WeRead Powered by ReaderPub
Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste cover

Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste

Chapter 10: Biskra
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The travelogue records a sea voyage from Marseille to Algiers, describing a violent spring storm aboard ship, the landing and first impressions of Algiers with its blend of European modernity and North African atmosphere, bustling quays, Kasbah streets and local inhabitants, and continues into Kabylie and the desert with vivid landscape sketches, ethnographic observations, architectural and botanical notes, and practical travel episodes. The narrative mixes anecdote and careful description, punctuated by photographic plates and a map that illustrate towns, people, and natural scenery encountered on the route.

Biskra

»Königin des Ziban«, »Königin der Wüste« wird diese Oase in der bilderreichen arabischen Sprache genannt. Aber ich glaube, mancher, den diese Benennung gefangen genommen, der sich danach im Geist bereits ein Bild fertig ausgemalt hatte, wird im ersten Augenblick, da er den Ort kennen lernt, tiefenttäuscht sein. Unsere Gedankenverbindung geht nun einmal dahin, daß wir uns unter einer »Königin« etwas ganz Herrliches, Vornehmes, Unnahbares vorstellen. Eine rechte Königin muß Majestät um sich verbreiten, muß im goldgestickten Kleide mit der schimmernden Krone auf dem Haupte erscheinen. Diese wichtigen Tribute fehlen der »Königin des Ziban«. Man könnte die Oase eher mit einer schönen jungen Araberin vergleichen. Vom Kopf bis zu den Füßen in einen Schal gehüllt, der nichts als ein vielversprechendes Auge freiläßt. Sinkt die Hülle, so zeigt sie ein fesselndes Gesicht von dunklem Haar umrahmt und edle Formen, die von Schönheit und Grazie erzählen: So ist Biskra.

Die Ankunft auf dem kleinen, schmutzigen Bahnhof, der so verloren auf der öden Strecke liegt, der Weg in die Stadt auf schlechter, schattenloser Straße, das französische Viertel, das man zuerst erblickt, nicht Dorf, nicht städtisch, bilden den verhüllenden und wenig schönen Mantel. Und wer als flüchtiger Tourist Biskra besucht, wer bei der Ankunft schon festgesetzt hat, welcher Zug ihn am zweiten oder dritten Tage wieder über das Auresgebirge zurücktragen soll, der mag wohl in den seltensten Fällen den wirklich ungewöhnlichen Reiz dieser Oase kennen lernen. In seiner Erinnerung mag sie nur als eine von den vielen mittelmäßig Schönen weiterleben, die ihm auf langer Reise begegnet sind. Aber dem, der an sie glaubt, der nicht nach dem ersten Eindruck den Stab über sie bricht, der bleibt und um ihre Gunst sich bemüht, für den sinkt die störende Hülle, und den lohnt sie reich und verschwenderisch wie eine echte Königin mit all ihrer Schönheit.

Welch wundervolles Gefühl liegt allein in dem Bewußtsein an jedem Morgen: Heute wird der Himmel wieder blauen, die Sonne wieder scheinen!

Dort, in gar nicht weiter Ferne, hinter der Gebirgskette wehen eisige Winde, Schneegestöber füllt vielleicht die Täler. Über den himmelwärts strebenden Kuppen hängen schwere graue Wolken. Aber wie von unsichtbarer Hand werden sie dort festgehalten. Keine wagt sich herüber. Ein strahlendes, wolkenloses Firmament dehnt sich über Biskra, über die endlose dahinter liegende Sahara.


Jussuf ben Saad wurde unsere rechte Hand in Biskra. Durch Freunde, bei denen er längere Zeit sein Amt als Führer ausgeübt hatte, war er uns empfohlen. Wir wußten also, was wir an ihm hatten. Über mittelgroß, schlank gewachsen wie alle Araber, mit einer Art Raubvogelphysiognomie, durch leichte Pockennarben gezeichnet und in jeder freien Minute Zigaretten rauchend, das ist Jussufs äußerer Steckbrief. Seine Kollegen mochten ihn nicht gern. Sie machten ihm zum Vorwurf, daß er die Interessen der Fremden zu sehr vertrat, die sich ihm anvertrauten. Denn warum diesen Fremden irgend etwas sparen helfen, da sie doch gekommen waren, um Geld zu verausgaben? Das war die Ansicht, der sie huldigten. Aber Jussuf war stolz auf seinen Ruf und tat sein möglichstes, ihn zu erhalten. Dabei mag ihm dies gerade in jener Zeit nicht ganz leicht gefallen sein, denn er war in Geldnöten. Er hatte sich wieder einmal eine Frau gekauft. Es war die dritte. Von der ersten hatte er sich scheiden lassen, weil er sie nicht mehr leiden mochte. Die zweite liebte er sehr. Aber sie hatte die schlechte Angewohnheit, ihn während des Schlafes zu bestehlen. Für das Geld kaufte sie sich Schmuck oder sie gab es ihren Eltern. Da alle Schläge – das beliebte und häufig angewandte Erziehungsmittel des Arabers – nichts halfen, sandte er sie wieder nach Hause zurück. Und nun hatte er, wie gesagt, sich Nummer drei zugelegt. Bei den Arabern ist es streng verpönt, über ihre Frauen, überhaupt über Familienangelegenheiten zu sprechen. Aber Jussuf war schon so weit europäisiert, daß er antwortete, wenn man ihn über diesen Punkt befragte. Und so erfuhr man, daß die Frau gerade dreizehn Jahre geworden und schön, sehr schön sei. Und daß er unter verschiedenen Bewerbern als Sieger hervorgegangen war, weil er den höchsten Preis geboten hatte, nämlich 1500 Franken. Da er nicht soviel an Vermögen besaß, hatte er nur einen Teil der Summe bezahlt, und der Rest sollte in Raten beglichen werden. Konnte er diese nicht innehalten, so kamen ohne Frage die Eltern und holten ihr schönes Töchterchen wieder nach Hause. Das waren keine ergötzlichen Aussichten. Aber trotz seiner großen Verliebtheit und seiner Geldsorgen stand Jussuf auf der Höhe der Situation. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein war er uns ein freundlicher und williger Cicerone. Öfter kam es vor, daß man ihn für den Rest eines Tages entließ, weil man glaubte, seiner nicht mehr zu bedürfen. Wünschte man dann eine Weile später aus irgendeinem Grunde ihn doch zu haben, so stand er sicher, wie dahin gezaubert, wieder vor dem Hotel. Und niemals empfand man seine Gegenwart störend, wie dies so oft bei europäischen Führern der Fall ist. Er wußte genau, wann er reden und wann er schweigen sollte. Er verstand die große Kunst, sich unbemerkt zu machen, ohne als untergeordnetes Wesen zu erscheinen.

Jussuf

Unter Jussufs Führung lernten wir Biskra so sehen, wie man es sehen muß, um die Oase liebzugewinnen. Oh, diese unvergeßlichen Schlenderstunden in Alt-Biskra! Diese köstlichen Vormittagswanderungen durch seine verträumten Gassen! Die Morgensonne zaubert zartrosa Reflexe auf die gelben, primitiven, oft geborstenen Lehmwände. Stolze Palmenhäupter neigen sich in der frischen Brise grüßend darüber. Meist führen die kapriziös gewundenen Wege an der langsam dahingleitenden Seguia[5] entlang, die unter den Häusermauern hindurch in kleinen Rinnsalen ihr kostbares Naß in die Gärten sendet. Straßenweit manchmal kein lebendes Wesen zu erblicken. Kein anderer Ton zu vernehmen als das melancholische Murmeln eines Brunnens.

Unter Straßenüberbrückungen, in denen kühler Schatten nistet, liegen graue Gestalten, in den Burnus gehüllt, die Kapuze über das Gesicht gezogen. Selbst in der Nähe von dem Erdboden kaum zu unterscheiden. Schlafen, wachen, träumen sie? Wir streifen hart an ihnen vorüber. Aber nicht die leiseste Bewegung verrät, daß Leben in ihnen wohnt.

Auf der Plattform eines Hauses steht eine vermummte Frauengestalt. Auch sie reglos, wie zu Stein erstarrt. Doppelt phantastisch wirkend unter einer zu lautem Jubel herausfordernden Sonne.

Ein gehaltenes Sprechen dringt an unser Ohr. Stimmen, die erwidern. Wir gehen dem Klange nach und finden in dem Erdgeschoß eines Hauses etwa zwölf Männer versammelt. Im Kreise sitzen sie auf dem mit Matten bedeckten Boden um einen Mann mit einem Patriarchenkopf. Er ist ein Gelehrter, der einzige aus der Versammlung, der die Kunst des Lesens beherrscht. Mit gedämpfter Stimme trägt er einen Satz aus dem Koran vor, und unter Fragen und Antworten, Reden und Gegenreden wird dieser Satz nun von allen Seiten beleuchtet und zerpflückt.

»Sie stören nicht. Treten Sie nur ein,« redet uns Jussuf zu.

So wagen wir uns über die Schwelle, in den kahlen, halbdunklen Raum, dessen Türe weit offen steht. Und in der Tat, nicht ein Auge wendet sich nach den Eindringlingen. Es ist, als ob wir gar nicht existierten.

Ein paar der Jünger gehen. Voller Ehrfurcht pressen sie einen Kuß auf den Burnus des Meisters, schlüpfen in ihre Pantoffeln, die sie innerhalb des Einganges abgelegt haben, und verlassen lautlosen Schrittes den Raum.

In einer anderen Gasse empfangen uns fröhliche Kinderstimmen. Entzückende kleine Buben stürzen auf uns zu. Zartgliedrig sind sie, sonngebräunt, mit kecken Gesichtern und dem schwarzen Haarbüschel mitten auf dem Kopf, an dem Allah sie einst zu sich holt. Und sie werden von ebenso kecken kleinen Mädchen verdrängt, mit feinen, weichgerundeten Gliedern, auffallend schlanken, schöngeformten Händen und Füßen und großen dunklen Augen, die eine lebhafte und kokette Sprache reden. Die kleinen Jungens oft ganz nackt oder mit einem viel zu großen Burnus angetan, die Mädchen in bunte Lumpen gehüllt. Sie alle wollen von den Fremden Backschisch. Und eine lustige Szene entwickelt sich, wenn eines der ihnen zugeworfenen Geldstücke vom schmalen Weg hinab in das Bett der Seguia rollt und der ganze Kindertroß im nächsten Moment in der kühlen Flut sich balgt, um den Ausreißer zu erwischen.

An der Seguia in Biskra

Hin und wieder, wo die Seguia etwas breiter fließt, trifft man Frauen und Mädchen beim Waschen. Die Hände in die Hüften gestützt, bearbeiten sie das Wäschestück mit den Füßen auf Steinen, die ausgehöhlt und glatt und glänzend sind wie geschliffener Marmor.

Und dasselbe Wasser, in dem sich die Jugend balgt, in dem man die Wäsche reinigt, wird auf seinem Wege in einem der nächsten Häuser geschöpft und zum Kochen verwandt. Das Reinlichkeitsgefühl ist wenig ausgeprägt, und Bazillenfurcht kennt man nicht in diesem Sonnenlande.

Oft genug waren wir schon an den kleinen, niedrigen Hauseingängen vorübergewandert, die immer so fest verschlossen sind, als hätten sie große Geheimnisse zu hüten. Oft genug hatte uns der Wunsch gepackt, einmal hindurchzuschlüpfen, um einen Blick auf das werfen zu können, was sich dahinter barg, auf die Menschen, die in unserer Einbildung ein gleichsam verzaubertes Leben dort führten. Und eines Tages wurde uns auch dieser Wunsch erfüllt.

Es war das Haus eines reichen Mannes, das zu besuchen uns Jussuf die Erlaubnis erwirkt hatte. Die niedrige, aus Palmenholz gefertigte Eingangstür führte in ein scheunenartiges Gewölbe, in dem Hühner und Ziegen bei unserem Eintritt erschreckt durcheinanderstoben. Ein bissig aussehender Köter stürzte kläffend auf uns zu, so daß wir uns keinen Schritt weiter wagten. Aus dieser Lage rettete uns ein kleines, süßes, schmutziges Mädchen. Sie geleitete uns hinein in eine Art Hof von ziemlicher Größe, der nur zum Teil mit einzelnen großen Palmwedeln gedeckt war, zwischen denen das Sonnenlicht hindurchsickern konnte. Ein Kreis in der Mitte blieb völlig frei, und Licht und Wärme drangen ungehindert ein. Die Lehmwände waren hier drinnen genau so kahl wie an der Außenseite des Hauses. In einer Ecke, in einem primitiven Bassin, sickerte ein Brünnchen, Wasser der Seguia, das durch das Haus geleitet wird und das ein wenig Kühlung verbreitet. Auf einem Gestell hing eine Guerba, ein schwarzes, nicht enthaartes Ziegenfell, das innen mit Pflanzenteer ausgepicht ist und Trinkwasser enthält. Sonst nicht ein einziger Gegenstand im ganzen Raum.

Den Boden in der Mitte bedeckten Matten aus Alfa[6] und zartfarbige Teppiche. Und darauf hockte ein junges Weib, das höchstens zwölf Jahre zählte, und nicht weit von ihr ein kleines, nacktes Bübchen. Die Frau schien in schlechter Laune zu sein, denn sie gab sich kaum Mühe, unseren Gruß zu erwidern. Keine Miene verzog sich in ihrem gelblichen, rassigen Gesichte, und Mißmut lag in ihren großen dunklen, mit schwarzblauer Farbe stark umränderten Augen. Die Fingernägel hatte sie, wie die meisten Araberinnen, mit Henna gefärbt, ebenso Streifen ihres üppigen schwarzen Haares. Ungewöhnlich viel Schmuck bedeckte Hals und Brust, Hand- und Fußgelenke und war der deutlichste Beweis dafür, daß wir wirklich die Frau eines reichen Mannes vor uns hatten.

Durch Jussuf hatten wir gehört, daß sie des Französischen mächtig sei, und so sagten wir ihr einige liebenswürdige Dinge in dieser Sprache und unseren Dank für die Erlaubnis, ihr Haus besichtigen zu dürfen. Sie murmelte darauf etwas in Arabisch, das durchaus nicht freundlich klang, und machte auch nicht die geringste Miene, sich zu erheben und uns etwas mehr von dem Innern ihres Heims zu zeigen.

Markt in Biskra

Ein unbehagliches Gefühl erfaßte uns, und wir beratschlagten gerade, ob es nicht am besten wäre, sich wieder zu empfehlen, als sich neben uns auf dem Boden ein Bündel bunter Lappen bewegte, aus denen sich ein entzückendes junges goldbraunes Geschöpf herausschälte. Noch waren ihre Augen ein wenig schlaftrunken, aber ungezählte Teufelchen des Übermuts, der List und Koketterie spukten schon darin. Ihre Schmucksachen klirrten leise, als sie sich wie ein geschmeidiges Raubtierchen erhob, dehnte und streckte und uns fröhlich lächelnd in ihrer arabischen Sprache begrüßte.

In der Annahme, daß man uns nicht verstand, stellten wir Vergleiche über die beiden weiblichen Wesen an, die selbstverständlich alle zugunsten der kleinen, anmutigen Langschläferin ausfielen.

Da mit einem Male – war es gekränkte Eitelkeit, die es bewirkt, war es nur ein Stimmungsumschlag – sprach die junge Frau mit dem gelblichen, rassigen Gesicht in völlig geläufigem Französisch zu uns, stellte uns ihre Mitbewohnerin als ihre Schwägerin vor und lud uns ein, neben ihr auf dem Teppich Platz zu nehmen. Nun, nachdem das Eis gebrochen war, erzählte sie uns von sich und ihrem Leben.

Ihr Geburtsort lag in der Nähe von Biskra, wo ihr Vater eine Stellung bei der französischen Regierung bekleidete. Sie hatte jahrelang die französische Schule besucht und hegte eine große Vorliebe für alles, was französisch war. Am liebsten hätte sie auch nach europäischer Sitte geheiratet. Aber da kam eines Tages der reiche arabische Freiersmann, und der Vater bestimmte, daß sie ihn nehmen mußte. Man hört häufig, daß es den arabischen Mädchen, die ihren Bräutigam in der Hochzeitsnacht zum ersten Male sehen, ziemlich gleich sei, wen sie heiraten. Ein Mann sei ein Mann. In diesem Falle traf dies sicher nicht zu. Dieses junge Geschöpf empfand es deutlich, daß sie ein Opfer ihrer Erziehung und der Sitten des Landes geworden war, die einem Mädchen nicht erlauben, den Gatten selbst zu wählen. Für alles, was man sie einst gelehrt, hatte sie nun keine Verwendung mehr. Sie war sich völlig klar über das Unwürdige in der Stellung eines arabischen Weibes, das absolut nichts weiter ist als der Spielball für die leidenschaftlichen Sinne des Mannes. Sie litt unter dem Eingepferchtsein und der Abgeschlossenheit von allem, was Leben heißt, sie verabscheute ihr arabisches Kostüm, an dem sie verächtlich zupfte, und suchte selbst zu vergessen, daß sie der französischen Sprache mächtig war, da mit dieser Sprache immer die Erinnerung an das zurückkam, was einst gewesen war. Nun hatten wir die Erklärung für ihre stumme Unliebenswürdigkeit.

Während sie uns dies erzählte, kurz, abgehackt, beinahe wie gegen ihren eigenen Willen, beschäftigte sich ihre Verwandte, die kein Wort von der Unterhaltung verstand, damit, unsere Garderobe von Kopf bis Fuß zu untersuchen. Bis zu den intimsten Kleidungsstücken drang sie vor, und bald erstaunt, bald höchlich amüsiert, plapperte sie darüber zu der ernsten Schwägerin. In dem verführerischen Köpfchen dieses geschmeidigen Wesens steckten keine schweren Gedanken. Sie war wohl ein Muster des Alltagstyps, zufrieden mit sich und den Dingen, wie sie nun einmal waren.

Das kleine, nackte Bübchen, das unser größtes Erstaunen erregte, denn es hatte blaue Augen und rotblonde Löckchen, hatte sich die ganze Zeit über völlig ruhig verhalten und mit großen, erstaunten Blicken die Fremdlinge betrachtet. Aber nun wurde es ihm wohl doch zu langweilig. Laut schreiend rutschte es auf die Mutter zu, die Frau mit den düsteren, unzufriedenen Augen, zerrte an deren Gewand und suchte wie ein Tierchen nach der Brust. Diese Brust, die so schlaff und welk und verbraucht aussah, als ob sie einem bejahrten, von Not und Hunger ausgemergelten Weibe gehörte. Entsetzen und Mitleid erfaßten uns. Denn hier sahen wir die Folgen dieser allzufrühen Heiraten. Die Folgen von Ehen, in denen der zarte, noch fast kindliche Körper des Mädchens in den seltensten Fällen schon den Ansprüchen gewachsen ist, die Frauen- und Mutterpflichten an ihn stellen.

Alt-Biskra

In einer Art gedecktem Alkoven, in dem ein Kochtopf über einem Feuer brodelte und in der flachen Kuskusschüssel ein paar bunte Wäschestücke eingeweicht lagen, hantierte eine alte Frau. Hin und wieder streckte sie den Kopf aus ihrer Ecke und betrachtete uns mit neugierigen Augen. Nach einer Weile kam sie hervor und hockte sich ein Stückchen von uns entfernt auf den Boden nieder. Ganz scheu und vorsichtig, als ob sie nicht bemerkt sein wollte. Wir dachten, es wäre eine Angestellte, erfuhren dann aber zu unserem Erstaunen, daß es die Schwiegermutter sei. Ein Weib, das etwa fünfunddreißig Jahre zählte – die Menschen wissen hier ihr Alter nur immer so ungefähr –, jedoch wie eine schlechterhaltene Sechzigjährige aussah. Sie wohnte im Hause und verrichtete alle Arbeit, während die jungen Frauen ihrer Söhne den Tag verschliefen, verträumten oder verplauderten.

»Was wollen Sie,« sagte mit einer wegwerfenden Handbewegung die Frau mit dem gelblichen, rassigen Gesichte, »sie ist zu sonst nichts mehr nütze. Das geht uns allen später so.«

Auf unsere Frage wurde uns auch gestattet, die Schlafstuben zu besichtigen. Es waren völlig kahle, fensterlose Räume, die Luft und Licht nur durch die auf den inneren Hof mündende Türe erhielten. Aber der Hausherr dokumentierte, daß er ein reicher Mann war, indem er sich eine große französische Bettstelle angeschafft hatte, während die Araber sonst meist auf dem mit Matten belegten Boden schlafen. Keine der Frauen hatte sich erhoben, um uns zu führen. Nur durch eine Kopfbewegung war uns angedeutet worden, wo die Zimmer lagen. Und als wir uns nun verabschiedeten, lächelte uns die Jüngere, Goldbraune, freundlich zu, die Alte tat, als ob sie uns nicht sähe, und die Frau mit dem bleichen, rassigen Gesicht hatte bereits wieder ihre unnahbare Miene aufgesetzt und sah ganz so aus, als ob sie bedauerte, überhaupt mit uns gesprochen zu haben.

Wir hatten Jussufs Geduld auf eine lange Probe gestellt, denn die Sonne stand bereits im Mittag, als wir durch die niedrige Tür wieder hinaus in die menschenleere Gasse schlüpften.


Einen herrlichen Blick über die ganze Oase, die aus sieben Dörfern zusammengesetzt ist und sich am westlichen Ufer des Oued Biskra entlang zieht, hat man von der höchsten Spitze des Minaretts. Es ist ein eigenartiges Bild, das immer wieder fesselt. Die flachdachigen Häuser, an sich so ärmlich und doch in mancher Beleuchtung aussehend, als seien sie aus Goldstaub erbaut, überschattet von den stolzen dunkelgrünen Kronen der Palmen, deren Rauschen in der weichen Brise bis hinauf zur Turmspitze dringt. Zwischen diesem Gold und Grün die kleinen Kuppeln der Marabuts so blendend weiß, als hätten sie alles Licht angesogen. Und hinter diesem Gold und Weiß und Grün, das eng zusammengeschoben ist, die weite, fahle, sonnendurchglühte Ebene der Sahara.


Manchmal nahmen wir den Weg aus Alt-Biskra zurück über den arabischen Friedhof und waren gelegentlich Zeuge, wie die Araber ihre Toten begraben. Auf einer Bahre, die von vier Männern auf der Schulter getragen wird, ruht der Verstorbene. Der Körper ist nur in Tücher eingehüllt, und durch die darüber geworfene leichte, buntfarbige Draperie zeichnen sich deutlich seine Formen ab. Verwandte und Freunde folgen der Bahre, die Männer laut betend, die Frauen schrille Jammerrufe ausstoßend. Mit dem Gesicht nach Mekka gewandt, betten sie den Toten in ein flaches Grab. Keine bezahlte Hand leistet dabei Dienste. Alles, was getan werden muß, wird von den Angehörigen besorgt. Keine feierlichen Reden werden gehalten. Ebenso wenig wie es feierliche Grabsteine gibt. Nur hier und dort läßt eine aus getrockneter Erde errichtete und mit Kalk geweißte Kuppel den Ruheplatz eines Marabuts erkennen. Alle anderen Gräber sind dem Boden gleich und verraten sich nur durch kleine, länglich runde, inschriftslose Steine, deren Zahl zugleich erklärt, ob Mann, Frau oder Kind darunter liegt. Weder Baum noch Strauch, noch die winzigste Blume ziert den Friedhof des Arabers. Völlig kahl und stimmungslos, selbst ohne die geringste Umfriedigung, liegt sein Totenacker.

Gräber in der Wüste

So gewiß wie die Sonne an jedem Morgen mit gleicher Pracht erschien, so gewiß trafen wir auf unseren Wegen immer an derselben Stelle dieselben Bettler. Sie betrachteten uns bald als ihre Freunde und hätten es als Kränkung empfunden, wenn wir einmal achtlos an ihnen vorübergegangen wären. Da war unser »Methusalem«, ein verhutzeltes Männchen, das wir nie anders als eifrig seinen Rosenkranz betend erblickten. Da war der ungewöhnlich große, schöngewachsene bronzefarbene Mann, dessen edelgeschnittene Züge mit den Blatternarben und den erloschenen Augen erschütternd wirkten. Da war der Choleriker mit dem verdrießlichen Gesicht, der stets Worte des Propheten vor sich hinmurmelte, dessen Stimme bei unserem Näherkommen immer lauter und energischer wurde und der die Gabe wie ein gutes Recht forderte und entgegennahm. Da war der Brotverkäufer, der von Tag zu Tag am Rande des Straßengrabens neben einem Häufchen kleiner, runder Honigbrote kauerte. Die Brote waren schwarz von Fliegen, und der von Tieren, Wagen und Menschen aufgewirbelte Chausseestaub lagerte sich darauf ab. Niemals bemerkte man einen Käufer bei ihm, und sein Vorrat schien am Abend immer noch derselbe zu sein wie am Morgen. Und doch blickte der Mann nie mißvergnügt und nie entmutigt. Stets hatte er ein freundliches Lächeln bereit. Und da war unser kleiner Negerjunge, so häßlich, wie die Natur nur in ihrem Zorn etwas erschaffen kann, aber mit einem Paar großer, treuer Hundeaugen. Und wie ein Hündchen wartete er vor dem Hotel und begleitete uns auf unseren Gängen, glücklich über jede Kleinigkeit, die ihm zufiel, und im siebenten Himmel, als sich eines Tages sein höchster Wunsch erfüllte und er der Besitzer gelber Babouchen[7] wurde.

Es hätte uns etwas gefehlt, wenn wir einen von diesen schnell gewonnenen Freunden einmal nicht an seinem gewohnten Platz gefunden hätten. Sie gehörten mit zum Bilde.


Ebenso wie Alt-Biskra zeigt auch der Marktplatz in den Vormittagsstunden sein eigenartigstes und interessantestes Gesicht. Dort eine fast unnatürliche Ruhe wie an einem verwunschenen Ort, hier in völligem Gegensatze konzentriertes Leben, Farben und Bewegung.

Welch ein fesselndes Bild bietet dieser von Kolonnaden umschlossene Platz, besonders an den Tagen, an denen die Nomaden aus den Zibanbergen und dem Auresgebirge und die Karawanen aus dem Süden eintreffen! Was sieht man da für prächtige, charakteristische Köpfe unter den weißen, mit brauner Kamelhaarkordel umwundenen Turbanen!

Und alles ist auf diesem Markt zu haben: neben den für die Europäer nötigen Viktualien geduldige, ungeschlachte Dromedare. Kleine graue Eselchen mit furchtbar dünnen Beinchen und klugen, ergebenen Augen. Alte und neue Burnusse und bunte Stoffe und Schleier für die Gewänder der Frauen. Henna zum Färben der Haare und Nägel und die kleinen, runden Spiegelchen, die zur Toilette jedes eingeborenen weiblichen Wesens gehören. Babouchen, rot und gelb, aus weichem Gazellenleder, lebendige und tote Wüsteneidechsen. Fächer, aus Alfa geflochten und mit farbiger Wolle bestickt. Rosenkränze aus Dattelkernen, Schmucksachen aus Korallen und bunter Emaille und originell geformte silberne Armbänder, von denen die kokette Araberin nie genug besitzen kann.

Schläfer am Wege

Da stehen aneinandergereiht Säcke, gefüllt mit Getreide, und Säcke mit harten getrockneten Datteln, die aussehen wie graue Kieselsteine und die eine beliebte Nahrung für Menschen und Tiere bilden. Und daneben liegen große, viereckige Blöcke aus festgepreßten, klebrigen Dattelfrüchten, auf denen ganze Fliegenschwärme sich gütlich tun.

In einer Ecke des Marktes wird geschlachtet, und über rotzüngelnder Glut dreht sich der Hammel am Spieß. Und wer die Mittel besitzt, der schlemmt und leistet sich ein Gericht Kuskus mit lecker duftendem Hammelbraten. Und wer sie nicht besitzt, der ersteht sich als Mahlzeit eine Handvoll Datteln oder eine Portion gerösteter Heuschrecken, von denen er alles verzehrt bis auf die schimmernden, feingeäderten Flügel. Diese Heuschrecken sollen im Geschmack den Krabben ähneln und nahrhafter sein als Fleisch. Ein Glück, daß sie den braunen Söhnen der Wüste besser schmecken, als sie uns bei einem Probeessen mundeten!


Die Araber mögen bei ihren Käufen und Verkäufen genau so feilschen und handeln wie die Europäer. Aber da hört man kein Schreien und Anpreisen der Waren, kein lautes Wortgefecht. Alles wird mit einer ruhigen Würde erledigt. Die Verkäufer sitzen regungslos mit untergeschlagenen Beinen auf ihren Matten am Boden. Die zahlreichen Besucher des Marktes wandeln dazwischen hindurch, hier betrachtend, dort eine Frage stellend. Sie kehren nicht das Wichtigtun des Einkaufens heraus, wie man es bei den Menschen auf unseren Märkten beobachten kann. Bei ihnen wirkt es mehr wie ein behagliches Flanieren, ein Zeitvertreib. Sie gehen alle wie Grandseigneurs. Oh, er ist ein wundervolles Feld für Studien jeder Art, dieser bunte, sonnenüberflutete Markt von Biskra!


Das war noch niemals vorgekommen, daß Jussuf zur verabredeten Zeit nicht zur Stelle war. Es mußte etwas ganz Ungewöhnliches sein, was ihn zurückhielt. Endlich kam er an, mit einem langen, sorgenvollen Gesicht. Und dies war der Grund seiner Verspätung: sein Bruder Ali, der als Nomade lebte und sein Zelt draußen in der Nähe von Hammam-es-Salahin aufgeschlagen hatte, besaß zwei Kamele. Oder vielmehr er hatte sie besessen. Denn da sich in der letzten Zeit keine Beschäftigung für die Tiere gefunden, hatte er sie einem Hirten übergeben, der sie mit etwa zwanzig anderen Kamelen von verschiedenen Besitzern auf die Weide trieb. Und nun waren am Tage zuvor plötzlich drei Männer aufgetaucht, die mit geübtem Blick die allerbesten Tiere auswählten und mit ihnen auf und davon jagten. Was sollte der arme Hirte machen? Jeder Ruf wäre in der menschenleeren Öde ungehört verhallt. Was bedeutete seine Kraft gegen die Übermacht von dreien? Während er ein Tier zurücktrieb, hatten die Diebe sich inzwischen schon wieder zwei andere genommen. So blieb ihm nichts übrig, als mit dem Rest seiner Herde heimzukehren und das Unglück zu berichten. Die Bestohlenen hielten Rat und versuchten die Nacht hindurch und im Laufe des ganzen Vormittags irgendeine Spur der Diebe zu entdecken. Völlig vergeblich. Nun hatte sich am Mittag ein Bechaâr[8] gemeldet. Unter der Bedingung, daß sein Name nicht genannt wurde und man ihm eine bestimmte Summe Geldes aushändigte, wollte er sich verpflichten, die gestohlenen Tiere wieder zur Stelle zu schaffen. Aber woher sollten die armen Nomaden so viel Geld nehmen, wie er verlangte? In den abhanden gekommenen Tieren steckte ja doch ihr ganzes Vermögen. So war denn Ali in die Oase gewandert, um dem Bruder sein Leid zu klagen und ihn zur Hilfe zu veranlassen. Und Jussuf hatte sein möglichstes getan, um die nötige Summe aufzutreiben.

»Aber was gibt Ihnen Sicherheit dafür, daß der Mann wirklich die Tiere wieder zur Stelle schafft?« fragten wir.

»Oh, ein Bechaâr hält immer sein Wort!«

Und es stellte sich im Verlauf der weiteren Unterhaltung heraus, daß solche Geschäfte häufig gemacht werden. Der Bechaâr ist in manchen Fällen selbst der Dieb, zum mindesten ist er Helfershelfer oder Hehler. Das weiß man und weiß daher auch bestimmt, daß er imstande ist, sein Versprechen zu halten.

Im Jardin Landon (Biskra)

Keiner denkt daran, gerichtliche Hilfe bei solchen Vorkommnissen hinzuzuziehen, wie man überhaupt jede Berührung mit dem Gericht so viel wie möglich vermeidet. Man tröstet sich mit dem Gedanken, über kurz oder lang in irgendeiner Weise Rache nehmen zu können.

Es war nur allzu begreiflich, daß dieses Ereignis den Sinn unseres guten Jussufs vollauf beschäftigte. Bürdete es ihm doch zu seinen schon vorhandenen Sorgen wieder neue auf. So verzichteten wir für den Rest des Tages auf seine Dienste und benutzten die Nachmittagsstunden dazu, den längst geplanten Besuch im Jardin Landon auszuführen. Sehr viel hatten wir schon von diesem Wunder in der Wüste gehört, das der Laune eines französischen Grafen seine Entstehung verdankt. Und es rechtfertigt ohne Frage seinen Ruf, es ist ein wahrhaftiges Eden.

Mit wundervollem Verständnis ist der mehrere Hektar große Garten angelegt: alles Schöne, was tropische Vegetation an edlen Palmen und Sträuchern hervorbringt, ist hier vertreten und vereinigt sich in scheinbar wilder und doch gezähmter Üppigkeit. Kein welkes Blatt bedeckt die wohlgepflegten schattigen Wege oder die grünen, sonnenbeglänzten Rasenflächen. Lautlosen Schrittes und mit einer Würde, als täten sie Dienst in einem Heiligtum, verrichten schwarzgebrannte Männer die Arbeit in diesem Garten. Mitten in der grünen Wildnis stehen einzelne kleine Gebäude, von denen das eine ein Rauchzimmer, das andere einen Salon und ein anderes die Küche enthält. Und an den blendend weißen Wänden dieser zierlichen maurischen Bauten ranken sich in üppiger Fülle zartduftende Kletterrosen und die wundervollen purpurfarbenen Blüten der Bougainvillia empor. Die Seguia murmelt ihre leise Sprache. Große Vögel rascheln im dichten Gebüsch. Hin und wieder dringt ein verwehter Ton aus dem nicht allzu weit entfernt liegenden Negerdorf herüber. Ein traumhafter Friede liegt über diesem Garten.

Und doch zog es mich nicht wieder dahin. Denn obwohl das Schild mit den ominösen Worten »il est défendu« nirgendwo zu sehen war, empfand ich doch den Zwang, der dem Besucher dieses Ortes unwillkürlich aufgelegt wird. Nein, bin ich schon den Fesseln des Alltags entronnen, so gebt mir in Biskra die große weite Wüste, die dem Menschen nach allen Richtungen so frei und offen steht wie den Winden des Himmels.


Und hätte Biskra nichts als seine Sonnenuntergänge, es wäre des Besuches wert. Nie und nirgends sah ich das Tagesgestirn in solcher Schönheit Abschied nehmen wie in dieser Oase am Eingange zur Sahara. Langsam versinkt der rotglühende Ball hinter den scharfen Zacken des Zibangebirges. Der ganze westliche Himmel entzündet sich und gleicht einem wogenden Feuermeer. Anscheinend dicht darunter auf den Hängen des Zibans entwickelt sich eine wundervolle Symphonie in Braun. Die harten Furchen schimmern weich wie Falten eines samtenen Gewandes. Die hohen Dünen gen Oumach hin gleichen einem seidenen Teppich aus Fraise und Gold gewebt. Im Osten nehmen die Berge allmählich ganz unwahrscheinliche Töne an. Blaßrosa und tief erikafarben leuchten die einen. Ein anderer hat sich in zartgelbe Schleier gehüllt, auf denen bläulichgraue Schatten ruhen, und wieder ein anderer liegt da wie ein ungeheurer Amethyst. Dazwischen erhebt sich in mattem Rubinrot, duftig, als leuchte er von innen heraus, der Ahmar-Khaddou.[9]

Der Himmel prangt in einem Farbengemisch so fein, so delikat, wie man sich's nie erdenken könnte, und ein Abglanz davon schwebt in der Luft und senkt sich, alles verklärend, auf die armselige, demütig sich breitende Erde. Die weißgrauen Kieselsteine des sonst so tristen Flußbettes gleißen wie flüssiges Silber, und die hohen Lehmufer scheinen sich in mattes Gold verwandelt zu haben. Alles glüht und glänzt und leuchtet.

Brotverkäufer in Biskra

Etwa eine halbe Stunde dauert dieses grandiose Schauspiel, dieses berauschende Farbenbacchanal. Dann verlöschen langsam die Gluten. Die letzten Strahlen ruhen auf der weißen Kuppel des berühmten Marabuts Sidi-Zerzour, der sich mitten im ausgetrockneten Bett des Oued Biskra erhebt. Die Berge stehen wieder entzaubert, die Oasen liegen wie schwarze traurige Inseln im fahlen Sandmeer.

Die Terrassen beleben sich inzwischen mit vermummten Frauengestalten. Die ganze Luft ist mit Tierstimmen erfüllt. In den dichten Kronen der Palmen und der Pfefferbäume lärmen die Spatzen, die heimkehrenden Ziegen meckern, die Hammel blöken, die abgetriebenen Eselchen schreien zum Erbarmen, und aus den großen Karawansereien dringt das unartikulierte, jammervolle Stöhnen der Kamele.

Rasch sinkt die Dunkelheit herab, und allmählich tritt Ruhe ein. Aber einige Stunden später, wenn der europäische Teil der Oase schon im Schlafe liegt, beginnt allabendlich ein neues Leben in dem Araberviertel.

Hinter dem Marktplatz ziehen sich ein paar kerzengerade enge Gassen hin. »Heilige Straßen« werden sie genannt. Ein kleines Häuschen lehnt sich dort an das andere, jedes mit einem winzigen durchbrochenen Balkon geschmückt. Und bewohnt sind diese Häuschen von den Ouled Naïls, den Freudenspenderinnen. Während des Tages sind diese Straßen leer und schweigsam, aber sowie die Nacht herabgesunken ist, erwachen sie. Jeder der winzigen Balkone wird nun mit bunten Teppichen behangen und mit einer kleinen Laterne beleuchtet. Und auf der Schwelle jedes Hauses sitzt eine Ouled Naïl. Über weißen Unterkleidern trägt sie die bunte seidene Gandura, mit schwerem Gürtel gehalten. Das tiefschwarze Haar ist durch Wolle verstärkt und zu handbreiten Zöpfen geflochten, die in einer wunderlichen Frisur das stark geschminkte Gesicht umrahmen. Auf Stirn und Wangen sind mit dunkelblauer Farbe kleine Blümchen und Kreuzchen gemalt, wodurch die gelbliche Blässe oder das matte Braun der Haut noch mehr hervorgehoben wird. Auf dem Kopfe sitzt die kleine charakteristische Krone aus Straußenfedern, von der lange, weiße, mit Gold oder Silber bestickte Schleier herabwallen. Schwere silberne Spangen umschließen Arm- und Fußgelenke. Ketten aus großen goldenen Geldstücken schmücken das Haupt, den Hals und die Brust. Es sind alles Geschenke, die sie empfangen, und sie bilden den Stolz einer jeden Ouled Naïl.

Direkt hinter der Schwelle führt eine schmale, steile Stiege in das obere Stockwerk hinauf. Auf der höchsten Stufe steht ein brennender Wachsstock.

In dem diskreten Halbdunkel der Straße leuchten die mattfarbenen Gesichter, die dunkeln, schwarzumränderten Augen und das viele blanke Gold des Schmuckes doppelt phantastisch.

Die Mädchen mit den ruhigen, stolzen, manchmal sphinxartigen, manchmal nur naiv sinnlichen Gesichtern rauchen Zigaretten und unterhalten sich mit ihren Nachbarinnen. Manchmal springt eine von ihnen auf, und an den Eingang zum Erdgeschoß gelehnt, dessen Türe geöffnet ist, so daß man den mit Matten bedeckten und mit einer Kerze erleuchteten Raum überblicken kann, singt sie ein Liebeslied. Wild und leidenschaftlich klingt es in unverfälschten, ungebändigten Naturlauten.

In den schmalen Gassen, in der mit Moschusgeruch erfüllten Atmosphäre drängt und schiebt sich die Menge. Feurige, schmachtende, werbende Blicke umschmeicheln die eigenartigen Gestalten auf den niedrigen Türschwellen. Wie Bienengesumm liegt's in der Luft von all den gedämpften Stimmen. Zwischen den Arabern in weißen und bunten Burnussen wandeln mit verwunderten und neugierigen Augen die Fremden.

Ein Teil der Menge verliert sich in den zahlreich vorhandenen Cafés. Es sind kleine, niedrige Räume. Dicht gedrängt sitzen die Araber auf dem mattenbelegten Boden. Für die Fremden ist meist eine primitive Bank aufgestellt. Auf einer rohgezimmerten Estrade hocken die Musikanten. Querpfeife, Flöte, Schalmei und Tamtam vereinigen sich, und zu einer wilden bizarren Musik tanzt eine Ouled Naïl. Langsam, zögernd beginnt sie. Die Füße regen sich kaum von der Stelle. Die Hände, über das Haupt erhoben, spielen kokett mit einem winzigen bunten Taschentuch. Aber mit dem Tempo der Musik bewegen sich die Hüften, Brust und Leib erschauern, hüpfen, daß die schweren Schmucksachen klirren, um mitten in der höchsten Ekstase plötzlich innezuhalten und beim schrillen Auffahren der Musik, unter charakteristischen Schreien, dasselbe leidenschaftliche, sinnenerregende Spiel von neuem zu beginnen und in wildem Taumel zu beenden.

Die heilige Straße in Biskra

Weltentrückt sitzen die Araber. Ihre Blicke hängen wie gebannt an dem Körper der Tänzerin, die ihnen das fesselnde Liebesspiel vorgaukelt, und sie opfern ihr freudig den letzten Sous, wenn sie nachher mit dem Holzteller in der Hand ihren Lohn einsammelt.

Es gibt berühmte Schönheiten unter den Ouled Naïls. Und wenn eine von ihnen sich bewegen läßt, in einem Café zu tanzen, so geht das wie ein Lauffeuer durch das arabische Quartier, und der Raum vermag die Menge der Schaulustigen nicht zu fassen. Geschenke, Liebe und Verehrung fallen diesen heißblütigen Kindern der Wüste in den Schoß. Denn in diesem Lande klebt kein Makel an ihrem Beruf. Es ist ein dem großen Allah wohlgefälliger Dienst, in den sie sich stellen. Und haben sie in diesem Dienste Reichtum genug gesammelt, so kehren sie zurück in ihre heimatliche Oase, verheiraten sich und werden gute Frauen und Mütter, die ihren Töchtern später dieselben Wege weisen, die sie einst gegangen sind.[10]

Ist es nicht eine Ouled Naïl, die die Sinne bezaubert, so ist es ein Schwerttänzer, der mit seinen waghalsigen, unglaublich gewandten Kunststücken die Herzen erbeben läßt, oder ein mit Schellen, Lumpen und Fellen behängter Neger von wahrhaft grotesker Häßlichkeit sorgt für Erheiterung. Jedes Kupferstück, das ihm sein Singen und seine Bocksprünge einbringen, verschwindet in seinem großen Mund. Alle Zuschauer haben wohl schon ihren Obolus entrichtet. Nur ein Fremder ist noch übrig, der mit verdrossenem Gesicht um sich blickt und nicht daran denkt, sein Scherflein beizusteuern. Mit einem Satze steht das groteske Ungetüm hart vor ihm, hüpft wie ein Besessener auf und ab, bearbeitet die Trommel, die ihm vor dem Leibe hängt, zum Zerplatzen, und schreit ihm zwischen jedem Trommelwirbel sonderbar klingende Worte ins Gesicht. Immer verdrossener blickt der Fremde. Immer wilder hüpft und trommelt der schwarze Spuk. Die Worte prasseln wie Steine nieder.

Alles fängt nun an, sich über den Vorgang zu amüsieren. Die Araber vergraben das Kinn halb im Burnus, um das Lachen zu verbergen. Jussuf erklärt uns, daß es lauter Schimpfnamen seien, mit denen der groteske Wilde den Fremden belegt.

Endlich greift dieser in die Tasche und wirft seinem Peiniger ein Kupferstück vor die Füße. Grinsend rafft dieser es auf, und mit dem dankbaren Zurufe: »Warum hast du denn das nicht gleich getan, du dummer Esel!« springt er davon.

Stolz erhobenen Hauptes, als wollte er sagen: Nun, dich habe ich mal für dein Geld ordentlich arbeiten lassen, verließ der vielfach Titulierte das Café, ahnungslos, wieviel er zur Belustigung des Publikums beigetragen, ahnungslos, um wieviel Nasenlängen die schwarze Rasse diesmal gesiegt hatte.


Können die Nerven noch stärkere Kost vertragen, so lockt in dem Erdgeschoß eines halbverfallenen Hauses ein tanzender Derwisch. Nie und nimmer würde man an diesem Menschen, wo immer es auch sei, achtlos vorübergehen. Von ungewöhnlicher Größe, tief bronzefarben, ausgemergelt, daß nicht ein Lot Fleisch mehr an seinem ganzen Körper zu finden ist. Und auf diesem Körper ein Kopf mit langen, wirren Haaren, vorstehenden Backenknochen und tiefliegenden, unheimlich fanatisch blickenden Augen. Wie ein Häufchen Unglück kauert er in einer Ecke. Nur die Augen leben und stechen, als ob sie töten könnten.

Ouled Naïls

Die Musik beginnt. Pfeife und Tamtam. Langsam. Immer denselben Ton, denselben Rhythmus. Nun erhebt sich der Bronzefarbene. In der Mitte des engen Raumes, immer auf demselben Flecke stehend, beginnt er seine verwirrenden Verrenkungen. Es scheint eine Ewigkeit, seit er begonnen hat.

Ein alter Mann mit einem bösen Gesicht wirft in ein Reisigfeuer, das er auf dem Boden entzündet, eine Handvoll Räucherwaren. Im Nu füllt sich der fensterlose, dichtverschlossene Raum mit atembeklemmenden Dämpfen. In die rasch entstandene Glut schiebt er lange dicke Eisennadeln. Und als diese glühend geworden sind, hält der Derwisch in seinem Tanze inne, faßt nach den Nadeln und führt sie sich durch die Backen, durch die Zunge, durch den Hals.

Wie wahnsinnig gellt jetzt die Pfeife, hämmert das Tamtam. Große Schweißperlen stehen auf den Gesichtern der Musikanten. Wahnsinn leuchtet aus den Augen des Tanzenden. Nun reißt er die Nadeln heraus, und in rasenden Drehungen über dem von neuem entfachten hellodernden Reisigfeuer bricht er völlig erschöpft zusammen. Der alte Mann mit dem bösen Gesicht wirft einen zerlumpten Burnus über ihn. Es ist, als ob er etwas Totes bedeckte.


Ganz abseits von dem arabischen Viertel, zwischen der großen staubigen Straße, die nach Tugurt führt, und dem breiten ausgetrockneten Bette des Oued Biskra liegt das Negerdorf. Wie riesige Bienenkörbe sehen seine primitiven, aus Lehm errichteten Hütten aus, deren Bewohner aus allen Rassen des Sudans zusammengemischt sind. Unsauber und übelduftend sind die schmalen Gäßchen. Fette, dicklippige Negerinnen hocken unter den Hauseingängen, und unzählige schwarze und schwarzbraune Kinder, deren ganze Bekleidung meist nur aus silbernen Spangen besteht, erfüllen die Luft mit lautem Geschrei. Es zieht einen nicht dorthin zu behaglichem genußvollem Schlendern, wie in die verwunschenen stillen Straßen von Alt-Biskra.

Auch das Negerdorf feiert seine Feste. Aber nicht allabendlich wie das Araberviertel. Hier tritt die Freude am Festefeiern sporadisch auf. Nach einer ganzen Reihe stiller Nächte bricht plötzlich der Taumel los.

In bequemen Stühlen auf der Terrasse unseres Hotels ausgestreckt, genossen wir den Zauber einer unvergleichlich schönen südlichen Nacht. Aus dem Araberviertel wehte hin und wieder das abgerissene Schluchzen einer Schalmei, ein verlorener Flötenton, ein aufreizender Tamtamschlag herüber und zauberte das ganze sinnestrunkene Bild vor Augen, das sich mit jedem einbrechenden Abend dort von neuem entwickelt.

Drüben im Negerdorf aber, das sonst so ruhig und verschlafen gelegen, erscholl lauter Trommelschlag. Mit kurzen Unterbrechungen seit Stunden derselbe Takt. Nervenaufreizend. Und wir wurden begierig, zu sehen, woran diese dunkle Rasse sich ergötzte.

Im Hotel fand sich noch ein Führer. Es war gegen Mitternacht, als wir nach dem Dorf hinüberwanderten, wo uns das phantastischste Schauspiel erwartete.

Auf einem kleinen freien Platze, vom fahlen weißen Mondlicht überflutet, bildete eine Anzahl schwarzer Kerle mit fratzenhaften Gesichtern einen Kreis. Und in diesem Kreise tanzten zwei Männer. Sie machten affenartige Sprünge, klatschten die Hände über dem Kopf zusammen, hockten plötzlich nieder, sprangen auf, stampften den Boden mit den nackten Füßen und drehten sich in schräger Haltung wie ein Kreisel um ihre eigene Achse.

Immer wieder dieselbe Reihenfolge der Bewegungen. Der Trommler stand hart neben ihnen und folgte ihnen wie ein Teil ihrer selbst, jeden Fußbreit, den sie vor- oder rückwärts machten. Von allen dreien rann der Schweiß in Strömen.