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In Purpurner Finsterniß / Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert cover

In Purpurner Finsterniß / Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert

Chapter 15: Kapitel 14
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About This Book

The narrative follows two fugitives, Grege and Jala, as they cross a sun‑blanched desert after fleeing an overcrowded, subterranean civilization. Their journey alternates practical struggle—wounds, scarcity, difficult terrain—and reflective passages about social decay, mass conformity, and the desire for liberty. The blind but determined Jala represents a spiritual, self-reliant energy that complements Grege’s physical vulnerability and inner questioning. Episodes include aid from strangers, travel by airship, and moments of care and mutual dependence, while recurring critique of ritualized authority and the loss of individual vitality shapes the speculative depiction of future landscapes, technologies, and human relations.

Frisch, frei und froh, mein Kind!

Dein Sinn sei leicht wie der Wind,

Dein Muth bewährt wie Gold,

so bleibt das Glück dir hold —

Trala, Dir hold, trala, Dir hold.

Fest in Treue stets geschlossen

Sind wir stolzen Volkes Sprossen

Dir in Liebe zugewandt,

Nordika, heiliges Vaterland —

Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!

Die ferneren Strophen des langen Sing-Reigenspiels überhörte Grege, nur der feurige Klang und der stürmische Rhythmus nahmen seine Aufmerksamkeit gefangen, wie das herrliche Schauspiel der kunstvollen, aber wie selbstverständliche Natur wirkenden Verschlingungen und Figuren sein Auge entzückte.

Am Schlusse dröhnte es förmlich wie Wetterbrausen mit elektrischen Schlägen:

Nordika, heiliges Vaterland!

Denn auch die nicht mittanzende Hälfte fiel jetzt aus voller Kehle in den Gesang mit ein — aber Maikkas Stimme glaubte Grege wie Trompeten-Ton über dem harmonischen Gewoge schweben zu hören. Das war ihm ein unerhörter Ohrenschmaus. Und das berauschend aufsteigende, machtvoll ausklingende

Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!

ging ihm durch Mark und Bein. Thränen traten ihm in die Augen. Von dieser alles bezwingenden Gewalt des Gesanges und der Vaterlandsliebe hatte er seither keine Ahnung gehabt.

In Teuta kannte man das Gefühl der Vaterlandsliebe überhaupt nicht. Dort galt nur der Begriff vom „Staat“ und „Reich“ als eines künstlich aufgebauten Gesellschafts-Körpers, an dem nur der Verstand, aber niemals das Gefühl betheiligt war, auch gab es dort keinen natürlich quellenden Enthusiasmus für irgend etwas, sondern nur eine eingelernte Ruhmredigkeit, die sich in erhitzten Phrasen ergoß, ohne echtes Feuer, ohne natürliche Wärme. Und wo fiele es den Teutaleuten, Jünglingen und Jungfrauen, Männern und Frauen, jemals ein, ein Lied anzustimmen, einen gemeinschaftlichen Gesang steigen zu lassen, die Seele losbrechen zu lassen in einer Fluth von Tönen und wuchtigen Harmonien? Wenn sie singen jemals gelernt hatten, heute hatten sie’s sicher verlernt, seit Menschengedenken hat man im Teutareich keinen Volksgesang gehört. Warum fehlt das dort? Weil die Seele fehlt. Weil Alles in seelenlose Mechanik umgewandelt ist. Drum kennt man auch nur mechanisches Musikmachen, ohne Sinn und Gefühl, wie man nur verstandesmäßige Staatsbegriffe kennt, ohne Vaterlands-Empfindung.

Und Grege liefen die Thränen über die Wangen, er stand betäubt, selig erschüttert und todtbetrübt zugleich.

— Nun? fragte Maikka, mit glänzenden Augen und hochklopfender Brust auf ihn zutretend. — Was sagt Teuta dazu?

Grege wischte sich die Augen und schüttelte den Kopf: — Nie hätte ich das geglaubt, nie habe ich das gehört, kein Mensch hat mit daheim davon gesagt.

Maikka gab ihm einen leichten Schlag auf die Wange: — Du bist ein guter Mensch, aber Deine Landsleute daheim sind arme Murmelthiere. Das haben sie von ihrer größenwahnsinnigen Abgeschlossenheit und Verbohrtheit.

— Woher weißt Du das, Maikka? Woher kommt Dir all’ die Kenntniß? Bist Du je bei uns gewesen?

Sie ließ ihre Augen und Zähne blitzen und lachte mit dem ganzen Gesicht: — Nein, danach hat mich nicht gelüstet. Aber wir haben einen guten Kundschafter. Wir sind von Allem unterrichtet, Du närrischer Königssproß von Teutaland.

Plötzlich wurde sie sehr ernst, und als Grege, verblüfft von ihrem letzten Wort, mit Fragen auf sie eindringen wollte, legte sie den Finger an ihre Lippen.

— Und nun, mein Gast, hab’ ich eine halbe Stunde Zeit, ich bin schon seit fünf Uhr an der Arbeit, lass’ uns einen Gang in die Sonne machen.

Sie gab einem Jüngling einen Wink, flüsterte ihm ein paar Worte zu und entfernte sich mit Grege durch einen schmalen Heckenpfad hinter der Halle, hinaus in’s Freie.

 


Scheu betrachtete Grege die neben ihm schreitende Frau von der Seite.

Sie errieth seinen Blick und beantwortete ihn mit einem anderen, der sagte: — Verbeiß nur Deine Frage, Grege. Darauf bekommst Du keine Antwort. Das ist Staatsgeheimniß. Vorläufig wenigstens.

Und Grege verstand den Blick und biß sich auf die Zunge.

Maikkas beweglicher Geist ließ ihm keine Zeit zum Grübeln und Tüfteln.

— Sprich, Grege, bist Du beschlagen in europäischer Geschichte?

— Ich glaubte es, bis gestern. In Nordika zweifle ich daran.

— Lass’ hören: Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit?

— Eine Erinnerung.

Maikka lachte hellauf: — Das ist Poeten-Ausrede für sachliches Nichtwissen.

— Teuta kennt und duldet keine Poeten. Du thust mir Unrecht, Maikka.

— Ach, Du willst Dich drücken. Du gebrauchst Ausflüchte. Ernsthaft, Grege: Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit?

— Kehrichthaufen, Kjökkenmöddinger.

— Sehr gut. Und was hinterließ uns der Mensch der industriellen und kapitalistischen Metallzeit?

— Auch Kehrichthaufen. Ruinen, Museen, Arsenale, einen traurig zusammengeschrumpften Rest Menschheit. Kehrichthaufen, wie ich sage.

Als Maikka schwieg, fügte er wie entschuldigend bei: — Für Nordika gilt das wohl nicht.

— Doch, doch, zum Theil auch. Wir hatten vor tausend Jahren auch an dem großen europäischen Krach mitzutragen und die Zeche mitzubezahlen. Unsere Menschheit ist der Zahl nach gleichfalls bös zurückgegangen. Aber das gab schließlich die einzige Möglichkeit, die Völker Europas, soweit sie kulturfähig waren, auf eine neue Bahn zu bringen. Es war geradezu ein Segen, ein grausamer Segen, daß über vier Fünftel der europäischen Bevölkerung in jenen Katastrophen draufgegangen sind. Was nach dieser furchtbaren Musterung übrig geblieben, war doch eine Art Auslese. Natürlich blieb auch noch schlechter Kleinkram übrig, eben weil er Kleinkram war und durch allerlei günstige Zufälle mit durchschlüpfen konnte.

— Namentlich bei uns in Teuta. Wir haben es heute noch auf keine Million Menschen gebracht, behaupten unsere Volkszähler.

Maikka blieb eine Sekunde sinnend stehen, dann ließ sie ihre Augen auf Grege blitzen: — Du bist ein herrlicher, natürlicher Ausnahmemensch, mit Dir kann man reden. Hör’ mal, Grege, was Ihr in Teuta treibt, schreit doch zum Himmel. Das ist eine Staatskunst von Idioten und Feiglingen. Da Ihr doch einmal keine freien Naturmenschen sein wollt, meinetwegen, so fristet Euch als Staatskünstler durch. Aber wenn man nicht mit der Natur hausen kann, muß man gleich ein Verbrecher gegen die Natur sein? Hör’ mal, Grege, hör’ mal!

— Ich verstehe nicht, Maikka, was meinst Du?

— Wär’s möglich, daß Du für die Schmach Deiner Teutaleute selbst so wenig Empfindung hättest?

— Sprich deutlich, ich bitte Dich! Wie soll ich nun plötzlich hier, an Deiner Seite, an Alles denken, was je Schmachvolles daheim in Teutaland geschehen? Sprich, Maikka! Was stürmt hier nicht an unbeschreiblichen Eindrücken auf mich ein — und da soll mir Schmachvolles gegenwärtig sein, das weit hinter mir liegt?

In düsterem Ernst fand ihre Stimme nur tiefe, rauhe Töne, als sie, die Hand auf Grege’s Schulter legend, halblaut hervorstieß: — In Teutaland verhandelt man die Leibesfrucht gegen die Brotfrucht, man frißt seine eigenen Kinder — und spielt den Fleischverächter? Weißt Du, was das für ein Volk bedeutet? Kennst Du den Fluch, den die Natur auf solche Verbrechen setzt?

Grege zuckte zusammen.

— Kein Volk hat Zukunft, das seine Jugend preis giebt oder verschachert. Grege, begreifst Du das nicht?

— Ich beschwöre Dich, Maikka!

Sie hatte jetzt ganz die unheimlich visionäre Art Jalas in Ausdruck und Stimme. Jedes Wort gab Grege einen Stich in’s Herz.

— Beschönige nichts, Grege, bei Deinem Heil! rief sie. — Oder ich muß Dich wie einen Tollen aus meiner Nähe jagen.

Und als Grege sie streng fixirte, mit bebenden Lippen, als suche er vergeblich nach dem rechten Wort, fuhr sie mit wachsender Leidenschaftlichkeit fort: — Das geht durch Eure ganze Geschichte, seit Jahrtausenden. Nie hattet Ihr Respekt vor der Jugend, vor dem eigenen Nachwuchs. Ihr habt sie geistig und körperlich gemartert, wo ihr konntet. Ihr habt sie in den Zeiten des Mittelalters durch Eure blödsinnigen Gelehrten in Schule und Kirche den Alterthümlern überliefert, den Römern und Griechen und Juden und ihrem blutigen Aberwitz, ihre Köpfe entnervt und ihre Seelen belastet und ihre Gemüther verdüstert. Ihr habt sie dann in Kasernen, Zuchthäuser, Fabriken gesperrt, jede heilige Individualität mit Füßen getreten, Jahrhunderte lang sie ausgeschunden um elender Idole willen. Ihr habt sie dem Moloch des Militarismus, des Industrialismus, des Mammonismus zu Hunderttausenden hingeworfen, wie man einem Geier Aas hinwirft — —

— Halt ein, Maikka!

— Ihr habt sie gepeinigt mit jeder denkbaren Pein, mit Verfolgung, Hunger, Noth und Elend in tausend Gestalten, Ihr habt sie als Dünger über alle Erdtheile gestreut, und die armen Mädchen als Weihrauch auf alle Lasterpfannen gelegt in der Ehe, in der Prostitution, in den — — der Millionenstädte — —

— Bis der große europäische Krach kam und die große Schicksalswende, Maikka. Ich bitte Dich, halte Maaß. Das that man in jenen unseligen Zeiten nicht bei uns allein, das geschah, stärker oder schwächer, fast in allen Ländern Europas. Und wenn die Todten, die die Vergangenheit nicht alle begraben konnte, an die Ufer der neuen Zeit geworfen wurden — sprich, Maikka, welches Völkerhaus hat heute nicht noch seinen Leichnam?

— Du fabelst wieder in Bildern wie ein Poet, trotzdem Ihr in Teutaland keine Poeten duldet. Aber gut, Du sollst Recht haben. Den giftigsten und stinkendsten Leichnam jedoch beherbergt Euer Haus, Teutaland.

— Bei meinem Leben, Maikka! Er soll hinausgeschafft werden!

Sie griff mit beiden Händen nach seinen Schultern, schüttelte sie, bohrte ihren Blick hinauf in sein flammendes Auge: — Das soll ein Held gesprochen haben, Grege. Und nun schnell weiter, weiter, weiter, mich fröstelt im Schatten. Sonne, Sonne, himmlische Sonne! Freie Luft im freien Licht!

Sie waren in einen Hain mit weißschimmernden Birken und jungen Blutbuchen eingetreten, in deren flüsterndem Laub die goldenen Strahlen spielten. Maikka mußte Grege mit sich fortreißen. Denn nun waren in seinem Lockenkopfe die Gedanken rebellisch geworden und in seiner Brust war ein seltsamer Rumor.

Er zwang Maikka zum Stillestehn.

— Bist Du nicht von Deinem ursprünglichen Gedankengang abgewichen, Maikka?

— Nein, nein. Oder gleichviel. Komm’ nur, wir haben schon den rechten Faden gesponnen. Soll ich’s sagen? Dein grimmiges Teuta-Gesicht zuerst und dann Deine Thränen — weiß ich’s? Das hat mich eben erregt und außer mich gebracht. Grege, merk’ Dir’s, mit mir ist nicht zu spaßen!

— Mit mir wohl auch nicht.

— Das will ich hoffen, Grege. Du mußt ein ganzer Mann sein.

Nun hatte sie ihren lieben Herzenston wieder, ihre klare Güte.

— Aber nun will ich Dir auch mit einer Frage kommen, Maikka. Anknüpfend an den Kehrichthaufen. Was glaubst Du, daß unsere Zeit hinterläßt?

— O, ich kann nur für Nordika gut stehen, Grege: Freude wird sie hinterlassen. Freude, die aus dem Lebensmuthe quillt. Freude, die neuen Muth schafft. Mach’ doch nicht wieder jenes Gesicht!

— Der Muth muß aber nicht bloß eine Quelle, er muß auch einen Gegenstand haben, Maikka!

— Freilich. Den größten und höchsten, den’s giebt: Immer mehr Freude und Schönheit. Aber das ist schließlich dasselbe: Freude, Schönheit. Die Mittelalterlichen nannten es das Göttliche und verdarben sich das Menschliche damit und verekelten sich mit ihrem Himmel die Erde. Sieh’ mal den lustigen Käfer, wie er behende über die Rinde läuft. Schön und drollig, nicht? Weiß er, woher und wohin? Kümmert er sich um den letzten Grund der Dinge?

— Wir nennen’s in Teuta das Mystische.

— Schweig’ mir von Teuta jetzt. Das Mystische!

— Du glaubst nicht daran? An das unerforschliche Wesen, das uns hegt und trägt?

— Fällt mir nicht ein. Kümmert uns Nordika-Menschen nicht. Das Mystische! Nicht im Mindesten kümmert’s uns. Wir hegen und tragen uns selber. Ja, wir erlauben uns das, Grege.

Und nun lachte sie wieder.

— Warum leben wir eigentlich, Maikka?

— Weil wir da sind und weil uns das Leben gefällt. Sehr einfach.

— Und wenn Dir das Leben einmal nicht gefällt?

— Dann warte ich, bis es mir wieder gefällt. Ich ertrag’s in der Hoffnung, daß es mir wieder gefällt. Interessant ist’s ja immer, mit und ohne.

— Mit und ohne, was heißt das?

— Mit und ohne Gefallen. Aber hör’ mal, Grege! Stell’ dich nicht dumm!

— Ich glaube, Maikka, Deine Vernunft ist so stark, daß sie mich in die schönsten Kinderträume zurückführen könnte.

— Muß man Dich erst dahin zurückführen? Mit Vernunft? Ich bin mit Vernunft mittendrin, in jedem Märchen, Du Märchenprinz. Mittendrin!

Sie lachte, so übermüthig und ansteckend, daß Grege mitlachen mußte, ob er wollte oder nicht.

— Du solltest mir Deine Geschichte erzählen, Grege. Aber siehst Du, sonderbar, ich erzähle mir sie selbst. Ich weiß Alles. Hörst Du? Alles!

— Ich erkläre, daß Du dann mehr weißt, als ich selbst. Vieles in meinem Leben ist mir wie verriegelt und versiegelt, ich kann nicht dahinter kommen. Wieder Anderes, weite Strecken meiner Jugend — ach, was rede ich!

— Nun?

— Ist so verschattet, daß ich’s nicht mehr entziffern kann, es ist wie eine alte verblichene Handschrift.

Sie setzte wieder mit ihrem hellen Lachen ein: — Poeten-Flausen! Was man nicht weiß, zählt nicht. Das mag so oder anders gewesen sein, was liegt daran? Nur das Bewußte ist das Wirkliche. Das Andere ist einfach nicht da, für uns nicht da. Was soll’s uns also?

— Das ist leicht gesagt. Hinweglachen läßt sich’s auch nicht, was in unserem Leben dagewesen ist. Das bleibt unserem Schicksal einverwoben. Denk’ nur an das Gesetz der Vererbung, das uns so Vieles mitschleppen läßt, wovon wir kaum eine Ahnung haben. Aber hat es uns nicht doch am Kragen, ob wir’s wissen und wollen, oder nicht?

— Vererbung! Wenn das so schrecklich buchstäblich zu nehmen wäre, dann hätten wir die Ehre, heute sammt und sonders stumpfsinnige, schmutzige Chinesen zu sein, wir Europäer. Schau’ mich an, Grege: Bin ich stumpfsinnig? Bin ich schmutzig? Bin ich chinesisch?

Und sie stand vor ihm, die verkörperte Fröhlichkeit. Alles an ihr strahlte von Gesundheit und heiterem Geist. Sie ballte die Hände und streckte die Arme straff aus und mit ihren kräftigen Füßen stampfte sie den Boden.

Grege legte den Arm über den Rücken und besah sich das schöne Menschenbild lächelnd. Etwas Gegensätzlicheres zu seiner Jala hätte, er sich nicht vorstellen können. Weiter kam er in seinem Vergleiche nicht. Er konstatirte, daß er ein Wunder erlebe, darin sich die Schöpfung von einer neuen Seite offenbare. Tiefer vermochte er jetzt mit seinem Denken nicht einzudringen. Denn erstens gefiel Maikka seinen Sinnen über alle Maßen gut, zweitens wünschte er, weniger Hunger zu haben, als er in der That hatte.

— Ja, Du bist sehr schön und sehr klug, Maikka. Und wenn ich Dich als Symbol von Nordika nehmen darf, so muß ich sagen: Beneidenswerthes Land!

— Ach, wie pathetisch! Nun, so nimm mich halt — als Symbol. Nimm mich! Nordika hat nichts dagegen.

Er starrte sie entzückt an, mit offenem Munde.

Sie drehte sich rasch und eilte aus dem Hain.

— Mir nach! Hier ist Nordika!

— Ach so, ja! stotterte Grege und ging ihr gemessenen Schrittes nach. — Humor hat das Weib, dachte er, und so was, wie diesen Weibshumor, hat man in Teuta auch nicht. Armes Teuta!

In dem nämlichen Augenblick hatte aber auch Maikka gedacht: Humor hat der schöne Teutamann nicht und Schneidigkeit des Gefühls offenbar noch weniger. Armer Grege, mit dem Vererbungsgesetz magst Du für Dich und Deine Teutaleute recht haben. Ihr habt den Chinesen noch im Blut. Am frühen Morgen nach einem reichlichen Frühstück und blutwärmender Bewegung schon so schlaff — —

Eine reiche Landschaft dehnte sich vor Greges Blicken in der hellen Sonne. Breit und friedlich zog ein Fluß aus dem See; so weit man sehen konnte, reihte sich Hügel an Hügel in grünem Glanze, ohne große Höhen und Tiefen, von einem eigenartigen sanften Charakter, der Grege ergreifend zum Herzen sprach. Und Haine, kleinere Baumgruppen und einzelne Baumriesen über das Ganze verstreut. Daraus hervorlugend, roth und braun, eine Unzahl von Häusern, fast alle von gleicher Höhe, aber ungemein malerisch und anheimelnd in dem steten Wechsel mit Wiesen, Feldern und Baumwuchs. Und Vögelschwärme in der sonnigen, seidenweichen Luft hin und her.

— Im Winter ist das Alles weiß, schneeweiß! erklärte Maikka mit einem Anflug von Spott. — Aber auch das ist schön, weil sich dann der Frühling um so bunter ausnimmt. Abwechslung belebt das Vergnügen, nicht wahr, Grege?

— Ich habe Dergleichen nie gesehen. Nur in meiner Phantasie, gewiß, da versetzte ich mich oft in ähnliche Landschaften, und Jala erzählte mir von ihrer Insel — —

— Ach so, Jala. In Teuta selbst habt Ihr nichts von alledem, nichtwahr?

Grege verneinte mit Kopfschütteln.

— Das ist der Unterschied, Grege. Ihr hockt in einer einzigen Riesenstadt, wenn man das so nennen darf, beisammen. Wir kennen keine Stadt, oder vielmehr bei uns ist die Stadt über das weite Land zerstreut, die Häuser sind hineingesät zwischen Wiesen und Flußufer und Wälder — was weiß ich! Schau hin, da liegt ja Alles vor Deinen Augen, und wo der Horizont abschließt und Du nichts mehr siehst, da geht’s noch weit fort, nach allen Himmelsgegenden, bis ans Meer mit seinen Fjorden und Inseln. Alles Nordika, immer Nordika.

— Wie ein einziger Körper!

— Jawohl, mein Gast, sehr richtig, wie ein einziger Körper.

Und nun wandelte sie wieder die Lust des Spottens und Irreführens an. Sie zog den Mund ein wenig schief und die Mundwinkel zuckten schalkhaft.

— Wie ein Körper, Du hast’s verrathen. Und verräthst Du auch wie wir’s machen, damit wir uns auf diesem weitflächigen Körper auskennen? daß wir uns in diesem Gewimmel von Häusern in der Landschaft nicht verlaufen? Erräthst Du’s?

— Ihr macht’s wie wir. Ihr verseht Alles mit Nummern und Ueberschriften, denk’ ich.

— Nein, gefehlt, mein Gast! Wir machen’s nicht wir Ihr. Das wäre uns zu mechanisch, zu langweilig. Wir sind geistreicher. Oder anschaulicher, wenn Du willst. Wir sehen den Körper des Landes als wirklichen Körper vor uns, als menschlichen Körper, und benennen die einzelnen Landestheile mit den menschenkörperlichen Namen. Unsere Landestheile oder Kreise sind also wie Körpertheile benamst und zwar genau nach dem echten anatomischen Zusammenhang des Leibes, von unten nach oben, von Süden nach Norden. Jeder, der seinen Körper kennt, findet sich auch im Lande zurecht, und wenn er weiß, wo er sich befindet, findet er überall hin, ohne viel zu fragen oder Nummern und Ueberschriften zu studieren. Wenn Jemand zum Beispiel im großen Zehen des linken Fußes ist und will nach dem rechten Knie oder nach der Nase oder dem Wirbel, so wird ihm das Suchen der Richtung keine Schwierigkeiten machen. Verstehst Du?

Grege fand das wirklich praktisch, aber so spaßhaft zugleich, daß er nun auch lachen mußte.

— Siehst Du jetzt, daß wir ein durchaus fröhliches und vernünftiges Land sind? Der gestrenge Teutamensch lernt bei uns das Lachen.

Ein Flug wilder Tauben rauschte ihnen über die Köpfe hinweg. Grege blickte und horchte auf.

— Aber nun, mein Gast, wo glaubst Du, an welchem Körpertheil wir uns jetzt befinden?

Der hungrige Grege strich sich mit der Hand über den Magen.

Sein Mund jedoch sprach: — Auf dem Herzen.

Er sagte das so kindlich weich, mit so unschuldigem Blick seiner schönen Augen, daß es Maikka durchbebte.

Und sie betrachtete ihn eine Weile schweigend, mit innigem Wohlgefallen.

Sollte sie ihm sagen, daß sie ihn gefoppt habe?

Nein, noch nicht.

— Wüßtest Du eine poetischere Eintheilung und Benennung unseres Landes?

Grege blickte ihr tief in’s Auge, besann sich ein wenig, dann antwortete er im vorigen Tone, nur wärmer und herzlicher: — Ich wüßte nicht, aber — vielleicht doch.

— Sprich! sagte sie und ergriff seine Hand.

— Nach Sternbildern.

— O Du Poet! Und in welchem Sternbild befänden wir uns jetzt?

— Im Morgenstern, Maikka.

— Das ist wunderlieb gesagt. Wenn’s nur nicht falsch wäre, Grege!

— Wieso?

— Weil der Morgenstern nur ein Stern ist, kein Sternbild!

Er erröthete ein wenig über seinen astronomischen Schnitzer, fügte jedoch lachend und schlagfertig hinzu: — Nun denn, so erheben wir den einzigen Morgenstern zum Range eines Sternbildes. Erblicken wir doch auch in dem einzigen Augenpaar eines lieben Menschen den ganzen Himmel!

Maikka drückte ihm mit warmem Drucke die Hand und schwieg still entzückt über die schöne Deutung.

Grege machte sich sanft von ihr los, seiner Jala gedenkend, die ihm mit ihren armen erblindeten Augen mehr war als alle Himmel und alle Sternbilder.

Schweigend wandelten Maikka und Grege am leise rauschenden Flusse hin.

— Wo ist Fox? fragte Grege plötzlich.

— Auf der Jagd.

— Auf der Jagd?

— Ja.

Neues Schweigen.

— Sind das Bauern, die Leute drüben im Feld? begann Grege wieder, im Gehen zögernd.

Maikka, aus ihren Gedanken heraus, ohne den Kopf zu erheben: — Wir sind alle Bauern in Nordika. Bauern und Kulturstädter im älteren Sinne zugleich — und das ist unser neuer Sinn.

— Neuer Sinn? sprach ihr Grege nachdenklich die letzten Worte nach.

— Neuer Sinn, ja, Grege: Mitten in der Natur arbeitsam zu leben und der Kultur froh zu werden. Alle Bauern und Arbeiter und Geistmenschen zugleich, da kommt kein Gefühl zu kurz. Keins.

Grege, in einer anderen Gedankenrichtung: — Also herrscht auch in Nordika die wirthschaftliche Gleichheit? Es giebt nicht Obere und Untere im Besitz, nicht Satte und Hungrige — —

— Nicht Herren und Sklaven, Grege. Unser Land ist Freiland, unser Volk ist eine einzige große Familie: Gemeineigenthum aller Grund und Boden, Austausch der Fähigkeiten und Dienst unter Gleichgestellten.

— Aber wer Fähigkeiten nicht oder nicht genügend einzusetzen hat, oder wer die Gleichstellung mit bösem Willen lohnt?

— Da haben wir seit Jahrhunderten eine feste Praxis, Grege: Absolute Dummköpfe und Thunichtgute verladen wir auf eine entlegene Insel hoch im Norden. Da belästigen sie uns weiter nicht mehr. Also nimm Dich zusammen und halte Dich brav! schloß sie lachend.

— — —

Inzwischen lenkte Maikka ihren Gast vom Flusse ab auf einen Hain zu, aus dem ein freundliches Haus schimmerte.

— Meine Zeit ist um, Grege. Ich muß wieder an die Arbeit. Aber Du kannst mich begleiten und dem Unterrichte beiwohnen. Der Unterricht ist im Garten. Es ist keine Kleinkinderschule. Es ist Volksschule. Für Alt und Jung. Du zögerst?

Grege machte ein melancholisch lächelndes Gesicht.

— Warum blickst Du so sonderbar tiefsinnig, Grege?

— Ich habe furchtbar Hunger, Maikka.

— Du hast doch gefrühstückt?

— Mit den Augen, Maikka. Mein Magen ist noch nüchtern.

 


Er kam beflügelten Schritts gerade rechtzeitig, um auch heute noch einem Theil des Unterrichts beizuwohnen, den die bewundernswürdige Maikka im Freien gab.

Ueber den grünen Rasen bewegten sich noch andere Leute dem Versammlungsplatze zu, lichte, leichtfüßige Mädchengestalten, reifere Frauen und Männer.

Die Schule ist öffentlich. Außer denen, die ungezwungen ihre Ehre dareinsetzen, einen ganzen Kursus regelmäßig mitzumachen, fühlen Andere das Bedürfniß, je nach Zeit und Gelegenheit soviel mitzunehmen, als sie erhaschen können.

Grege merkte an ihrem ernsten Wesen, daß ihnen die Wissenschaft etwas Heiliges sein müsse, von dem sie sich im tiefsten Innern berührt fühlen. Mitten in die Alltagsgedanken ein paar seltene Anregungen gestreut zu erhalten und im Vorübergehen eine feinere Kenntniß mitzunehmen, wie man auf einem Gang über die Wiese den Duft einer Blume mitnimmt, schien ihnen ein gewohnter Genuß zu sein. Keines kümmerte sich um’s Andere. So gab’s auch keine Störung der Aufmerksamkeit, wenn ein Hörer sich entfernte, ein Anderer schweigend und gesammelt herankam.

Alles griff hier ineinander: Natur, Fähigkeit, Arbeit, Lernbegier, Idealität der freien Persönlichkeit, edles Gemeinschaftsgefühl eines starken Volksgeistes. Nirgends etwas künstlich Gemachtes, äußerlich Erzwungenes. Kein dogmatisches System. Keine Verkürzung irgend einer persönlichen oder menschheitlichen Gerechtsame zu Gunsten einer mechanischen Ordnung. Es mußte, das fühlte Grege mit wachsender Bewunderung, eine ungeheuer glückliche Veranlagung mit einer unausgesetzten Kulturarbeit durch lange Zeiträume zusammengewirkt haben, um einen solchen Volkszustand wie etwas Selbstgewachsenes herzustellen. Alles athmet hier Geist, Gesundheit, Schönheit, Zufriedenheit. Nirgends merkt man etwas von jener Tüftelei und Aengstlichkeit, von jener schlaffen und entnervenden Vielregiererei und Klugschwatzerei, von all’ jenen maskeradehaften Würdespielereien, die ihm sein Teutaland so widerlich gemacht hatten.

Und trotzdem — es war sein Teutaland, er lernte hier ein Gefühl kennen, das ihm seither fremd geblieben war, das Gefühl der Mitverantwortlichkeit. Wenn Teuta vor Nordika zurückstehen mußte, so mußte er persönlich vor den Nordikaleuten zurückstehen. Wenn Teuta vor Nordika sich schämen mußte, so mußte er sich vor Maikka schämen. Das verfing hier nicht mehr, daß er sich erhaben dünkte über seine Volksangehörigen; das gab ihm keine rechtfertigende Größe und Sonderstellung, daß er von daheim Reißaus genommen. Womit wollte er’s begründen, daß es ihn nichts angehe, was seine Blutsverwandten aus ihrer Volksgemeinschaft gemacht? Wäre es nicht unmännlich, sich auf die schaffende Gewalt der historischen Ereignisse hinauszureden, gerade hier in Nordika, wo er in jedem Blick, in jeder Miene, in der ganzen Haltung der Leute, ohne Unterschied des Geschlechts und der Jahre, lesen konnte von dem ruhig stolzen Ichgefühl, das in seiner Lebensgestaltung sich frei und selbstschöpferisch weiß und jede sklavische Unterwerfung unter eine blinde Fügung ausschließt?

Und neben diesem Gefühl der Mitverantwortlichkeit für seines Volkes Thun und Leiden, für der Heimath Größe oder Erbärmlichkeit wuchs in Grege das heiße Verlangen, seine Gastzeit in Nordika zu seiner eigenen Belehrung und Festigung auszunützen. Seine Jala blieb ihm unverloren, das war ihm heiliger Glaube, und müßten Wunder geschehen, um ihn mit dem geliebten Weibe wieder zusammen zu führen, gut, so würden eben Wunder geschehen.

War es nicht auch ein Wunder, daß er jetzt hier stand, unangefochten, in sicherer Gastfreundschaft, und den Worten einer Meisterin des Lebens und Wissens wie dieser Maikka lauschen konnte, umweht von würziger Luft, umflossen von mildem Sonnenlicht? Und stieg’s nicht wie ein Schwur in seiner Seele auf, das hier Erlebte und Erfahrene dereinst mit Posaunen seinen Volksgenossen zu verkünden, damit sie erwachten aus ihrem ärmlichen Geistesdämmer und stumpfen Genußleben, daß sie sich aufrafften zu einem bedeutungsvollen, inhaltreichen Dasein? Hatte das Leben in Teutaland überhaupt einen nennenswerthen Inhalt? Schuf es eine innige starke Freude den Lebenden? Gab es dort einen öffentlichen Geist, der über so beredte Zeugen gebot wie diese geisterfüllte Maikka? Was galten seinen Teutaleuten überhaupt die Frauen, waren sie ihnen mehr als sinnliche Werkzeugsnaturen, als minderwerthige Nebengeschöpfe? Trotz der Gleichheit?

Und wie war das Alles so geworden?

Aus dem Munde Maikkas selbst konnte er’s jetzt hören, was in der Kulturarbeit des Volkes des Weibes Kopf und Hand geschaffen.

Die Einrichtung dieser freien Volkshochschule selbst war Frauenwerk. Nicht dem Manne nachäffend, in Nachschriften und Abklatsch und Zerrbildern, sondern aus dem selbständigen, dem männlichen durchaus gleichgeachteten Wesen der Frauenseele heraus. Im Tüchtigen so tüchtig wie der Mann, im Ergötzlichen so viel reicher und zarter als er. Und nichts mit dem heimlichen bösen Blick und Blut des erzwungenen Wettbewerbs, des kämpferischen Schrankenbruchs. Alles frei, naiv, selbstverständlich. Eine Kraft, die geradaus geht, weil sie nie und nirgends gehemmt wird, die nichts verdirbt und nichts zerstört, weil sie kein willkürliches Hinderniß zu überwinden hat. Diese heitere Entfaltung im Nebeneinander vom Weiblichen und Männlichen gab allem Werk soviel reine, überschüssige Schönheit. Keine hämische Kritik vom Einen zum Andern, kein Mißtrauen, keine Bosheit — daher dieses natürliche Gedeihen zu allseitiger Freude. Eins fördert das Andere, Keines wird des Anderen Nachtheil. So belebt und hebt sich Alles in dem gleichen Geiste, wie in dem gleichen Sonnenstrahl das Verschiedene zu Hochwuchs und Blüthe gelangt und mit seiner besonders gesegneten Art sich und die Anderen erquickt.

Ja, Nordika-Frauen haben diese Volkshochschule ersonnen und ausgeführt. Die Zurichtung des großen Gartens und die Bauwerke darin, den Unterrichtsplan und den größten Theil der Lehre — Alles dankt man ihnen. Die tüchtigsten Maurerinnen und Schreinerinnen haben den Bau aufgeführt und die phantasievollsten Malerinnen und Schnitzerinnen haben ihn mit Bildern und Zierrath geschmückt. Die Vorhänge sind von den geschicktesten Teppichweberinnen gewoben. In die Herstellung und Unterhaltung der Parkanlagen ringsum haben sich die erfindungsreichsten und emsigsten Gärtnerinnen getheilt.

Haushaltung und Hausfleiß, Musik und Malerei, dramatische Kunst und Literatur, Natur- und Kulturgeschichte werden hier von zahlreichen Lehrkräften, die ihre Probe in der Ausübung bestanden, dem lernbegierigen Volke in freier Wahl vorgetragen. Und keine Wissenspolizei bewacht die einzelnen Lehren. Der gesunde Verstand, die emsige Forschung, die praktische Anschauung und Erfahrung, die unabhängige Kritik sind ebenso viele und bessere Wächter, als irgend ein Einzelner von Amtswegen.

In Teuta hingegen, Grege mußte lachen und zürnen zugleich! In Teuta sitzt ein leberkranker Querkopf, wie dieser Minus, als „Hoheit Oberlehrer“ im „obersten Rath“ und hütet den „heiligen Wortschatz“ — und nie dürfte ein Mann oder gar ein Weib sich beikommen lassen, gegen diese ruhmreiche Ordnung, die den Bestand und das Glück Teutas verbürgt, zu verstoßen, oder es wartet ihrer der „große Fluch“ der Verdammung zu „ewiger Verhöhnung“ beim Zarathustra-Feste!

Greges Augen schweiften über die schönen Menschengruppen, die den Park und die Halle füllten und den Worten der Meisterin Maikka lauschten. Maikka stand auf einem erhöhten Platz, vor einem großen Tisch. Sie sprach vollkommen frei, ohne Buch oder Heft, und im Eifer der Rede ging sie manchmal hin und her, bald die Hände auf dem Rücken, bald mit eindringlichen Bewegungen ihre Worte begleitend, den Kopf leis auf die Seite geneigt. Eine Bewegung gefiel Grege besonders gut. Wenn Maikka nämlich die fünf Finger der linken Hand an den Spitzen zusammendrückte und sich damit gegen die Stirn fuhr, als wollte sie sagen: Nun, liebe Leute, nehmt einmal eure fünf Sinne zusammen, damit ihr gut versteht, die Sache ist nicht so einfach. Das sah allerliebst aus. Die ersten Reihen der Zuhörer, auf losen Bänken, rückten nahe an die Sprecherin heran, die hinteren Reihen verloren sich aus der an drei Seiten offenen sechseckigen Halle in den Garten, und hier saßen die Uebrigen theils auf dem Rasen, theils auf Feldstühlen, oder sie lehnten zwanglos an den Bäumen oder sie gingen lauschend vor den dichten, grünen Bosketts auf und ab, denn die Anlage war so geschickt, daß sich kein Wort der Sprecherin verlor. Und wenn zuweilen ein Vögelein im Busch dazu zwitscherte, oder eine Zikade von der Wiese herüber dazu zirpte, so wirkte das gesprochene Wort um so inniger und ergreifender in dieser großen, fein abgetönten Harmonie der Natur. Mag der Wind in den Wipfeln lauschen oder sausen, mag ein Wolkenschatten über die Köpfe ziehen, was macht das der in sich gefesteten Ruhe und Heiterkeit des Geistes? Kommt aber gar ein wildes Wetter und rauscht der Regen nieder, so rückt man in der Halle zusammen oder flüchtet in die Nebenräume oder unter die Zelte. Im schlimmsten Falle wird der Vortrag abgebrochen und jeder rettet sich wie er mag.

— Wie ist’s im Winter? fragte Grege, als ihm Maikka auf einem Gang über die Felder die schulischen Einrichtungen Nordikas des Weiteren erklärte.

— Der Winter ist womöglich noch köstlicher als Studierzeit. Da beziehen wir in Abtheilungen besondere Räume. Jeder Bezirk — nein, ich habe Dich doch ein wenig genarrt mit meiner Landeseintheilung in Herz, Magen, Nieren, Mund, Schlund — hast Du Hunger, sprich? — jeder Bezirk hat seine Schulkolonie und seine Volkshochschule. Im Winter wohnen wir Alle, die mit der Schule als Lehrende und Lernende zu thun haben, möglichst dicht beisammen. Also ein großes, behagliches, wissenschaftliches Familienleben. Die Mahlzeiten und Unterhaltungen sind gemeinschaftlich. Das Hauptgebäude jeder Schulkolonie enthält außer den Vortragssälen, der Turnhalle, den Bibliothek- und Lesezimmern u. s. w. auch ausreichende Wohnräume für die ständigen Schüler.

— Auch Werkstätten, Spielräume?

— Aber selbstverständlich. Sogar Schwimmbäder für die Reinigung wie zu lustigen Wasserfesten, während draußen die Welt in Eis starrt und kracht, sogar Theater und Alles, was Geist und Herz erfreut.

— Ach, Maikka, das sind für mich so neue Ideen- und Lebenskreise, daß ich meinem Kopf ordentlich zureden muß, das Alles aufzunehmen und in Ordnung zu behalten.

— Das wundert mich nicht, mein Gast. Nur Zeit nehmen und Zeit lassen, das ist das ganze Geheimniß, um mit Allem fertig zu werden. Das ist für uns in Nordika unsere beste Kunst. Wir haben immer und zu Allem Zeit. Uns plagt nie das Gefühl, daß wir Etwas versäumen. Drum leben wir auch so furchtbar lang, das heißt, das Leben kommt uns nicht kurz und zeitbeschränkt oder überladen vor.

— Eine Zwischenfrage! Du gestattest schon, Meisterin, daß ich als beflissener Schüler Alles durcheinander frage. Warum sieht man bei Euch all’ die tausend Apparate nicht, in den Häusern, an den Wänden, an den Wegen, die bei uns in Teuta auf Schritt und Tritt geräuschlos den Verkehr vermitteln und so viel Zeit sparen helfen?

— O, weil wir ohnehin Zeit genug haben. Weil wir kein Gespensterleben führen mögen, sondern überall persönlich dabei sein wollen. Weil tausend Dinge, die Euch wichtig scheinen, uns nicht im geringsten kümmern. Und so noch ein Dutzend Weilweil. Siehst Du, die Menschheit hat nie weniger Zeit gehabt, also auch nie weniger gelebt, als im großen Maschinen-Weltalter. Sie sahen Alles, hörten Alles, beschwatzten Alles, bekrittelten Alles, wußten Alles — nur Eines nicht, daß das wahnsinnige Narrethei und kein Menschenleben ist. Ist auch nichts dabei herausgekommen, kein Glück, keine Schönheit, kein Friede, keine Freude. Das Maschinen-Weltalter! Wir in Nordika haben es auch damals nicht so toll getrieben, wie die Anderen, die weiter unten wohnen in der Geographie und sich als die Spitzenreiter der Zivilisation bejubelten, bis sie in den Graben purzelten, wie blinde Eseltreiber. Nein, wir haben bei Zeiten damit aufgeräumt. Alles überflüssige Maschinenwerk ist bei uns abgethan. Schon lange.

— Ja, das war gut. Ich erinnere mich, in Teuta hat man immer etwas Mechanisches unter den Füßen, unter dem Gesäß, zwischen den Fingern, in den Ohren, vor den Augen und —

— Nichts im Kopf! wollte Maikka herausplatzen, aber sie fand es eben so erleichternd, wenn sie bloß kräftig lachte.

— Wenn wir Eure Schulen hätten! rief Grege nach einigen Sekunden, nachdem er sinnend stehen geblieben.

Maikka entschlug sich auch jeder übermüthigen Glosse zu diesem Teuta-Seufzer. Als ob ein Volk von Pedanten, Worthütern, Silbenstechern, Buchstaben- und Paragraphenfuchsern durch die Schulvermehrung nicht noch schlimmer und dümmer würde! dachte sie für sich. Gar keine Schule einige Menschenalter hindurch, eine radikale Hungerkur fünfzig Jahre lang für diese Wortfresser! Das brächte sie vielleicht zum eignen Nachdenken und zu thatenfroher Anstrengung. Aber nein, sie wollte ihm willig Auskunft geben ohne Harm und ohne Falsch.

Sie entwickelte ihm also die Grundsätze, denen Nordikas Bevölkerung die sogenannte Bildung verdankt. Sie wies ihn darauf hin, daß das im jungen Menschen sehr zart und allmählich erwachende Seelenleben weder durch eine große Menge von Eindrücken, noch durch Unverständliches verwirrt und in seiner Entwicklung belastet werden dürfe. Das Kind solle vor seinem achten Jahre überhaupt keinerlei systematische Anleitung in irgend etwas, das wie ein Unterrichtsfach aussehe, erhalten. In der ersten Schule, zu der kein Kind vor seinem zehnten Jahre zwangsweise verpflichtet werden dürfe, sei nur in den Grundelementen der Anschauung und des Wissens, also im Lesen, Schreiben, Zeichnen, Rechnen, sowie in der vaterländischen Geschichte zu unterweisen, ja nicht abzurichten oder anzuquälen. Erst im jugendlichen Alter, und hiezu rechnete Maikka wie alle ihre unterrichteten Landsleute die Zeit vom achtzehnten bis dreißigsten Lebensjahr, sei der gesunde Mensch im Stande, das geistig Aufgenommene ohne Gefährdung seines körperlichen und seelischen Wohlbefindens zu erfassen, durch eigene Gedankenthätigkeit zu verarbeiten und in Wirklichkeit zu verwerthen. Da bleibe der Mensch in natürlichem Wachsthum, ohne zu künstlicher Blüthe und raschem Verwelken gepeinigt oder zu allerlei Krüppelhaftigkeit im Geistigen und Leiblichen herangezüchtet zu werden. Wie alt an Jahren Grege zum Beispiel sie schätze?

Er stutzte. Denn nach seiner Schätzung mußte hier ein Widerspruch mit ihren Worten vorliegen. Wie konnte sie schon Meisterin in so jugendlichem Alter sein? Er ließ den Blick wiederholt über ihre blühende, kernige Gestalt hin- und hergehen, er prüfte die Linie ihres so schön geschnittenen Mundes mit den jauchzend rothen Lippen, er prüfte die Winkel ihrer großen, blaublitzenden Augen mit den langen, dunklen Wimpern und den hohen Bogen der dichten, fast schwarzen Brauen — nirgends ein Fältchen oder Runzelchen oder sonst ein verrätherisches Zeichen, das über die Jugend hinauswies. Gewiß, sie war älter als Jala, mindestens vier bis fünf Jahre älter, vielleicht gleichalterig mit ihm selbst, aber das Reifejahr, das er soeben erst aus ihrem eigenen Munde mit dreißig festsetzen hörte, konnte er ihr unmöglich geben.

— Lach’ mich nicht aus, Maikka, aber so Ende der Zwanzig, nein, wär’s möglich?

— Doch, doch, mein scharfsinniger Herr. Daran liegt uns Nordika-Frauen nichts. Ich fragte nur Deiner Menschenkenntniß wegen. Bei uns giebt’s keine alten Menschen, verstehst Du, nur langlebige giebt’s. Ich bin schon drei Jahre im Amt. Jawohl, volle drei Jahre.

Grege wollte in Verwunderung ausbrechen.

— Nein, mein Schüler, hör’ mich ernsthaft zu Ende und bleibe bei der Sache, nicht bei der Person. Unsere erwachsenen Schüler, gleichgiltig ob männlich oder weiblich, müssen sich um die Lehrer schaaren, ebenfalls gleichgiltig, ob weiblich oder männlich, im fleißigen Verkehr mit ihnen ihr Wissen ergänzen, ihr Selbstvertrauen stärken und ihre eigene Lebensanschauung entwickeln. Denn eingepaukt wird hier nichts. Vorgeschrieben als unfehlbare Lehre auch nichts. Auch in Respekt und Heldenverehrung wird nicht gearbeitet. Jeder kann seine Muster suchen, wo er will, und sich zu ihnen stellen, wie ihm persönlich gutdünkt. Glaube mir, Grege, in Nordika kommen die richtigen Leute, mögen sie auch verschiedene Wege einschlagen, immer an dasselbe Ziel. Der Gipfel eines Berges kann von verschiedenen Seiten bestiegen werden, nicht wahr? Der Weg eines Strebenden muß sich jederzeit individuell bestimmen, nach Gemüthsart, Geisteskraft, Charakter. Ein Jeder muß sich den ihm am besten zusagenden Weg nach eigener Erkenntniß wählen, ohne damit das Recht zu erwerben, andere Wege, als den seinigen, als falsche zu verketzern. Das ist ja selbstverständlich. Die Eigenart eines jeden Einzelnen bedingt auch einen verschiedenartigen Ideenkreis.

— Jawohl, rief Grege lebhaft, Ideenkreis! Jeder seinen Ideenkreis in voller Freiheit.

— Die Fähigkeit, sich in den Ideenkreis Anderer hinein zu versetzen und dann erst zu beurtheilen, ob diese betreffenden Anderen den kürzeren oder den weiteren Weg zum Ziele wandeln, Grege, siehst Du, das ist wichtig.

— Ja, sehr.

— Und wer diese Fähigkeit hat, der ist weit entfernt von rechthaberischem Absprechen, von prahlerischem Weisheitsdünkel, von der dummen Meinung, alle echte Erkenntnis für sich allein gepachtet zu haben.

— Wie wir Teuta-Leute! Ach, Eure Schulen, Maikka! Worauf erstrecken sich die Vorträge in Euren Volkshochschulen?

— Vor Allem auf die Sprache, Geschichte und Kunst des eigenen Landes, dessen Verfassung und gesetzgeberische Entwicklung.

— O, Entwicklung, verpöntes Wort in unserem heiligen Teuta.

— Dann auf allgemeine Geschichte, Naturwissenschaften, Geographie, Mathematik, Gesang. Außerdem werden praktische Arbeiten in den Werkstätten, in Haus, Feld und Garten und so weiter geübt. In den geschlossenen Kursen werden Abends einige Theile des Vorgetragenen einer ungezwungenen allgemeinen Besprechung unterzogen. Dadurch lernen die Schüler eine Sache von mehreren Gesichtspunkten betrachten und ihre Gedanken deutlich ausdrücken. Der Unterricht ist überall für beide Geschlechter gemeinsam, auf allen Lehrstufen und in allen Schulkolonien. So bleibt der Geist natürlich, gesund und rein, die Menschen überheben sich nicht gegenseitig. Sie genießen den vollen Segen der Arbeit. Keiner betrügt den Anderen um die Früchte seines Schweißes, wie es in jenen ruchlosen Zeiten war, wo einzelnen Wenigen Alles, der Mehrzahl nur der Hungerlohn zum „Existenz-Minimum“ gehörte. Jetzt schafft Einer für Alle, und Alle für Jeden, sie sehen in der Arbeit keine Last, sondern eine freudvolle Pflicht und eine Ehre. Ohne diesen Geist kein allgemeiner Wohlstand, keine blühenden Genossenschaften, kein Nordika! Verzeih, Grege, aber wir Leute hier oben beten unsere Heimath an!

Grege schritt still, gedankenvoll.

— Ja wir verehren unseren Boden, wir haben Ehrfurcht vor unserer Natur. Wenn ein Bauer einen jungen Wildling veredelt, entblößt er das Haupt, wenn er einen alten Baum niederschlägt, entblößt er wieder das Haupt. Der Landbau ist eine heilige Kunst. Wer den Pflug gut zu führen und eine schöne Furche zu ziehen weiß, ist so gut ein Künstler wie der, der ein Bild malt oder einen Spruch dichtet. Wer die Sense schwingt und eine Mahd gefällig hinlegt, oder einen Erntewagen mit Garben symmetrisch vollschichtet, ist so bedeutend in der Kunst, wie der Tänzer oder wie der Sänger oder wie der Architekt. Die Kunst, das ist die Seele des Volks. Und ein Volk kann nie genug Seele haben und nicht genug Freude, sich darüber zu freuen. Siehst Du, Grege, drum freu’ ich mich allweil so unbändig.

— Ah, dieses Feuerherz! murmelte Grege bebend in sich hinein.

Er fühlte die zehrende Glut, die dieses Wesen auf ihn überstrahlte. Es war wie ein lohender Brand, und er stand dabei, unentrinnbar, mitten in der Flammenzone.

Rasch führte er seine Hand zum Gesicht und betrachtete die Stelle, wo Jala’s Blutstern war. Verblaßt, verschwunden. Nein, nicht verschwunden, in die Haut hineingekrochen, in sein eigenes Blut versunken. In seiner Blutbahn kreiste jetzt Jalas Stern, wie ein Licht, das im Dunkel seinen Gefühlen leuchtet, damit sie nicht in Irrniß gerathen.

Und Grege küßte heimlich die kleine Stelle an seiner Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger.

Dann blickte er froh beglückt in Maikkas leuchtendes Angesicht.

— Warum sprichst Du nicht, Grege? Schläfst Du — oder bist Du hungrig?

— Nein, nein! Es ist Alles in Ordnung. Wunderschön ist, was ich sehe, wunderschön ist, was ich höre. Es ist herrlich hier. Ich weiß nicht, wie ich Dir genug danken soll, Maikka, unvergleichliche Meisterin.

Der Lobspruch klang wohl männlich und echt. Und am dankbaren Gemüthe des schönen, stattlichen Teutamannes zweifelte Maikka auch nicht. Aber sie hatte doch etwas Anderes erwartet. Viel mehr Kraft und Ueberschwang der Empfindung. Freilich, wo soll das herkommen, wenn man aus dem vertrackten Teuta stammt! Und immer Meisterin, Meisterin! Mußte er denn das schülerhafte Achtungsgefühl in Alles hineintragen?

Sie waren jetzt in einer Gegend von entzückender Abgeschlossenheit. Hohe, breitwipfelige Bäume drängten sich zu beiden Seiten des Weges und überschatteten ihn so vollständig, daß Grege ein Frösteln über seine nackten Glieder laufen fühlte. War’s wirklich nur die Schattenkühle, was ihn erschauern machte?

In schweigender Betrachtung eilte er vorwärts.

— Wahrhaftig, er hat Hunger und wittert die Meierei da oben! dachte Maikka und beschleunigte die Schritte. Dabei blickte sie auf seine nackten Beine und Füße und fand, daß sie schön gewachsen und für einen körperlich wenig geübten Teutamann erstaunlich muskulös waren. Gute Rasse verrieth sein Leib in jedem Glied und in der ganzen Struktur und Haltung. Im Wuchs konnte er neben dem gelungensten Nordikamenschen mit Ehren bestehen. Er war ein edler Recke in seiner Art, das war zweifellos. Und der jugendlich sprossende Blondbart stand ihm ausgezeichnet. Maikka hatte mit ihrem Gast keinen schlechten Fund gemacht. Sie betrachtete ihn mit heftigem Wohlgefallen; denn wie er im Schatten dahinschritt, sich straffend und reckend, um das Frostgefühl nicht merken zu lassen, bot er wirklich das Bild eines Helden aus der Wiege des reinen Germanenthums. Maikka konnte sich nicht verhehlen, daß sie jetzt nicht unaufgelegt wäre, mit ihm in das romantische Traumland der skandinavischen Mythologie zurückzuschwärmen, mit ihm Held und Heldin in göttlicher Leidenschaftlichkeit zu spielen, mit ihm zu ringen und — sich von ihm überwältigen zu lassen. Jawohl, auch dies — vollkommen überwältigen. Ihn dann aber für seinen Sieg mit einem Sturm von Zärtlichkeiten zu züchtigen, daß ihm das heiße Blut dampfend aus den Poren spritzte.

Grege eilte, eilte —

Sie blieb stehn, folgte ihm mit funkelnden Augen, riß den Mund auf, daß ihr Gebiß schimmerte, wie eines edlen Raubthiers Rachen, dann schrie sie ihm mit bebenden Nüstern zu: — Halt! Gelehriger Schüler! Weißt Du, wo Du wandelst? Weißt Du, wie ich Dich sehen möchte? Als reißigen Nordlandssohn, in Brünne, Bärenfell und Flügelhelm! Du — Dich!

Stracks hatte er sich gewendet, wie angedonnert. Als gälte es, sich zu plötzlichem Kampfe zu rüsten, mit einem Feind, der aus dem Boden gewachsen, zehn Schritte vor sich. Grege stützte die Fäuste in die geschmeidige Hüfte, stemmte einen Fuß vor den andern, hoch hob er den Kopf auf dem starken Nacken: — Halloh, Maikka!

Sie streckte den linken Arm und wies durch die dunklen Stämme in die Lichtung gen Westen, wo das ungeheure Meer heute ruhig wie an Ketten in den Fjorden lag:

— Von dort, Teutamann Grege, flog der kraftstrotzende nordische Aar sieghaft über die Welt, über Fluth und Flur, sein Name schon erfüllte die abgelebten Völker mit Angst und Schrecken, daß sie bebten bis in die vermorschten Knochen, bis in’s Mark! Wiking, halloh, auf’s Drachenschiff! Wiking, los!

Und ihr Schrei endigte in einem gellenden konvulsivischen Lachen.

Grege stand wie eine Tanne, deren Wurzeln den Fels umklammern, und die ohne Schwanken im Sturmestoben den Blitz erwartet.

 


Am nächsten Nachmittage, als die Sonne schräge Feuerpfeile durch die dunklen Stämme schoß, fanden sich Grege und Maikka wieder an der nämlichen Stelle ein, um ihre Wanderung fortzusetzen.

Er hatte noch keine Zeit gefunden, ihr den Bericht seines Lebens zu Ende zu erstatten. Was er ihr gestern Abend erzählte, auch von Jala — daß sie blind geworden, verschwieg er ihr — schien wenig Eindruck auf sie zu machen. Sie verlangte auch nicht Weiteres zu hören.

Seine Kindheitsgeschichte interessirte sie nicht.

Seine Liebesgeschichte entlockte ihr kaum ein spöttisch-mitleidiges Lächeln.

Seine königliche Abstammungs-Fabel von einem gefangenen Friska-Fürsten fand sie geschmacklos. Alles Dekadente berühmt sich seiner Abstammung und pocht auf Ahnenreihen. Sie warf an dieser Stelle seiner Erzählung nur die Bemerkung hin: — Was liegt an Vorfahren? Daß man Vorfahr werde und Nachkommen habe, die die Welt mit Glanz erfüllen, daran liegt etwas. Vielleicht liegt auch an den Nachkommen nichts, wer weiß!

Seine Stellung als Zarathustra-Protagonist dünkte ihr barok, um kein verletzenderes Eigenschaftswort zu gebrauchen. Uebrigens behielt sie sich vor, hinsichtlich Zarathustras ihm, auf den Zahn zu fühlen. Seine geschichtlichen Kenntnisse erschienen ihr lückenhaft. Er gab seine Urtheile mit einem Wortprunk, der ihr als afterpoetisch und unwissenschaftlich zuwider war.

Den Hinweis auf seine nächsten Zukunftspläne nahm sie mit ironischem Kopfnicken auf: — Du willst auf die Insel? Was willst Du dort? Frei sein? Wovon, wozu? Ein Herr sein, wem? Schöpfer, wessen? Welchen Inhalt soll Deine Kraft, Deine Jugend auf der einsamen Insel haben? Ist ein Weib ein Inhalt?

Kurz, sie ließ kein gutes Haar an ihm.

Und nun hatte sie ihn hierher bestellt, und sie standen, wo sie gestern gestanden.

— Was hast Du heute gearbeitet? begrüßte sie ihn.

Grege schüttelte unmuthig den Kopf.

— Du sehnst Dich von hier fort?

Er schwieg.

— Es geht jetzt keine Post an Dein romantisches Gestade. Zu den Angelos kannst Du jedoch noch in dieser Woche gelangen.

Grege wehrte heftig ab.

— Nächst Nordika ist Angela das einzige Land, das ich Dir empfehlen möchte. Du könntest dort viel lernen, doch schätze ich Dich noch nicht reif dafür. Willst Du nach Teuta zurück?

Grege besann sich. Sein Gesicht nahm einen seltsam entschlossenen Ausdruck an: — Noch nicht. Noch lange nicht, Maikka.

Sie empfand den Ton, mit dem er ihren Namen aussprach, wie eine Liebkosung. Aber sie wollte jetzt keine Liebkosung aus seinem Munde.

Ein Nebenpfad zweigte ab, der in Gartenland führte.

— Schau Dich um, Grege. Jeder Zoll ist hier bebaut. Solche Blumen, Kräuter und Früchte sieht man selten.

Grege bejahte stumm.

— Vor hundert Jahren war’s nicht so. Der Boden ist trächtiger geworden. Vielleicht das Klima sogar milder.

Maikka deutete auf niedrige Birnbäume, die sich unter der Last der Früchte bogen. Quitten hingen über einen niedrigen Zaun, der die Gartenstücke abgrenzte. Von einem Spalier lachten Pfirsiche und Pflaumen aus dem Laub. Dann kamen zwischen den Baumgeländen Beete wie besät mit Reseda und Flammenblumen. Malven und Sonnenrosen glänzten in süßen Farben über den Zaun.

— Ihr habt wohl große Freude an den Blumen, in Nordika?

— Wir haben auch große Freude am Kohl, Grege.

— Und Ihr eßt von Allem?

— Von Allem, was uns schmeckt. Euch in Teuta schmeckt ja nur das Chemische, das künstliche Präparat, nicht das natürlich Gewachsene, nicht wahr?

— In Teuta! Geh’ mir mit Teuta, Maikka. Ich bin doch nicht Teuta?

— Nicht ganz. Aber ein großes Stück davon.

Sie schöpfte tief Athem.

Grege wollte die Pause benützen, eine Blume zu brechen.

— Laß das. Jetzt bricht man keine Blumen. Sag’ mir lieber: Was haben Deine Teutaleute eigentlich? Was für Hauptvorzüge des Geistes und Gemüths, meine ich.

Er fühlte etwas Bitteres in sich aufsteigen. Dieses ewige Examiniren!

— Was sollen sie haben, das Andere nicht hätten? Vielleicht etwas mehr Humor, Maikka.

— Humor? Unfreiwilligen vielleicht. Sprudelnden kaum.

— Nenn’ ihn Sinn für Ulk, wenn Du willst.

— Wahrhaftig, Grege, das will ich. Sinn für Ulk. Du kannst davon singen und sagen. Dein Hinweis gestern Abend auf Deine öffentliche Stellung im Teutareich als — Ulkist! Zarathustraismus — Ulkismus!

— Maikka, es ist wirklich schade um die duftige Sonnenluft, daß wir sie mit solchen Gesprächen erfüllen.

— O, kümmere Du Dich um unsere Luft. Die ist reich und kann etwas abgeben. Oder ziehst Du vor, Gedichte herzusagen? Nein, gerade jetzt recht. Euer Zarathustra-Kult ist eine Hanswurstiade. Da fliegt das Wort. Fang’s! Und gleich noch eins, dann ist’s ein Paar: Wer die Hanswurstiade mitspielt, ist ein Hanswurst, und wer den Zarathustra mimt, ist ein Komödiant und zwar kein guter.

Grege fuhr auf: — Respekt!

— Ja, Respekt vor Allem, was Respekt verdient. Das ist eins unserer Staatsgrundgesetze.

Und nun prasselte das Gefecht los. Er immer verbitterter, dann herrischer, hochfahrender; sie immer schärfer, stachelnder. Auf jeden Trumpf setzte sie einen stärkeren Trumpf, an jeden Einser hängte sie eine Null, dann gab’s einen Zehner.

Bis sie mit einem Mal einlenkte oder einzulenken schien.

— Den Komödianten brauchst Du mir nicht übel zu nehmen, Grege. Gesetzt, Deine Vorfahren waren Könige, oder wenigstens kleine regierende deutsche Fürsten, wie sie vor tausend oder anderthalb tausend Jahren — ich will einmal ein historischer Stegreifrechner sein, nach Teuta-Art, mit weitem Spielraum und elastischer Grenze — also wie sie damals an den Kanten des großen Preußenreichs noch herumblühten, ja, blühten, um kein anderes botanisches Wort zu wählen. Diese Deine Vorfahren machten einen Hof und hielten sich neben anderen Hofbeamten, die vielleicht auch nur Hofkomödianten waren, noch besondere Hofschauspieler. O, Deine Vorfahren, die Fürsten, zeichneten sie nicht wenig aus, ihre berufsmäßigen Hofschauspieler. Sie machten Hofschauspieler, wenn sie hübsche, anstellige Damen waren, zu ihren Maitressen, oder gar zu ihren Frauen, oder traten persönlich an die Spitze ihrer Hofschauspieler-Truppe als Leiter, als Führer, und machten mit ihnen Gastreisen im Reiche umher und bedeckten sich als Musageten mit Ruhm, der für sie auf andere Weise nicht mehr zu gewinnen war. Glaubst Du, daß ich darin etwas Verletzendes sehe? Hier in Nordika, wo man die Kunst am höchsten stellt? Glaubst Du, daß es in jenen Zeiten am Ende nicht besser gewesen, die Fürsten hätten sich mit dem Kunstruhm begnügt und die Kunst des Regierens Anderen überlassen? Und nun, Grege, hör’ mich ohne Zorn an: Achtest Du’s für ausgeschlossen, daß Du der Abkömmling — eines Abkömmlings eines jener Schauspieler-Fürsten sein könntest und daß Du gerade darum berechtigt wärst, auf die doppelte Erbschaft zu pochen? Ist das nicht verständig geredet, Grege? Hättest Du Grund in dem kleinen Teuta von heute einen Theil der Erbschaft als Schmach zu empfinden, da er doch in jenem großen Reich von damals als unbezweifelte Ehre galt? Man muß nur Alles aus dem richtigen Gesichtswinkel nehmen.

Grege hatte sich über den Zaun gebeugt und streifte mit der Nase schnuppernd an einer hochstengeligen Tulpe.

— Duftlos, lächelte er.

Maikka lächelte gleichfalls, indem sie auf seine Bemerkung einging: — Vorsichtiger ausgedrückt, Deine Nase findet keinen Duft daran. Wollen wir künftig beide vorsichtiger im Ausdruck sein? Der Tulpe verschlägt’s ja nichts, aber unserer Nase und was als empfindlicher Mensch noch dranhängt, kann’s zu statten kommen.

Mit freundlichem Ernst, der nahe an wiedergewonnene sanfte Liebenswürdigkeit grenzte, fuhr Grege im Weitergehen fort: — Ich möchte wissen, Maikka, giebt’s auch Blödsinnige in Nordika?

Maikka fand die Frage überraschend. Sie erwog sie einen Augenblick. Dann betrachtete sie forschend Grege’s Gesicht. Nein, der Ausdruck so wenig wie der Frageton ließ einen beabsichtigten Doppelsinn vermuthen.

— Blödsinnige, Grege? Ja, leider, aber nur wenige.

— Taubstumme?

— Ich vermuthe.

— Blinde?

— Blinde? Blindgeborene oder Blindgewordene?

— Einerlei. Ich unterscheide jetzt nicht.

— Ja, Grege.

— Wo sind diese Bedauernswerthen?

— In einer besonderen Anstalt. Draußen, in der Nähe des großen Fjords.

— Warst Du einmal dort, Maikka, sie zu besuchen?

— Vor Jahren einmal. Es ist lange her. Ich hatte einen erblindeten Freund draußen.

— O, einen erblindeten Freund! Der Arme! Ist er nimmer sehend geworden?

— Doch, ich hörte davon. Er hat das Augenlicht wieder erhalten, zum Theil wenigstens.

Eine große Bewegung erfaßte Grege.

— Maikka, liebe Maikka, das ist ja wunderbar. Der glückliche Unglückliche, nein, nein, wahrhaftig, er wurde wieder sehend?

— Ja, Grege, das wurde er, wie ich bestimmt hörte.

Er mußte an sich halten, um im Uebergefühl der Ahnung einer gleichen seligen Möglichkeit für seine Jala Maikka sich nicht an den Hals zu werfen und zu weinen wie ein himmlisch beschenktes Kind. Er kämpfte die Wallung tapfer nieder.

— Und die näheren Umstände seiner Genesung? Maikka, sag’ doch!

— Weiß ich nicht. Er verließ bald die Anstalt und siedelte in einer fernen Gegend sich an, mit andern Freunden. Und so verloren wir uns aus den Augen.

— Sonderbar, sonderbar.

— Daß man sich, kaum sehend geworden, wieder aus den Augen verliert, Grege? Dies findest Du sonderbar?

— Ja, auch dies. Maikka, sprich, könntest Du mir die Anstalt draußen am großen Fjord einmal zeigen?

— Gewiß, an meinem nächsten freien Tag. In kommender Woche.

— Der Verkehr mit der Außenwelt, ich meine mit den Fjords und so, ist wohl schwer?

— O, Du kannst leicht allein hinauskommen. Bist Du sehr ungeduldig?

— Gewiß nicht, Maikka. Ich kann warten. Aber warum soll ich Dir immer zur Last fallen?

— Du fällst mir nicht zur Last. Im Gegentheil, Grege. Und da sich nun einmal Alles so gefügt hat, möchte ich wirklich gern dabei sein. Du bist fremd, ich kann Dir in Manchem helfen. Abgesehen vom Besuch in der Anstalt, möchte ich dabei sein, wenn Du unsern großen, schauerlich-schönen Fjord zum ersten Mal siehst. O, mach’ Dich auf ein ungeheures Schauspiel gefaßt, Grege.

— Das will ich, Maikka. Es wurde ihm erstickend heiß. Er riß sein Wams auf, daß die Luft über seine nackte Brust strich.

Und er ergriff ihre Hand, treuherzig und schlicht von der Seite, im Gehen, und drückte sie innig.

Maikka erwiderte den Druck und hielt seine Hand mit der ihrigen fest.

So schritten sie eine Weile hin, schweigend, in heißen Gedanken.

Es war ein Nehmen und Geben von Herz zu Herz in Seligkeit. Und jedes hatte einen anderen Himmel, darein die Seele geflogen war, und war doch nur eine einzige Wonne, ein einziges Glück, wenn auch in verschiedener Mischung und Färbung.

Wehmuthstrunken verlor sich Greges Blick in die sonnenverschleierte Ferne, er wendete den Kopf ein wenig seitwärts, von Maikka ab. Diese aber sah gierig an seiner Gestalt hinauf, bis an seinem feinen, vom Haar beschatteten Profil ihr Auge haften blieb in zärtlicher Bewunderung: — Er ist schön, glühend schön, mein Grege — und ihre schwellenden Lippen feuchteten sich in dunklem Roth, als wäre süßer Thau auf sie gefallen.

Beide fuhren plötzlich erschreckt auseinander.

Fox war ihnen nachgeschlichen und mit einem Satz — hopp! über ihre verschlungenen Hände hinüber und davon, feldeinwärts, mit Gebell.

— Wem gehört das streunende Thier eigentlich, Maikka?

— Dir, mir, uns Allen, hauptsächlich dem, der es am meisten lieb hat. Und das wechselt. Neulich wich er mir eine Woche lang nicht von der Seite. Jetzt scheint das anders zu sein. Und dann das Jagdvergnügen, weißt Du.

Grege’s Gedanken waren schon wieder auf anderer Fährte.

— Wie kommen wir hinaus, an den Fjord, in die Anstalt?

— Wir kutschiren, Grege.

— Wie ist das?

— Wir nehmen einen kleinen, zweisitzigen Wagen und spannen ein Pferd vor, ein recht flinkes.

— Das ist doch unglaublich schwierig und altmodisch.

— Das Kutschiren? In unserem Falle tausendmal schöner, als das träge Hinausgleiten mit der Elektrischen oder das schläfrige Gondeln in der Luft.

— Aber es ist gefährlicher und wir verlieren Zeit.

— Wir verlieren Zeit, Grege, wenn wir bei einander sind? Ich bitte Dich! Gefährlich, was heißt gefährlich? Das ist schließlich Alles . . . für den Aengstlichen.

— Aber anstrengend muß das Kutschiren sein, nicht?

— Das ist ja das Schöne am Altmodischen, wie Du sagst, daß es anstrengend ist. Sieh’ mal hinüber, dort hinter der Allee rutscht die Elektrische dahin, und wir gehen doch auch hier zu Fuß und schlendern und wählen uns Pfade nach Belieben. O, das Kutschiren! Das wirkt stärkend auf Geist und Gemüth, das giebt Witz und Widerstandskraft, das stählt die Nerven. Du wirst hüpfen vor Freude, glaub’ mir, Grege.

— Ihr nehmt doch Alles anders in Nordika. Diese Art der Weiterbeförderung bin ich gar nicht gewohnt.

— Eben darum, Grege! Ist nicht das Ungewohnte das Belebende? Fühlst Du das nicht? Frag’ einmal Deine Beine! Haben sie nicht Freude am Marschiren? Sind sie nicht vergnügt, daß sie sich an Allem kräftig betheiligen dürfen, was wir unternehmen?

Grege lachte.

— Frag’ sie doch, Du eigensinniger Mensch! Und Maikka lachte mit.

Links und rechts auf der Flur tauchten arbeitende Menschen auf. Von einem eingefriedigten Weideplatz schallte Muhen und Blöken herüber. Man hörte Sensen dengeln, Leute sich zurufen, Vögel singen.

Wieder wechselte Maikka den Weg. Sie wählte einen, der, ganz mit jungen Birken umbuscht, gar still und heimlich war.

— Du, Maikka, ich habe meine Beine gefragt.

— Nun?

— Sie sind müde und hungern nach Ruhe.

— O, ihr ewigen Hungerleider! Gleich jetzt sollt ihr gefüttert werden. Die armen hungrigen Beine. Wartet, ich weiß ein Mittel.

Und sie kniete sich vor Grege nieder und bearbeitete ihm die Waden, eine nach der andern, mit beiden Händen, energisch, durch Streichen, Kneten, Drücken, Klopfen, dann preßte sie ein Knie um’s andere und schlug lachend mit der Handschneide in die Kniekehle, daß Grege einknickte.

Dergleichen hatte noch kein Weib an ihm probirt.

— Hör’ auf, Maikka, das schmerzt ja. Gräßlich schmerzt’s.

— Nachher wird’s Dir wohl thun. Gieb mir die Hände, heb’ mich auf. Und nun vorwärts!

Grege riß sie so stramm auf, daß sie an seinen Leib flog und einen Augenblick an seiner Brust lag.

— Maikka, was müssen die Leute denken!

— Daß Du ein Narr bist! Und sie eilte lachend voraus: — Hier giebt’s übrigens gar keine Leute. Nur Blumen, Bäume und liebes Vieh.

Als Grege nicht gleich folgte, sondern seine schmerzenden Waden rieb, duckte sich Maikka auf den Boden und machte sich klein, ganz klein, zu einem Häufchen.

Wie ein spielendes Mädchen rief sie neckisch: — Allahopp, Fox, über mich hinüber! Eins, zwei — drei!

Und wahrhaftig, die zwingende Gewalt ihres Auges, ihrer Stimme und Stellung war so groß, daß Grege einen Anlauf nahm und über das kauernde Weib hinwegsetzte. Seine Fußfohlen streiften ein wenig ihre elektrischen Haare.

Sie sprang auf, klatschte in die Hände: — Himmlisch! Aber jetzt müssen wir ernsthafte Leute sein und wieder vernünftig reden. Hast Du mich lieb, Grege?

— Ist das vernünftig geredet?

— Enorm, wenn Du ja sagst.

Da eilte mit hochgeschwungenem Schwanze ein rothes Kätzchen über den Weg, eine piepsende Maus im Mäulchen.

— Ah, siehst Du, Grege, die war auch an der Arbeit.

— Und wir schlagen die Zeit mit Spielereien todt.

— Sie verdient’s nicht besser. Ich habe Freistunde. Und Du lernst doch was unterwegs, Du dummer Mensch, nicht? Mach’ die Augen auf, jetzt wird’s interessant.

Und voll unerschöpflichem Uebermuth griff sie ihm am Nacken hinauf und packte seinen Kopf und drückte ihn nach links.

— Was ist das dort, Grege?

— Ein Haus.

— Gut geantwortet. Ein Haus. Und was hat das Haus?

— Ein Dach, Fenster, eine Thür.

— Sehr gut geantwortet. Und zur Thür treten wir ein.

— Durch die Thür, Maikka, nicht zur Thür.

— Himmel, macht der Schüler Fortschritte. Jetzt ist er schon über seinen Meister und korrigirt ihn.

— Nicht Meister, Meisterin, mit Verlaub.

— Wer sagt Dir, Grege, daß ich eine Meisterin bin, also ein Weib? Bin ich denn ein Weib? Was weißt Du vom Weibe? Dann müßtest Du ja ein Mann sein! Bist Du ein Mann? Dann müßtest Du ja das Weib lieben! Und Du liebst mich ja nicht. Also!

— Das ist eine tolle Geschichte, murmelte er erhitzt.

— Nein, das ist keine tolle Geschichte, das ist ein logischer Schluß, Du verzauberter Prinz aus Märchenland.

Und sie schritt hart an seiner Seite und drängte ihn mit einem Druck, ihrer Schulter links vom Pfad in einen langen Gang von wilden Weinranken, der gerad auf das Haus zuführte. Sie hielt plötzlich vor Grege still und hauchte in fieberhafter Erregung, athemlos: — Gieb mir einen Kuß. Ich verdurste.