WeRead Powered by ReaderPub
In Purpurner Finsterniß / Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert cover

In Purpurner Finsterniß / Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert

Chapter 18: Kapitel 17
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative follows two fugitives, Grege and Jala, as they cross a sun‑blanched desert after fleeing an overcrowded, subterranean civilization. Their journey alternates practical struggle—wounds, scarcity, difficult terrain—and reflective passages about social decay, mass conformity, and the desire for liberty. The blind but determined Jala represents a spiritual, self-reliant energy that complements Grege’s physical vulnerability and inner questioning. Episodes include aid from strangers, travel by airship, and moments of care and mutual dependence, while recurring critique of ritualized authority and the loss of individual vitality shapes the speculative depiction of future landscapes, technologies, and human relations.

Und er küßte sie auf die duftigen Haare und auf die Stirn.

Sie aber schlang sich an seinem Körper in die Höhe, suchte seinen Mund mit ihren Lippen und saugte sich daran fest.

In jäher Leidenschaft loderte Greges Blut. Er preßte Maikka, daß sie aufschrie und zu Boden fiel, wie er plötzlich die Arme öffnete.

Als er sich den Mund wischte, fand sich Blut an seinen Händen, an der Stelle von Jalas Stern.

— Du bist eine Wilde, knirschte er.

— Du bist ein, Starker, stöhnte sie am Boden. Ich fürchte, Du hast mir weh gethan.

— Wer wohnt in dem Hause?

— Niemand außer Ingeborg, meiner Großmutter. Willst Du sie kennen lernen? Dann komm! Heb’ mich auf, ich bitte Dich.

Er nahm sie auf seine Arme und trug sie wie ein Kind, festen Schritts durch die Laube über die Schwelle. Da stellte er sie nieder.

Die Thür war offen. Niemand in der Wohnung. Die Stube ganz einfach, sauber und behaglich, wie in Erwartung lieber Gäste. Durch die Fenster ein Blick wie ins Paradies. An den Wänden ein paar seltsame alte Bilder und Uhren, auf dem Sims altes, blaues Porzellan und mattglänzende Zinngefäße. Ueber einem großen, tiefen, lederbezogenen Lehnstuhl ragte das Bild einer gravitätischen alten Dame, mit einer wunderbaren großen Haube von blendendem Weiß.

— Das ist Großmutter. Das Bild ist von mir gemalt. Gefällt es Dir? Ich werde Dich auch malen.

— Aber nicht so.

— Nein, du bekommst keine Haube. Du bekommst einen Flügelhelm. Nun setz’ Dich in den Großvaterstuhl und raste, Du Starker. Hast Du Hunger?

Er bejahte und verneinte zugleich.

— Der Mundvorrath wird knapp sein, lächelte sie mit stechend glänzenden Augen, die immer größer zu werden schienen, als wollten sie ihn verschlingen.

— Der Mundvorrath, was ist das? fragte Grege.

Und Maikka warf sich über ihn und schlüpfte förmlich in ihn hinein und küßte ihn, als wollte sie ihm die Seele aus dem Leibe küssen.

Und Grege ließ sie gewähren.

Denn sie gehabte sich, als sei außer ihr und Grege jetzt Niemand auf der Welt.

Außer dem berauschend süßen Duft der Blumen, der vom Garten durch Thür und Fenster fluthete, schien wirklich in diesem Augenblick nichts Lebendiges da zu sein. Und wie eine immer dichtere Wolke von Wohlgerüchen umhüllte der Athem der tausend Blumen das einzige Menschenpaar, daß es aus seliger Betäubung kaum mehr erwachte.

Als das Irdische wieder sein Recht forderte und die Seligen aus dem Himmel wieder zurück auf die Erde kamen, etwas ermüdet von der weiten Reise durch den Aether, fanden sie sich immer noch allein in der Stube.

— Ich erinnere mich jetzt, Großmutter Ingeborg ist zu dieser Zeit nie daheim, wenn sie wohl ist. Und die Glückliche ist nie unwohl. Nun will ich die Wirthin machen.

Maikka verließ die Stube und kam mit einem Krug Milch und einem großen Pfefferkuchen zurück.

— Hier, Grege, lass’ Dich erquicken. Ich bin schon lange nicht mehr so glücklich gewesen. Und Du?

Grege schüttelte mit irrem Lächeln den Kopf, dann nahm er aus Maikkas Händen den Krug und that einen tiefen Zug.

 


Die Reise an den Fjord mußte verschoben werden. Das Wetter verbot jeden größeren Ausflug. Seit einer Woche war die Luft voll Ungewitter und Stürme, die kaum ausgerast, sich stets neu zu gebären schienen in überschäumender elementarer Gewalt.

Grege versuchte, da er die meiste Zeit in Maikkas Bibliothek zubrachte, einmal systematischen Studien in der Völkerkunde obzuliegen. Es wollte ihm nicht gelingen. Die Sammlung fehlte, die Konzentration der Gedanken, die allein zu einem eindringenden Verständniß den Weg bahnen kann und mit dem Verständniß die Lust am wachsenden Schatz der Erkenntniß rege erhält. Grege fluchte oft auf Teuta, das in seinem versteinerten Bildungswesen aller wirksamen Mittel sich beraubte, dem jungen Volk den Sinn für wahre wissenschaftliche Anstrengung zu schärfen. Wieviele unschätzbar werthvolle Jugendjahre mußte er daheim vergeuden, um das todte Zeug sich einzupauken, das der blinde Autoritätsfanatismus der Schulgewalthaber von Staatswegen als alleinwissenswürdig verordnet. Jetzt erst ging ihm ein Licht auf über die Geistesnacht, die in Teuta Jung und Alt gefangen hielt. Daheim fühlte er, wie viele seiner begabteren Jugendfreunde, sich nur unbefriedigt von dem gelehrten Quark, der sich nicht verdauen lassen wollte, der schwer und wüst blieb, trotz aller mechanischen Einordnungsspiele, und sich nie in gesunden, kräftigenden Lebenssaft verwandelte. Doch über die Ahnung, daß das nicht das Rechte sei, daß es Besseres, Gesünderes, Neueres, Fröhlicheres geben müsse, konnte er nicht hinaus kommen. Jede Sehnsucht nach dem sonnigen Leben frischer Erkenntniß wurde dem jungen Volke mit der pfiffigen Formel ausgeredet: Das Alte ist das Bewährte, das Neue ist das Gefährliche, wir sind mit dem Alten das erste Bildungsreich der Welt geworden, also haltet Euch an unserer Autorität, Ihr werdet den Segen der überlieferten Kulturideale und Kulturschätze schon noch an Euch verspüren, auch wenn sich Euer unreifes Gefühl jetzt dagegen wehrt; Ihr müßt Euch auf denselben Wegen vorwärtsarbeiten, auf denen wir in die Höhe gekommen sind, alle anderen Wege sind verderblich für Ordnung, Zucht und Sitte, für den Bestand des Staates, der für einen richtigen Teutamann das Theuerste sein muß auf der Welt. So will’s unsere Weisheit, denn sie ist auf die tiefste Einsicht in die Naturnothwendigkeit aller Dinge gegründet. Will das Ei klüger sein als Henne und Hahn?

Gluckgluckgluck, zippzippzipp —

Und Grege schlug das Buch zu und lachte zornig auf, wenn er an die anmaßliche Frechheit und lebensmörderische Aufschneiderei seiner Teuta-Autoritäten gedachte. Na, auch diese Ilios wird stürzen.

— Du lachst aber komisch, Grege, rief Maikka, die in der Nähe saß und emsig ihren nächsten Vortrag vorbereitete.

— Ein Wunder. Wenn Du meinen verwüsteten, verödeten Kopf hättest, Du würdest noch Anderes thun.

— Gewiß würde ich das. Ich würde ihn wieder herzurichten und urbar zu machen suchen. Ich würde die Wüstenei langsam, langsam, aber beharrlich in Fruchtland verwandeln. Zeit lassen! Du bist noch so jung, Grege! Du wirst Deine Welt noch erobern, glaube mir!

Ja, er glaubte ihr. So lange er sie vor sich hatte wenigstens, so leib- und geistesmächtig, so willensstark, so unerschütterlich selbstständig. In ihrer unmittelbaren Atmosphäre da lebte und brodelte Alles, und war doch voll reifer Klarheit und lachendem Sonnenschein. Aller Verstandesbesitz war ihr zugleich Gefühlsbesitz. Da lag nichts fremd auseinander. Da quoll Alles brunnentief und vollkommen frisch und unmittelbar, gesund und natürlich aus einem innerlichen Zentrum, aus einem überreichen Kernpunkt.

Und wer von ihrer magnetischen Anziehungskraft berührt wird, der kommt nimmer los.

— Nimmer los? rief’s wie ein fernes, müdes Echo in seiner Brust.

Und wer von dem geheimnißvollen Duft ihres Blutes genossen hat, dem wallt das eigene Blut in seltsamer Leidenschaft und wilder Begeisterung, und es ist, als wüchsen ihm Zauberflügel an den Schultern, und kann doch sich nicht aufschwingen und in seiner eigenen Höhe schweben und fliehen wohin er mag. Sie befreit und lähmt zugleich.

— Befreit und lähmt zugleich? rief wieder das Echo, noch ferner und müder.

Aber da klang Maikkas Stimme, und obwohl er abgewandt saß, glaubte er doch zugleich ihre Blicke in seinem Auge und Gehirn zu spüren.

— Was sagtest Du, Meisterin?

— Ich sagte, Du solltest Geduld haben. Das Wissen ist wie das unendliche Meer. Nur ein träumendes Kind wähnt, es in der Eile und mit der hohlen Hand ausschöpfen zu können. Das merke Dir, wer einmal von diesem Wasser getrunken, den wird ewig dürsten.

— Und was arbeitest Du jetzt?

— Ach, ich bohre auch hartes Holz. Hast Du schon von der Gesteinsbildung durch Pflanzen gehört?

Grege wiederholte sich leise die Frage. Nein, er erinnerte sich nicht, davon gehört oder darüber nachgedacht zu haben.

— Aber von der Gesteinsbildung, oder der bedeutenden Betheiligung an ihr durch die Thierwelt wirst Du gehört haben? Auch davon nicht?

— Ist das etwas Mechanisches? Etwas was unser Teuta-Oberphysikus nachtüpfeln könnte?

Maikka lachte kurz und schrieb weiter.

— Liebe Meisterin, wenn’s nichts Mechanisches ist, kannst es nicht von mir verlangen. In Teuta lehrt man nur das Mechanische.

— Unsinn. Du bist jetzt in Nordika.

— Gut. Also wie ist’s damit? Mit der Gesteinsbildung durch Thiere zunächst!

Maikka legte den Stift in das Buch und streckte die Arme aus, die ihr ein wenig steif geworden waren.

— Hast Du noch nicht darüber nachgedacht, wie zum Beispiel die ragenden Kreidefelsen an der Küste der Angelos oder die Dolomitenfelsen in den Alpen oder gewisse Inseln im stillen Ozean entstanden sind?

— Ich bitte Dich, wie soll ich darüber nachdenken, da ich das Alles noch niemals gesehen habe, niemals dort gewesen bin?

Maikka schüttelte den Kopf, halb ärgerlich, halb mitleidig.

— Du bist ein großes Kind, Grege. Hast Du denn wenigstens nicht Abbildungen davon gesehen?

— Gestatte, daß ich verneine.

Sie schnellte von ihrem Sitze auf, entnahm aus einem Schrank einen riesigen Folianten und legte ihn vor Grege auf die Tafel.

— Such’ Dir selbst das Nöthige auf, ich habe jetzt wenig Zeit. Den ursprünglichen Baustoff zu den Dolomiten in den Alpen haben kalkabsondernde Seethiere geliefert, die Inseln im stillen Ozean wurden von Korallenthieren gebaut, und die Küsten der Angelos bestehen zum größten Theil aus den Kalkgehäusen der mikroskopischen Foraminiferen.

— Foramif — —?

— Foraminiferen, Urthiere, die mit den bloßen Auge nicht wahrzunehmen sind.

— Gut, schön, großartig. Aber ich weiß nicht, ob ich mir diesen werthen Namen der unsichtbaren Kalklieferanten der Angelos jemals werde merken können. Schadet nicht. Es genügt mir, daß Du ihn weißt. Ich glaube Dir auf’s Wort. Wie ist’s nun mit den Pflanzen?

Maikka lief, turnerische Bewegungen beim Sprechen ausführend, zwischen den Büchergestellen hin und her.

— Daß auch die Pflanzenwelt am Aufbau der Erde wacker mit gearbeitet, wird Dir einleuchten.

— Leuchtet mir ein, natürlich. Man konnte den armen kleinen Thieren diese Arbeit nicht allein aufhalsen. Weiter im Text, Meisterin!

— Du weißt doch Etwas von den Bergwerken?

— Na und ob! Unser Teutavolk wohnt zu Dreiviertheilen unter der Erde in den Riesenräumen der ehemaligen Bergwerke des zweiten Jahrtausends und zu einem Viertheil zwischen den kolossalen Schuttbergen, welche die alten Bergwerksvölker über der Erde aufgeschichtet. Das waren die unsichtbaren Bauthiere unseres Landes.

— Hätten sie die Löcher lieber wieder mit den Schuttbergen ausgefüllt, das wäre für euch Teutamenschen heilvoller gewesen. Solchen feigen Erdschlupfern muß man den Boden zuschütten, damit sie zu ihrer besseren Natur gezwungen werden.

— Dagegen wende ich nichts ein, Maikka. Aber es war nun einmal das Schicksal des allzeit tiefsinnigen Teutavolks, in der Noth der Zeiten — vergiß das nicht! — sich in die Tiefen der Erde zu flüchten. Später, wie’s immer geschieht, bleibt man im schützenden, warmen Loch hocken und macht sich aus der Noth eine Tugend und rechtfertigt sie mit der Staatsweisheit. Fatal, aber unvermeidlich.

— Hinter diese Unvermeidlichkeit erlaube ich mir ein Fragezeichen zu setzen. Bei einiger Ueberlegung und Energie hätte der Schlupfwinkel in der Noth nicht auch der letzte Zufluchtsort in der guten Zeit bleiben müssen.

— Die Macht der Anpassung, der Gewohnheit, Maikka!

— Auf die sich alle historischen Faulpelze hinausreden. Der neue Geist baut sich einen neuen Körper und schafft sich neue Wohnstätten.

— Wir hatten eben keinen neuen Geist.

— Das ist wahr, den hattet ihr in Teuta niemals.

— Siehst Du, jetzt zanken wir uns schon wieder. Es ist komisch, wir können keine zehn Worte wissenschaftlich miteinander reden, geht der Zank los. Ach, Maikka —

— Das nennt man nicht zanken, in der Wissenschaft, sondern opponiren.

— Danke, Meisterin! Fahre jetzt mit den Pflanzen fort, ich werde Dir nicht einmal opponiren. Ich sitze still und spitze die Ohren.

— Das sollst Du auch nicht, Grege.

— Was soll ich denn? rief er jetzt in komischer Verzweiflung und sprang von seinem Sitz.

Maikka schob seinen Arm in den ihrigen.

— Das sollst Du: Mit mir spazieren. Da spricht und hört sich’s gemüthlicher.

Und nun schritten sie selbander den Saal ab, Arm in Arm, Meisterin und Schüler. Und um größere Fläche zur Verfügung zu haben, öffnete Maikka einen zweiten und dritten Saal, und im taktmäßigen Gehen übte die kluge Meisterin laut dozirend ihren nächsten Schulvortrag ein, mit dem erwünschten Genuß, im Probehörer zugleich einen geliebten Menschen in warmer Fühlung zu haben. Draußen klatschte der Regen unablässig und erkältend an die Scheiben, so daß sie sich innen mit feuchtem Hauch überzogen.

Ab und zu warf Grege ein bewunderndes Wort dazwischen, dann drückte die Sprecherin seinen Arm mit besonderer Innigkeit.

— Algen? Großartig!

— Ja, es sind fast ausnahmslos Algen, die in dieser Weise bei der Aufspeicherung der Kalkstein-Vorrathskammern thätig gewesen sind. Sie sind Gesteinsbildner ersten Ranges. Lange haben die Naturforscher geschwankt, ob sie die Algen zu den Thieren oder zu den Pflanzen stellen sollen.

— Die Naturforscher! lächelte Grege.

— Sie leben im Meere . . .

— Die Naturforscher?

— Die Algen leben im Meere, besonders auf den Korallenriffen und gleichen äußerlich Polypen-Stöcken, da ihr ganzer Körper mit einer Kalkschicht bedeckt ist und steinhart erscheint. Diese Korallen-Algen, von den ältesten Naturforschern, am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts noch, Nulliporen genannt, haben in früheren Zeiten der Entwicklung unserer Erde mächtige Gesteinsschichten aufgebaut. Vor hundert Jahren noch hat man bei Ausgrabungen in den Ruinen von Paris ungeheure Massen von Baustein gefunden, der aus Foraminiferen-Schälchen gebildet ist, während man in den Ruinen von Wien hauptsächlich Bausteine fand, die aus den Gerüsten von Kalkalgen gewachsen sind.

— Und in den Ruinen von Berlin? fragte Grege dazwischen.

— Dort liegt das Meiste noch unberührt. Aeltere Ausgraber, namentlich amerikanische Archäologen, versicherten, die Arbeit lohne zu wenig, da man bislang noch nichts eigenartig Werthvolles gefunden. Eine andere Gruppe von Algen bilden die Erbauer des Travertins, jenes Kalkgesteins, aus dem die ungeheuren Bauten des altklassischen Roms und zum Theil auch des päpstlichen Roms errichtet sind. Hier sind die Ausgrabungen nicht wieder aufgenommen worden, seit die Päpste unter dem Pontifex Nathanael Rothschild IX. Europa verlassen und die letzten Reste des Vatikanismus nach Amerika gerettet haben. Denn auch die Nebenpäpste in Konstantinopel und Sevilla haben damals, ihres unersprießlichen Wirkens müde, den europäischen Staub von ihren Pantoffeln geschüttelt, und haben ihre Statthalterei über den Ozean getragen, nach Südamerika und Australien.

— Was ich ihnen nicht verdenke, meinte Grege still für sich.

— Die großartigsten Bildungen dieser Algenart, aus der Gruppe der . . . der . . . Schizophyceen, finden sich in Amerika. Unter den heißen Quellen des Yellowstone-Parks haben die Mammuthsprings gewaltige Travertinmassen abgesetzt, die eine Ausdehnung von über zwei Quadratmeilen und eine Höhe von einigen tausend Fuß erreichen. Auf dem glänzenden Weiß der ungeheueren Travertin-Terrassen heben sich gelbe und rothe, grüne und braune Streifen und Flecken in Menge ab und zeigen den Lauf des herabrinnenden Wassers. Es sind die Anzeichen eines üppigen Algenwuchses, der je nach der Temperatur des Wassers bald diese, bald jene Farbe zeigt. So erscheinen bei 65 Grad nur weiße Algen, die in der Regel mit seidenglänzendem Schwefel bedeckt sind, bei etwas geringerer Temperatur stellen sich grüne Farben ein, bei noch geringerer Wärme kommen die rothen und orangefarbigen und in den kühlsten Becken sind sie olivenbraun.

— Das muß ja prachtvoll aussehen, rief Grege und blickte schwärmerisch auf die gelehrte Meisterin, die unermüdlich weiter dozirte.

Sie kam noch auf die Betheiligung der Moose bei der Sinterbildung, auf die kieselschaaligen, mikroskopischen Bazillarien, auf die Infusorienerde und vieles Andere zu sprechen.

Endlich brach sie ab. Grege war schon lange vor ihr ermüdet und vermochte ihren Ausführungen nicht mehr zu folgen. Aber er fand begeisterte Worte, ihr seine Bewunderung auszusprechen. Wie ein Mensch nur das Alles im Kopf behalten und so anschaulich wiedergeben könne!

Aber jetzt möge er zur Abwechslung etwas Anderes hören, etwas Ungelehrtes, Unwissenschaftliches, gestand er ihr. Etwas Drolliges und Phantastisches, sonst halte sein Gehirn nicht mehr aus. Es brumme förmlich in seinem Kopf.

— Ganz nach Prinzenart! spottete Maikka. Und ich büffle mit Vergnügen noch eine halbe Stunde an der Ausarbeitung meines Vortrages.

— Ja Du, ein Weib!

— Warte, für diese Artigkeit sollst Du eine Extrabelohnung haben.

Grege spitzte schon den Mund und warf sich in Positur.

Aber er hatte sich diesmal verrechnet.

Maikka war an den Schrank geeilt, der ihre bibliographischen Raritäten und Kostbarkeiten enthielt.

Sie schleppte eine mächtige Kupferstichmappe herbei.

Grege nahm ein altes, vergilbtes Blatt heraus, besah es nachdenklich.

Ein nacktes Weib, knieend, die Hände vor das Gesicht geschlagen, vor sich das weite, stille Meer. Heißes Sonnenlicht. Ein starres Schweigen im Himmel und auf Erden. Ein erschütterndes Alleinsein des Endlichen mit dem Unendlichen. Ein verzweifeltes Fragespiel. Als Schlußruf: Was gehen wir uns an, was haben wir miteinander zu schaffen? Nein, Grege wollte jetzt nicht an Jala denken. Jetzt nicht. Er ertrüge es nicht.

— Viel zu ernst, klagte er und reichte das Blatt Maikka, die ihm über die Schulter sah.

— Barbar! Ein Max Klinger aus dem neunzehnten Jahrhundert. Seine wohlgezählten elf Jahrhunderte alt und so frisch und schön in seiner Empfindung, wie der junge Tag. Ein Blatt, so werthvoll wie ein Märchenschatz Indiens: „An die Schönheit“. Und Dir viel zu ernst? Gut, ich weiß Dir Passenderes.

Wieder eilte sie an den Schrank, der ihre bibliographischen Raritäten und Kostbarkeiten enthielt.

Diesmal brachte sie einen mäßig starken Band, in Leder gebunden, arg von der Zeit mitgenommen, und schlug ihn mit feierlicher Miene wie ein Buch voll schauerlich geheimnißvoller Beschwörungen vor Grege auf.

— Kniee nieder, Barbar aus Teuta, und falte die Hände wie die alten Gläubigen zum Gebet!

Es war der letzte Band der „Fliegenden Blätter“ aus dem Jahre 2001, Jubiläumsausgabe, das Einzige, was von deutschen Zeitschriften für die Nachwelt übrig geblieben.

An der Thür erschien eine Dienerin mit der Meldung, daß der Aelteste des Bezirks bereit sei, Grege zu empfangen und ihn auf dem Rathhaus erwarte.

Maikka lächelte triumphirend, denn sie hatte hinter dem Rücken Greges die Sache eingefädelt.

Grege lächelte befriedigt, denn er hatte hinter dem Rücken Maikkas um den Empfang nachgesucht.

So hatten beide Theile einen vergnügten Tag.

 


Die Dienerin hatte Grege einen großen braunen Mantel und einen breitkrämpigen, weichen, braunen Filzhut gereicht. Ob er statt der Sandalen vielleicht Schuhe wünsche? Ja. So brachte sie auch ein Paar bequeme Schuhe und nahm ihm die Sandalen ab.

Grege machte sich auf den Weg. Der Regen hatte nachgelassen. Die Luft war angenehm, aber für Greges Empfinden, nach dem langen Aufenthalt im geschlossenen Bibliotheksaal, zu wenig warm. Er zog sich den Mantel dicht um den Leib, hüllte auch die Arme darein.

Maikka wischte den Wasserdunst von der Fensterscheibe und blickte Grege nach.

— Odin als Wanderer. Er ist jünger und elastischer, dabei doch männlicher geworden. Seit er von Freyas Aepfeln genossen . . .

Und sie setzte sich stillvergnügt wieder an ihre Arbeit, nachdem sie die kostbaren Werke von Greges Tisch genommen und sorglich in den Schrank geschlossen.

Der zwischen den verziehenden Wolken sanft hervorblauende Himmel hellte auch die Scheiben auf, deren Dunstbelag in raschen Rinnen abtropfte.

Der ernste Saal mit seinen etwas einförmigen Büchergestellen und Schränken, Tischen und Pulten gewann im wachsenden Licht eine heitere Stimmung, wie von freundlichen Geistern durchleuchtet. Es war wie ein erleichtertes Aufathmen nach dem Druck der trüben Elemente, die während des langen Regnens auf der Erde gelastet und ihre harten Schatten auch in diese lichte Stätte der Erkenntniß und Aufklärung geworfen.

Maikka legte ab und zu den Stift weg und rieb sich die Hände. Sie war sehr zufrieden. Die Arbeit schmeckte ihr vortrefflich.

Grege machte manchen Umweg. Zufällig kam er an Großmutter Ingeborgs Gartenhaus vorüber, das nicht auf der geraden Linie zum Rathhaus lag. Heller, etwas zitteriger und gebrochener Gesang klingt heraus. Großmutter Ingeborg singt. Sie ist also daheim, das Herz ist ihr voll und sie strömt den Ueberfluß in Tönen aus. Das Glück wohnt in dem Haus. Grege lächelte und schickte ihm einen eiligen Gruß hinein. Grege grüßt das Glück. Wie das klingt, und wie ist es wahr!

Der Gedanke: Grege grüßt das Glück! schwellte seine Brust und beflügelte seine Schritte. Wie reich und schön ist das Leben in Nordikas Freiheit, wie licht und leicht. Sogar die Wissenschaft, die Gesteinskunde . . .

Ein Trupp Mädchen geht an ihm vorüber, plaudernd, unbefangen. Von einem Altan sieht ein Mann herab. Auf einer stattlichen Birke schüttelt sich ein Vogel das Wasser aus dem Gefieder. Ein Hahn sitzt auf dem Zaun und dreht den Kopf so, daß ihm die plötzlich hervorleuchtende Sonne gerade durch den rothen Kamm scheint.

Dort ist das Rathhaus.

Ein Gebäude wie ein anderes, nur größer, nur reicher bemalt in Braun und Grün, und mit Sinnbildern und Schildereien auf den weißen Wandflächen zwischen den Balken des oberen Stocks. Der untere Stock ist Steinbau.

Das Thor steht offen, Grege steigt eine Treppe hinauf. Er schlägt den Mantel auseinander und nimmt den Hut ab. Es ist ihm fast ein wenig zu warm geworden. Er betritt den Raum, wo offenbar Versammlungen abgehalten werden. Keinerlei Einrichtungsgegenstände. Nur umlaufende Bänke an den Wänden, diese licht getäfelt, die Decke blau gemalt.

Grege wendet sich einem breiten Wandelgang zu, an dessen Ende eine Thür einladend offen steht.

Ein alter Herr tritt ihm entgegen, ein Herr, eine wirkliche „Hoheit“ (o Teuta!), kein gewöhnlicher Durchschnittsmann. Er ist wohl achtzig- oder neunzigjährig, seine hohe Gestalt ein wenig gebeugt, sein dunkelblauer, mantelartiger Anzug sitzt lose auf ihm, langes, weißes, lockiges Haar wallt auf seine Schultern. Grege erinnerte sich nicht, je in ein würdevolleres und zugleich freundlicheres und gütigeres Greisenantlitz geblickt zu haben. Seine Wangen sind zwar gefurcht, aber von lebendiger Färbung, aus seinen blaugrauen Augen, von mächtigen weißen Brauen überbuscht, leuchtet Männlichkeit und Wohlwollen zugleich. Ein patriarchalischer Herr. Klarheit und Entschiedenheit thronen auf seiner Stirn.

Mit höflicher Handbewegung grüßt er Grege und ladet ihn zum Nähertreten ein.

Nun sitzen sie in einem dunkelgetäfelten, behaglichen Gemach auf Lederpolsterstühlen einander gegenüber. Durch die beiden mäßig großen Fenster sieht Grege auf grüne Baumwipfel, beregnet und besonnt, die Wassertropfen wie glänzende Kugelperlen an den Blatträndern.

Der Patriarch lächelt: — Ich bin der Aelteste dieses Landschafts-Bezirks und heiße Dich willkommen. Du bist Grege?

— Grege aus Teuta.

— Du bist uns vom Himmel gefallen, Maikka hat mir’s erzählt, unsere brave Meisterin.

— Ja, ich danke ihr viel.

Grege fühlt sein Herz stärker klopfen. Also hat sie schon von ihm berichtet?

— Du hast Seltsames erlebt. Du kannst Dich in Nordika vom Ungemach Deiner Reise erholen. Es ist uns interessant, einen jungen Mann aus Teuta zu sehen. Das ereignet sich nicht oft. Ich habe mir die Leute dort nicht so stattlich gedacht. Du bist der Erste aus Teuta, den ich sehe und spreche, und bin kein Jüngling mehr. Blüht Dein Land?

Grege lächelte ein wenig zweifelhaft.

— Euer Wesen hat viel Merkwürdiges und Abgeschlossenes. Aus den Berichten habe ich Mancherlei gelesen, das mir unverständlich geblieben. Von ganz fremdartigen Ansichten und Einrichtungen.

— Das wird wohl sein. Die großen Nöthe und Wechselfälle unserer früheren Geschichte . . .

— Nun, wir in Nordika haben auch nicht immer Blüthenzeiten gehabt. Kannst Du mir sagen, wie Euer großes Gemeinwesen verwaltet wird?

Grege kratzte sich hinter den Ohren und fühlte, daß er jetzt ein feierlich verlegenes, fast dummes Gesicht mache.

— Wie kann ich das wissen? Das ist eigentlich ein Geheimniß. Wie das Meiste, was unseren Staat und seine Einrichtungen betrifft.

— Sogar für Euch Teutaleute selbst?

— Wir haben viele und verwickelte Traditionen. Es ist ein Mechanismus, in welchem nur Diejenigen Bescheid wissen, die durch Wahl zugelassen werden und sich dann eingehend damit beschäftigen. Wir Anderen nehmen es auf Treu und Glauben.

— Und freut Euch der Ordnung. Und seid stolz auf Euer friedliches Glück.

— O, nicht immer. Von meinen Altersgenossen weiß ich manche unzufrieden, und ich vermuthe, daß auch unter dem älteren Volk Viele mit Vielem nicht einverstanden sind. Aber die Tradition, die Gewohnheit, der Glaube an die Nothwendigkeit, daß, wie es ist, für Teuta vernünftig und nützlich ist, läßt nichts aufkommen. Dann die Eigenthümlichkeit des Verkehrs untereinander, der eben kein Verkehr, sondern eine stetige Absonderung von Mann zu Mann, von Geschlecht zu Geschlecht, von Altersstufe zu Altersstufe ist und zur Grundlage die Späherschaft hat, so daß Keiner dem Andern so recht von Herzen traut. Wer an die Majestät des Staates rührt, ist ein verlorener Mann, er ist vollkommen isolirt und fällt aus dem Schutze der ehrbaren Meinung.

— Habt Ihr viele Gesetze?

— O, o, ein ganzes Netzwerk von Gesetzen, darein wir uns seit Jahrhunderten verstrickt haben. Da ist gar nicht mehr herauszukommen. Alles ist bei uns Gesetz und Regel. Unser Volk weiß gar nicht anders. Es steckt blind darin, wie in einer zweiten Natur. Und unsere Obersten sind die Hüter, daß an dieser zweiten Natur ja sich nichts verändere, daß sie wie eine Kruste uns umkleide, ohne Ritzen und Sprünge.

— Seltsames Volk seid Ihr. Daß Ihr so weiterlebt in dieser Haft, ist erstaunlich, bloß naturgeschichtlich angesehen. In der Wissenschaft von der Regierung galt seit alten Zeiten, seit den Römern der Satz: „Das Verderben des Staates sind die Gesetze.“ Besonders jene Gesetze, welche neben einem ausgesprochenen Zwecke noch unausgesprochene Absichten verfolgen. Aber da muß jedes Volk selbst zusehen. Selbst ist das Volk.

— Wie ist das hier in Nordika geschehen, daß es sich so frei und schön entwickelte?

— Unsere Vorfahren der letzten Jahrhunderte haben fleißig probirt, in jeder Landschaft anders. Bis sie das Zweckmäßige gefunden. Als Fertiges ist ihnen nichts in den Schooß gefallen. Da will ich Dir ein Beispiel erzählen. Nicht von dieser Landschaft, sondern einer weiter nach Norden gelegenen. Da hat vor ungefähr hundert Jahren ein gewisser Holger die Gegend gesellschaftlich organisirt, als der Anarchismus anfing, den Leuten alle Freude zu nehmen. Grundsatz war sittsames Leben, warme Herzlichkeit, einfache Kost, schlichte Gewandung. Wer sich dazu verpflichten wollte, konnte mitarbeiten, wer nicht, mochte sehen, wie er sich weiter brächte. Es war eine winzig kleine, bald verschwindende Zahl, die nicht mitthun mochte. Aller Besitz war selbstverständlich gemeinsam. Jeder mußte seine individuellen Wünsche dem Gemeinwohle unterordnen. Das war nicht schwierig, unter Gemeinwohl verstand man nichts Hinterlistiges. Um ihre Geisteskräfte zu stärken, gaben die Volksgenossen das Eheleben auch in der bescheidensten Form auf. Alles war gemeinsam, aber mit Ausschluß jeden Zwangs auf die Gefühle, kein Mann konnte ein Weib, kein Weib einen Mann zu seiner Lust zwingen. Die gemeinsame Verwaltung der Bedürfnisse wurde mit Klugheit und Sparsamkeit geordnet. Die gemeinsame Regierung trat nur in außerordentlichen Fällen in Gestalt einer allgemeinen Versammlung zusammen, der Aelteste war der Vorstand, jedes Mitglied der Versammlung hatte Stimme, die besten Köpfe gaben den Ton, die Dummen wurden niedergelacht. Als die Genossenschaft in ihrer Blüthezeit stand, machte Einer, vielleicht ein Witzbold, den Vorschlag, dem Volke vorzuschreiben, was ein Jeder essen, anziehen, wann er zu Bett gehen und aufstehen, wie er grüßen sollte und dergleichen Kindereien. Es mögen wohl kleine Unzweckmäßigkeiten vorgekommen sein, aber dieser Vorschlag war doch nicht gut. Er wurde jedoch nicht niedergelacht, wie sich’s geziemt hätte, sondern angenommen. Und von da ab war die Freude nur noch von kurzer Dauer. Man brauchte Aufpasser, die feststellten, ob Einer Schlag neun Uhr zu Bett gegangen und Schlag sechs aufgestanden, ob in der Nacht die Thüren vorschriftsmäßig geschlossen, ob keiner bei der Arbeit ein Werkzeug muthwillig verdorben. Kurz, in Holgersland war die Freude weg. Es gab Vorhalte, Strafpredigten, Verstimmungen, Feindschaften. Da kam einmal harte Wintersnoth in’s Land, die Schutz- und Nährmittel reichten nicht. Die Leute mußten bei den südlichen Nachbarn Hilfe ansprechen. Unter denen war ein starker Mann, der sagte nein, wir geben ihnen nichts, bis sie ihre Dummheit abthun. Was geschah nun? Die Nachbar-Genossenschaften tauschten erst ihre Meinungen und dann erst dauernde Hilfe aus, und so entstand schließlich ein Bund zwischen ihnen mit einem verbesserten Verwaltungs- und Regierungssystem. So ging’s weiter. Eine Landschaft borgte von der andern und lernte von der andern, sie verbündeten sich und bekamen immer zweckmäßigere Ordnung. In dem Maaße wie sie gesicherter und stärker wurden, wuchs ihre Freiheit und Freude. Was die Einen probirten und ihnen einschlug, nahmen die Andern an, was fehlschlug, ließen auch die Andern bleiben. Auf diesem Wege sind wir zu unserm heutigen Nordika mit den guten Zuständen gekommen.

Der Patriarch bat um Entschuldigung, daß er so lange gesprochen, das Alter mache nun einmal redselig.

Grege dankte für das Gehörte. In Teuta sei die Sache freilich nicht so gegangen. Und jetzt sei sie wohl auch nicht mehr so zu machen. Grund und Boden sei von anderer Art und die Menschen auch. Ein Unglück geradezu sei es, daß sie in so dichten Massen beisammen hockten und sich nicht von einander loszulösen und sich weit herum im Lande auszubreiten wagten. Alles Land weit um Teuta herum sei Wüstenei, die Wälder verschwunden, die Flüsse versumpft, von Garten- und Feldbau nicht im Traum zu reden. Die Teutaleute hätten keinen Muth und keine Fähigkeit dazu, obwohl sie von den vor tausend Jahren stärksten deutschen Völkerschaften stammten, die im einstigen Reich, das von der Nordsee bis an die Alpen ging, die oberste Führung hatten in allen Dingen. Die Teutaleute hätten aus dem Zusammenbruche der sogenannten europäischen Kulturstaaten nur Trümmer gerettet und diese allerdings zu einer eigenartigen Kultur ausgebaut, aber seines Lebens werde man dabei nicht froh.

— In welchen Künsten und Wissenschaften liegt Eure Stärke jetzt?

Grege antwortete mit Ueberzeugung:

— In der Feinmechanik und in der Chemie. Wir haben die winzigsten und feinsten Werkzeuge und unsere Handwerker haben Finger wie einst die geschicktesten Chinesen. Wir können Alles nachmachen auf künstlichem Wege. Wir sind selbst schon fast Automaten geworden. In der Chemie der Nahrungsmittel sind wir gleichfalls kaum zu übertreffen.

Der Patriarch nickte mit einem Lächeln, das Grege erschreckte und demüthigte.

— Ich hörte Wunderbares. Man sagt, Ihr könntet die Menschen, zumal die Kinder, hundertweis verschwinden lassen und die Leichname der ältesten Leute chemisch verflüchtigen.

Grege senkte den Kopf und murmelte: — Ja, das können wir auch.

Er mußte an die zornige Rede Maikkas über den Tauschhandel mit den Slavakos denken, und wie er jetzt von unten herauf durch’s Fenster schielte, vermeinte er ihr strafendes Gesicht durch die Scheiben zu sehen. Nichtswürdig war dieser Zustand in Teutaland, mit so bohrendem Schmerz und so ehrlicher Scham hatte er’s nie gefühlt. Wenn ihm Jala ein Kind in Teuta geboren, er, Grege selbst, wäre nicht vermögend gewesen, zu verhindern, wenn es das Loos slovakischer Tauschwaare getroffen, daß man es von der Brust der Mutter weg den Fremden zugeworfen. Im barbarischsten Alterthum hätte man nichts Naturwidrigeres ersinnen können.

Mit flammendrothem Gesicht hob Grege den Kopf und sah den Blick des hoheitsvollen Aeltesten streng auf sich gerichtet.

Der Greis lächelte wieder: — Euere Chemiker sollten das Ueberlebte nicht erst verflüchtigen, wenn es zum stinkenden Leichnam geworden. Bei Euch sollten einmal die Jungen statt der Alten am Räderwerke des Staates sitzen.

— Wenn das ginge, sagte Grege tonlos.

— Wenn’s nicht geht, freilich, dann geht’s nicht. Das müßt Ihr wissen.

Der Greis erhob sich, rückte den Stuhl, ließ sich aber nach einem Blick durch’s Fenster wieder auf dem Sitze nieder.

— Wir versäumen nichts, Grege. Der Regen setzt frisch ein. Ich mag jetzt nicht gehen. Vielleicht magst Du noch Eins mit mir plaudern. Zum Beispiel von dem äußeren Bilde Teutas. Davon kann ich mir keine rechte Vorstellung machen. Wie sieht das aus? Ganz verschieden von unserem Land natürlich. Keine Wiesen, Gärten, Felder, rothe Häuser, Weideplätze mit Thieren, Fluten mit Ackerleuten — das Alles nicht. Aber was denn und wie denn? Euere Straßen sind Gänge und Schläuche in der Erde, Euere Seen liegen tausend Klafter tief unter dem Boden, nicht ganz so tief Euere Versammlungssäle, Euere Spielplätze, Euere Werkstätten und Wohnungen — und Alles von unten herauf beleuchtet, von oben herunter schweigend belebt. Ist das so? Hat Euch Euere Gemüthsart so nach unten gewöhnt? So eine Art Nibelheim, ja?

— Ja, so eine Art Nibelheim.

Grege stützte die Arme auf die Knie, legte das Gesicht in beide Hände und murmelte: Nibelheim, Nibelheim.

— Nicht sehr heiter und so weiter, he? Aber es ist Deine Heimath. Sie ist Dir so heilig, wie uns die unserige. Ihre Seele ist Deine Seele. Du trägst sie in Deinem Blut mit Dir. Sie ist in Deinen Träumen bei Nacht . . . Hab’ ich recht, Grege? Es giebt kein natürlicheres Gefühl als Heimathgefühl. Meine Väter wohnten schon vor fünfhundert Jahren auf diesem Boden.

Grege nickte traurig.

— Und aus sich heraus formen sich die Menschen ihre Heimath wieder, aus dem Gesunden und Jugendlichen stammen die Veränderungen und Verbesserungen. Mit unserem Wissen wächst unser Wesen, und wir gestalten es weiter in’s Breite und Große, in unserer Umgebung. Maikka . . .

Grege hob den Kopf, seine Augen leuchteten in blauem Feuer.

— Maikka sagte mir, daß Du noch länger bei uns bleiben und lernen willst. Es ist so schön, jung zu sein und zu lernen und zu leben, nicht wahr? Man soll die Augen nicht verschließen vor dem Fremden, denn es lehrt uns das Eigene tiefer erkennen. Und man soll sich selbst seine Zweifel sagen und sich nicht autoritätsfürchtig vor sich selber ducken, so wenig wie vor den Anderen. Hast Du strebsame Freunde daheim, die treu zu Dir stehen?

— Die muß ich mir noch schaffen.

— Schaffe sie Dir.

Grege hätte dem Patriarchen mit dem weißen Lockenhaar und den gütigen Augen und dem beredten Munde um den Hals fallen — und Vater! rufen mögen. Vater! Wem hätte er in Teuta diesen Namen geben können, geben mögen? Das ganze junge Volk dort, war’s nicht eine vaterlose Waisenbrut, im Dunkel erzeugt, im Dunkel verloren, trotz aller künstlichen Helle und Hilfe?

— Ich hoffe Dich wieder zu sehen, Grege. Du bist mir stets willkommen. Heute Abend machen unsere jungen Leute Musik im großen Versammlungssaal und führen Tänze auf. Du bist eingeladen.

Grege sagte zu.

Er wußte nicht, daß Maikka bereits über seinen Abend verfügt hatte.

Und er war ihr zu Willen und verbrachte die Nacht in Ingeborgs Gartenhaus und „grüßte das Glück“.

 


Da war nichts zu machen: Maikka hatte heute wieder ihren lachhaften Tag. Nichts Ernsthaftes verfing bei ihr, Grege mochte sich anstellen, wie er wollte. Auf seine tiefsinnigsten Fragen nach den letzten Dingen im Leben und Denken, im Schaffen und Schalten hatte sie nur die eine Antwort: Du bist ein Narr — Alles kommt von den Sinnen, und der letzte Grund aller Dinge ist die Freude an sich selber. Was aus der Freudlosigkeit gewalzt wird, ist Blech. Grege, noch einmal, wenn Du mich anmoralisirst und anphilosophirst, so nehme ich all’ meinen Muth zusammen und verachte Dich, Amen.

Und dann brach das Lachen los. Eine ganze Symphonie, ein ganzes Konzert, eine ganze Oper, ein ganzes Musikdrama, eine ganze Weltdichtung in lauter Lachtönen. Und wie sie ein anderes Register zog, da klang’s bald wie ein Choral, bald wie ein Schelmenlied, bald wie Lerchentriller, bald wie Amselruf, bald wie Nachtigallenschluchzen. Und immer neu und immer schön bei aller Tollheit.

Gestern, allerdings, da hatte auch sie mit des Lebens harter Pflicht wacker gekämpft. Zunächst in aller Frühe geschwommen und geturnt mit einigen Schulschützlingen unterschiedlicher Art, die sie erst zugewiesen erhalten, dann einer Konferenz mit Berufsgenossinnen beigewohnt zur Festsetzung des Arbeitsplanes für die nächste Woche, in der sie sich zum Ausflug an den Fjord mit Grege etwas mehr Freizeit herausschlagen mußte, dann am Nachmittag in der Volkshochschule ihren großen Vortrag über die Betheiligung der Pflanzenwelt an der Gesteinsbildung gehalten mit darauffolgender Demonstration und Besprechung, dann noch Dieses und Jenes, wobei sie ihren ganzen Kopf einzusetzen hatte.

Aber heute blieb ihr der volle Nachmittag und Abend frei. Und für sie gab’s nichts Inhaltsreicheres als das Nichtsthun in der Freiheit. Gast Grege wußte davon zu sagen.

— Du bist jetzt meine Welt- und Selbstschau, rief sie und schleppte ihn auf den Thurm und auf die Fohlenwiese und in den Todtenhain (genannt „Liebesgarten der Abgeschiedenen“, wo die Asche der Abgeschiedenen auf die Beete gestreut wird und ein herrlicher Rosenflor weithin seine Düfte sendet, gleich letzten süßen Liebesgrüßen) und in die unterirdischen Werkstätten (denn alle Hantirungen, die mit störendem Lärm, Gepoche und Gehämmer verbunden waren, mußten abseits von den Häusern in kellerartigen Räumen verrichtet werden, in ganz Nordika) und auf das Rathhaus und in eine Haushaltungsschule, wo es nur so von weißbeschürzten, rothwangigen Mädchen schwirrte.

— Hast Du die Mädchen gern, Grege? Lieber als die Buben? Wie viele könntest Du einmal lieben von ganzer Seele, sag’? Wie groß ist Euer Herz in Teuta?

Oft fand er auch ein schalkhaftes Wort zur Entgegnung, oft wußte er dem Ansturm des Kobolds gar nicht Stand zu halten.

Merkwürdig war es für ihn, zu beobachten, mit welcher Gewandtheit dieser Neckgeist die Uebergänge in die verschiedensten Gefühls- und Aeußerungsweisen fand, je nach der Umgebung und dem zufällig mehr oder weniger freiwilligen Zuhörerkreis. Ohne Komödie oder erzwungene Heuchelei, völlig aus einem überreichen Anpassungsvermögen heraus und aus lebendigster Schulung. Alles Schroffe und Verletzende war überwunden wie alle lähmende Absichtlichkeit. Diese Nordika-Leute unter sich waren wie ein reingestimmtes Instrument, wo sich Alles zu Akkorden fügt, je nach dem angeschlagenen Grundton, je nach der durchklingenden Tonart. Und wo ja einmal ein Mißton aufzitterte, da antwortete eine kluge Pause, bis es wieder stimmte.

Nur im Umgang mit ihm, dem ausgearteten Teutamann, in welchem so viel Dogmatisches, Verbohrtes, Pathetisches verschlüpft steckte, das nicht auszutreiben war, griff Maikka zuweilen fehl und traf nicht den gesuchten Ton. Da konnte sie dann herrisch aufbrausen und zu Gewaltsamkeiten des Ausdrucks sich fortreißen lassen, daß Grege verblüfft war.

Dankbar fühlte er, wie unendlich viel er von dieser urwüchsigen und doch so verfeinerten Frauennatur lernte. Neue Horizonte eröffnete sie ihm, neue Erkenntnißquellen, davon er in seiner Teuta-Beschränktheit seither keine Ahnung hatte. Es war ihm ein Geistes- und Herzensfrühling, und wenn er über sich und seine frischaufgeschossenen Pläne und Zukunftshoffnungen nachdachte, stieg er in sich selbst herum wie in einem blühenden Wunder. Jetzt erst glaubte er an sich, an seinen besonderen Beruf, in der Fülle der Klarheit, die in Nordika über ihn gekommen war. In seinen Gedanken fügte sich Lichtpunkt an Lichtpunkt, bis sie sich zu einem hellen Ganzen verbanden, nicht mehr zerrissen, nicht mehr verschwimmend, sondern zusammengehalten wie von einem festen Kern, dessen innere Kraft durchgriff bis zum äußersten Kreis.

Aber lachen, lachen wie Maikka — nein, das würde ihm und seinen Teutaleuten wohl nimmer gelingen. Das setzte Siege über so wesentliche Teuta-Thorheiten voraus, daß noch Generationen daran sich die Zähne ausbeißen mußten. Nur das stand ihm unverrückbar fest, daß der Kampf jetzt begonnen werden mußte, mit einem wuchtigen Schlag. Noch wirbelte Alles gährend durcheinander in seinem Gefühle, wenn er sich all’ die Widerstände und Verwicklungen ohne Ende ausmalte. Doch auch hier wird Rath werden, je näher die Zeit der That rückt. Erst im Angesicht der Ereignisse selbst fallen die besten Entscheidungen. Hinein — und durch!

— Sag’ mir, Maikka, wer sitzt in Nordika über Euch zu Gericht, ich meine, wer entscheidet zum Beispiel über die Bedeutung eines Lehrers oder einer Lehrerin?

— Nun aber die Frage! Darüber kann doch vernünftigerweise nur ein Gericht und kein anderes entscheiden, und das sind die Schüler. Wo in aller Welt könnte es anders sein? Wer entscheidet denn bei Euch über die Befähigung eines Schneiders? Doch nicht ein Kollegium von Schneidern? Doch nur Diejenigen, welche sich das Maaß nehmen lassen und das Schneiderwerk an ihrem Leibe tragen? Ein Jeder kann doch nur von Denjenigen gerichtet werden, an denen er sein Werk ausübt, nicht von Denjenigen, die mit ihm das gleiche Werk ausüben, denn die möchten aus irgend einem begreiflichen Hintergedanken heraus an dem Werke ihres Mitbewerbers immer Etwas zu mäkeln haben. Hast Du noch mehr solche Fragen? Geht meine Antwort Euern Teuta-Idealen und Staatsweisthümern wider den Strich? Wer entscheidet in Teuta über die Lehrer?

— Der hohe Oberlehrer, der Hüter des heiligen Wortschatzes.

— Da kommt ein Graben, gieb Acht, daß Du nicht auf den Bauch fällst und Dir dabei das Genick brichst.

Und sie lachte über diese „Teuta-Möglichkeit“, daß sich ihre Hüften bogen. Es war auf dem Wege zur Fohlenwiese.

— Schau’ dort das Mädel, Grege, roth wie eine Rose. Wer sitzt über die Rose zu Gericht? Eine andere Rose?

Grege, komisch angeregt, antwortete im parodirenden gelehrigen Schülerton: — Die Nase, die daran riecht, das Auge, das sich an der Farbe entzückt, die Finger, die schmeichelnd daran tasten . . .

— Und sich am Dorn stechen, vollendete Maikka im gleichen Ton, und sie fand den Spaß sehr gut. So viel Laune hätte sie heute dem ernsten Staatsdenker Grege wahrhaftig nicht zugetraut.

Die Fragen in bunter Reihe, sprunghaft über die verschiedensten Gebiete, freuten Grege. Und wie die Mückenschwärme in der sonnigen Luft, so tanzten die Gedanken in seinem Kopf.

— Du, Maikka, wie ist’s in Nordika mit dem Kinderzeugen?

— Frage die Mütter auf der Fohlenwiese. Wir werden gleich dort sein.

— Halten’s die Menschen hier wirklich auch so? Wer hat, der giebt, und wer empfängt, der richtet sich darauf ein?

Grege nahm einen Anlauf, immer lustiger zu werden. Maikka hingegen zog es vor, jetzt ernst zu bleiben. Das heißt, sie zog es eigentlich nicht vor, es kam ihr so.

— Bei einem natürlich gebildeten Volk, das auf sich hält, besteht die freie Wahl-Liebe, nicht wahr? Das Kinderhaben und die Ehe, die sich auf längere oder kürzere Zeit oder auf Lebensdauer daranknüpfen mag, ist Sache des Gefühls und der wirthschaftlichen Erwägungen. Leuchtet Dir das ein, Grege?

Grege eilte, mit einer neuen Frage zu kommen, denn plötzlich fühlte er, als Teutamann, bei dem verhaßten Zustand in seinem Lande, brüchigen Boden unter den Füßen. Er wollte die Szene von neulich nicht noch einmal heraufbeschwören.

— Geschichtlich ist die Ehe doch ein widerspruchsvolles Gewächs.

— Sicherlich, Grege.

— Bei unseren germanischen Vorfahren, so vor ein und zwei tausend Jahren, wie es die Geschichte ausweist, ging’s ein wenig kraus zu.

Maikka brauste auf:

— Ein wenig kraus nur? Unsinnig ging’s zu, unsinnig bis zum Ekelhaften. Mit der damaligen Auffassung von Liebe und Ehe waren doch alle Naturbegriffe gefälscht und alle Moralbegriffe obendrein. Sie hatten’s auch dafür. Wenn man an ihre Ehe-Dramen denkt, fragt man sich, in welchem Tollhaus die Vernünftigen und in welchem Schweinestall die Sittlichen gelebt haben. Und darauf hatten sie noch ein kirchliches und ein staatliches Patent. Neunzehntel aller Sorgen, Quälereien und Lumpereien einerseits, aller Poetastereien und Gefühlsquaseleien andererseits drehten sich um ihr „Ewigweibliches“, was in ihrer Lebenspraxis doch nur ein Ewigabgeschmacktes war. Dazu hatten sie ihre „Frauenfragen“ jahrhundertelang, und nichts vom Standpunkt der Natur aus in direkter Frage, sondern immer aus der verdrehten Kampfperspektive und aus dem Gegensatz der Geschlechter und ihrer Dekadenz. Sich gegenseitig die Kette abzunehmen und der Natur ihren Lauf zu lassen, auf diese Lösung kamen sie nicht.

— Konnten sie nicht kommen, Maikka, eben weil sie ihre Natur verloren hatten. In Nordika habt Ihr gut reden. Ihr wißt nicht, wie schwer man sich mit der Natur zusammenfindet, wenn man seit Jahrhunderten in allen Stücken mit ihr auseinander ist.

Plumps! Und diesmal lag Grege richtig auf der Nase. Er strauchelte über einen ersten und fiel über einen zweiten Draht, der am Boden gezogen war.

Maikka wußte nicht, wo hinaus vor Vergnügen.

— Siehst Du, wie schnell man die Natur findet, wenn man die Kultur übersieht!

— Wie man nur so über Alles lachen kann, Maikka! Ich habe mir wirklich am Schienbein weh gethan.

— Kränkt sich das Schienbein, wackelt die Wade vor Schadenfreude. Warum soll ich nicht lachen? Lacht nicht auch der Himmel über uns?

— Er hat auch schon über uns geweint, fürchte ich.

— Und wird’s hoffentlich noch öfter thun, auch wenn wir ihm keine Veranlassung bieten, aus freien Stücken.

Hinter einer mächtigen Dornhecke lag die Fohlenwiese. Es waren nur einige ältliche Stuten in der Nähe, die faul am Boden lagen, während sich die Sonne in ihrem glatten, brandrothen Rücken spiegelte. Weiter drüben tummelte sich das jüngere Pferdevolk.

Maikka fand schnell den Eingang. Mit Händegeklatsch und Zuruf jagte sie die Thiere auf. Bevor ihr Grege in den umhegten Raum folgen konnte, hatte sie sich bereits auf den Rücken des ihr zunächst stehenden Pferdes geschwungen.

Sie saß rittlings, knotete sich mit der rechten Hand in die weiße Mähne und wendete sich nach Grege um.

— Mir nach, Grege!

Und sie flog dahin, die Haare im Wind. Ihr braunes Röckchen flatterte. Ihre nackten Arme und Beine leuchteten.

Wie sollte er nun das wieder verstehen? Wollte sie ihn völlig verrückt machen? Das Schauspiel war ja an sich ganz lustig anzusehen, diese galoppirende Amazone war ihm eine nagelneue Erscheinung. Er würde sich jedoch hüten, ihr nachzumachen und den Hals zu riskiren. Die anderen Stuten betrachteten ihn sinnend, mit vorgelegten Ohren, dann trabten sie fort, Maikka nach.

Maikka ritt drüben mitten in die weidende Heerde, sprang ab und schwang sich auf ein anderes Pferd, das sie als das Leitroß erkannte. Ihr Lieblingspferd war heute nicht da, vermuthlich wegen anderweitiger Berufserfüllung. Das war nämlich der Zuchthengst, ein herrlich edler und intelligenter Kumpan, unter dessen ritterlicher Obhut die gesammte Fohlenwiese stand. In seiner Abwesenheit führte das Leitroß, gleichfalls ein tadelloses Thier, das Regiment.

— Wohin Du mit mir willst, vorwärts! Hipphipp!

Das Thier griff aus und jagte rund um die Umzäunung, und der ganze Trupp hintendrein mit Gewieher und Gepruste, bis die Reiterin vor Grege hielt, der erschreckt zurückwich.

— Siehst Du, Teutamann, das ist gerittene Mythologie. Magst Du Dich zu mir aufsetzen? Willst Du’s griechisch oder altnordisch?

Grege mußte ihr nun doch Beifall klatschen. Sie sah prachtvoll aus. Verklärt animalisch. Wie ein höheres Thier. Und er hätte wahrhaftig etwas darum gegeben, wenn er sich fähig gefühlt hätte, sich zu ihr aufzuschwingen und mit ihr einen Ritt zu wagen.

Mit jähem Gedankensprung warf ihm Maikka die Frage zu: — Hör’, Grege, kannst Du Dir Deinen Nationalheiligen Zarathustra hoch zu Roß denken? Nein? Er war kein Reitersmann? Er hat nie vom Rücken eines edlen Rosses auf die Welt hinabgesehen, wie ich auf Dich jetzt hinabsehe? Er ist nie der aufgehenden Sonne entgegen, der untergehenden Sonne nachgeritten? Er hat nur Phantasieflüge gemacht, ohne Schluß und Schenkeldruck? Das Pferd gehörte nicht zu seinen heiligen Thieren?

— Was Du für Einfälle hast, Maikka. Zarathustra hoch zu Roß, die Umwerthung der Werthe zu Pferd!

— Dann werthe schleunigst seine Umwerthung um. Alle weltbewegenden Offenbarungen wurden der Menschheit vorgeritten, das Christenthum auf einem geduldigen Eselein, der Mohamedanismus auf einem feurigen Araber. Und Dein Zarathustraismus kommt zu Fuß?

Grege war gedankenvoll herangetreten und reichte ihr die Hand. Sie glitt vom Pferde in seine Arme.

— Das viele Lachen hat mich dumm gemacht, wahrhaftig. Plötzlich fühle ich meinen Kopf so leer. Laß uns den Heimweg suchen.

Sie hing sich an seinen Arm und folgte ihm schweigend im heraufziehenden Abendfrieden.

Sie war wie verwandelt.

— Ueber Zarathustra, fing sie später leise an, aber es war doch, als klinge wieder ein verhaltenes Lachen durch, — über Zarathustra muß ich mit Dir noch besonders reden. Es sind die letzten Mucken, die ich aus Deinem Kopf vertreiben muß. Kennst Du den vollständigen Zarathustra?

— Die hauptsächlichsten seiner Reden, ja. Alle zu lesen wird in Teuta nicht für gut gehalten. Auch von den Kommentaren sind uns nur wenige erlaubt.

— Daran liegt nichts. In meiner Bibliothek kannst Du Alles finden. Aber sag’ mir, was weißt Du von seinem Leben?

— Nicht mehr, als unsere Autoritäten verkündigen. Er lebte um die Wende des zweiten Jahrtausends. Er war ein Heiliger und ein Märtyrer. Erst fünfhundert Jahre nach seinem Tode wurde er anerkannt. Bei Lebzeiten mußte er sich wahnsinnig stellen, um seinen Henkern zu entgehen. Nachdem er gestorben war, hörte man noch fünfzig Jahre seine Stimme aus dem Sarge murmeln, und über seinem Grab sah man bei Tag seinen dunklen Schatten und bei Nacht seinen lichten Schein als Abbild der entschwundenen Gestalt.

— Das glaubst Du Alles buchstäblich?

— Es war jedenfalls ein wunderbarer Mann.

— Welcherlei Wunder hat er verrichtet, nachweislich? Daß er Euch Teutaleuten die Köpfe verdreht hat und daß Ihr, als Gegenleistung, ihm seine Lehre, soweit sie vernünftig ist, verdreht habt, ist eigentlich so wunderbar nicht. Welcherlei andere Wunder also?

— Er hat den damals mächtigsten Papst der Welt, einen Musikzauberer, der in Bayreuth einen Tempel errichtet hatte, als modernen Minotaurus entlarvt, in einer mit Blut und Galle geschriebenen Schrift „Der Fall Wagner“, die seitdem verschollen ist, weil die Verbündeten des Zauberers alle vorhandenen Exemplare an sich gebracht und vernichtet haben. So stark wirkte die Schrift, daß der Zauberer seinen Tempel verließ und nach Italien floh. Dort trat ihm Zarathustra persönlich entgegen und setzte ihm so stark zu, daß der in die Enge Getriebene keinen Ausweg mehr wußte, als sich aus einem Palast in Venezia in das Meer zu stürzen. Aber selbst im Meere ließ ihm Zarathustra keine Ruhe. Sein Athem trieb den Leichnam durch alle Meere, um die ganze Halbinsel Italia herum, bis er an der Sirenen-Insel angeschwemmt und neben den Gebeinen eines anderen Zauberers aus dem Alterthum, Vergilius, bestattet wurde. Später gruben ihn die Gläubigen wieder aus und bestatteten ihn heimlich in seinem Tempel in Bayreuth.

— So lehrt Euere historische Wissenschaft in Teuta? Das läuft Dir wie Auswendiggelerntes über die Lippen. Hast Du darüber auch nachgedacht?

— Man braucht wohl nicht Alles buchstäblich zu glauben. Aber das ist die Lehre unserer ersten Autoritäten.

— Das läßt sich hören. Erzähl’ weiter. In diesem Ton. Er sei ein Heiliger und ein Märtyrer gewesen, lehrt Ihr. Wie begründet Ihr das?

— Zum Heiligen macht ihn nicht bloß sein beispielloser Wahrheitsmuth, sondern auch sein enthaltsames Leben. Damals schwelgte die ganze Welt in einem braunen Taumeltrank, Bayerisch-Bier genannt, und die Gelehrten und Ungelehrten vertilgten täglich und die Nächte hindurch unmenschliche Mengen dieser giftigen Flüssigkeit. Zarathustra predigte dagegen, zum allgemeinen Aergerniß. Namentlich die Leute waren wüthend auf ihn, die diesen Trank in riesigen Fabriken oder Apotheken, Brauereien genannt, herstellten und damit fabelhafte Summen gewannen, denn sie hatten besondere Bierbahnen um die ganze Erde gebaut, so daß fortwährend ein ungeheurer Bierstrom mit tausend Nebenflüssen und Kanälen den Planeten überschwemmte. Diese Leute verfolgten den bierfeindlichen Zarathustra bis auf’s Blut und hetzten ihn von Land zu Land. Endlich entfloh er ihnen in’s Hochgebirg, in die Eiswüsten der Alpen. Er führte stets einen Becher bei sich, aus den Quellen oder von der Milch der Gletscher zu schöpfen oder den Regen des Himmels aufzufangen. Die übrige Nahrung brachten ihm die wilden Thiere zu, Adler und Schlangen. Gehaßt und verfolgt wurde er auch von den Frauen, die nur um der physischen Wollust willen stets die Männer um sich haben und sie als Werkzeugsthiere für ihre sinnliche Befriedigung unterjochen wollten. Denn in jenen Zeiten kannte man die freie, natürliche Liebe nicht. Man kannte nur die Zwangsehe und die Prostitution. Diesen Einrichtungen trat der heilige Zarathustra entgegen, wie einem giftigen Gewürm setzte er ihren Anhängern den zermalmenden Fuß auf den Nacken. Ueber die Frauen jener Zeit hing er die Tafel auf: „Es ist besser in die Hände der Räuber, als in die Träume eines brünstigen Weibes zu fallen.“ Einige alte Jungfrauen, die seine Lehre billigten, folgten ihm nach und verließen ihn nicht, so lang er in der Ebene und in den großen Städten weilte, unter den gefährlichen, ausschweifenden Bestien. Sie bildeten seine Leibgarde und Schutzwacht.

— Auch das läßt sich hören, Grege. Du hast Deine historischen Autoritäten gut inne. Und welches war das Ende Deines heiligen Märtyrers nach der Lehre der Teutaleute? Sag’ Dein Sprüchlein zu Ende!

— Als er seinen Tod nahen fühlte, floh sein Geist in den Leib eines mystischen Mechanikers und tadellosen Gelehrten, der viele Geheimnisse der griechischen Götter ergründet hatte, und wirkte hier noch lange in schrecklichen Schriften. Die Jugend war Feuer und Flamme für ihn. Die Alten versuchten ihn Anfangs zu widerlegen. Als sie aber sahen, daß sie von den Jungen nur verlacht wurden, ließen sie’s und schüttelten betrübt die Köpfe. Von Staatswegen, im Interesse von „Thron und Altar“, wie damals die Formel lautete, versuchte man ihn durch Todtschweigen umzubringen. Allein das gelang auch nicht. Körperlich konnte man seiner nicht habhaft werden, weil er die Gabe besaß, nach Belieben die Gestalt zu wechseln.

— Wie nennt sich bei Euch jener tadellose Gelehrte?

— Nietzischki, denn er stammte von dem inzwischen von der Erde verschwundenen Volksstamme der Polen. Und hier beginnt schon unser Mysterium. Der Name Nietzischki darf in Teuta nur einmal im Jahre öffentlich ausgesprochen werden, am Zarathustra-Feste, und zwar nur von mir . . . das heißt, wenn ich dabei bin . . . wenn ich wiedererscheine . . .

— Ach, Grege, mir wird von alledem so dumm. Ich fürchte, ich fürchte . . .

— Was fürchtet meine Maikka? fragte Grege zärtlich, in kindlicher Sprechweise, wie sich selbst unbewußt.

— Ich fürchte, daß auch etwas von einem fremden Geiste, der sein Ende nahen fühlt, in mich gefahren. Wenn ich ihn beherberge, werde ich gleichfalls Schrecken wirken müssen. Sag’ mir noch eins: Welche Zarathustra-Lehre stellt Ihr an die Spitze des mysteriösen Systems?

— Die geheimnißvollen Gegensätze: „Man soll die lieben, die Gewalt haben.“ „Man soll alles überwinden, was Gewalt hat . . .“

— Nun wohl, Teutamann, schaff’ Dir Gewalt an, und ich werde Dich lieben. Versuche Gewalt über mich zu haben, und ich werde Dich überwinden. Gut Nacht.

Und sie riß sich von ihm los und eilte davon, wie von Gespenstern gejagt.

Und Grege stand allein im Felde, und vor ihm senkte sich die Finsterniß des Himmels herab auf die purpurne Erde. Er stand wie in einem Traum, mit schmerzlichem, allmählichem Erwachen, als wäre der Leib von der Seele verlassen gewesen und müßte sich erst Alles wieder ineinander finden. Was hatte er vorhin erzählt? . . . War das Erträumtes, Erdachtes, Erinnerung an einst Erlebtes, mit späteren Lehren und Phantasien und zugeflogenen Irrthümern Vermischtes?

Noch eine Minute, und Nordika begann zu leuchten.

Grege wußte lange nicht, wohin sich wenden. Es war ihm, als hörte er ein gellendes Lachen in den leuchtenden Lüften, wie an jenem Abend, da ihn Maikka auf das Drachenschiff beschied.

 


Der Wind hat sich gedreht und setzt den Laubkronen im Schulhain lebhaft zu. Er bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord und weht die Haare um Grege’s Ohren und jagt manchmal eine Locke über die Nase hinweg — und mit den Gedanken im Hirn macht er’s noch schlimmer, die jagt er bald wie Spreu, bald wie eine Schaar ängstlicher Vögel vor sich her, und Grege greift nach der Locke und streicht sie hinter’s Ohr, wo sie nicht halten will, und er drückt die flache Hand über die Augen und an die Stirn, aber es nützt nichts, die Gedanken bleiben nicht fest und nicht einmal die Sinne halten Stand.

Was soll denn all’ die Unruhe? Wer schafft denn all’ den Unbestand? Ist’s nur der Wind? Oder die Frau, die da droben steht, im verschleierten Licht, und vom Schlagschatten eines vorspringenden Balkens in eine schwarze und eine weiße Hälfte getheilt wird? Es ist nicht Maikka. Maikka hütet das Haus. Es ist ihr nicht just. Die da droben steht, Grege weiß nicht einmal ihren Namen, giebt ihr an Beredtsamkeit nichts nach, und ihre Gedanken lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Ihre Stimme hat nicht Maikka’s Klang und Glanz; ihre Bewegungen sind nicht so eindringlich, ihre ganze seelisch-körperliche Art erinnert an eine Andere. An wen denn? Warum findet er’s nicht? Warum formt sich überhaupt kein Bild in seinem Kopf? Warum dieses Gewirr von Linien und Lichtern?

Sind’s die Zuhörer, die ihm all’ die Unruhe und den Unbestand schaffen?

Es sind dieselben Leute, die er schon oft an dieser Stelle gesehen, und wenn es nicht dieselben sind, so sind es ähnliche. Einfache, schlichte, aufmerksam lauschende Gesichter, reinliche Seelen in reinen Gewändern, geweihte Gefäße ehrlicher Wissenschaft. Dieselbe Gruppirung wie sonst, nur die Reihen dichter, und mehr Jünglinge und Männer als Mädchen und Frauen. Das ist’s nicht, was Grege so zerstreut macht.

Der Wind bringt den Duft von den Bergen und von den fernen Wassern . . . Das flüsternde, raschelnde Birkenlaub . . . Warum warst Du noch nicht am Fjord? Warum schwingst Du Dich nicht über’s Meer, die Gestade abzusuchen? . . . Was sprechen die in Teuta von Dir, von ihr? Wie feiern sie das große Fest? Was für Possen verüben sie da? Wer trägt diesmal Krone und Mantel und gaukelt mit dem Szepter? . . . Wie lange noch? . . . Wie . . .

Den Zuhörern entschlüpften Beifallsrufe. Die Aufmerksamkeit wird erregter, leidenschaftlicher.

Was spricht sie denn, die beredte Frau mit den strengen Mienen und der ernstgehaltenen Gestalt? Ihre Haare sind dunkler, als die der Meisten hier. Alles hat eine dunklere Färbung, auch ihre Gedanken, und die Weltbilder, die sie entrollt . . .

Von Katastrophen, von Umstürzen, von Zusammenbrüchen.

Grege strengte sich an, mehr zu hören und festzuhalten, als einzelne Worte und Sätze. Er will seiner Unruhe Herr werden, er will seine Nerven zäumen und zügeln mit festem Willen, er will sich selbst überwinden . . . Wie Alles überwunden werden muß, was nur Flüchtigkeit, Störniß, Wesensfremdes, damit der Kern der Persönlichkeit rein und stark wachse, keine Zerstreuung die Triebkraft mindere . . . Eine große Aufgabe schafft große Verantwortung, Selbstverantwortung . . . Hier unter fremden Leuten, fremden Dingen, fremden Gewohnheiten, fremden Anschauungen, fremden Begriffen, warum findet er sich nicht selbst geschlossener, warum fühlt er sich nicht selbst gesammelter, gerade heute, wo er dem Banne Maikkas, der Wirkung ihrer mächtigen Natur entrückt ist? Wo er wieder einmal, ganz er selbst, sich in eigenem Vollbesitz haben könnte?

Der Wind bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord — warum läuft er nicht dem Wind entgegen, hinaus an’s Meer? Warum zögert er hier? Was fesselt ihn? Weit von hier liegt sein Ziel, warum rührt er sich nicht von der Stelle? Schöpft er hier seine volle Freude, ein Spielball wechselnder Eindrücke, fluthender Suggestionen, überraschender Beglückungen, denen das Gefühl seiner eigenen persönlichen Herabwürdigung folgt wie der Schatten dem Licht? Mit welchen Augen müßten ihn die Hörer hier, in deren Mitte er, seiner selbst nicht mächtig, den Lauschenden spielt, mit welchen Augen müßten sie ihn betrachten, wenn sie Augen für ihn hätten? Bedeutet er für sie etwas Ernsthaftes, für das man mehr haben muß, als gastliche Zuvorkommenheit und menschliche Duldung? Und an der Seite Maikkas, ist er da mehr als der Planet, der die Sonne umkreist, damit sie ihm von ihrem Ueberschwange spende, damit sie ihrer Ueberfülle ledig werde und ihres Uebergewichtes stolz bewußt, da sie ihn in ihre Bahnen reißt? Wenn ihn seine Volksgenossen von Teuta jetzt so sähen, würden sie nicht mit Fingern auf ihn zeigen und höhnen: Seht, ist dieser da der eigenwillige, stolze Grege, der große Unbefriedigte, dem Teutas Herrlichkeiten zu gering? Nun zehrt er von fremder Kost und ist des Dankes voll! Seht seine Ergebenheits-Miene! Wie er in Bewunderung kniet, wie er auf fremden Wink läuft — und wahrhaftig, trägt er nicht auch fremde Kleider auf dem Leibe und vielleicht fremde Verpflichtungen in der Seele, er, der daheim Niemand verpflichtet sein wollte?

Und wie er dieser inneren Stimme aus der Heimath lauschte, brachen die Zuhörer rings um ihn in hellen Beifall aus, also daß er erschreckt auffuhr und beinahe laut rief: Was geht das Euch an? Und er versuchte, aus der dichten Gruppe herauszukommen und fortzueilen, da er doch nicht vermochte, dem Vortrage der Meisterin mit Nutzen zu folgen aus innerer Zerstreutheit und Flucht der Gedanken. Aber immer neue Zuhörer waren beigeströmt, und rückwärts standen sie Kopf an Kopf, weit in den Garten hinein. So konnte er nicht entweichen.

Wieder mühte er sich, gleich den Anderen, der Rednerin ein williges Ohr zu leihen und sein Interesse an den Faden ihres Vortrags zu knüpfen. Allein es gelang ihm nicht. Was er zu hören wähnte, dünkte ihm nur ein Spiel mit geistreichen Worten, ein glänzendes Gewebe von Behauptungen, deren Richtigkeit er nicht zu prüfen vermochte. Und für oratorische Musik allein war er diesmal nicht empfänglich. Was die Anderen elektrisirte, ließ ihn unbewegt. Die Anderen? Was gingen ihn die Anderen an?

Gestern — seine Gedanken vagabundirten schon wieder in Erinnerungs-Bildern — gestern war er in ihrem Laboratorium gewesen. Er wurde freundlich zugelassen und erhielt was er wünschte. Es wurde ihm eingeräumt, selbst zu arbeiten und Versuche anzustellen. Als er alle Stoffe und Werkzeuge an der Hand hatte, bereitete er sich seine Surros. Längst hatte ihn danach gehungert, denn er fing an, den naturalistischen Leckerbissen Nordikas abgeneigt zu werden. Seine Surros, heimlich bereitet nach seiner eigenen Erfindung, mundeten ihm zwar nicht so köstlich wie daheim, aber sie dünkten ihm doch über alle Vergleiche gut. Er bot sie den Anderen zum Kosten an, sie lehnten dankend ab. Einige probirten zwar ein wenig davon, fanden sie aber nicht nach ihrem Geschmack. Ob das Arzeneimittel für Kranke wären? fragten sie. Maikka selbst, der er einige Kugeln überreichte, leckte mit der Zungenspitze daran, um dann lächelnd zu erwidern, sie wolle sie doch lieber „zum ewigen Andenken“ aufbewahren, als sie von ihrem Magen verarbeiten lassen. Dann preßte sie schnell ihre Lippen zwischen seine Lippen und züngelte von einem Mundwinkel zum andern wie ein verliebtes Schlänglein und schwor hoch und heilig, die Natur sei doch so viel süßer und nahrhafter, als alle chemischen Künsteleien — und je mehr man von ihr genieße, desto heftiger wecke sie die Begierde und aus schöner Sättigung wachse immer schönerer Hunger . . . Die Unersättliche! Und das Ende war, wie immer, daß ihr blühender Wille ihn bis zur Trunkenheit betäubte und unterjochte. Und mochte er sich zehnmal als männlichster Mann fühlen, Siegerin blieb das Weib in närrischer Unverwüstlichkeit, und ihr Geist frohlockte und wurde des Jubels in ihrem Blute nicht müde.

Wieder ging zustimmendes Murmeln durch die Reihen. Die Sprecherin wiederholte den vom Beifall unterbrochenen Satz, so daß auch Grege die Worte vernahm: „Krakehler und Kritiker waren sie, unbotmäßige Naturen, schöpferischer Ordnung abhold, all’ ihren Gelüsten ließen sie die Zügel schießen, bis sich aus dem sozialistischen Chaos die zweite Revolution gebar, die mit einer neuen Militär-Diktatur endigte. So wurde am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts mit den letzten Trümmern einer dekadenten ideologischen Weltreformkomödie blutigster Sorte aufgeräumt“.

Zwanzigstes Jahrhundert! Die uralten Geschichten, was sollten sie ihm heute? Er konnte die Begier der Nordika-Leute nicht begreifen, mit der sie diese schimmeligen Historien verschlangen. Und dieselben Leute konnten seinen Surros keinen Geschmack abgewinnen!

Während der Strom der großen Geschichtsrede an seinen Ohren weiterrauschte, gedachte er seines zweiten Besuchs bei dem Landschaftsältesten. In seiner Bewunderung des gütigen und klugen Patriarchen war ihm bei der Begrüßung die Anrede „Hoheit“ entschlüpft, wie sie in Teuta vor den Staatspersonen üblich. Und wie Abendwetterleuchten zuckte es aus des Patriarchen Augen, während sein Mund geschlossen blieb. Dann sprach er: „Hoheit! Soll das ein auszeichnender Titel sein, so merk Dir dieses, Grege: In Nordika darf sich Jeder jeden beliebigen Titel beilegen. Nun, was meinst Du, was geschieht? Keiner betitelt sich, selbstverständlich. Also erspare mir die Scham, Dir für den Titel danken zu müssen. Steck ihn wieder ein. Du bist unter den Menschen von Nordika. Uns in’s Auge zu sehen und den Mund aufzuthun, genügt. Wir kennen uns von einander und zu einander. Mehr bedarf’s nicht. Sei gegrüßt, Grege!“

Wahrhaftig, er möchte jetzt aus seiner Haut fahren. Alles rappelt und zappelt in ihm. Wie ihn die Leute umdrängen, ihm auf den Leib rücken mit ihrem heißen Dunst. Sie schwitzen vor Aufmerksamkeit. Kein Wort, keinen Ton, keinen Schnaufer wollen sie sich entwischen lassen. Sie hören mit dem Munde, mit den Augen, mit dem ganzen Leibe. Sie sind so bei der Sache, als wären sie selbst nur Theile von der Rednerin, mit ihr verwachsen, ein Herz und eine Seele, ein einziger Geist mit ihr, als sprächen sie Alle aus ihrem Munde, als hörten sie sich selbst und genössen sich selbst. Er allein ein Abgesonderter. Einer, der seine eigene Atmosphäre mit sich trug, undurchdringlich. Und sie drückten auf ihn, sie preßten ihn. Sie schnürten ihn in seine Atmosphäre ein, daß ihm die Knochen krachten, die Seele erstickte . . . Es wurde ihm schwarz vor den Augen . . . Er sank in den Boden, er war verschwunden . . . Die Seele verflogen . . .