannte allerdings die Dinge beim Namen — sie sprach das aus, was der Mann da vor ihr in seinem Innern nicht leugnete, was ihn seit gestern in eine namenlose Seelenpein versetzt hatte, aber daß der fein geschnittene, zarte Frauenmund sich vor den nacktesten Ausdrücken nicht scheute, um den Scharfsinn, »der sich nicht düpieren lassen«, an den Tag zu legen — das war wohl geeignet, einen Sturm von Unwillen in einer feinfühlenden Menschenseele hervorzurufen.

»Ach, wie ich sehe, habe ich heute das Unglück, dir in allem, was ich sage, zu mißfallen,« hob sie nach einem sekundenlangen Verstummen halb sarkastisch, halb schmollend wieder an und ging ihm um einige Schritte nach — er hatte sich mit unverhohlener Entrüstung abgewendet und war schweigend in die Fensterecke getreten. »Möglich, daß mein gerechtes Urteil ein wenig zu drastisch ausgesprochen war; vielleicht hätte ich auch, dankbar für manche kleine Annehmlichkeit, die mir Römer hier und da verschafft hat, weniger wahr und aufrichtig sein sollen;« — sie zog die Schultern und die Brauen empor — »aber ich bin nun einmal eine geschworene Feindin aller schwächlichen Bemäntelung und habe dabei auch alle Ursache, empört zu sein. Meine Schwester Henriette, mit deren Erbteil Römer spekuliert hat, wird mit dem Zusammensturze bettelarm, und Käthe? — Sei versichert, daß ihr von ihrem ganzen immensen Vermögen nicht ein Papierschnitzel bleibt!«

»Desto besser!« kam es wie ein Hauch von den Männerlippen, die so jünglingshaft rot und keusch unter dem vollen Barte schimmerten und in diesem Momente sanft zu lächeln schienen.

So schwach die zwei Worte auch geklungen, Floras Ohr hatte sie doch aufgefangen. »Desto besser?« fragte sie erstaunt und schlug, halb und halb lachend, die Hände zusammen. »Sehr sympathisch ist mir unsere Jüngste allerdings auch nicht, aber was hat sie denn verbrochen, daß du ihr Unglück in so befremdlicher Weise aufnimmst?«

Er biß sich wie in innerem Kampfe heftig auf die Unterlippen und preßte die Stirn an das Fensterkreuz; sie sah nachsinnend neben ihm weg, hinaus in den Garten, wo eben der goldene Morgenstrahl das weiße Haupt der steinernen Brunnennymphe erreichte.

»So schlimm wie Henriette ergeht es Käthe allerdings nicht — die Schloßmühle bleibt ihr, und die mag schon ein hübsches Stück Geldes wert sein,« setzte sie nach einer Pause hinzu. »Dorthin kann sie sich retten, wenn hier alles zusammenbricht, und auch für unsere arme Brustkranke wüßte ich kein besseres Asyl; beide Schwestern lieben sich ja und würden sich gewiß vertragen. Es wird uns auch kein anderes Arrangement übrig bleiben; die Großmama mit ihrem schmalen Einkommen kann unmöglich für Henriette sorgen, und dir werde ich selbstverständlich nie zumuten, die kranke Schwester in unsere junge Häuslichkeit mitzunehmen.« Sie schlang plötzlich ihren Arm in den seinigen und sah verführerisch zärtlich zu ihm auf. »Ach Leo, wie will ich Gott danken, wenn wir morgen im Wagen sitzen werden, all das Schreckliche, was nun hier erfolgen muß, im Rücken —«

Mit einer leidenschaftlichen Gebärde, mit einem Ingrimm, wie sie ihn noch nie in diesem stillen, ernsten Männerantlitze gesehen, riß er sich von ihr los. »Möchtest du wirklich alle im Stiche lassen, die Armen, die in den nächsten Tagen rat- und hilflos inmitten der schrecklichen Schicksalsschläge dastehen werden?« rief er wie außer sich. »Gehe, wohin du willst — ich bleibe!«

»Leo!« schrie sie auf — dann stand sie momentan sprachlos und rang mit einer unbeschreiblichen Erbitterung. Sie legte die geballte Faust auf das Herz, als habe sie einen Dolchstoß erhalten. »Du hast sicher die Tragweite deiner allzu raschen Worte selbst nicht ermessen,« sagte sie endlich klanglos und gepreßt; »ich will sie deshalb nur insoweit gehört haben, als sie eine Bemerkung meinerseits nötig machen: Wenn wir nicht morgen, bevor der Ausbruch erfolgt, unsere Reise antreten — und niemand wird es uns verargen, daß wir das nun einmal Vorbereitete in aller Stille ausführen —, dann muß unsere Verbindung überhaupt hinausgeschoben werden.«

Er schwieg und verharrte, wie zu Stein geworden, in seiner abgewendeten Stellung, und diese wortlose Unbeweglichkeit reizte sie sichtlich; ihr ganzes leidenschaftliches Naturell funkelte in den großen grauen Augen.

»Ich habe dir vorhin erklärt, daß ich zeitlebens gutwillig deiner Praxis, der Liebe zu deinem Berufe nachstehen will,« setzte sie dringender hinzu. »Nie aber werde ich mit meinen Interessen anderen Frauen weichen — das merke dir, Leo! Ich kann nun und nimmer einsehen, weshalb ich der Großmama und meiner Schwestern wegen den furchtbaren Zusammensturz hier mit durchkämpfen soll, da mir doch das Recht zusteht, mich in die ruhige schützende Häuslichkeit zu flüchten, die du mir zu geben gelobt hast; ein solches Opfer solltest du mir gar nicht zumuten. Liegt es in meiner Macht, etwas an der Sachlage zu ändern? Ganz und gar nicht — wozu dann die nutzlose Aufregung, in die du mich geflissentlich stürzest? Soll ich durchaus das Vergnügen haben, auch ein Gegenstand des öffentlichen Mitleids zu sein? Eher gehe ich stehenden Fußes von hier fort — ich will nicht, daß man mit den Fingern auf mich zeige.«

Sie durchmaß aufgeregt das Zimmer. »Du hast mir gegenüber für dein Bleiben hier nicht die leiseste Entschuldigung,« hob sie, fern von ihm stehen bleibend, mit finster zusammengezogenen Brauen wieder an, nachdem sie vergeblich auf einen Laut von seinen Lippen gewartet hatte. »Nicht einmal auf die Kranken in der Bel-Etage kannst du dich berufen. Henriette hättest du so wie so ihrem Schicksale überlassen müssen, und was Käthe betrifft, so wirst du mich nicht überzeugen, daß die Stirnschramme, die du selbst für vollkommen ungefährlich erklärt hast, deine ganze ärztliche Kunst und Hilfe erheische. Ehrlich gestanden, ich habe in dieser Nacht das Lachen verbeißen müssen über dein und der Tante Gebaren. Wenn Henriette über die paar vergossenen Blutstropfen kindische Thränen weint, so mag das hingehen — sie ist krank und nervengereizt —, aber daß du dich gebärdetest, als sei unsere Jüngste, dieser derbe, urgesunde Holzhackersproß, aus Duft und Schnee zusammengesetzt —« Unwillkürlich verstummte sie vor Leos Aussehen. Er hatte sich ihr zugewendet mit drohend gehobenem Finger, mit einer nicht mehr zu bezwingenden Aufregung in den Zügen.

Sie lachte zornig auf. »Glaubst du, ich fürchte mich? Ich habe deiner sehr unpassenden Handbewegung eine ganz andere entgegenzusetzen! Hüte dich — noch ist das ‚Ja‘ am Altare nicht gesprochen; noch liegt es in meiner Hand, eine Wendung herbeizuführen, die dir schwerlich gefallen dürfte. Und nun gerade wiederhole ich, daß mich dein gestriges ärztliches Thun und Treiben um Käthe schließlich angewidert hat. Soll ich nicht spöttisch werden, wenn du sie pflegst und verziehst wie eine Prinzessin —«

»Nein, nicht wie eine Prinzessin — wie eine Geliebte des Herzens, wie eine erste und einzige Liebe, Flora,« fiel er mit seiner tiefen, klangvollen Stimme in sichtlicher Bewegung ein.

Ein Schrecken durchfuhr sie, als habe ein Blitzschlag die Erde vor ihren Füßen gespalten; unwillkürlich hoben sich ihre Arme gen Himmel und so stürzte sie auf den Sprechenden zu.

Er streckte ihr abwehrend die Hände entgegen; sonst stand er in unerschütterter Haltung. »Was ich bisher, unter unbeschreiblichen Kämpfen mit mir selbst, in meiner Brust verschlossen habe — aus Scham und von einem Grundsatze ausgehend, der sich als falsch, ja, als unmoralisch erwiesen hat —, ich muß es dir jetzt bekennen. Ich sehe ab von jeder Verteidigung, von jedem beschönigenden Worte;« — die Stimme sank ihm — »ich bin treulos gewesen von dem Augenblicke an, wo ich Käthe zum erstenmal gesehen habe.«

Flora ließ langsam ihre Hände sinken. So unumwunden und zweifellos auch das Geständnis lautete, es war dennoch das Unglaubwürdigste, das sie je gehört. Bah, wie hatte sie sich hinreißen lassen können, ein so kopfloses Erschrecken zu zeigen! Es war wohl oft genug geschehen, daß die gefeierte Flora Mangold Männerherzen unwiderstehlich an sich gezogen und sie dann in Momenten, wo es am wenigsten erwartet wurde, launenhaft und unbarmherzig von sich gestoßen hatte — ach ja, das war zu ihrer innersten Genugthuung so oft geschehen, wie sie Ballsaisons mitgemacht, aber daß ein Mann ihr die Treue brechen könne — lächerlich! Das war zu absurd; das glaubte niemand in der Residenz, und sie selbst am wenigsten. Da lag es doch weit näher, zu denken, daß Doktor Bruck endlich auch einmal den Mut finde, sich zu revanchieren. Sie hatte eben »ihre Feuerprobe« bis an die äußerste Grenze geführt; sie hatte in ihrem wohlbegründeten Verdrusse gedroht, noch wenige Schritte vom Altar ihr »Ja« zurückzuhalten, und das hatte ihn gereizt, hatte seine Langmut erschöpft; er wollte sie strafen, indem er sie eifersüchtig machte. Ihre bodenlose Eitelkeit und Frivolität halfen ihr noch für wenige Augenblicke über die bitterste Täuschung ihres ganzen Lebens hinweg.

Sie verzog ironisch die Lippen und schlug die Arme unter. »Ah, also gleich beim ersten Erblicken!« sagte sie. »War das gleich draußen im Korridor, wo sie nach Handwerksbrauch, den Reisestaub auf den Schuhen, mit dem poetischen Taschentuchbündelchen in der Hand hier ankam?«

Man sah, wie ihr spielender Hohn jeden Blutstropfen in dem Manne empörte; angesichts der furchtbaren Entscheidung, die endlich nach namenlosen Leiden und Kämpfen, durch seine wahre »erste und einzige« Liebe herbeigeführt worden, wurde er lächelnd und frivol ins Gebet genommen wie ein Schulknabe. Er bezwang sich mühsam; die Lösung dieser Lebensfrage mußte noch in dieser Stunde erfolgen, aber daß es nicht in würdeloser Weise geschehe, das war seine Aufgabe.

»Da war ich schon ihr Führer und Begleiter gewesen; in der Mühle habe ich Käthe zuerst gesehen,« versetzte er, nach einem momentanen Ringen mit sich selbst, ziemlich gelassen.

Eine dunkle Röte der Ueberraschung überflog Floras Wangen. Es begann in ihren Augen zu glimmen; sie biß sich auf die Lippen. »Ei, davon erfährt man ja das erste Wort. Und auch die Duckmäuserin mit dem ‚reinen‘ Herzen hat Grund gehabt, diese interessante Begegnung zu verschweigen.« Sie lachte kurz und hart auf. »Nun, und weiter, Bruck?« Die Arme noch fester unter dem Busen kreuzend, stemmte sie den Fuß sichtlich herausfordernd auf den Teppich.

»Wenn du in dem Tone verharrst, dann bleibt mir kein Weg zur Verständigung als der schriftliche.« Er wollte mit allen Zeichen der Entrüstung vor ihr vorübergehen.

Sie vertrat ihm den Weg. »Mein Gott, wie du das tragisch nimmst! Ich bemühe mich ja nur, auf deine kleine Komödie einzugehen. Also in einen Federkrieg willst du dich mit mir einlassen? Lieber Leo, da ziehst du den kürzeren — darauf verlasse dich! — magst du auch noch so viel epochemachende medizinische Broschüren in die Welt geschickt haben.«

Das übermütige Lächeln, das ihre Versicherung begleitete, erstarb ihr auf den Lippen, ein so eisig finsterer Blick begegnete dem ihren. Jetzt dämmerte allmählich die Ahnung in ihr auf, es könne ihm doch wohl Ernst, bitterer Ernst sein — nicht mit seiner fingierten Liebe für »die Jüngste« — die war nun einmal nicht denkbar — wohl aber mit dem Entschlusse, bei aller Leidenschaft für sie, doch lieber in der letzten Stunde noch mit der kapriziösen Braut zu brechen, als sich zeitlebens der »Feuerprobe« zu unterwerfen. Sie bereute ihr Vorgehen, und dennoch siegte der wilde Trotz, der beispiellose Uebermut in ihr.

»So gehe!« sagte sie rasch zur Seite tretend. »Solche Blicke, wie du mir eben zugeworfen hast, vertrage ich nicht. Gehe — ich rühre nicht einen Finger, dich zu halten.« Sie brach in ein schneidendes Hohngelächter aus. »O Männercharakter, viel berühmter und besungener! Es hat eine Zeit gegeben, wo ich fast auf den Knieen um meine Freiheit gebettelt habe; man war würdelos genug, die widerstrebende Braut um so fester in Ketten zu legen. Da sieh und lerne von mir, was in solchen Momenten selbst für ‚die schwache, eitle Frauenseele‘ einzig und allein maßgebend ist: der Stolz —«

»Es war auch Stolz, der mich damals unerbittlich bleiben ließ, unbändiger Stolz, wenn auch ein ganz anderer, als das Gemisch von Trotz und Grimm, das du als solchen bezeichnest,« unterbrach er sie mit maßvoller Ruhe, obgleich die letzte Spur von Farbe aus seinen Wangen gewichen war. »Ich bekenne mich ja dazu, schwer gefehlt zu haben; ich werde dich, wie bereits gesagt, mit keiner Verteidigung behelligen, die andere auch nur entfernt der Mitschuld bezichtigen könnte. ... Der Impuls meiner damaligen Handlungsweise war das Pochen auf die eigene Kraft, auf den Manneswillen, der mit allen Gefühlsausschreitungen der Seele fertig werden müsse, wie ich wähnte. Ich gab dir dein Wort nicht zurück, weil ich gewohnt war, das meine, einmal gegeben, in allen Lebenslagen als unverbrüchlich bis in alle Ewigkeit anzusehen; von dem Standpunkte aus erschien mir unser Verlöbnis so unlösbar wie dem Katholiken die Ehe ... Ich leugne nicht, daß auch der Rest studentischer Ehrbegriffe in mir nachwirkte. An jenem Abende habe ich dir diesen einen Beweggrund ausgesprochen, und ich muß ihn auch jetzt noch einmal betonen: Ich wollte nicht in die Schar derer zurücktreten, die an deinem Siegeswagen gezogen und dann mit Eklat entlassen worden waren; ich wiederhole, daß ich diese Anschauung jetzt als jugendlich unreif verwerfe, weil in solchen Fällen nicht die Ehre des Mannes, sondern die der Frau kompromittiert ist.«

Sie wandte ihm mit einem zornflammenden Blicke den Rücken und ließ ihre Finger in leisem, unregelmäßigem Getrommel auf der Tischplatte spielen. »Ich habe dir nie verschwiegen, daß meine Hand unzähligemal begehrt und erstrebt worden ist, ehe ich mich mit dir verlobte,« sagte sie stolz nachlässig, ohne auch nur den Kopf in der Richtung nach ihm zu bewegen.

»Du so wenig wie alle meine Bekannten,« fiel er ein. »Du darfst aber nicht vergessen, daß du das unnahbare Ideal meiner Jugend gewesen bist. Auf der Universität und noch im letzten Feldzuge hat mich der Gedanke angespornt, daß das stolze Herz der Vielumworbenen sich noch keinem zugeneigt, daß es den hoch beglücken müsse, der es erringe —« Er unterbrach sich — er durfte und wollte sich nicht auf ihre Koketterie beziehen; er verschmähte alle, auch die begründetsten Vorwürfe als Hilfstruppen.

»Und möchtest du dem entgegen behaupten, ich hätte auch nur einen aus dem Troß dieser unvermeidlichen Anbeter geliebt?« brauste sie auf.

»Geliebt? Nein, Flora, keinen von allen — auch mich nicht,« rief er, doch wieder fortgerissen. »Geliebt hast du stets nur die unvergleichliche Schönheit, die gesellschaftliche Tournüre, den vielbewunderten Esprit, den künftigen Ruhm der gefeierten Flora Mangold.«

»Sieh, sieh — die Schmeichelei des Liebenden habe ich stets auf deinen Lippen schmerzlich vermißt; selbst beim bräutlichen Kosen hast du nie einen bezeichnenden Schmeichelnamen für mich gefunden — und jetzt, in der Erbitterung, zeigst du mir ein Spiegelbild, mit welchem ich wohl zufrieden sein kann.«

Er errötete wie ein Mädchen. Es war lange her, daß er den schönen Mund dort nicht mehr geküßt, und doch meinte er, daß es überhaupt geschehen, sei eine Versündigung an der andern, die, rein und unberührt an Leib und Seele, sein Frauenideal erst jetzt verwirklichte. Er entzog unwillkürlich sein Gesicht den Augen, die ihn mit einem heimlich lachenden Ausdrucke fixierten, und sah in den Garten.

Ah, sie hatte ihn im richtigen Moment an schöne Zeiten erinnert — jetzt hatte sie gewonnenes Spiel. »Leo, bist du wirklich zu mir gekommen, um hart mit mir zu verfahren, um mich anzuklagen?« fragte sie, rasch zu ihm tretend — sie legte ihre Hand auf seinen Arm.

»Du vergissest, daß du mich zu dir beschieden hast, Flora,« entgegnete er ernst. »Ich wäre nicht aus eigenem Antriebe gekommen — ich habe oben zwei Kranke; Henriettens Zustand ist gegen Morgen bedenklich geworden; ohne deinen ausdrücklichen Wunsch würde ich sie nicht verlassen haben, so wenig, wie ich in diesen unseligen Tagen voll Angst und namenloser Verwirrung daran gedacht hätte, eine Entscheidung herbeizuführen, wie du sie vorhin provoziert hast.«

»Eine Entscheidung? Weil ich dich in kindischem Trotz und Aerger gehen hieß? ... Geh, wie magst du Mädchenzorn so bitter ernst nehmen!« Das sagte sie, die sonst jede mädchenhafte Regung, als ihres männlich gearteten Geistes unwürdig, verleugnete — mit dieser aalglatt entschlüpfenden Frauenseele war schwer zu rechten.

Dem Doktor stieg das Blut in das Gesicht; sie hatte ihn durch ihre unberechenbaren Einwürfe einen Kreislauf machen lassen — er stand wieder am Ausgangspunkte. »Ich messe dir auch darin die Schuld nicht bei,« antwortete er mit unverkennbar hervorbrechender leidenschaftlicher Ungeduld. »Ich habe mich hinreißen lassen, dir zu gestehen —«

»Ach ja, du sprachst von deinem Manneswillen, der mit allen Gefühlsausschreitungen fertig werden müsse — ist er dir dennoch treulos geworden?«

»Nein, treulos nicht; er hat sich nur einer besseren Ueberzeugung unterwerfen müssen. Flora, ich habe dir gleich zu Anfang gesagt, daß ich bei meiner Weigerung, unser Verlöbnis zu lösen, von einem falschen Grundsatze ausgegangen sei. Ich wußte damals längst, daß nicht eine Spur wahrer, hingebender Liebe für mich in deinem Herzen lebte, und auch ich hatte mit meinem Gefühle für dich vollkommen abgeschlossen, das enthusiastische Bewunderung von der Ferne aus, niemals aber warme, innige Herzensneigung gewesen war — wir hatten beide geirrt. Zwar litt ich schwer unter dem Bewußtsein, einer liebeleeren Zukunft entgegenzugehen, ich, dem die Natur ein liebeheischendes Herz gegeben, der ich mir den eigenen Herd nicht ohne die verklärende Familienliebe denken kann, aber ich fügte mich, und du hast dich noch rascher mit deiner vermeintlichen Nebenbuhlerin, meiner Praxis, abgefunden; du hast die Entfremdung willig sanktioniert, weil sie dir kein inneres Opfer auferlegte.«

Sie schwieg und ihre Augen irrten unwillkürlich über den bestaubten Teppich hin — es war ihr unmöglich, dem Sprechenden in das ernste, von tiefer Erregung beseelte Gesicht hinein zu lügen.

»Und ich klammerte mich um so angstvoller an die Unverletzlichkeit meines Wortes, je treuloser meine Gedanken von dir abirrten —«

»Ah — also doch?«

»Ja, Flora. Ich habe gerungen mit meiner Neigung, wie mit einem erbitterten Todfeinde.« Ein schwerer, gepreßter Atemzug hob seine Brust. »Ich bin vom ersten Augenblick an hart, grausam mit mir selbst und mit dem Mädchen verfahren, das mir diese unbesiegbare Neigung einflößte. Ich habe jede, auch die unschuldigste Annäherung streng von mir gewiesen — nicht einmal die Blumen, die sie in der Hand gehalten und achtlos vergessen hatte, litt ich in meinem Zimmer. Sie war gern in meinem Hause, und ich wehrte diesem Verkehre, als ob sie mir einen Feuerbrand unter das Dach trage; ich war kalt, unhöflich ihr in das Gesicht hinein, das mich doch entzückte wie noch nie ein Menschenantlitz —«

»Mein Gott, ja — man begreift das! Entzückend für das Auge des Arztes, gesund und rund und weiß und rot, als habe die Natur den Tüncherpinsel dazu genommen.« Mit diesen Worten wich die Erstarrung, die über die atemlos horchende Frauengestalt gekommen war — sie preßte die geballte Rechte heftig gegen die Brust. »Und ein solches Bekenntnis wagst du mir gegenüber? Wie, Blumen wirft diese naive Jugend in das Zimmer der Männer, die sie kirren will —«

»Still!« er hob die Hand mit jenem gebieterisch zwingenden Blicke, der stets selbst diesen Mund verstummen machte. »Mich überschütte mit Vorwürfen — ich will sie widerstandslos über mich ergehen lassen, vor Käthe aber stehe ich in Wehr und Waffen. Sie hat meine Liebe für sich niemals angefacht; sie ist nach Dresden zurückgekehrt und hat nicht gewußt, wie es um mich, wie es um — sie selbst steht. Weshalb sie damals gegangen, das weißt du am besten. Während man sie von einer Seite drängte, eine Ehe ohne Liebe einzugehen, wurde ihr von der andern erschreckend deutlich nahegelegt, daß sie ihr Zimmer zu räumen und einem hochgeborenen Besuche Platz zu machen habe. Ich war Zeuge dieser unverblümten Ausweisung; um ein Haar hätte ich mich damals vergessen und der Frau Präsidentin Worte der Erbitterung gesagt, und doch, als die indirekte Aufforderung an mich erging, die Ueberzählige in mein Heim aufzunehmen, da hatte auch ich keinen Raum für sie; ja, sie mußte eine Stunde später vor meinem Hause, wenn auch ohne mein Wissen, mit anhören, wie ich meine Tante ersuchte, den Verkehr mit ihr abzubrechen, solange ich noch aus- und eingehe. Und da ist sie gegangen, tiefverletzt in ihrem stolzen, festen und doch so weichen Gemüte, und ich war barbarisch, nein, unmoralisch genug, um eines falschen Prinzips, um eines thönernen Götzen willen, der gewisse Ehrbegriffe repräsentiert, in der großen Lüge zu beharren, die ich ihr, mir selbst und der ganzen Welt glaubwürdig zu machen suchte.«

Wie überwältigt von seiner eigenen Schilderung schwieg er sekundenlang; Flora warf sich über das Ruhebett hin und preßte den Kopf zwischen ihre schmalen Hände, als wolle sie nichts mehr hören, aber er fuhr fort: »Ich ließ sie erbarmungslos gehen; ich atmete auf — nun sollte es besser gehen mit mir und meiner inneren Qual — thöricht, thöricht! Ich sah nicht, wie in demselben Augenblicke, wo sie hinter dem Ufergebüsche verschwand, ein Dämon an mich herankroch, der sich festklammerte — es war nicht die Ueberbürdung meiner Praxis, was mich hohlwangig und der Geselligkeit gegenüber finster und feindselig machte — in der angestrengten Arbeit und Thätigkeit bin ich stets freudig und thatkräftig geblieben — es war die Sehnsucht, die sich von Tag zu Tag steigerte.«

Er hatte den Fensterbogen verlassen und durchmaß das Zimmer in sichtlichem inneren Aufruhre, und jetzt erhob sich Flora wieder wie mit einem gewaltsamen Rucke und schüttelte das nach vorn gefallene Lockengeringel wild aus der Stirn.

»Um Käthes willen?« rief sie bitter auflachend. »Möchte doch der Papa jetzt sehen, welch richtiger Instinkt seine Erstgeborene geleitet hat, als sie sich weigerte, die Schloßmüllerstochter Mama zu nennen, als sie seiner neugeborenen Jüngsten den Rücken wandte, weil sie ja schon zwei richtige Schwestern habe und kein Stiefschwesterchen wolle! Und es ist kein falscher Grundsatz gewesen, der dir bisher zur Richtschnur gedient hat — nein. Wie viel tausend ‚große Lügen‘ um dieses Prinzipes willen beseelen und regieren das Menschengetriebe, und die sie siegreich durchführen, wird man bis in alle Ewigkeit respektabel und ehrenhaft nennen —«

»Ich habe mir gelobt, das Vergangene bei dieser Entscheidung nicht zu berühren,« unterbrach er sie, stehen bleibend, mit bebender Stimme, aber offenbar entschlossen, der Sache ein Ende zu machen, »und doch zwingst du mich, auf jenen Auftritt zwischen dir und mir zurückzukommen, der nach dem Attentate im Walde erfolgte. Ich habe mir damals von meiner Braut in das Gesicht sagen lassen, daß sie mich hasse oder vielmehr verachte, weil mich ein Mißgeschick zu verhindern schien, die Berühmtheit zu werden, mit der sie sich zu verloben geglaubt hatte. Ich habe tags darauf die beispiellose Thatsache erlebt, daß sich dieser Haß mittels meiner Ernennung zum fürstlichen Hofrate sofort in die innigste Zuneigung verwandelte, und habe schweigend, mit verbissener Verachtung mein Joch weiter geschleppt, weil ich eben ‚respektabel und ehrenhaft‘ bleiben wollte. Und ich hätte auch diese abscheuliche Lüge zu Ende geführt, wären wir zwei allein die Betreffenden geblieben, wäre nur mir die Marter eines verödeten Lebens aufgebürdet gewesen. Ich möchte die drei Menschenherzen, um die es sich handelt, vor die große Schiedsrichterin, die Moral, hinstellen: das eine, das sich zu dem ‚Ja‘ am Altare nur herbeiläßt, weil es ihm zu einer lebhaft gewünschten äußeren Lebensstellung verhilft, und die beiden anderen, die sich der heiligen Mission plötzlich bewußt werden, in wahrer, inniger Liebe sich zu ergänzen, die in gleichem Schlage zu einander gehören, ob sie auch bis nach den entgegengesetzten Polen auseinander gedrängt würden —«

Ein halberstickter Schrei unterbrach ihn. »Hat sie es wirklich gewagt, das heuchlerische Geschöpf, ihre Augen zu dem Verlobten ihrer Schwester zu erheben? Sie hat dir ihre verbrecherische Liebe eingestanden?«

Er maß sie einen Moment mit flammenden Augen, in sprachlosem Zorne. »Und wenn du auch vor den schlimmsten Bezeichnungen nicht zurückschrickst, du kannst diesen fleckenlosen Mädchencharakter doch nicht verunglimpfen,« sagte er gepreßt. »Ich habe seit jenem Abschied kein Wort wieder von ihren Lippen gehört; auch in dieser Nacht nicht, wo sie endlich die Augen mit zurückkehrendem Bewußtsein wieder aufschlug. Sie ist gestern zurückgekommen und ich habe es nicht gewußt. Ich war vor dem Polterabendlärm, der selbst an jedem Krankenbett erwähnt und erörtert wurde, in meinen einsamen Garten geflüchtet — und da sah ich sie plötzlich an der Brücke stehen, eine Verbannte, die sich nicht über den Holzbogen wagte, weil mein hartes Wort sie hinausgestoßen hatte.« Er verstummte und eine dunkle Glut überströmte sein Gesicht; nun und nimmer sprach er es vor diesen Ohren aus, wie ihm mit jenem Anblick die »himmelhochjauchzende« Ueberzeugung gekommen sei, daß das weinende Mädchen dort ihn liebe.

»Ich habe sie dann, nach dem furchtbaren Ereignis, im Parke gesucht,« fuhr er fort, sich gewaltsam in eine ruhigere Redeweise zwingend; »und als ich sie vom Boden aufnahm, da sagte ich mir, daß der Tod an diesem schwachatmenden Leben nur vorübergegangen sei, damit ich doch noch glücklich werden solle. Da riß ich mich los von allen Banden des Herkommens und einer zweifelhaften Ehrenverpflichtung; ich stellte mich über das Basengeschwätz der medisierenden Welt und verzichtete auf den Ehrentitel eines ‚respektabeln‘ Heuchlers.«

Schon während seiner ganzen letzten Schilderung hatte sich Floras Haltung verändert; sie hatte verspielt — es war alles aus, und sie wäre nicht das intrigante Weib mit dem scharfen Blick und dem kalt berechnenden Geist gewesen, wenn sie sich nicht auch sofort dieser Situation zu bemächtigen gewußt hätte. Das trotzig Gespannte in ihrer Gestalt wandelte sich unter den Augen des sprechenden Mannes in die weiche Gliedergeschmeidigkeit der Katze. Mit fliegenden Händen zog sie das verschobene Morgenhäubchen über die Locke, und während sie die Spitzenbarben unter dem Kinn ineinander schlang, sah sie mit einem wahrhaft satanischen Lächeln unter den tiefgesenkten Brauen empor und sagte, alle ihre scharfen, blitzenden Zähne zeigend, mit Bezug auf seine letzten Worte: »Wie, ohne mich zu fragen, mein Herr Doktor? Nun, immerhin! Im Hinblick auf die eben gehörten naiven Geständnisse fragte ich mich, nicht ohne ein befreites Aufatmen: ‚Was hätte aus dir werden sollen an der Seite eines solchen Gefühlsschwärmers!‘ Und drum ist's gut so, ganz gut so für uns beide, wie es gekommen. Ich gebe dir dein Wort zurück, allerdings nur ungefähr so, wie man einen Vogel am Faden fliegen läßt, dessen eines Ende man fest um — den Finger wickelt.« Sie tippte, abermals scharf lächelnd, mit der feinen Fingerspitze auf den Verlobungsring an ihrer Hand. »Freie um die erste beste junge Dame der Residenz — und sei es eine meiner glühendsten Neiderinnen, wie ich ja deren genug habe — und ich will den Reifen in ihre Hand legen; nur Käthe nicht, absolut nicht! Hörst du? Und wenn du mit ihr über das Meer flüchten oder an den entlegensten Dorfkirchenaltar treten wolltest: ich würde im richtigen Moment da sein, um Einspruch zu thun.«

»Gott sei Dank, dazu hast du nicht die Macht,« sagte er totenbleich und tiefatmend.

»Meinst du? Daß du niemals nach deinem Wunsch und Sinn glücklich wirst, dafür lasse mich sorgen, Treuloser, Erbärmlicher, der ein stolzes Blumenbeet zertritt, um — eine Gänseblume zu pflücken! Du wirst von mir hören.«

Unter leisem Hohngelächter schritt sie rasch ihrem Schlafzimmer zu, dessen Thür sie hinter sich verriegelte, und fast gleichzeitig klopfte ein Lakai draußen und berief den Doktor in die Bel-Etage, weil Fräulein Henriette eben wieder von einem sehr schlimmen Brustkrampf befallen worden sei.