WeRead Powered by ReaderPub
Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste cover

Im Land des Lichts: Ein Streifzug durch Kabylie und Wüste

Chapter 2: Einleitung
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The travelogue records a sea voyage from Marseille to Algiers, describing a violent spring storm aboard ship, the landing and first impressions of Algiers with its blend of European modernity and North African atmosphere, bustling quays, Kasbah streets and local inhabitants, and continues into Kabylie and the desert with vivid landscape sketches, ethnographic observations, architectural and botanical notes, and practical travel episodes. The narrative mixes anecdote and careful description, punctuated by photographic plates and a map that illustrate towns, people, and natural scenery encountered on the route.

Einleitung

An einem grauen, tristen Februartage brachte uns das gehetzte Dampfroß aus der Stadt des Kaisers nach Marseille an die Pforte, die in den geheimnisvollen Orient führt. Aus Kälte, Schnee und Eis waren wir plötzlich in den Frühling versetzt, unter einen tiefblauen Himmel, in eine köstlich warme Sonne, und ein echter Frühlingssturm war gerade dabei, seine unbändige Riesenkraft zu erproben.

In Marseille sein und die berühmte Kathedrale »Notre-Dame de la Garde« nicht besuchen, wäre ungefähr dasselbe, wie in Rom weilen, ohne den Papst zu sehen.

Der Aufzug, der an einer senkrechten Felsenwand hinaufklettert, brachte uns auf die Spitze der Klippen. Aber seinen schützenden vier Wänden entronnen, war man nur noch ein Spiel des Windes. Mit größter Anstrengung kämpften wir uns das letzte Stückchen hinauf bis zum massiven, allen Stürmen trotzenden Gotteshause. Hui, wie da der Wind fauchte, jauchzte, triumphierte! Um dem wilden Sturmgesellen den Eingang zu verwehren, waren alle großen Pforten fest verschlossen, nur auf Umwegen durch ein kleines, fast verborgenes Türchen gelangte man in das Innere. Leer und verödet lag das nach Weihrauch duftende Kirchenschiff. Der junge, starke Frühling draußen hielt ihm die vielen frommen Beter fern, die mit ihrem Leid und ihrer Trübsal sonst so vertrauensvoll hierhin zur heiligen Gnadenmutter pilgern.

Mit wildem Freudengebraus empfing uns der Sturm, als wir uns wieder hinaus ins Freie wagten, und trieb uns atemlos vor sich her. Kein Wehren half. Hatte einer von uns wohl Zeit gefunden, hinunter in die Tiefe zu schauen, wo die gewaltig aufgepeitschten Wellen an den weißen scharfen Klippen zu Schaum zerstoben, hinaus auf das schwarzblaue Meer, das in hohen dampfenden Wogen heranrollte?

»Das mag keine sehr bequeme Überfahrt werden,« bemerkte einer, als wir, zwischen den vier Wänden des Aufzugs angekommen, wieder Luft schnappen konnten.

Nein, gewiß nicht. Und wir wünschten, der herrliche Frühlingssturm hätte an dem Tage gerade ein Gastspiel auf dem Mars gegeben, oder wenn es schon bei uns sein mußte, dann doch lieber einen Tag später.

Gasse in der Kasba (Algier)