Fix kniete vor der Gruppe nieder, griff nach der andern Hand, drückte sie in der seinigen und riß gierig die Augen auf, um die Formen des weiblichen Gesichts zu erspähen.
— Du bist jung und schön, es ist keine Gefahr mehr. Wer bist Du? Ich schütze Dich!
— Schweig’, Fix! Sie bedarf der Ruhe. Du erschreckst sie mit Deiner Heftigkeit.
Offenbar war sie wieder in Bewußtlosigkeit zurückversunken.
Um nicht unnütz die Zeit zu verlieren, kamen die Männer überein, gemeinsam die Fremde zu tragen. Keiner wollte sie dem Andern überlassen, der Weg war ansteigend und schwierig, und so war’s das Vernünftigste, sich in die Last zu theilen.
Dann ging’s vorwärts, der Siedlung zu. Keiner sprach unterwegs mehr ein Wort.
An der ersten Hütte, die erleuchtet war, machten sie Halt. Es war die Willem Mom’s, dessen alter Vater, an Schlaflosigkeit leidend, sich ein kleines Feuer angeschürt hatte, um Thee zu kochen.
— Hier Vater, mach Platz’ auf dem Lager, wir bringen menschliches Strandgut. Ein Weib.
— Ein Weib? rief der Alte. Dann weckt ein anderes Weib zur ersten Hilfe.
Aber da waren nicht viele Umstände zu machen.
— Sie kommt nicht aus dem Wasser, Vater, es bedarf nicht des Umkleidens. Warmes Lager und einen warmen Schluck.
Schon war Fix mit der Theekanne zur Hand.
Bald war alles Zweckdienliche vollbracht. Die Fremde belebte sich auf dem wohligen Lager, im Dämmerlicht der stillen Hütte.
— Wo? Wo bin ich? war ihre erste Frage.
— Hier bei uns, öffne die Augen, Kind! rief der Vater Mom.
— Ist Grege da?
Die Männer sahen sich an.
— Wer ist Grege? fragte Fix, sich über sie neigend.
Sie schwieg. Wie eine Todte lag sie wieder da, den Leib langausgestreckt, die Hände über der Brust gefaltet.
Laßt sie ruhen, sagte Vater Mom. Aber in ihm selbst war eine seltsame Unruhe. Nach geraumer Weile hob er die Leuchte hoch. Der Lichtschein ergoß sich über das jugendliche Antlitz, daß es zu lächeln schien, und entzündete den Glanz der reichen blonden Haare. Die Männer standen betroffen vor so edler Schönheit.
Auch durch die Fenster drangen jetzt die Lichtboten des sich sonnig hellenden Morgens und schlüpften durch die angelehnte Thür.
— Sie träumt wohl, meinte Fix. Seht ihr Gesicht, wahrhaftig, es lächelt.
— Oeffne die Augen, sieh’ uns an, bat Willem Mom.
Endlich bewegten sich ihre Lippen: — Dank Euch. Ich habe nicht Augen zum Sehen.
— Sie redet irr, flüsterte Fix.
Als er sein Gesicht dem ihrigen näherte, daß sie den Hauch seines Athems spürte, wehrte sie mit schwacher Handbewegung ab. Zwischen Daumen und Zeigefinger erschien ein blaßrother Stern.
Fix entging er nicht.
— Ist da nicht eine Spur von Blut an ihrer Hand? wollte er fragen. Aber schon hatte sie ihre Hand wieder gefaltet, und die Anderen waren mit eigener Beobachtung beschäftigt.
— Warum willst Du uns nicht sehen? fragte Willem Mom in zärtlichem Tone. Wie heißt Du?
— Ich bin Jala, die Blinde, kam es wehmuthsvoll aus ihrem Munde.
— Die??
— Sie ist blind! rief Willem Mom erschüttert.
— Das ist ja nicht möglich! fuhr Fix leidenschaftlich auf.
Vater Mom schüttelte seinen alten grauen Kopf: — Nicht möglich? Es giebt kein Unglück, das nicht möglich wäre.
Dann, gegen das Lager gewendet:
— Ist’s wirklich so? Bist Du blind?
Jala hob zitternd ihre Augenlider empor. Zwei große blicklose Augen enthüllten sich wie wolkenverschleierte, unergründliche Sterne.
Die Lider fielen wieder herab, und um den Mund zuckte ein stolzer Schmerzenszug.
— Jala heißt Du? fragte Vater Mom, die Hände gefaltet.
Sie nickte und seufzte:
— Meine Augen sind bei Grege. Ist er noch nicht hier? Der wird Euch Alles sagen.
— Wo kamst Du her? Wer ist Grege? fragten die Männer durcheinander.
Der Frühwind sprang über’s Meer und jagte die Thür auf.
Flammend grüßte jetzt die Sonne in’s Gemach.
Jala lag wieder da, still, wortlos, Lippen und Augen wie in tiefem Sinnen geschlossen, ein schmerzliches Geheimniß des Lebens sich selbst und ihren Rettern.
— Ich will eine Frau rufen, sagte der alte Mom. Das geht über Männerwitz.
Kapitel 6
Die Luft klar wie Krystall.
Der Himmel blaßblau, mit einigen büschelförmigen Wölkchen zur Rechten und Linken, die einzeln sich bewegten, wie von gegensätzlichen Kräften getragen.
Und unten auf Erden schien ein Sturm zu toben.
Keiner wußte mehr Raths, seit der Apparat versagte.
So ging’s die Nacht hindurch, so den zweiten Tag.
Erfreulicher Weise führte die Flugbahn durch milde Temperaturen, selten gekreuzt von einer kalten Strömung. Wie weit von der Erde entfernt, war kaum mehr zu schätzen.
Bei dem Zusammenstoß mit dem räthselhaften unbemannten und dunklen Riesenfahrzeug waren alle Instrumente verloren gegangen, die Leuchte dazu und alle Mittel, bei Insichttreten anderer Fahrzeuge Zeichen zu geben.
Gewiß, es war ein Wunder, daß man bei dem ungeheuren Anprall im wilden Wirbel des Fallwindes überhaupt nicht vollständig scheiterte.
Wie nun das Abenteuer enden würde? Keiner konnte es wissen. Der steuerlose Flug spottete jeder Berechnung.
Nur den einen Schluß ließ die andauernde blaßblaue Färbung des Himmels und die krystallene Klarheit der Luft zu, daß man sich den Regionen des Pols näherte. Also lächerlich weit ab vom Ziel.
Und richtig, wie das Wetter tief unten ausgelärmt hatte, war fremdes weißes Land in ungeheuren Flächen zu erkennen.
— Vielleicht, daß wir uns an den Eisnadeln des Pols ein wenig anspießen zum Verschnaufen, spottete der Jüngere.
— Und einem Eisbären das Fell über die Ohren ziehen, damit es uns den Buckel wärme. Uebrigens ein spaßhafter Anblick, die alte Mutter Erde in dieser Rieseneismütze. Wann wird die gute Dame die Mode wieder ändern und sich Urwälder hinter den Ohren wachsen lassen und sich Palmenzweige auf den Scheitel stecken? Was meint unser Freund Grege aus dem gelehrten Teuta?
— Siehst Du, Grege, begann wieder der Jüngere, in dieser programmwidrigen Weise die Welt umkreisen, darin besteht das eigentliche Reisevergnügen. Das erfrischt und bildet zugleich. In Deinem Teuta wärst Du nie dazu gekommen, aus solcher Höhe den Wundern der Schöpfung in die Töpfe zu gucken.
Grege mußte die Kaltblütigkeit und Laune dieser Leute bewundern. Besonders der Aeltere, der mit dem Todtenkopf, war von einer verblüffenden Ruhe. Außer seinem wehenden Bart, an dem man förmlich die Richtung und den Wechsel des Windes ablesen konnte, hatte er nichts Bewegtes an sich. Selbst seine Lippen schienen beim Sprechen starr zu bleiben. Und er sprach nicht am wenigsten. Dergleichen hatte Grege noch nie erlebt. Der baroke Humor in dieser Situation absoluter Hilf- und Rathlosigkeit war ihm eine Offenbarung. Daß er selbst meist die Zielscheibe ihrer Hänseleien wurde, nahm er seinen Entführern schon gar nicht mehr übel in der gemeinsamen Noth.
Von der Ausfahrt bis zum Zusammenstoß mit dem irrenden Luftschiff in den ersten vom ausziehenden Wetter stichdunklen Nachtstunden hatten sie kein Wort an ihn gerichtet. Sie ignorirten den Gefesselten in seiner knirschenden Betäubung vollständig.
Bald nach dem Zusammenstoß lösten sie seine Fesseln, und ihr erstes Wort an ihn war Spott. Aber es klang ihm nicht bös, eher humoristisch.
— So, Mann, jetzt bist Du frei, wie wir, Du kannst Dich nach Herzenslust bewegen und hingehen, wo es Dir beliebt.
In der geisterhaften Geräuschlosigkeit der Fahrt durch den nächtigen Weltraum war ihm so beispiellos unbegreiflich zu Muthe, daß er kaum einen bestimmten Gedanken denken konnte.
Nach dem ungeheuerlichen Sturz und Wirbel des Fahrzeugs im Trichter des Fallwindes hatten auch seine Entführer allerdings eine Zeitlang das Spotten vergessen und hantirten ernst und schweigend in der Gondel herum. Als sie sich vergewissert hatten, daß vorerst nichts zu unternehmen war, als dem Schicksal seinen Lauf zu lassen, richteten sie einige freundliche Worte an ihn.
— Nimm’s uns nicht übel, wir hatten’s besser mit Dir vorgehabt. Wir werden Dich für die ausgestandene Angst schadlos halten, sobald wir geborgen sind. Dann wirst Du auch eine liebenswürdigere Meinung von uns gewinnen. Willst Du frei sein, Flüchtling?
Und der Aeltere nahm ihm die Fesseln ab.
Grege hatte seither kein Wort mit ihnen gewechselt. Er vermied auch, ihnen in die Augen zu sehen. Er fürchtete das kalt Beherrschende, das starr Bannende ihres Blicks. Es ging etwas von ihnen aus, das entwaffnete und lähmte. Alle Schrecken seiner ersten Ueberwältigung und Fesselung vermeinte er wieder zu fühlen, wenn er ihnen in die Augen sah. Jetzt erst, wo ihr Schicksal ein gemeinsam ungewisses war und gemeinsam der Selbsterhaltungstrieb neuen Katastrophen gegenüber, fand er sich in’s Unvermeidliche und fühlte sich fast als ein mit ihnen auf Leben und Tod Verbündeter.
Nur wenn er an Jala dachte, war’s mit seiner Fassung vorbei.
— Jala, meine muthige, arme Jala, wenn Du wüßtest! Das war ein übler Anfang. O über die verwünschte Wunde!
Und er fühlte die Geliebte fast in körperlicher Nähe, hergezogen durch die schmerzlich überquellende Sehnsucht seiner Seele.
Dann aber sah er sie als märchenhafte Erscheinung in unmeßbarer Ferne wieder verschweben und sich selbst und seine Genossen wie außerhalb aller Welt, losgelöst von allem irdisch Menschlichen, und eine dumpfe Ruhe folgte auf die bittere Erregung.
— Seid Ihr gewiß, daß wir uns in der Nähe des Pols bewegen? fragte er seine Peiniger.
— Die unendlichen Schneelagen da unten und die schimmernden Gletscher schließen den Zweifel aus.
Die Strahlen der versinkenden Sonne schrägten über die schneeige Erde und lockten aus dem Weiß ein wunderbares Spiel zarter Farben.
Grege machte große Augen. Er strengte seine Sinne an.
Wie unfaßbar neu und von seltsamer Majestät war das Schauspiel, das die Erde aus dieser fabelhaften Höhe bot!
Gleich schwarzen Flecken saß das Wasser zwischen der Landschaft ewigen Schnees. Diese schwarzen Arabesken im Farbenspiel waren doch Wasser? Er mochte nicht fragen.
Die Gletschergipfel und die Zinken der Eisberge flammten auf wie ein Feuerwerk. Eine lange rosige Dämmerung legte sich darüber.
Schloß er die Augen, dann nahm die Nacht Alles unter ihren dunklen Mantel. In der Höhe aber brannten die Lichter des Himmels in kaltem, wundersamem Glanz.
Endlich kam das Prunkstück der Nacht, der volle goldene Mond, getragen von einem zuckenden Schimmer, der aus der Erde heraufzubrechen schien.
Selbst die Angelos verstummten vor dieser großartig einfachen Schönheit in dieser weltentrückten Höhe, wo Alles nur in himmlischer Reinheit als Licht und Farbe wirkte, keine Form für sich bestand, außer in den Zuständen dieser beiden Medien und ihrer einzigen Idealität.
Keiner hätte vermocht, in Worte zu fassen, was sie bei diesem Tiefblick in das All und ihre eigene unwillkürlich erschauernde Seele empfanden, keiner ein Bild gefunden, um diese Stimmung auszudrücken. Es war das äußerste Raffinement des Reizes, den die Natur auf menschliche Wesen auszuüben vermochte, in diesen fremden Regionen.
— Das geht bis zur Stupidität, sagte der Jüngere, um sich aus dem Zauber zu lösen, und über die Stupidität geht nichts.
— Ganz meine Meinung, bestätigte der Aeltere.
— Aber wird damit etwas wett gemacht? fragte Grege mit dunkeler Stimme, die Augen aufschlagend, wie im Traum.
— Diese Frage an das Schicksal steht uns Menschen immer frei. So oft wir sie auch wiederholen, klüger werden wir nicht dabei, erwiderte der Aeltere. Lass’ ruhig Deinen Bart wachsen, Grege, und wisch’ Dir den Mund. Wir thun das Gleiche.
Grege versank in Schweigen, das auf’s Neue zu einem schlummerähnlichen Zustand überleitete. Die Einförmigkeit der Bewegung war so unerschütterlich, daß er glaubte, er hinge still in der Luft, regungslos, und doch schwebte die Erde unter ihm fort und die Ereignisse nahmen ihren Gang. Aber er war so unbetheiligt an Allem — — so verwandelt — — —
Hinter seinen geschlossenen Augenlidern sah er in purpurner Nacht einen Stern blinken, geliebte erblindete Augen, feucht schimmernd von Thränen, von der Sehnsucht geweint und der Verzweiflung.
Die Angelos zuckten die Achseln über den Entschlummerten.
Der Aeltere zog ein feines Elfenbeinkämmchen aus der Tasche und strich damit seinen Bart.
— Originell ist er immerhin, dieser Typus.
— Eine Hilfe in dieser verwünschten Irrfahrt ist er uns freilich nicht. In normaler Lage wäre er seinen Preis werth. So aber kann er uns selbst theuer zu stehen kommen.
— Hoffentlich bringen wir ihn mit heiler Haut heim, die Rückkehr überhaupt vorausgesetzt.
— Wenn wir nicht gezwungen werden, ihn als Ballast hinauszuwerfen. Wir gondeln bedenklich tief, da unten ist’s Meer. In seinen Schlünden zwischen Eisbergen zu landen, dünkt mich kein wünschenswerther Abschluß unserer Fahrt. Schlechtes Geschäft. Verdammt kalter Wind, der da unten streicht.
Der Jüngere hatte diese Worte rauh herausgestoßen. In seinen Augen blitzte es seltsam.
— Zweifellos sind wir verloren, wenn wir noch länger mit sausender Geschwindigkeit auf dieser schiefen Ebene abwärts gleiten. Lassen wir den Teutamenschen fliegen oder nicht, das ist jetzt die Frage. Es geht auf Tod und Leben.
— Er schläft. Der Augenblick ist günstig. Mit einem Griff und Wurf ists gethan. Opfern wir ihn! Fort damit! Bist Du nicht entschlossen?
— Sicher, das ist rasch zu machen. Vielleicht warten wir doch noch eine Minute, bevor wir die Beute preisgeben. Eine kleine Schwenkung der Luft und wir gewinnen neue Kraft. Ich bin nun nicht sicher, daß wir den Pol in der Nähe haben. Der Lichtschein ist noch zu schwach. Das ist kein Polarlicht von der richtigen Stärke.
— Ebenso zweifellos ist, daß wir außerhalb des vernünftigen Kurses in der reinen Wüstenei irren. Kein einziges Fahrzeug weit und breit. Die verlassenste Gegend der Welt. Wir können uns nur über der öden Platte befinden. Für das Polarlicht ist die Jahreszeit nicht genügend vorgerückt. Das Ding funktionirt noch nicht. Ich bin für den kurzen Prozeß. Schleudern wir auf gut Glück die Last hinaus. Finden wir den Rückweg, können wir uns ein anderes Exemplar einfangen.
Grege fuhr aus einem furchtbar bösen Traume ächzend auf und richtete sich stracks empor, mit gesträubtem Haar, in bleichem Schrecken: Man hatte seine Jala erschlagen. Seine Jala erschlagen in der Irrniß, an fernem Strand! Sein Herz sprach ihm zu, es sei nicht möglich. So Grauenvolles und Sinnloses — ganz unmöglich. Dennoch rang er in schneidendem Weh die Hände. Eher müsse die Welt, die ganze lumpige Welt in Trümmer gehen — —
Blitzschnell faßte ihn der Jüngere von hinten, kreuzte ihm die Arme um den Leib und stieß ihn mit dem Knie hoch.
Instinktiv und in blinder Verzweiflung mit der Kraft der Todesangst schlug Grege mit den Beinen nach rückwärts so wuchtige Stöße, daß der überraschte Aeltere, vom Anprall getroffen, rücklings über den Bord stürzte, ohne die schwankende Gondel noch haschen zu können. Der Todtenkopf! Lautlos flog er in die Tiefe. Das Werk eines Wimpernzuckens, eines Augenaufschlags. Und die Luft muckste nicht, die Gondel kreischte nicht. Ein Mensch, der sich den Hals bricht, sonst nichts. Ganz zufällig.
— Das hast Du gut gemacht, kreischte der Jüngere mit verzerrtem Gesicht, seinem Opfer nach der Gurgel fahrend mit eiserner Faust.
Grege hatte Blitze, Feuerschlangen und rothe Sterne vor, den Augen, blutigrothe.
— Oho! Jala!! schrie er, wie ein Verrückter.
Und mit einem Stoß in die Herzgrube und einem fast gleichzeitigen Schlag von übermenschlicher Energie in die Augen streckte Grege seinen Gegner nieder.
Wie rother Qualm brach’s durch die Luft, und eine frische Strömung hob das Fahrzeug.
— Jala, das dank’ ich Dir! Jala, Lebendige! —
Kapitel 7
Auf geheimnißvollen Pfaden flog das Fahrzeug weiter.
Nach unten war nichts zu sehen als ein riesiges Wolkengeschiebe, ein Zug von grauen Ungethümen, die die Erde verhüllten. Die Luft voll Salz.
Grege fühlte sich zum ersten Mal wieder als ganzer Mann, seit er die ihm aufgedrungene Fehde mit den Angelos so tapfer ausgefochten. Es war eine neue Kräftespannung in ihm geboren, er fühlte sich so frei und gehoben.
Hei, das war ein wirkliches Erlebniß, an dem er muthvollen, redlichen Antheil hatte. Den Einen beseitigt, den Andern zusammengehauen, das war ein Weg zur Klärung der dunklen Verhältnisse von Mann zu Mann.
Nun hieß es noch Ausdauer den unsichtbaren Mächten des Luftreiches gegenüber bewähren. Zähe auf der Hut sein! Mit der dumpfen Ergebung und wehmuthsvollen Beschaulichkeit war gebrochen.
Achtung, daß sich kein neues Unheilgespinnst um die Seele legt! Daß der Feind dich nicht mit Ränken umgarnt!
Der gezüchtigte Angelo gewann überraschend schnell seinen Gleichmuth wieder.
An den empfangenen Streichen hatte er einen Maßstab für die Leistungsfähigkeit seines Gegners gefunden.
Das war seine Erleuchtung, daß er an dem Teutamann nicht mehr einen Gefangenen, sondern einen erprobten Gegner hatte.
Mit der Vergewaltigung eines Schwächeren war’s vorbei.
Grege verhehlte sich’s nicht, daß die neue Seite des Lebens in ihrer Mischung von Brutalität und Bosheit, so sehr sie auch allen Lehren und Sitten der Teutaleute daheim wider den Strich ging, ein nicht zu unterschätzendes Gefühl der Frische und Behaglichkeit in ihm geweckt habe. Die Gefahr selbst, die seine Nerven unausgesetzt gestrafft hielt, empfand er als eine Bereicherung seiner Männlichkeit.
Ja, er empfand es als angenehmen Kitzel, seinem Gegner mit scharfgespitzten herausfordernden Fragen auf den Leib zu rücken.
— Möchtest Du’s noch einmal mit mir versuchen? Meinst Du, allein Fäuste und das Recht zu haben, sie gegen den Mitmenschen zu erheben? Meinst Du, daß von Dir zu mir ein anderes Gesetz gilt, als von mir zu Dir?
Und als der Angelo stirnrunzelnd schwieg, fuhr Grege beherzt fort:
— Sag’ jetzt, wie willst Du Dein Verhalten vor mir rechtfertigen?
— Die Antwort eilt mir nicht, entgegnete der Angelo trutzig. Gieb mir von Deiner Speise, wenn Du noch Vorrath hast, der Hunger frißt mich.
Grege fand in seiner Tasche noch einige Surro-Kugeln, davon reichte er ihm eine.
— Da, nimm und wohl bekomm’s! Wir müssen den Rest eintheilen.
— Ich hoffe, daß wir heute noch zu Speise und Trank kommen.
— Warum hoffst Du das?
— Sieh dort hinüber, die lichten Punkte! Wir haben guten Kurs, endlich!
In der That bemerkte jetzt Grege zu seiner freudigen Ueberraschung, daß sich auf der nämlichen Luftlinie in nicht allzu weiter Entfernung zwei andere Fahrzeuge hielten.
— Sobald Anruf möglich, können wir uns Anknüpfung suchen. Geht’s gut, werden wir uns schleppen lassen.
— Und dann?
— Dann kehren wir heim.
— Wie verstehst Du das?
— Wir haben bewohntes Land unter uns. Das Inselreich der Angelos ist nicht fern. Dort ist unser Ziel.
Grege stutzte. Also in’s Land der Feinde, unentrinnbar, in die Gefangenschaft.
— Unser Ziel? Was hast Du mit mir vor? fragte er und faßte den Mann kühn in’s Auge.
— Ich werde Dich absetzen, lautete die Antwort mit gespielter Harmlosigkeit.
— Was heißt das, mich absetzen? Heraus mit Deinem letzten Gedanken!
— Du wirst unser Gast sein.
— Grege schüttelte den Kopf. Alles bäumte sich in ihm auf.
— Und wenn mir das nicht behagt?
— Es wird Dir behagen. Man wird Dich mit offenen Armen empfangen.
— Wenn ich aber nicht empfangen sein will?
— Man wird Dir die Ehre anthun, Dich als ein seltsames Kulturwunder zu feiern. Ist Dir das zu wenig?
Grege sann nach, wie er mit einem schlagenden Wort wie mit einem Hieb die unsichtbare Fessel zu durchhauen vermöchte, an der dieser freche Mensch ihn noch in Unterthänigkeit zu halten wähnte. Aber er fand es nicht. Innerlich stand ihm nur dies fest: keine Ueberrumpelung durfte mehr glücken, keine weitere Entziehung der Freiheit mehr möglich sein, um keinen Preis. Das Entsetzliche durfte sich nicht vollenden.
Endlich sagte er entschlossen: Wenn wir am Lande sind, werde ich frei meiner Wege geh’n, als Niemandes Knecht.
— Vergiß nicht, daß vor Allem noch eine Rechnung zu begleichen ist.
— Was für eine Rechnung?
— Mit einem Kameraden zog ich aus, ohne ihn kehr’ ich heim. Durch Deine Schuld. Du hast Ersatz zu bieten. Die Rechnung ist einfach.
— Die Rechnung ist falsch! Ich erkenne sie nicht an, der Schuldige bist Du!
— Das wird sich zeigen, ereifere Dich nicht.
Heiß stieg’s in Grege auf. War das nicht empörend, so allen Thatbestand und Sachverhalt zu verkehren und gegen ihn zu wenden? Er der Schuldige, weil er als der Angegriffene in verzweifelter Nothwehr gehandelt?
Aber er fühlte sofort, daß da mit Gründen und Erklärungen nichts mehr zu richten sei. Nur eine That konnte aus dieser ruchlosen Verstrickung retten. Die That des Stärkeren. Nur Gewalt konnte ihm Recht bringen.
Also mußte er der Gewaltthätige sein, wollte er nicht dem Unrecht unterliegen. Das war das Gesetz, das außerhalb der Bannmeile von Teuta galt: Schaffe Dein Recht aus eigener persönlicher Macht, wende Gewalt an!
Nun erst wurde ihm der tiefe Sinn und die unbewußte Verantwortung seiner Flucht aus Teuta klar.
Was hatte ihn gegen die Gemeinschaft der Teutaleute empört, was hatte ihn aus ihrer Gesellschaft in die Flucht gejagt? Ein Gefühl und ein geheimer Bund mit dem Weibe. Jetzt setzte sich ihm in lichte Erkenntniß und Pflichtbewußtsein um, was bisher nur dunkler Drang in ihm gewesen. Jetzt galt’s die Probe auf die Berechtigung seiner Selbstbestimmung.
Seine Flucht vor denen, die hinter ihm sind, verwandelte sich in Kampf gegen die, die vor ihm sind.
Die stille That wird zum hellen Aufruhr, zum lauten Kampf. Nicht mit den Beinen ist die Freiheit zu erlaufen, nicht als Geschenk des Zufalls wird sie eingeheimst. Als Siegespreis will sie erstritten sein.
Grege’s Augen leuchten. Er strich sich die Haare aus der heißen Stirn. Er drückte die Hand auf die pochende Brust.
Er brauchte nur den Arm auszustrecken, so stieß er auf den Feind. Er brauchte nur unbedacht den Rücken zu wenden, so war seine eigene Niederlage besiegelt. Das ganze Luftreich stille, starre, theilnahmslose Natur. Und setzte er den Fuß auf die Erde, so wuchsen ihm zu dem einen Feind eine Legion aus dem Boden.
Sogar daheim fahnden sie nach ihm als Einen, der das Staats-Gesetz gebrochen und den Gesellschafts-Vertrag verletzt.
Das war jetzt sein Weltbild: Feindschaft ringsum. Seine Welterkenntniß: Teuta, aller Weltwirklichkeit entfremdet, vegetirte im Irrwahn. Die Teutaleute spielten eine traurige Rolle in der Weltgeschichte. Sie zehrten vom Gnadenbrot ihrer Nachbarn. Der nächste Sturm konnte das Kartenhaus ihres eingebildeten Glücks über den Haufen blasen.
Er wünschte, das ganz Teuta bei ihm in der Gondel säße und sein Geschick seit dreimal vierundzwanzig Stunden theilte. Diese Lektion könnte genügen. Sogar für die Weisesten im hohen Rath.
— Wie war das mit dem Weibe, Grege? Zogst Du wirklich hinter einem Weibe her, als wir Dich einluden, in unser Fahrzeug zu steigen? fragte der Angelo mit boshaftem Lächeln.
— Habe ich je nach Deinem Weibe gefragt? entgegnete Grege kurz.
— Warum hast Du nicht gefragt? Deiner Wißbegierde sind keine Schranken gesetzt, junger Mann. Willst Du meine Leibspeise wissen? Willst Du den Stand meiner Sippe kennen? Willst Du wissen, woraus ich mein bestes Vergnügen ziehe? Oder interessirt Dich meine Hausnummer? Frage frisch drauf los. Spute Dich. Ich verhehle Dir nichts. Nicht einmal meinen Namen.
— Dein Name ist Schurke! Wie ihn auch Deine Zunge aussprechen möge, Schurke immer und ewig.
— Tobe Dich aus, bevor’s zu Ende geht mit unserer Luftfahrt und Du unter gesittete Menschen kommst, Grege. Wonach gelüstet Dich? Versage Dir nichts, ich bitte Dich.
Grege’s Blicke irrten unstät. Der maßlos kalte Hohn preßte ihm das Herz zusammen. Eine rettende Eingebung, Jala!
Merkte er, wie die Erde näher stieg? Wie auf wenige Hundert Meter eine weite Wiesenlandschaft sich dehnte? Wie ein anderer Geruch die Luft durchdrang, deren Salzgehalt ihm so lange fremdartig die Nase gekitzelt?
Er achtete nicht der halb gierigen, halb befriedigten Späherblicke seines Feindes. In einem einzigen Gedanken konzentrirte sich ihm Alles.
Ohne den Kopf auffällig zu wenden, hielt der Angelo scharf Auslug und berechnete bereits die Minute und den Platz, wo sich die Landung ermöglichen ließ. Uebermäßig günstig schätzte er zwar den Ort nicht, aber er war geübt genug, alle Vortheile rasch zusammen zu fassen — jedenfalls würde er auch hier Mittel finden, seine Beute auf den Boden und in Sicherheit zu bringen.
Und im feurigen Ueberschlag der Ergebnisse war’s ihm jetzt ein geschäftlich verdammt angenehmer Gedanke, daß er ohne Theilhaber von dem abenteuerlichen Beutezug heimkehrte. So floß der Gewinn ganz in seine eigene Tasche. Die ethnographische Menschengarten-Gesellschaft für vergleichende Rassen- und Sittenforschung mußte ihm sogar noch ein Uebriges zulegen für dieses lang gesuchte vollkommene Teuta-Original in Anbetracht der überwundenen Gefahren. Vielleicht ließe sich auch sonst noch Erkleckliches aus dem Kerl schlagen. Zum Beispiel im aristokratischen Damen-Klub für sexuelle Experimentir-Physiologie und Hypnose. Auch der Sportverein für Züchtung reiner Menschenrassen, dem sämmtliche königliche Prinzen angehörten, könnte für diesen rasseechten Versuchs-Mann interessirt werden. Kurz und gut — Kalkulation und kein Ende.
Da — alle Wetter!
Grege, wie von unsichtbaren Händen hinausgeschleudert, baumelt am Anker.
Eins, zwei, drei liegt er in der geringen Tiefe. Eilig sinkt mit ihm die Erde.
Das Fahrzeug nimmt einen neuen, überraschend schnellen Aufstieg. Jede gesunde Möglichkeit ist vorbei, dem Flüchtling wieder nahe zu kommen. Ihm nachstürzen, wär’ sicherer Todessprung.
— Alle Wetter! Verdammt, verdammt! So als Angelo überlistet und betrogen!
Kapitel 8
Nein, dieser Bim. Teuta hatte noch keinen aufdringlicheren Oberphysikus erlebt. Was ihm nur plötzlich durch’s Gehirn gestiegen sein mochte, daß er jetzt Projekt auf Projekt thürmte? Das ist ja unheimlich. Dieser Narrentanz senilen Ehrgeizes und Erfinder-Wahnsinns. Teuta, ruhig und glücklich, so zu behelligen!
Ao war entschlossen, seine Hand nicht dazu zu bieten. Diese wissenschaftlich-technischen Neuerungen sind gefährlicher Unsinn.
Der Oberpriester warf noch einen Blick auf Bim’s Blätter und Tafeln, dann schob er sie ärgerlich bei Seite.
— Ewig diese sogenannte Wissenschaft! Wird man nie Ruhe vor ihr haben? Hypothetisches Helium, Linie D 3 Sonnenspektrum, Wellenlänge 587,74. Zweimal diese Galgenziffer neben einander. Wo er das nur wieder gestohlen hat! Eine neue Beleuchtung — nein, ich mag nicht mehr. Teuta ist hell genug. Was meinst Du, Minus?
— Zumal jetzt, Ao, wo uns diese Flucht-Geschichte auf den Nägeln brennt. Mir ist wahrhaftig Amt und Leben verleidet. Der ganze Kram ist mir zuwider. Ich kann nicht mehr. Alles bricht mir zusammen.
Ao kniff die wässerigen Augen ein und seufzte:
— Mir auch, mir auch, Minus. Ach, ach, Theuerster!
— Jala ist aus Deiner Sippe. Mit allem schuldigen Respekt, Oberpriester, Herrlicheres habt ihr nie hervorgebracht.
— Sag’ Unglückseligeres. Könnten wir einen Schleier darüber breiten! Wir haben schon so Vieles vertuscht, zum gemeinen Wohl, ließe sich nicht auch dieses vertuschen? Denk’ nach, Minus!
— Wenn uns nicht zugleich dieser Grege abginge. Das Volk ist erregt. Er war sein Liebling. Soundso nährt die Gährung. Er läßt durchblicken, wir hätten diesen letzten königlichen Sproß beseitigt. Und es giebt kein Fest, wenn das Volk nicht dem Grege in’s Antlitz sehen kann.
Ao machte ein bekümmertes Gesicht.
— Können wir für ihn nicht einen Anderen unterschieben? Sag’, Minus, ginge das nicht? Es kommt doch nur auf die Illusion an. Nur auf die Illusion. Auf das Bild, das sich die Leute machen, suggestiv.
— Es giebt nicht seines Gleichen im Lande. Keiner ist so schön gewachsen wie er. Oder weißt Du Einen? Sein still gefaßter Geist ist so harmonisch entwickelt, wie seine Muskulatur. Mag hier ein Wunder der Vererbung vorliegen oder nicht, es ist so. Er überragt. Mag’s zum Grundgesetz unserer Weltgleichheit stimmen oder nicht, die Thatsache ist unfehlbar. Sag’ ich zuviel? Keiner hat seine heldische Würde, seinen Liebreiz, seinen Zauber, Ao. Er und Jala! Ist es nicht wie ein Symbol, daß Beide gleichzeitig verschwunden?
— Laß jetzt Jala aus dem Spiel. Die war keine öffentliche Person, keine Staatseinrichtung, sozusagen, aber Grege, freilich, der war Schauspiel von Staatswegen und Augenweide für Alle.
— Das Volk hatte seinen Narren an ihm gefressen.
— Ja, ja, Minus, das Volk! Es frißt auch wieder an einem Andern seinen Narren. Es will seine Komödie haben, das ist Alles.
— Und eben die spielte ihm Grege mit seinen ausgezeichneten körperlichen Gaben zum Entzücken vor. Die Leute waren aufgelöst in Wonne. Ihr Zwerchfell war erschüttert wie ihr Herz, wenn er in seinem königlichen Komödiantenpomp hervortrat und die höfischen Zeremonien aus der alten Zeit vorspielte. Er war ihr Gott und Fürst und Hanswurst in diesem Augenblick in einer Person. Eine Art künstlerischer Dreieinigkeit zum Gaudium der Massen. Das war sein großer Erfolg. Ich glaube nicht einmal, daß ihm die Sache persönlich Spaß machte. Aber daran liegt nichts. Die schaulustige Menge amüsirte er königlich.
Ao stimmte bei und wackelte mit seinem glänzenden Fettkopfe. Dann flüsterte er mit speckiger Stimme:
— Minus, unter uns: das entscheidet in der Welt, wer der größte Komödiant ist. Der größte Komödiant wird immer das Herz des Volkes für sich haben.
— Das ist das Furchtbare in der Welt, daß sie im Grunde schrecklich und doch ohne Ernst ist. Drum hat auch das lächerliche Wort Uebermensch so viel Glück gemacht. Und das Zarathustra-Fest alle Feste besiegt.
Und Grege alle andern Volksbelustiger in den Schatten gestellt.
— Das Zarathustra-Fest gipfelte in diesem Uebermenschen. Weiß denn Bim nicht Rath?
— Geh’ mir mit Bim!
— Immer quält er uns mit seinen Entdeckungen und Erfindungen. Kann er denn da nichts machen?
— Das ist ja lauter dummes Zeug, was er macht. Du hast’s vorhin selbst gesagt. Linie D 3, Sonnenspektrum, Wellenlinie — läßt sich daraus ein Grege fabriziren, Ao? Oder eine Jala?
— Sprich mir nicht von Jala. Sie gehört nicht hierher. Das ist Deine persönliche Kümmerniß, Minus. Leider. Ein Mann in Deinen Jahren und Würden sollte darüber hinaus sein, erlaube das harte Wort. Ein Weib geht uns, als Gefühlsgegenstand, so wenig an wie das hypothetische Helium.
— Du thust Dich leicht, Ao.
Der Oberpriester blies die Backen auf und machte die Augen rund wie Glaskugeln:
— Das Gesetz ist da. Teutas unverbrüchliches Gesetz: Hänge Dein Herz an kein Weib!
— Soll ich’s an Bims Helium hängen? Das Herz ist eben auch da.
Ao machte sich kleiner und senkte den Kopf zwischen die fetten Schultern.
— Für das Gemeinsame, Minus, nur für das Gemeinsame. Ach, muß ich die Rebellion an den Besten erleben! Zerbrich Dein Herz, Mann vom hohen Rath, fügt sich’s nicht in’s Gesetz!
— Ich bitte Dich, Oberpriester, was redest Du!
— So lange ich das erste Wort im Lande habe, weiß ich kein anderes, darf ich kein anderes wissen. Drücke mich nicht mit Deinem unrechtmäßigen Begehr. Ich kann nicht mehr. In Teuta ist kein Raum für leidenschaftliche Ueberschwänglichkeiten. Darum reinliche Scheidung zwischen Mann und Weib und strengste Regelung des Verkehrs. Keinen Mischmasch der Gefühle. Ich erliege der Last des Regiments, wenn sich solche Dinge häufen. Wie ruhig und glatt ging Alles die vielen schönen Jahre her, und nun auf einmal steigt mir ein Wirrsal um’s andere auf den Nacken. Ach, ach . . . .
— Gut, ich werde ein Ende machen.
— Ja, thue das. Nimm Vernunft an, Du mein Bester. Entsage dem thörichten Weiblichen. Mach’ ein Ende. Du bist zu alt zum Tanzen. Mach’ ein Ende.
— Noch vor dem Zarathustra-Fest.
— Recht so. Noch vor dem Zarathustra-Fest. So bist Du Deiner würdig. Teutaland wird Dir’s danken. Und wegen Greges will ich die Aeltesten vom Festbund vernehmen. Es sind kluge Leute. Die werden uns heraushelfen. Um Jala wollen wir jetzt nicht weiter jammern. Mach’ ein Ende. Mach’ Frieden mit Deinem Herzen.
— Gewiß, das will ich.
— Gut, Minus, ich habe Dein Wort. Nun sollst Du auch wissen, daß Du damit dem hohen Rath einen Stein des Aergernisses aus dem Wege räumst. Kaspe und Titschi hatten Wind von Deiner Sache und nahmen Anstoß daran. Allerlei Schwierigkeiten, Du verstehst mich.
— Ja, ich verstehe Dich, guter Ao.
— Und nun verlaß’ mich. Morgen wirst Du dem hohen Rath eine Erklärung geben. Ich bin todtmüde. Mich verlangt nach Ruhe. Ganz Teuta peinigt die Sehnsucht nach Ruhe. Dich nicht auch?
— Mich auch. Leb’ wohl, Ao, leb’ wohl.
Minus kämpfte schwer.
Sein Wille wurde, soweit er zurückdenken mochte, seiner Neigungen nicht Herr. Seine Nerven ließen sich nicht an die Ordnung binden. Sein Blut wollte sich keinem Zuspruch fügen. Alles war Widerstreit in ihm, Alles lag sich in den Haaren. Sein Befinden hatte sich dabei bis zur Unerträglichkeit verschlechtert.
Ewig sich selber Feind und Kriegsschauplatz sein und vor der Welt den sanften Meister der geistigen Zucht spielen? Den lächelnden Herrscher, der nur auf Siege blickt und auf Ruhmesbahnen schreitet, während er thatsächlich von Niederlage zu Niederlage taumelt und voll ist bis zum Halse von bitterem Ekel über sich und seine Mitwelt?
Fürwahr, eine plumpe Lügenpeterei war dieses ganze Leben, zu dem er sich als Angehöriger des Teutavolkes verdammt sah. Ein Genist von Ungeheuerlichkeiten der ganze Verkehr von Mensch zu Mensch. Nirgends Zug und Schwung, ein ewiges Hinkriechen und Beiseiteschleichen. Die Dümmsten die Verhätscheltsten, die Aberwitzigsten die Belobtesten.
Und diesen müffigen Lebensbrei auslöffeln, mit zugehaltener Nase, Tag für Tag, bis endlich die Sickerquelle des Bewußtseins und Begehrens im elenden Hinsiechen sich von selbst verstopft?
Da war noch ein bleicher Schimmer von Glück in einer ungewöhnlichen Holdseligkeit des Weibes. Er ist erloschen. Da war noch eine schwache Betäubung im Verkehr mit den Ausnahmegeistern der Vergangenheit. Gespensterspiel, nichts weiter. Was blieb? Nichts, was die Persönlichkeit über den Verdruß mit sich selbst hinaushebt. Nichts, was zu einer äußersten Kraftprobe befeuert. Nichts, was die verpönten Laster Verachtung, Zorn, Haß, Rache zu geheiligten Tugenden umwandelt. Eine einzige Nichtigkeit Alles. Und nun schleicht das Alter heran, die Verstumpfung der letzten kümmerlichen Daseinsreize, die Verzweiflung, die nicht einmal sich selbst mehr ernst nehmen kann.
— Minus, verkadavere Dich, endgiltig, bevor es zu spät ist. Sogar der hohe Rath, der lächerliche hohe Rath, hat Wind . . .
Sein Auge glühte, sein Gesicht bedeckte tiefe Blässe.
Sein Fahrstuhl hielt vor der Thür seines Gemaches. Wie ein Schatten war er durch die lange Kreisbahn gehuscht, die aus der Tiefe der Beamten-Region zur oberen Schicht führte. Hier lag die Wohnung im neunundneunzigsten Bezirk, dicht an der Grenze der Männerhauptstadt.
Eine Mauer mit vielen Thoren, die mystische Inschriften trugen — wie: Wille zur Macht, Selbstverneinung, Bejahung des Lebens, Nullpunkt der Gefühle, Schwelle des Unbewußten — trennte die Männerhauptstadt vom Jenseits der Frauenhauptstadt. Denn das war der Triumph der moralischen Entwickelung in Teuta: Anerkennung der Gleichheit in der Trennung, Freiheit in der Bethätigung des Sonderwesens als Gattung, Mechanisirung der Empfindung bis zur Vernichtung der persönlichen Wahltriebe.
Vom Diesseits der Männer zum Jenseits der Frauen waren die Verkehrswege streng geregelt. Es gab offene Zeiten und geschlossene Zeiten.
Jetzt war geschlossene Zeit. Drum fiel es Minus auf, daß eine vermummte, zierliche Gestalt, aus dem Jenseits kommend, in später Nacht, ohne Fahrzeug sich herübertastete, mit kleinen, unsicheren Schritten, im Schein des verminderten Lichts.
— Wer da? rief Minus und öffnete seinen Mantel, um durch seinen purpurnen Talar als Mann vom hohen Rat sich auszuweisen und in Respekt zu setzen.
Die zierliche Gestalt schlug die Kapuze zurück und erwiderte lächelnd:
— Soundso grüßt Minus, Hoheit.
— Ach, Soundso, Du, auf Schleichwegen?
— Auf Schleichwegen, ja, wenn Du willst. Im Späherdienst.
— Kehr’ ein bei mir, auf eine Minute. Du bist mir ein willkommener Zeuge.
— Wenn ich dienen kann, gern, auf eine Minute. Kaspe erwartet mich, bei Titschi.
— In diplomatischer Sendung versäumst Du auch bei mit Deine Zeit nicht. Du kannst dann übrigens den Hoheiten Schönes von mir melden.
Beide traten ein. Ein weites Gemach, durch verstellbare Schirmwände in mehrere kleine Räume geteilt, empfing sie. Minus bewegte mit dem Fuß einen Knopf am Boden, sofort ward milde Dämmerung.
— Laß Dich hier nieder, Soundso, Du wirst ermüdet sein.
Minus ging bis zur nächsten Abtheilung.
Von dort aus führte er, ungesehen, das Gespräch.
— Darf ich Mitwisser sein, Soundso?
— Bis zu einem gewissen Punkt, gewiß! antwortete Soundso, den Flüsterton etwas erhöhend.
— Bist Du durch das Thor des siebenfachen Schweigens gegangen?
Soundso blieb stumm.
— Und durch das Thor der sieben Seligkeiten?
Soundso seufzte wollüstig.
— Sahst Du auch die Ecke links vom Thor zum süßen Salböl, wo die apokalyptischen Leuchter stehen?
Soundso schnalzte leise mit der Zunge: Ich habe den Kopf durchs Gitter gesteckt, das Thor war verschlossen und Blut auf der Schwelle.
— Die alte, ewig junge Geschichte. Ach, glückliche Jugend . . . . Und hat das Mondlicht Dich wonnig umflossen?
Soundso schwieg, erinnerungstrunken lächelnd. Wenn der Esel Minus wüßte . . .
— Also reden wir vom Dienst, Soundso. Ist Dir’s gefällig?
Soundso räusperte sich. — Kann ich leise sprechen, hörst Du?
— Ich verstehe Dich gut. Wem galt Deine Auskundschaftung?
— Einer Entwichenen. Einer Künstlerin der schön gemessenen Bewegung . . .
— Wenn Du den Namen verschweigst, denk’ ich an Jala. Einverstanden?
Soundso schwieg. Er zog die Kapuze wieder über, bis an die Stirn.
— Hat man Spuren? Nähere Umstände?
— Man weiß den Tag und vermuthet die Richtung.
— Die Richtung des untergehenden Gestirns. Ist’s so?
— Du sprichst im Bilde, Minus.
— Und sonst? fragte Minus mit merklich erregter Stimme.
Soundso schwieg.
— Hat man Hoffnung auf Wiederkehr?
— Einer ist mit ihr gegangen, Einer ist geblieben.
— Schließt das die Hoffnung aus? Ist der Gebliebene verdächtig? Möchtet ihr seiner los sein?
Soundso schwieg.
Lauschende Stille. Soundso glaubte, Minus athmen zu hören.
Die Pause verlängerte sich.
Soundso schlug die Kapuze zurück. Ein kaum vernehmbares Geräusch wie von sich entfernenden schleichenden Schritten.
Dann stockendes Leben in vollkommener Ruhe. Soundso hörte nur noch seinen eigenen Athem.
Schwül beklemmender Duft dickte die Luft.
— Minus, ich denke die Audienz ist zu Ende. Entlasse mich mit gütigem Gruß, bitte.
Eine Weile tödtliche Stille.
— Grüße Du mich! kam es verröchelnd aus dem Hintergrunde.
Soundso verzog das Gesicht. Das ist mir schlechter Geruch und unerfreulicher Ausgang, dachte er.
— Aber man kann ja sehen, sagte er halblaut und machte wenige Schritte gegen den Hintergrund.
— War das Dein letztes Wort, Hoheit? rief er stehen bleibend. Kann ich mich zurückziehen?
Es ward ihm keine Antwort.
Im Umdrehen kam er mit dem Fuß an den Knopf am Boden.
Plötzlich stand er im Dunkeln.
— Ich bedanke mich, der Narr eines Verrückten zu sein, ich werde meine Maßregeln ergreifen, daß mir Keiner zuvorkommt, murmelte er. Jeder geht seine eigenen Wege schließlich.
Und er tastete sich schleunig zum Ausgang. Er glaubte genug zu wissen. Und er versprach sich Nutzen von diesem Wissen.
Kapitel 9
Der Oberpriester hatte sein Schläfchen genossen. Ganz so erquickt wie sonst fühlte er sich nicht.
Er rieb sich die Augen und die brummenden Unterschenkel. Er schien nicht ganz bequem gelegen zu haben. Dann wischte er sich die Mundwinkel aus, die im Schlafe stets ein wenig geiferten.
Ja, ja, so ein Schläfchen, das ist doch das Beste. Man ist wie im Paradiese. Nun heißt es wieder an die rauhe Wirklichkeit denken und die Sorgen des Amtes herantreten zu lassen, eine nach der andern.
Was denn zunächst? Ja, was denn? Und er sann. Da drohte ihn noch einmal der Schlummer zu überfallen. Die dicken Augenlider wollten nicht halten. Ach, das viele Denken.
Er ächzte. Er gähnte und ächzte wieder. So ein oberstes Wächteramt, das lastet schwer, selbst auf den Stärksten. Diese ganze Menschheit zu behüten vor Schwankungen und Störungen ihres Glückes, daß Alles stets seinen rechten Weg gehe, daß die Maschine nicht nothleide — das strengt an, kein Wunder. Und als Aufseher der Aufseher, in dieser etwas bunten Mischung der Charaktere, da galt es doppeltes Gehirnschmalz aufwenden, wenn Alles klappen sollte. Und das war sein Ehrgeiz, daß unter seinem Regiment Alles schön klappte.
Bis jetzt, in allen Hauptsachen wenigstens, klappte Alles. Dies Verdienst konnte ihm Niemand schmälern. O, er verstand zu führen, zu richten und zu schlichten.
Und er gähnte und lächelte. Eine Ehrentafel war ihm sicher. Eine glänzende Ehrentafel. Keinem seiner Vorgänger stand er jemals nach, keinem. Bei der nächsten Wahl wird man ja sehen. In ganz Teuta findet man keinen Besseren. Da können sie in alle Winkel leuchten.
Was denn nun zunächst? Und er kämpfte einen neuen Gähnanfall muthig nieder.
Eine feine Klingel ertönte, musikalisch abgestimmt, in rhythmisirter Kadenz. Eine ganze Arie.
Ao wälzte sich in Positur.
Er spitzte die Ohren. Er las die Klänge, ohne sie sich zu übersetzen. Sein Gehirn arbeitete noch ganz wunderbar mechanisch.
— Titschi will mir seinen Soundso zu einer Meldung schicken. Ach so. Die Geschichte mit Minus, Grege und so weiter. Nein, jetzt nicht. Ich will erst die Aeltesten hören, die guten, klugen, vergnügten Leute vom Festbund. Titschi ist ja eine gewiegte, zuverlässige Kraft.
Er bewegte sich auf seinem schwingenden Polster an den kleinen Mitteltisch mit dem Tastwerk.
— Titschi ja, aber mit seinem Soundso soll er mir vom Halse bleiben.
Er nahm seine Amtsmiene an und ließ seine dicken Finger würdevoll auf den Tasten spielen.
— So, jetzt kann’s losgehen. Minus interessirt mich jetzt nicht, er soll mit sich selbst fertig werden. Grege und Jala, was sie nur forttrieb? Besser finden sie’s doch nirgends. Aber wo der tolle Eigenwille anfängt, da ist kein Halten mehr.
Wieder ertönte eine Klingel. Diesmal für den Hör- und Sprechapparat.
— Na, na, na. Das ist ja keine Musik, das ist Sturmläuten. Was? Minus ist mit sich fertig geworden? Um so besser. Hab’s ihm eindringlich genug gerathen. Ueber das Weitere kann er mir morgen persönlich Bericht erstatten. Ich lasse Minus grüßen.
Er machte eine Pause, sich von der Anstrengung ein wenig zu erholen.
Dieser Minus, so stolz und eigenwillig, wahrhaftig, das war ein schmeichelhafter Erfolg für die Beherrschungsgabe Aos: Minus nimmt Vernunft an, Minus bringt dem oberpriesterlichen Hüter der Gesetze ein Herzensopfer!
Ao lächelte und tippte mit dem kleinen Finger auf eine zierliche Flasche. Sofort antwortete ein duftiger Sprühregen. Ao hielt seine Glatze vor, das flüssige Aroma aufzufangen. Das süße Bad floß ihm über Stirn und Nase.
— Aber, aber! Schon wieder? Ich kann nicht mehr, die Aeltesten erwarten mich im Berathungssaal. Wie? Falsch verstanden, ich? Minus — was? Feierlicher Abgang, eigenhändig? Das wär’ gegen alle Verabredung. Soundso bezeugt’s? Dabeigewesen? Das lass’ ich mir doch nicht aufbinden. Hat keine Wahrscheinlichkeit für sich. Minus wird den Soundso als Augenzeugen zu sich einladen, um diesem vorwitzigen Jüngling so etwas vorzumachen, Verzeihung, Titschi, das glaubt Dein Scharfsinn selbst nicht. Wie? Bis morgen. Der Irrthum wird sich aufklären. Ich hab’ jetzt wirklich an Anderes zu denken, wie gesagt, Die Aeltesten erwarten mich. Ich kann mir nicht Alles durcheinander bringen lassen. Eins nach dem Andern. Also bis morgen. Schluß.
Ao zog sich die Hörröhrchen aus den Ohren. Gut, nun würde er morgen Gelegenheit haben, diesen aufdringlichen Soundso einmal gründlich aufsitzen zu lassen. Der blinde Uebereifer verdient die Lektion.
Mit liebevoller Umständlichkeit ordnete der Oberpriester seinen weitläufigen Leib in die Polster des Fahrstuhls, drückte auf eine Klappe, schloß die Augen und ließ sich in sanftem Gleiten in den Berathungssaal befördern.
Die Aeltesten waren bereits zur Stelle. Sie hatten sich inzwischen die Zeit mit der gelehrten Untersuchung einer Frage vertrieben, die jüngst ein spitzfindiger Schüler aufgeworfen: Wenn ein Gesetzesbeschluß zu Stande käme, daß die Teutaleute statt zu gehen auf allen Vieren kriechen müßten, wie lange bliebe dies ruhig geübtes Recht? Und sie kamen überein, daß sich der Zeitraum nicht übersehen ließe. Die heilige Macht des Gehorsams wäre stark genug, eine Gewohnheit zu schaffen, daß die herrlichen Teutaleute schließlich nur mit neuem Zwang davon abzubringen wären, auf allen Vieren zu kriechen. Es läge sicher ein wonniger Reiz in dem Bewußtsein jedes richtigen Teutamenschen, eine gesetzliche Bewegungsart zu pflegen, die von keinem anderen Volke angenommen wäre. Bei festlichen Aufzügen könnte das Kriechen vor dem Gehen überdies ungewöhnliche Pikanterien voraushaben und die positiven Lustgefühle vermehren. Aus diesem Grunde habe man schon im deutschen Alterthume, wie zuverlässige Sagen melden, sogenannte Spring-Prozessionen gehabt, das heißt religiöse Aufzüge, die nicht feierlich geschritten, sondern gehüpft wurden. Dergleichen auf allen Vieren zu machen, sei aber entschieden noch sehr viel aparter und anregender.
Plötzlich war Ao hereingehuscht.
Die Aeltesten verneigten sich. Ihr Sprecher begann:
— Deine Hoheit hat gewünscht, uns hier zu sehen. Wir sind zur Stelle.
— Seid gegrüßt, Freunde! Wählt Euch bequeme Plätze, der Anlaß unserer Begegnung zwingt uns wohl zu längerer Unterredung. Euer Befinden ist gut?
— Wie das ganz Teuta’s. Das Volk ist glücklich. Es sieht unserem schönsten Feste mit gehobenem Gemüthe entgegen.
— Und doch scheint mir diesmal nicht Alles in glatter Ordnung, und die Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste erfüllen mich mit einiger Sorge. Drum ließ ich Euch hierher bitten.
Wieder verneigten sich die Aeltesten. Ihr Sprecher tauschte mit ihnen einen orientirenden Blick, dann nahm er, als Ao nachsinnend schwieg, das Wort:
— Von unserer Seite wurde nichts versäumt, dem Feste den gewohnten Glanz zu bewahren. Wir haben vorhin sogar eine kleine Neuerung erwogen, die eine pikante Abwechslung in die Sache zu bringen nicht ungeeignet sein dürfte.
— Beim großen Mysterium, liebe Freunde, sprecht mir nicht von Neuerungen, noch von Pikanterien. Nur das bewährte Alte hält uns auf der Höhe. Im Neuen liegt meist eine Gefährdung der Sicherheit. Nur nichts, was unsere gewohnte Ruhe erschüttern könnte, ich beschwöre Euch. Stört die anmuthigen Kreise des Ueberlieferten nicht in unserem Staate.
Der Sprecher lächelte und blickte auf die Spitze seines vorgestreckten, leise wippenden Fußes.
Ao folgte seinem Blick und sein Auge haftete mit Ueberraschung an dem leise wippenden Fuße. Nun sahen auch die Uebrigen forschend auf den nämlichen Punkt.
— Ei, ei, ich gewahre eine Spitze, wo männiglich seither eine Rundung zu sehen die liebe Gewohnheit hatte. Seit wann trägt man denn die Fußbekleidung gespitzt?
Alle neigten die Köpfe und blickten schärfer hin. Richtig, der Sprecher trug Filzschuhe wie alle Welt in Teuta, nur erschienen sie, abweichend vom allgemein üblichen Muster, nach vorn weniger gerundet, als vielmehr in einer Spitze verlaufend. Und die Aeltesten, mit Ausnahme des Sprechers, nickten dem Oberpriester beifällig zu, seiner außerordentlichen Beobachtungsgabe ihre Bewunderung auszudrücken.
— O, ich bitte, es ist nicht der Aufmerksamkeit werth, kam es entschuldigend von den Lippen des Sprechers. Es ist nichts, als ein Versuch, mir mit dem Fuße das Tasten zu erleichtern. Meine Zehen sind seit einem kleinen Unfalle etwas empfindlich geworden, und die Jahre haben das Licht meiner Augen geschwächt.
— Es handelt sich also um keine absichtliche Neuerung im Schuhschnitt, mein Freund? Um keine eitle Modelaune, die von unseren Gesetzen, wie Ihr Alle wißt, verpönt ist?
— Keineswegs, Hoheit. Wie sollte ich mir in meinen alten Tagen solche Extravaganzen erlauben, die dazu noch gegen das gemeine Gesetz verstoßen! Nein, nein, nein, Hoheit. Nur aus persönlicher Nothdurft hab’ ich mir diese Abweichung gestattet.
Ao nickte befriedigt, und die Aeltesten nickten befriedigt mit.
— Du wirst wieder zur runden Form zurückkehren, sobald Deine Zehen gekräftigt sind? fragte Ao liebreich.
— Gewiß, das werde ich.
— Gut, ich habe Dein Wort. Und nun laßt uns, nach diesem glücklich erledigten Zwischenfall, unserer Tagesordnung die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden.
Die Aeltesten legten sich in ihre Polster zurück.
— Wie gesagt, meine Freunde, die Vorbereitungen zum Zarathustra-Feste, die Eurer Obhut vom Volke unterstellt sind, erfüllen mich, gelinde ausgedrückt, mit einiger Sorge.
Alle schwiegen ein wenig beklommen, denn der Ton des Oberpriesters schien wirklich überraschende Dinge von zweifelhafter Annehmlichkeit anzukündigen. Auch war’s, als suche er mühsam nach dem Worte.
— Wir werden nichts versäumen, Deine Sorgen zu zerstreuen, oder, sollte uns dies nicht gelingen, sie Dir tragen zu helfen, unterbrach der Sprecher die Stille. Denn die Miene des Oberpriesters machte den Eindruck, als ob er das rechte Wort immer noch nicht gefunden habe.
— Es ist mir in der That diesmal nicht leicht, meine Freunde, Euch die Sache so vorzutragen, daß Ihr sofort und ohne Beängstigung ein klares Bild von der Lage bekommt, in die uns ein noch nicht genügend aufgeklärtes Ereigniß versetzt hat.
— Ein Ereigniß? Ein uns noch unbekanntes Ereigniß? In unserem still geordneten, glücklichen Teuta? fragten vier Stimmen durcheinander.
Die Aeltesten blickten ahnungsvoll vor sich hin.
In diesem Augenblicke ertönte der Silberton der Klingel.
Der Oberpriester setzte die Hörröhrchen ein und lauschte lange mit gesenktem Kopfe.
Endlich seufzte er auf:
— Zwei Ereignisse.
— Zwei sogar? Das ist viel auf einmal.
— Fast zuviel, meine Freunde. Ich bitte um Eure Diskretion. Es stehen hohe Dinge auf dem Spiel. Nun will Alles doppelt sorgsam überlegt und behandelt sein. Kommt näher, seid gefaßt, wir werden gleich sehen.
Seiner Handbewegung folgend, schwangen sie sich näher, Allen voran der Sprecher, so daß sie von hinten um den Oberpriester gruppirt mit diesem zugleich in den Spiegel des Fernsehapparates blicken konnten.
— Geduldet Euch, das Bild wird gleich erscheinen.
Alle starrten auf den Spiegel, dessen leere blitzblanke Fläche sich allmählich mit den Zügen eines Menschengesichtes zu beleben begann, bis das Bild mit fast plastischer Deutlichkeit den Rahmen füllte.
— Ein Todtenantlitz! rief der Sprecher. Ein Todtenantlitz, fürwahr, täuschen mich meine schwachen Augen nicht.
— Sie täuschen Dich nicht. Seht Ihr, meine Freunde? Kennt Ihr ihn?
— Minus? fragte Einer verzagt. Ist’s nicht Minus?
Und wie aus einem Munde, Alle zugleich: — Minus!
— O weh! Dann müssen wir das Fest absagen. Trauer im Volke läßt kein Freudenfest zu! entfuhr’s dem Sprecher in der ersten Erregung.
— Das wäre die beste Lösung, dachte Ao, halblaut murmelnd, und warf dem Sprecher einen dankbaren Blick zu.
Aber der Anblick des Todtenantlitzes hielt die Aeltesten noch gebannt.
— Minus vom hohen Rath! bemerkte der Eine mit kläglicher Stimme. Man sieht’s ihm gar nicht an.
— Ja, man sieht’s ihm gar nicht an, wiederholte der Zweite.
— Wahrhaftig, Du hast recht, fiel der Dritte ein.
— In der That, es ist so, der Vierte.
— Ich bitte Euch, meine Freunde, was meint Ihr? Was ist in der That und wahrhaftig so, daß man’s ihm gar nicht ansieht, unserm Minus vom hohen Rath? Sprecht Euch deutlicher aus, was meint Ihr? Sprecher, sprich Du, was meint man? Ist Euch etwas kund, das mir verborgen geblieben? Wißt Ihr eine besondere Ursache seines plötzlichen Todes? Sprecht Euch umständlich aus, ich bitte Euch. Er rührt sich nicht mehr, er sieht und hört Euch nicht mehr. Sein schönes, kluges Antlitz starr und bleich wie Wachs, und einst in der sprudelnden Lebhaftigkeit seiner Einfälle so beweglich.
— Beweglich, das ist das Wort, Hoheit, athmete der Sprecher auf.
— Beweglich! fielen die Anderen mit eindringlicher Betonung im Chore ein. Beweglich!
Ao bewegte die Hand, das Bild im Spiegel verschwand.
— Beweglich? Ihr sprecht in Räthseln, Freunde.
— Er galt doch als der Beweglichste im hohen Rath? fragte der Erste, seine Mitältesten der Reihe nach anblickend.
— Das war im Volke sein Ruf, Hoheit. Minus galt als der Beweglichste, bestätigte der Sprecher mit Kennermiene.
— Als der Beweglichste im hohen Rath, intonirte der Chorus zur Bekräftigung.
— Soll damit eine Kritik ausgesprochen sein? fragte der Oberpriester, seine Stimme erhöhend, daß sie scharf und spitz klang.
— Mit Verlaub, Hoheit, Beweglichkeit ist an und für sich wohl nichts Kritisches, begann der Sprecher und ließ durchmerken, daß in dieser plötzlich sich aufbauenden Diskussion die weisen Aeltesten so gut ihren Mann zu stellen fähig wären, wie irgend einer vom hohen Rath.
— Unser Sprecher drückt unser gemeinsames Empfinden aus, Beweglichkeit ist an und für sich nichts Kritisches.
— So lange der Gegenstand nicht kritisch als ein kritischer festgestellt ist, auf den sich die Beweglichkeit bezieht, erklärte der Sprecher mit einer Deutlichkeit, die von seinen Mitältesten als äußerste in diesem Augenblick erlaubte Grenze des Aussprechbaren empfunden wurde.
— Diese Feststellung steht heute wohl nicht auf der Tagesordnung, lenkte der Zweitälteste ein.
— Es stände uns auch nicht zu, diese Feststellung festzustellen. Wir sind kein Todtengericht. Wir sind die Vertreter vom Festbunde, bemerkte der Sprecher wie zur Selbstbelehrung.
Endlich griff Ao wieder ein, nachdem er schnell die eigenthümliche Stimmung, die ihm befremdend aus den versteckten und doch so hartnäckigen Wechselreden der Aeltesten entgegenschlug, sich deutlich zu machen versucht hatte. Er fühlte, daß das Ueberraschende des Ereignisses geeignet sein mußte, die Leute zu plötzlichen und unüberlegten Gefühlsausbrüchen zu drängen. Mit ruhiger Güte und Geduld war daher der Wurzel dieses sonderbaren Verhaltens wohl näher zu kommen.
— Ihr seid mir als liebe, kluge, verständige Leute bekannt, ich begreife, daß Euch das plötzliche Ableben eines so hohen und verdienten Vertreters unseres Volkes erregen muß. Wer schätzte Minus nicht, den geehrten Meister und Hüter des Wortes und des Geistes, der im Worte wohnt? Den Verwalter und Aufseher unseres heiligen Sprachschatzes? Wer liebte ihn nicht? Und jetzt ist er todt. Nicht wahr, meine Freunde, wer liebte ihn nicht?
— Und wen liebte er nicht, nicht wahr, Hoheit? Er war so beweglich, der gelehrte Minus.
Schon wieder dieses thörichte, aufreizende Wort.
— Beweglich? Im Angesichte des Todes frag’ ich Euch, wollt Ihr mit der Sprache herausrücken oder nicht?
Der Oberpriester sprach langsam, mit vibrirender Stimme und gab seinem Gesicht einen ungewöhnlichen Ausdruck erhabener Würde.
Das schien zwar den Aeltesten nicht übermäßig zu imponiren, doch konnten sie sich des Gefühls nicht erwehren, daß jetzt wohl nicht der geeignete Augenblick und hier auch nicht der rechte Ort sei, ihre versteckten Angriffe gegen den verstorbenen Minus fortzusetzen. Es mußte also ein Abschluß gefunden werden.
— Nun, Sprecher, führe Deine Sache offen! fuhr der Oberpriester fort.
— Minus hat sich einen hohen Ruf in seinem Amte erworben. Neben seinem Amte pflegte er jedoch Liebhabereien, die im Volke nicht immer günstig beurtheilt wurden. Aus der Frauenstadt sind oft seltsame Gerüchte über seine dortigen Besuche zu uns gedrungen. Beweglich war er in seinen Neigungen, schroff, wenn ihm eine Herzensgeschichte nicht nach Wunsch glückte. Das, Hoheit, ist die Meinung im Volke. Anderes wollten auch meine Mitältesten nicht andeuten.
— Habt Ihr Beweise?
Der Sprecher, die ermuthigenden Blicke seiner Mitältesten gewahrend, nahm sich kein Blatt vor den Mund.
— Hoheit, Beweise? Es kommt darauf an, was man als Beweise gelten lassen will. Zum Beispiel geht seit einigen Tagen das Gerücht, Minus habe eine Person aus der Frauenstadt an sich gelockt und für seine Privatzwecke versteckt. Jedenfalls ist die Person seitdem nicht mehr zum Vorschein gekommen. Du selbst, Hoheit, kennst die Person.
— Ich kenne keine Person, auf welche diese Andeutung paßt.
— Dann kennst Du Jala nicht?
— Jala? Was geht Euch Jala an?
— Jala, die Tänzerin, geht uns so viel und so wenig an, wie jedem Unbetheiligten an der Geschichte. Aber Thatsache ist, daß Jala verschwunden ist. Und Volkes Stimme sagt: Minus’ Hand hat sie verschwinden gemacht. Sein Zauber hat sie beseitigt.
— Ebenso gut könntet Ihr behaupten, Minus habe Grege beseitigt. Denn auch Grege ist verschwunden.
— Wer? riefen Alle zugleich. Grege? Die Hauptperson unseres Zarathustra-Festes? Der unvergleichliche Uebermensch?
— Jawohl, Grege ist vom Schauplatz verschwunden.
Erst ging ein lebhaftes Murmeln und Geberdenspiel durch die Gruppe der Aeltesten, dann aber trat der Sprecher mit dem entschiedenen Worte auf:
— Fehlt uns Grege, so hat auch ihn Minus beseitigt. Minus hat ihn gemeuchelt.
Und die Anderen unterstützten ihn mit dem einhelligen Ruf: Das ist Minus’ Werk! Keiner ist listiger, als er.
Ao war außer sich. Sind das die guten, klugen, vergnügten Aeltesten vom Festbund? Das sind Empörer, Verleumder, Verschwörer. Aber er nahm all’ seine Kraft zusammen. Wenn je, so galt es jetzt, den Leuten Ueberlegenheit zu zeigen und sich die Zügel nicht entschlüpfen zu lassen. Das war ja einfach unheimlich, dieses Aufbäumen, diese Selbstherrlichkeit, dieses Losgehen auf eigene Faust. Wo wollte denn das hinaus? Was war in der Welt von Teuta vorgegangen?
Der Berathungssaal mit seinem gedämpften Licht, seinen stillen, tiefen Farben, seiner ruhigen, milden Luft hatte selten so viel Aufregung zu schlucken gehabt, wie heute.
Von der Decke, aus den Ecken, aus jeder Falte der Tapeten und Teppiche schien dem Oberpriester der Widerhall des Widerspruchs in die Ohren zu klingen. Schlechte Musik fürwahr.
— Habt Ihr Euch ausgetobt, meine Freunde? Seid Ihr im Stande, ein Wort aus weisem Munde zu vernehmen?
Da hob der Sprecher an: Wer tobt hier, Hoheit? Man ruft uns hierher und tischt uns die unglaublichsten Ereignisse auf. Das Zarathustra-Fest steht vor der Thür, und wir haben seinen geheiligten programmgemäßen Verlauf zu verantworten, wie alljährlich. Minus ist aus dem Lande der Lebendigen geschieden und mit ihm Jala und Grege. Wie wollen wir da Feste feiern? Wie wollen wir uns vor dem Volke verantworten?
— Begreift Ihr denn nicht? Darum hab’ ich Euch ja berufen lassen, daß wir uns über den planmäßigen Festverlauf verständigen, in dieser wirrsalreichen Zeit. Das Volk soll sein Fest und seine ungeschmälerte Freude haben. Mehr denn je brauchen wir öffentliche Heiterkeit. Es war des edlen Minus letzter Gedanke, dem Volke ein Freudenbringer zu sein. Ihr verkennt ihn, liebe Freunde, Ihr mißdeutet seine Handlungen. Freiwillig ist er aus dem Leben gegangen —
— Freiwillig? Ist das möglich? Freiwillig einer vom hohen Rath?
— Jawohl, staunt, freiwillig ist er aus dem Leben gegangen, damit der störenden Reden ein Ende werde. Er hat sein Leben seinem geliebten Volke zum Opfer gebracht, damit neue Freuden daraus erblühen.
Der Sprecher rückte einen Schritt zurück. Dann begann er kopfschüttelnd:
— Wir fassen das nicht. Sein Tod macht das schönste Fest zur Unmöglichkeit, denn er hat nicht nur den Zwang zur Trauer im Gefolge, er hat auch das Wiedererscheinen Greges und Jalas vernichtet. Wo sollen wir die Verschwundenen suchen, vorausgesetzt, daß sie überhaupt noch am Leben sind? Oder sollen wir für das Fest anderweitig Ersatz schaffen?
Ao athmete auf.
— Ich danke Dir, Sprecher. Das ist das Problem. Du hast den Kern der Sache getroffen. Nun können wir rasch vorwärts schreiten in der Verständigung. Erstens: Ist das Fest möglich, wenn wir den Tod des edlen Minus geheim halten? Außer Titschi und Soundso haben wir zunächst keine Mitwisser. Und das sind Meister der Diplomatie. Zweitens: Wißt Ihr Ersatz für Grege? Denn Grege ist verschwunden, ohne das nachweisliche Verschulden des Minus.
Die Auseinandersetzung des Oberpriesters wurde abgebrochen durch erneutes lebhaftes Ertönen der Klingel.
Kaspe, der Oberrichter meldete sich. Er habe mit Ao dringend zu sprechen. Die Späher hätten wichtige Nachrichten gebracht. Es bestehe gegründeter Verdacht, daß Soundso den Tod des Minus herbeigeführt. Soundso sei zur kritischen Stunde beobachtet worden, wie er unter erschwerenden Umständen das Gemach des Minus verlassen. Soundso habe zweifellos ein Verbrechen begangen in der Absicht, das Zarathustra-Fest zu stören und das Volk gegen den hohen Rath aufzuwiegeln.
— Ich bitte Euch, liebe Freunde, wo steht mir der Kopf? jammerte der Oberpriester.
— Da ist eine Schraube im Weltmechanismus los, rief ein Aeltester.
— Dergleichen Dinge sind unerhört, einfach unerhört, fiel entrüstet der Sprecher ein. Der Glanz Teutas trübt sich.