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In Monsun und Pori

Chapter 18: Daressalam
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About This Book

Eine Reihe knapper, impressionistischer Bilder zeichnet das Schicksal des letzten deutschen Auslandskreuzers in tropischen Gewässern nach. Die Episoden begleiten seine Fahrt durch Monsun und um afrikanische Küsten, beschreiben Alltag und Technik an Bord, die wechselnden Landschaften — glühende Sandküsten, sumpfige Urwälder und weite Buschsavannen — sowie Begegnungen mit Küstenbewohnern und die wachsende Isolation und Unsicherheit, als die Verbindung zur Heimat abreißt und politische Spannungen die Fahrt bedrohen.

III. AUF AFRIKANISCHEM BODEN

Kismagao

»Mamba hi — mamba he
Heia — mamba tafuteni!
Wumm — wumm — wumm —!«

Eine dicke Staubwolke liegt über dem tiefen Sandweg, der von Daressalam an der Küste entlang nach Kilwa-Lindi führt. Dröhnend hallt der vielhundertstimmige Chorgesang daraus hervor.

Wumm — wumm — wumm — stampfen die Beine!

Da kommt es näher und näher — aus den weißgelben Staubschwaden grinsen Hunderte von schweißtriefenden und schmutzbedeckten schwarzen Gesichtern, es erscheinen Hunderte von vornübergebeugten, vom Staub wie mit Mehl überzogenen dunklen Körpern, deren Muskeln zum Platzen angespannt sind, deren sehnige Beine im Gleichtakt langsam vorwärts schreitend den sandigen Boden stampfen, jedesmal bis über die Knöchel versinkend.

»Mamba hi — mamba he
Heia — mamba tafuteni!
Wumm — wumm — wumm —!«

dröhnt es von wulstigen Negerlippen.

Schwer arbeitend kommen die ersten heran, zehn Mann in einer Reihe nebeneinander, vornüber gebeugt, an einem langen Querholz ziehend. Reihe auf Reihe folgt, kaum im Abstand von zwei Schritt, alle schräg liegend vor Anstrengung, schwitzend, stampfend, brüllend. Sie haben schwer zu schleppen. Stärker wie Zugstiere legen sie sich in ihr mächtiges Geschirr, in die langen Querbalken hinein, die alle in der Mitte mit einer armdicken Stahltrosse verbunden sind.

»Mamba hi — mamba he
Heia — mamba tafuteni!
Wumm — wumm — wumm —!«

Beizender Schweißgeruch liegt über den dampfenden Negerkörpern.

Einhundert sind vorüber, das nächste Hundert wälzt sich vorbei, das dritte Hundert, kaum mehr sichtbar in der dicken, wirbelnden Staubwolke, stampft vorüber.

Eine Lücke entsteht, nur ausgefüllt von straffgespannten Stahltauen, die mächtige Deichsel erscheint, gelenkt von zwei stämmigen Europäern und zehn Schwarzen, dann taucht gigantisch aus den Staub-, Schweiß- und Dunstschwaden eine hohe Protze auf, zieht knirschend vorüber — — an ihr hängt ein gewaltiges Schiffsgeschütz. Tief drücken sich die mannshohen, breiten Eisenräder in den weichen, nachgebenden Sand — — schlingernd, krachend, klirrend schiebt sich das Ungetüm vorüber.

Fast zwanzigtausend Pfund werden von den sehnigen Negerbeinen durch den Sand der afrikanischen Karawanenstraße gezogen; stoßend zermalmen die massigen Räder Äste und Baumstümpfe.

Es ist ein Geschütz meiner Batterie, ein 10,5-Geschütz der »Königsberg«. Mit vieler Mühe wurde es nach dem Untergang von dem Wrack des Kreuzers abmontiert, auf Schlitten nach Daressalam geschleift und dort in der kleinen Hafenwerft mit Fahrlafettierung versehen.

In Daressalam hatte es von Land aus schwer gegen das übermächtige englische Blockadegeschwader zu kämpfen. Daressalam ist jetzt vom Feinde genommen.

In Gewaltmärschen sind wir auf dem Rückzug nach Süden.

Es ist September 1916.

Ohne Ruhe und ohne Unterlaß vom ersten Schimmer des beginnenden Tages bis in die Nacht hinein knirschen die Räder, stampfen die Beine — wumm — wumm — wumm! Der Feind drängt — alles hinter uns wird zerstört, die wenigen primitiven Brücken abgebrochen.

Mein Beinstumpf ist verheilt, ich kann bereits vom Morgen bis zum Abend im Sattel sitzen. —

Glühend sticht die Sonne vom Himmel, sie spiegelt sich auf den meist geschorenen, schweißtriefenden Schädeln der Schwarzen wie in Billardkugeln.

Die Augen und Mund voll Sand, umreite ich wie ein Schäferhund die lange wimmelnde Kolonne. Es gilt die äußerste Kraft anzuspannen! Hart ist der Krieg — — wir müssen weiter.

»Maji, maji — Wasser, Wasser« rufen die schwitzenden schwarzen Lippen. Sie müssen warten — nur gemeinsam kann getrunken werden. Ein Verlassen des Zuggeschirres ist unmöglich.

Hier zieht ein vornehmer Diener, der im Hotel »Kaiserhof« serviert hat, im langen Kanzu, die gestickte Mütze auf dem frisierten Kopf, neben dem stinkenden Buschneger aus Kissangire, Schuster und Schneider von großen Daressalamer Geschäften neben schlanken Steppensöhnen aus Unyamwesi und Usukuma.

Um nicht das für die Verteidigung der Kolonie so wichtige moderne schwere Geschütz den Engländern in die Hände fallen zu lassen, war ich gezwungen, in der Eile alles, was zu finden war, einzustellen, um nur erst wegzukommen. War das Königsberg-Geschütz in der neuen Verteidigungsstellung in Sicherheit, konnten sie alle reich entlohnt entlassen werden.

Mit der dem Neger eigenen glücklichen Anlage machten sie denn auch gute Miene zum bösen Spiel, sahen sie doch die zwingende Notwendigkeit ein und fühlten sich gerecht, wenn auch streng behandelt. —

Dröhnend singen sie schon den ganzen Tag, singen Chorgesang mit Vorsängern oder Spottlieder auf die Engländer. —

»Mamba hi — mamba he
Heia — mamba tafuteni! —
Wumm — wumm — wumm —!«

Fast unerträglich heiß sticht die Sonne, kein Lüftchen fächelt Kühlung, matt und matter wird der Gesang, die Rufe nach Wasser mehren sich. Da vorn steht eine Palmgruppe, einige Mangobäume. Ich reite voraus.

Eine kurze, sumpfige Niederung unterbricht die eintönige Sandstrecke, Schlingpflanzen, weiches Gras — — einige Wasserlöcher.

»Halt!«

Das Stampfen, der Gesang verstummt, eine leichte Brise verweht die lastende Staubwolke, schwitzend, dampfend stehen die Träger.

Kette um Kette wird zum Wasserloch geführt. Lachend, schnatternd, schnalzend verschwinden sie mit stelzenden Schritten im Grün, legen sich reihweise auf den Bauch, schlürfen gierig das bräunliche, klebrige Wasser oder reichen gefüllte Kokosnußschalen herum. Die Trinkgefäße, leere Kürbisse oder ausgehöhlte Früchte des Affenbrotbaumes, die nebst anderem Krimskrams von den Gürteln baumeln, werden aufgefüllt.

Eine Arbeitskolonne fällt indessen Bäume, um die sumpfige Niederung für das Geschütz passierbar zu machen, schneidet Laubwerk, schlägt Äste. — Stamm an Stamm wird über Kreuz in den Mutt gelegt, Zweige und Gras darauf verteilt, Erde und Sand darüber geschüttet.

Eine kurze Ruhepause, und mit langhinhallendem Schrei ziehen die erfrischten Menschenmassen an — — zwei-, dreimal vergebens, dann ein Ruck — die wuchtigen Räder bewegen sich, knirschend wälzt sich das Geschütz durch den Sand.

Die ersten Trägerreihen schreiten bereits über die Brücke und klimmen die jenseitige Böschung hoch. Die Beine schreiten schneller und schneller, setzen sich in Laufschritt, alle Sehnen und Muskeln angespannt! Das Geschütz muß im Schwung hindurch, sonst versinken die Stämme im Sumpf.

Polternd rasselt es den Abhang hinunter, stoßend hüpft die Protze auf die Brücke, schlingernd wackelt die schwerfällige Lafette. Brüllen, Rufen, Schreien — Hunderte von trappelnden Negerbeinen in höchster Anstrengung. Da gleitet ein Rad, zwei Stämme verschieben sich, nach vorn über liegend versinkt das Geschütz bis an die Achse. Bewegungslos steckt es fest!

Picken und Schaufeln arbeiten, tiefatmend mit angezogenen Beinen hocken die Schwarzen, um Kräfte für die erneute Anstrengung zu sammeln.

Ein kurzer Gang ist freigegraben, zu Bergen türmen sich Lehm und Schlamm.

»Auf!«

Mit hundertstimmigem Ruf ziehen die schwarzen Massen an, das Zuggeschirr ächzt, Sehnen und Adern sind zum Platzen gespannt. — — Nichts — das Geschütz rührt sich nicht! —

Nochmals und nochmals wird es wiederholt — alle Reserven und Arbeiterkolonnen vorgespannt, die Europäer legen sich in die Speichen — — umsonst.

Da werden Boten nach hinten gesandt, um die Zugmannschaften des zweiten, nachfolgenden Geschützes heranzuholen.

Eine Viertelstunde vergeht.

Da kommen im Trab, die dicken Zugseile am Boden schleifend, lange Trägermassen an. Fast vierhundert Mann.

Sie werden vorgespannt.

Die Reihen sind jetzt so lang, daß ein Kommandoruf sie nicht mehr lenken kann. Fast achthundert Mann stehen da und warten.

Weiße Mannschaften sind verteilt, um anzuspornen, anzutreiben, die Befehle weiterzugeben.

»Achtung!«

Die Massen beugen sich nach vorn, der rechte Fuß ist vorgesetzt, eisern umklammern die Finger die Zughölzer.

»Hol an!«

Fast wagerecht liegen die Körper — — ein hellklingender Ton! Wie wenn ein plötzlicher Windstoß weithin das Steppengras niederdrückt, so liegen die schwarzen Menschenmassen auf den Boden hingemäht, schreien, sich wälzend, im Knäuel verstrickt: das Zugtau ist gerissen!

Mit Mühe wird das Durcheinander der verwickelten Arme und Beine entwirrt, einige Verwundete losgebunden, der Schaden repariert.

Von neuem muß es versucht werden. Das hintere Geschütz wartet. Die Sonne hat den Zenit bereits passiert. Noch nicht die Hälfte des Weges ist zurückgelegt, die Engländer drängen!

Wieder und wieder ziehen die Achthundert.

Da plötzlich hebt sich das Geschütz, krachend rollt es über berstende Stämme — — im Galopp wird es herausgeholt.

»Halt!«

Der widerliche Schweißgeruch von achthundert triefenden Negern zieht über die Kolonne hin. Der Vorspann wird abgekuppelt, trabt lachend zurück.

Und weiter geht’s!

Schwitzend, dampfend, singend in weißlichgelber Staubwolke.

»Mamba hi — Mamba he —
Heia — mamba tafuteni! —
Wumm — wumm — wumm!«

hallt es johlend und summend über die ausgedörrte Küstenlandschaft hin.

Stunden um Stunden stampfen sehnige Negerbeine, Stunden um Stunden knirschen klingend die Räder, bleiben stecken, drehen sich, rasseln in ein Bachbett! —

Spät nachmittags tauchen hohe, schwankende Kokospalmen auf, verfilzte Grasdächer lugen auf dunkeln oder gelbbraunen Lehmwänden durch das Grün — wir erreichen das Dorf Kismagao. Es ist verlassen. Die Eingeborenen sind geflohen, da das Kriegsgetöse sich ihrer verschwiegenen Landschaft nähert.

Halb niedergebrannte Feuer, einige kläffende Negerköter, ein paar regungslos, stumpfsinnig hockende Greise und alte Weiber zwischen termitenzerfressenen Türpfosten!

Die Sonne neigt sich dem Untergang zu. Der Gesang ist verstummt, nur mehr automatisch stampfen die Beine, kaum ein lauter Ruf ertönt, schwerfällig, wie ein vorweltliches Urwaldtier wackelt das Geschütz durch den hohen Palmenwald. —

Eine weite Lichtung — — verschwiegen, einladend liegt sie in dem Purpur der letzten Strahlenblitze.

Ein Lagerplatz für die Nacht!

»Halt!«

Das lange Zuggeschirr wird niedergelegt, Posten ziehen auf, müde hinkend sucht sich Kette um Kette Brennholz und Äste, holt sich Wasser zum Kochen.

Die Lagerfeuer blitzen auf und spiegeln sich flackernd in ermüdeten, hungrigen, schwarzen Gesichtern. Von brodelnden Kesseln und Kochtöpfen steigt Dampf auf, gierige Finger stecken den geballten Brei zwischen die schmatzenden Lippen. Reihweise liegen schon schwarze Körper, vor Müdigkeit das Essen vergessend. Nur mit Gewalt können sie geweckt werden!

Die Gesättigten sinken um und schnarchen, einer an den andern gepreßt, um der Kühle der Nacht zu begegnen, in totenähnlichem Schlaf. —

Das dumpfe Gemurmel des Lagerlärms verstummt, die Feuer brennen herunter, das Licht des strahlenden Sternenhimmels kommt zu seinem Recht. — —

Ich reite nochmals um das Lager, tiefe Ruhe liegt über den zusammengekauerten Menschenkörpern.

Dort hinten zwischen hohem Gebüsch steht das verstaubte Geschütz! — Schweigend, drohend reckt es sein Rohr in die Höhe.

Wie die Seele des toten Kreuzers, ausgeschickt, ihn zu rächen! — —

Fünf solcher Sendboten der »Königsberg« durchziehen jetzt knirschend und stöhnend auf Lettow-Vorbecks Rückzug die Steppen Afrikas zwischen Tanganjikasee und der Küste, von den schwarzen Söhnen des Landes gezogen, um den Rest der Munition, die dem zerschossenen Rumpf des Kreuzers entnommen, auf den Feind zu speien.

Ein heller flackerndes Feuer wirft seinen roten Schein auf das Rohr, düster gleiten die Schatten schlanker Äste darüber hin! — — —

Mahiwa

Mahiwa — eine Baumwollstation am Lukuledi, nördlich vom Makondeplateau, in der Südostecke von Deutsch-Ostafrika.

Der 18. Oktober 1917 — der letzte Tag des größten Kampfes in der ostafrikanischen Kolonie, der jetzt schon ununterbrochen vier Tage und Nächte dauert.

Ein azurblauer Himmel spannt sich über die freie Fläche rings um die Häuser und Schuppen von Mahiwa, über die angrenzenden weiten Wälder. Das letzte zusammengeschmolzene Häuflein der Schutztruppe wehrt sich hier gegen Tausende des übermächtigen Feindes, der seine weißen, schwarzen, braunen und gelben Kriegermassen seit Tagen anrennen läßt.

Zu Haufen getürmt liegen die Toten — — auf beiden Seiten! —

Nur Stück für Stück werden die Patronen verteilt — die deutsche Munition ist schon seit zwei Tagen fast zu Ende. Rauchstarke Gewehre und Jagdbüchsen kämpfen gegen die zehnfache Überzahl modernster Waffen, Minenwerfer, Flugzeuge.

Weithin hallt das Dröhnen, Brüllen, Krachen!

Kommt man von Westen, von der am Uferlauf des Lukuledi liegenden Mission Ndanda, deren langgestreckte weiße Häuser jetzt voll von Verwundeten liegen, und nähert sich von hinten der Kampffront, so sieht man plötzlich auf einer Anhöhe dicht hinter dem Naungosumpf die eingefallenen, rötlichen Mauerreste eines Steinhauses.

Trotzig ragen einige noch stehende, halbzerfallene Pfeiler aus dem umgebenden Unterholz.

Man sagt, es sei von einem Pflanzer begonnen worden, der sich hier ansiedeln wollte, nach kurzer Zeit aber dem den Niederungen des Sumpfes entsteigenden Fieber erlegen ist.

Hier steht zwischen schlanken Bäumen, das heiße Rohr emporgereckt, mit darübergebundenem Laub unsichtbar gemacht, das letzte der zehn Geschütze der »Königsberg« in heißem Kampf. Alle andern sind vernichtet, gesprengt, in Feindeshand!

Es verschießt seine letzte Munition — am letzten Tag der Schlacht von Mahiwa — dem letzten großen Kampfe in der letzten deutschen Kolonie!

Braungebrannte Matrosen der »Königsberg«, in zwei langen Jahren des Kampfes und der Entbehrungen zu zähen Afrikanern geworden, bedienen es.

Immer wieder und wieder öffnet es seinen ehernen Mund und heult eisernes Verderben. Hoch am Himmelsgewölbe, dem Auge unsichtbar, ziehen seine Geschosse singend ihre Bahn.

Die Sonne neigt sich stark nach Westen. Matter werden die Angriffe des Feindes. —

Da schrillt vorn in der Linie mein Telephon: »Gesamter Munitionsvorrat noch neun Schuß!« —

Dort drüben in den Miombobäumen knattert es noch heftig!

»Salve, Feuer!«

Neunmal bersten dort die letzten Granaten des Geschützes, das im Dienst der Rache sein zerschossenes Schiff um mehr denn zwei Jahre überlebt hat! —

Im Miombowald da drüben ist es still geworden!

Die Schlacht war schon seit heute mittag im Abflauen. Jetzt ist fast vollkommene Ruhe eingetreten. Nur vereinzelt ertönt das Rattern eines Maschinengewehrs.

Die Truppe hat den größten Sieg in der Geschichte der Kolonien errungen. Aber einen Pyrrhussieg!

Da vorn in dem kleinen Taleinschnitt quer zur Mtamastraße liegen die Leichen zu Hügeln getürmt! — — —

Ich melde, daß die letzte Granate verschossen, und reite zurück, um das Geschütz zu sprengen.

Der Weg nach hinten ist angefüllt von Trägern, die in Hängematten die Schwerverwundeten zurücktragen; eine Askarikompanie rückt vorbei. Überanstrengte, schweißgebadete, schwarze Gesichter grinsen mich an, aus zerfetztem Khaki starren straffe Muskeln. Die Augen glänzen, Witze fliegen hin und her — sie gehen in Ruhestellung. Verdorrt hängt an Tarbusch und Tropenhelmen der Europäer das Laub, das vor vier Tagen aufgesteckt wurde, um den Kopf im hohen Gras unkenntlich zu machen.

Mein Maultier schreitet wacker aus, bald bin ich aus dem Gedränge, und im Trabe geht es in Richtung auf die Sonne zu, die schon fast am Rande des Horizonts steht. Linker Hand erstrecken sich die schwarzen Abhänge des Makondeplateaus, nach Norden zu dehnen sich die blauen Schattenbilder der Mueraberge. Da drüben, ganz in der Nordwestecke, fast im wogenden Dunst verschwimmend, liegen die beiden an ihrer grotesken Form leicht kenntlichen Höhenzüge von Ruponda. Auch dort steht bereits der Feind.

Klein ist das Gebiet geworden, das von der großen Kolonie noch in unseren Händen ist. Zwei starke Tagesmärsche, und es ist durchmessen. Nicht schwer, jetzt einen eisernen Ring zu ziehen und zu versuchen, uns zu erdrosseln.

Das zeitweilige Knattern hinter mir ist gänzlich verstummt, trabend passiert mein Maultier eine kleine Lichtung, seitlich dehnt sich der Naungosumpf. Ein einsamer Ochsenfrosch trommelt. Man glaubt fast bis hierher das Summen der Moskiten zu hören.

Eine niedrige Anhöhe. Rote verfallene Mauern im Grünen. Dicht dahinter meine Leute!

»Klar zum Sprengen« meldet der alte, rotbärtige Deckoffizier der »Königsberg«.

Dahinten zwischen dichten Büschen unter dem Laubdach des Miombowaldes steht das Geschütz, verrostet, die Farbe im Laufe der Jahre abgeblättert und abgestoßen. Ein alter Veteran!

Verbogen die Speichen, manche Niete abgesprengt. Hier in dieser einsamen Waldwildnis soll es sein Ende finden, nachdem es bis zum letzten Schuß seine Pflicht getan, von Daressalam zum Rufiji gewackelt ist, vom Rufiji zum Rovuma, vom Rovuma zum Lutuladi durch Urwälder und Sümpfe, über Steppen und Hochländer.

Das Rohr ist mit Dynamit gefüllt, eine fast fünfzig Meter lange Abzugsschnur hängt am Verschluß.

Die Leute treten in den Busch zurück, ich stelle mich hinter einen dicken Baum, die Leine in der Hand.

Ein kurzer Ruck — — ein gewaltiger Schlag. Sausen von Eisenteilen, Rauch — die Schnur wird mir aus der Hand gerissen!

Ein langer Sprung klafft das Rohr entlang, der Verschluß ist in Fetzen herausgeschleudert, das Bodenstück trichterförmig ausgeweitet. —

Das letzte Geschütz, der letzte Sendbote der »Königsberg« ist vernichtet — ist tot!

In der Ferne rattert nochmals ein Maschinengewehr. Der Feind ist nervös, er hat den gewaltigen Schlag der Explosion gehört! — —

Die Sonne ist jetzt im Untergehen. Emsig regen sich die Hände, um die Geschützreste abzumontieren, in den Busch zu schleppen und zu vergraben. Nichts, keine Spur soll der Engländer vorfinden.

Von hundert Trägern wird in den dunkelnden Wald das gespaltene Rohr geschleppt, monoton verhallt in der Ferne ihr Gesang.

Bald wird auch hier der Feind stehen, bald werden wir gezwungen sein, als kleine Schar das deutsche Gebiet zu verlassen und auf fremdem, unbekanntem Boden für Leben und Freiheit zu kämpfen.

Es ist Nacht geworden. Im Scheine von Grasfackeln werden die Spuren der Geschützstellung verwischt.

Glühwürmchen gaukeln durch die Büsche, unberührte Urwaldstille liegt wieder über der Wildnis, nur der ferne Ochsenfrosch im Naungosumpf trommelt.

Daressalam

Afrika haben wir durchzogen, vom Rovuma bis zum Sambesi, vom Indischen Ozean bis zum Njassasee. In Innerafrika, fast bei den Bangweoloseen, hat uns die Kunde von der Waffenruhe in Europa erreicht. Weniger und weniger sind wir geworden, viele ruhen in einsamen Buschsteppen. —

Uns, den Rest, haben die Engländer auf weitem Weg über den Tanganjikasee bis zur Küste nach Daressalam gebracht, um uns dort nach der Heimat, nach Deutschland zu verfrachten.

»65 — 66 — 67 — — — 68 — achtundsechzig Automobile in zehn Minuten!« Staunend stehen wir in faltigen englischen Lazarettmänteln an die Brüstung des Hotels Kaiserhof, jetzigen englischen Mannschaftshospitals, gelehnt und zählen die wieder und wieder vorbeirasselnden oder -rasenden Last- und Personenkraftwagen!

In Daressalam! — In dem es meines Wissens im Frieden keine zwei Automobile gab, dieser vornehmen, ruhigen Tropenstadt mit ihren weißen, eleganten Häusern, ihren sauberen, glatten Straßen.

Es ist nicht wieder zu erkennen! Alle die schönen, freien, grünen Plätze vom Gouvernementshospital bis zum Wißmannplatz — eine Zeltstadt an der andern! — Alle die rauschenden, wehenden Palmenwälder bei Upanga und Kurassini abgeholzt — — Zeltstädte! — In den Straßen, die früher nur elegante Rickschas, von lautlos trabenden, gut gekleideten Boys gezogen, kannten, auf denen sich ruhig in wiegendem Gang in farbige Kangas oder langwallende, weiße Kanzus gehüllte Schwarze bewegten, würdevolle Inder standen: das Tosen und Brausen, das Hasten und Treiben der Großstadt!

Autos, Wagen, Scharen von Tommys, Rote-Kreuz-Schwestern, Massen von Offizieren mit glänzenden Messingknöpfen, dazwischen frechschreiende Neger — — die Straßen zerfahren und holperig, die Häuser verwittert und schmutzig!

Staub, Dunst, Geruch von Menschenschweiß, schwarzem wie weißem, Gestank von Benzin, Gummireifen und Öl in der Luft!

Staunend, traurig sehen wir auf diese Verwandlung!

Hier vor uns der Wißmannplatz, früher ruhig, vornehm, tadellos sauber — in der Mitte das bekannte Bronzebild unseres berühmten Afrikaners — — jetzt aufgerissen, öl- und schmutzbefleckt, von Hunderten von Rädern zerwühlt, voll von tiefen, vom Regen ausgewaschenen Löchern, über die dröhnend, ohrenbetäubend Lastautos rattern. Ein leerer Sockel zeigt die Stelle, wo der eherne Wißmann gestanden — betrunkene Tommys haben ihn eines Nachts hinuntergeworfen!

Krankenbahren, Krankenwagen überall! Daressalam steht im Zeichen der spanischen Influenza, der Grippe! Mehr denn zwanzig weiße Engländer und über hundert Schwarze werden täglich auf die Friedhöfe getragen. Früher gab es nur einen, jetzt — seitdem England sich hier zum Kulturträger aufgeworfen hat — genügen vier nicht mehr!

Aber auch uns hat es mit aller Macht erfaßt, wenig mehr denn hundert sind wir noch gewesen — einen Offizier und zehn Mann haben wir bereits hier zu Grabe getragen — alles Opfer der spanischen Influenza!

Abgemagert, noch fiebernd liegen wir auf der Veranda des Kaiserhofes, durch dessen einst so elegante Räume das Getrappel englischer Lazarettkranker, Matrosen und Tommys hallt, und blicken, trotz der glühenden Hitze von Frösteln durchschauert, auf das fremde, wüste Treiben und Leben in unserer einstigen Hauptstadt.

Unsäglich verlassen kommt man sich vor!


Ich denke unwillkürlich an die letzte Nacht, die ich vor zweieinhalb Jahren hier verbracht — — es war die drittletzte, bevor die Engländer Daressalam einnahmen.

Von Westen kommend, wo in der Palmenschamba von Devers meine Stellungen lagen, ritt ich auf der Pugustraße abends in die Stadt. Das Blockadegeschwader hatte Sansibar verlassen. Wir mußten des Nachts auf einen Angriff gefaßt sein.

Verlassen lagen die Europäerhäuser hinter dem Bahndamm, einige zeigten schwere Schußverletzungen, hohle Fenster, eingefallenes Mauerwerk. Die Straße leer — kein Mensch — kein Schwarzer, kein Weißer — — kein lebendes Wesen!

In dem Meer von Eingeborenenhütten und Inderbuden linker Hand schwelte und rauchte es. Am Tage vorher hatten die Engländer das ganze Viertel zwischen Bagamojo, Kitschwele und Pugustraße in Brand geschossen. Wo früher Tausende von fröhlichen Schwarzen wohnten, lag jetzt grauer Schutt und Asche.

Kein Mensch zu sehen!

Und weiter ritt ich, bog in die Akazienstraße ein. Hier, in dem Winkel zwischen ihr und der Araberstraße, lag der große Unterstand, in dem Frauen und Kinder, die in Daressalam zurückbleiben sollten, bei Beschießungen Schutz und Unterkunft fanden. Selbst gegen die 30,5-Granaten der Linienschiffe bot er genügend Sicherheit.

Wie die Wagen vor einem Theater während der Vorstellung, standen hier unter Tags die Rickschas, eine hinter der andern!

Früh am Morgen um vier Uhr, fünf Uhr strömten in Scharen die Frauen herbei, die die Nacht in ihren Wohnungen verbracht hatten, um den Tag in dem sicheren Unterstand, der in Räume abgeteilt und elektrisch beleuchtet war, zu verbringen.

Erst abends wagten sie sich wieder hervor, eilten mit ihren Kindern nach Haus, um zu essen und kurze Zeit der Ruhe zu genießen.

Als ich jetzt vorbeiritt, hatten die Letzten bereits den Unterstand verlassen. Es war schon fast vollkommen dunkel. Nur zwei ältere Frauen, die sich anscheinend auch des Nachts nicht nach Hause wagten, saßen am beleuchteten Eingang und schöpften frische Luft.

Dunkel, verlassen lag die Akazienstraße da. Rasch ritt ich hindurch, bog über den einsamen Wißmannplatz, auf dem hart und ehern der alte Kämpe stand, trotzig, als wollte er uns helfen, trabte am dunklen Kaiserhof vorbei über den nachtschwarz daliegenden Strand und band mein Maultier an einen der Bäume vor dem Klubgebäude.

Eine kurze Besprechung — es war möglich, daß die Engländer nachts eine überraschende Landung vornehmen würden!

Rasch wollte ich vor dem Zurückreiten noch etwas essen. — —

Es war fast 9 Uhr geworden, eben war ich im Begriff aufzustehen, da schrillte das Telephon.

Der Ausguck auf dem Kirchturm!

»Soeben sind im Licht des aufgehenden Mondes die Silhouetten von fünf Kriegsschiffen zu sehen, die auf der Reede von Daressalam eintreffen!«

»Alarm!«

Hell bimmelnd, dumpf dröhnend hallten die Glocken der beiden großen Kirchen über die dunkel daliegende schweigende Stadt.

Flink trugen mich die schnellen Beine meines Maultieres zurück.

Schaurig klang das Glockengeläute in den finstern, verlassenen Straßen.

Über den Wißmannplatz sah ich in atemloser Hast weiße Gestalten eilen, Frauen mit fliegenden, für die Nacht gelösten Haaren, halbangekleidet, schreiende Kinder am Arm. — Alle rasten dem Unterstande zu!

Aus allen Häusern kamen sie, es wurden mehr und mehr. Jammer, Schreie, Rufe und Weinen ertönten! Es wurden so viel, daß ich in der Akazienstraße langsamer reiten mußte, um sie vorzulassen. —

Da dröhnte krachend, grollend schwerer Kanonendonner von See her. — Sausend heulten am Nachthimmel Granaten über die schweigende Stadt, schlugen krachend ein.

Es galt dem Bahnhof!

Die weißen Gestalten verdoppelten ihren Lauf, zwei Rickschas standen da — die Boys waren entflohen — schreiende Kinder, hilflose Mütter drin.

Donner auf Donner — Krachen auf Krachen erfolgte!

Da — ein ohrenbetäubendes Getöse — eine Breitseite mußte kurz gegangen sein — aus dem Schutztruppenstall dicht an der Akazienstraße leuchteten hoch die Blitze berstender, schwerer Schiffsgranaten.

Ein Schrei des Entsetzens rang sich von den Frauenlippen.

Stolpernd, fast umsinkend vor Angst, Überanstrengung und Entsetzen, hasteten sie weiter, drängten sich, stießen sich!

Der Unterstand war nahe!

Ich hatte mein Tier verhalten, das scheu geworden hochging, um alles vorbeizulassen, da dröhnten wieder von See her die dumpfen Schläge einer Breitseite.

Ein Sausen, Heulen — — — ein furchtbarer Krach vor mir — mein Herz stand einen Augenblick still — — — mitten aus dem Gedränge der hastenden weißen Kleider schoß eine Feuersäule empor — das reißende Bersten einer krepierenden Granate!

Dann desto tiefere Dunkelheit!

Ich sprang herunter, um zu helfen — Dutzende müssen tot sein!

Einige weiße Flecke lagen auf der Straße, alles andere entfloh mit gelösten Haaren, flatternden Nachtkleidern.

An einer Akazie knieten eine Mutter und ihre beiden Kinder, die laut beteten — einige andere lagen halb bewußtlos vor Schreck auf der Erde.

Eine Granate, anscheinend ein Ausreißer, denn alle folgenden Salven gingen wieder nach dem Bahnhof, war mitten in dem Makadam der Akazienstraße krepiert, hatte ein trichterförmiges Loch ausgehoben, aber — es ist mir heute noch unbegreiflich — trotz dem dichten Menschenknäuel, das die Straßen beinahe sperrte, niemand getötet, niemand verletzt! —

Das weitere Dröhnen der nächtlichen Beschießung tat seine Wirkung: in wenigen Sekunden waren auch die halb Bewußtlosen wieder auf den Beinen, und der Unterstand verschlang in seinem schützenden Bauch das verzweifelte Gewimmel.

Leer, stockfinster lag die Akazienstraße wieder da!

Nur am Himmel blitzte es in gleichmäßigen Zwischenräumen, sausend zogen die Granaten ihren Weg!

Noch dreimal, viermal — dann plötzlich lautlose Stille!

Das Klappern der Hufe meines Maultieres widerhallte von dem harten Boden, nachtdunkel gähnte vor mir die öde Pugustraße, schemenhaft glitten rechter Hand eingefallene und verbrannte Inderhäuser und Eingeborenenhütten vorüber. — — —

Keine Seele, kein lebendes Wesen — schweigend wie eine Totenstadt lag Daressalam damals da, eine Stadt einsamer Straßen, verlassener Häuserruinen.


Dies war mein letzter Eindruck, bevor ich Daressalam verließ! —

Und an diesen letzten Eindruck muß ich jetzt denken, wie ich auf das Getöse und Gedröhne da unten blicke, auf die stinkenden Autos, die wogenden Menschenmassen, die benzingeschwängerte Luft!

Eine englische Schwester mit für uns abenteuerlich kurzem Rock — die Moden der letzten fünf Jahre sind für uns ausgefallen — gibt uns ein Zeichen. Wir sollen die Veranda räumen.

Sie weiß, daß wir alle Englisch verstehen; aber anscheinend gehört sie einer der Vereinigungen an, deren Mitglieder geschworen haben, ihr ganzes Leben kein Wort mehr mit Deutschen zu wechseln.

Angenehm berührt, wie so oft in den letzten Tagen, ziehen wir uns schweigend zurück!

Im Gang tritt ein englischer Matrose im Lazarettmantel auf mich zu und hält mir eine Ansichtskarte unter die Nase.

»Will you see?«

Eine Photographie von einigen Geschützen — — Unterschrift: »Captured German guns.«

»Dort vorn, neben der Boma stehen sie!«

Behaglich grinsend über sein breites Bulldoggengesicht, entfernt er sich. —


Nach zwei Tagen ist es mir gelungen, meine Entlassung durchzusetzen. Ein glühend heißer Nachmittag, geschwängert von Benzin, Negergestank und undurchdringlicher Staubschicht, liegt über Daressalam. Es ist einen Tag vor Weihnachten 1918!

Ich habe den englischen Offizier, der mich begleitet, gebeten, mit mir an der Boma vorbeizugehen.

Auto an Auto rast vorüber, englische Offiziere, häufig wie der Sand am Meer, orden- und messingknopfgeschmückt, Damen, Nurses, Schwarze schieben sich vorbei.

Schweigend folge ich meinem Führer — ich kann nur schwer gehen, das Fieber liegt noch lastend in den Gliedern.

Das ist das alte Daressalam — — unsere schöne Hauptstadt?

Ich kenne es nicht wieder! Wir biegen um die Boma — — da stehen — als altes Eisen — auf einem Rasenfleck die Geschütze!

Sofort erkenne ich darunter das von Mahiwa wieder, das ich vor mehr denn einem Jahr in der Wildnis gesprengt habe. Mit klaffendem Rohr, wenn möglich noch mehr verrostet, steht es da vor mir, seine verbogene Mündung wie anklagend erhoben.

»That’s one of your naval guns« meint der Engländer!

»Ja!«

Gedankenvoll sehe ich es an. Von Deutschland fuhr es über die blaue See hierher, hat hier zum erstenmal seinen Mund geöffnet, um den Salut für den Gouverneur zu donnern.

Dann zog es in den Krieg! Im Golf von Aden hat es gesprochen, vor Sansibar Eisenhagel auf einen brennenden Engländer geschleudert.

Treu ging es mit seinem zerschossenen Kreuzer in den Fluten des Rufiji unter, schießend bis zum letzten Augenblick.

Wieder hervorgeholt, hat es Afrikas Steppen durchzogen, im Gleichtakt von schwarzen, eingeborenen Massen geschleppt bis zum äußersten Süden — — hat noch Tausende von Malen gedröhnt und Eisen gespien.

Die Wälder von Mahiwa wurden dann sein Grab.

Die Engländer haben es wiedergefunden und zusammengesetzt — — nun steht es hier einsam, verlassen, um später wohl irgendwo als Schaustück zu dienen — mit verbogenen Rädern und ausgeschossenem Rohr, einsam, verlassen in dem Getümmel von fremden Menschen, in der verpesteten Luft, sonst nur an die frische Brise der See oder den Hauch der Steppe gewöhnt.

Ohrenbetäubend rattern Lastkraftwagen voll von johlenden Tommies vorüber, eine englische Askarikompanie marschiert singend vorbei.

Unwillkürlich erhasche ich einige der Kisuaheliwörter — — sie singen ein schamloses Spottlied auf den Kaiser.

Die Röte der Wut steigt in mein Gesicht, verlegen wendet sich der englische Offizier weg!

Abschiednehmend streife ich nochmals mit der Hand über das verrostete Rohr meines alten Geschützes.

Schluss

Drei Wochen später am 17. Januar 1919.

Wogendes Menschengetümmel auf blankgescheuerten Promenadendecks. Weiße Tropenkleider, verschlissenes, verschossenes Khaki — so lehnt es bunt weit über die Reeling des ehemaligen deutschen, jetzt englischen Dampfers Feldmarschall, der uns um das Kap der guten Hoffnung herum nach der Heimat bringen soll:

Die zweihundert deutschen Frauen und Kinder, seit Jahren von ihren Männern und Vätern getrennt, in ihren ausgewaschenen, abgetragenen Tropenkleidern veralteter Mode, die hundert Mann Lettow-Vorbecks, braun, mager, in Tommyhosen und Khakihemden!

Am Strand, bei der katholischen Kirche, beim Klub, winkende weiße Gestalten. Zurückbleibende Deutsche! Auf Bänke geflegelte Gruppen, Hände in den Taschen, Pfeifen im Maul — — Engländer!

Langsam drehen wir, in die Ausfahrt steuernd. Enges Fahrwasser, rechts die Signalstation, hohe rauschende Kokospalmen — draußen das sonnenbeleuchtete Makatumbeeiland, der blaue Ozean! — — Genau so wie vor fast fünf Jahren, als wir durch diese grüne Eingangspforte Afrika betraten, durch die wir es jetzt — für immer — verlassen. Genau so wie damals — und doch — — wie anders!

Lang waren diese fünf Jahre — lang, sehr lang! — — Wir haben die Fahrt vermehrt, rauschen durch die engste Stelle, wie Kulissen schweben die Palmenhaine vorbei — die weißen Häuser des Strandes verschwinden.

Wiegend nimmt uns die weite See auf, die wir jahrelang nicht mehr gesehen. Salzig weht ihr Atem!

Makatumbe fliegt vorüber. Wir drehen nach Süden, kleiner und kleiner wird der Streifen der Küste, kaum sind mehr ihre hohen Palmen zu erkennen. Nur die weißen, hohen Rauchsäulen steigen fast senkrecht in die klare Luft!

Noch immer steht alles an der Reeling, die meisten schweigend! Verlieren doch fast alle hier eine Heimat, die sie geliebt — — die immer im Sonnenglanze dagelegen!

Ernst sehen die Männer hinüber, ernst und schweigend — — würden ihre Augen Tränen kennen, so wären sie jetzt feucht!

Über vier Jahre haben sie dieses unermeßliche Land dort drüben verteidigt, Fuß um Fuß, Schritt um Schritt, haben es lieben gelernt, wie nur ein Mann die Scholle lieben kann, für die er kämpft.

Jetzt liegt es dort drüben im Glanze der untergehenden Sonne, lang fallen seine Schatten auf die See, hoch steigen die hellen Rauchwolken, zarter Dunst wogt auf den im Westen verschwimmenden Höhenzügen, die sich unendlich ausdehnen bis an den Tanganjika-, an den Njassasee. — — Alle waren einst deutsch — — alle sind es nicht mehr!

Viele Stämme von getreuen Schwarzen leben dort. — — Alle waren einst deutsch — alle sind es nicht mehr!

Tausende von Weißen arbeiteten, kämpften und freuten sich dort. — — Wo sind sie? — Wir hundert sind die letzten! —

Vielen sind die dunstigen, blauen Hügel dort drüben, die unermeßlichen Steppen da hinten zur letzten Ruhestätte geworden. Sie sind und bleiben deutsch, wenn es auch der Boden, der sie birgt, nicht mehr ist! — —

Und nach Westen starrt alles mit brennenden Augen! Die Sonne hat sich jetzt glutrot hinter die blauen Silhouetten gesenkt, für kurze Zeit schimmert noch ein purpurnes Feuerband darüber, dann verblassen die Farben! — —

Die Reeling wird leer!

Zwei englische Matrosen schlendern vorbei, sie schließen die vorderen Seitenfenster für die Nacht.

Ich höre »women und huns« und ein rauhes Lachen. Der eine spuckt in weitem Bogen in die See!

Klar leuchtet jetzt der Abendstern. Er steht genau über den Höhen des Pembaberges.

Weit über die Reeling gebeugt, sehe ich hinüber. Vor mehr denn vier Jahren fuhren wir hier vorbei — in Kraft und Stolz — mit Kurs nach Sansibar.

Und jetzt! — —

Dunkler Nachthimmel breitet sich über die südlich der blauen Hügel da drüben liegenden weiten Niederungen, deren Linien sich im Schwarzen verlieren — dort dehnt sich das Rufijidelta! —

Weit, weit dahinten, in diesen dunkel brauenden Nebelmassen muß das Wrack der »Königsberg« liegen, einsam, verlassen, in schweigender Mangrovenwildnis.

Flußpferdgebrüll dröhnt jetzt dort, Hyänen heulen! —

Dort ruhen auch die Leiber der Toten!

Noch vierundzwanzig Mann sind hier an Bord — der Rest der Besatzung! —

Und weiter rauschen wir durch die nachtdunkle See, phosphoreszierende Schaumstreifen ziehend.

Die letzten Umrisse verschwimmen schwarz in schwarz — sind verschwunden — für immer!

Tote »Königsberg« — — schlaf’ in Frieden! — —

Ein Gong ertönt, lachende Engländer gehen zum Abendbrot!

ENDE