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Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika cover

Im Morgenlicht. Kriegs-, Jagd- und Reise-Erlebnisse in Ostafrika

Chapter 7: Der Aufstand.
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About This Book

A first-person travel and campaign account records journeys along the East African coast and into the interior, combining travel observation, natural-history description, hunting narrative, and reportage of military operations during regional unrest. The text shifts between vivid scenes of ports, markets, and settlements and detailed portrayals of wildlife and hunting for elephants, hippos, crocodiles, antelopes, and buffalo, while also describing troop movements, skirmishes, and administrative responses. Practical notes on navigation, local economy, and customs accompany reflective passages on landscape and photographic documentation, with an openly subjective observational voice throughout.

Askari meiner Truppe.

Es sind Neger aus verschiedenen Stämmen: Wasukuma, Wamakua, Wanjamwesi, und sogar Warufiyi aus dem Aufstandsgebiet selbst. Vor der Front steht ein Sudanese, der Betschausch. Die Askari sind in dünne Khakianzüge gekleidet und tragen Lederstiefel und Beinwickel. Als Waffe haben sie das Gewehr Mod. 71 und ein Seitengewehr, das als Bajonett aufgesetzt werden kann.

Der Aufstand.

Aufstand? —

Wenige glaubten, daß es ernst war —. „Wir kennen unsere Schwarzen!“ „Spielen einen Stamm gegen den andern aus, wenn es irgendwo losgeht!“ —

„Heute können Sie mit dem Spazierstock durch Afrika gehen!“ „An der Küste vor allem sind Unruhen nicht zu erwarten.“

Die Worte klangen noch im Ohre, da kamen Gerüchte vom Angriff auf eine Ansiedelung und Gefährdung der südlichen Küstenplätze. Und wieder hieß es: „Zwischen Kilwa und Mohorro sitzen die Matumbi, von jeher unzufriedene Gesellen, die sich schon öfter regten; es wird nichts zu bedeuten haben.“ Doch die Nachrichten wurden dringender: Tausende bewaffnete Eingeborene bedrohten die Orte Kilwa und Mohorro; ein Ansiedler wurde ermordet, der zum Schutze einer großen Baumwollpflanzung entsandte Feldwebel mit seiner kleinen Truppe von zweitausend Schwarzen angegriffen. Man durfte sich nicht mehr täuschen, die Sache wurde ernst.

Zufällig lag der kleine Kreuzer „Bussard“ im Hafen von Daressalam. Mit seiner Hilfe tat der Gouverneur Graf Goetzen alles, was in seinen Kräften stand, um der Gefahr entgegenzutreten. Die Daressalamer Askari wurden nach Kilwa gebracht; Matrosendetachements sollten zum Schutze von Kilwa und Mohorro gelandet werden.

In den Nachmittagsstunden des 3. Augusts betraten viele schwarze Soldaten mit Patronentaschen und Gewehren das Oberdeck des Kriegsschiffs, das in dem stillen Hafen von Daressalam lag. Auf die Soldaten folgten scheue Träger aus dem Innern, die vielleicht zum ersten Male ein Schiff aus der Nähe sahen. Reittiere wurden übergenommen und auf das Vordeck gestellt; alles schon in der Dunkelheit.

Abends warf das Schiff von der Boje los und ging durch die enge Ausfahrt in See. Die Fahrrinne war heute durch Lichter gekennzeichnet. — Um Mitternacht blitzte das Leuchtfeuer von Mafia an Steuerbord auf. Hinter der Insel lag Mohorro, der Rufiyi und das Land, in dem der Aufstand ausgebrochen sein sollte.

Der „Bussard“ nahm seinen Kurs südwärts nach der Reede von Kilwa-Kivindje, dem Kilwa, das die Sklavenhändler einst angelegt haben, weil die flache, sanft ins Meer verlaufende Küste mit ihren weiten Sandbänken, dem Platz Schutz gegen die Annäherung der Kriegsschiffe bot. Dort wurde die Schutztruppe am folgenden Nachmittage gelandet und eine Abteilung Matrosen zur Sicherung der Stadt ausgeschifft.

Major Johannes ging von Kilwa aus mit der Askaritruppe nach dem Herd der Unruhen vor, während den Landungsabteilungen S. M. S. „Bussard“ die Aufgabe zufiel, die Küstenplätze zu sichern.

Im Mohorrofluß.

Der „Bussard“ ankerte am 5. August vor dem südlichsten Mündungsarm des Rufiyi, nicht weit von dem Ort Samanga, den Aufständige geplündert hatten. Am Abend brachte mich der Zollkreuzer Kingani — ein kleiner Dampfer des Gouvernements — in die Utagitemündung des Rufiyi. Ich hatte zweiundzwanzig Matrosen mit und sollte den Ort Mohorro gegen die Aufständigen schützen.

Näher kamen die Umrisse der Uferpartien, immer kleiner wurde das Kriegsschiff, bis es durch die ersten, mit Büschen bewachsenen Sandbänke unseren Blicken entzogen wurde; vielleicht hatten wir es für lange Zeit zum letztenmal gesehen! Die Aussicht auf Erlebnisse und der Reiz der Wildnis lockten mich; ich hoffte in dieser Stunde, daß mir ein langer Aufenthalt im Lande bevorstehe.

Meine Matrosen werden ebenso gedacht haben; die Seeleute haben ja so selten Gelegenheit, fremde Länder in ihrer wirklichen Schönheit zu genießen und sehen von den großen Kolonien meist nicht mehr als die Strandpromenaden, Klubhäuser und Kneipen der Küstenstädte. In der bevorstehenden Abwechslung sah mancher, den der Drang, die weite Welt kennen zu lernen, zur Marine getrieben hatte, die Erfüllung seiner Jugendträume. Die Phantasie malte Steppen und Wälder des Innern, ferne Berge und Ströme, wilde Menschen und seltene Tiere.

Die Nacht brach herein; wir mußten ankern, um nicht auf Untiefen festzufahren. Die Matrosen richteten sich auf dem Deck des kleinen Dampfers und in dem Schleppboot so gut es ging Schlafplätze ein. Ich dachte an meine Aufgabe und las immer wieder den sorgfältig geschriebenen Befehl, den mir der Kommandant, Korvettenkapitän Back selbst gegeben hatte: nur wenn Mohorro wirklich in Gefahr war, sollte ich im Lande bleiben, andernfalls sofort an Bord zurückkehren. An längere kriegerische Tätigkeit glaubte noch niemand; mir fiel ein, was der Erste Offizier zu mir sagte, als ich mir Wäsche und Proviant für acht Tage einpackte: „Wozu schleppen Sie so viel mit, übermorgen sind Sie ja wieder hier.“ Würde er recht behalten? — Mehr als sechs Monate vergingen, bis ich unser schönes Schiff wiedersah.

Leise plätscherte das Wasser des Stromes an der Bordwand des kleinen Dampfers. Von den Ufern mit ihren düsteren, einförmigen Sumpfbäumen war bald nichts mehr zu sehen. Alles schlief an Bord.

Kühler Wind wehte die ganze Nacht hindurch und schaffte uns erquickenden Schlaf. Als die Sonne am klaren Himmel aufging, sah sie in lauter frohe Gesichter; jeder erwartete etwas von den nächsten Tagen. Schon die Bootfahrt war ganz dazu angetan, die Stimmung auf der Höhe zu halten. Bei Sonnenaufgang wurde der Anker gelichtet und der Kurs stromauf genommen. In den Mangroven saßen schneeweiße Edelreiher; Graufischer flatterten über dem Wasser, Brachvögel und Strandläufer suchten auf dem schlammigen Boden nach Nahrung und waren durch ihre Farbe kaum von der Umgebung zu unterscheiden.

Die auflaufende Strömung förderte unsere Fahrt. Bald machte die einförmige Mangrovenvegetation freundlicheren Landschaftsbildern Platz.

Der Fluß wurde schmaler. Sandige Uferböschungen traten hervor, Sträucher, Phönixpalmen; endlich die dunklen, dichtbelaubten Mangobäume und schlanke Kokospalmen als Zeichen menschlicher Kultur. Kleine Dörfer in Feldern mit Kaffernkorn und Mais. Neger standen am Ufer und antworteten „es ist Friede“ wenn man fragte: „Was gibt’s Neues vom Aufstand?“ Affen turnten durch die Äste der Uferbüsche; Perlhühner reckten ihre Hälse; ein Flußpferd steckte prustend seine Nase aus dem Wasser.

Gegen Mittag mußte der Dampfer ankern, weil das Wasser zu flach wurde. Wir gingen noch zwei Stunden über Land, durch Felder mit Zuckerrohr, Mohogo, Mais, Bananen und Ananas.

Ankunft in Mohorro.

Als wir den Ort Mohorro erreichten und im Gleichschritt durch die graden Straßen marschierten, kamen Araber, Inder und Neger, malerisch in bunte Tücher gekleidet, vor die Türen ihrer Hütten und Läden. Es war das Bild einer sauberen Negerstadt, in der reges Leben herrscht.

Der Bezirksamtmann, Herr Keudel, kam mir an der großen Holzbrücke, die den Fluß überspannt, entgegen und führte mich zu den Gebäuden des Bezirksamts, in denen die Mannschaft untergebracht wurde.

Mangrovenwald am Mohorrofluß.

Die Mangroven vertragen Salzwasser. Es gibt mehrere Arten; einige geben gutes Bretterholz, andere nur Brennholz und Grubenhölzer. Die Rinde enthält viel Gerbsäure und wird seit einigen Jahren exportiert. Die Wälder an der Rufiyimündung werden von drei Forstbeamten verwaltet. Die Mangrove hat sich wunderbar an die Gezeiten des Meeres angepaßt. Ihre Stelzwurzeln werden zur Flutzeit vom Meerwasser umspült; während der Ebbe sieht man auf ihnen Muscheln, Krabben und Schlammspringer.

Außer dem Bezirksamtmann waren in Mohorro noch sechs Europäer: ein Bezirksamtssekretär, ein Wirtschaftsinspektor, ein Kommunalsekretär, der die Kommunalkasse verwaltete, ein Sanitätssergeant, der zugleich Post- und Telegraph versah, der Unteroffizier der Polizeitruppe und ein Schreiber. Im Bezirk selbst war nur ein Weißer: Herr Wiebusch, der Leiter der Schule für Baumwollbau. Der Bezirksamtmann war erst vor kurzem von einer Reise durch den Bezirk zurückgekehrt und konnte mich über die Verhältnisse im Lande unterrichten. Nach seinen Schilderungen waren weite Teile des fruchtbaren Landes in den Niederungen gut bevölkert und eine reiche Ernte war eingebracht. Der reichliche und täglich bei Spiel und Tanz wiederholte Genuß der berauschenden Getränke, die die Neger aus den gewonnenen Ernteprodukten herstellen, konnte vorübergehend Ursache ihrer feindlichen Haltung sein; es war aber auch nicht ausgeschlossen, daß tieferliegende Gründe eine lange vorbereitete Aufstandsbewegung entfacht hatten, die ähnlich wie in Südwestafrika, plötzlich und unerwartet an allen Ecken losbrechen konnte, um der Fremdherrschaft ein Ende zu machen.

So dachte Bezirksamtssekretär Stollowsky, der den Bezirksamtmann während seiner Abwesenheit vertreten hatte. Er hatte den Andeutungen und Erzählungen der Neger über sonderbare, einfältige Mittel, mit denen einheimische Zauberer die Eingeborenen für sich gewannen, besondere Bedeutung beigelegt und nicht geruht, bis die verdächtigen Leute hinter Schloß und Riegel saßen. Das kann wohl ein Verdienst genannt werden; denn wahrscheinlich hat die vorzeitige Entdeckung zu dem mehr lokalen Ausbruch der Unruhen geführt und so ein planmäßiges, verabredetes und allgemeines Vorgehen der Neger gegen die Europäer im nächsten Jahre, vereitelt.

Nach der Unterdrückung der Araberaufstände, der Unterwerfung der Wahehe und seitdem die Massaigefahr nüchtern beurteilt wurde, war man von Jahr zu Jahr sorgloser geworden.

Kleine Unruhen waren in den Kolonien stets an der Tagesordnung; wurden aber nicht bekannt, denn es bestand der von allen Afrikanern gebilligte Brauch, in solchen Fällen nicht von Aufstand oder Krieg zu sprechen, weil das bei der Schwierigkeit Verhältnisse aus der Ferne zu beurteilen, leicht in der Heimat unnötig Lärm verursacht. Schnell wieder Ordnung schaffen mit allen Mitteln, wenn es eben einmal nicht gelungen war, Ordnung zu halten: das war der Befehl des Gouvernements, der von allen Bezirkschefs verstanden wurde. Einer Kolonie, die stets ruhig aussieht, bewilligt man aber keine Soldaten, und so ging man schon mit der Absicht um, zwei Kompagnien der im Verhältnis zur Größe der Kolonie nicht großen und nicht zu teuren Schutztruppe zu streichen, als der Aufstand ausbrach.

Zum Glück war man diesmal den Schwarzen zuvorgekommen; noch hatten sich die Polizeiaskari in gewohnter Weise im Lande bewegen und die gefährlichen Elemente festnehmen können. Kein Widerstand regte sich dabei. Aber bald darauf zeigten die Neger in den Matumbibergen ihren Unwillen über den vom Bezirksamt befohlenen Anbau von Baumwolle, der ihnen lästig war und dessen Nutzen sie noch nicht einsahen; da begannen die Ausschreitungen.

Haltung der Araber.

Von Bedeutung war dabei die Haltung der Araber. Im Mohorrobezirk wohnte eine ganze Anzahl. Sie besaßen gute Pflanzungen in der Umgegend oder betrieben kleine Zuckermühlen, hatten als Arbeiter Sklaven, die bei ihnen wohnten und verpflegt wurden, bezahlten außerdem aber schon Lohnarbeiter. Ihre wirtschaftliche Lage war recht gut, und sie waren nicht in dem Maße den Indern verschuldet, wie ihre Brüder in den reichen Zuckergebieten am Pangani, weil das Bezirksamt hier auf den Wucher der Inder ein Augenmerk hatte.

Einige von ihnen waren als Unterbeamte, als Akiden angestellt und hatten als solche Steuern einzutreiben, die Befehle des Bezirksamts bekannt zu geben und etwas Strafgewalt auszuüben. Diese fühlten sich durch ihre Vertrauensstellung eng mit der deutschen Herrschaft verbunden und sahen, daß unter ihr zu leben war.

Vielleicht gerade wegen dieser Vertrauensstellung hatte sich das Zerstörungswerk der Aufständischen in den Matumbibergen auch auf den Besitz der Araber erstreckt; jedenfalls konnten es als gutes Zeichen für die Stellung der Araber ansehen, daß der Haß der Neger sich auch gegen diese richtete.

Der Bezirksamtmann verließ sich deshalb weiter auf seine farbigen Akiden, die ununterbrochen Boten mit Nachrichten aus dem Lande schickten und die Lage viel ernster darstellten, als sie anfangs beurteilt worden war.

Ich wohnte in dem geräumigen Hause des Bezirksamtmanns und bemühte mich, aus den Schilderungen der Boten ein Bild von dem Wesen der Aufstandsbewegung zu bekommen. Es war immer das gleiche: „Schickt schnell Askari, die Schenzi[7] kommen; sie werden unsere Hütten abbrennen, das Getreide wegnehmen und uns töten, wenn wir nicht mitmachen oder fliehen.“ Bald danach kam ein anderer Bote mit der Hiobspost: „Unsere Hütten sind verbrannt, Menschen erschossen; die Schenzis ziehen weiter, viele schließen sich ihnen an.“

Immer näher bei Mohorro mordeten und brannten die Aufständigen, ohne daß ihnen entgegengetreten wurde. Ihre Zahl vergrößerte sich von Tag zu Tag. Noch waren die Stämme auf der Nordseite des Flusses ruhig; bald konnte die Bewegung auch dorthin übergreifen, dann war Mohorro isoliert. Wiederholte Bitten des Bezirksamtmanns an die Schutztruppe, gegen den Rufiyi vorzugehen, blieben erfolglos, weil die Schutztruppe selbst ernsten Widerstand gefunden hatte.

In dem Ort Mohorro herrschte deshalb eine sehr gedrückte Stimmung. Sorge um Sicherheit für Leben und Gut verbreitete sich. Man merkte es den Eingeborenen an, daß sie nicht verstanden, weshalb die Europäertruppe untätig blieb; nur zu leicht konnte das als Schwäche und Feigheit ausgelegt werden.

Das Vertrauen auf die Macht und den Schutz durch die Soldaten durfte nicht schwinden, wenn Ruhe im Lande geschaffen und erhalten werden sollte. Aber ich durfte ohne besonderen Grund nicht wagen, dem Feinde entgegenzugehen und mußte abwarten bis eine äußere Veranlassung mich dazu zwang, denn mein Befehl sagte nur, ich sollte Mohorro verteidigen.

Die Untätigkeit steigerte das Gefühl der Unsicherheit; denn wir wußten vom Feinde fast nichts, und der Angriff auf Mohorro wurde täglich erwartet. Bald wurden von Süden, bald von den Kitschibergen her, Schenzis im Anmarsch gemeldet. Die Telegraphenleitungen waren meistens unterbrochen; der mit der Reparatur beschäftigte Beamte und sein kleines Bedeckungskommando wurden oft hart von Angreifern bedrängt. Auch nachts war scharfe Aufmerksamkeit nötig; denn Niemand konnte sagen, ob das Volk nicht auch in der Dunkelheit angreife.

Der erste Angriff.

Am dritten Tage nach meiner Ankunft häuften sich die bösen Nachrichten aus dem Süden. Flüchtlinge meldeten, daß die Aufständigen anderthalb Stunden von Mohorro entfernt, brannten, plünderten und schössen. Ein Knäuel von Menschen erschien vor dem Bezirksamt; erregte Eingeborene, Araber, Weiber und Kinder schlossen sich den Boten an. Die Aufregung der Leute angesichts der nahen Gefahr gab zu denken. Wenn es so weiter ging, und einer nach dem andern von uns abfiel, konnte man durch Eingeborene aus der nächsten Umgebung überrumpelt werden. Bei den fortwährenden Übergriffen der Aufständigen, die alle nicht zu ihnen übertretenden Leute ausplünderten und töteten, standen die Schwarzen an der Peripherie des Aufstandsgebietes alle vor dem Entschluß, sich dem Aufstand anzuschließen, um ihr Eigentum und die gerade hereingebrachte Ernte zu retten, wenn sie nicht Vertrauen auf den Schutz der Europäer bekommen konnten.

Der Entschluß zu marschieren wurde mir sehr schwer, weil mein Befehl ausdrücklich vorschrieb, mich auf die Verteidigung zu beschränken. Jedoch der Telegraph war unterbrochen, Befehle konnte ich mir also nicht einholen, und schnelles Handeln tat not.

Mit elf Matrosen und dreißig Askari der Polizeitruppe verließ ich Mohorro. Es blieben genug Soldaten zurück, um das Bezirksamt im Notfall zu schützen. Außerdem war das Maschinengewehr stets gefechtsbereit. — Schon nach einstündigem Marsch traf ich auf frisch zerstörte Ortschaften; rauchende Trümmer und ganze Haufen glimmender Vorräte, die der Wind in rote Glut setzte. Das waren Anzeichen für die Nähe der Plünderer. Auf einem schmalen Fußpfad ging es vorwärts; durch kniehohes Gras und niedrigen Busch; durch Felder mit Mohogo, abgeerntetem Mais und Negerhirse. Bald trafen wir Aufständige.

Ich hatte unter einer Gruppe von Mangobäumen Rast gemacht und eine Patrouille vorausgeschickt, die plötzlich hielt und Meldung zurücksandte, etwa dreißig Schwarze mit Gewehren plünderten ein vor uns liegendes Dorf und seien im Abziehen. So schnell wir auch folgten, erreichten wir die Leute doch nicht und kamen an eine Wasserstelle, aus der offenbar eben getrunken worden war.

Wir gingen weiter, in hohen Wald hinein.

Kurz darauf knallte es vor uns; blaue Rauchwölkchen stiegen auf; die ersten Kugeln pfiffen an uns vorbei: die Vorposten der Aufständigen hatten uns gesehen.

Zu beiden Seiten des Weges marschierten die Matrosen auf und feuerten eine Salve in das vor uns liegende Dickicht; dann lief die ganze Linie vor, und die Neger flohen zwischen den Büschen.

Darauf machte ich an der Wasserstelle Mittagsrast und ließ über dem Winde das hohe, trockene Gras anzünden, um freie Übersicht in dem Walde zu bekommen.

Ein Askariposten stand auf dem Wege, der weiter in den Wald hinein führte. Hin und wieder fielen noch Schüsse; die Schenzis suchten die Askari an ihrem Auftrage zu hindern. Wir ruhten unter den schattigen Vordächern der Hütten und warteten auf die Rückkehr der ausgesandten Patrouillen.

Plötzlich winkte der Posten. Sergeant Kühn sprang auf und lief zu ihm hin; dann fiel ein Schuß. — Alle griffen zu den Gewehren. — Rundum im Busch fielen Schüsse.

Die Aufständigen waren offenbar in großer Zahl zurückgekehrt, um uns zu überfallen! Über die ersten Toten ging es hinweg, in den Wald hinein; Matrosen und Askari stürmten in langer Linie vor. — Noch rauchte der Wald vom Brand; hinein mischten sich die Rauchwölkchen der Gewehre, unsere Kleider wurden von der Asche geschwärzt. — Zwischen den Büschen bewegten sich dunkle Leiber mit blauen Tüchern um die Hüften, liefen und hielten Gewehre, Speere und Äxte in den Händen. Waffen lagen im Wege und Blutspuren zeigten, daß Verwundete mit den Aufständigen flohen.

Ein Überfall abgeschlagen.

Für die Schenzis gab es kein Standhalten mehr. Wir ließen ihnen nicht Zeit, die Gewehre zum zweiten Male zu laden und folgten bis an das hohe, noch nicht niedergebrannte Gras. Dort ließ ich halten, weil der Zusammenhang der Truppe in dem unübersichtlichen Gelände verloren ging, und wir kein freies Schußfeld mehr hatten.

Alle waren vom Laufen erhitzt und fast außer Atem. Dennoch wären meine Matrosen am liebsten gleich weiter gegangen, um das Lager der Schenzis zu suchen. Aber wir mußten an den Rückmarsch denken; es war schon spät.

Das war nun der erste Zusammenstoß mit dem Feinde gewesen. Blut war geflossen. Die ersten Toten, von unseren Gewehren erschossen, lagen da. Wunderbar berührte es mich; wer gab uns das Recht, auf Menschen zu schießen? — Weshalb fielen gerade die und andere entkamen? —

Als wir, müde und durstig den weiten und sonnigen Weg nach Mohorro zurückmarschierten, gingen mir die einzelnen Bilder des erlebten Gefechtes noch einmal durch den Kopf. — Menschen jagen — und von Menschen, wie ein Stück Wild gesucht und gejagt werden: Welch tiefen Eindruck machte diese Art der Jagd auf mich! — Dann noch eins: die Toten! Und es fehlte zum Glück noch das Ergreifendste. Verluste auf der eigenen Seite. — In der Erinnerung spiegelte sich jetzt alles deutlich: wie mich die Sorge um den Zusammenhang der Truppe beherrschte, welche Einfälle mir kamen; ich sah die schwarzen Teufel, die hinter den Büschen auf mich anlegten —, Rauch und Knall. Das galt mir! — Das Korn meiner Büchse spielt auf dem Körper eines Menschen, der Schuß fällt — er stürzt: Ganz ungekannte Eindrücke! Vorwärts! — Blaue Wölkchen blähen sich plötzlich aus dem Geäst, dann laufen nackte Gestalten mit großem, altmodischem Gewehr und Pulverhorn. Bald bleiben rechts, bald links von mir Schützen stehen, heben die Gewehre und schießen — zwischen den Büschen brennt das trockene Gras. Dursterregende rauchige Luft atme ich ein. —

Als wir spät abends Mohorro wieder erreichten, war ich froh, das Bezirksamt noch auf dem alten Fleck zu sehen. Wie leicht hätten Aufständige hinter meinem Rücken angreifen können, und es wäre mir dann schwerlich verziehen worden, wenn ein Unglück geschehen wäre. Aber allein das Maschinengewehr, das mitten auf der Straße stand, wirkte Wunder an Respekt bei den Eingeborenen.

Keudel hatte ein auserlesenes Abendbrot zurecht machen lassen, und wir feierten die Feuertaufe bei einer Flasche Sekt, die ich vom „Bussard“ mitgebracht hatte.

Der Erfolg des Vorstoßes machte sich schon am nächsten Tage bemerkbar. Die benachbarten Jumben (Dorfältesten) kamen mit ihren Leuten und gaben Gewehre ab. Während die Eingeborenen das Bezirksamt bisher mit Klagen über Ausschreitungen der Aufständigen überschüttet hatten, herrschte heute völlige Ruhe. Auch in Mohorro gingen die Europäer unbewaffnet über die Straße; die Spannung, die Tag und Nacht auf allen gelegen hatte, machte einer größeren Zuversicht Platz. Wir hatten angegriffen und dadurch einen gewissen Bann gebrochen.

Mittlerweile kam eine genaue Nachricht über die oben erwähnte Ermordung des Ansiedlers Hopfer im Kilwabezirk: Hopfer war krank und ließ sich von seinen Negern zur Küste tragen, während Aufständige ihn verfolgten. Als sie näher kamen, liefen seine Träger davon. Er versteckte sich im Busch; doch sein kleiner Hund schlug an und verriet ihn. Hopfer erschoß mit seinen letzten Patronen mehrere Angreifer und wurde dann mit Äxten erschlagen.

In den nächsten Tagen ließ ich rings um die Gebäude der Station Bananen und Buschwerk abhauen, um freies Schußfeld zu bekommen. Um meine Kenntnisse des Kisuaheli zu verbessern, ging ich oft unter die Bevölkerung und wohnte jeder Gerichtssitzung bei. Auch bei den Askari gab es allerlei für mich zu lernen, was mir neu war und bei weiterer Tätigkeit hier helfen konnte.

Malereien an der getünchten Wand einer Hütte.

Der Kalk ist um die Figuren herum fortgekratzt. Die Figuren stellen dar: einen Schenzi mit Schild, Keule und Speer; einen fieberkranken Mann, der sich von seiner Bibi den Kopf massieren läßt, einen Fisch, eine Antilope, einen Leoparden und einen Askari. Solche Anfänge bildender Kunst sind in Ostafrika sehr selten.

(Nach einer Zeichnung des Verfassers.)

Malereien an der getünchten Wand einer Hütte.


GRÖSSERES BILD

Schwierig war es, den Matrosen den richtigen Platz neben den anderen Europäern und über den Askari und Eingeborenen zu geben. Daß ich mich selbst durch keinen Burschen bedienen ließ, sondern gleich mehrere Boys annahm, war selbstverständlich; aber bei der Polizeitruppe hatte sogar jeder Askari einen Boy, deshalb gab ich auch den Matrosen Schwarze als Diener; ich wollte den Anschein vermeiden, als stände der Matrose schlechter da als der Askari. Vor allem aber bemühte ich mich, den Matrosen klar zu machen, wie sie ihre Stellung zu den Askari und den Eingeborenen aufzufassen hätten. Die Matrosen konnten jedem Schwarzen Befehle geben, auch dem schwarzen Feldwebel; sollten es aber möglichst vermeiden. Auch sollten sie sich nicht mit den schwarzen Soldaten befreunden. Diese und ähnliche Winke, die den schwierigen Verhältnissen der Unterordnung und dem Rassenprestige Rechnung trugen, wurden verstanden. Zum Lob meiner Unteroffiziere und Matrosen kann ich hier sagen, daß sie den Negern gegenüber eine achtunggebietende Haltung bewahrt haben, ohne gegen ihre Vorgesetzten in der militärischen Form nachzulassen. Und in dieser Form mögen die Eingeborenen oft unsere Macht gesehen haben. Auch den Askari gefiel es wenn sie sahen, daß sogar Weiße, ebenso wie sie, vor dem Vorgesetzten die Hacken zusammenschlagen und das Gewehr zum Präsentiergriff von der Schulter reißen, wenn der Vorgesetzte kommt.

Jeden Abend saßen Keudel und ich über der Karte und stellten Vermutungen auf, wie es wohl kommen würde. Die Nachrichten vom Aufstand waren spärlich; entweder besannen sich die Neger, weil so plötzlich Truppen im Lande erschienen waren, oder es bereitete sich etwas vor. Und damit war zu rechnen.

Ein Nachtmarsch.

Ein Jumbe mit Namen Burri gefiel sich in der Rolle eines Vertrauensmannes und Spions. Er behauptete, mit Sicherheit festgestellt zu haben, daß ein großes Lager der Aufständigen an einem Platze sei, den man in fünf Stunden erreichen könne. Eine so gute Gelegenheit, den Gegner zu fassen, durfte ich nicht vorübergehen lassen und entschloß mich zu einem Marsche in der Nacht, um die Aufständigen womöglich am Morgen zu überraschen.

Da der Sergeant inzwischen mit einem Teil der Askari zum Rufiyi geschickt worden war, hatte ich zum Angriff außer zehn Matrosen nur acht Askari zur Verfügung. Eine Anzahl bewaffnete Araber und Neger schlossen sich mir an. In Mohorro blieb der Rest der Matrosen, das Maschinengewehr und einige ganz alte, marschunfähige Polizeiaskari.

Bei wundervollem Mondschein setzte sich meine eigenartige Streitmacht um elf Uhr am Abend in Bewegung. Stabsarzt Engeland, der gerade aus Daressalam eingetroffen war, begleitete mich.

Die Araber führten. In ihren langen weißen Gewändern, den silbernen, krummen Dolch im Gürtel, das Gewehr geschultert, gingen sie vor mir und suchten mit ihren guten Augen die Schatten der schweigenden Mondnacht zu durchdringen. Besonders vorsichtig gingen sie durch Pflanzungen und kleine Dörfer; jeden Augenblick konnten wir den Vorposten der Aufständigen begegnen.

Wenn ich mich umdrehte, sah ich die Reihe der im Gänsemarsch gehenden Truppe sich durch das Gras schlängeln. Die Gestalten der Träger und Askari verschwammen gespensterhaft mit der scheinbar erhellten Umgebung, und das Schweigen, das alle wahrten, erhöhte den Eindruck.

Bei jedem Geräusch — wenn ein Stück Wild in den Feldern lief — stutzten die Führer und lauschten. Als wir wieder eine kleine Ortschaft passierten, fiel plötzlich seitlich vom Wege ein Schuß. Sofort wurden auf beiden Seiten Neger im Gebüsch gesehen. Immer noch in der Besorgnis, Unschuldige anzuschießen, rief ich zweimal: „Wer ist da? Antwort, wenn Freund des Bezirksamts!“

Lauschend standen wir auf dem breiten Platz, den das helle Mondlicht beschien. Keine Antwort kam. Die Leute an den Flügeln zeigten aufgeregt vor und neben uns in das Gras und behaupteten, viele Leute bewegten sich darin.

Um dem Spuk ein Ende zu machen, ließ ich fünf Mann eine Salve in den Busch feuern.

Aber nichts regte sich; die Schatten der Büsche flimmerten geisterhaft wie zuvor. Ein Kind schrie in der Ferne. Als wir noch standen und warteten, kam der Betschausch (schwarzer Feldwebel) an mich heran und sagte in geheimnisvollem Tone, die Araber, die mit uns seien, planten Verrat, ich sollte ihre Vorderlader abfeuern lassen, wenn ich nicht Gefahr laufen wollte, daß sie plötzlich ihre Gewehre auf mich richteten. Überrascht sah ich Stabsarzt Engeland an; es konnte etwas Wahres daran sein. War es doch das erstemal, daß die Araber auf unserer Seite und nicht gegen uns kämpften!

Als hätte sich Alles verschworen, um meine Geduld zu prüfen, so stürmten die Eindrücke auf mich ein und wollten auch meine Phantasie gefangen nehmen; doch ich behielt zum Glück meine Ruhe. Die Vorderlader konnten uns nicht viel nutzen, richteten vielleicht sogar in unsern Reihen Verwirrung an, deshalb ließ ich sie abfeuern.

Da redeten die Araber auf mich ein und baten, ich sollte ihnen nichts Schlechtes zutrauen.

Ich wurde ungeduldig und verwünschte die ganzen Gespenstergeschichten; denn das waren sie; befahl auf kein Geräusch mehr zu achten und drängte vorwärts.

Da war mit einem Male alles vorbei, was uns vorher beunruhigte; zur Beschämung derer, die fest behauptet hatten, schwarze Gestalten gesehen zu haben.

Wir kamen an den Wald und gingen schnell weiter, weil sich starker Aasgeruch in der Gegend verbreitete, wo vorgestern das Gefecht stattgefunden hatte.

Unter den Bäumen war es so dunkel, daß es manchmal schwer fiel, den Weg zu finden. Große Euphorbien, Fächerpalmen und dichtbelaubtes Dorngestrüpp ragte in seltsamen Silhouetten zum fahlen Nachthimmel empor. Ein Feuer am Fuß hoher Stämme warf flackerndes Licht in die Baumkronen. Ich sandte eine Patrouille hin, um nachzusehen, ob es ein Vorpostenfeuer sei. Wir warteten auf dem Wege.

Aber es war nur ein brennender Baumstamm, der an das Feuer erinnerte, das meine Askari am Tage des ersten Gefechtes angezündet hatten.

Als wir das Ende des Waldes erreichten, rieten die Führer zu halten und das Tageslicht abzuwarten; denn die Dörfer der Aufständigen seien dicht vor uns.

So legten wir uns denn, wie wir waren, auf dem Wege nieder und schliefen ohne viel Erquickung; es war kalt und der Morgenwind stieß uns mehrmals unfreundlich an.

Beim ersten Morgenlicht gingen wir schnell vorwärts; durch Mohogopflanzungen und verlassene Dörfer, deren naturfarbene Strohdächer friedlich aus dem Grün heraussahen. Alle Herdstellen waren kalt; alle Fährten gingen weiter in die Berge hinein.

Die Besitzung eines Arabers war stark verwüstet, die Häuser niedergebrannt und das Hausgerät zerschlagen. Der Besitzer, der mit uns ging, wütete und suchte unermüdlich nach Spuren der Aufständigen, um sich zu rächen.

Als ich nach mehrstündigem Marsche, ohne einen Feind getroffen zu haben, umkehrte, schwärmten die Araber in die Felder und setzten den roten Hahn auf alle Dächer der weit verstreuten Hütten. Fast ohne Rauch stiegen die Flammen empor; in starkem Gelb und Rot gegen den blauen Himmel.

Mit einem Feuerbrand in der Hand ging ein hochgewachsener, schneeweißgekleideter Araber zwischen den Hütten und förderte das Zerstörungswerk. Es war ein Bild aus den Zeiten als die Hand der braunen Söhne Maskats in diesem Lande herrschte.

Bei Mohorro.

Erst gegen Abend erreichten wir müde und verstimmt unsere Quartiere in Mohorro. Der weite Marsch hatte die meisten Matrosen sehr angestrengt; einige waren stundenlang barfuß gegangen, weil ihnen die Füße in den Segeltuchschuhen schmerzten. Die folgenden Ruhetage taten uns gut.

Eines Tages kam Hauptmann Merker nach Mohorro. Er hatte, um die Aufständischen zu treffen, in den Matumbibergen schwierige Märsche gemacht.

Sein Lager war auch nachts beschossen worden, und er riet uns, für einen Nachtangriff jederzeit gerüstet zu bleiben.

Als wir seinen Schilderungen der Vorgänge in den Bergen und bei Samanga noch zuhörten, kam eine Nachricht, die den Bezirksamtmann sehr beunruhigte: auch nördlich vom Rufiyi sollte in den Bergen Neigung zum Aufstand sein.

„Wenn Sie schnell hingehen,“ sagte er mir, „können Sie viel retten.“

Da ich inzwischen telegraphisch die Erlaubnis zu kleineren Streifzügen bekommen hatte, zögerte ich nicht. Es galt einen Gewaltmarsch auszuführen; denn schon am nächsten Morgen erwartet der Akide von Kikale den Angriff der Bergbewohner.

Meinen Matrosen konnte und wollte ich einen Nachtmarsch nicht wieder zumuten; deshalb ging ich mit Sergeant Kühn und zwölf Askari am Abend voraus. Stabsarzt Engeland sollte am nächsten Tage mit einem Teil der Matrosen nachkommen. Gegen Mitternacht kamen wir an einen breiten Strom, den Rufiyi, und mußten auf Boote warten. Die dunklen Wassermassen, auf denen der fahle Glanz der Sterne zitterte, das leise Rauschen im Schilf und die schweigsame Gruppe der Askari: das alles hatte etwas Geheimnisvolles, fast Geisterhaftes.

Boote an einer Fährstelle am Rufiyi.

Auf der Höhe der Uferböschung schlief ich, bis die Boote kamen, die uns übersetzen sollten. Da ließ ein Schuß mich aufspringen und zum Gewehr greifen; doch der Sergeant beruhigte mich: Die Askari brachten die Reittiere durch den Strom und schossen in das Wasser, um die Krokodile zu verscheuchen.

Endlich kam auch ich an die Reihe und nahm in dem schwankenden Einbaum Platz, den drei Neger in flachem Wasser mit Stangen, im tiefen Strome mit kleinen Schaufelrudern vorwärts trieben.

Als es hell wurde, erreichten wir die waldigen Ufer des Mbumiflusses. Eine Dhau brachte uns auf das andere Ufer, dann ging es eilig vorwärts auf dem Wege nach Kikale. Aber noch war der Ort nicht in Sicht, da kam schon ein Trupp bewaffneter Leute des Akiden, die meldeten, das Gerücht sei unbegründet, sie seien selbst nachts in den Bergen gewesen und hätten nichts Verdächtiges bemerkt. Sie freuten sich, daß ich so schnell zu Hilfe gekommen war.

Die Gegend kannte ich von einem früheren Jagdausflug her; trotz der großen Müdigkeit ging ich deshalb etwas vom Wege ab und erlegte für die Küche der Matrosen zwei Warzenschweine, die ich mit Trägern nach Mohorro schickte.

Durch Eilboten wurde Stabsarzt Engeland benachrichtigt, umzukehren, der Sergeant und ich aber schliefen bis gegen Abend unter einem Mangobaum; die Anstrengungen der Nacht machten sich geltend.

Spät am Abend trafen wir in Mohorro ein. Wenn die beiden letzten, anstrengenden Nachtmärsche auch nicht zu einem Zusammenstoß mit Aufständigen geführt hatten, so waren sie doch nicht vergeblich gewesen; denn sie gaben der noch treuen Bevölkerung die Gewißheit, daß etwas für ihre Sicherheit geschah, und für mich waren sie nützlich, weil ich Land und Leute kennen lernte und sah, was ich mit meiner Truppe unter den gegebenen Verhältnissen leisten konnte.

Die Möglichkeit, Streifzüge auszuführen, wurde für mich noch größer, als Leutnant zur See Schröder mit zwölf Mann von S. M. S. Bussard in Mohorro eintraf.

Kapitän Back stellte außerdem weitere Verstärkung unter Oberleutnant zur See Wernecke in Aussicht, fügte aber hinzu, daß S. M. S. „Bussard“ zu Landungen an anderen Küstenplätzen bereit sein müsse. Mit Rücksicht darauf meldete ich, die Verstärkung sei nicht mehr nötig und erfuhr später, wie der Kommandant jeden einzelnen Mann brauchte, um die vielen Landungen auszuführen, die in den nächsten Wochen stattfanden. (Dabei ist es vorgekommen, daß sämtliche Offiziere, der Ingenieur und der Zahlmeister an Land waren und der Kommandant mit zwei Maschinisten und dreißig Mann allein an Bord blieb!)

Am Rufiyi aufwärts.

Der Bezirksamtmann war besorgt um die dichtbevölkerten und fruchtbaren Gebiete am Rufiyi. Als die Gerüchte sagten, daß auch die Bewohner der südlich davon gelegenen Kitschiberge sich dem Aufstande anschlössen, schien der Rufiyi bedroht zu sein. Es war eine verlockende Aufgabe, den Strom zur nördlichen Grenzlinie für die von Ort zu Ort fortschreitende Aufstandsbewegung zu machen.

Das konnte nur durch einen Marsch den Rufiyi aufwärts geschehen. Von der Schutztruppe war keine Hilfe mehr zu erwarten, nachdem Hauptmann Merker von neuem in den Matumbibergen zu tun bekommen hatte; also blieb nur mir die Aufgabe, von der Keudel und ich jetzt täglich sprachen.

Am 15. August verdichteten sich die Meldungen über das Auftreten der Rebellen auf dem Südufer des Rufiyi, und ich entschloß mich, noch an demselben Tage aufzubrechen, um die von Aufständigen besetzten Plätze zu suchen. Auf wenigstens acht Tage Abwesenheit von Mohorro war zu rechnen. Träger wurden bestellt, Lasten mit Proviant gepackt, Zelte, Decken und Kochgeschirr bereit gelegt, und am Nachmittag gegen vier Uhr setzte sich meine Truppe, in Stärke von drei Unteroffizieren, zehn Matrosen und fünfunddreißig Askari in Marsch. Stabsarzt Engeland und ich hatten Reittiere; Sergeant Kühn nahm im Vertrauen auf die guten, von der Kommune angelegten Wege sein Fahrrad mit.

Anfangs folgte ich einem Wege, der in westlicher Richtung auf die Kitschiberge zeigte. Durch Wald, an den Teakholzpflanzungen der Kommune vorbei, führte die breite Straße nach einem verlassenen Dorfe, in dem nach dreistündigem Marsche das Nachtlager aufgeschlagen wurde.

Eine meiner Hauptsorgen bei dieser ersten größeren Expedition war die Gesundheit der Matrosen. Proviant und Kochgeschirr hatten wir. Wasser durfte nur abgekocht getrunken werden. Schwierig war es nur, die Matrosen in der Nacht gesund unterzubringen. Für zehn Mann waren nur zwei Zelte da. Jeder hatte eine wasserdichte Unterlage zum Schutze gegen die Feuchtigkeit, eine wollene Decke und ein Moskitonetz, das an eingeschlagenen Stöcken befestigt wurde. Ich selbst stellte mein Feldbett, das mir schon auf früheren Jagdausflügen gedient hatte, mit in Stabsarzt Engelands Zelt auf.

Kranke konnten mir bei meinen Märschen sehr zur Last fallen, und es mußte mir verdacht werden, wenn ich meine Leute der Fiebergefahr allzusehr aussetzte; deshalb war es nur eine große Beruhigung, einen erfahrenen Arzt bei meiner Truppe zu haben.[8]

Am Hirusee.

Am zweiten Morgen schlugen wir die Richtung auf den Hirusee ein. Die Türen der Hütten, an denen wir vorbeikamen, waren durch starke Stäbe von außen verschlossen, ein Beweis, daß die Menschen in den Wald geflüchtet waren, um sich den Aufständigen anzuschließen. Es ist das alte Verfahren der afrikanischen Völker: im Kriege die Dörfer zu verlassen und wie Tiere in einsamer Wildnis verborgen zu leben. Dem Verfolger bleiben Hütten ohne Vorräte, Ställe ohne Haustiere; und einer großen Truppe wird es dann schwer, sich zu verpflegen.

Gegen Mittag rasteten wir auf einer Halbinsel, die sich mit dicht bewaldeten Ufern in den Hirusee hineinschob. Auch hier lagen im Walde verstreut Ansiedelungen, und auf den kleinen Rodungen waren Mohogo und Bohnen gepflanzt; Fischereigerät deutete auf die Beschäftigung der Eingeborenen. Die Hütten waren sehr primitiv aus Erde, Rohr und Gras gebaut, während die dem Flusse und der Küste näher wohnenden Stämme oft recht gute Wohnhäuser bauen; mit Lehmbewurf und Kalkanstrich, mit überstehendem, auf Pfosten ruhenden Makutidach.

Aus dem Dunkel einer kleinen Hütte wurde eine alte Frau herausgezogen, die als marschunfähig zurückgelassen worden war. Nur einen Napf mit Bohnen und einen Topf mit Wasser hatte man ihr hingestellt, damit sie nicht zu verhungern brauchte.

Unter den Bäumen, nahe an der Spiegelfläche des Wassers lagerten meine Matrosen und Askari. Kleine Feuer wurden angezündet und das Mittagessen bereitet. Die Matrosen kochten den beliebten Hammelkohl, (die beste Fleisch- und Gemüsekonserve, die ich auf allen Reisen kennen lernte). Man kann dies Gericht täglich essen, ohne seiner überdrüssig zu werden, und auch die Matrosen (die an Bord sehr gutes Essen bekommen) waren froh, wenn es Hammelfleisch mit Kohl gab, während ihnen gekochter Reis mit Fleisch von Wasserbock oder Riedbock weniger zusagte. Das aber wurde die Nahrung in den nächsten Tagen, als die Konserven zu Ende gingen; ich mußte mit meiner Büchse für frisches Fleisch sorgen, da die Neger jener Gegend kaum nennenswert Viehzucht treiben und die wenigen vorhandenen Rinder, Ziegen und Schafe vor uns verborgen hielten.

Negerhütten in den Kitschibergen.

Unter Mittag fielen am Wege mehrere Schüsse: Die Posten schossen auf zwei Leute, die mit Lasten auf dem Kopf des Weges kamen und, angerufen, sich zur Wehr setzten. Der eine wurde getötet, der andere warf seine Last hin und entkam.

Am Nachmittag marschierten wir weiter. Der Sergeant fuhr mit seinem Rade etwas voraus und bemerkte einige Aufständige, die sich in den Maisschamben verproviantierten. Sobald sie uns erblickten, griffen sie zu ihren Waffen und suchten im nahen Gebüsch Deckung; aber drei fielen von unseren Gewehrkugeln getroffen. Die Nähe der Feinde zwang zu besonderer Vorsicht. Als der Abend nahe war, hielt ich in einem Dorfe, das anmutig auf bewaldeter Höhe lag mit der Aussicht auf den Strom und auf die weiten, fast unabsehbaren Grasniederungen seiner Ufer.

Um Lärm zu vermeiden, ließ ich keine Zelte aufschlagen, sondern Schlafplätze unter den vorspringenden Dächern der Hütten einrichten. Das Abendessen wurde auf den Herdsteinen im Innern der verlassenen Hütten gekocht.

Blutrot ging die Sonne hinter dem Flusse unter. Wir glaubten den Aufständigen nahe zu sein, deshalb stand ich lange mit dem Sergeanten auf dem höchsten Dach des Dorfes und suchte nach dem Schein von Lagerfeuern in der Ferne. Aber nichts Bestimmtes war zu erkennen.

Die Neger, Askari wie Träger, schliefen ohne Decken im Freien. Zwei Posten waren ausgestellt.

Ein besonders gewandter Askari wurde als Schenzi mit blauem Kanicki verkleidet, bekam einen Speer in die Hand und erhielt den Auftrag, sich unter die Aufständigen zu mischen, um etwas über ihre Absichten und ihren Aufenthalt zu erfahren.

Nach einigen Stunden kam er zurück und erzählte, er habe Schenzis getroffen, die zu ihm sagten: „Sieh dich vor, die Europäer haben heute am Rufiyi geschossen.“ Er darauf: „Ich gehe nach Kitschi, da kriegen sie mich nicht!“ Die Aufständigen: „Auch wir gehen nach Kitschi und unsere Frauen und Kinder sind im Wald versteckt.“

Gewiß war das alles Phantasie. Der Askari hatte sich wahrscheinlich eine Zeitlang im Busch verborgen und war dann mit der erdichteten Geschichte zurückgekommen.

Unter dem Vordach einer Hütte stand mein Feldbett; im Kreise herum lagen die Askari auf dem Wege, unter einer anderen Hütte die Matrosen. Die Träger schliefen dicht aneinander gedrängt nahe an dem Abhang, von dem aus am wenigsten Gefahr drohte.

Eines Tages traf ich in einem verlassenen Negerdorf auffallend zahme Tauben. Die Tiere waren offenbar gewohnt, ihr Futter von Menschenhand zu bekommen, und waren jetzt halb verhungert; sie pickten Maiskörner, die ich über mich streute, aus meinem Hut und fraßen aus der Hand.