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Im Hause des Kommerzienrates.

Chapter 29: Kapitel 28
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About This Book

Die Erzählung schildert die Folgen, als ein alter Müllersmann seine Enkelin zur Universalerbin bestimmt und der bereits eingesetzte Vormund, der Kommerzienrat Römer, die Verwaltung übernimmt. Zwischen bäuerlicher Herkunft und bürgerlichem Vermögen entwickelt sich ein Geflecht aus Sorge, Pflicht und unterschwelligen Machtspielen: ärztliche Notfälle, häusliche Beobachtungen und das Verhalten der Dienstboten zeichnen das Alltagsbild. Intime Kranken- und Haushaltsszenen wechseln mit sozialen Spannungen, und nach und nach treten Geheimnisse, Loyalitätskonflikte und die widersprüchlichen Charakterzüge der Beteiligten zutage.

28.

Nachmittags brach der Sturm los, den die wie die Möwen um das Haus schwirrenden Gerüchte verkündigt hatten — eine Gerichtskommission erschien. Man hatte sich die feierliche Beschlagnahme seit den frühen Morgenstunden vergegenwärtigt und doch ging es wie ein erschütternder Schlag durch das ganze Haus, als die Herren unter das Portal traten. Sie kamen für alle zu früh. Noch schleppten die Bedienten die altmodischen, blinden Mahagonitische und Kommoden der Präsidentin, die Sofas und Stühle mit den verstaubten und zerschlissenen Bezügen vom Dachboden herab in den Hauptkorridor; noch standen Floras Kisten mit dem eingepackten Trousseau droben und harrten auf den säumigen Spediteurwagen; noch lag im kleinen Haus-, Wein- und Bierkeller »Trinkbares«, das man nicht mehr beiseite bringen konnte.

Die Präsidentin hatte sich stolz und vornehm in ihr Schlafzimmer zurückgezogen — sie wollte die Herren nicht sehen, aber so höflich und respektvoll dieselben auch waren, sie durften auf die Nervenzufälle der gnädigen Frau keine Rücksicht nehmen; sie mußten fragen, ob die Zimmereinrichtung ihr eigen sei, und auf das Verneinen der Dame hin bitten, einstweilen in ein leerstehendes, heizbares Entree überzusiedeln, weil das Zimmer versiegelt werden müsse. Nun wurden die alten Möbel aus dem Korridore in das kleine, freundliche Zimmer geschoben, die pensionierten Federbetten gelüftet und bezogen und unter die verschossene, braunseidene Steppdecke gesteckt, die der Präsidentin seit Jahren nicht vor die Augen gekommen war und bei deren Erblicken ein Schauder des Abscheus durch ihre Glieder flog. Die Jungfer richtete das Stübchen so wohnlich wie möglich ein; sie hatte den kleinen Mahagoniblumentisch am Fenster mit einigen aus dem Wintergarten eroberten Blattpflanzen gefüllt und manches aus dem Schlafzimmer herübergerettet, was ihrer verwöhnten Herrin besonders lieb und unentbehrlich war, aber die alte Dame sah die Bemühungen nicht — sie saß am Fenster und stierte nach dem Pavillon hinüber, dessen neuglänzendes Dach hinter der Bocage auftauchte.

Dieser gefürchtete und namenlos verhaßte »Witwensitz« war ein wahres Feenschlößchen geworden. Reiche Gardinen hinter den Spiegelscheiben; sie sah eine köstliche Spitzenkante an einem Eckfenster, welches das Ahorngeäst freiließ; es funkelte alles im Glanze der Neuheit, das spiegelglatte Parkett, die eleganten Möbel, die Deckenmalereien, die Lüsters in dem Salon; selbst die Küche war splendid und vorsorglich ausgestattet, bis auf den einfachsten Blechlöffel hinab. Dieses »Bijou« hatte ihr Eigentum sein sollen bis an ihr Ende, und sie hatte es verächtlich mit dem Fuße fortgestoßen, aus Furcht, es werde sie von der Geselligkeit im Hause des Kommerzienrates isolieren — und nun, und nun!!

Währenddem kämpfte Flora um ihre Effekten, aber alle erschöpfenden Argumente, das schließliche Berufen selbst auf das Zeugnis der Dienerschaft waren vergeblich. Fräulein Mangold möge später reklamieren, augenblicklich müsse alles Vorgefundene in Bausch und Bogen unter die Siegel — lautete die höfliche, aber sehr bestimmte Antwort. Und so ging es treppauf, treppab stundenlang. Alles, was an lebenden Blumen das Haus schmückte, wurde in die Treibhäuser gestellt; man hörte einen Zimmerschlüssel nach dem andern im Schlosse kreischen und die noch offenen Fensterladen vorlegen — es war schauerlich, wie sich so nach und nach hinter den Vollstreckern des Gesetzes her die Dunkelheit und das Schweigen in den verlassenen Ecken niederhockte. Zwischen das Treiben hinein schimpfte und fluchte die Dienerschaft nunmehr ganz offen und jammerte um den rückständigen Lohn, aber jedes schnürte sein Bündel, um das Haus zu verlassen, dessen Komfort hinter Schloß und Riegel lag, dessen Fleischtöpfe nicht mehr brodelten. Nur der Gärtner blieb und wurde in der Domestikenstube einquartiert.

Und inmitten dieser Verwirrung hob die Mädchenseele droben in der Bel-Etage die Flügel, um nach jahrelangem Kampfe den kranken Leib leise und klaglos abzustreifen.

Henriettens Zimmer blieben unberührt von dem Geräusche der Beschlagnahme — was die Sterbende umgab, war ihr Eigentum. Man bemühte sich auch, in der Bel-Etage jeden Lärm, selbst den der lauten Fußtritte, zu verhindern, und so drang nichts zu der scheidenden Seele, was sie noch einmal aufschrecken und in die irdische Misere zurückblicken machen konnte. Sie sah nur vor sich, durch das offene Fenster, in einen wahren Rosenhimmel hinein; sie sah die Schwalben mit ihren weißen Brust- und Flügelfedern wie silberne Kreuze unter den hochziehenden, rotglänzenden Abendwolken hinschießen, hastig, von dem erwachten Wandertrieb in der Brust beunruhigt. Noch gestern waren feine Rauchstreifen von der Ruine her vorübergezogen und fernes Geräusch hatte die Gedanken des kranken Mädchens immer wieder auf sich gelenkt und schmerzbewegt um die Unglücksstätte kreisen lassen, wo die berstenden Mauern zusammengestürzt waren über »dem Unvorsichtigen«, an welchem sie, bei allen seinen Schwächen, doch mit schwesterlicher Zuneigung gehangen hatte. In die jetzige feierliche Abendstunde aber, in das stille Hingehen des Tages und eines kurzen Mädchenlebens mischten sich keine Anzeichen jener Schrecknisse mehr.

Der Doktor saß an Henriettens Bett. Er sah, wie der Tod dieses Antlitz voll Geist und Bewußtsein mit rapider Schnelligkeit, Strich um Strich, schärfte und markierte; an die Fingerspitzen der Kranken klopfte der entfliehende Lebensstrom in so vereinzelten Pulsschlägen, als kehre von fern her hier und da eine Welle zurück und spüle noch einmal an das verlassene Ufer.

»Flora!« flüsterte Henriette und sah ihn mit einem sprechenden Blicke an.

»Soll sie kommen?« fragte er, sofort bereit nach ihr zu gehen.

Henriette schüttelte schwach den Kopf. »Du wirst mir nicht böse sein, wenn ich mit dir und Käthe allein bleiben möchte, bis —« Sie vollendete nicht und pflückte mit halbversagenden Fingern an dem welken, roten Weinlaub auf der Bettdecke. »Ich will es ihr ersparen und sie wird es mir Dank wissen;« — noch einmal schwebte der Anflug eines sarkastischen Lächelns schattenhaft um ihren Mund — »sie kann Rührszenen nicht leiden ... Du sollst ihr nur einen Gruß bringen, Leo.«

Der Doktor schwieg und neigte das Haupt. In seiner nächsten Nähe stand Käthe. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen — die Sterbende stützte sich ahnungslos auf Beziehungen, die nicht mehr existierten; erfuhr sie noch die Wahrheit? Ein angstvoller Seitenblick streifte das Gesicht des Doktors; es blieb vollkommen ernst und gefaßt; die Scheidende durfte durch eine unerwartet hereinbrechende Nachricht aus der schon halb und halb verlassenen Welt herüber nicht mehr aufgeschreckt werden, und zu einer Vorbereitung blieb — keine Zeit.

Henriettens Augen schweiften über den Himmel hin. »Wie köstlich klar und rosig! Ein Hineintauchen der befreiten Seele muß himmlisch sein,« flüsterte sie innig. »Ob es ein Zurückblicken gibt? Ich will ja nur Eines sehen ...« — sie wandte mühsam den Kopf in den Kissen und sah voll zum erstenmal mit dem ganzen, unverhehlten Ausdruck unaussprechlicher Liebe zu Bruck auf — »ob du glücklich wirst, Leo. Dann mag es mich fort, in Sonnenfernen tragen.« — Zu sagen: »ich muß das wissen, um selig werden zu können, weil ich dich geliebt habe mit allen Kräften, mit jeder Faser meines Herzens,« das konnte die scheu verschlossene Mädchenseele selbst in der Todesstunde nicht über sich gewinnen.

Es war, als überfliege ein verklärender Schein die gesenkte Stirn des Doktors. »Es hat sich noch alles glücklich für mich gewendet, Henriette,« sagte er bewegt. »Ich wage zu hoffen, daß ich nicht mehr einsam und verbittert durchs Leben gehen werde, oder besser: ich weiß, daß sich in der zwölften Stunde noch mein Traum von wahrer Lebensbeglückung erfüllen wird — genügt dir das, meine Schwester?« Er zog die schmale, erkaltete Hand, die er noch in der seinen hielt, an die Lippen. »Ich danke dir,« setzte er innig hinzu.

Ein Erröten, sanft rosig wie das Abendlicht draußen, kam und schwand in jähem Wechsel auf den Wangen der Sterbenden; mit einem Ausdruck von scheuem Glück streiften ihre Augen unwillkürlich die Schwester, welche, die Rechte auf Brucks Armstuhl gelegt, sichtlich bemüht war, ihren Schmerz, aber auch eine unverkennbare Bestürzung zu bemeistern. Bei diesem Anblick schmolz Henriettens Herz in Weh und Mitleid.

»Sieh meine Käthe an, Bruck!« sagte sie bittend, aber mit erlöschender Stimme und unaufhörlich von Atemnot unterbrochen. »Lasse mich's noch aussprechen, was mich immer bedrückt und geschmerzt hat! Du bist immer so kalt gegen sie gewesen — einmal sogar hart bis zur Grausamkeit — und ihr kommt doch keine gleich, keine! Leo, ich habe dein Vorurteil nie begreifen können ... Sei gut gegen sie — stehe an ihrer Seite —«

»Bis zum letzten Atemzug! Bis über den Tod hinaus!« unterbrach er sie, kaum fähig, seiner stürmischen Bewegung Herr zu werden.

»Sieh, nun ist alles gelöst! Ich weiß es, hältst du sie in treuer Hut, dann wird meine starke, meine mutige Käthe stets zwischen dir und allem Ungemach stehen —«

»Wie eine treue Schwester, die ich ihm von dieser Stunde an sein werde,« vollendete Käthe mit halberstickter Stimme.

Ein geisterhaftes Lächeln irrte um Henriettens Mund — sie schloß die Augen. Sie sah nicht, daß durch die Glieder der Starken, Mutigen Schauer liefen, als schüttle sie das Fieber — sie sah nicht, daß sie Brucks dargebotene Rechte mit weggewendetem Gesicht von sich schob, als sei selbst ein Händedruck nicht statthaft. Das Lächeln erlosch und aus der Brust der Sterbenden rang sich ein röchelnder Laut. »Grüßet die Großmama! — Nun möchte ich Ruhe haben — schaffe mir Ruhe um jeden Preis, Leo!« hauchte sie angstvoll.

»In zehn Minuten wirst du schlafen, Henriette,« sagte er in tiefen, beruhigenden Tönen. Er legte ihre Hand auf die Bettdecke zurück, und sich erhebend, schob er seinen Arm sanft und unmerklich unter das Kopfkissen — so lag sie wie ein Kind an seiner Brust — seliges Sterben!

Und nach zehn Minuten schlief sie. Die hereinnickenden Weinblätter wehten leise, als streife sanfte Berührung an ihnen hin, und das Rosenlicht draußen, in das zu tauchen die Seele sich gesehnt hatte, erglühte plötzlich wie angefacht zum tiefsten Purpur. Und der kleine, kirre Vogel ließ sich wie immer zum Abendgruß auf dem Fenstersims nieder; er zwitscherte leise herein, nach dem wachsweißen Mädchengesicht hin — zum letztenmal; denn nun wurde auch dieser Fensterladen geschlossen, bis — fremde Hände kamen und Besitz ergriffen vom Hause des Kommerzienrates.

Da kam die Präsidentin herein, gebeugt, als habe ihr das so lange nachschleichende Alter nunmehr mit doppelter Wucht einen Stoß in das Genick versetzt. Die weiße Schleierwolke lag wieder um Kinn und Hals; sie hatte die schwarze Krepphaube fortgeschleudert — um einen Schurken trauere man nicht, hatte sie gesagt. Sie trat an das Bett, und ein leichter Krampf machte ihre Lippen beben, als sie in das stille Totengesicht sah. »Ihr ist wohl,« sagte sie mit brechender Stimme. »Sie hat das bessere Teil erwählt; nun braucht sie nicht in die Verbannung zu gehen — der bittere, bittere Kampf mit der Armut ist ihr erspart geblieben.«

Flora aber kam und ging wortlos. Die zwei treuen Wächter am Totenbette existierten nicht für sie. Sie küßte die heimgegangene Schwester auf die Stirn, dann schritt sie, den Kopf in den Nacken zurückgeworfen, wieder nach der Thür, durch die sie gekommen. Wohl wurzelte ihr Fuß auf der Schwelle, aber sie wandte weder die Augen noch den Kopf nach der Richtung, wo der Doktor stand und mit ernster, feierlicher Stimme die Grüße der Toten bestellte. Sie neigte unmerklich das Haupt, zum Zeichen, daß sie den Ausdruck des letzten Gedankens in Empfang genommen, und ging mit rauschender Schleppe weiter, die Treppe hinab, um drunten Hut und Regenmantel anzulegen und nach dem nächstgelegenen Hotel zu gehen, in welchem sie Zimmer für sich und die Präsidentin gemietet hatte; unter dem Dache des Verbrechers durfte kein Glied der Familie Mangold mehr schlafen, selbst die Tote nicht.

Und als man auch sie nach hereingebrochener Dunkelheit fortgetragen hatte in die große Halle, wo sie alle im letzten Schmuck und blumenüberschüttet auf das Oeffnen der letzten Pforte warten, da wurde auch in der Bel-Etage die letzte Zimmerthür verschlossen, und der Doktor und Käthe stiegen die Treppe herab. Wie schollen ihre Schritte durch das schweigende, verlassene Haus! Wie gespenstisch schlich der Schein der Lampe, die der Gärtner vor ihnen hertrug, über die einsamen Wände des Treppenhauses und der Korridore, an denen Tag für Tag die Fluten des üppigsten Lebens, die übermütigen Zeugen der goldgleißenden Schwindelepoche hinweggerauscht waren.

Die weiche Nachtluft, welche die Fortgehenden umfloß, legte sich wie Balsam auf Käthes heiße, verweinte Augen. Ein sternfunkelnder Himmel breitete sich über den schweigenden Park hin; man konnte die einzelnen Baumgruppen unterscheiden und der Teichspiegel glomm schwach herüber wie mattes Silber durch schwarzes Schleiergewebe. Das Sandgeröll wich knirschend unter den Tritten und von fern her tosten die über das Wehr stürzenden Wasser, aber kein Blatt an den Wipfeln und Büschen regte sich — es war so lautlos still wie droben im Sterbezimmer, wo man während der letzten Stunden nur flüsternd das Notwendige beredet hatte. Und deshalb schrak auch Käthe jetzt so zusammen und brach fast in die Kniee, als der Doktor mit seiner tiefen, vollen Stimme das Schweigen unterbrach. Sie hatten gerade das tiefdunkle Laubthor der Allee vor sich, und da blieb er stehen.

»Ich verlasse in wenigen Tagen die Residenz, und so wie ich Sie kenne, werden Sie bis dahin weder zu meiner Tante kommen, noch mir gestatten, die Mühle zu betreten,« sagte er — eine unsägliche Beklommenheit und Spannung lag in diesen Tönen. »Ich muß mir also sagen, daß wir zum letztenmal nebeneinander gehen — das heißt für jetzt —«

»Für immer!« unterbrach sie ihn tonlos, aber fest.

»Nein, Käthe!« sagte er entschieden. »Eine Trennung für immer wäre es allerdings, wenn ich das, was Sie vor wenigen Stunden ausgesprochen haben, für unverbrüchlich halten müßte, denn — eine Schwester will ich nicht ... Glauben Sie, ein Mann werde sich zeitlebens da mit wohlgemeinten schwesterlichen Briefen begnügen, wo er nach dem lebendigen Worte von geliebten Lippen dürstet? ... Aber nein, das wollte ich ja heute nicht sagen. Die Selbstsucht reißt mich hin, Sie in einem Augenblicke zu bestürmen, wo Sie eine so bittere Schmerzenslast zu tragen haben. Nur über eines muß ich mich noch aussprechen. Sie haben heute nachmittag eine Begegnung in dem Zimmer gehabt, aus welchem Sie mir in der heftigsten Gemütsbewegung entgegentraten. Man hat Ihnen mitgeteilt, was geschehen ist, und dabei ist selbstverständlich der ganze mißliche Anschein, den eine solche gewaltsame Lösung stets gewinnt, auf mich allein gefallen — ich sah das an Ihren Mienen, und später, als Sie sich gegen eine innigere Beziehung verwahrten, indem Sie Henriette zuliebe mir eine Schwester sein wollten, da hörte ich auch, daß böse Einflüsterungen Macht über Sie gewonnen hatten! — Gott sei Dank, nicht für immer! Ich weiß es — Ihr klarer, kluger Blick mag sich vielleicht momentan trüben, aber er wird sich nicht hartnäckig verschließen. Käthe, ich war neulich, an dem schreckensvollen Nachmittage, in meinem Garten; ich stand hinter dem Ufergebüsche, und drüben legte ein Mädchen die Stirn an einen Baumstamm und weinte bitterlich.«

Käthe machte eine Bewegung, als wolle sie in die Allee hineinfliehen, allein schon hatte Bruck ihre Hand gefaßt und hielt sie mit festem Drucke. »Ich sah das Mädchen leibhaftig vor mir stehen, das ich eben in Gedanken voll Sehnsucht in meinen Armen gehalten und an das Herz gedrückt hatte; ich war eben in dem letzten der Kämpfe, die ich monatelang durchlitten, Sieger geblieben, das heißt ich hatte falsche Ansichten von mir geschüttelt und mir gesagt, daß ich ein Meineidiger sei, wenn ich, die unbezwingliche Leidenschaft im Herzen, eine verhaßte Ehe eingehe. Und da sah ich die Heimgekehrte stehen — und ich jauchzte, denn ihre weinenden Augen suchten nicht die Fenster der Tante —« Er schwieg und zog ihre Hand an seine Lippen, und sie lehnte an der nächsten Linde, unfähig, auch nur einen Laut herauszubringen.

»Ich darf der, die meine Braut gewesen ist, keinen Vorwurf machen; ich trage die Schuld, daß es zu einem solchen Eklat kommen mußte, ich, der ich, um der Welt willen, schwach genug war, nicht schon in dem Augenblicke zurückzutreten, wo ich unter tödlicher Bestürzung erkannte, daß ich eine hinreißend schöne Form gewählt habe, deren vermeintlich reicher Inhalt unter den prüfenden Augen zu Nichtigkeiten zerbröckelte — und das geschah schon in den ersten Wochen nach meiner Verlobung.«

Nein, es waren keine Nichtigkeiten, was »die hinreißend schöne Form« umschloß, es war ein Frauencharakter voll teuflischer Bosheit. Flora hatte um Brucks Liebe für sie gewußt, jedenfalls durch sein eigenes Geständnis — welch eine niederträchtige Intrigue! Die Betrogene hatte den Ring in der Tasche; sie hatte ihn um jeden Preis erkauft; sie hatte selbst jeden listigen Einwurf der ränkevollen Schwester bekämpft und ihr Wort verpfändet, sogar auf die Möglichkeit hin, daß Bruck ihre Hand begehren könne. Die Augen des jungen Mädchens irrten verzweiflungsvoll über den gestirnten Himmel. Sie wußte, Flora gab ihr das Wort nicht zurück, und wenn sie sich in qualvoller Bitte zu ihren Füßen die Kniee wund rieb; sie wußte, daß sie und Bruck in den Augen aller verfemt sein würden; denn niemand hatte einen vorurteilslosen Einblick in die Sachlage. Es bedurfte nicht einmal Floras glänzender Beredsamkeit, die Welt zu überzeugen, daß sie die Hintergangene sei, der die jüngere Schwester den Verlobten weggelockt habe, und daß Flora diese Beleuchtung wählen werde, das stand fest wie der Himmel da droben. Wie sie flimmerten, die kreisenden Sternbilder! Auf welchen dieser goldenen Himmelsfunken hatten die rosig durchhauchten Abendlüfte den erlösten Geist der Schwester getragen? Sah sie jetzt zurück? Sah sie, wie das Glück des geliebten Mannes in Trümmer ging?

»Sie sind so still, Käthe. In Ihrer Seelenhoheit weisen Sie mich schweigend in die Schranken; ich hätte heute nicht sprechen sollen,« hob er wieder an. »So will ich auch jetzt nicht weiter in Sie dringen. Ich verhehle mir nicht, daß meine Bitten und Wünsche mit schweren Bedenken in Ihrer Seele kämpfen müssen; denn sonst wären Sie nicht die peinlich gerechte, die ehrliche Käthe, die Sie sind, aber ich werde mein ersehntes Ziel erreichen, ohne daß ich zur stürmischen Ueberredung greifen muß — das weiß ich auch. Ich lasse Ihnen Zeit zur Prüfung und zur Ueberwindung des tiefen Schmerzes, der Sie jetzt erfüllt und in allem, was Sie denken und fühlen, mitspricht. Ich gehe jetzt unbeglückt, aber — ich komme wieder. Und nun wollen wir nach der Mühle gehen. Geben Sie mir getrost Ihren Arm! Ein Bruder kann seine Schwester nicht selbstloser führen, als ich in diesem Augenblicke an Ihrer Seite gehe. Sie könnten sich ebenso ruhig mir und meiner Tante anschließen, wenn wir unsere Reise nach L.....g antreten.«

»Ich kehre nicht nach Sachsen zurück,« sagte sie. Sie hatte ihre Hand auf seinen Arm gelegt, und nun durchschritten sie die Allee. Ein Gefühl von tödlicher Erstarrung durchschlich die Glieder des Mädchens, und es war, als krieche es auch lähmend an das wildklopfende Herz und hauche die Stimme an, die so fremd, so hart und klanglos aus der Brust kam. »Ich habe schon bei meiner letzten Anwesenheit in Dresden gefühlt, daß mir, so wie es jetzt in meinem Innern aussieht, mit dem ausschließlichen Versenken in das Sprachstudium und die Musik, mit der Besorgung kleiner Hausgeschäfte und dergleichen nicht geholfen ist — ich muß einen Wirkungskreis haben, der tüchtige, anstrengende Arbeit Tag für Tag von mir fordert. Bis vor wenigen Tagen noch zögerte ich, dieses Vorhaben auszusprechen; denn ich wußte, daß das erste Wort eine Reihe von Kämpfen mit meinem Vormunde einleiten würde — der ‚Goldfisch‘ hatte ja bereits seinen Beruf, den, mit tadellosem Schick seine Revenüen zu verbrauchen. Das ist nun alles aus. Der gefürchtete Geldschrank existiert nicht mehr, oder eigentlich, sein papierener Inhalt ist schon wertlos gewesen, ehe er zertrümmert in die Luft geschleudert wurde — das ist mir zur unumstößlichen Gewißheit geworden, seit mir Nanni heute nachmittag zuflüsterte, daß man drunten versiegele. Nicht wahr, meine vielen Hunderttausende existieren nicht mehr?«

»Ich glaube schwerlich, daß sich etwas retten läßt —«

»Aber meine Mühle habe ich noch — und da will ich bleiben. Vielleicht erregt es Ihre ernstliche Mißbilligung, wenn ich Ihnen sage, daß ich von nun an mein Eigentum selbst verwalten will; denn es sieht nach Emanzipation aus, wenn ein junges Mädchen als Inhaberin einer Firma selbständig hervortritt.«

»So falsch urteile ich nicht; ich befürworte sogar warm diese Art von Selbständigkeit der Frauen; ich weiß auch, daß Sie mit Ihrer Kraft und Energie sofort im richtigen Fahrwasser sein würden, aber das ist nicht Ihre Bestimmung, Käthe. Sie sind berufen, ein Familienglück zu begründen, nicht aber, den Kopf voll Zahlen und Berechnungen, ‚Tag für Tag‘, einsam am Geschäftspulte zu stehen. Fangen Sie lieber gar nicht an! Denn eines Tages wird man Sie wegholen und nicht danach fragen, wo Sie in den Büchern gerade mit Ihrem Soll und Haben stehen, und das könnte eine schlimme Verwirrung geben.«

Wäre nur ein einziger intensiv beleuchtender Strahl des Sternenlichtes in das Dunkle der Allee gefallen, dann hätte der Sprechende schon von diesem Augenblicke an das Mädchen nicht mehr von seiner Seite gelassen — eine so trostlose Verzweiflung malte sich in ihren Zügen —, er würde sie in seine Hut genommen und nicht gezögert haben, der eigentlichen Spur nachzugehen, die den Widerstand erklärte. So aber deckte die Finsternis den entsetzlichen Seelenkampf, der da neben ihm, ohne Laut, ohne auch nur einen verräterischen Seufzer, durchstritten wurde, und er führte die Entmutigung und Niedergeschlagenheit, die ihre Stimme so dumpf und eintönig machten, auf das Trennungsweh, auf die tiefe Erschütterung zurück, die der Anblick eines Sterbenden hinterläßt.

Hier und da sprang ein Kiesel mit leichtem Rasseln unter den Füßen der Weiterschreitenden auf und das Wellengeräusch des nahen Flusses scholl stark in das augenblickliche Schweigen hinein, das auf die letzten Worte des Doktors gefolgt war. Die Linden der Allee traten zurück; der Nachthimmel breitete sich droben wieder hin und in sein Flimmern hinein stiegen dort die zwei schlanken italienischen Pappeln, welche die Holzbrücke flankierten.

Bei diesem Anblicke drückte der Doktor unwillkürlich den Arm des jungen Mädchens an sich. »Dort, Käthe!« flüsterte er innig, »dort haben Sie stets die ersten Veilchen gesucht; ich habe Ihnen versprochen, daß Sie das immer dürften, und ich kann Wort halten — ich werde meine Osterferien stets hier verleben.«

Käthe preßte die geballte Rechte auf die Brust; sie glaubte ersticken zu müssen an dem heftigen Schlagen ihres Herzens, und doch fragte sie nach einer kurzen Pause anscheinend gelassen: »Die Frau Diakonus wird Sie nach L.....g begleiten?«

»Ja, sie will meinem Hauswesen vorstehen, solange ich noch allein sein werde. Sie bringt mir ein großes Opfer und wird Gott danken, wenn sie den Staub der großen Stadt wieder von den Füßen schütteln und in ihr geliebtes grünes Heim hierher zurückkehren darf. Ich weiß, das edle, brave Herz, um das ich werbe, wird sie nicht allzu lange auf die Ablösung von ihrem Posten warten lassen,« setzte er mit weicher, bittender Stimme hinzu. Ein Licht in der Mühle tauchte vor ihnen auf. Dort hatten sie heute den Müller Franz hinausgetragen. Der Verunglückte hinterließ eine Witwe und drei Waisen. Das Dach, das sie noch beschützte, gehörte ihnen nicht, und das, was der fleißige Mann erarbeitet und gespart hatte, genügte nicht zu ihrem Unterhalte. Suse war heute für einen Moment in der Villa gewesen, um nach ihrer Herrin zu sehen. Sie hatte Käthe die Verzweiflung der Hinterlassenen als herzzerreißend geschildert und dabei den Wirrwarr bejammert, in den »das herrenlose Geschäft« mit jeder Stunde tiefer gerate.

Das Bogenfenster der Familienstube im Erdgeschoß, das nach dem Park hinausging, war dunkel. Schwarz und ungestalt ragte der Gebäudekomplex der Mühle in die Luft; sie lag so einsam, so weltverlassen da; das Gebell der Hofhunde, die beim Geräusch der näherkommenden Schritte anschlugen, klang verloren wie in eine öde, endlose Weite hinein. Die Räderarbeit schwieg, und der Mühlenraum stand so leer, so feierlich unbelebt, als hätte seit dem Erkalten der freudig hier schaffenden Menschenhand ein geschäftiges Heinzelmännchen nach dem andern die Kappe über das vergrämte Gesicht gezogen und sich davongeschlichen.

Der Doktor zog das junge Mädchen näher an sich, ehe er die Mauerpforte öffnete. »Mir ist, als führte ich Sie in die Verbannung,« sagte er zögernd und gepreßt, »Sie sollten mir den Schmerz nicht machen, Sie gerade heute in diesen dunkeln schweren Stunden allein zu wissen. Kommen Sie mit mir! Die Tante wäre überglücklich, Sie aufnehmen und mütterlich verpflegen zu dürfen.«

»Nein, nein!« stieß sie hastig heraus. »Glauben Sie ja nicht, daß ich mich nutzlosem Jammer leidenschaftlich hingebe, wenn ich allein bin — ich habe nicht einmal Zeit dazu, und ich will auch nicht. Ich muß dort« — sie zeigte nach dem Bogenfenster, wo jetzt hinter dem Kattunvorhange ein matter Lampenschein aufdämmerte — »sofort als Trösterin eintreten. Die vier armen Menschen sind auf meine Kraft, meinen Beistand angewiesen.«

»Liebe, liebe Käthe!« sagte er und zog mit beiden Händen ihre Rechte gegen seine Brust. »So gehen Sie denn in Gottes Namen! Ich würde es für eine schwere Sünde halten, Sie zu beirren, die Sie so tapfer den harten, aber unfehlbaren Weg zur Ueberwindung unfruchtbaren Schmerzes wählen. Seien Sie aber in der ersten Zeit nicht ebenso streng gegen sich als Rekonvaleszentin! Tragen Sie die schützende Binde noch einige Tage auf der verheilenden Wunde, dann fort damit! Und nun: zu Ostern, wenn die letzten Winternebel fliehen, wenn Schnee und Eis tauen, dann gehen auch die Menschenherzen auf; zu Ostern, da komme ich wieder. Bis dahin gedenken Sie eines Fernen, eines sehnsüchtig Harrenden, und lassen Sie Verleumdung und Mißtrauen nicht zwischen uns treten!«

»Nie!« Dieses eine Wort brach fast wie ein Aufschrei aus ihrer Brust. Sie entzog ihm die Hand, die er an seine Lippen preßte; dann rasselte die Mauerthür hinter ihr zu. Sie that keinen Schritt vorwärts; an die kalte, feuchte Mauer gedrückt und das Gesicht in den Händen vergraben, horchte sie atemlos auf seine verhallenden Tritte. Was war Henriettens Sterben gewesen gegen die Qualen ihres wildschlagenden Herzens, das weiterleben mußte! Sie lauschte, bis die weiche Nachtluft lautlos an ihr vorüberstrich; dann ging sie starren, thränenlosen Auges in das Haus, um ihre Mission als Trösterin und Versorgerin zu beginnen.

Drei Tage später, sofort nach Henriettens Beerdigung, verließen Doktor Bruck und die Tante Diakonus die Residenz. Ihn hatte Käthe nicht wieder gesehen, aber die Tante war wiederholt stundenlang bei ihr gewesen. An demselben Tage reiste auch Flora in Begleitung der Präsidentin ab. Die alte Dame begab sich in ein stärkendes Bad und Flora ging nach Zürich, wo sie, wie man sich in der Residenz erzählte, behufs medizinischer Studien eine Zeitlang leben wollte.

29.

Mehr als ein Jahr war vergangen seit jenem Märztage, wo Käthe Mangold, die Enkelin und einzige Erbin des reichen Schloßmüllers, auf dem Fahrwege von der Stadt her geschritten war, um sich im Hause ihres Vormundes in ihrer neuen Eigenschaft als »Goldfisch« vorzustellen.

Wer jetzt, von der mit eleganten Villen besetzten Chaussee abbiegend, diesen Weg betrat, der sah rechts, und zwar ebenfalls an der Chausseelinie hin, eine Reihe hübscher kleiner Häuser liegen; sie gehörte den Arbeitern der Spinnerei und stand im ehemaligen Mühlengarten, auf dem Grund und Boden, den Käthe ihrem Vormund für die Leute abgetrotzt hatte. Und die Bewohner der Residenz gingen so gern da vorüber. Früher hatte sich hier die alte, dicke, das Mühlengrundstück begrenzende Mauer aufgetürmt — in ihrem tiefen Schatten war der Fußsteig selten trocken geworden; er war als grundlos verrufen gewesen. Nun dehnte sich hier plötzlich eine anmutige, mit Kugelakazien bepflanzte Promenade hin. Die kleinen Häuser sahen so nett und holländisch sauber aus mit ihrem fleckenlosen Oelanstriche, der luftigen Veranda neben der Hausthür und dem schmalen Vorgarten, der schon im Herbst mit allerlei Reisern schönblühender Gebüsche besetzt worden war.

Die Schloßmühle lag hinter ihnen, altersdunkel, stolz in ihrer Ehrwürdigkeit, aber auch abgewendet mit ihren Fenstern, als zürne sie, daß man ihrem grünen Gartenmantel diesen modernen Saum angeflickt habe. Sie selbst hatte sich keiner Veränderung unterworfen; nur die alte, halbverwischte Sonnenuhr war aufgefrischt und die kleine Thür nach dem anstoßenden Parke zugemauert worden. Die Schloßmühle stand in keiner Beziehung mehr zu dem ehemaligen Besitz der verblichenen Ritter von Baumgarten, die ihr vorzeiten den herrschaftlich klingenden Titel verliehen hatten. Aber der tosende Lärm, das klopfende Herz in dem ehrwürdigen Bau des Mittelalters klang in verjüngter, erhöhter Kraft, und der in den Mühlhof mündende Fuhrweg war befahrener als je; das »herrenlose Geschäft« ruhte in starker, sicherer Hand und wurde mit klugem Blicke geleitet. Käthe hatte Glück gehabt bei ihrem Unternehmen. Sie hatte für die Mühle einen braven, sachkundigen Geschäftsführer gefunden und in der Buchführung stand ihr der gänzlich verarmte Kaufmann Lenz zur Seite.

Als Lehrling war sie in dem Comptoir eingetreten, das sie in der Mühle geschaffen, aber bei ihren bedeutenden Schulkenntnissen, ihrem scharfen, klaren Urteil und Ueberblick war sie ihrem Lehrer und Meister binnen kurzem ebenbürtig geworden. Sie arbeitete in der That »Tag für Tag« wie ein Mann — das Geschäft wuchs und erweiterte sich in rapider Weise und zeigte sehr bald Erfolge, wie sie selbst der Schloßmüller nicht errungen hatte. Und das, was sie auf ihrem selbstgewählten rauhen Lebenswege stärkte und ermutigte, waren die zufriedenen Gesichter um sie her; es war jedes an seinem Platze. Sie hatte die Witwe des verunglückten Franz mit ihren Kindern bei sich behalten und ihr ein Asyl in einem neu hergerichteten, kleinen Seitengebäude der Mühle für zeitlebens angewiesen. Die Frau besorgte mit Suse zusammen nach wie vor die kleine zur Mühle gehörige Oekonomie und das Hauswesen, und die Kinder erhielten eine Ausbildung, wie sie ihr verstorbener Vater, der mehr auf die materiellen Errungenschaften bedacht gewesen war, sicher nie bewerkstelligt hätte.

Von der großen Hinterlassenschaft des Schloßmüllers war Käthe in der That nichts verblieben als die Mühle und einige tausend Thaler, die sie mit dem Stück Gartenboden zugleich von ihrem Vormunde erbeten und erpreßt und den Arbeitern zu ihrem Häuserbau geliehen hatte. Die vielen Hunderttausende waren in den Flammen spurlos verschwunden, und das wenige Gold und Silber, das man geschmolzen später unter Schutt und Trümmern fand, rührte wohl eher von Eßgerät und Trinkbechern her als von Münzen. Bei dem auf die Explosion folgenden geschäftlichen Zusammensturze kamen viele Gläubiger, trotz der vorhandenen Liegenschaften und Wertobjekte, um ihr Geld; der Konkurs erwies sich als einer der schlimmsten, hoffnungslosesten, die der große Krach hinter sich herschleppte. Villa und Park waren wieder in altadelige Hände gekommen, und der neue Besitzer ließ schleunigst die Turmtrümmer forträumen, das Wasser in den Fluß zurückleiten und den Graben zufüllen; selbst der geborstene Hügel wurde der Erde gleichgemacht, »auf daß der ehemals ritterliche Grund und Boden durch nichts mehr an die Zeit erinnere, wo sich der Uebermut eines Parvenü hier breit gemacht und ein schmachvolles Ende genommen habe«. Auch der alte, ehrwürdige Holzbogen, der nach dem Hause am Flusse führte, war abgebrochen worden. Man ging jetzt über die der Spinnerei nahe gelegene Steinbrücke und einen hübschen Fußweg am jenseitigen Ufer entlang, wenn man nach dem Doktorhaus kommen wollte.

Das Haus, welches im Spätherbste noch vollständig restauriert worden war, stand unbewohnt; die alte Freundin der Tante Diakonus war den Winter über in der ehemaligen Stadtwohnung des Doktors verblieben und wollte erst mit Beginn der schönen Jahreszeit wieder herausziehen .... Dorthin wanderte Käthe fast jeden Tag. Ob die Herbstnebel dampften und Weg und Steg von Nässe triefen mochten, ob die Schneeflocken stöberten oder der Wind eisig von Norden herblies: sowie die Abenddämmerung hereinbrach, warf Käthe die Feder fort, hüllte sich warm ein und huschte hinaus ins Freie ....

Da schüttelte sie die Zahlenlast, das starre, trockene Geschäftswesen, unter welchem sie ihr heißes, klagendes Herz geflissentlich vergrub, für eine halbe Stunde ab; dann war sie nicht die ernste, geschäftspünktliche Herrin, deren achtsamem Auge nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entging, die an sich und ihre eigenen Leistungen die höchste Forderung stellte und in weiser Verteilung von Lob und Rüge dasselbe bei ihren Untergebenen zu erzielen wußte, ohne daß je ein hartes Wort von ihren Lippen, ein heftig zürnender Blick aus ihrem Auge kam — sie war in diesen Dämmerstunden nur das junge Mädchen, das seiner tiefen Sehnsucht Raum gab, das, bei aller Härte und Strenge gegen seine unbezwingliche Neigung, sich doch Momente der wehmütigen Träumerei, die Hingabe an den Schmerz zugestand.

Dann trat sie durch die schmale, knarrende Staketthür, die ins Feld hinausführte und auf welche sie, Henriette auf den Armen, nach dem Attentat im Walde todesermattet zugeschritten war. Im Vorübergehen strich sie stets mit schmeichelnder Hand über das grünangelaufene Steinpostament inmitten des Rasengrundes, neben welchem sie einmal mit Bruck gestanden und suchte dann die Stelle auf, wo der Gartentisch postiert gewesen war — dort hatte Bruck um ihretwillen schwer gelitten — das wußte sie nun. Sie umging das einsame Haus mit seinen verrammelten Fensterläden, seinen neuen, ungeheizten Schlöten und schnarrenden Wetterfahnen und stieg die schlüpfrigen, winternassen Stufen hinauf, um das Ohr an das Schlüsselloch der Hausthür zu legen. Jenes schwache, scheinbare Seufzen, das der von dem geöffneten Bodenraum herabkommende Zugwind verursachte, schlich durch die weite Hausflur; neben und über der Thür rasselten dürre Weinranken, und manchmal flog noch ein verspäteter Spatz unter den Dachvorsprung — das war alles Leben, welches sich in der Verlassenheit regte, und doch horchte das junge Mädchen begierig darauf; es war doch nicht Grabesstille, und das Recht, diese Thür wieder zu öffnen, lag ja noch in geliebten Händen, und eines Tages wurden auch wieder Schritte laut da drinnen, und liebe Gesichter sahen zu den Fenstern heraus — das war ja alles festgestellt, wenn Käthe sich auch dabei sagen mußte, daß sie selbst dann stets verreisen werde, bis — Bruck einmal ein weibliches Wesen am Arme führte, in dessen Hand sie den Ring legen durfte.

Er mochte wohl vielumworben sein in L.....g. Der Ruf seines Namens wuchs von Tag zu Tag; eine große, auserwählte Zuhörerschaft drängte sich zu seinen Vorlesungen, und die Nachricht von verschiedenen glücklichen Kuren, denen er hervorragende Persönlichkeiten unterworfen hatte, machte die Runde durch die Welt. Die Briefe der Tante Diakonus an Käthe — sie schrieb ihr sehr oft — atmeten Glück und Seligkeit; sie waren für das junge Mädchen eine Quelle des Genusses, aber auch furchtbarer, neuaufgerüttelter Seelenkämpfe, und deshalb antwortete sie ziemlich sparsam und zurückhaltend. Der Doktor selbst schrieb nicht — er hielt streng an seinem Versprechen fest, sie nie zu bestürmen — und begnügte sich stets mit einem Gruße, den sie freundlich und pünktlich erwiderte.

So verlief ihr junges, einsames Leben Tag für Tag. Sie ahnte nicht, daß man sich in der Stadt viel mit ihr beschäftigte, daß sie jetzt, nach ihrer energisch durchgesetzten Mündigsprechung, wo sie sich so resolut und willensstark an die Spitze ihres Etablissements gestellt, weit mehr das Interesse und die Beachtung herausfordere als früher durch ihren unliebsamen Goldfischtitel .... Dieser ausgezeichnete Leumund führte denn auch sehr oft einen Besuch in die Schloßmühle, den sie das erste Mal mit unverhohlenem Erstaunen begrüßte. Die Frau Präsidentin Urach verschmähte es durchaus nicht mehr, auf ihren Spaziergängen mit der ihr treu gebliebenen Jungfer in der Mühle einzukehren, um, »wie es ihre Pflicht gegen ihren verstorbenen teuren Schwiegersohn erheische, nach seiner Jüngsten zu sehen«.

Die alte Dame war schon einige Wochen nach ihrer Abreise in die Residenz zurückgekehrt; sie hatte es draußen »nicht ausgehalten«. In einer engen Straße ein paar kleine, hochgelegene Zimmer bewohnend, lebte sie, ihren kargen Mitteln gemäß, zurückgezogen und halbvergessen von der Welt. Der Medizinalrat von Bär hatte sich ein Landgut gekauft und der Residenz grollend den Rücken gekehrt — er war für sie verschollen, und von den übrigen Freunden besuchten sie nur noch einige Altersgenossinnen und der pensionierte Oberst von Giese, die manchmal zu einem Spielchen bei ihr zusammenkamen.

Sie fühlte sich mit einemmal so wohl »in der großen, weiten Schloßmühlenstube, in der man so recht aufatmen könne«; sie ließ sich, ermüdet von dem zurückgelegten Weg und behaglich in das altmodische, federngepolsterte Kanapee des seligen Schoßmüllers gedrückt, den delikaten Kaffee vortrefflich schmecken, den Käthe stets sofort auf der Maschine bereitete, und protestierte durchaus nicht, wenn Suse, auf den Wink ihrer jungen Herrin hin, einen schweren Korb voll frischer Butter, Eier und Schinken an den Arm der Jungfer hing.

Auf Flora war sie nicht gut zu sprechen. Die Enkelin, die im vollen Besitze ihres Vermögens geblieben, bezahlte zwar die Mietwohnung für ihre Großmama und trug auch die Kosten für die Bedienung; alles übrige verbrauchte sie aber für sich selbst und konnte kaum auskommen, wie sie wiederholt brieflich versicherte. Zürich hatte sie sehr bald wieder verlassen — das »grause« ärztliche Studium irritierte ihr die Nerven »bis zum Wahnsinnigwerden«. Sie war eben eine jener geistigen Koketten, die um jeden Preis eine Rolle spielen und Aufsehen machen wollen, die sich gern den Anschein grübelnden Denkens und tiefgehender Kenntnisse geben, vor nichts aber mehr zurückschrecken als vor der ernsten, harten Geistesarbeit.

Nun war die Osterzeit herangekommen. Schon seit mehreren Wochen wurde im Garten des Doktorhauses unermüdlich gearbeitet. Der Doktor hatte einen Gärtner aus L.....g geschickt; der steckte neue Wege ab oder suchte vielmehr die Spuren des alten, sehr hübschen Gartenplanes wieder auf und gab den Anlagen die frühere Gestalt zurück. Viele Hände waren beschäftigt, zu graben und zu pflanzen, und Plätze wurden vorgerichtet, wo einige Statuen aufgestellt werden sollten, die aus L.....g gekommen waren, und noch verpackt in der Hausflur standen. Am Hause waren schon seit vierzehn Tagen alle Läden geöffnet; die Zimmer wurden tapeziert und mit neuem Firnisanstriche versehen, und auf den First war sogar eine Fahnenstange gekommen. Dann zog die Freundin der Tante wieder ein und brachte eine Schar Tagelöhnerinnen mit, die das Haus vom Dachboden bis zum Keller spiegelblank machten.

Käthe hatte ihre Spaziergänge nicht unterbrochen. Auch heute, am heiligen Abend vor dem Osterfeste, war sie in der Mittagsstunde noch einmal drüben gewesen. Im Garten wurde noch immer gepflanzt und gesät, aber die alten Taxusgruppen, die früher als undurchdringliche, buschige und struppige Wildnis das Terrain verunstaltet und verdüstert hatten, standen gesäubert und in die ehemaligen Schranken zurückgewiesen, und aus ihrem dunkeln Grün traten leuchtend und anmutig die neuen Sandsteinfiguren. Auf den Wegwindungen, welche die Hecken durchschnitten, lag in tadelloser Glätte heller Sand; an die Stelle der knarrenden Holzthür im Zaune war ein feines schwarzes Eisengitter getreten; die Laube der Tante Diakonus stand weiß angestrichen, und hinter dem Hause umschloß ein Plankenzaun den neuen Hühnerhof.

Und auf dem wohlbekannten Steinpostamente vor dem Hause hob sich eine Terpsichore, die Arme in graziösem Schwunge emporgestreckt, auf der äußersten Spitze ihres zarten Füßchens, genau so, wie sich Käthe die längst zertrümmerte Gestalt auf dem schmalen Fußreste wieder aufgebaut hatte.

»Die Statue ist sehr hübsch,« sagte der fremde Gärtner achselzuckend; »sie müßte nur auf einem eleganteren Grunde stehen. Der Rasen« — er zeigte über den Grasplatz hin — »ist verwildert und nichts nutz, aber der Herr Professor hat mir streng verboten, den Spaten da anzusetzen.« — Käthe bückte sich, helle Glut auf den Wangen, und pflückte die ersten Veilchen, die sich im Schutze des Postamentes bereits voll und köstlich duftend entfaltet hatten. »Ja, der Rasen starrt von Unkraut,« setzte der Gärtner über die Schulter hinzu und ging weiter.

Und das Haus — jetzt in der That ein Schlößchen — stand heute da, glänzend in Frische und Neuheit und so festlich und feierlich geschmückt, »als ob eine Braut einziehen sollte«, sagte die alte Freundin ahnungslos lächelnd zu Käthe. Das schneeweiße Kätzchen kam über den neuen Mosaikfußboden der Flur leise gegangen; im Zimmer der Tante Diakonus, hinter den Filetgardinen und umringt von den in der Stadt überwinterten Lorbeer- und Gummibäumen, schmetterte der Kanarienvogel aus voller, trillernder Kehle, und die Goldfischchen schwammen munter in der Glasschale — da war ja auch schon das gewohnte Leben und Treiben wieder eingekehrt, und die Tante Diakonus selbst sollte mit dem Nachmittagszuge eintreffen. Sie bringe auch einen Gast mit, hatte die alte Freundin, geheimnisvoll mit den Augen blinzelnd, gemeint; wen, das wisse sie nicht; sie habe nur den Auftrag erhalten, das Fremdenzimmer mit hübschen, neuen Möbeln zu versehen. Und dabei hatte sie stolz die breite, weißglänzende Flügelthür zurückgeschlagen, und Käthe war in einen Thränenstrom ausgebrochen — sie mußte an ihre Henriette denken, die hier gelitten hatte und doch noch einmal in ihrem armen Leben so glücklich, so stillselig gewesen war. Neben dieser schmerzvollen Erinnerung rang sich aber auch noch eine nie gekannte, heißaufquellende Eifersucht empor. Wer war sie, die sich an das Herz der Tante gedrängt und die alte Frau so sehr für sich eingenommen hatte, daß sie als Besuch mitkommen durfte?

Die rosenbestreuten Gardinen und die schaukelnden Blumenampeln waren an den Fenstern verblieben; die altmodische, mühsam zusammengesuchte Zimmereinrichtung dagegen hatte modernen, hübschen, wenn auch sehr einfachen Kirschbaummöbeln weichen müssen, und statt der verblichenen Bilder aus Voß' »Luise« hingen einige schöne Landschaften an den helltapezierten Wänden. Der, ach, so wohlbekannte Raum war in ein trauliches Wohnzimmer umgewandelt und ein anstoßendes, früher vollkommen leerstehendes Kabinett als Schlafgemach eingerichtet worden.

Dies alles hatte Käthe noch einmal mit thränenverdunkelten Augen überblickt, dann war sie heimgegangen, um an den Schreibtisch zu treten und noch einige nötige Geschäftsbriefe zu schreiben. Kaufmann Lenz sollte am Abende von seiner geschäftlichen Rundreise zurückkehren; bis dahin hatte die junge Herrin noch manches zu erledigen, um dann, abgelöst von ihrem Posten, auf vierzehn Tage nach Dresden zu ihren Pflegeeltern zu reisen.

Ach, wie entsetzlich zerstreut war sie doch heute! Wie klopften ihre Pulse, und wie abscheulich zerfahren kamen die sonst so sicheren Gedanken und Buchstaben aus ihrer Feder! Und nun trat auch noch die Jungfer der Präsidentin ein; sie hatte den großen, leeren Marktkorb am Arme, »weil sie eben das bißchen Bedarf für die Festtage in der Stadt einkaufen wollte«; es sei ja nur ein kleiner Umweg über die Mühle, habe die gnädige Frau gemeint und ihr einen eben eingelaufenen Brief von Fräulein Flora zum Durchlesen für das »liebe Fräulein Käthchen« mitgegeben.

Suse wurde sofort beordert, den Korb bis an den Rand mit ihren schön geratenen Napfkuchen und allen möglichen guten Dingen aus der Speisekammer zu füllen, der Brief aber lag noch unberührt auf dem Schreibtische, als die Jungfer längst in die Stadt zurückgekehrt war.

Die Präsidentin hatte dem jungen Mädchen schon einigemal die Zuschriften der Stiefschwester mitgeteilt — es war Käthe zwar stets zu Mute gewesen, als glühe das Briefblatt zwischen ihren Fingern, aber sie hatte pflichtschuldigst gelesen, um nicht feindselig zu erscheinen. Auch jetzt überschlich sie das Gefühl, als müsse aus dem starkparfümierten Kouvert da neben ihr eine Flamme züngeln, um sie zu verletzen. Unwillig schob sie das widerwärtige kleine Viereck mit dem Ellbogen weiter, so daß es unter einem Stoße von Rechnungsformularen verschwand — sie sah nicht ein, weshalb sie sich auch noch durch das Lesen einer der meist sehr frivolen und von Anmaßung und Uebermut strotzenden Episteln aufregen solle, wie es bisher stets der Fall gewesen war.

Die Feder wurde wieder aufgenommen, aber nur für wenige Augenblicke. Erregt griff das junge Mädchen wie nach einem schützenden Talisman nach den mitgebrachten Veilchen, die vor ihr im Glase standen und atmete den kühlen, süßen Duft ein; sie trat an ihren Flügel und spielte zur inneren Beschwichtigung eine harmlose, sanfte Melodie; sie öffnete eines der Fenster und streichelte die kirren Tauben, die draußen auf dem Sims hockten, und dabei sagte sie sich wiederholt, daß die Uebermittelung des Briefes im Grunde ja nur ein maskiertes Attentat auf ihre Speisekammer gewesen sei — aber es mußte ein böser Zauber in dem unseligen Kouvert stecken. Das Blut stürmte ihr immer heißer nach dem Kopfe, bis sie, glühend wie im Fieber, plötzlich die Formulare wegstieß und mit hastigen Fingern den Brief ergriff.

Beim Entfalten des Papierbogens fiel ein versiegelter Zettel heraus — sie bemerkte es nicht — ihre Augen irrten über den Anfang der Zuschrift; sie wurden groß und weit, und unwillkürlich griff das starke Mädchen nach einer Stütze, um sich eine festere Haltung zu geben. Flora schrieb von Berlin aus:

»— Du wirst wohl lachen und triumphieren, liebe Großmama, aber ich sehe ein, es ist besser so — ich habe mich vor einer Stunde mit deinem ehemaligen Protegé, Karl von Stetten, verlobt. Er ist häßlicher und körperlich verkommener als je und trägt in seinem Bullenbeißergesicht jetzt auch noch eine blaue Brille — fi donc, ich werde mich zeitlebens genieren, an seinem Arm zu gehen, aber seine hündisch treue, wirklich närrische Leidenschaft für mich erweckte mir schließlich doch ein menschliches Rühren, und weil er durch den unerwarteten Tod seines jungen Vetters plötzlich Majoratsherr auf Lingen und Stromberg geworden ist, hier zu Hofe geht und in der Gesellschaft gut angeschrieben zu sein scheint, so hatte ich sonst nicht viel mehr gegen die Partie einzuwenden —«

Der Brief flog auf den Schreibtisch — Bruck war frei, dergestalt von seiner Kette erlöst, daß er nun auch — in die Schloßmühle kommen durfte. War das denkbar? Eine so jähe, ungeahnte Wendung, nachdem man sich sieben entsetzliche Monate hindurch gemartert, nachdem man alle innere Kraft aufgeboten hatte, um das widerspenstige Herz, ja, jeden abirrenden Gedanken zu knebeln, damit man endlich zu der stoischen, toten Ruhe gelange, mit der man den verhaßten Ring in die Hand der Auserwählten legen und dann seinen rauhen Lebensweg einsam, aber ohne Schuld zu Ende gehen konnte!

Sie schlug die Hände vor das Gesicht, als sähe sie ein Gespenst mitten in dem Jubelrausch emportauchen — Gott im Himmel, wenn sie falsch gelesen hätte! Es war doch so? Flora, dieses unberechenbare Wesen, hatte sich verlobt? Sie wollte sich nun doch, nach so vielen fehlgeschlagenen Versuchen, berühmt zu werden, in der zwölften Stunde in die Ehe retten? Käthe griff noch einmal nach dem dicken, duftenden Briefblatt — ja, ja, da stand es wirklich und wahrhaftig in den »großen Krakelfüßen«. Und dann folgte eine genaue Instruktion, in welcher Weise die Verlobungsanzeige für die Residenzbewohner zu bewerkstelligen sei; es war die Rede von der Hochzeit, die man, just um der Vergangenheit willen, auf den zweiten Pfingstfeiertag festgesetzt habe — und und dann kam die vorläufige Einladung zu der Vermählungsfeierlichkeit für die Großmama selbst. Das war alles sonnenklar und unumstößlich, aber nun flog eine tiefe Blässe über das Gesicht der Lesenden, und sie meinte, an der Lähmung, die über sie komme, müsse sie sterben. Flora schrieb weiter:

»Auf meiner Durchreise nach Berlin habe ich mich auch einige Tage in L.....g aufgehalten. Es wird dir interessant sein, zu hören, daß einem gewissen Hofrat und Professor Bruck bei seinem fabelhaften Glück nicht nur die Berühmtheit in den Schoß, sondern auch eine schöne Gräfin zu Füßen gefallen ist. Man versicherte mir allgemein, er sei im stillen verlobt mit der reizenden Patientin, die er, nachdem alle anderen Aerzte sie aufgegeben, durch eine kühne Operation dem Tode entrissen habe. Das gräfliche Elternpaar soll mit der Verbindung durchaus einverstanden sein, und die liebe, gottselige Tante Diakonus scheint ihren Segen auch nicht zu verweigern. Ich sah sie neben dem Brautpaar in der Theaterloge sitzen, fried- und tugendsam wie immer, und, wenn ich nicht irre, Zwirnhandschuhe an den Händen. Das Mädchen ist sehr hübsch, wenn auch ein Puppengesicht ohne Geist — und Er? Nun, dir kann ich's ja sagen, Großmama: ich habe mir die Lippen blutig gebissen vor Grimm und Groll, weil das dumme Glück diesen Menschen zu einem Gegenstand der allgemeinen Vergötterung macht, weil er hinter dem Stuhl seiner Braut stand, so sicher, zuversichtlich und ruhig, als gebühre ihm alle Auszeichnung von Rechts wegen, und als wisse er nichts von Charakterschwäche — der Ehrlose! ... Gib Käthe den inliegenden Zettel —«

Ach ja, da lag er wohlversiegelt auf dem Schreibtisch und trug die Adresse: »An Käthe Mangold.« — Und die Welt kreiste vor ihren Augen, und der schmale Papierstreifen flog in den wie von Fieberfrost geschüttelten Händen auf und nieder. Er enthielt nur die Worte: »Habe die Freundlichkeit, den dir anvertrauten Ring nunmehr der Gräfin Witte zu übergeben — oder wirf ihn auch meinetwegen in den Fluß zu dem andern!

Flora.«  

Käthe war plötzlich sehr ruhig geworden; sie glättete mechanisch den Zettel und legte ihn zu dem Briefe. Sollte die schöne Gräfin Witte der Gast sein, für den man das Fremdenzimmer eingerichtet hatte? Sie schüttelte energisch den reizenden, flechtengeschmückten Kopf, und die braunen Augen begannen aufzustrahlen, während sie die Hände fest gegen die tiefatmende Brust preßte. War sie es wert, ihm je wieder in die Augen zu sehen, wenn sie auch nur sekundenlang an ihm zweifelte? Er hatte gesagt: »Zu Ostern komme ich wieder.« Und er kam, und wenn die glänzendste Menschenberedsamkeit ihr das Gegenteil versicherte, sie glaubte nichts, als daß er sie liebe und daß er kommen werde. Nein, nein, solch ein hochmutberauschter Schloßherr konnte es wohl übers Herz bringen, der einst Geliebten, der unglücklichen, blonden Edelfrau, die neue stolze Schloßherrin in der Hochzeitsschleppe zuzuführen — aber nicht er, nicht er in seiner Gemütsinnigkeit. Er brach der Müllers-Enkelin nicht sein Wort um einer anderen willen, und wenn selbst diese andere — eine Gräfin sein sollte.

Ein unbeschreiblicher Glückseligkeitssturm wogte in ihr auf und riß alle Gedanken in seinen Wirbel. Sie flog nach dem südlichen Eckfenster, um nur einen Blick nach dem alten Hause zu werfen — Himmel, dort von der Fahnenstange flatterte eine farbenglänzende Flagge über die Baumwipfel hin. Waren die Gäste schon da? Sollte sie hinübereilen, um die Tante Diakonus in ihre Arme zu schließen? Nein, in dieser stürmischen Aufregung ganz gewiß nicht. Da mußte erst die verräterische Glut von den Wangen gewichen und der Herzschlag ruhiger geworden sein, wenn sie sich nicht vor den seelenvollen, klaren Augen der sanften Frau scheuen sollte ... Ruhe, Ruhe! — Sie trat an den Schreibtisch.

Da lag aufgeschlagen das große, dicke Hauptbuch; das Fach hier barg sechs Geschäftsbriefe, die heute noch beantwortet werden mußten, und drunten rasselte schwerfällig einer der Mühlenwagen mit Getreidesäcken in den Hof. Die Hunde bellten einen Bettler, dem Suse ein Stück Brot vom Vorsaalfenster zuwarf, wie toll an; da waren Prosa und rauhe Wirklichkeit übergenug. Und die Neuruppiner Bilderbogen, die, als großväterlicher Nachlaß streng respektiert, immer noch die Wände zierten, sie hatten ganz gewiß nichts Aufregendes, so wenig wie die dickbäuchigen Federkissen des Kanapees drunter und die Schwarzwälder Standuhr daneben, die so entsetzlich steif und geradlinig die Wand hinaufstieg und den lebensmüden Pendel langatmig hinter dem blinden Glase schwang.

Der Blick des jungen Mädchens streifte langsam alle diese Herrlichkeiten, dann nahm sie einen Briefbogen und tauchte die Feder ein. »Herren Schilling und Compagnie in Hamburg« — ach, das konnte ja niemand lesen! Verzweiflungsvoll fuhr sie mit der Hand über die glühende Stirn, so daß die braunen Locken wegflogen und eine schmale, rote Narbe hervortreten ließen. Und so verharrte sie einen Augenblick unbeweglich, die Linke über die Augen gelegt und in der Rechten die ungeschickte Feder auf dem Papiere festhaltend; da streifte ein kühles Wehen ihre Wange. Die Zugluft kam durch eine offene Thür oder vom Fenster her; sie sah auf — und da stand er, dort auf der obersten Stufe der in das Zimmer hinabführenden Holztreppe, lächelnd, strahlend in Wiedersehensfreude.