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Im Hause des Kommerzienrates.

Chapter 6: Kapitel 5
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Die Erzählung schildert die Folgen, als ein alter Müllersmann seine Enkelin zur Universalerbin bestimmt und der bereits eingesetzte Vormund, der Kommerzienrat Römer, die Verwaltung übernimmt. Zwischen bäuerlicher Herkunft und bürgerlichem Vermögen entwickelt sich ein Geflecht aus Sorge, Pflicht und unterschwelligen Machtspielen: ärztliche Notfälle, häusliche Beobachtungen und das Verhalten der Dienstboten zeichnen das Alltagsbild. Intime Kranken- und Haushaltsszenen wechseln mit sozialen Spannungen, und nach und nach treten Geheimnisse, Loyalitätskonflikte und die widersprüchlichen Charakterzüge der Beteiligten zutage.

»Das dürfen Sie auch jetzt noch — die kleine Besitzung ist seit heute morgen mein Eigentum.« Er warf einen warmen Blick hinüber.

Käthe dankte ihm, sah aber sehr zerstreut und nachdenklich auf die Kiesel nieder, über die sie hinschritten ... Sollte ihre schöne Schwester als junge Frau in dem Hause wohnen? Flora mit ihren stolzen Gebärden, ihren majestätisch nachfließenden Schleppen! Flora Mangold, die Anspruchsvolle, der kein Salon hoch und weit, keine Ausschmückung reich genug sein konnte, in dem einsamen Hause mit den großen grünen Kachelöfen und den ausgetretenen Dielen? Wie mußte sie sich geändert haben — um seinetwillen!

Ein fernes Geräusch schreckte sie auf. Sie sah die Villa bereits so nahe vor sich, daß sie die Prachtmuster der Spitzengardinen erkennen konnte. Hinter den Scheiben rührte und regte sich nichts, aber von der Promenade her, die sich vor der jenseitigen, der Hauptfassade des eleganten Hauses hinzog, kam das Getöse einer heranrollenden Equipage immer näher. Es waren zwei prächtige Pferde, die gleich darauf um die nördliche Hausecke jagten. Geschirr und Wagen funkelten in Silberschmuck und im Glanze der Neuheit. Eine Dame hielt die Zügel in fester Hand; ihre Gestalt, um die sich dunkelfarbener, pelzverbrämter Samt schmiegte, saß so leicht und sylphenhaft dort, als schwebe sie über den Polstern. Von ihrer Stirn zurück wehten weiße Federn, und um das klassische Gesicht, den unbedeckten Hals, der sich glänzend weiß aus der dunkeln Pelzeinfassung hob, flatterten krause blonde Locken.

»Flora! Ach, wie wunderschön ist meine Schwester!« rief Käthe enthusiastisch und streckte unwillkürlich die Rechte nach der Vorüberfliegenden aus, aber weder Flora, noch der Kommerzienrat, der mit verschränkten Armen neben ihr saß, hörten den Zuruf. Die Equipage bog um die entgegengesetzte Ecke, dann hörte man sie drüben vor dem Portale halten.

Ein kleiner Kiesel tanzte vorbei — die Stockspitze des Doktors hatte ihn wie im Spiele fortgeschleudert. Jetzt erst fiel es Käthe auf, daß er nicht mehr an ihrer Seite ging; sie war freilich unter dem hinreißenden Eindrucke vorwärts geeilt. Mit einer lebhaften Gebärde wandte sie sich um. Er schritt unbeirrt, noch genau in dem Tempo wie vorher auch, aber in seiner Haltung schien er noch stolzer emporgereckt, noch strenger reserviert. Er mußte sie eben beobachtet haben, denn er wandte rasch und fast verlegen seine Augen weg. Mit Mühe verbiß sie ein satirisches Lächeln. Sie wußte, daß sie ihn bei einem vergleichenden Gedanken ertappt hatte, der ungefähr so lauten mochte: »Gott, was für eine vierschrötige Jungfrau neben meiner Elfe!«

»Ich bin erstaunt über den sicheren Mut, mit welchem Flora fährt,« sagte sie, als er wieder neben ihr ging.

»Weit mehr zu bewundern ist die Todesverachtung ihres Begleiters. Es war eine Probefahrt, und der Kommerzienrat hat die jungen Pferde gestern erst gekauft.« Er war bitter gereizt. Sie hörte das plötzlich in seiner Stimme und schwieg ganz erschrocken.


5.

Es fiel kein Wort mehr von beiden Seiten. Sie erreichten bald das Haus und traten durch eine Seitenthür ein, während drüben die Equipage vom Portale wegfuhr. Ein Bedienter berichtete ihnen, daß die Damen und »der gnädige Herr« im Wintergarten seien, also in den Appartements der Frau Präsidentin.

Käthe hatte ihre ganze heitere Ruhe und Sicherheit wiedergefunden. Sie nahm eine Visitenkarte aus der Brieftasche und reichte sie dem Manne hin. »Für den Herrn Kommerzienrat,« sagte sie.

»So steif?« fragte Doktor Bruck lächelnd, während der Lakai geräuschlos über den dicken persischen Korridorteppich hinschlüpfte und hinter einer Thür verschwand.

»So steif!« bestätigte sie ernsthaft. »Da ist die weiteste Distanz die beste. Ein biederes Hereinpoltern würde mir jedenfalls sehr schlecht bekommen. Ich fürchte nun selbst, ‚den gnädigen Herrn‘ mit meiner unzeremoniellen Ankunft sehr in Verlegenheit zu bringen.«

Sie hatte sich nicht geirrt. Der Kommerzienrat kam im förmlichen Sturmschritte aus den Gemächern; mit dem bestürzten Ausrufe: »Mein Gott, Käthe!« stolperte er über die Schwelle.

Die Richtung seines Blickes war geradezu lächerlich — er suchte den Kopf der wie vom Himmel fallenden Mündel offenbar um zwei Fuß zu tief — und nun trat sie so hochgewachsen und festen Schrittes auf ihn zu und begrüßte ihn mit einem fast frauenhaft stolzen Kopfneigen:

»Lieber Moritz, sei nicht böse, daß ich der Abrede zuwider handle! Aber um mich abholen zu lassen, dazu bin ich nun doch schon ein wenig zu groß.«

Er stand wie versteinert vor ihr. »Recht hast du, Käthe. Die Zeit, wo ich dich an der Hand führte, ist vorüber,« sagte er langsam, gleichsam in dem Anblicke ihres mit Rosenglut überhauchten Gesichts verloren. »Nun, sei mir tausendmal willkommen!« Jetzt erst reichte er auch Bruck begrüßend die Hand. »Ein Zusammenfinden im Korridor — da muß ich wohl gleich hier vorstellen —«

»Bemühe dich nicht, Moritz! Das habe ich bereits selber besorgt,« unterbrach ihn das junge Mädchen. »Der Herr Doktor machte gerade Krankenbesuch bei Suse, als ich in die Mühle kam.«

Das Gesicht des Kommerzienrates verlängerte sich. »Die Mühle war dein Absteigequartier?« fragte er betreten. »Aber liebes Kind, die Großmama Urach hat mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit erklärt, sich deiner anzunehmen; mithin verstand es sich von selbst, daß du dich ihr sofort vorstelltest; statt dessen gehst du zu deiner alten Flamme, der Jungfer Suse! Ich bitte dich, sage das drin lieber nicht!« setzte er hastig flüsternd hinzu.

»Verlangst du das ernstlich von mir?« Die fest klingende Mädchenstimme stach seltsam ab von seinem scheuen Flüstertone. »Ich kann doch nicht leugnen, wenn die Sache zur Sprache kommen sollte ... Auf das Verheimlichen verstehe ich mich wirklich nicht, Moritz —« Sie verstummte für einen Moment, erschrocken über die Feuerglut, die ihm in das Gesicht schoß, dann aber sagte sie resolut: »Habe ich einen Fehler begangen, so will ich mich auch dazu bekennen; es wird ja nicht gleich meinen Kopf kosten.«

»Wenn du einen gut gemeinten Wink so tragisch nehmen willst, dann habe ich allerdings nichts mehr zu sagen,« entgegnete er verlegen und ärgerlich zugleich. »Den Kopf wird es freilich nicht kosten, aber deine Stellung in meinem Hause erschwerst du dir. Uebrigens ganz wie du willst! Sieh du selbst, wie du dich mit diesem herben ‚Geradedurch‘ in unseren hochfeinen Gesellschaftskreisen zurechtfindest!«

Schon bei den letzten Worten hatte sein Ton mehr scherzhaft als pikiert geklungen. Er ließ sich nun einmal nicht gern die behagliche Stimmung verderben. Er bot ihr galant den Arm und führte sie nach dem ehemaligen Speisezimmer, das neben dem Wintergarten lag, und dessen Thür er aufstieß.

Das war aber nicht mehr der traute Eßsalon mit seinen altmodischen, behäbigen, roten Saffianmöbeln. Die Wand, die ihn einst vom Wintergarten getrennt, war verschwunden; an ihrer Stelle trugen schlanke, oben im Rundbogen auslaufende Säulen den Plafond, den der köstlichste Farbenschmuck in maurischem Stil bedeckte. Drunten lief ein niedriges, spitzenklares, vergoldetes Bronzegitter von einer Säule zur anderen — es schied den steingetäfelten Fußboden des maurischen Zimmers von dem weißen Wegsand, dem grünen Flaum kleiner Rasenflecke im Wintergarten. Hinter diesem Gitter grünte und blühte es wonnig; da dufteten Maiblumen und köstliche Bouquets von Parmaveilchen zu Füßen der mächtigen Drachenbäume, des dunkeln Lorbeers und der prachtvollen Dekoration von silbergestreiften, metallisch glänzenden Blattpflanzen. Dieses herrliche Pflanzenbild wurde umrahmt und gleichsam in einzelne Felder geteilt durch eine Art von Blumenornamentik. Um die Säulen rankte sich die Klematis und behing die schlanken Schäfte bis hinauf in das feingebogene Rund mit weißen und lilablauen Blüten.

Zwischen den zwei Säulen, die einen Mittelweg in das Zimmer frei ließen, stand Flora. Sie war noch in der Straßentoilette und augenscheinlich im Begriff, das Zimmer zu verlassen. Hoch hinter ihrem federgeschmückten Haupt wölbte der Springbrunnen des Wintergartens seine glitzernde Kuppel. Mit der behandschuhten Rechten hob die schöne Dame das schwere kastanienbraune Samtkleid, dem das schräg hereinfallende Abendlicht schwachgoldige Reflexe entlockte, ein wenig über den Fuß, die unbedeckte Linke aber legte sich anmutig stützend an die Säule, weiß und zart wie die danebenhängende Klematisblüte.

Beim Eintreten des hochgewachsenen Mädchens öffnete sie zuerst ihre graublauen Augen weit vor Erstaunen, aber auch ebenso rasch kniff sie die Lider zu einem blinzelnd prüfenden Blick zusammen, wobei ein sarkastisches Lächeln um ihre Lippen huschte.

»Nun rate, Flora, wen ich da bringe!« rief der Kommerzienrat.

»Da brauche ich mir nicht lange den Kopf zu zerbrechen — das ist Käthe, die sich allein auf den Weg gemacht hat,« versetzte sie in ihrer eigentümlich nachlässigen und doch so überaus bestimmten Art und Weise. »Wer die alte Sommer gekannt hat, der weiß, daß das stämmige Mädchen da mit dem weiß und roten Aepfelgesicht ihre Enkelin sein muß, Augen und Haare aber hat sie frappant wie Klothilde, deine verstorbene Frau, Moritz.«

Mit einer geschmeidigen Bewegung löste sie sich gleichsam aus dem Blumenrahmen, trat auf die Schwester zu, und den Kopf in den Nacken zurückbiegend, bot sie ihr die Lippen zum Kuß. Ja, das war noch immer die unvergleichlich schöne Flora, aber das langjährige Herrschertum über die Herzen hatte die weibliche Grazie von ihrer Ausdrucksweise genommen. Ebenso nachlässig wie bei dem kühlen Begrüßungskuß nach sechsjähriger Trennung war ihr Wesen dem miteingetretenen Doktor gegenüber. »Grüß Gott, Bruck!« sagte sie und reichte ihm die Rechte, aber nicht wie eine Braut, sondern wie ein Kollege dem anderen. Er erfaßte die Hand mit leichtem Drucke und ließ es ruhig geschehen, daß sie sofort wieder zurückgezogen wurde.

Die äußere Zurückhaltung zwischen dem Brautpaar schien sich von selbst zu verstehen. Flora wandte unbefangen den Kopf nach dem Wintergarten zurück. »Großmama,« rief sie mit lächelndem Spott in ihren geistreichen Zügen, »unser Goldfisch macht dir und deinen Bekannten die Freude, sich vier Wochen früher anstaunen zu lassen.«

Die Präsidentin war bereits bei Floras ersten Worten hinter einer Kameliengruppe hervorgetreten. Ohne daß sie es vielleicht selbst wußte, hatte sie die Angekommene mit jener Spannung gemustert, welche die meisten Menschen einem sogenannten Glückskind gegenüber an den Tag legen. Floras boshaft übermütiger Zuruf machte diesen Ausdruck sofort verschwinden. Die alte Dame zog unwillig die Brauen zusammen, und ein feines Rot der Verlegenheit flog über ihr bleiches Gesicht hin. »Ich erinnere mich nicht, ein so auffälliges Interesse gerade für jene Eigenschaft deiner Schwester gezeigt zu haben,« sagte sie kühl und mit einem streng verweisenden Blick. »Wenn ich mich über Käthes Kommen freue und sie freundlich willkommen heiße, so geschieht das, weil sie meines lieben verstorbenen Mangold Kind und eure Schwester ist.«

Sie ging mit gehobenen Händen auf Käthe zu, als beabsichtige sie eine Umarmung; allein diese verbeugte sich so tief und zeremoniell, als stehe sie zum erstenmal in ihrem Leben vor der stolzen Schwiegermutter ihres Vaters. Ein scharfer Blick hätte in dieser einen Gebärde leicht das scheue Zurückweichen vor jeglicher Berührung erkannt, die Präsidentin aber sah darin offenbar nur das Anzeichen eines tiefen Respektes. Sie zog die Hände zurück und hauchte einen Kuß auf die Stirn des jungen Mädchens. »Bist du wirklich allein gekommen?« fragte sie; ihre Augen suchten unruhig forschend die Thür, als müsse noch irgend eine nicht gerade willkommene Reisebegleitung eintreten.

»Ganz allein. Ich wollte einmal selbständig meine Flügel probieren, und das hat meine Doktorin gern erlaubt.« Sie strich noch einmal wie unbewußt mit den schlanken Fingern über die Stelle, welche die alte Dame mit ihren kalten Lippen berührt hatte.

»Ei, das glaube ich dir gern; das ist ja ganz im Sinne der alten Lukas,« sagte die Präsidentin mit einem leisen, ironischen Lächeln. »Sie war ja auch stets sehr selbständig ... Dein guter Papa hatte sie ein ganz klein wenig verzogen, mein Kind. Sie that, was ihr gefiel; selbstverständlich immer nur das Rechte —«

»Und das Verständige; aus dem Grunde mag ihr wohl auch der Papa seine jüngste wilde Hummel anvertraut haben,« setzte Käthe mit jener heiteren Unbefangenheit hinzu, die ihr ganzes Wesen charakterisierte. Aber gerade dieser Freimut, diese Leichtigkeit und Sicherheit schienen unangenehm zu berühren.

Die Präsidentin zog die Schultern leicht empor. »Dein Papa hat sicher dein Bestes gewollt, liebe Käthe, und meine Sache ist es nie gewesen, irgend eine seiner Maßregeln zu bemäkeln. Aber er war eine vornehme Natur und hielt streng auf das Dekorum — ob es ihn nun doch nicht einigermaßen in Verlegenheit gebracht hätte, wenn ihm sein heiteres Töchterchen plötzlich so sans gêne, so frank und frei in das Haus geflattert wäre?«

»Wer weiß?« versetzte Käthe. »Der Papa würde doch wissen, wes Geistes Kind diese Tochter ist;« — ein mutwilliger Strahl blitzte aus ihren braunen Augen — »Müllerblut, das schlägt sich tapfer und wohlgemut durch die Welt, Frau Präsidentin.«

Der Kommerzienrat räusperte sich und strich eifrig seinen schönen Lippenbart, während die Präsidentin so betreten aussah, als habe unvermutet ein allzu kräftiger Luftzug ihr vornehmes Gesicht angeblasen, Flora aber brach in ein helles Gelächter aus. »Kind Gottes, du bist kostbar naiv,« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Ja ja: ‚Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern,‘« recitierte sie. »Mit einer solchen Aeußerung müßte unser Jüngstes nächstens in Moritzens großer Soiree debütieren, Großmama; da würden sie die Ohren spitzen!« Sie blinzelte die alte Dame schadenfroh an, die jedoch ihr Gleichgewicht schon wieder gefunden hatte.

»Ich vertraue dem angeborenen Takt deiner Schwester, mein Kind,« sagte sie, ihre Hand nebenbei nun auch dem Doktor zur Begrüßung hinstreckend. Dazu lächelte sie mit jenem feinen Zusammenziehen der Lippen, das nur einen Schein der Zahnspitzen sehen ließ, und von welchen man nie wußte, ob es süß oder sauer war.

»Takt, Takt — der wird viel helfen,« wiederholte Flora, den Kopf spöttisch wiegend. »Die Müllerreminiszenz ist ihr genau ebenso angeboren. Die gute Lukas hat es eben nicht verstanden, ihr ein wenig Weltklugheit einzupauken — da fehlt's. Uebrigens bin ich wirklich froh, daß du allein gekommen bist, Käthe; ich hoffe, es wird sich so besser mit dir leben lassen, als wenn du am Rock deiner alten hausbackenen Gouvernante hingst.«

Käthe hatte das Barett abgenommen; die schwüle Blumenluft trieb ihr das Blut heiß in die Wangen. Jetzt mit der dicken, goldbraunen Haarflechte über der Stirn sah sie noch größer aus.

»Hausbacken? Meine Doktorin?« rief sie lebhaft. »Eine poesievollere Frau läßt sich nicht denken.«

»Ei, was du sagst! Sie schwärmt wohl den Mond an, schreibt empfindsame Verse ab und so weiter. Oder dichtet sie gar selbst? Wie?«

Das junge Mädchen richtete die glänzenden Augen mit klugem Blicke auf das Gesicht der Spötterin. »Verse nicht, aber die Manuskripte ihres Mannes schreibt sie ab, weil die Setzer der medizinischen Zeitschrift seine wunderlichen Krakelfüße absolut nicht entziffern können,« sagte sie nach einem kurzen Moment schweigender Prüfung. »Sie schreibt auch keine eigenen Verse oder Novellen — dazu fehlt ihr die Zeit, und doch dichtet sie ... Ach, du lächelst noch genau so wie früher, Flora, so tief und so scharf in den Mundwinkeln, aber das Spottlächeln scheucht mich nicht mehr in die Ecken; ich habe eine streitbare Ader und behaupte weiter: Sie dichtet doch in der Art und Weise, wie sie das Leben nimmt und ihm stets eine Seite abzugewinnen weiß, von der ein verklärendes Licht ausgeht, wie sie ihr einfaches Heim ausschmückt — aus jedem Eckchen guckt ein schöner Gedanke — und wie sie es unsäglich gemütlich und doch ästhetisch anregend für ihren braven Mann und mich alten Kindskopf und die wenigen auserwählten Freunde des Hauses zu erhalten versteht.«

In diesem Augenblicke flog ein ganzer Regen von frischen Veilchen gegen die Brust des jungen Mädchens und rieselte auf den Fußboden nieder.

»Bravo, Käthe!« rief Henriette. Sie stand im Wintergarten, dicht am Gitter, und preßte die bleichen Hände auf ihre heftig atmende Brust. »Ich möchte dir gleich um den Hals fliegen, aber — sieh mich doch an! — müßte das nicht zum Totlachen sein? Du, so kerngesund an Leib und Seele, und ich —« Ihre Stimme versagte.

Käthe warf das Barett, das sie noch in der Linken hielt, von sich und flog zu ihr. Sie umschlang zärtlich die schwache Gestalt, aber die Thränen des Erbarmens und die Betroffenheit darüber, daß das Gesicht der Schwester »so entsetzlich abgemagert«, wurden weislich unterdrückt.

Flora biß sich auf die Lippen. »Das Jüngste« war nicht nur imposant an Leibesgestalt geworden, es hatte auch in den hellen Augen und auf den Lippen den seltenen Freimut innerer Unabhängigkeit, der manchmal so unbequem werden kann. Ihr kam plötzlich die kleine Ahnung, als trete mit dem kraftvollen Mädchen dort eine schattenwerfende Gestalt in ihr Leben ... Sie nahm hastig den Hut ab und fuhr mit beiden Händen auflockernd durch die zerdrückten Scheitellöckchen. »Hast du das poetische Reisebündelchen da wirklich von Dresden mitgebracht?« fragte sie trocken, mit einem blinzelnden Seitenblicke nach dem zusammengeknüpften weißen Tuche am Arme der Angekommenen.

Das junge Mädchen löste die verschlungenen Enden und reichte Henriette die Taube hin. »Ein kleiner Patient, der dir gehört,« sagte sie. »Das arme Ding ist flügellahm geschossen. Es fiel im Schloßmühlenhof auf das Pflaster.«

Da war bereits die Einkehr in der Mühle verraten, allein die Präsidentin schien die letzten Worte ganz zu überhören; sie zeigte tief empört auf das verwundete Tierchen und sagte, nach dem Kommerzienrate zurückgewendet, mit strafendem Vorwurfe: »Das ist nun die vierte, Moritz.«

»Und noch dazu mein Liebling, mein Silberköpfchen!« rief Henriette und wischte sich eine Thräne des Schmerzes und der Erbitterung von den Wimpern.

Der Kommerzienrat war blaß vor Schreck und Aerger. »Liebe Großmama, ich bitte Sie dringend, machen Sie mir daraus keinen Vorwurf mehr!« rief er fast heftig. »Ich thue, was möglich ist, um diesen bodenlosen Nichtswürdigkeiten auf die Spur zu kommen und sie zu verhindern, aber der Thäter versteckt sich hinter der Phalanx von zweihundert erbitterten Menschen;« — er zuckte die Achseln — »da läßt sich gar nichts thun. Ich habe deshalb auch Henriette wiederholt gebeten, ihre Tauben einzuschließen, bis die Aufregung vorüber ist.«

»Also wir werden in der That die Nachgebenden sein müssen? Es wird immer besser,« sagte die alte Dame sehr anzüglich; sie zog und rückte an der Schleierwolke, die ihr um Gesicht und Hals lag, als ob ihr die innere Aufregung unerträglich warm mache. »Sagst du dir nicht selbst, Moritz, daß eine solche Gleichgültigkeit die Verwegenheit geradezu herausfordert? Man wird das geduldete Taubenschießen nachgerade langweilig finden und sich edleres Wild aussuchen.«

»Warum denn so zartverblümt, Großmama? Die Partei selbst nennt das Ding ziemlich unverfroren beim Namen,« warf Flora geflissentlich leicht und nachlässig hin. »Meine Jungfer hat heute morgen beim Oeffnen der Läden wieder einmal einen Drohbrief auf meinem Fenstersims gefunden; sie sah sich gezwungen, ihn mit der Feuerzange anzufassen und mir zur Einsicht hinzuhalten — so unappetitlich war der Wisch; er liegt in ihrer Stube, für den Fall, daß du ihn zu deinen Akten legen willst, Moritz. Neues enthält er selbstverständlich nicht — immer dieselben Phrasen! Wissen möchte ich aber doch, weshalb die Menschen gerade mich so ganz besonders mit ihrem Klassenhasse beehren.«

Käthe konnte den Gedanken nicht unterdrücken, daß es sich hier wohl weniger um den Haß gegen die bevorzugte Klasse als gegen die Persönlichkeit selbst handle. Sie begriff, daß diese herrische Erscheinung in fürstlich reichen Gewändern, mit den verächtlichen Linien um den Mund und der männlich schroffen Redeweise von Fernstehenden leicht für alle vom Hause ausgehenden Maßregeln verantwortlich gemacht wurde.

»Die gehässigen Angriffe sind doppelt lächerlich durch den Umstand, daß gerade ich mich für die soziale Frage lebhaft interessiere,« fuhr Flora unter kurzem Auflachen fort; »ich habe schon manchen zu gunsten der Arbeiterklasse wirkenden Artikel in die Welt hinausgeschickt.«

»Mit dem Schreiben allein macht man das heute nicht mehr,« sagte Doktor Bruck vom Fenster herüber. »Die besten Federn haben sich stumpf daran geschrieben, und die Wogen der Bewegung gehen immer höher und schwemmen die Theorien vom Papier.«

Aller Augen richteten sich auf ihn. »Ei, und was soll man thun?« fragte Flora spitz.

»Sich die Leute und ihre Forderungen selbst ansehen. Was nützt es, wenn du aus dem Heer von Denkschriften und Broschüren über dieses Problem das ‚Für und Wider‘ an deinem Schreibtische mühsam zusammensuchst —«

»O, bitte —« In ihren Augen entzündete sich plötzlich ein grelles Feuer.

»Und Totes zu dem vielen Toten wirfst?« fuhr er unbeirrt fort. »Deine Artikel werden diesen Leuten schwerlich zu Gesicht kommen, und wenn auch — was helfen sie ihnen? Worte bauen ihnen keine Heimstätte. Gerade den Frauen in den Familien der Arbeitgeber fällt ein bedeutender Teil der Lösung zu, ihrem milden Einfluß auf das härtere Männergemüt, ihrer sanften hilfreichen Vermittelung, ihrer Klugheit. Aber die wenigsten geben sich die Mühe, darüber nachzudenken oder, was ich in erster Linie von ihnen verlange, ihr Herz zu befragen. Sie nehmen die Mittel zur Bestreitung ihrer heutzutage fast schrankenlosen Bedürfnisse aus den Händen der Männer, ohne zu erwägen, daß vor ihrer Thür alle Elemente zu einem furchtbaren Konflikt stetig emporwachsen.«

Die Präsidentin strich mit ihren schlanken Händen langsam über die atlasspiegelnde Fläche ihres Ueberkleides, und ohne auf den letzten Ausspruch einzugehen, sagte sie gelassen: »Ich gebe sehr gern; nur bin ich nicht gewöhnt, meine Almosen direkt in die Hand der Heischenden zu legen, und so mag es kommen, daß man nicht weiß, wie viel und wie oft ich gebe. Dieses Mißkennen läßt mich übrigens sehr ruhig, selbst wenn es mich verantwortlich machen möchte für die Roheiten, denen wir augenblicklich ausgesetzt sind.«

»Die Roheiten sind abscheulich. Niemand kann sie strenger verurteilen als ich,« versetzte Doktor Bruck ebenso kalt; »aber —«

»Nun, ‚aber‘? Sie behaupten schließlich doch, wir Frauen im Hause des Arbeitgebers hätten sie provoziert?«

»Ja, Frau Präsidentin, Sie haben den Arbeitgeber abgehalten, seinen Leuten helfend entgegenzukommen, die Forderung der Arbeiter aber war keine unbillige, keine jener häßlichen Ausschreitungen, welche gegenwärtig die an sich vollkommen gerechte Sache der Partei verdunkeln und anrüchig machen — sie wollten auch kein Almosen, sondern mit Hilfe des Fabrikherrn sich selbst emporarbeiten zu einer beglückteren Existenz.«

Die alte Dame klopfte ihm leicht auf die Schulter und sagte freundlich, aber doch in jenem bestimmten, kurz abfallenden Tone, mit welchem sie das Gespräch abzubrechen wünschte: »Sie sind ein Idealist, Herr Doktor.«

»Nur ein Menschenfreund,« versetzte er flüchtig lächelnd und griff nach seinem Hute.

Seine Braut hatte ihm längst den Rücken gewendet und war in das andere Fenster getreten. Kein Frauengesicht war mehr geeignet, den Ausdruck der Feindseligkeit anzunehmen, als dieses Profil, das die Lippen so fest über den Zähnen zu schließen vermochte ... Der Mann dort hatte mit dürren Worten gesagt, sie suche an ihrem Schreibtische mühsam fremde Ideen zusammen — unerhört, bei ihrer Begabung! Sie hatte allerdings nie ihre feinen Sohlen mit dem Arbeitsstaub in des Schwagers Spinnerei befleckt; sie wußte auch in der That nicht, wie es bei den Leuten aussah, die das dringende Verlangen nach Reformen unter eine Fahne rief und sie zu einer Macht anwachsen ließ, die sich wie ein Keil zwischen die gesellschaftliche Ordnung schob und sie zu zersprengen drohte. Aber wozu denn auch? Mußte man denn alles in Wirklichkeit gesehen und erlebt haben, was man schilderte? Lächerlich! Wozu waren denn Geist und Phantasie da? ... Bis heute hatte der Doktor ihre litterarischen Bestrebungen mit keiner Silbe berührt — »aus Scheu und Respekt« hatte sie gedacht, und nun griff er dieses Wirken plötzlich so plump, so verständnislos an — er! Sie rang schwer mit sich. »Ich begreife nicht, Großmama, wie du dich zu der Bezeichnung ‚Idealist‘ versteigen konntest,« rief sie mit funkelnden Augen herüber. »Ich dächte, Bruck hätte vorhin das große Thema trocken genug beleuchtet. Nach seinem Programme sollen wir schleunigst Komfort und Eleganz abstreifen und in Sack und Asche gehen; wir sollen uns beileibe nicht geistig beschäftigen, sondern Volkssuppen kochen. Daß wir die Stille und Abgeschlossenheit unseres Parkes verteidigen, ist Todsünde — es versteht sich von selbst, daß wir die hoffnungsvolle Schuljugend direkt unter unseren Fenstern turnen und lärmen lassen etc., und wenn wir nicht brav sind und schön folgen, da stellt er uns ein Gespenst vor die Thür.« — Sie lachte kurz und hart auf. »Uebrigens verrechnet sich solch ein Menschenfreund mit seinen Sympathien ganz gewaltig. Sollte es wirklich zu dem geweissagten Zusammenstoß kommen, dann wird das Gespenst mit ihm ebenso kurzen Prozeß machen wie mit uns auch.«

»Ich habe nicht viel zu verlieren,« sagte der Doktor mit einem halben Lächeln.

Flora kam raschen Schrittes herüber. Ihre Löckchen flogen und die schwere Samtschleppe fegte den Marmorfußboden.

»O, seit heute morgen darfst du das nicht mehr sagen, Bruck,« entgegnete sie beißend. »Bist ja Hausbesitzer geworden, wie mir Moritz mitteilte. Allen Ernstes — hast du wirklich deine Drohung von gestern wahr gemacht und die entsetzliche Baracke drüben am Flusse erstanden?«

»Meine Drohung

»Nun, anders kann ich's doch nicht nennen, wenn du mir ein solches Schreckbild für die Zukunft hinstellst? Du hast, wie du es gestern selbst bezeichnet, deine Ersparnisse in einem Grundstücke angelegt, das für mich das Nonplusultra der Einöde, der Aermlichkeit und der abstoßenden Häßlichkeit ist. Zur Augenweide allein hast du doch das Kleinod unmöglich an dich gebracht, und deshalb frage ich dich ernstlich: Wer soll darin wohnen?«

»Du brauchst es mit keinem Fuße zu betreten.«

»Das werde ich auch niemals — darauf kannst du dich verlassen. Eher —« Es war ein schwer zu enträtselnder Blick, mit welchem der Doktor unterbrechend die Hand hob, aber dieser verdunkelte Blick hatte etwas so gewaltig Zwingendes, daß der rote Mund des schönen Mädchens unwillkürlich verstummte.

»Ich habe das Haus für meine Tante bestimmt und werde nur ein Zimmer für mich reservieren, das mir für meine freien Stunden einen ungestörten Arbeitswinkel im Grünen bietet,« sagte er gleich darauf weit ruhiger, als man nach seinem vorherigen Gesichtsausdrucke hätte erwarten können.

»Ah, viel Vergnügen dazu! Also ein spezielles Sommerasyl! — Und im Winter, Bruck?«

»Im Winter werde ich mich mit dem grün tapezierten Zimmer begnügen müssen, das du in unserer zukünftigen Wohnung selbst für mich bestimmt hast.«

»Aufrichtig gestanden — ich mag die Wohnung nicht mehr. Gerade um dieses Eckhaus tost der Straßenlärm unaufhörlich und wird mich stören, wenn ich arbeiten will.«

»Nun, dann werde ich dem Hauswirte Abstandsgeld zahlen und eine andere suchen,« entgegnete er mit unerschütterlichem Gleichmut.

Flora wandte sich achselzuckend von ihm weg und zwar so, daß Käthe ihr voll ins Gesicht sehen konnte. Fast schien es, als stampfte die Braut den Boden. Sie warf den Kopf in den Nacken und sah mit einem Augenaufschlage nach der Zimmerdecke, als ob sie verzweifelt ausrufen wollte: »Gott im Himmel, ist ihm denn gar nicht beizukommen?«

In diesem Augenblicke schellte die Präsidentin so stark, daß das Geklingel scharf und anhaltend vom Ende des langen Korridors hereindrang. Die alte Dame sah streng und beleidigt aus — in ihrem Beisein durfte es zu solchen taktlosen Auseinandersetzungen nicht kommen. »Du magst nicht gerade vorteilhaft über die Gastfreundschaft und den guten Ton im Hause deines Schwagers denken, Käthe,« sagte sie zu dem jungen Mädchen. »Man hat dir weder die Reisejacke abgenommen, noch einen Stuhl zum Niedersetzen angeboten; statt dessen mußt du, gleichviel ob du Lust hast oder nicht, unnütze Erörterungen anhören und auf dem kalten Steinfußboden stehen, während dort die dicken, warmen Teppiche liegen.« Sie zeigte nach den zwei entgegengesetzten Zimmerecken, welche Gruppen von Polstermöbeln und in der That kostbare, schwellende Smyrnateppiche ausfüllten, dann gab sie dem eintretenden Bedienten Befehle für die Hausmamsell hinsichtlich der schleunigen Instandsetzung einiger Gastzimmer.

Damit war die atemlose, herzbeklemmende Spannung gelöst, welche sich bei dem zugespitzten Wortwechsel der Zuhörenden bemächtigt hatte. Der Kommerzienrat beeilte sich, der Angekommenen das Jackett abzunehmen, und Henriette verließ mit einer tiefen Fieberglut auf den eingefallenen Wangen den Wintergarten, um ihre Taube fortzutragen.

»Wollen Sie nicht zum Thee bleiben, Herr Doktor?« fragte die Präsidentin den Arzt, der sich abschiednehmend vor ihr verbeugte. Er entschuldigte sich mit einigen Krankenbesuchen, die er noch zu machen habe — Gründe, bei welchen es sarkastisch um Floras Lippen zuckte, aber das schien er nicht zu bemerken; er reichte ihr die Hand, ebenso dem Kommerzienrate, vor Käthe aber neigte er sich ritterlich ehrerbietig, durchaus nicht wie vor einer jungen, neuen Schwägerin; für ihn war und blieb sie vorderhand das Mädchen aus der Fremde und die anderen schienen diese Auffassung ganz in der Ordnung zu finden ... Mit ihm zugleich verließ Henriette das Zimmer.

»Hör' mal, Flora, für künftig verbitte ich mir dergleichen unerquickliche Szenen, wie wir sie eben mit ansehen mußten,« sagte die Präsidentin stirnrunzelnd mit sehr verschärfter Stimme, nachdem sich die Thür hinter den Hinausgehenden geschlossen hatte. »Du hast dir die vollkommene Freiheit gewahrt, auf dein Ziel loszusteuern, wie es dir paßt und gefällt — gut — von meiner Seite ist dir bisher nicht das geringste in den Weg gelegt worden, aber ich protestiere energisch, sobald du Lust zeigst, die widerwärtige Sache vor meinen Augen auszufechten. Wie gesagt, ich verbitte mir das ernstlich! Soll ich dir wiederholen —«

»Liebe Großmama,« unterbrach sie die junge Dame persiflierend und verächtlich, »wiederhole nicht! ... Du willst doch nur sagen: ‚In diesem Hause kann gemordet werden; es kann brennen — gleichviel, wenn nur die Frau Präsidentin Urach leuchtend wie ein Phönix aus der Asche hervorgeht‘ ... Pardon, Großmama! Ich will es in meinem ganzen Leben nicht wieder thun. Das Haus ist ja groß genug; man kann auch außer deinem Gesichtskreise auf die Mensur gehen. Ach, wenn es mir nur nicht so entsetzlich schwer gemacht würde! Ich fürchte, eines schönen Tages verliere ich doch die Geduld —«

»Flora!« rief der Kommerzienrat mit einer Art von bittender Mahnung.

»Schon gut, mein Herr von Römer! Ich habe selbstverständlich jetzt auch Rücksicht auf deine neue Standeswürde zu nehmen. Gott, was alles lastet auf meinen armen Schultern! Und womit verdiene ich die Heimsuchung, daß sich die Herzen wie die Kletten an mich hängen?«

Sie griff nach ihrem Hute und nahm die Samtschleppe auf, um zu gehen; vor Käthe hielt sie den Schritt an.

»Siehst du, mein lieber Schatz,« sagte sie und legte der jungen Schwester den Zeigefinger unter das Kinn, »so geht es dem armen Frauenzimmer, wenn es sich für einen kurzen Moment mit der Sentimentalität einläßt und zu lieben sich einbildet. Es hat plötzlich den Fuß im Tellereisen und sieht wehklagend ein, daß die abgedroschene gute Lehre: ‚Drum prüfe, wer sich ewig bindet!‘ eine abscheuliche neue Wahrheit enthält — denke an deine Schwester, und nimm dich in acht, Kind!«

Damit ging sie hinaus, und Käthe sah ihr mit großoffenen Augen nach. Was für eine seltsame, unbräutliche Braut war doch die schöne Schwester! —


6.

Nahe der westlichen Grenze des Parkes lagen die Ueberreste des ehemaligen alten Herrenhauses Baumgarten. Von dem ganzen einst wohlbefestigten und mit Wassergräben umgebenen Ritterschlosse stand nur noch ein Zimmerturm von bedeutenden Dimensionen, an den sich der geschwärzte Mauerrest eines Seitenflügels festklammerte. Vor sechzig Jahren war der Bau niedergerissen worden. Der damalige Besitzer, meist im Auslande lebend, hatte das Herrenhaus im modernen Stil als Villa Baumgarten an das entgegengesetzte Ende des Grundstückes, an die Promenade, verlegt, um bei seinem zeitweiligen Aufenthalt in der Heimat »unter Menschen zu sein«, und die schön behauenen Granitblöcke des alten Schlosses beim Neubau verwenden lassen. Den Turm mit seinem Ruinenanhängsel hatte man als Schmuck der Parkanlagen respektiert. Er erhob sich auf einem grün berasten künstlichen Hügel; um seine Basis drängte sich verwildertes Buschwerk; auf dem anstoßenden Mauerstück mit seinem mächtigen Fensterbogen hatten sich Stachelbeersträucher und Heckenrosen eingenistet, und der wilde Hopfen kletterte ihnen nach und streute grüne Ornamente über das dunkle Gestein.

Diese Ruine inmitten eines Wasserringes hatte jedenfalls ihren Zweck als Dekoration erfüllt, aber nach dem damaligen Besitzer war eine praktische nutzenheischende Generation gekommen — sie hatte das Wasser aus dem Graben abgeleitet und in den vortrefflichen Schlammboden Gemüse gepflanzt. Das war nach dem Ausspruche des Schloßmüllers das einzige Vernünftige gewesen, das er bei seinem Ankauf im Parke vorgefunden, und als solches hatte er auch das einträgliche Stückchen Boden sofort zur eigenen Benutzung reklamiert. Käthe war als Kind sehr gern in dem kleinen Thale, wie sie den Graben nannte, umhergewandert. Das himmelschreiende Attentat auf die Romantik und den historischen Nimbus des ehemaligen Wasserschlosses war ihr selbstverständlich damals nicht zum Bewußtsein gekommen; sie war mit Suse stundenlang pflückend durch die Wildnis der Stangenbohnen und jungen Erbsen geschlüpft, ahnungslos, daß bei einem plötzlichen Durchbruche vom Flusse her die Fluten hereinströmen und sie und Suse und die ganze grüne Herrlichkeit verschlingen könnten.

Heute nun, am fünften Tage nach ihrer Ankunft, betrat sie zum erstenmal wieder diese entlegene Parkpartie und stand wie geblendet. Noch hingen die Hopfenranken blätterlos wie ein fahles Netz um die Mauern, und der Hügelrasen, winterdürr und zerwühlt, zeigte noch keine grüne Halmspitze, aber die Aprilsonne lag breit und glänzend auf dem ruinengekrönten Hügel und hob ihn malerisch von dem Tannenwalde, der im Hintergrunde sich über eine lange Bergwand hindehnte. Nicht eine Spur von frischem Mörtel zeigte die aufbessernde Menschenhand an den Mauern; kein neuer Stein war eingefügt worden, aber es schien auch keiner zu fehlen; nur die mächtigen Fensterhöhlen des Turmes, vor denen früher vermorschte Holzläden gelegen, gähnten weit offen, und es glitzerte so seltsam aus den Steinrahmen, als webe ein abgesperrter Sonnenstrahl drin im tiefen Dunkel ein geheimnisvolles Goldgespinst. Und neues liebliches Leben regte sich um den verfallenen Stammsitz derer von Baumgarten; über der Mauerkrone des Turmes kreisten in graziösem Fluge weiße und bunte Tauben, und aus dem Dickicht, unter der uralten Nußbaumgruppe hervor, die den Turm nach Süden hin flankierte, kamen lautlos zwei Rehe und wandelten langsam über den Rasenhang. Das kleine Thal aber war verschwunden. Ein breiter funkelnder Wassergürtel umflutete wieder wie vorzeiten den Hügel, alles, was drunten gegrünt und geblüht und emporgestrebt, nivellierend, als habe die regsame Menschenkraft nie seinen stillen Grund usurpiert gehabt.

Eine Brücke, in Ketten hängend, schwang sich über den Graben, und drüben, vor ihren schmalen Ausgang quer hingestreckt, lag eine riesige Bulldogge; den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt, beobachtete sie mit wachsamem Auge das jenseitige Ufer.

»Da siehst du nun Moritzens Tuskulum, Käthe,« sagte Henriette, die an Käthens Arm hing. »Einst Burgverlies mit den üblichen Marterwerkzeugen und Todesseufzern, vor noch vier Monaten unbestrittener Wohnsitz verschiedener Eulen und Fledermäuse und meiner Tauben, und jetzt Salon, Schlafgemach und sogar Schatzkammer des Herrn Kommerzienrats von Römer ... Gelt, schwarz genug sieht das Ding noch aus, und man meint, der nächste Sturmwind müsse das Mauerstück über den Haufen blasen, aber das alles ist niet- und nagelfest, und gerade dort unter den überhängenden Steinen haust Moritzens Diener — der Mensch wohnt beneidenswert.«

Flora war auch mitgekommen. »Wem's gefällt!« sagte sie trocken und achselzuckend. »Uebrigens eine merkwürdig originelle Idee für einen Krämerkopf — meinst du nicht, Käthe?« Sie schritt an den Schwestern vorbei über die Brücke. Ein Stoß ihres schönen Fußes scheuchte den Hund aus dem Wege, dann stieg sie den Rasenhang hinauf. Schüchtern flohen die Rehe vor der seidenrauschenden Erscheinung; die Tauben flatterten geängstigt von den unteren Fenstersimsen, und der Hund knurrte widerwillig und ging der herrischen Dame um einige Schritte langsam nach ... Wie sie droben stand, die schlanken Hände auf das Schloß der eisenbeschlagenen Turmpforte gelegt und den Kopf mit dem metallisch funkelnden Blondhaar über die Schultern zurückwendend, im hellgrauen, silberflüssig schimmernden Seidenkleid mit Puffärmeln und seitwärts aufgenommener Schleppe, da war sie das leibhaftige Sagenbild der schönen Kaisertochter im Kyffhäuser.

Unwillkürlich glitt Käthens Blick von ihr weg auf Henriette, die sich dicht an ihre Seite schmiegte, und das Herz that ihr weh. Die hinfällige Gestalt mit ihren eckigen Linien in dem knapp anliegenden Ueberkleid von glänzenden Farben balancierte förmlich auf übermäßig hohen Absätzen. Sie atmete so kurz und hastig und sah so grellbunt, so kokett und dadurch fast lächerlich aus. Aber sie hatte in den letzten zwei Tagen an häufig wiederkehrenden Erstickungsanfällen gelitten, und sie wollte doch nicht krank sein — die Welt sollte nun einmal nicht wissen, daß sie leide. Sie konnte mitleidigen Blicken oder teilnehmenden Bemerkungen gegenüber so zornig und beißend werden, und doch hatte sie schwerer als sonst gelitten; denn Doktor Bruck, der sie behandelte und ihr stets Linderung zu verschaffen wußte, war verreist, und zwar wenige Stunden nach seinem neulichen Weggange aus der Villa; er sei von einem Freunde telegraphisch nach L.....g berufen worden und werde mehrere Tage ausbleiben, hatte er seiner Braut in einem kurzen Billet mitgeteilt. Der ärztliche Beistand des Medizinalrats von Bär aber war von der Kranken energisch zurückgewiesen worden — »lieber sterben!« hatte sie, mit ihrer Erstickungsangst kämpfend, geflüstert. Käthe hatte die Schwester fast allein gepflegt und hütete sie seitdem mit zärtlicher Sorgfalt. Jetzt legte sie ihren Arm sanft um die gebrechliche Gestalt und führte sie über die Brücke, nach der Ruine.

Wie oft war sie als Kind den Rasenabhang hinaufgelaufen und durch das Gestrüpp gekrochen! Wie oft hatte sie durch das weite Schlüsselloch der Turmpforte gelugt! In den Kellern des Turmes sollte noch Pulver aus dem Dreißigjährigen Kriege liegen, und an den Wänden herum hänge »lauter grausiges Zeug«, hatten die Dienstleute gesagt. Aber es war immer rabenschwarze Finsternis drin gewesen, und eine dicke, schwere Luft hatte das lauschende Kindergesicht erschreckend angehaucht; hatten nun gar ein Paar Eulenflügel sich von droben geregt, dann war sie, wie von Furien gejagt, den Hügel hinabgesprungen und hatte sich mit beiden Händen, von Grauen geschüttelt, an Suses Schürze angeklammert ... Jetzt stand sie drin, am Fuße einer teppichbelegten schmalen Wendeltreppe, und bestaunte mit großen Augen die Wunder, die das Geld des reichen Kaufmanns bewirkt. Draußen scheinbar zusammensinkendes Trümmerwerk, und innen ein vollkommenes Ritterheimwesen. Der einst mit den Augen nicht zu durchdringende Raum war ein weites Gewölbe, das mit seinen starken Steinbögen die ganze Last der oberen Stockwerke trug. An den Wänden hing noch »das grausige Zeug«, Helme und Waffen, aber es war geschmackvoll geordnet, und die blanken Flächen sprühten den Sonnenschein zurück, der blendend und ungehindert durch die Fenster fiel. Man hatte, um dem Turme von außen den Charakter der Ruine zu belassen, selbst das Fensterkreuz vermieden und ungebrochene Spiegelscheiben in die dicken Mauern eingesetzt — daher das wunderliche Glitzern tief drinnen ... Der Bau war ein sogenannter Bergfried, in Zeiten der höchsten Gefahr ein Zufluchtsort für die Burgbewohner gewesen. Als solcher hatte er damals in seinen oberen Gemächern jedenfalls nur die allerprimitivste Einrichtung enthalten, jetzt aber durfte er sich an Prachtentfaltung getrost mit den ehemaligen, nun längst von der Erde verschwundenen Bankettsälen im Haupthause messen.

Als die beiden Schwestern in das erste Zimmer des oberen Stockwerkes traten, da lehnte Flora bereits, eine glimmende Cigarette in der Rechten, graziös nachlässig zwischen den purpurfarbenen Kissen eines Ruhebettes und sah zu, wie der Kommerzienrat in der silbernen Maschine den Nachmittagskaffee braute. Er hatte die drei Schwägerinnen dazu eingeladen.

»Nun, Käthe?« rief er dem jungen Mädchen entgegen und deutete mit dem ausgestreckten Arme bezeichnend rundum über das Neugeschaffene.

»Nun Käthe?« rief er dem jungen Mädchen entgegen und deutete mit dem ausgestreckten Arme bezeichnend rundum über das Neugeschaffene. (S. 75.)

Sie stand auf der Schwelle, einen schwarzen Schleier lose über die goldbraunen Flechten geworfen, hellen, lachenden Auges und so hoch und kraftvoll, als entstamme sie selbst dem alten Reckengeschlecht derer von Baumgarten.

»Hochromantisch, Moritz! Die Täuschung ist vollkommen,« antwortete sie heiter. »Der da unten,« sie zeigte durch das nächste Fenster hinab auf den flimmernden Wassergürtel, »könnte einen durch seine ernsthafte Verteidigungsmiene erschrecken, wüßte man nicht, daß ein Kommerzienrat des neunzehnten Jahrhunderts dahinter sitzt.«

Er zog die feinen Augenbrauen finster zusammen, und sein Blick streifte unsicher ihr Gesicht — sie bemerkte es nicht. »Hübsch und löblich ist es ganz gewiß nicht gewesen, daß sich Kohl und Rüben früher aus seinem Grunde breit machen durften,« fuhr sie fort; »das weiß ich nun, wenn mich auch das kleine Thal in der Erinnerung anheimelt. Aber ist es nicht ein interessantes, wunderliches Spiel des Wechsels, daß der Kaufmann die Schranken erneut, die das alte Rittergeschlecht zuletzt selbst mißachtet und als überflüssig entfernt hat?«

»Vergiß nicht, meine liebe Käthe, daß ich nunmehr der Ritterschaft selbst angehöre!« versetzte er gereizt und in sehr pikiertem Tone. »Traurig genug, daß sich die alten Geschlechter dem Zeitgeist anbequemt und ehrwürdige Institutionen achtlos aufgegeben — nicht ein Jota durften sie fallen lassen. Es ist ein unverantwortlicher Raub an uns, die wir die Nachfolgenden sind.«

»Schwachkopf! Er ist katholischer als der Papst,« murmelte Henriette ergrimmt; sie schritt tiefer ins Zimmer, während Käthe mechanisch die Thür hinter sich fester zuzog, ohne den halb erschrockenen, halb nachdenklichen Blick von dem sichtlich erregten Manne am Kredenztische wegzuwenden. Sie hatte ihn als Kind gern gehabt, wie alle Menschen, die mit ihm verkehrten. Früh verwaist, aus einer braven Handwerkerfamilie stammend, von bestechend schönem Aeußern und einschmeichelndem Wesen, war er in das Geschäft des Bankier Mangold als Lehrling gekommen und schließlich dessen Schwiegersohn geworden. Käthe wußte, daß er ihre Schwester Klothilde bis zu deren frühem Tode auf den Händen getragen; sie hatte ihn immer nur fügsam bis zur Unterwürfigkeit ihrem Vater gegenüber gesehen, auch war er stets gleichmäßig freundlich und hilfreich selbst gegen die untersten Dienstleute gewesen — und jetzt schwebte um den schön geschwungenen Männermund dort ein scharf ausgeprägter Zug von widerwärtigem Hochmut. Der Seilersohn stieß verächtlich die Leiter um, auf der er emporgeklommen; sein Glücksrausch blendete ihn dergestalt, daß er in den Jargon der eingefleischtesten Krautjunker verfiel.

Henriette hatte sich auf einen niedrigen, polsterbelegten Schemel gekauert, und die Arme um die Kniee legend, sagte sie beißend: »Liebster Moritz, ich bitte dich, thue nicht so entsetzlich herausfordernd! Es könnte irgend eine alte Ahnfrau drüber aufwachen und sehen, wie der tapfere Nachfolger und Burgherr Kaffee kocht, und das züchtige Burgfräulein bequem dort liegt und Cigaretten raucht — na, die würde Augen machen!«

Flora veränderte ihre Stellung nicht um eine Linie; sie nahm nur langsam die Cigarette aus dem spöttisch lächelnden Munde. »Geniert es dich, Schätzchen?« fragte sie in verstellt phlegmatischem Ton und stäubte mit dem Ringfinger die Asche ab.

»Mich?« — Henriette lachte hart auf. »Du weißt, daß ich mich durch dein geniales Thun und Treiben nicht genieren lasse — die Welt ist weit, Flora; man kann sich aus dem Wege gehen und —«

»Pst, nicht so bissig, Kleine! Ich fragte aus purem Mitleid, weil du brustkrank bist.«

Ein fliegendes Rot erschien und verschwand in jähem Wechsel auf den schmalen Wangen der Kranken, und in ihren Augen funkelten Thränen — sie bezwang sich mühsam. »Danke schön, aber sorge du zuerst für dich selber, Flora! Ich weiß, es zuckt dir in allen Fingern, das qualmende Ding da zum Fenster hinauszuwerfen, denn es beräuchert deine Perlenzähne wie Meerschaum und jagt dir einen Schauder des Abscheues nach dem anderen über die Haut — trotz alledem diese heroische Selbstüberwindung! Aus Emanzipationssucht? Bah, du hast viel zu guten Geschmack, Flora, um zu den allerordinärsten Requisiten des Blaustrumpfes zu greifen; auch bringst du dieser Neigung, die ja schließlich doch nur auf öffentliche Verherrlichung ausgeht, kein Opfer, das verhäßlicht —«

»Schau, was sie für eine hohe Meinung von mir hat, die liebe Seele!« sagte Flora, unter ironischem Auflachen den Kopf schüttelnd, zu dem Kommerzienrat.

»Du übst dich im Rauchen und wirst das vielleicht drei bis vier Wochen konsequent durchführen,« fuhr Henriette unbeirrt, aber mit sichtlicher Erbitterung fort, »weil es Leute gibt, die Tabaksrauch im Frauenmunde verabscheuen wie Pesthauch. Du suchst Händel, willst erzürnen, es ist der letzte Hebel, den du ansetzest —«

Flora richtete sich aus ihrer halb liegenden Stellung auf. »Nun, und wenn, mein Fräulein?« fragte sie stolz zurückweisend. »Ist es nicht meine Sache, ob ich gefallen oder abstoßen will?«

»Weit entfernt! In deinem Falle bleibt dir nur noch die Aufgabe, zu beglücken,« brauste Henriette empört auf.

»Lächerlich! Trage ich hier vielleicht den Ehering?« — Sie zeigte auf den elfenbeinweißen Goldfinger der Rechten. »Gott sei Dank, nein! ... Uebrigens hast du am allerwenigsten Ursache, dich zu echauffieren und eine Lanze einzulegen — du bist krank, armes Ding, und mehr als je auf deinen Arzt angewiesen, aber er zieht es vor, eine Vergnügungsreise zu machen und auf die unmotivierteste Weise wochenlang fortzubleiben.«

Jetzt mischte sich auch der Kommerzienrat in den Wortwechsel der erbitterten Schwestern. »Unmotiviert, Flora, weil er dir den Grund seiner Reise nicht des langen und breiten mitgeteilt hat?« rief er ärgerlich. »Bruck spricht nie über seinen Beruf und die damit verknüpften Vorkommnisse, das weißt du. Er ist ohne Zweifel an ein Krankenbett gerufen worden —«

»Nach L.....g, wo man berühmte Universitätsprofessoren haben kann? Ha, ha, ha! Eine kostbare Idee! Mache dich doch nicht lächerlich mit dergleichen Illusionen, Moritz! Uebrigens ist das ein Punkt, über den ich grundsätzlich nicht mehr mit euch streite — basta!« Sie streckte ihre Rechte nach der Kaffeetasse aus und schlürfte den köstlich duftenden Trank. Henriette aber schob grollend die gebotene Labung zurück; sie stand auf und trat an die Glasthür, die auf die anstoßende Ruine hinausführte. Das Mauerstück war der Rest einer Kolonnade, die einst von dem ersten Stockwerk des Haupthauses in den Turm geführt hatte; die zwei schön gewölbten, auf schlanken Säulchen ruhenden Bögen bildeten jetzt eine Art Söller mit prachtvoller Fernsicht.

Henriette riß den Thürflügel auf, und die krampfhaft geballten Hände gegen die Brust drückend, sog sie angstvoll gierig die frische Luft ein, aber eine augenblickliche Erstickungsnot machte sich doch geltend. Käthe und der Kommerzienrat eilten, die Leidende zu unterstützen; auch Flora erhob sich. Sie warf unwillig die Cigarette in den Aschenbecher. »Nun werden wohl die harmlosen Dampfwölkchen schuld sein müssen an dem Anfall,« sagte sie geärgert, »aber ich weiß es besser. Du gehörtest von Rechts wegen ins Bett, Henriette, und nicht in die trockene Frühlingsluft hinaus, die für Leute deines Schlages wahres Gift ist — ich habe dich gleich gewarnt, aber du hast ja nie Ohren für einen wohlgemeinten Rat und möchtest einem am liebsten weismachen, du strotzest von Gesundheit wie ein Posaunenengel. Ebenso obstinat bist du bezüglich der ärztlichen Hilfe —«

»Weil ich meine kranke Lunge nicht dem ersten besten Giftmischer anvertraue,« ergänzte Henriette in mattem, aber sehr entschiedenem Tone.

»O weh, das geht meinem armen alten Medizinalrate an die Ehre,« rief Flora lächelnd. Sie zog die Schulter empor. »Immerhin, Kind, wenn es dir Vergnügen macht! Ich kann ja auch nicht wissen, wie er seine Mixturen mischt, so viel aber darf ich behaupten, daß er noch nie einem Patienten ungeschickterweise nahezu — den Hals abgeschnitten hat.«

Der Kommerzienrat fuhr mit bleichem Gesichte herum und hob unwillkürlich die Hand, als wolle er sie auf den impertinenten, lästernden Frauenmund pressen; er schien sprachlos — sein Blick streifte scheu Käthens Gesicht.

»Du Herzlose!« stieß Henriette hervor.

»Herzlos bin ich nicht, aber unerschrocken genug, böse Dinge beim Namen zu nennen, selbst wenn die harten Worte auf eigene Wunden zurückschlagen sollten. Wo bliebe dann auch das Verdienst der strengen Wahrhaftigkeit? ... Denke an jenen schlimmen Abend und frage dich, wer recht behalten hat! Ich wußte, daß ein tiefer Sturz aus den Höhen fälschlich erträumter Berühmtheit erfolgen mußte — er ist erfolgt, zermalmender, rettungsloser als ich selbst gefürchtet, oder wollt ihr auch die einstimmige Verurteilung von seiten des Publikums wegdisputieren? Daß ich aber nicht mit stürzen will, wird jeder begreifen, der mich kennt ... Ich kann nicht beschönigen und vertuschen, wie es z. B. die Großmama aus dem Fundament versteht; ich will es auch gar nicht. Keine Rolle ist lächerlicher als die jener ahnungslosen Frauenseelen, die da noch öffentlich anbeten, wo, wie die Welt sich zuzischelt, längst nichts mehr zu verehren ist.«

Sie schlug auch den anderen Thürflügel zurück und trat hinaus auf den Söller. Sie hatte in leidenschaftlicher Steigerung gesprochen; der bleiche Marmorton ihres vom blauen Frühlingshimmel sich scharf abhebenden Römergesichts belebte sich unheimlich; mit den flimmernden Augen voll abweisender Verachtung, mit den nervös bebenden Nasenflügeln war sie die personifizierte brennende Ungeduld.

»Uebrigens hat es ja in seiner Hand gelegen, mich zu bekehren — wie hätte ich ihn dann verteidigen wollen mit Mund und Feder!« fuhr sie fort, während sich ihre feinen Finger in das rasselnde Geflecht verdorrter Schlingpflanzen verstrickten. »Aber er hat es vorgezogen, auf meine erste und einzige dahin zielende Frage stolz wie ein Spanier mit einem Eisesblicke zu antworten —«

»Diese Antwort sollte dir genug sein —«

»Ganz und gar nicht, mein lieber Moritz; ich finde sie sehr bequem und wohlfeil, und in Bezug auf sprechende Blicke und Gesten bin ich skeptisch — ich verlange mehr ... Aber ich will dir zeigen, daß mir der gute Wille nicht fehlt, indem ich dir hiermit noch einmal wiederhole, was ich gleich zu Anfang verlangt habe: Beweise mir und der Welt, daß er seine Schuldigkeit gethan hat, denn du warst Zeuge!«

Er trat rasch von der Thürschwelle zurück und legte die Hand schützend über die Augen — das Sonnenlicht, das den Balkon grell überströmte, belästigte ihn unerträglich. »Du weißt allzu gut, daß ich das nicht in der Weise kann, wie du es forderst — ich bin kein Mediziner,« versetzte er mit tief herabgedrückter Stimme; sie verlor sich fast in einer Art von Murmeln.

»Kein Wort mehr, Moritz!« rief Henriette. An ihrem Körper bebte jede Fiber. »Mit jedem Verteidigungsversuch gibst du zu, daß diese edle Braut einen Anschein von Berechtigung für sich hat, feig und wankelmütig zu sein.« Ihre großen Augen, in denen das innere Fieber aufglühte, richteten sich haßerfüllt auf das schöne Gesicht der Schwester. »Im Grunde kann man nur wünschen, daß deine grausamen Manöver möglichst rasch zum Ziele führen möchten, das heißt — sei es endlich einmal in dürren Worten ausgesprochen — daß er infolge deiner sichtlichen Entfremdung freiwillig das Verhältnis lösen hilft; denn er verliert wahrlich nichts an deiner kalten Seele, die sich nur an äußere Erfolge klammert, aber er liebt dich und wird weit eher mit vollem Bewußtsein in eine unglückliche Ehe gehen, als sich von dir trennen — das beweist sein ganzes Verhalten —«

»Leider,« warf Flora über die Schulter herüber ein.

»Und aus dem Grunde werde ich zu ihm stehen und deine Machinationen vereiteln, wo ich kann,« vollendete Henriette mit zuckenden Lippen und gesteigerter Stimme.

Der mitleidige Seitenblick, mit welchem Flora das tief erregte gebrechliche Mädchen langsam maß, funkelte förmlich in grausamem Spott, aber es war auch, als käme ihr bei dieser Musterung eine überraschende Erkenntnis; sie legte plötzlich den rechten Arm um Henriettens Schulter, zog die Widerstrebende an sich heran und flüsterte ihr mit einem sardonischen Lächeln ins Ohr: »Beglücke du ihn doch, Kleine! Ich werde ganz gewiß keinen Einspruch erheben — davor bist du sicher.«

Bis zu welchem frevelhaften Uebermute konnte sich doch solch eine eitle Frauenseele versteigen, die sich gefeiert und heiß begehrt wußte! Käthe stand nahe genug, um das Gezischel zu verstehen, und so passiv sie sich auch bisher verhalten, jetzt sprühte ein ehrlicher Zorn aus ihren Augen.

Flora fing den Blick auf. »Schau, was das Mädchen für Augen machen kann! Verstehst du denn keinen Spaß, Käthe?« sagte sie halb amüsiert, halb betroffen. »Ich thue deinem verhätschelten Pflegling nichts, obschon ich das gute Recht hätte, Henriettens kleine Bosheiten endlich einmal derb abzufertigen ... Diese zwei Menschen,« sie zeigte auf den Kommerzienrat und Henriette, »bilden sich ein, über meine Sitten wachen zu müssen, und du, Jüngstes, eben aus dem Pensionsnest geschlüpft, Häkel- und Stricktouren und ein paar französische Brocken im Kopfe, hältst sofort zu ihnen und machst Front gegen mich — Närrchen, meinst du wirklich ein Urteil über deine Schwester Flora zu haben?« Sie lachte belustigt auf und streckte die Hand gegen einen der Nußbäume aus, von welchen eben eine Taube emporflog; der blendendweiße Vogel stieg hoch in den flimmernden Himmel hinein. »Siehst du, Kleine, eben noch hockte sie neben den anderen auf dem Aste dort, und die anderen waren ihresgleichen — und jetzt werfen ihre ausgebreiteten Flügel förmlich Silberfunken, und in der einsamen blauen Höhe wird sie eine selbständige stolze Erscheinung für die Menschenaugen drunten. Vielleicht lernst du dermaleinst verstehen, auf welche feurige, dürstende Menschenseele das Bild paßt. Apropos, Moritz,« unterbrach sie sich lebhaft und winkte den Kommerzienrat zu sich heraus auf den Söller, »dort hinter dem Gehölze muß ja wohl Brucks Acquisition, das alte Wirtschaftsgebäude, liegen — ich sehe starken Rauch über den Bäumen —«

»Aus dem einfachen Grunde, weil Feuer auf dem Herde brennt,« versetzte lächelnd der Kommerzienrat; »die Tante Diakonus zieht seit gestern ein.«

»In das verwahrloste Nest, wie es ist?«

»Wie es ist. Uebrigens war der Schloßmüller ein viel zu guter Wirt, um seine Gebäulichkeiten verfallen zu lassen; in dem Hause fehlt kein Nagel, kein Ziegel auf dem Dache.«

»Nun, Glück zu! Im Grunde ist die Sache so übel nicht. Die vorweltlichen Ausstattungsmöbel der Tante und das Bild des seligen Diakonus passen an die Wände; Platz genug für die Einmachbüchsen, und das Backobst wird ja auch da sein, und das Scheuerwasser fließt direkt und unerschöpflich am Hause vorbei.« Sie affektierte einen leichten Nervenschauer und nahm wie unwillkürlich den reich garnierten Kleidersaum auf, als fühle sie sich plötzlich auf einen frisch gescheuerten Dielenboden versetzt. »Es wird gut sein, die Thüren zu schließen,« sagte sie rasch in das Zimmer zurücktretend; »der Wind trägt den Rauch und Dampf herüber. Puh!« — ihre feinen Nasenflügel vibrierten, sie fuhr mit dem Taschentuche durch die Luft — »ich glaube wahrhaftig, die gute Frau backt ihre unvermeidlichen Pfannkuchen noch ehe sie einen Stuhl zum Niedersitzen im Hause hat — sie kann nun einmal das Schmoren und Backen nicht lassen.« Damit schlug sie die Thürflügel zusammen.

Währenddem hatte Henriette still das Zimmer verlassen. Bei Floras Geflüster war sie in jähem Aufschrecken emporgefahren wie jemand, der sich, plötzlich erwachend, vor einem tiefen Abgrunde findet. Seitdem hatte sie kein Wort mehr gesprochen, und nun war sie hinaufgestiegen in das oberste Gelaß des Turmes, wo die Tauben und Dohlen nisteten. Käthe griff nach ihrem Sonnenschirme — sie wußte, daß die Kranke stets allein sein wollte, wenn sie sich stillschweigend aus dem Kreise der anderen entfernte — das Turmzimmer aber mit den dicken Wänden, der erdrückenden Pracht und der gebieterisch auf und ab rauschenden, kapriziösen Schwester erschien ihr beklemmend unheimlich; war es doch, als fliege der Zündstoff zu Streit und Reibereien unausgesetzt durch die Luft, in der Flora atmete. Das junge Mädchen beschloß deshalb, rasch einen Gang zu Suse zu machen.

»Nun meinetwegen, da gehe in deine Mühle,« rief der Kommerzienrat ärgerlich, nachdem er vergeblich versucht hatte, sie zurückzuhalten, »aber erst sieh hierher!« Er zog seitwärts an einem schweren Gobelinbehange — dahinter, in einer tiefen Mauernische, stand ein neuer Geldschrank. »Der gehört dir, du Gebenedeite; das ist dein ‚Bäumlein rüttle dich, wirf Gold und Silber über mich!‘« sagte er, und seine Hand glitt förmlich liebkosend über das kalte Metall. »Alles, was dein Großvater an Haus und Hof, an Wald und Feld besessen hat, da drin liegt es, in Papier verwandelt. Diese Papiere arbeiten bienenfleißig Tag und Nacht für dich. Sie ziehen unglaubliche Geldströme aus der Welt in diesen stillen Winkel ... Der Schloßmüller hat seine Zeit wohl begriffen — das beweist sein Testament; aber wie fabelhaft seine Hinterlassenschaft in der Form anwachsen wird, das hat er schwerlich geahnt.«