II. IM RUFIJIDELTA
Salale
Die Wasser der Hochsteppen der Wahehe und der Wabena sammeln sich in dem Ruaha und Ulanga. Im weiten Bogen durchfließen sie das Herz Deutschostafrikas und vereinigen sich dann in dem Fluß Rufiji, der seine meist braungrünen Wassermassen durch die Ebene an Nyakisiku, Mpanganja und Utete vorbei nach Mohoro wälzt. Dort teilt er sich in eine Unzahl von breiten Armen. Im Laufe der Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, hat er seine nördlich liegenden Mündungen immer weiter nach Süden verschoben und biegt jetzt bei Mohoro schräg nach der Kilwagegend zu ab.
Aber die andern mächtigen Arme sind noch keineswegs versandet. In weiten Bogen und Windungen, bis zu tausend Meter und mehr breit, durchschneiden sie eine unabsehbare Mangrovenwildnis.
Sie bilden das gewaltige, dem Nil- und Mississippidelta an Größe kaum nachstehende Rufijidelta.
Von der Höhe des überragenden Pembaberges sieht es im Lichte der untergehenden Sonne aus wie ein weitmaschiges Netz von ineinandergeflochtenen Gold- und Silberfäden, die sich in wunderlichen Krümmungen, bald dick, bald in haarfeinem Gespinst durch den grünen, ungeheuren Mangroventeppich ziehen.
Ganz weit im Osten, wo der silberne Indische Ozean scharf diese waldige Sumpfwildnis abschneidet, ragen hohe dunkle Kasuarinen, die nur in dichtester Nähe des Salzatems des Ozeans leben können.
Dort, fast im Herzen der weitverzweigten Insel- und Wasserwirrnis, wird das Grün heller, an manchen Stellen fast gelb; dort wehen weite Palmenwaldungen in leichtem Luftzuge, dort liegt der einzige bewohnte Ort: Salale.
An dem mächtigen, tiefen Saningaarm gelegen, ist es von See aus selbst durch große Küstendampfer zu erreichen, sie laufen dort an, um das Mangrovenholz und die Erzeugnisse der wenigen am oberen Rufiji gelegenen Pflanzungen zu verladen.
Salale ist sogar Poststelle. Mitten im Wald, an einer besonders hohen schlanken Palme, ist ein blauer Briefkasten angenagelt, daneben steht ein kleines, sauberes Lehmhäuschen, in dem der Leiter dieser Nebenstelle, ein biederer, goldbrauner Goanese sein bescheidenes Dasein fristet.
Die einzigen Europäer dieses verborgenen Ortes sind zwei alte Deutsch-Afrikaner: ein Forstbeamter und seine Frau. Sie haben hier schon viele Jahre ihres Lebens unter den nickenden Palmen zwischen den Eingeborenen ihrer Station verbracht.
Ihr weißes, einstöckiges Steinhaus steht fast am Strande, mitten in dem tiefen, hellbraunen Sande, dort gedeiht die Kokospalme am besten. Sie kommt denn auch überhaupt nur hier oder nicht allzuweit von der Küste vor. Das ganze übrige Gebiet des weiten Deltas ist von dunkelgrünen Mangroven bewachsen, ihre Luftwurzeln ragen bei Niedrigwasser in grotesken Verschlingungen aus dem weichen, tiefen Mutt hervor. Ein Anlandsteigen ist hier überall fast unmöglich — man versinkt ohne weiteres in diesem sumpfigen Lehmbrei.
Gleich hinter Salale hört das tiefe Wasser auf, der Saningaarm macht eine Biegung und nur eine schmale, keine zwanzig Meter breite Fahrrinne ist noch vorhanden.
In ihr liegt am 4. November 1914 die »Königsberg«, ganz dicht an die Mangroven gepreßt, so daß man fast hinüberlangen kann. —
Der Kohlenvorrat ist erschöpft! —
Sie hat im Rufiji Schutz gesucht und auch gefunden. Erst gestern ist sie von englischen Kreuzern entdeckt worden, die die »Somali«, die nordöstlich von Salale verankert liegt, um einfahrenden Feinden ein Hindernis zu bieten, schwer unter Feuer genommen haben.
Heute erwarten wir einen entscheidenden Angriff. Allerdings erst gegen Nachmittag, da nur dann, beim höchsten Hochwasser, die vor der Einfahrt liegende Barre von den englischen Kreuzern passiert werden kann. —
Die Eigenart der Verhältnisse hat uns gezwungen, ein Verteidigungsmittel seltener Art zu erfinden.
Wir müssen unbedingt verhindern, daß die englischen, uns artilleristisch weit überlegenen Kreuzer — es sind die »Weymouth«, »Dartmouth« und »Falmouth« — einlaufen, müssen sie gleich beim Einfahren in die Mündungen angreifen.
Das wirksamste Mittel dafür sind unsere fünf Torpedos. Wir haben aber keine Boote, von denen aus wir sie abfeuern können. So müssen wir uns eben auf andere Weise helfen.
Zwei Einbäume werden mit Querbalken in einem Abstand von einem Meter aneinander gebunden und in der Mitte an den Verstrebungen Laufschienen angebracht, in denen der Torpedo hängt.
Beim Schuß wird einfach der Öffnungshebel durch Ziehen an einem Drahtstropp umgelegt und mit einem gewaltigen Satz springt dann der glänzende, stählerne Riesenfisch, der größer ist als das ganze Torpedoboot selbst, in der angesteuerte Richtung in die Luft, um dann im hochaufspritzenden Wasser unterzutauchen und seinem Ziel zuzuschwimmen.
Wir haben es schon ein paarmal versucht und über Erwarten günstige Erfolge damit erzielt. Daß beim Schuß, durch den Stoß, die Hälfte der Besatzung jedesmal über Bord fällt und prustend wieder in die Einbäume, die dann halb voll Wasser sind, klettern müssen, tut dem Eifer nicht den geringsten Abbruch.
Wir wollen uns heute in der Nähe der Mündung mit unserem »Torpedotumbi« — tumbi heißt auf Kisuaheli »Einbaum« — in einem verschwiegenen Seitenkreeck hinter den Mangroven verbergen und dem ersten Engländer, der versuchen sollte einzudringen, auf 300–400 Meter einen Torpedo in den Leib jagen. — Auf diese Entfernung muß er treffen und wirken!
Von der Pinasse geschleppt, steuern wir langsam an Salale vorbei, das verlassen daliegt. Seine Bewohner, Weiße sowohl wie Schwarze und Braune, sind jetzt längst geflüchtet. Auf der höchsten Palme sitzt ein Beobachtungsposten von uns.
Weiter geht es, die schweigenden Mangroven entlang, der Mündung zu. Das Wasser läuft noch stark stromauf, in zwei Stunden — etwa um vier Uhr nachmittag — wird Hochwasser sein.
Wir passieren die »Somali«, die einsam und verlassen im Fahrwasser liegt. Treu wie ein Hund ist sie uns bis hierher gefolgt und muß sich jetzt hier für uns vernichten lassen. Verschiedene Löcher, herabhängende Eisenfetzen und geknickte Stützen zeugen von der gestrigen Beschießung.
Wir erreichen die Hauptbiegung des Saningaarmes und somit unser Ziel.
Von den Dutzenden von abzweigenden Querkanälen wählen wir den tiefsten, zugleich den am besten unter überhängenden Mangroven verborgenen.
Der Doppeleinbaum wird mit frischem Grün geschmückt — er ist jetzt vollkommen unkenntlich — und in der passenden Schußrichtung festgepflöckt. Die Pinasse verschwindet im Innern des Kreeks.
So sitzen wir und lauern!
Das Wasser steigt nur mehr langsam, also muß es sich bald entscheiden!
Wollen die Engländer uns angreifen, so müssen sie einlaufen, denn von See aus beträgt die Entfernung bis zur »Königsberg« mindestens 15 Kilometer — sie ist außer theoretischer Reichweite der englischen Schiffsgeschütze.
Also müssen sie kommen — wir erwarten sie. —
Ins Wasser gestreute Blätter zeigen, daß jetzt Stauwasser ist — die höchste Höhe ist erreicht.
Angestrengt starren wir auf die Biegung. Jeden Augenblick kann dicht vor uns der graue Bug eines langsam um die Ecke steuernden Kreuzers sichtbar werden.
Es herrscht vollkommene Stille. Das leise Rauschen des aufströmenden Wassers ist verklungen — bewegungslos, wie ein Spiegel liegt es vor uns. Man kann die Ringe erkennen, wenn eine der langarmigen, tropischen Wasserspinnen über seine Fläche läuft. Leise summen die Moskiten, ein Regenpfeifer flötet ab und zu, oder Affengekreisch zerreißt mißtönend für einen Augenblick das Schweigen.
Da dröhnen fünf schwere Schläge durch die Luft. Zitternd rascheln die Mangroven, hoch über unseren Köpfen saust das Zischen darüber hinwegfliegender Granaten.
Wir starren in die Höhe! Wem kann dies gelten? Sollten die vor der Mündung liegenden Engländer die »Somali« beschießen?
Wieder das ferne Krachen einer Breitseite, das Sausen und Heulen weit über uns — wir sitzen mit der Uhr in der Hand — dann ganz fern fünf dumpfe Aufschläge.
Nochmals und nochmals zählen wir am Sekundenzeiger die Zeit zwischen Abschuß und Aufschlag — diese Granaten fliegen weiter wie dreizehn Kilometer!
Sollten die Engländer trotz der verkleidenden Büsche auf den Toppen unserer Masten von See aus die »Königsberg« hinter den Palmenwaldungen von Salale gesichtet haben und sie nun beschießen?
Aber wie?
Keiner von den da draußen liegenden Kreuzern kann fünfzehn Kilometern weit schießen. Sollten unerwartet neuere, größere Schiffe eingetroffen sein?
Copyright Walther Dobbertin.
Heliographenposten auf dem Kembaberg
Copyright Walther Dobbertin.
»Unsere kleinen Hilfsschiffe« im sicheren Versteck
Von links nach rechts: die »Rovuma«, der »Tomondo«, die »Hedwig«
Schädel eines vom Verfasser erlegten Flußpferdes
Vom Kommandanten gefangenes Flußpferdbaby
auf den Decksplanken der »Königsberg«
Kaum anzunehmen! Deren Erscheinen wäre uns längst schon von irgendeinem der vielen Küstenposten von Tanga bis zur Rovumamündung gemeldet worden.
Vorläufig ein ungelöstes Rätsel. —
Alle zwanzig Sekunden braust eine Salve über uns hin, um nach einer endlos scheinenden Zeit mit dumpfem fernem Krachen zu krepieren.
Wir aber erwarten immer noch jeden Augenblick das Erscheinen eines grauen Buges dort hinten bei der Ecke, wo die Mangroven sich in dichten Büscheln über den Flußarm neigen.
Das Wasser steht noch immer. Vor einer Viertelstunde hineingeworfene Zweige haben sich noch keinen Zentimeter von ihrer Stelle gerührt.
Die Sonne hat sich weiter nach Westen geneigt. Das unangenehme Summen der Moskiten verstärkt sich; blutgierig in leisem metallischen Singen umkreisen sie unsere nackten Arme, um die Gelegenheit zum Stich zu erspähen.
Hier, rechter Hand, steht eine schlanke dünne Mangrove, deren Stamm, Äste und Blätter, wie mit braunem Rost überzogen scheinen; tausende von Moskiten hängen an ihm, schlafen, die Zeit des Sonnenuntergangs erwartend. —
Noch immer dröhnen in gleichen Zwischenräumen von See her dumpf die Schläge der Breitseiten, das Heulen in der Luft, das ferne Krachen der Aufschläge.
Da kommt allmählich Bewegung in die Wasser, langsam, ganz langsam beginnen sie zurückzufließen — nach See zu.
Wir geben die Hoffnung auf, heute noch den grauen Bug um die Ecke biegen zu sehen. Der Torpedokopf wird wieder gesichert, die Pinasse kommt aus ihrem grünen Versteck hervor, nimmt das Doppeltumbi im Schlepp, und langsam dampfen wir gegen den nun immer schneller abfließenden Strom zurück.
Der Kanonendonner hat aufgehört. Die Ruhe der verlassenen Urwaldwildnis liegt auf der weiten Mangrovenlandschaft.
Die Abendsonne wirft schräge Schatten auf das Grün, gibt ihm allmählich eine hellgelbe Färbung und weckt den Tippu-tipp, Afrikas Kuckuck, der mit seinen eine ganze Oktave durchflötenden Tönen über die leise glucksenden und rauschenden Wasser hinklagt. Er kann kaum fliegen — ab und zu sieht man den braunen, plumpen Vogelkörper wie ein Huhn von Ast zu Ast flattern.
Man kann es nicht fassen, daß diese heilige Urwaldstille eben noch von dem Dröhnen der raffinierten Vernichtungsmittel des höchstentwickelten Wesens in dieser Welt, des Menschen, erfüllt worden ist.
Wie oft habe ich da draußen empfunden, wie lächerlich winzig und bedeutungslos das Kampfgetümmel menschlicher Zwergwesen und ihrer kleinlichen Leidenschaften ist neben der ruhigen Größe dieser mächtigen Natur — ja ein Gefühl der Beschämung wollte mich übermannen, wenn ich bedachte, daß ich eben noch mit allen Fasern, mit allen Kräften des Denkens am Kampfe teilgenommen hatte. — —
Was sind um irgend welche Vorteile, und sei es selbst um die Existenz kämpfende Atome gegen diese schweigende, ursprüngliche Unendlichkeit? —
Die Palmen von Salale tauchen auf, die bereits nur mehr als dunkle, verästelte Silhouetten sich gegen den rasch verblassenden Himmel abheben.
Wir legen an, um den Beobachtungsposten mitzunehmen. Vor uns liegen die dunklen Umrisse einer alten, einst seebefahrenen Dhau, rechts davon eine halbverfallene Grashütte.
Die Leute steigen an Bord. Aufgeregt erzählen sie, daß tatsächlich die »Königsberg« beschossen und schwer beschädigt worden sein müsse, da alle Granaten unmittelbar bei dem Schiff eingeschlagen seien. Kreuzer anderer Art, als die bisher gemeldeten, hätten sie nicht gesehen.
Also ist das Wie dieser Beschießung noch immer ein ungelöstes Rätsel. —
Es ist mittlerweile fast vollkommen Nacht geworden. Wir folgen dem breiten, hellen Rand des Saningaarmes, dessen Ufer man nicht mehr erkennen kann, da die tiefdunklen Schatten der Mangroven sich mit ihrem tintenschwarzen Spiegelbilde im Wasser zu einem unsicheren, breiten, dunklen Streifen vereinigen. —
Der sehnige, achtern stehende Bootssteurer, dessen Mützenbänder im Winde flattern, legt langsam die Ruderpinne, wir drehen nach Steuerbord, passieren die Biegung, und vor uns liegt der dunkle, in der Finsternis riesenhaft erscheinende Rumpf der »Königsberg«. Fast keine Lichter sind zu sehen — man könnte glauben, sie wäre vollkommen verlassen, wenn nicht dumpfes Stimmengewirr, Hämmern und Klopfen herübertönte.
Wir legen am Fallreep an.
Schnell sind unsere Fragen beantwortet. Die »Königsberg« hat tatsächlich heute nachmittag lange im schweren englischen Feuer gelegen, ist aber wie durch ein Wunder nicht ein einziges Mal getroffen worden, hat nicht einen Mann verloren.
Wie wir später erfahren haben, sind die Palmenbüsche auf den Toppen der Masten uns zum Verhängnis geworden. Sie wurden, an Höhe weit den Palmenwald von Salale überragend, von See aus gesehen und von den Engländern sofort als Masten der »Königsberg« angesprochen.
Da die feindlichen Kommandanten nicht so weit schießen konnten, drängten sie durch Fluten der Seitenräume ihre Schiffe so weit nach der entgegengesetzten Seite, daß den Geschützen die für die weite Entfernung nötige Erhöhung gegeben werden konnte. —
Da wir für den nächsten Tag bestimmt mit einer Wiederholung rechnen konnten, die uns unbedingt verhängnisvoll werden mußte, hatte sich unser Kommandant entschlossen, nachts beim höchstem Hochwasser zu versuchen, über die uns den Weg nach hinten sperrenden Barren zu fahren, um im Innern des Deltas einen vorläufig für die Engländer nicht erreichbaren Platz aufzusuchen.
Das Fahrwasser hatten wir zu diesem Zweck früher schon genau ausgelotet. Der Tidenhub, der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser, beträgt dort fast fünf Meter; wir hatten rund 4,8 Meter Tiefgang, es mußte uns also möglich sein, bei höchstem Wasserstand über die bei Ebbe fast trocken liegenden Sandbänke zu fahren.
Ein großes Wagnis allerdings blieb es trotzdem, denn bei Nacht im unsicheren Sternenglanz verschieben sich Konturen und Entfernungen, und es ist nicht leicht, den langen Körper eines Kreuzers in einer schmalen Rinne durch die nächtliche Mangrovenwirrnis zu führen. — —
An den Masten wird gehämmert und geklopft. Der erste Offizier will sie verkürzen, damit sie nicht wieder zum Verräter werden.
Erst gegen Mitternacht tritt Ruhe ein, der Arbeitslärm verklingt, die schweigende Tropennacht tritt in ihre Rechte.
Grünlich leuchtende Scharen von Glühwürmchen gaukeln durch die Mangroven, in der Luft singt und surrt das tausendfältige Schwirren der erwachten Moskiten, die hier im Rufijigebiet besonders berüchtigt sind, als Träger der Malaria.
Nicht grundlos flattert ab und zu aus dem Vorschiff ein Stöhnen auf, oder wirre Worte klingen durch die Nacht. Fieberkranke liegen dort im Mannschaftslazarett.
Klar und glänzend steht der Orion, das schönste Sternbild der nördlichen wie der südlichen Halbkugel am Himmel und zieht langsam, langsam seinen Weg nach Westen. — —
Die Wasser sind rauschend abgeflossen, glucksend zum Stillstand gekommen — der Strom kenterte — erst langsam, dann brausend strömten sie wieder zurück — jetzt verlangsamen sie ihren Lauf — bald müssen sie ihre höchste Höhe haben.
Alles ist klar zum Manöver! —
Es ist lauter geworden im Walde! Mancher Reiher mußte infolge des starken Stromes seinen niedrigen Schlafplatz verlassen und flattert nun unruhig hin und her. Affen, denen es ebenso ergangen, kreischen, schimpfen und springen knackend durch die Wipfel.
Die Nachtfrösche lärmen — auch sie sind wach geworden und müssen schwimmen. — —
»Beide Maschinen kleine Fahrt voraus!«
Langsam setzt sich der dunkle Koloß in Bewegung und steuert in das im Sternenlicht unsicher glänzende dunkle Gewässer.
Die Rufe der Lotsgäste, die abwechselnd die Tiefe aussingen, hallen eintönig durch die Nacht. Schemenhaft schweben dicht an den Bordwänden die gespenstischen Schatten der Mangroven zum Greifen nahe vorbei.
»5 Meter 20!« singen die Lotsgäste.
»5 Meter 10!«
»5 Meter!«
4 Meter 80 tief gehen wir! — aber wir müssen hinüber — entweder — oder!
»4 Meter 80!«
Ein leises Knirschen — ein rauhes Scharren auf dem Grund.
»5 Meter!«
Wir sind hinüber!
Tieferes Wasser kommt wieder. Da vorn sieht es aus, als ob der Arm zu Ende wäre, durch tiefe Schatten ist der Wasserspiegel abgeschlossen.
Es geht nach rechts in einen Seitenarm. Langsam, langsam dreht der Riese in eine schmale Wasserstraße.
Wieder huschen dunkle, nicht erkennbare Bäume vorüber, deren Äste manchmal raschelnd und knarrend an den Bordwänden längsfahren.
Kein Wort wird gesprochen, nur ab und zu ein ruhiger, mit halblauter Stimme gesprochener Befehl des Kommandanten oder des Navigationsoffiziers — die ruhige, eintönige Wiederholung des Rudergängers oder ein Rasseln der Maschinentelegraphen.
Dumpf tönt das Mahlen der Schrauben, das im Schiffskörper wie auf einem Resonanzboden wiederhallt.
8 Meter, 10 Meter werden ausgerufen.
Dieser kleine Seitenarm, durch den wir vom Saninga- in den Simba-Uranga-Arm wollen, hat mehr Wasser, als man vermutet hatte.
Mit erstaunlicher Gewandtheit folgt der mächtige dunkle Koloß den vielen Windungen und Biegungen des schmalen Kreeks.
Im Osten erscheint ein heller Schimmer, der sich schnell über das ganze Himmelsgewölbe ausbreitet und dann von starken, grelleren Farben abgelöst wird, bis die Spitzen der Mangroven von der aufsteigenden Sonne in blitzendes Licht getaucht werden.
Eigenartig ist das Bild, das sich jetzt uns bietet.
Von der Kommandobrücke aus übersieht man weit die tieferliegenden endlosen, niederen Mangrovenwälder, die auf beiden Seiten bis fast an die Bordwände heranreichen und langsam vorübergleiten. Man hat den Eindruck, als führe man mit dem Kreuzer, dessen Dimensionen und Größe durch die Kleinheit der Bäume ins Übergewaltige gesteigert wird, über Land durch einen Wald.
Ich muß an ein Bild denken, das ich im letzten Jahre oft in Deutschland gesehen habe: Der Dampfer »Imperator« in die Straßen einer Stadt hineingestellt, um seine gewaltigen Abmessungen dem Beschauer verständlich zu machen, ihm Vergleichsmöglichkeiten zu geben.
Ähnlich, wie das Deck dieses Kolosses über die Dächer der winzig scheinenden Häuser, ragt die »Königsberg« über die grüngelbe, jetzt voll im grellen Sonnenlicht daliegende Waldwildnis. —
An den braunen Stämmen der Mangroven kann man bereits erkennen, daß das Wasser schon wieder im Fallen ist, denn scharf ist ein fast handbreiter, nasser Streifen zu erkennen und wenn man genau hinsieht, kann man auch eine Rückwärtsbewegung von Schaumblasen und von schwimmenden Blättern feststellen.
Wir müssen uns beeilen, bevor das Wasser weiter fällt, über die letzte und Hauptbarre zu kommen. Erst dahinter finden wir die längere, freie Fahrtrinne und können uns der Reichweite der feindlichen Geschütze entziehen, die uns sicher am Nachmittag bei günstigem Wasserstand unter vernichtendes Feuer nehmen werden.
»8 Meter!«
»8 Meter« — rufen noch immer die Lotsgäste aus, da öffnet sich vor uns die enge Wasserstraße und wir biegen in den Simba-Uranga-Arm ein.
Breit dehnt sich vor uns der Fluß aus — wir drehen nach Backbord und steuern ein.
»Beide Maschinen stopp!«
Wir vermindern die Fahrt, denn die Barre kommt näher.
»6 Meter!«
»5 Meter 40« — Die Lotsgäste!
»Kleine Fahrt voraus!«
Mahlend setzen sich die Schrauben in Bewegung — jetzt gilt es — wir müssen hinüber! — Gelingt es nicht, bieten wir dem Engländer ein noch viel besseres Ziel als gestern; der Simba-Uranga-Arm ist an dieser Stelle bedeutend breiter und die Entfernung von der Küste hat sich nicht vergrößert, weil wir bis jetzt parallel zu ihr gefahren sind.
Unser Schicksal würde dann kaum mehr zweifelhaft sein! —
Langsam schieben wir uns jetzt weiter, das Wasser fließt bereits bedeutend schneller ab als vorher. —
»5 Meter!«
Da — ein Ruck — wir sitzen!
»4 Meter 60!«
»Beide Maschinen große Fahrt zurück!«
Die Maschinen rattern, dröhnen, mahlen.
Das Schiff rührt sich nicht! —
Immer schneller fließen die Wasser ab.
»Beide Maschinen äußerste Kraft zurück!«
Der Schiffskörper ächzt, zittert, tosend umschäumt jetzt der hüpfende Gischt die wirbelnden Schrauben.
Nichts — wir sitzen fest!
Die Mannschaft läuft vom Backbord nach Steuerbord, um das Schiff etwas ins Schlingern zu bringen und vom Sand zu lösen — die Maschinen tosen, mit dreimal äußerster Kraft zurück, Pinasse und Kutter haben Stahltrossen und Anker ausgefahren, knirschend und ächzend hieven die Spills.
Nichts — schneller und schneller fließen die Wasser ab!
Schon erscheint ein fingerbreiter Streifen des grün bewachsenen Schiffbodens.
Da geben wir es auf.
Schweigend verläßt alles die Manöverstationen. Was in Menschenkräften liegt, ist getan worden.
Was werden soll? — Der Nachmittag wird es zeigen! — — —
Rauschend und brausend strömt der Fluß jetzt vorbei — der See zu. Gegen 8 Uhr erscheinen bereits die oberen Enden der Schraubenflügel über dem Wasser.
Da neigt sich langsam die »Königsberg« nach Steuerbord — senkt sich und senkt sich mehr und mehr. Schräg stehen Masten und Decks, die Gefahr des Kenterns droht. Ohnmächtig muß man zusehen! Alle Versuche, das Schiff abzustützen, sind vergeblich.
Fast zwei Meter des mit Muscheln, Algen und Schlamm dichtbewachsenen Schiffbodens sind jetzt frei. Wir machen aus der Not eine Tugend: Boote werden heruntergelassen, um ihn abzuschaben, zu reinigen.
Eine mächtige Sandbank taucht vor dem Bug aus dem abfließenden Strom, weiter und weiter senkt sich das Wasser.
Die Schraubenflügel werden frei, gegen zehn Uhr ist sogar die Schraubenwelle sichtbar!
Der tiefste Wasserstand ist eingetreten. — Beim Hochwasser des Nachmittags werden die Engländer ihre Beschießung wiederholen.
Das Nachmittagshochwasser ist aber nie so hoch wie das des Morgens. Eisern festgenagelt werden wir auf dem Grund sitzen, werden wehrlos, auf dem Präsentierteller liegen und ihren Granaten preisgegeben sein. —
Gegen Mittag fahren wir mit den Torpedoeinbäumen wieder nach der Mündung, legen uns in den Kreek von gestern.
Um vier Uhr haben wir Hochwasser, um vier Uhr muß es sich entscheiden.
Entweder erscheint der graue Bug eines Kreuzers dort an der Ecke bei den überhängenden Mangrovenbüschen, oder schwere Schläge dröhnen von See herauf, von dumpfem Krachen weit im Innern des Deltas gefolgt, wo unser wehrloses Schiff auf der Sandbank sitzt, wo unsere Kameraden ergeben ihr Schicksal erwarten. —
Wieder steigen die Wasser, wieder flattern die Reiher und flöten die Regenpfeifer.
Wieder tritt die lautlose Stille des höchsten, des Stauwassers, ein.
Wieder warten wir atemlos, Seh- und Gehörnerven aufs äußerste angespannt.
Wieder summen die Moskitos, flüchten die langbeinigen Wasserspinnen. — — —
Aber nichts unterbricht die Stille, kein Bug erscheint, keine Breitseite erdröhnt! — —
Mit der Pinasse fahren wir vor bis zur Mündung — da liegen die drei großen englischen Kreuzer — einer hinter dem andern — weit ab — keiner rührt sich.
Die Wasser setzen sich allmählich in Bewegung, strömen ab — die Sonne senkt sich.
Bewegunsgslos liegen noch immer die drei mächtigen Engländer, jeder allein zwei Schiffen wie die »Königsberg« gewachsen — bewegungslos — schweigend. Wie ausgeschnitten heben sich ihre langgestreckten dunklen Umrisse vom hellen Himmel ab. —
Warum sind sie heute nicht gekommen, heute, wo wir gebunden und geknebelt auf dem Sandhaufen stehen, das Unvermeidliche erwartend, heute, wo sie mit uns leichteres Spiel gehabt hätten, als der Henker mit seinem gefesselten Opfer?
Wunderlich spinnt das Schicksal oft seine Fäden.
Die Nacht sinkt hernieder. Um Mitternacht setzt die Flutwelle ein, im Morgengrauen arbeiten Maschinen und Spills, die Mannschaft legt sich in die Trossen, das Schiff löst sich langsam vom Grunde, richtet sich mit pendelnden Bewegungen auf — — die aufgehende Sonne sieht uns weit hinter der Barre im tiefen Wasser des Rufiji nach Westen ins Innere dampfen.
Simba-Uranga
Alle Seekarten vom Rufijidelta, sowohl die englischen wie die von den Engländern übernommenen deutschen zeigen nur in einem Arm solche Wassertiefen, daß bei Hochwasser auch größere Schiffe einlaufen können. Dieser Arm ist der vorher erwähnte Saningaarm, der zwischen der Simba-Uranga- und Saninga-Insel in die See mündet.
Alle südlichen Rufijimündungen, wie die Kiomboni-, Msalla-, Ndahi- oder Kiassimündung, sind bei einer Breite von fast einem Kilometer so versandet, daß kaum eine flachgehende Dhau bei Niedrigwasser eine schmale Einfahrtsrinne finden kann.
Auch in dem nördlich der Simba-Uranga-Insel mündenden mächtigen Kikunjaarm finden wir selbst in den neuesten Seekarten an der Mündung Wassertiefen von nur zwei bis drei Metern, daher kann auch dieser Zweig des Rufiji zu Schiffahrtszwecken nicht benutzt werden, obwohl er an sich sehr günstig gelegen ist, weil er sich nahe der Straße Daressalam-Kilwa-Lindi hinzieht.
Das deutsche Vermessungsschiff »Möve« aber hat nur wenige Wochen vor Kriegsbeginn festgestellt, daß alle diese Tiefenangaben der Karten in Wirklichkeit nicht mehr zutreffen, da durch das starke An- und Abschwellen aller afrikanischen Flüsse zur Regen- und Trockenzeit auch eine andauernde Verschiebung der Flußbettverhältnisse bedingt ist, die eigentlich eine alljährliche genaue Vermessung verlangte.
Und so finden wir denn im Kikunjaarm Tiefen von zehn bis vierzehn Metern, genügend, bei Hochwasser jedem Ozeanriesen Einlaß zu gewähren.
Den Engländern ist dies aber zum Glück unbekannt, und so richten sie lediglich ihr Augenmerk und ihre Wachsamkeit auf die Simba-Uranga- oder Saninga-Mündung. Sie sind jetzt vollkommen beruhigt, da sie glauben, diesen Arm durch die Versenkung der »Newbridge«, die mit anerkennenswertem Mut und seemännischem Geschick unter dem Feuer unserer Maschinengewehre und kleinen Geschütze in den Saningaarm gesteuert, quer zum Fahrwasser gelegt und gesprengt wurde, vollkommen gesperrt und unpassierbar gemacht zu haben.
Aber die ganze »Newbridge« ist nicht den dritten Teil so lang, wie der Saningaarm an der Stelle breit ist. Ruhig und sicher können ganze Geschwader noch an ihr vorbeifahren und uns bleibt immer noch, sollten wir die Absicht haben, auszulaufen, der große tiefe Kikunjaarm übrig, den sie gänzlich unberücksichtigt ließen.
Der Ausdruck »bottled up«, mit dem der englische Vizeadmiral King Hall unsere Einschließung dem War office in London gemeldet hatte, dürfte also keineswegs der Wahrheit entsprechen.
Die Blockadekreuzer, die uns nun sicher in der geschlossenen Mausefalle glauben, machen denn auch aus ihrer Nichtachtung der Situation gar keinen Hehl und legen sich mitunter so nahe dem Strand verankert, daß man mit einem guten Glase in der erleuchteten Offiziersmesse weiße Gestalten in Dinnerjacketts beim Abendbrot sitzen sehen kann.
Diese Harmlosigkeit muß unbedingt unsererseits ausgenutzt werden. Deshalb warten wir mit unseren beiden Torpedoeinbäumen — Abend für Abend — auf eine günstige Gelegenheit hinauszupaddeln, um nächtlicherweile an einen der schlafenden Kreuzer heranzuschleichen und ihm ein Torpedo in den Leib zu jagen. —
Aber jeder Versuch scheitert zu unserer Verwunderung ausnahmslos daran, daß ausgerechnet in dem Augenblick, wo wir bei Simba-Uranga die Vorbereitungen zum Auslaufen treffen, er jedesmal seinen Anker einhievt und in langsamer Fahrt ostwärts, in der Richtung auf die Insel Mafia zu, in der hereinbrechenden Dunkelheit verschwindet.
Ein Hinauswagen in die offene See mit unseren kleinen Fahrzeugen, die kaum handbreit über das Wasser ragen, ist aber ausgeschlossen, da uns die Dünung sofort zu fassen bekommt und die Einbäume, wie schon in mehreren Fällen, zum Volllaufen und Kentern bringt.
Allmählich wird uns klar, daß hier nur Verrat im Spiel sein kann.
Jeden Abend gehe ich voll Erwartung quer über die Simba-Urangainsel nach dem Strand zu, um bei der untergehenden Sonne Ausschau zu halten. Hoch oben auf einer schlanken Kasuarine, deren schwarze, tannenartige Gestalt sich düster von den rauschenden, raschelnden Palmen und Mangobäumen abhebt, haben wir einen Ausguck gebaut und in diesem genieße ich Abend für Abend dasselbe Schauspiel: Ruhig auf dem blauen, bewegten Ozean liegt der graue Rumpf des Engländers — bewegungslos, plump und massig. Dahinter, fast am Horizont, dehnt sich ein heller Streifen von Norden nach Süden: der gelbe Strand von Mafia, eingesäumt vom weißen Gischt der anrollenden Brandung.
Rings um meinen luftigen Standort wogt ein Meer von nickenden, wiegenden Kasuarinen und Palmen, zwischen deren riesigen gestreiften Blättern klobige, grünbraune Kokosnüsse hervorlugen — unterbrochen von den fast kugelrunden Laubmassen der Mangobäume. Die sind jetzt, zur Zeit der Reife, über und über mit hellgelben und hellgrünen, saftigen Früchten bedeckt, die sich seinerzeit die weltbeherrschende Queen von England vergebens auf ihren Tisch gewünscht hat, da es nicht möglich war, sie im frischen Zustand von Indien nach England zu bringen.
Allmählich senkt sich die Sonne, hüllt Mafia, den grauen Engländer, die Palmenwälder, hinter denen sich die Mangrovenwildnis ausdehnt, in glühende Purpurschleier. — —
Da steigt Rauch aus einem der Schornsteine des Kreuzers. Wutentbrannt muß ich zusehen, wie sein langer Leib sich dreht, langsam nach Osten steuert und kleiner und kleiner wird.
Tiefe Schatten senken sich dann über die weiten Niederungen, über die dunkelnde See und verschlingen ihn ganz.
Enttäuscht verläßt man den Beobachtungsposten — argwöhnisch sieht man auf die leuchtenden Feuer, die dort auf den Höhen des Pembaberges aufglimmen, bald hellglühend erstrahlen, bald zu verlöschen scheinen.
Kann nicht eines von ihnen der Verräter sein?
Und sicher ist es eines gewesen. — Zu viel der Anzeichen haben später dafür gesprochen! —
Vergeblich warteten wir Tag um Tag. — —
Eines Nachmittags springe ich wieder aus dem Boot, um durch den Sand stapfend nach der Ostseite der Insel auf meinen Beobachtungsposten zu gehen, als mir ein biederer Landsturmmann entgegen kommt:
»Haben Sie gestern einen Torpedo verloren?« fragt er mich.
Ich lache — komische Frage!
»Aber da hinten, ganz hoch in den Mangroven, hängt einer!«
Ich kann mir mit dem besten Willen nicht erklären, woher hier mitten im Rufijidelta ein Torpedo herkommen soll, steige in mein Boot und lasse mir die Stelle beschreiben.
Wir setzen über den Saningaarm und erreichen das gegenüberliegende Dickicht, steuern dann das gewundene sumpfige Ufer entlang.
Es ist jetzt fast Niedrigwasser. Von den frei in die Luft ragenden, geschwungenen Wurzeln der Mangroven bis zum langsam abfließenden Wasser liegt ein breiter, braungelber Muttstreifen. —
Die Stelle ist erreicht.
Ein kleines Gerinnsel plätschert aus den Büschen heraus, langsam stoßen wir den Einbaum hinein und schieben uns unter die Zweige.
»Huko — dort« meint mein schwarzer Steuerer.
Und wirklich! — — — Kaum kann ich meinen Augen trauen — hoch zwischen den Ästen einer starken Mangrove hängt ein mächtiger, silberglänzender Torpedo mit stark kegelförmigem Kopf schräg nach unten.
Copyright Walther Dobbertin.
Nach dem Endkampf des letzten Auslandskreuzers
Copyright Walther Dobbertin.
Nach dem Endkampf des letzten Auslandskreuzers
Copyright Walther Dobbertin.
Wrack der »Königsberg« bei Hochwasser
Copyright Walther Dobbertin.
Ausgebranntes, noch schwimmendes Wrack der »Somali«
Auf den ersten Blick sehe ich, daß es kein deutscher sein kann, er ist silberbronziert, kürzer und schlanker als unser Schiffstorpedo. —
Mit seinem Schwanzruder und den Schrauben liegt er auf einem dicken Ast auf, während seine Nase, die in zwei propellerförmige Zacken ausläuft, sich in einen Stamm eingeklemmt hat.
Ich kann nicht erkennen, ob er scharf oder nicht scharf ist, oder ob er abgeschossen wurde.
Vorsichtig untersuche ich ihn — das System ist mir unbekannt, ein Fehlgriff kann ihn zur Explosion bringen.
Ich nehme an, daß er von den Engländern irgendwann gegen ein mir allerdings nicht erklärliches Ziel geschossen worden ist, vorbeiging und dann bei Hochwasser in die Mangroven trieb, wo er sich festhakte, um jetzt bei Niedrigwasser wie ein großer Vogel in den Ästen zu sitzen.
Also müßte er noch scharf sein, ein Druck oder Schlag auf seine Greifnasen genügen, ihn zur Explosion zu bringen, was gleichbedeutend wäre mit einer Kraftentwicklung von etwa zwanzigtausend Sekundenmetertons oder einer Kraft, die das größte Linienschiff in der Sekunde einen Meter hoch schleudern würde. Darum Vorsicht!
Wir fahren wieder ab — ich melde telephonisch nach der »Königsberg«, und wir bekommen den Befehl, den Torpedo zu bergen und an Bord zu bringen. — —
Ein Kutter und zehn kräftige Matrosen pullen uns an Ort und Stelle.
Wir haben das Hochwasser abgewartet und diesmal liegt ein Teil des silberglänzenden Leibes im Wasser. Er hängt aber immer noch, denn wir haben augenblicklich Nipp-Tide, erstes Mondviertel, also die Zeit des niedrigsten Hochwassers, das nur bei Voll- und insbesondere Neumond seine höchste Höhe erreicht.
Zwei kräftige Matrosen steigen aus und versuchen den Torpedo vorsichtig, sich mit den Beinen gegen die Bäume stemmend, herunterzuheben.
Es gelingt nicht!
So muß der Ast abgesägt werden! — Peinlich, denn der Torpedo wird dann mit der Nase nach unten ins Wasser fallen!
Die Säge kreischt — alles raucht Zigaretten und sieht möglichst gleichgültig auf den größer und größer werdenden Spalt im Ast.
Da neigt er sich allmählich — jeder hält den Atem an — das Schwanzstück rutscht — — — platsch!
Er liegt im Wasser!
Alles lacht! — Wie ein großer Fisch wird er weggeschleppt — — —
Später haben wir ihn geöffnet und studiert. Es war ein englischer Whitehead-Torpedo. Englische Gefangene erzählten uns dann, daß eine der Barkassen, die die »Newbridge« in die Deltamündung begleitet hatte, Torpedos mitführte, um notfalls die Versenkung zu beschleunigen, und bei der raschen Rückfahrt einen davon verloren habe. Er muß dann vom Hochwasser in die Mangroven getrieben worden und dort hängen geblieben sein. —
So haben wir bei Simba-Uranga nicht nur keinen einzigen Torpedo verschossen, sondern sogar noch einen dazubekommen.
Allabendlich stieg ich noch eine Woche lang auf meinen hohen Kasuarinenausguck, allabendlich rauschten die grünen Palmen hier, die blaue See dort — lag träge und stumm ein grauer Kreuzer.
Wurde dann aber das Sonnenlicht röter und röter, die Strahlen schräger und schräger, leuchteten sie karmin- und zinnoberfarben, dann kam Bewegung in diesen grauen Leib — er verschwand in den sich auf den Indischen Ozean senkenden Schleiern der warmen Tropennacht.
Allabendlich aber erglühten auf den dunklen Bergen lodernde Feuer, allabendlich sah ich lange durch die Nacht dort hinüber.
Eines war dabei, das uns verriet!
Waren es Schwarze — waren es Inder — Inder aus dem am Fuße des langen Höhenrückens liegenden Dorfe Kikale, die dort in ihren viereckigen Lehmhütten wohnen und Handel treiben? — Wir wissen es nicht — — haben es nie erfahren! —
Aber nur der Jäger, der hartnäckig und zäh Abend für Abend seinen Hochstand bezieht und scharfen Auges auf die im unsicheren Mondlicht glänzende Lichtung späht, hat Erfolg. Urplötzlich teilen sich die lichten, wallenden Nebelschleier und vor ihm steht wie ein Bild aus Bronze das Ziel seiner Jägersehnsucht — der König der Tiere. — —
Nicht wankende, zielbewußte Ausdauer hat ihn diesen Augenblick erleben lassen! — —
Ein halbes hundertmal wohl versank die Sonne in der weiten Steppe, ein halbes hundertmal tauchte sie strahlend aus dem Ozean — der Mond nahm zu, der Mond nahm ab — — er nahm wieder zu, er nahm nochmals ab — — unverdrossen harrten wir unserer Beute!
Da — am 6. Februar 1915 — — noch kaum erkennbar im frühen Morgenlicht, schiebt sich ein grauer Leib in die Mündung zwischen Simba-Uranga und Saninga. — Schnell bewegt er sich westwärts, flußauf. Es ist ein kleines Kanonenboot.
Aber schon hat ihn unser Auge erspäht — die hinter Mangroven versteckte Bootskanone der »Königsberg« und zwei Maschinengewehre eröffnen ihr Feuer — — weithin hallend in der tropischen Morgenstille über die spiegelnde, gleitende Wasserfläche.
Wie der Büffel im Blattschuß zeichnet und nach einem kurzen Hacken blitzartig zusammenbricht, so stoppt das feindliche Späherschiff, nachdem es sich kaum verteidigt, dreht scharf nach Steuerbord und läuft in voller Kraft auf den Strand von Simba-Uranga, tief sich in den weißen Küstensand wühlend.
Dann liegt es still! —
Die weiße Flagge geht hoch — — das Feuer verstummt. — —
Der Kapitän und einundzwanzig Mann werden gefangen, zwei Tote begraben — — das Kanonenboot, ein gekaperter deutscher und von den Engländern armierter Sambesi-Barrendampfer, der »Adjutant«, wird unsere Beute.
Gleich einer der ersten Schüsse hatte die Rudermaschine beschädigt und so das Stranden verursacht.
Eben so schnell wie die Sonne steigt, strömen die Wasser bei Eintreten der Ebbe dem Meere zu und als der gestrandete Schiffskörper hoch und trocken auf dem Sande liegt, überschüttet ihn der Blockadekreuzer »Hyacinth« mit Feuer, um ihn zu vernichten.
Es gelingt ihm aber nicht, die Entfernung ist zu weit und er wagt sich nicht heran. Als nun die Nacht sich herniedersenkt und die Flut ihren höchsten Stand erreicht hat, schleppen wir unsere Beute ab. —
Wenige Tage vergehen, und ein weiteres Fahrzeug patrouilliert die endlosen Arme des Rufiji auf und ab, die flatternde deutsche Kriegsflagge am Heck, ein 8,8-cm-Geschütz an Bord. — — —
Von da ab erlosch das Feuer auf dem Pembaberg!
Am Steppenrand
Langsam schreitet der Wanderer von Norden kommend über die niedrigen Höhenwellen westlich Nyemsati, um das große Akidendorf Kikale zu erreichen, denn der schmale Negerpfad ist schlecht, vielfach gewunden und von den Güssen der Regenzeit ausgewaschen.
Wenn er den kleinen, halbabgeholzten Miombowald an dem sich sanft zur Küste neigenden schrägen Hang hinter sich hat, wo der gewundene Weg sich im hohen Steppengras verliert, bleibt sein Fuß wie angewurzelt stehen: Vor ihm breiten sich die gewaltigen Niederungen des Rufijideltas aus, dessen Umrisse im Süden im wogenden, zitternden Glast der Mittagssonne verschwinden. Rechter Hand, nach Südosten zu, erstrecken sich die blauen Matumbiberge, deren kantige Erhebungen zum Teil in weißgeballten Wolkenhauben stecken.
Zwischen ihnen und dem Delta dehnt sich die weite, gelbbraune Steppe, über die der Blick unbegrenzt nach Westen schweift.
Dort, wo das silberne Band des Rufiji die Grenzen des Mangrovengebiets verläßt, scheint es sich zweimal um sich selbst zu schlingen, bevor es im Steppengras verschwindet, und dort, kurz vor der ersten Windung, liegt seit gestern der graue schlanke Leib der »Königsberg«.
Einen ganzen Monat hindurch Hoch- und Niedrigwasser ausnutzend, ist es ihr gelungen, bis zum Steppenrand vorzudringen und sich dem übermächtigen Feinde zu entziehen.
An Steuerbord liegt eine große mit Holz beladene Dhau, auf der träge Schwarze sitzen, die Mangrovenscheit um Mangrovenscheit an Deck emporreichen.
Die Kohlen sind ausgegangen — der Kreuzer heizt seine Kessel mit Holz.
So entsteigt denn auch kaum ein leichter Qualm einem der drei Schornsteine, nur ein fast unsichtbares, weißgelbes Wölkchen schwebt ab und zu in den klaren Aether empor. — Weiß glänzen die Sonnensegel.
Noch einige Fahrzeuge sind neben ihr zu erkennen: Ein kleiner Küstendampfer der Deutsch-Ostafrika-Linie liegt stromaufwärts, ein größeres grüngestrichenes Fahrzeug mit der Kriegsflagge daneben. Es ist der kürzlich von uns zurückeroberte »Adjutant«, der, flink und beweglich, eben von einer Patrouillenfahrt nach den Mündungen zurückgekehrt ist.
Weiter unterhalb, fast am Heck der »Königsberg«, auf der Innenseite der Strombiegung, spiegelt sich in dem ruhigen Wasser ein eigenartiges, wie eine große, flache Zigarrenkiste aussehendes Fahrzeug: es ist der kleine Heckraddampfer »Tomondo«, der in Friedenszeiten den Verkehr mit der Küste und den paar im Innern gelegenen Pflanzungen vermittelte. Von einer schwarzen Schiffsmannschaft bedient, wird er von einem Weißen gesteuert, einem alten, groben, gelben Afrikaner mit abstoßenden Zahnlücken, und steht jetzt im Dienste der »Königsberg«, um Nahrung und Verpflegung herbeizuholen.
Weiter nach Osten, dort, wo die nickenden Palmen von Salale stehen, steigen dunkelbraune Rauchschwaden auf, vermischt mit schwärzlichen Wölkchen; dort ragen zwei Masten, der eine geknickt, der andere schief: es ist die »Somali«, unsere getreue Begleiterin, die sich jetzt für uns dort geopfert hat und im Sterben liegt.
Als Ablenkungsmittel und Zielscheibe für die englischen Kreuzer mußte sie bei Salale vor Anker liegend warten, bis die täglich sich wiederholenden Beschießungen ihr ein langsames, aber sicheres Ende brachten.
Seit Wochen schon brennt sie, sind ihre Bordwände durchglüht, ist ihre Farbe abgeschmolzen.
Treibt man in einem Einbaum, vorsichtig an den Mangroven entlang steuernd, an ihr vorbei, dröhnt ab und zu ein dumpfer Knall, erschallt ein krachendes Poltern. Irgendein Deck, ein Luk, dessen Tragepfeiler abgeschmort oder verbrannt sind, ist eingestürzt. Sie liegt stark auf der Backbordseite, ihre Bordwände leuchten knallrot, ihre Wanten hängen über Bord!
Und wendet der Wanderer auf seinem Hügel kurz vor Kikale den Blick noch weiter nach Osten, nach der breiten, glitzernden Einfahrt südlich der Simba-Uranga-Insel, dann sieht er dort, quer zum Fahrwasser, einen dunklen Strich liegen, der aber so klein und kurz ist wie ein Punkt auf einem Telegraphenstreifen: die von den Engländern versenkte »Newbridge«, deren Bug so unter Land liegt, daß er, von hier aus gesehen, die Mangroven fast zu berühren scheint.
Darüber hinaus, über die wehenden Palmen von Simba-Uranga, Saninga und Kiomboni hinweg schweift das Auge über die weite See und bleibt wiederum an einem grauen, schlanken Körper hängen, ganz ähnlich dem, der dort hinten am Steppenrand liegt — dem englischen Blockadekreuzer.
Zwei graue Körper, beide sich ähnlich, beide zum selben Zweck gebaut — aber zwei Todfeinde, von denen jeder nur ein Ziel hat — — die Vernichtung des anderen.
Aber jetzt sind sie noch getrennt durch den weiten grünen Teppich der Mangrovenwälder, der vorläufig eine unüberwindliche Schranke bildet.
Wie lange noch?
Ganz dort hinten, am Horizont, nach Südosten zu, auf dem glitzernden Ozean hebt sich der dunklere Strich von Mafia ab, dessen wehende Palmen aus dieser weiten Entfernung wie vom Winde bewegte Haare eines Katzenpelzes aussehen.
Dort sitzt jetzt der Feind. Vor einigen Tagen hat er die Insel besetzt!
Dort, wo die der afrikanischen Küste zu gelegene Tirenebucht sich weitet, hat er seine Kreuzer, seine Geschwader liegen, von dort dröhnt das dumpfe Rollen seiner Schießübungen herüber, mit denen er sich auf den Endkampf, der einmal kommen muß, vorbereitet, von dort steigen seine Flieger auf, die wie große Vögel, weißen Reihern gleich, über die Rufijiwildnis flattern — äugend und spähend. —
Zitternd, flimmernd liegt der heiße Dunst des Mittags über der weiten Landschaft, einem Bild, das den Ozean, die Steppe, Flüsse, Sümpfe und Gebirge umfaßt, das als winzige Punkte zwei von der sengenden Sonne beschienene Todfeinde zeigt.
Ein helles Klingen geht durch die dampfende, glühende Luft. Millionen von Grillen und Zykaden zirpen, pfeifen und singen. —
Weiter stapft der Wanderer durch den tiefen Sand. — — —
Blauschwarze Nacht liegt über den weiten Mangrovenniederungen und der flachen Steppe — blauschwarze Nacht über dem dazwischen schimmernden Arm des Rufiji, der schlafenden »Königsberg«.
Schwüle Hitze lastet über dem Deck, noch schwülere in den Kammern.
Der Ventilator drückt gleichmäßig summend und surrend einen starken Luftstrom durch die Moskitonetze auf die nackten, schweißnassen Körper der Schlafenden.
Der Kreuzer, nur Blech, Eisen und Stahl, sammelt unter Tage zwölf Stunden lang die glühende Hitze der strahlenden Sonne, bis seine Decks so brennen, daß es durch Sohlen- und Stiefelleder geht. Nachts strahlt er zwölf Stunden lang diese Glut wieder aus.
Unruhig und stöhnend wälzen sich die Schläfer, ab und zu mit der Hand den rinnenden Schweiß aus der Stirne streichend. —
»Zehn Minuten vor zwölf Uhr!«
Ein Läufer kommt, weckt mich zur Mittelwache. Der Kopf taucht in das lauwarme Wasser und halberfrischt, immer im Strahl des luftdrückenden Ventilators, ist in wenigen Minuten das Ankleiden beendet.
Ich ziehe hohe Moskitostiefel und Lederhandschuhe an, denn wir liegen mitten in einer der übelsten Fiebergegenden Ostafrikas.
Die Schärpe in der Hand trete ich auf das nachtdunkle Deck. Die noch von der Lampe geblendeten Augen sehen erst nichts, nur das eintönige Summen und Surren von Moskitoschwärmen dringt an das Ohr. Knarrend und ächzend stöhnt von unten herauf irgendeine Pumpe.
Allmählich erkenne ich die drei mächtigen Schornsteine, die schwarzen Silhouetten der Masten, die in den glitzernden Sternenhimmel wie zwei dürre Finger ragen.
Das Kreuz des Südens wird gerade von dem vordersten Scheinwerfer verdeckt.
Ich gehe zum Fallreep. Da steht die weiße Gestalt meines Vorgängers. Es glast zwölf Uhr!
»Guten Morgen!«
»Gut geschlafen?«
»Danke — etwas los?«
»Nichts!«
Wir wechseln die Schärpe. — »Angenehme Ruhe!«
Ich stehe allein am Fallreep.
Abgelöste Wachen und Posten melden sich — ein kurzes Getrappel, dann liegt wieder tiefste Stille über den Decks.
Leise murmelt der Rufiji am Fallreep. Er fließt ab — ist schon sehr stark gefallen. Weiß leuchtend hebt sich dicht neben dem Bug eine helle Sandbank ab.
Nachtschwarz, geisterhaft mit Schatten und Spiegelbild verwoben, säumen die Mangrovenwälder den hier schon ziemlich engen Fluß.
Ich beuge mich über die Reeling und lausche den Stimmen der Wildnis dort drüben.
Ganz vorn, dort wo der Fluß in weißlich silbernen Nebeln zerfließt, dröhnt das Schnauben und Brüllen von Flußpferden, die die sternhelle Nacht benützen, das Wasser zu verlassen, trampelnd und stampfend querfeldein zu ziehen und Nahrung im dichten Schilf zu suchen.
Die Luft erzittert oft von dem gewaltigen Brüllen, das weitaus stärker als die Stimmen aller Tiere, selbst des Löwen, über die schweigende Mangrovenlandschaft hallt.
Prusten, Schnauben und ein Platschen folgt, wie wenn morsche Urwaldriesen zusammenbrechend ins Wasser stürzen.
Angespannt lausche ich dem Treiben der Tiere, die da vorne ihr Wesen treiben. Weit kann es nicht sein, aber ich kann keines sehen. Hier in dieser verlassenen Urwaldabgeschiedenheit, die selten von Europäern betreten wird, freuen sie sich noch vollkommen ungestört ihres Daseins. In vielen anderen afrikanischen Flüssen sind sie schon fast ausgestorben, im Rufiji aber habe ich noch Herden von 50 und mehr Stück aus nächster Nähe gezählt.
Weiß wallen die Nebel dort vorn.
Das Brüllen und Prusten hört plötzlich auf — anscheinend haben die Tiere den Fluß verlassen.
Ein paar Minuten herrscht tiefste Stille, die nur von den Traumlauten eines schlafenden Regenpfeifers unterbrochen wird. Da jaulen plötzlich dicht an Land zwei Hyänen auf. Eine heller, die andere mit tiefer Stimme. In weitem Bogen umschleichen sie die wenigen hohen Bäume, die dort in schwarzer Gruppe beisammen stehen. Wunderlich klingt ihre heisere Stimme in dem tiefen Schweigen der majestätischen Flußlandschaft.
Fast eine halbe Stunde lang stehe ich lauschend an die Reeling gelehnt. — Gleichmäßig hallt über Deck der feste Schritt des Bootsmannsmaaten der Wache. Stumpfsinnig und verschlafen steht der »Läufer Deck«, ein junger Bursche aus dem Bayerland, in einer Ecke und träumt, auf einen Lukendeckel gestützt, wohl von seiner fernen Heimat, aus der schon lange keine Nachricht mehr eintrifft.
Langsam gehe ich nach vorn. Hier liegt im schwarzen Schlagschatten der hohen Bordwände eine alte arabische Dhau. Ihr abgebrochener Maststumpf ragt kaum einen halben Meter über Deck. Sie ist voll von rötlichen Mangrovenscheiten, die Stück für Stück durch die faulen Hände dreier verschlafener Schwarzer an Bord wandern und von dort ihren Weg in die Kesselräume nehmen. Unangenehm störend klingt ihr Poltern über Deck.
Auf Bug und Heck der Dhau liegt zu schwarzen Klumpen geballt die Ablösung, meist kräftige, sehnige Neger aus dem Warufijistamm, deren gleichmäßig tiefe Schnarchtöne die Luft durchsägen. Ab und zu schlägt einer mit der flachen Hand auf die Haut. Irgendein Moskito, der die unendliche Langmut, Gleichgültigkeit und Dickfelligkeit des Schwarzen überschätzt und sich allzulange mit rotem Blut vollgesogen hat, muß sein Leben lassen und klebt nun als roter Blutfleck an der Stelle seiner Gier.
Aber keiner der Mohren läßt sich dadurch stören, gleichmäßig schnarchen sie weiter um die Wette mit dem Summen der Moskitoschwärme.
Anders vorn auf der Back! Ich steige die Steuerbordtreppe empor. Mann an Mann liegen dort unsere Leute halb nackt an Deck, mit offenen Augen mich anstarrend. Sie können nicht schlafen! Unter Deck ist die Hitze zu groß, hängen sie doch dort, einer dicht am andern, in ihren Hängematten. So gehen sie eben nach oben, um dort die Kühle der Nachtluft zu atmen, wohl wissend, daß der Schlaf sie fliehen wird — denn überall singen Moskitos!
Unwillkürlich knöpfe ich meine Lederhandschuhe fester zu und qualme stärker aus der Pfeife. Von allen Seiten ertönt Stöhnen, Murmeln, halblautes Fluchen, das Klatschen von Händen auf nackten Fleischteilen.
Dort richtet sich einer wütend halb auf, hier stampft einer mit den Beinen, wälzt sich an Deck.
Wie viele von ihnen werden morgen wieder ins Lazarett wandern, — vom Fieber geschüttelt?
Fast zwei Drittel von allen liegen schon dort! —
Ich steige auf die Brücke, da erscheint über der dunklen Mangrovenwand die halbe Sichel des Mondes, alles in bleiches Licht tauchend.
Die weißen wallenden Nebelstreifen werden noch weißer, das helle Band des Stromes wird zu flüssigem Silber.
Die Hyänen dort drüben verstummen. Dafür hebt weiter vorn das Fauchen, Schnauben und Dröhnen der Flußpferde wieder an.
Schweigend liegt im hellen Mondlicht unter mir das Schiff. Hierher, bis auf die hochgelegene Brücke herauf, dringt kein Stöhnen, kein Schnarchen, kein halblautes Wort.
Nur die Schritte des wachhabenden Bootsmannsmaaten und das Schluchzen der Pumpen.
Wie drei schwarze Riesen ragen die mächtigen Schornsteine, an ihrer Backbordseite grell vom Mond beschienen.
Reeling, Geschütze, Aufbauten gleichen in der gespenstischen Beleuchtung unwesentlichen kleinen Spielzeugen.
Weit schweift der Blick von hier über die im silbernen Licht liegende Mangrovenwildnis, die sich unendlich nach Osten und Norden ausdehnt. Im Westen verschwindet die weite, breite Steppe. —
Riesengroß in ihrer Einsamkeit lastet die Urwaldabgeschiedenheit! —
Und mitten darin, wie ein Fremdkörper in den Eingeweiden eines Menschen, dieses komplizierte Erzeugnis ausgeklügelter Technik, diese Sammlung von Maschinen und Maschinchen, bevölkert von einer zusammengedrängten Masse von Menschen — ein moderner Kreuzer! Er paßt nicht hierher in diese Jahrtausende alte Wildnis, deren geheimnisvolles Leben ihn umspielt.
Ob sich sein Schicksal hier erfüllt, er in dieser Einöde zugrunde gehen wird, mit allem was auf ihm lebt?
Dann wird man nach Jahrzehnten, wenn der Fluß in seinem ewigen Auf und Nieder diesen Arm versandet hat, wenn der Wind die Samen der Mangroven darüber hingestreut und die Zeit sie zu Bäumen hat anwachsen lassen, aus dem grünen Dickicht der verästelten Mangroven wirres, zerschossenes Eisenzeug, geknickte Masten, zerfetztes Blech hervorragen sehen.
Braune, zähe Stämme mit Luftwurzeln werden aus verrosteten Luken wachsen, in den verschlickten Kammern, Heiz- und Maschinenräumen werden zwischen vom Wasser zerfressenen Kolben und Pleuelstangen gelbgraue und schmutziggrüne Krokodile hausen. — — —
Die Schritte des Wachhabenden sind verklungen. — Ich sehe im hellen Mondschein, wie ein Geschütz gerichtet wird.
Da steige ich an Deck nieder.
Die Mündung zeigt auf die helle Sandbank. Bootsmannsmaat der Wache und Läufer Deck sehen abwechselnd angestrengt durch das Zielfernrohr.
»Was ist da zu sehen?«
»Auf der Sandbank sind zwei Flußpferde, ein großes und ein kleines! Da — jetzt tanzen sie im Kreise!«
Mit dem Nachtglase erkenne ich ein mächtiges, altes Tier — keine vierhundert Meter vor dem Bug des Kreuzers hopst es auf dem weißen Sande auf und ab, dazwischen macht ein kleines, halb ausgewachsenes, seine Sprünge. Sie jagen im Kreise mit einer bei ihrem riesenhaft plumpen Körperbau in Erstaunen setzenden Gewandtheit und Schnelligkeit.
Mit einem Satz wirft sich das große Tier hin — das kleine kann seinen hopsenden Galopp nicht stoppen und purzelt darüber hinweg.
Dann beschnuppern sie sich, traben noch einmal herum und springen prustend, spritzend und schnaubend ins Wasser.
Eine Minute lang sieht man nur die Kreise auf der hellen Fläche, da wird im glitzernden Mondlicht erst ein kleiner schwarzer, dann ein dicker plumper Kopf sichtbar. Sie rudern beide flußauf, ab und zu gurgelnd und fauchend.
Das kleine steuert jetzt mehr nach dem Ufer zu und verschwindet im dunkeln Spiegelbild der Mangroven.
Schnaubend dreht sich das alte im Kreise und taucht unter. — —
An der Reeling haben sich mehrere Gestalten angesammelt, die nicht schlafen können, und betrachten voll Staunen dieses von Bord eines modernen Kreuzers sicher noch nie gesehene Schauspiel.
Über den Mond zieht eine lange Wolkenfahne, ihn fast ganz verhüllend. Ihr dunkler Schatten taucht Sandbank und Fluß in lastende Finsternis.
Da oben muß eine starke Brise wehen, denn mit großer Schnelligkeit segelt die Wolke weiter! Sie wird lichter und lichter, schon kann man das helle Gesicht des Mondes wie durch einen Schleier wieder erkennen. Die letzten Fetzen ziehen vorbei. — — — Das bleiche Licht fällt wieder auf die Landschaft.
Ein allgemeiner Ruf des Staunens! — Keine zehn Meter vom Fallreep erscheint eine mächtige, breite, wassersprudelnde Schnauze — — gleich folgt der riesige schwarzbraune, pferdekopfähnliche Schädel mit den wackelnden Öhrchen. Ein verwundertes Glotzen der kleinen Äuglein — ein Schnauben — — — weg ist er. —
Es ist jetzt Niedrigwasser. Spiegelnd liegt die Fläche — bewegungslos.
Lange Zeit sehen wir nichts. Plötzlich teilt sich am Rande der Sandbank das Wasser — schwarz und plump schiebt sich langsam der wuchtige Flußpferdkörper empor, dann mit einem Satz, sich schüttelnd, steht er auf den kurzen, dicken Stummelbeinchen.