Kaspe erschien, schmächtiger als je, fieberhaft aufgeregt.
— O, Du Unglücksbote! wimmerte ihm der Oberpriester entgegen. Beim heiligen Mysterium, wer bringt Ordnung in diese tolle Welt? Ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Und diese guten Leute wissen es auch nicht. Oberrichter, Kluger der Klügsten, konntest Du nicht vorbauen?
— Was verlangt Ihr nicht Alles von meiner Wenigkeit. Ich thue, was meines Amtes ist. Die Ereignisse dieser Tage entzogen sich menschlicher Berechnung. Meine Häscher sind ausgesandt, Soundso aufzujagen und zu fangen.
— Ist denn der auch fort? fragte der Oberpriester bestürzt.
Kaspe nickte. Man wisse noch nichts Genaues. Jedenfalls halte er sich versteckt. Titschi selbst habe ihn seit der Todtmeldung des Minus nicht mehr gesehen und vergeblich allerorts nach ihm gefragt. Seine Spur verliere sich in der Frauenhauptstadt, wohin er sich in Verkleidung begeben habe. Das sei die letzte sichere Nachricht, die man über den Verdächtigen erhalten.
Die Aeltesten steckten in heimlichen Reden die Köpfe zusammen.
Dann müsse man sich an Titschi halten. Der sei unter allen Umständen für seinen Gehilfen haftbar, meinte der Oberpriester. Sofort müsse er eingeladen werden, hier zu erscheinen. Und der Oberpriester ließ seine Hand auf dem Tastwerke spielen.
Ob ihre Anwesenheit jetzt noch nothwendig sei? fragte der Sprecher im Namen der Aeltesten. Ob man sie nicht zu einer späteren Stunde wieder herbescheiden wolle?
Ao antwortete nicht. Er lauschte mit eingesetzten Hörröhrchen.
— Wir müssen wegen des Zarathustra-Festes zu einem Beschlusse kommen, meine Freunde, verweilt noch.
— Wegen des Festes? zirpte Kaspe. Da ist nicht viel zu beschließen, dünkt mich, Hoheit Operpriester. Wir verkündigen dem Volke stille Zeit und verschieben das Fest. Von Staatswegen, Punktum.
— Das war auch mein erster Gedanke, bemerkte der Sprecher bescheiden. Und meine Mitältesten theilen ihn. Nur können wir die Verantwortung nicht tragen. Das Volk erwartet von uns Vergnügen, nicht Entsagung und Trauer.
— Das Volk! Das Volk! zirpte Kaspe mit bitterem Lächeln. Soll’s das Volk besser haben, als wir vom hohen Rath? Das Volk wird sich in seine Rolle finden müssen, wie wir uns in die unserige finden. Suggerirt ihm das Zweckentsprechende, und es wird sich zufrieden geben. Es empfindet weiß oder schwarz, je nachdem es ihm vorgestellt wird.
Titschi ließ melden, er könne jetzt leider nicht abkommen, er habe alle Hände voll zu thun. Die Beschlüsse des Oberpriesters mache er unbesehen zu den seinigen.
— Auch der läßt uns im Stiche, jammerte der Oberpriester. Hörst Du, Kaspe, ich solle beschließen! Beim heiligen Mysterium, was soll ich denn beschließen?
Und sein Gesicht nahm einen bis zum Komischen dummen Ausdruck an.
Nun machte der hohe Oberrichter den Schlagfertigen, wie stets bei feierlichen Anlässen.
— Beschließe eine ergreifende Trauerkundgebung großen Stils für den herrlichen Minus! Zwar sei sein Tod geheimnißvoll, aber unwiderruflich, er soll den Leuten leid thun, aber sie nicht in allzutiefe Kümmerniß stürzen.
Der Sprecher der Aeltesten lächelte. Er nahm sich die Freiheit.
— Gefällt Dir meine Formel nicht? Sie ist überraschend, findest Du? Gerade das ist ihr Werth. Das Volk wird zur Abwechslung im Gefühle der Ueberraschung sein Behagen finden und uns Zeit lassen, Alles auf’s Beste zu ordnen. Ich bitte Euch, Ihr Aeltesten, da Ihr nun doch eingeweiht seid, unterstützt uns und haltet reinen Mund über alles Unaufgeklärte. Sucht auch aus der Trauer Genuß und Kurzweil für das gute Volk zu schlagen.
— Ach, das Volk, wer hält uns das Volk vom Leibe! Dieses nimmersatte Ungeheuer! ächzte der Oberpriester.
Die Aeltesten aber grinsten dem Oberrichter freundlich zu.
— Gefällt Dir mein Vorschlag, Hoheit?
— Ach, Oberrichter, mir gefällt Alles, was Ordnung schafft und Ruhe stiftet.
Sein verzweifelt dummes Gesicht glänzte wieder in einem Schimmer intelligenter Zuversicht.
— Lasse das meine Sorge sein, Ao.
— Ich danke Dir, Oberrichter. Ich danke auch Euch, Ihr Aeltesten, treue Freunde. Beliebt es Euch, daß wir uns zurückziehen? Die nächste Stunde wird Alles in die rechten Wege leiten. Oberrichter, ich bitte um Deine Begleitung. Laß’ uns Titschi aufsuchen.
— Wenn wir ihn nicht gerade im Bette antreffen, ist’s möglich, daß wir ihm nicht unwillkommen sind. Aber ich folge Dir gern zum hohen Diplomaten, obwohl ich mich gern selbst ein wenig auf die faule Haut legte.
Ao überfiel bei diesen Worten des Oberrichters die Angst des Nichtbegreifens. Wie konnte nur Kaspe so im Handumwenden diesen gleichgiltigen Ton anschlagen? Stand denn nicht Alles auf dem Spiele? Hatten sich nicht unglaubliche Dinge ereignet? Und nun that Kaspe, als handle sich’s um irgend eine Verabredung zum Frühstück.
Titschi empfing die hohen Amtsbrüder richtig im Bett. Er habe seinen faulen Tag, sagte er aufgeräumt. Und das Lustigste von Allem sei, daß man den Leichnam des Minus nicht auffinde. Sogar die Todten flüchteten aus Teuta!
Kapitel 10
Das war nun allerdings das stärkste Stück, das der hohe Rath jemals dem Teutavolke geboten.
Die vergnügte Zarathustra-Feier mußte verschoben werden auf unbestimmte Zeit, um der großen Trauerkundgebung willen zu Ehren des Minus, und die Trauerkundgebung konnte nicht stattfinden, weil sich der Leichnam der verstorbenen Hoheit aus dem Staube gemacht. Fabelhaft!
Man fand nicht einmal Zeugen, den Tod des Minus festzustellen.
Der die erste Nachricht vom Tode des hohen Oberlehrers dem obersten Diplomaten überbrachte, war allerdings eine vertrauenerweckende amtliche Person, Soundso.
Aber als Soundso als einziger Augenzeuge über die näheren Umstände des überraschenden Todesfalls vernommen werden sollte, war er verschwunden. Und als man die Leiche zu einer imposanten Trauerkundgebung verwerthen wollte, war von ihr nirgends eine Spur zu entdecken.
Konnte die Erscheinung des Todtenantlitzes im Fernseh-Spiegel des hohen Rathes auf Täuschung beruht haben? Oder auf Suggestion oder sonst einer Betrügerei?
Alle diese so schwer genommenen Vorgänge spielten sich natürlicher Weise nur im engsten Kreise von drei oder vier Personen des hohen Rathes und der Aeltesten ab.
Das Volk wußte auch nicht eine Silbe davon, oder wenigstens nicht mehr, als man für gut fand, ihm direkt oder indirekt mittheilen zu lassen.
Unanfechtbar waren bloß zwei Thatsachen: Titschi lag im Bett und redete sich auf die Folgen der Ueberanstrengung ohne nähere Begründung hinaus, und Soundso vermochte trotz der eifrigsten Bemühungen nicht zur Stelle gebracht zu werden.
Und ein Todtenpomp als Ersatz für die diesmalige Zarathustra-Feier erwies sich als unmöglich, da nicht der geringste passende Leichnam aufzutreiben war. Die Ungeheuerlichkeit einer großartigen öffentlichen Leichenfeier ohne Leichnam konnte nicht einmal mehr von dem Oberpriester Ao ernsthaft in Erwägung gezogen werden.
Der Oberrichter Kaspe strengte sich scheinbar auf’s Aeußerste an und ließ alle Minen seines ausgezeichneten Späherdienstes springen. Vergeblich.
— Ihr seht, ich bin so perplex wie ihr, piepste er.
Der Oberdiplomat kroch immer tiefer in’s Bett und konnte mit nichts als mit virtuosen Redensarten und Trugschlüssen dienen.
So fiel Alles auf den unglückseligen Oberpriester zurück. In seinem Gehirn preßte sich die ganze Thatsachenreihe zu einer einzigen Halluzination zusammen. Bald trat ihm der heiße Schweiß auf die Stirn und seine Glatze dampfte, bald fror ihn, daß er sein Schädeldach wie eine Eisdecke fühlte, die vor Frost zu bersten droht.
— Kinder, legt mir die Zwangsjacke an, ich bin verrückt. Ich werde tobsüchtig, es geschieht ein Unglück. Ach, ich ärmster Ao!
Titschi wälzte sich im Bette und versicherte, daß es ihm große Freude mache, von seinem hohen Kollegen so aufopfernd getröstet zu werden.
Kaspe lächelte säuerlich und erklärte alle Welt für Uebelthäter, denen man beim besten Willen nichts mehr recht machen könne. Nicht einmal zum Einfangen seien sie mehr zu haben. Alle Liebesmüh’ sei umsonst. Diese unnahbar edlen Spitzbuben!
Wahrhaftig, Ao, der würdige Oberpriester, schnitt jetzt Grimassen wie ein Verrückter.
— Nimm sie beim Kragen, hollah, da sind sie! rief er mit schiefgezogenem Munde dem Oberrichter zu. Dabei schlug er mit der Faust auf die eigene Brust.
— Wer denn? Wo denn?
— Grege hier, Soundso hier, Minus hier, die Lebendigen und die Todten, Alle durcheinander, die Aeltesten dazu, seid Ihr denn blind? Alle sind sie in mich hineingeschlüpft. Ich beherberge sie. Ich bin ihr Schlupfwinkel, ihr Diebsnest, ihr Hehler. Greif zu, Oberrichter!
Und er wand und krümmte sich wie eine getretene Schnecke.
— Du machst Deine Sache sehr gut, Oberpriester! rief Titschi und streckte seinen Diplomatenkopf aus der Bettdecke hervor. Ich wünschte, daß ganz Teuta dieses Schauspiel sähe. Beim heiligen Bimbam, das genügte als Ersatz für das Zarathustra-Fest. Du bist ein großer Künstler, Ao! Herrlich, herrlich!
— Zu Eurem Narren habt Ihr mich gemacht, stöhnte Ao mit geiferndem Munde und brach in den Polstern zusammen.
— Der arme Mensch hat wieder seinen Anfall, flüsterte Kaspe. Soll ich vielleicht den Bim herbeirufen?
— Verschon’ mich mit diesem Querkopf. Aos Anfall, nein, es lohnt nicht der Mühe. Der Gute krabbelt sich von selbst wieder in die Höhe. Bliebe er einmal unten, he, Kaspe, was denkst Du von der Führung der obersten Geschäfte?
Ein fahler Blitz zuckte über des Oberrichters verlederte Mienen. Mit gedämpfter Stimme meinte er, ein wenig zurückhaltend:
— Wie denkst Du darüber? Deine Meinung ist mir werthvoll.
Titschis scharfes Auge hatte das Mienenspiel bemerkt. Er wollte schweigen. Die Sache war noch nicht reif. Der ehrgeizige Kaspe!
Aber der Oberdiplomat konnte sich das Vergnügen nicht versagen, dem Streber nach dem Vorsitz im hohen Rathe ein höhnendes Hoffnungsalmosen hinzuwerfen:
— Sei getrost, Kaspe, wenn ich wieder gesund bin, werde ich mich für Dich in’s Zeug stürzen. Auch meine Agenten werden für Dich Stimmung machen. Aos Fall ist Deine Erhöhung. Das Volk wird ihm’s nie verzeihen, daß es unter seinem Regiment so wenig Vergnügen gehabt. Ruhe, Stille, Ordnung — lächerlich: Vergnügen will das Volk haben, Feste, Apotheosen! Und nun geht unter Aos genialer Führung sogar die Zarathustra-Feier, das glänzendste Narrenfest der Welt, in die Brüche. Kaspe, mein Kompliment! Das hast Du gut eingefädelt!
Der Oberrichter neigte leicht den Kopf wie zu gnädigem Danke. Es hatte ihn jedesmal, so oft Titschi herausfordernde Andeutungen dieser Art gemacht, das Gefühl beschlichen, als sollte er vergiftete Pillen schlucken.
Endlich rührte sich Ao wieder. Sein Aussehen war erbarmungswürdig.
— Bim — ruft mir den Bim, ich bitte. Ich habe Vertrauen zu Bim. Er kann mir helfen. Ich bin ja so krank. Merkt Ihr denn nichts? Gar nichts?
— Ja, hoher Oberpriester, wenn Du Vertrauen zu Bim hast! Mit Vergnügen! Ich bin für Deine Anregungen immer empfänglich.
Titschi streckte sein langes, dünnes Bein aus dem Bette — die Bewegung sah drollig aus, aber Niemand schien Sinn dafür zu haben — und mit der großen Zehe drückte er auf den Knopf des Tastwerks, und auch die übrigen Zehen begannen zu spielen.
— Du sollst gleich Deinen Bim haben, Ao. Hast Du sonst noch Wünsche?
— Hunger hab’ ich, guter Titschi, Hunger.
— Hunger? Da sieh einmal. Vielleicht auch Durst? Die Lebensgeister sammeln sich. Du brauchst nur zu befehlen, Oberpriester.
— Ja, auch Durst. Ach, mir ist noch immer elend. Ihr habt mich verrückt und elend gemacht.
Titschi spielte wieder mit dem Fuße auf dem Tastwerk. Bald öffnete sich die Wand und ein Tischchen glitt herein, mit winzigen Schüsselchen und Fläschchen.
— Mische Dir selbst Dein Labsal, Unüberwindlicher!
Ao mischte sich mit zitternder Hand Festes und Flüssiges und führte es zum Munde.
— Was habt Ihr inzwischen beschlossen? Hab’ ich lange geschlafen, Freunde?
Sein wässeriger Blick ging vom Einen zum Andern, während sein Mund kaute.
— Hast Du gut geschlafen, Ao? fragte Kaspe.
— Ja, geschlafen und geträumt. Nach dem schlimmen Anfall oder mitten hinein.
— Hast Du Schönes geträumt? fragte Titschi.
— Wie man’s nimmt. Ich hatte etwas Blühendes und Duftiges in der Hand. Dann verwandelte sich’s in schwarzen Staub mit schlechtem Geruche. Ich glaube, Deine Luft ist nicht gut, Titschi.
— Ich fürchte, Du thust meiner Luft Unrecht. Ist meine Luft nicht köstlich? Bezeuge Du’s, Oberrichter Kaspe.
— Ja, die Luft Titschis ist gut.
Ao wischte sich den Mund: Mag sein. Wir werden ja Bim’s Urtheil hören. Was habt Ihr beschlossen, Freunde?
— Wir haben beschlossen, daß Alles nach Deinem allweisen Willen gehen soll, erwiderte Titschi mit halbabgewandtem Gesicht.
— Wo ist mein Wille? Wo habt Ihr meinen Willen?
— Das mußt Du Bim fragen. Er wird gleich erscheinen.
Richtig, Bim, der Oberphysikus, erschien, eilfertig, mit dienstbereiter Miene. Sein Auge strahlte, seine Stirn leuchtete, als käme er direkt aus der Sonnenhöhe der Weisheit niedergefahren.
Gewiß, so dachte er, würden ihn die hohen Freudespender und Volksregenten von Teuta so schleunig in ihre Mitte fordern, um von seiner neuesten wissenschaftlichen Entdeckung zu hören. Und nun war er da, gewappnet mit seiner Gelehrsamkeit, umgürtet mit seinem Tiefsinn, ein Held des Geistes, der treffliche Oberphysikus. Und er fühlte sich begrüßt und beglückwünscht durch ihr schweigsames Erwarten. Die guten Leute müssen’s doch ahnen —
Offenbar: Alle schwiegen, Alle erwarteten, Alle ahnten.
Nur Ao ächzte leise und machte ein gequältes Gesicht.
— Jawohl, Hoheiten, die That ist mir gelungen, begann Bim.
— Hast Du ihn gefunden? fiel ihm Ao gleich in’s Wort.
— Ich habe ihn gefunden und halte ihn fest, er wird mir nimmer entwischen.
Aller Augen rundeten und befeuerten sich und drangen auf den gewaltigen Bim ein.
Er hat ihn gefunden! Unglaublich!
— Leicht war’s ja nicht, Hoheiten, fuhr er mit Selbstgefühl fort. Leicht war’s ja wahrhaftig nicht. Die Zahl der Hemmnisse und Irrwege war erstaunlich groß. Aber nun halt’ ich ihn. Er entschlüpft mir nicht mehr. Er ist kein Schemen, er ist ein Sichbethätigendes, ein Wesen, welches die ganze, weite Schöpfung in sich trägt und die Bedingung ihrer Erscheinung ist, er ist das Urleben, die Urkraft des Weltalls selbst.
— Mit Vergunst, von wem sprichst Du, hoher Oberphysikus? unterbrach Titschi den Strom der Rede.
— Einen Augenblick, ich bin gleich zu Ende. Es bedarf nicht vieler Worte. Die Wahrheit ist groß, aber einfach. Nachdem ich ihn — —
— Namen nennen! rief Kaspe dazwischen. Namen! Denn es sind leider Viele flüchtig.
— Unterbrecht ihn nicht, bat Ao. Seine Hülfe ist so werthvoll.
— Nachdem ich ihn, nein, bitte, stört mich nicht, Alles hängt am richtigen Wort, wie Minus sagt.
— Minus! Ihn hast Du?
Der Oberrichter konnte seine Neugier nicht mehr zügeln. Seine Erwartung war auf’s Aeußerste gespannt. Er litt förmlich unter der Erregung. Der Bauch that ihm weh vor Ungeduld.
— Nachdem ich das Atom — —
— Das Atom! Hört, hört!
— Das Atom!
— Das Atom?
Eine solche Enttäuschung. Man hätte sich’s im Voraus denken können. Aber immer auf’s Neue fiel man bei dem gediegenen Oberphysikus und Welträthsellöser Bim darauf herein. Ein solcher Blender!
Titschi, halb hämisch, halb sich belustigend: — Hoheiten, das Atom ist der Anfang aller Dinge, lassen wir’s dem guten Bim, damit er auch an das Ende der Dinge gelange, die uns heute beschäftigen.
Bim ließ sich nun aber mit Fleiß nicht mehr aus dem Konzept bringen. Nicht um eine Welt. Und wenn sie bersten sollten.
— Was ich vorhin definirte, war der neue Begriff des Raumes, des Weltraumes. Und das ist meine eigenste Entdeckung. Nachdem ich das Atom als das durch seine Bewegung den Raum Erfüllende, durch seine Verkettung zu Molekülen Körperbildende erkannt, lautet meine Antwort auf die Frage: Was ist Materie? konsequent: Die Materie ist der Ausdruck der Selbstbewegung des Raumes, nicht Geschöpf, sondern Funktion des Raumes.
Ao hielt sich die Ohren zu, Kaspe schüttelte den Kopf, Titschi kroch unter die Bettdecke.
— So, Hoheiten, habe ich den neuen Begriff des Weltraums und seiner Bedeutung gefunden. Nehmt ihn hin, meinen Fund.
— Und Du verzichtest, uneigennützig, wie immer, auf den Finderlohn, musterhafter Gelehrter. Etwas Anderes wäre uns zu dieser Stunde lieber gewesen. Aber man muß Deiner Wissenschaft für Alles danken. Sieh hier unsern hohen Titschi, er ist leidend, sieh hier unsern unersetzlichen hohen Ao, er ist krank, und ich selbst — —
Ao lächelte schwermüthig: — Was mich betrifft, ich fühle mich nicht mehr krank. Bim besitzt eine seltene Kraft. Aber im Anderen wünschte ich jetzt seine Hülfe zu haben. Was nützen neue Begriffe!
Titschi kroch aus dem Bette: — Weißt Du, was inzwischen in Teuta und seinem hohen Rathe vorgegangen ist, während Du bei den Atomen im Weltraum weiltest?
— Nun?
— Weißt Du uns des Minus Hingang und Verbleib zu definiren?
— Minus? Er ist eingetreten in’s große Mysterium? Ist er das?
— Woher weißt Du das, Bim?
— Minus hat mir sein Wort gegeben, daß er das thun werde. Also hat er sein Versprechen erfüllt.
— Ja, das hat er.
Nun wurde Kaspe aufmerksam. Endlich ein Körnchen im Bimschen Spreuhaufen, das auf eine Spur leiten könnte. Kaspe stellte die Zwischenfrage:
— Welcherlei Art war das Versprechen, Bim?
— Seinem Alter und seiner Gebrechlichkeit zuvorzukommen und ein Ende zu machen.
— Wie konntest Du ein solches Versprechen annehmen? fragte Titschi.
— Es war mir wissenschaftlich interessant, sonst nichts.
— Sonst nichts? fragte Ao, seine Kaubewegungen unterbrechend.
— Nein, hoher Oberpriester.
— Und alles Drum und Dran des Vorgangs? warf wieder Kaspe im Kreuzverhöre ein.
— Wenn die Sache geschehen ist, werde ich das Material für meine Forschungen zu sammeln suchen. Meine Schüler werden mir an die Hand gehen. Minus ist mir stets ein interessanter Fall gewesen.
Bim schlug befriedigt die Beine übereinander, kreuzte die Arme und legte sich in die Polster zurück. Es war doch eine Lust zu leben, so lange das Dasein an merkwürdigen Versuchen so reich war. Daß Minus nun selbst noch ihm in die Schlinge gegangen war, erfüllte ihn mit innigem Behagen. Was kümmerten ihn die Sorgen der Andern? Sie werden auch noch an die Reihe kommen, diese widerborstigen Herrschaften. Er nahm sich fest vor, sie Alle zu überleben. Ihm mußte der Sieg bleiben. Der Sieg über ihre wissenschaftliche Stumpfheit wie über ihr hochfahrendes Wesen. Der Stärkere war er, so wenig sie’s auch merken mochten. Das hatte ihm wieder diese Unterredung bestätigt. Hat nicht auch Minus die Waffen vor ihm gestreckt, der unheimliche Oberlehrer, dieser Abgrund verschlagener Weisheit?
Und er stierte lächelnd vor sich hin, keine Notiz mehr von den Andern nehmend und ihren rathlosen Mienen, ganz in seinen Selbstgenuß versunken.
— Das Fest! das Fest! murmelte apathisch Ao.
— Beruhige Dich, Oberpriester, das Teutavolk führen wir auch über die festlose Zeit hinweg, prahlte der Oberrichter mit piepsender Stimme und mit einem schiefen Blick nach Titschi.
— Natürlich führen wir’s drüber hinweg. Worüber führten wir’s nicht hinweg? Laßt mich nur erst wieder aus dem Bette sein!
Ao war in seiner kummervollen Erschöpfung eingeschlafen. Was half ihm Bim?
Es herrschte tiefe Stille.
— Bei den ewigen Atomen! schrie mit einem Male Bim aus seinen Gedanken auf.
Todtenbleich tauchte Minus am Eingang aus der Wand hervor, auf seinem Fahrstuhl liegend.
— Lebendig und todtbeglückt grüß’ ich Euch.
Hinter ihm erschien Soundso, pfiffig lächelnd.
— Gespenster! piepste der Oberrichter schreckensvoll.
— Das überleb’ ich nicht, röchelte Ao.
Sogar dem kühlen Oberdiplomaten erschien das unvermuthete Bild ein starkes Stück.
Kapitel 11
Nicht weniger fremd, als die Luftregion der Polargegend, war Grege, als er zu Bewußtsein kam, die Landschaft, in der er sich nach dem Absprung aus der Luftgondel fand.
Aber er war auf fester Erde und ganz allein, und diese Thatsache dünkte ihm vorerst köstlich genug, ein wahres Himmelsgeschenk.
Schon daß der Absprung ihm nicht den Tod gebracht, empfand er nach wieder erlangtem Bewußtsein und kritischer Untersuchungsfähigkeit, als eine Wiedergeburt zu neuem Leben.
Von dem Falle her schmerzte ihn eigentlich nichts außer dem Fußgelenke. Erst wie er sich erheben und auf die Beine stellen wollte, fühlte er, daß nicht Alles unbeschädigt geblieben.
Auch die Wunde zwischen dem Knöchel und der Fußsohle schien wieder aufgebrochen und blutete ein wenig.
Als er die kleinen rothen Tropfen auf der Haut gewahrte, stand ihm wie eine Vision der blaßrothe Blutstern an Jalas Handfläche vor Augen, und aus dem blaßrothen Blutstern wuchs wie eine lichte Erscheinung die ganze Gestalt des geliebten fernen Weibes.
Jala! Die Seelen grüßten sich.
An ein Weiterschreiten war vorerst nicht zu denken. So ließ er sich wieder auf den gastlichen fremden Boden sinken, den ein reichlicher Gras- und Mooswuchs wie ein weiches Polster überdeckte.
Nie hatte er im Teutalande, dem steinigen und sandigen, Gras und Moos von solcher Dichtigkeit und Weichheit gesehen. Wie auf einem guten Bette ruhte der Körper.
Dämmernder Abend verhüllte die Ferne. Alles war geheimnißvoll, still, fremd, beschwichtigend.
Schrecken- und Angstgefühle wie weggeblasen. Keinerlei Furcht. Dafür eine herrlich erhebende Empfindung durch Seele und Leib von Hoffnung und Zuversicht. Förmlich athmen und schwelgen konnte Grege in dieser Alles durchdringenden Empfindung wie in einer neuen, wunderkräftigen Luft.
— Jala, wo weilest Du? Wo ich?
Er lag auf dem Rücken, die Glieder ausgestreckt, und starrte in den Himmel.
Stern um Stern trat hervor, und in ihrem zarten Glitzerschein entdeckte er schwebende Punkte, aber in solcher Höhe, daß kein Luftfahrer im Stande sein konnte, den an die weiche, wohlige Erde geschmiegten Körper auch nur zu ahnen. Grege lächelte.
Freiheit! Hoffnung! Jala!
Wo er auch weilen mochte, der Boden, der seinen Körper so fest und weich trug, wie in Liebesarmen, konnte nur einem edlen, gastlichen Lande gehören.
Freiheit! Hoffnung! Jala!
Wie süße Musik sang in seiner Seele und in seinen Nerven die Hoffnung.
Und gewiß, er konnte ihr vertrauend lauschen. Wie aus den Schatten der Nacht die glänzenden Sterne, die Morgenröthe und der lichte Tag, so werden aus dem Unglück die Freuden geboren und die Tröstungen der Freiheit. Wie der Wanderer in den Thälern der Trübsal die sonnigen Höhen der Befriedigung, wie der Held im Kampfgetümmel die Wonnen des Sieges ahnt, so wähnt sich der Hoffende jeder Gefahr entronnen.
— Jala!
Erst ganz langsam wuchs in Grege die Empfindung, so sicher und herrlich stehe es mit seiner Befreiung doch nicht, wenn er hier auf dem Boden der räuberischen Angelos raste, denn wie solle ihm, dem Fremdling ohne jeden Ausweis, ein volles Recht unter diesem übermüthigen und gewaltthätigen Volke werden? Und wie würde er seinen Weg hinausfinden, aller Mittel entblößt, sich die Gunst der Leute zu erkaufen?
— Jala!
Nun stieg ein Zweifel in ihm auf, der seiner Hoffnung Kraft lieh und sein Siegesbewußtsein zu lodernden Flammen anblies: Muß dieser Boden das Land der Angelos sein? Kann sich der Mann im steuerlosen Fahrzeug, das ein Spiel allen Launen der Winde und magnetischer Strömungen gewesen, nicht im letzten Augenblick noch im Wege getäuscht haben? Möglich war Eins und das Andere, entschieden Nichts.
Also Grund genug zum Zweifeln und kein Grund zum Verzweifeln.
Aus luftiger Höhe gesehen und im Wirbeltanze steuerloser Fahrt, im Her und Hin, im Auf und Nieder der zufälligen Lenkung, wer will die nordischen Länder unterscheiden und eins mit Bestimmtheit nennen? Zwischen Meere von gleicher Farbe gebettet, in Wiederholung der Insel- und Halbinselform sich alle gleichend im Zuschnitt, jedes mit mächtigen Felsen, die starr aufragen in wilder Gebirgsart — —
Grege kam aus dem erwägenden und in Bildern malenden Denken wieder in den Zustand des Traumlebens, Gesicht und Gehör empfingen ferne Bilder, die sich zum vollen Wirklichkeitseindruck verdichteten, während sein Leib unbeweglich auf dem Boden ausgestreckt blieb.
— Grege! Grege!
Es war Jala’s Stimme. Wahrhaftig, sie war’s. Ihr Ruf hallte über Berg und Thal und über das stille Meer. Süß, schmeichelnd, flehend, bebend wie Flötenton.
— Grege, wo bist Du? Wo bist Du? Ich bin hier, siehst Du mich nicht? Ich suche dich, Grege, Grege!
Wahrhaftig. Und nun sah er Alles. Sie war ausgegangen in die Weite, ihn zu suchen. Am Meere hin führte sie der Weg, dann über Schluchten, auf steile, bleiche Felsen kletterte sie und hing sich mit blutenden Fingern an die Gipfel, an die Wolken — —
— Grege! Zu Hilfe! Rette mich!
— Jala, hier! Was willst Du in der fernen Höhe? Hier bin ich, hier, Du wirst stürzen, ich beschwöre Dich! Siehst Du mich denn nicht? Hier, Jala, hier bin ich. Wende Dein Gesicht, meine Arme sind Dir geöffnet, so komm’ doch, komm’ — — komm’ herab zu mir — — —.
Er konnte nicht mehr. Das Entsetzen nahm ihm die Stimme. Er fühlte nur, wie ihm die Augen aus dem Kopfe traten, mit aller Gewalt den Blick der Verschwindenden nachzusenden, ihre letzten Züge im Verschweben in unmeßbarer Ferne einzufangen. Er fühlte nur, wie krampfhaft lauschend sein Ohr sich anstrengte, noch einen Laut, noch ein verschwimmendes Zittern ihrer Stimme durch den himmelweiten Luftraum zu erhaschen.
Vergebens.
Schrecken und Sehnsucht im fiebernden Gehirn, im stürmisch pochenden Herzen ließen ihn noch einmal herausschreien: Sprich, sprich, Jala, sprich!
Noch einmal war’s ihm, als vermöchte er ihre Züge zu sehen, in ihr verrinnendes Angesicht zu blicken, die gleitenden Umrisse ihrer schönen, hoheitsvollen Gestalt zu erkennen in den schrecklich fernen Aetherweiten der Unendlichkeit. Dann löste sich Alles in gleichmäßig helles, unbestimmt zitterndes Licht, von feinen Silberwölkchen durchzogen, ferner, immer ferner und lautlos verschwindend hinter dicht heranziehenden schwarzen Purpurwolken, die allmählich den ganzen Himmelsraum erfüllten in majestätisch düsterem Gewoge.
Grege mußte lange in starrer Bewußtlosigkeit gelegen haben. Sein Leib war steif und durchkältet, als sich die Besinnung wieder einstellte, sein Gehirn von einer unsäglichen Müdigkeit.
Nur mit harter Mühe konnte er sich entschließen, die Augen zu öffnen und den Kopf ein wenig zu erheben, mit heftigen Schmerzen im Nacken, als die kitzelnden Betastungen an seiner Nase, seinem Munde und seinen Ohren nicht nachließen. Auch an den inneren Handflächen und zwischen den Fingern hatte er die Empfindung, als ob eine lange leckende Berührung mit einem feinborstigen, nervös warmen Gegenstande von kräftiger Lebendigkeit stattgefunden.
Durch die Lidspalte gewahrte er ganz nahe seinem Gesicht eine mächtige Hundeschnauze. Das heißt: er rieth auf eine Hundeschnauze, denn in Teuta hatte er nie diesen braven Vierfüßler gesehen, in seinem thierfeindlichen Lande war die Bekanntschaft mit dem edlen Thierleben nur aus alten Erzählungen und Bildern zu schöpfen. Teutas alleinseligmachende, unvergleichliche Musterkultur hatte ja alle Hausthiere verbannt und seit Jahrhunderten nur den reinen Staatsmenschen als einzig würdiges Material für die Darlebung der höchsten Vernunft gezüchtet.
Durch die Lidspalte gewahrte Grege jedoch nicht bloß die mächtige Hundeschnauze, sondern auch ein scheinbar unmittelbar der Erde entströmendes vibrirendes Flimmerlicht, das nach der überstandenen so intensiv durchlebten Vision einen schmerzlichen Reiz auf seine Sehnerven ausübte. Erst wie er merkte, daß dieses Licht nicht an etwas Einzelnem haftete, sondern gleichmäßig ausgegossen, wie eine helle Luftschicht über dem Boden schwebte, öffnete er ohne Furcht vor neuen Visionen und Schmerzen weit das Auge und versuchte, sich emporzurichten.
Fröhlich bellend umsprang ihn der große, zottige, goldbraune Hund. Wie ein Gruß neuen Lebens klang ihm die merkwürdige nie gehörte Stimme. Es lag so viel Aufmunterndes, Liebreiches in diesen schallenden Lauten, eine reizvolle Naturfrische in den Intervallen, daß Grege bis in’s Innerste davon getroffen war.
Der Hund machte noch einmal die tanzenden Bewegungen unter freudigem Gebell, dann stellte er sich straff wie ein Wächter zwischen die Beine Greges und faßte den halbaufgerichteten Fremdling fest in’s Auge.
Grege nickte ihm zu.
— Ja, wer bin ich, mein Thier? Und wer bist Du, daß Du mich so herzlich begrüßt hast? Du nimmst wohl Interesse an dem seltsamen Gast? Oder haben Dich die Angelos geschickt, mich aufzuschnüffeln und zu wecken? Oder schickt Dich Jala mir als Bote?
Der Hund beschnupperte ihn die Brust hinauf bis in’s Gesicht, schüttelte eifrig den buschigen Wedel und begann wieder zu bellen und zu springen, als wollte er sagen: Was weiß ich? Du gefällst mir und das Weitere wird sich finden. Mach’ nur, daß Du endlich vom Fleck kommst, Du langer Schläfer und Faulpelz. Daß ich Deinem guten Geruch vertraue, siehst Du wohl, also vertraue auch mir. Erhebe Dich, komm! Mach’ Sprünge wie ich! Und hinter Dir steht noch Jemand erwartungsvoll, nein, bist Du aber schwerfällig — siehst Du denn nicht?
Den Bewegungen des lustigen Thieres folgend, wendete Grege den Oberleib und blickte rückwärts.
— Ach, ein Weib! stieß er überrascht hervor und stützte die Hände auf den Boden, um sich besser zu drehen und deutlicher zu sehen.
Sie saß fünf, sechs Schritte hinter ihm auf dem Boden. Lächelnd stand sie auf, die eine Hand auf dem Kopfe des großen Hundes, mit der andern eine grüßende Geste machend. Von Gestalt mäßig hoch, doch kräftig. Lichtblondes Haar, in schönen Zöpfen, die ihr über die Schulter hingen. Den jugendlichen Leib in einem festen, wenig faltenreichen, ärmellosen Gewand, von einem Gürtel umspannt, die Füße nackt, wie die Arme. Die ganze Erscheinung strammer, frischer, kerniger als Jala, die Züge gewöhnlicher, aber in Allem eine große Kraft und ungezwungene Herzlichkeit. Ach, die großen dunklen Feueraugen voll sprühender Gewalt!
— Angelos? Wohnen hier Angelos?
Das Weib trat mit dem Hunde einen Schritt näher und schüttelte lächelnd den Kopf. Der Hund sah neugierig zu ihr auf, als wollte er ihre Blicke und Worte auffangen.
— Mein Name ist Maikka. Hier sind keine Angelos.
Der Hund stellte sich bellend auf die Hinterbeine und legte ihr die mächtigen Pratzen auf die Schultern.
— Maikka? Keine Angelos? Ich danke Dir.
— Du bist groß, blond, stark, wie unsere Männer, aber ich merke, daß Du fremd bist. Ist Dir etwas Schlimmes widerfahren? Du siehst verstört aus. Lange lagst Du regungslos. Mir bangte um Dich, bis Dich mein Hund weckte.
Sie war noch einen Schritt näher getreten. Der Hund lief von ihr zu Grege und berührte ihm mit dem Kopfe liebkosend die Schulter.
Grege verharrte sinnend in der Betrachtung der beiden gütigen Wesen. In dem allgemeinen Lichtscheine, der die freie weite Nachtlandschaft erfüllte, gewann das Weib in dem schlichten weißen Gewande etwas so Vergeistigtes, daß Grege sich fragte, ob er nicht wieder dem Zauber einer Vision oder sonst einem Spuke zum Opfer gefallen. Die Stimme klang so schmelzend und doch so bestimmt und war so voll Seele und Natürlichkeit, wie das Bellen des Hundes.
— Komm, Maikka, berühre mich wie Dein Hund.
— Hier! Sie reichte ihm die Hand. — Warum erhebst Du Dich nicht? Bist Du müde von der Wanderung? Welches Weges bist Du gekommen?
Nun erschien Grege erst recht Alles wie ein Traum. Welches Weges er gekommen! Durch die Luft!
Aber kaum hatte er zu erzählen begonnen, da unterbrach ihn Maikka.
— Seltsames ist Dir begegnet. Die Erzählung wird lange werden nach dem abenteuerlichen Anfang. Hast Du hier kein Heim, so folge mir in das meinige. Auch scheinst Du erschöpft zu sein und noch der Ruhe zu bedürfen. Dein Gewand ist auch nicht im besten Zustand. Hast Du mit den Elementen gekämpft?
— Ja, Maikka, das hab’ ich. Aber glaube mir, ich bin ein friedsamer Mensch und trage keinen Streit in die Welt.
Maikka reichte ihm lachend auch die andere Hand Und an ihren beiden Händen sich fassend, sprang Grege vom Boden auf, mit so leichtem Schwunge, daß ihm selbst die Freude wieder kam über die Tüchtigkeit seines Leibes.
— O Du hast eine tapfere Gestalt, gut für den Streit und schön für den Frieden. Warum verhehlst Du mir Deinen Namen?
— Grege heiß’ ich und komme aus Teutaland, ein Flüchtling. Nun weißt Du’s. Ich habe nichts Uebles gethan, ich bin nur mir selbst nachgegangen, nur meiner Freiheit hab’ ich mich gewehrt.
— Aus Teutaland bist Du geflohen? Allein?
— Jala floh mit mir, mein Weib. Wo ist sie nun? Wo bin ich nun? Sprich, gütige Maikka, in welchem Lande begrüßest Du mich?
Maikka lachte: — Du verstehst die Worte zu setzen wie ein Dichter. Nordika heißt das Land. Ist Dir das fremd? Du sprichst seine Sprache, ein wenig anders zwar, doch verstehen wir uns. Wir sind verwandt. Teuta freilich, o Teuta!
Und sie schüttelte ihm beide Hände und lachte frisch, recht von Herzen, aber doch nicht in einem unzarten Tonfall. Auch der Hund tanzte und schlug seine vergnügtesten Töne an.
— Teuta macht Dich lachen, Maikka. Kennst Du Teuta?
— Davon und von vielem Anderen später. Willst Du mein Gast sein? Ich führe Dich eine Straße, die ist so grasig wie eine Parkwiese. Kannst Du schwimmen?
Grege nickte. Die einzige Leibesübung, die den Teutaleuten als vornehm-menschlich und staatserhaltend galt, war das Schwimmen. Das Schwimmen in großen unterirdischen Bassins.
— Gut, dann kannst Du über den See schwimmen. Das wird Dich von Deiner Starrheit erholen. Willkommen in Nordika noch einmal. Du wirst ein schönes Land kennen lernen, Teutamann Grege.
— Gute Leute hoffe ich.
— Gewiß.
— Was lieben die Leute in Nordika?
— Nichts, Grege, und Alles — was Liebe verdient.
— Ich will sagen: wofür haben sie die meiste Neigung? Oder: wovor haben sie Respekt?
— Vor nichts, Grege, und vor Allem — was Respekt verdient.
— Merkwürdig, Maikka.
— Jawohl, Du wirst schon sehen.
Unter diesem Gespräche hatten sie bereits eine Strecke auf der grasigen Straße zurückgelegt. Grege fühlte sich wunderbar stark, obwohl er Hunger spürte.
Der Hund kürzte sich den Weg durchaus nicht. In weitem Bogen umkreiste er die Herrin und ihren Gast. So oft er eine dichtere Lichtbahn kreuzte, machte er einen hohen Satz.
— Die Beleuchtung in hiesiger Art ist mir neu und überraschend. Man watet hier förmlich in feinem Licht. In Teuta kennt man das nicht.
— In Teuta!
Maikka lachte wieder. Fest und geschmeidig, in anmuthigen Schritten und Bewegungen ging sie voraus, zuweilen stehen bleibend, bis der Gast an ihrer Seite war. Aber ihre Lebhaftigkeit ließ sie gleich wieder den Vormarsch nehmen.
— Wir lassen die Erde selbst leuchten, ohne viel Künstelei. Der Boden ist hier so reich an Leuchtstoff. Man brauchte nur sinnreich dem Magnetismus die Bahn freizumachen. Das ist unser Nordlicht, nur daß es nicht in hohem Bogen steigt. Sieh, wie der Himmel sich sammetdunkel über die lichte Erde spannt. Man merkt nur am Mond und an den Sternen, daß es Nacht ist.
Sie blieb vor Grege stehen und blitzte ihn mit leuchtenden Augen an.
— Ueber dem See ist geringerer Schimmer, da muß Deine Haut leuchten! Bist Du sehr geübt in Muskelarbeit?
Grege mußte beschämt verneinen. Obwohl er daheim in natürlichem Drange mancherlei Uebungen gemacht, ganz insgeheim, da sie wider die öffentliche Ordnung verstießen, fühlte er doch, daß er als Angehöriger eines Volkes von Rutschern, Hockern und Liegern mehr verweichlicht war, als sich mit einer kräftigen Ausbildung von Muskeln und Sehnen verträgt.
— Ich habe ein kleines einsitziges Boot am Ufer. Wenn Du willst, kannst Du rudern und ich schwimme hinterdrein mit meinem Fox. Wir sind Luft-, Land- und Wassermenschen, nach Belieben, Grege.
Und wieder klang ihr frisches, seelenvolles Lachen in die stille schimmernde Nacht.
All’ seinen Lebtag hatte Grege kein solches Lachen in Teuta gehört. Lautes Lachen vertrug sich dort überhaupt nicht mit der staatlichen Wohlanständigkeit. Nur an den hohen Feiertagen bildete das Lachen einen Bestandtheil der offiziellen Freude, eine anerkannte Programm-Nummer sozusagen.
— Rudern? fragte Grege. Und nun wollte er auch mit einer Ueberlegenheit aufwarten, denn es berührte ihn peinlich, auf diesem fremden Boden einer wenn auch verhaltenen, so doch offenbar systematischen Geringschätzung seines Teutalandes zu begegnen.
— Ja, rudern! Rudert man bei Euch daheim nicht, Grege?
— Darüber sind wir längst hinaus. Auf unsern unterirdischen Seen gehorchen unsere Fahrzeuge einem Druck mit dem Finger, so wunderbar ist der Mechanismus unserer elektrischen Einrichtungen.
— Das haben wir auch, das hatte man, wenn auch gröber und umständlicher, schon vor tausend Jahren. Aber das Rudern ist noch viel älter, und deswegen nicht weniger schön, zur Abwechslung. Es stärkt die Brust, man muß breit ausathmen, alles hat einen so poetischen Takt, und man bekommt prachtvolle Arme. Da fühl’ einmal her!
Maikka hielt ihm beide Arme hin. Grege griff danach. Fox deutete das als Aufforderung zu einem Hochsprung. Kaum hatte Grege seine Hände um die herrliche Rundung des prallen Fleisches gelegt, da sauste zwischen den Köpfen und über die ausgestreckten verbundenen Arme auch schon Fox mit mächtigem Sprung durch die Luft.
— Hier ist der See und dort das Boot! rief die lachende Maikka.
Fox plätscherte bereits geräuschvoll schnaufend im Wasser.
Grege stand unentschlossen.
— Nun? Mein Gast hat die Wahl!
— Schade, daß das Boot nicht zweisitzig ist, bemerkte Grege galant ausweichend.
Maikka schlagfertig: — Aber das Wasser ist für zwei Schwimmer. Wenn Du darauf hältst, schwimmen wir Seite an Seite um die Wette und stoßen das Boot noch vor uns her. Mir nach!
Damit hatte sie schon den Gürtel gelöst, Ober- und Untergewand abgestreift und in das Boot geworfen, die Zöpfe hoch um den Kopf gesteckt — und platsch! tauchte ihr schimmernder Leib im kräuselnden Wasser auf und nieder. Wie ein Fisch in seinem Elemente, so sicher und schön war jede Bewegung.
— Herrlich, herrlich! Flink, Grege!
Wie von physischem Zwang erfaßt, entledigte sich Grege seiner Kleidung, sie flog wie von selbst ins Boot, und halb taumelnd fiel er ins Wasser. Fast besinnungslos arbeitete er mit Armen und Beinen. Er hatte nur das eine Gefühl, daß er auf Tod und Leben etwas Unerhörtes ausführe. Seine Schläfen pochten, seine Lunge schwoll, sein Athem prustete gewaltsam. Und neben ihm kicherte und schlängelte, wogte und wiegte die Nixe in den schönsten Schwimmkünsten, das Boot mit einzelnen, kräftigen Armstößen vor sich hertreibend.
Einmal war sie ihm so nahe, daß er ihren Ellbogen und Fuß an seinem Leibe spürte. Dann war’s ihm wieder, als schlüpfe sie unter ihm durch oder gleite über seinen Rücken hinweg. Dann wieder, als sitze sie rittlings auf ihm. Dann wieder, als walle der See auf in einem Getümmel von weißen Frauenleibern und jeder Wassertropfen sei erfüllt von Kichern und Lachen und aus der Tiefe breche heißer Phosphorglanz.
Das Ufer, endlich! Grege war nicht wenig erstaunt, es heilen Leibes erreicht zu haben. Er sah sich schon als Leiche angeschwemmt, von zärtlich würgenden Nixenarmen erstickt.
Fox war der Erstangekommene. Er schüttelte sich — und sein Bellen schallte wie Siegesruf.
Auf seinen Appell kamen zwei Dienerinnen an das Ufer geeilt, die Herrin zu empfangen. Sie schienen nicht sonderlich überrascht, auch noch einen nackten Mann zu finden. In behender Dienstfertigkeit verrichteten sie das Zweckmäßige.
Bevor Grege die neue Situation zu überschauen vermochte, steckte er schon in den warmhüllenden Kleidern, und Maikka stand lächelnd vor ihm, als hätte sie ein Zauber von einem Ufer unverändert zum andern gehoben. Nur ihre Wangen schienen etwas blässer und ihre großen Augen glühten dunkler.
— Und nun rasch in’s wohnliche Gemach, mein tapferer Gast! Ist Alles bereit?
Die Dienerinnen bejahten. Grege wandelte wie im Traum, den lebhaften Schritten Maikkas folgend.
Was war das für eine Welt?
In Teuta gab’s für den Mann vom Jünglingsalter an keinen freien, offenen Verkehr mit dem Weibe. Hier die Männerstadt, dort die Frauenstadt. Die Thore wurden von Staatswegen geschlossen und geöffnet. Nur in der „offenen Zeit“ gab’s Verkehr zwischen Mann und Weib, nach strengen offiziellen Regeln. Auch bei festlichen Aufzügen konnten Männergruppen mit Frauengruppen verkehren, nicht anders jedoch, als nach der Anweisung der Festordner. Sonst im gesammten Leben stand der Mann für sich, das Weib für sich. Die Kinder waren den Weibern zur Aufzucht zugetheilt, bis man sie mit dem fünfzehnten Jahr gleichfalls nach dem Geschlechte trennte.
Grege war aus Teuta entwichen, weil er ein geliebtes Weib für sich, für sich ganz allein, haben wollte. Und weil er nicht heimlich sündigen wollte. Denn das wußte er, heimlich gesündigt wurde in Teuta. Thore thaten sich heimlich auf, die geschlossen sein sollten. Aber es stand Strafe darauf, wenn Einer in der Frauenstadt betroffen wurde, der nicht von Amtswegen dort zu thun hatte.
Und alles Uebrige, was so einengend und häßlich war, und trotz aller Vererbung und Gewöhnung einzelnen Naturen bis auf’s Blut zuwider. Aber was wollten die Ausnahmen gegen die Regel! Und das Volk pries sich frei und glücklich unter der aufgezwungenen Regel — und sich zu preisen schätzte es nicht als seinen geringsten Stolz, sich zu preisen und zu rühmen als das bevorzugteste Volk der Zivilisation!
Was war das für eine Welt nun, in die Maikka, die Zauberhafte, ihren Gast Grege führte?
In einem Föhrenhain stand das Haus und in dem Hause war ein hohes Gemach, reich geschmückt mit allerlei Bildwerk und entzückend traulich zugleich in all’ seiner Einrichtung. Schönheit, Lust, geistige Kraft — wie schmolz das ineinander und schuf eine Luft, in der die freie Seele athmete wie in einem Himmelreiche!
Die Dienerinnen kamen und brachten in künstlerisch gearbeiteten silbernen Gefäßen, Krügen und Schüsseln allerlei Labung, dazu Obst, Backwerk, süße Säfte die Fülle. Die Dienerinnen, hübsche, junge Mädchen, verschwanden schweigend, auf einen Wink der Herrin, und ließen diese mit ihrem Gaste allein.
— Es sind meine Schülerinnen, Grege, darum dienen sie mir so folgsam und bescheiden. Wenn sie in die Jahre kommen, wo die Lehrzeit überstanden, sind sie frei, wie ich. Du bist in einem freien Lande, bei freien Menschen, in Nordika, Grege. Und nun setz’ Dich zu mir und iß!
Maikka legte ihm vor, warme Speisen aus den verdeckten Schüsseln.
Grege saß wie betäubt. Er schüttelte endlich den Kopf, griff nach den Früchten, einem Stückchen Backwerk und schänkte sich von dem süßen Saft einen Schluck in sein Glas.
— Warum nimmst Du nicht von den warmen Pastetchen? Sie sind köstlich. Sieh, wie sie mir schmecken! Ist es wider die Teuta-Regel?
— Allerdings. In diesem Falle ist die Regel wie ein geleisteter Schwur.
Maikka, obwohl sie im Hause ernster schien, als im Freien, lachte laut auf und rückte ihren Sitz näher dem seinigen.
— Merke dies, mein Gast: Teuta-Schwüre gelten in Nordika nicht. Jetzt bist Du ein freier Mann in einem freien Lande.
— Aber noch kein neuer Mensch, Maikka. Das Alte lastet.
— Der neue Mensch wird die alte Last abschütteln.
Aus einem Nebengemach tönte lieblicher Mädchengesang.
— Das ist das Nachtlied, Grege. Gleich werden meine Dienerinnen erscheinen, Dich zu Deinem Lager zu geleiten. Schlaf wohl! Ich will noch nach Fox und meinen Thieren sehen.
— Noch ein Wort, gütige Maikka: Du sprachst vorhin von Schülerinnen. Also bist Du Lehrerin?
— Ja, Grege, das bin ich. Gut Nacht. Deine persönlichen Erlebnisse erzählst Du mir morgen.
Kapitel 12
Der Mann aus Teuta hat eine traumschwere Nacht in Maikkas Heim verbracht.
Erst sehr spät ist er fest eingeschlafen. Zuerst schüttelte ihn eine wüthende Sinnlichkeit, dann klärte sich die Begierde ab zu heißer Sehnsucht nach der fernen Geliebten. An welchen bleichen Gestaden mochte sie nun ihres Verlassenseins Kummer bergen?
Ob wohl die zauberhafte Gastfreundin ein Mittel wüßte, die Getrennten einander nahe zu bringen? Schätze von Geist, Erfindung, Thatkraft, Güte stehen dem Weibe Nordikas zu Gebote. Könnte ihm die kluge Lehrerin nicht eine Nothhelferin werden?
Er fühlt es, sein Herz hat keine Falten vor ihr. Ihr kann er wie einer Schwester das Zarteste und Schmerzlichste anvertrauen.
Ja, ja, ja.
Wie warmer Frühlingssonnenschein wehte es über seine Seele, und behaglich streckte sich sein Leib in den leichten, duftigen Hüllen des Lagers. Ein neues Leben lachte ihn an, mit zuversichtlichen Maikka-Augen.
Dann schlichen sich die Dämonen in seine sonnigen Träume, löschten die himmlische Helle, machten Alles schwarz und schwer, schoben Alles irr und wirr durcheinander, peinigten ihn mit Fratzen und Hundegekläff und warfen ihn schließlich in den See. Alles schien für ihn verloren in gräßlicher Hilflosigkeit. Da tauchte Maikka zu ihm hinab, umschlang ihn mit süßen Blicken und weichen Armen und in seligen Wirbeln strudelten sie in die Tiefe. Bis in die letzten Gründe des Nichtsmehrvonsichwissens — —
Lieblicher Mädchengesang tönte in seinen späten Schlaf.
Das war das Morgenlied.
Nun schlief er noch wonniger und fester, der abgehetzte glückliche Narr der Träume.
Mit einem Male rüttelte ihn ein energischer Weckruf: Fox brach mit mächtigem Gebell in das Gemach, die Gardinen flogen von den Fenstern, wie Feuerpfeile schossen die Sonnenstrahlen herein, und von der Thür her tönte eine glockenhelle Stimme: — Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!
Und plötzlich war Alles wieder still und dämmerdunkel.
Grege rieb sich die Augen und schob in tiefem Nachdenken die Beine vom Lager. Er strich über die Knie, er strich über die Waden, er befühlte die heile Wunde, er befühlte seine Wange mit dem sprossenden Bart, er glitt mit beiden Händen über die Brust den Leib hinab: Er war er, kein Zweifel.
Wie klang’s?
„Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!“
Und wessen Stimme war’s?
Ja, ja, Maikka’s Stimme. Richtig. Maikka. Die Gastfreundin. Die edle Herrin dieses Heims. Wo ist sie? Soll er nach ihr rufen?
Er sprang auf, tastete umher, erwischte eine Schnur an der Wand. Ein Ruck. In freier Nacktheit stand er im hereinfluthenden Sonnenlicht. Rasch suchte er nach seinen Kleidern. Er fand nichts als einen neuen weißen, weiten, weichen Mantel. Er ging zur nächsten Thür, im Gehen den Mantel um sich nehmend. Er öffnet und steht in einem Baderaum. Grege traut kaum seinen Augen: Zwei Dienerinnen, hübsche, junge Mädchen, wie gestern, erwarten ihn, ihm ihre Dienste schweigend zu leisten.
Nach dem Bade reichen sie ihm ein neues Gewand, bestehend aus Hemd, Wams und kurzem Beinkleid. Er fragt nach seinen alten Kleidern. Sie verneinen, sie wissen von nichts.
Nachdem er mit ihrer Hilfe angekleidet, öffnet die Eine eine Thür, die Andere geht voran, und zwischen beiden Mädchen schreitet Grege, die Sinne fast umflort wie im Traume, in das hohe Speisegemach.
Die Dienerinnen laden ihn ein, mit freundlicher Handbewegung, am gedeckten Tische Platz zu nehmen, und entfernen sich wortlos.
Grege steht, wie verzaubert, in Erwartung. Aber es rührt sich nichts. In dem hallenartigen Raum, durch mildes, gleichmäßiges Oberlicht erleuchtet, die Wände mit Landschaftsbildern in zarten Farben geschmückt, athmet eine sanfte Stille. Alles umfängt hier den Menschen so weich und innig und doch so bestimmt in verborgener, lebendiger Kraft. Nichts Flaues, Zugerichtetes, Ausgelebtes, Mechanisches wie in Teuta. Eine tiefe, starke Seele durchzieht Alles. Selbst das Schweigen spricht wie Musik an.
Grege steht immer noch, von all’ den überraschenden Eindrücken erfüllt — aber es fällt kein Wort, es zeigt sich kein Gesicht, ihn aus dem Banne zu erlösen und ihn sich selbst zurückzugeben, daß er sich frei und überlegsam mit der ungewohnten Umgebung in bewegte Harmonie setze, daß er nicht nur empfange, sondern auch aus seiner Persönlichkeit Einiges spende. Er ist doch nicht bloß eine Figur, die man schiebt und richtet und hinstellt, wo ein fremder Wille, und wäre es der freundlichste, sie haben will?
Seine Stirn runzelt sich. Ist das eine Schaustellung, eine Komödie, die sich ein unsichtbares Publikum mit ihm aufgespart hat? War das der Weg, um seiner Natur Freiheit und Würde der Selbstbestimmung zu verschaffen? Mit der Gewaltthat der rohen Angelos ist er fertig geworden, will ihn jetzt die Feinheit der Gastfreundschaft überlisten, daß er selbst in ein fremdes Joch schlüpfe?
Sein Blick gleitet über den zierlich gedeckten Tisch. Zwischen den kunstvoll gearbeiteten Gefäßen prangt ein bunter Strauß — Blumen, so schön und farbenreich, wie er in Teuta noch keine gesehen. Doch was soll ihm das? Eine Handvoll Surros genügte ihm, den Hunger zu stillen. Er selbst war chemischer Künstler genug, sobald er die Rohstoffe und einige zweckmäßige Werkzeuge hatte, sich seine Speise in winziger und doch kraftreicher Form herzustellen. Hier war das Meiste aus der Hand der Natur, ohne viel Menschenwerk: Früchte, Eier, Säfte, dazu barbarische Sachen, die den Tod von Thieren zur Voraussetzung hatten, unvereinbar mit Teutas strengen Kultursitten. Und warum sollten Teutaschwüre in Nordika nicht gelten, für ihn nicht gelten?
Sein Blick umkreist die Wände. Nirgends die Spur von jenen zahlreichen Apparaten, mit denen man in Teuta umgeben ist, um jederzeit auf dem Wege des Hörens und Sehens sich in jede beliebige Ferne mitzutheilen und von überall her Mittheilungen zu empfangen. Auch auf dem Tische und am Stuhle keinerlei Verständigungsmittel. Unvermögen in mechanischen Künsten wird dies kaum sein, wohl aber berechnete Absicht. Gewiß, auf seiner ersehnten Insel würde er sich auch einrichten ohne verwickelte Maschinerie. Aber hier? Im Lande der magnetischen Zaubermächte? Der leuchtenden Erde?
Grege schloß einen Augenblick die Augen mit der Hand.
Dann fiel sein Blick auf seine neue Kleidung. Ein weiches und doch starkes Gewebe von lichtbrauner Farbe, ungewöhnlich im Schnitt, jedoch nicht unbequem. Die Figur tritt männlicher hervor, in energischeren Umrissen, als in den sack- und mantelartigen Gewändern, welche Teuta’s Staatsweisheit vorschreibt. Aber mit welchem Recht hat man ihm die alten Kleider vorenthalten?
Nichts rührt sich? Warum erscheint Maikka nicht?
Er blickt gegen die Thür, durch welche ihn die Mädchen eingeführt. Sie ist in die Wand eingefügt und wie diese bemalt, ohne unterscheidendes Merkmal.
Wie er sich umwendet, ist der Tisch in den Boden versunken. Der Raum ist leer.
Grege lächelt. Nun ist er um sein Frühstück gekommen.
In demselben Augenblick treten durch eine unkenntliche Thür auf der gegenüberliegenden Seite zwei Jünglinge, gekleidet wie er, und winken ihm, ihnen zu folgen.
Er gehorcht. An der Thür bleibt er noch einmal zögernd stehen und sieht zurück. Der Raum ist licht, still, leer, wie zuvor.
Die Jünglinge sind frische, prächtige Gestalten. Darum dürften sie aber doch den Mund aufthun, dachte Grege, dem das ewige Schweigen endlich unheimlich wurde.
Sogar Fox schien sich Schweigen gelobt zu haben. Was hätte Grege darum gegeben, jetzt sein fröhliches Bellen zu hören. Und wäre der Hund in der Nähe, könnte auch die Herrin nicht ferne sein. Warum kümmert sie sich heute nicht persönlich um ihren Gast?
Was sich jetzt knurrend meldete, das war Greges Magen. Das Frühstück als Licht- und Schattenspiel hatte nichts Sättigendes. Aber war’s nicht Greges eigene Schuld, daß er nicht zugegriffen?
Die Jünglinge führten ihn schweigend vorwärts, in raschen, taktmäßigen Schritten, durch einen langen Laubgang, dessen grüne Wände so dicht und hoch waren, daß sich Grege keinen Begriff von der Oertlichkeit machen konnte. Weißer Sandpfad, grüne, mauerdicke Hecken, darüber ein Streifen vom sonnenwarmen blauen Himmel, geradaus, in perspektivisch verschwindender Linie.
Das Tempo des Dahinschreitens wurde immer eiliger, so daß Grege gar nicht Zeit hatte, eine Frage an seine behenden Führer zu thun. Schließlich ging’s im regelrechten Dauerlauf. Wie von einer geheimnißvollen Macht getrieben, ahmte Grege Alles nach. Er wäre nicht mehr im Stande gewesen, zurückzuschauen oder zurückzubleiben. Vorwärts, vorwärts, ohne Besinnen! Links und rechts in den Hecken schien ein Vogel laut zu werden, bald flog auch einer herüber oder hinüber. Vorwärts, vorwärts!
Grege hielt den Mund offen, um voller zu athmen. Seine Brust arbeitete, seine Haut wurde schweißwarm.
Plötzlich hielten die Jünglinge an und ordneten sich mit Grege zu einer Reihe.
Der Eine hob die Hand hoch, wie zum Kommando. Grege begriff nicht gleich. Nun zählte der Andere: eins, zwei — drei!
„Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!“
Wurde das Wort wirklich gesprochen oder sauste es ihm nur in der Erinnerung an die letzte Nacht durch den Kopf?
Bei drei sprang Grege mit seinen Wettläufern a tempo ab, in kurzen, hüpfenden Schritten, wie sie — wer aber nicht als der Erste am Ziele erschien, war der junge Mann aus Teutaland.
Das Ziel war ein natürliches, die Ausmündung des Laubganges in eine weite, lustige Halle von leichter Holzarchitektur mit reicher Schnitzerei im Gebälke. Es war ein eleganter Bau, bestimmt zu Spielen und allerlei Leibesübungen, mit, und ohne Geräthschaften.
Es gab keinen Ausweg. Grege mußte eintreten.
Er war erstaunt, eine große Gesellschaft von Jünglingen und Jungfrauen in dem Raume zu finden, der ihm beim ersten Blicke von ganz unübersehbarer Ausdehnung dünkte. Noch erstaunter aber war er, als aus den Reihen der Jungfrauen ihm plötzlich Maikka entgegentrat.
— Willkommen, Gast! Damit reichte sie ihm die Hand.
Endlich der erste gesprochene Gruß an diesem seltsamen Morgen. Nach der merkwürdigen Wettlauferei mit nüchternem Magen fühlte Grege, wie sein Gesicht eines gewissen grimmigen Ausdrucks sich nicht erwehren konnte, auch fand er keine freundliche Erwiderung auf Maikka’s Willkomm. Er begnügte sich mit einer stummen Verneigung.
Maikka musterte ihren Gast von Kopf zu Fuß und schien sehr befriedigt.
Grege aber blickte sie an, als wollte er fragen: Wie komm’ ich daher, was thue ich in diesem Haufen fremder Menschen? Was treibst du selbst hier, außerordentliche Frau? Ist das hier deine Schule, dein Lehramt?
Die kluge Frau las ihm die Fragen von den Augen ab.
— Ich kann Dir nicht jede einzelne Person vorstellen, aber jede ist würdig, von Dir gekannt und geschätzt zu werden.
Grege nickte höflich.
Maikka fuhr fort: — Wir üben uns hier im Ring- und Reigenspiel, im Springen und Schlagen. Nimm theil, Grege!
Das war wieder mit der bezwingend lieben Stimme gesagt und mit dem süßen Sprühen der dunklen Augen begleitet.
Bevor Grege überlegte und zu irgend etwas entschlossen war, hatte er schon einen langen Stab in der Hand und stand in Reih und Glied und machte, so gut es gehen wollte, die kommandirten Sprünge mit. Dergleichen hatte er noch nie erlebt. Nicht einmal zur Empörung und zum Widerspruche wurde ihm in diesem „freien Lande“ Zeit gelassen. Ohne Besinnen wurde er mit fortgerissen.
Eine Pause. Lachend und plaudernd standen Alle, so zwanglos wie möglich, jedoch ohne die Reihe aufzulösen.
Maikka trat, mit lieblich geröthetem Antlitz, denn sie hatte alle Sprünge mit ausgeführt, auf Grege zu: — Wie gefällt es Dir?
Grege: — In Teuta hätte mich’s verrückt gemacht.
— Und hier beglückt es Dich, das ist der Unterschied! fiel ihm Maikka in’s Wort.
Mit zweimaligem Aufsetzen der Sprungstange flog sie wieder an ihren Platz vor der ersten Reihe. Sie kommandirte einen Sing-Reigen, der von der Hälfte der Jünglinge und Jungfrauen, paarweise am Stabe verschlungen, ausgeführt wurde.
Der Gast aus Teuta konnte nicht genug schauen, so anmuthig und heldenhaft schön waren die Bewegungen und Stellungen dieser blühenden Menschen, und so jubelnd und innig ihr Gesang. Er glaubte die Verse zu vernehmen: