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In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers

Chapter 16: Langemarck.
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About This Book

A front-line diary by an assault-troop leader recounts gritty, immediate impressions of industrialized trench warfare: artillery barrages, trench raids, night patrols, wounds, and the daily grind of mud, fear, and camaraderie. Vivid combat scenes alternate with reflective passages on duty, courage, dehumanization by mechanized conflict, and the rituals soldiers adopt between attacks. The narrative preserves the immediacy of field notes, honors fallen comrades, and combines unvarnished descriptions of violence with contemplations on honor, sacrifice, and the personal cost of mass modern warfare.

Im Sanitätsstollen verbrachten wir noch zwei Tage in qualvoller Enge, denn außer von meinen Leuten wurde er noch von zwei Bataillonsstäben, Ablösungskommandos und den unvermeidlichen „Versprengten“ bevölkert. Der starke Verkehr vor den Eingängen blieb natürlich nicht unbemerkt. Bald saßen in Abständen von einer Minute scharf gezielte Granaten auf dem vorüberführenden Feldwege und verwundeten alle Augenblicke ein paar Leute. Ich büßte durch diese unangenehme Schießerei vier Fahrräder ein, die wir neben den Stolleneingang gelegt hatten. Sie wurden, zu seltsamen Gebilden verbogen, in alle Winde geschleudert.

Vor dem Eingang lag steif und stumm in eine Zeltbahn gerollt, die große Hornbrille noch im Gesicht, der Führer der 8. Kompagnie, Leutnant Lemière, den seine Leute hierher geschafft hatten. Er hatte einen Schuß in den Mund bekommen. Sein jüngerer Bruder fiel einige Monate später durch genau dieselbe Verletzung.

Am 30. April übernahm mein Nachfolger von dem ablösenden Regiment Nr. 25 meine Geschäfte, und wir rückten nach Flers, dem Sammelort des ersten Bataillons, ab. Das Kalkwerk „Chez-bon-temps“ mit seinen schweren Einschlägen links liegenlassend, schlenderten wir seelenvergnügt durch den wunderschönen Nachmittag über den Feldweg nach Beaumont. Die Augen genossen wieder die Schönheit der Erde und die Lunge berauschte sich an der milden Frühlingsluft, froh, der unerträglichen Enge des Stollenloches entronnen zu sein. Den Kanonendonner im Rücken, empfand ich das Dichterwort nach:

Fürwahr ein Tag, von Gott gemacht,

Zu besserm Ding als sich zu schlagen.

In Flers fand ich das mir zugewiesene Quartier von einigen Feldwebeln der Etappe besetzt, die sich unter dem Vorwande, das Zimmer für einen Freiherrn von X. bewachen zu müssen, weigerten, Platz zu machen, jedoch nicht mit den aufs äußerste gespannten Nerven eines ermüdeten Frontsoldaten rechneten. Ich ließ von meinen Begleitern kurzerhand die Tür einschlagen und nach einem kleinen Handgemenge vor den Augen der erschreckt im Negligé herbeigeeilten Hausbewohner flogen die Herren die Treppe hinunter. Mein Bursche trieb die Höflichkeit sogar so weit, ihnen ihre langen Stiefel nachzuschleudern. Nach diesem Angriffsgefecht bestieg ich das angewärmte Bett, dessen Hälfte ich noch meinem ohne Quartier herumirrenden Freunde Kius anbot. Der Schlaf in diesem langentbehrten Möbel tat uns so wohl, daß wir am nächsten Morgen „in alter Frische“ erwachten.

Da das erste Bataillon während der verflossenen Kampftage die wenigsten Verluste gehabt hatte, war die Stimmung vorzüglich, als wir zum Bahnhof Douai marschierten. Von dort fuhren wir bis zum Bahnknotenpunkt Busigny, in dessen Nähe das Dorf Sérain lag, wo wir uns einige Tage erholen sollten. Wir fanden bei der freundlichen Bevölkerung gute Quartiere, und schon am ersten Abend drang aus vielen Häusern der fröhliche Lärm kameradschaftlicher Wiedersehensfeiern.

Dieses Trankopfer nach glücklich bestandener Schlacht zählt zu den schönsten Erinnerungen alter Krieger.

Und wenn zehn vom Dutzend gefallen waren, die letzten zwei fanden sich mit tödlicher Sicherheit am ersten Ruheabend beim Becher, brachten den toten Kameraden ein stilles Glas und besprachen scherzend die gemeinsamen Erlebnisse. Den überstandenen Gefahren ein Landsknechtslachen, den künftigen ein Schluck aus voller Flasche, ob Tod und Teufel dazu grinsten, wenn nur der Wein gut war. So war von je rechter Kriegsbrauch.

Das hat mir vor allem den Offizierstisch wert gemacht. Hier, wo die geistigen Träger und Vorkämpfer der Front zusammenkamen, konzentrierte sich der Wille zum Siege und wurde Form in den Zügen wetterharter Gesichter. Hier war ein Element lebendig, das die Wüstheit des Krieges unterstrich und doch vergeistigte, das man bei den Leuten, mit denen man zusammen in den Trichtern lag, so selten fand, die sportsmäßige Freude an der Gefahr, der ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes. Zum mindesten habe ich in diesem viel verlästerten Kreise niemals ein Wort des Zagens vernommen.

Am nächsten Morgen erschien mein Bursche und las mir Befehle vor, aus denen mir gegen Mittag klar wurde, daß ich die Führung der vierten Kompagnie übernehmen sollte. In dieser Kompagnie war im Herbst 1914 der niedersächsische Dichter Hermann Löns gefallen.

Gegen Inder.

Am 6. Mai 1917 waren wir schon wieder auf dem Marsche nach dem wohlbekannten Brancourt, und am folgenden Tage rückten wir über Montbréhain, Ramicourt, Joncourt in die Siegfriedstellung, die wir erst vor einem Monat verlassen hatten.

Der erste Abend war stürmisch; starke Regenschauer prasselten unaufhörlich auf das überschwemmte Gelände nieder. Bald versöhnte uns jedoch eine Reihe von schönen, warmen Tagen mit unserem neuen Aufenthaltsort.

Unsere Stellung bildete einen halbmondförmigen Vorsprung vor dem Kanal von St. Quentin, dahinter lag die berühmte Siegfriedstellung. Es war mir rätselhaft, warum wir uns in die engen, unvollkommenen Kreidegräben legen mußten, während wir das mächtige, riesenstarke Bollwerk hinter uns hatten.

Die vordere Linie schlängelte sich durch ein idyllisches, von kleinen Baumgruppen beschattetes Wiesengelände in den zarten Farben des ersten Frühjahrs. Man konnte sich ungestraft hinter und vor den Gräben bewegen, da zahlreiche, kilometerweit vorgeschobene Feldwachen die Stellung sicherten. Diese Postierungen waren dem Gegner ein Dorn im Auge, und es verging in mancher Woche keine Nacht, wo er nicht hier oder dort mit List oder Gewalt die kleinen Besatzungen zu vertreiben suchte.

Unsere erste Stellungsperiode verging jedoch in angenehmer Ruhe; die Witterung war so schön, daß die Leute die milden Nächte im Grase liegend verbrachten. Am 14. Mai wurden wir von der achten Kompagnie abgelöst und rückten, das brennende St. Quentin zur Rechten, nach unserem Ruheort Montbréhain, einem großen Dorfe, das noch wenig durch den Krieg gelitten hatte und infolgedessen sehr gemütliche Quartiere aufwies. Am 20. besetzten wir als Reservekompagnie die Siegfriedstellung. Wir hatten die reinste Sommerfrische, tagsüber saßen wir in den zahlreichen in die Böschung eingebauten Lauben oder badeten und ruderten im Kanal.

Der Nachteil solcher Idealstellungen ist der häufige Besuch von Vorgesetzten, der gerade in den Schützengräben am wenigsten geschätzt wird. Allerdings hatte sich mein linker, an das Dorf Bellenglise grenzender Flügel keineswegs über Mangel an Feuer zu beklagen. Gleich am ersten Tage bekam einer meiner Leute einen Schrapnellsteckschuß in die rechte Gesäßseite. Als ich auf diese Nachricht hin zur Unglücksstelle eilte, saß er schon wieder ganz vergnügt, die Sanitäter erwartend, auf der linken Seite, trank Kaffee und aß eine riesige Marmeladenstulle dazu.

Am 25. Mai lösten wir die zwölfte Kompagnie in der Riqueval-Ferme ab. Diese Ferme, ein ehemaliger großer Gutshof, diente jeweilig einer der vier Stellungskompagnien zum Aufenthalt. Es waren mit je einer Gruppe drei im Hintergelände verstreute Maschinengewehrstützpunkte zu besetzen. Diese schachbrettartig hinter der Kampfstellung gruppierten Kampfnester waren die ersten Versuche einer elastischen Verteidigung.

Die übrigen Leute wurden des Nachts zum Schanzen nach vorn entsandt.

Die Ferme lag höchstens 1500 Meter hinter der vorderen Linie, trotzdem waren ihre von einem verwachsenen Park umschlossenen Gebäude noch völlig unzerstört. Sie war, da Stollen erst im Bau waren, auch dicht bewohnt. Die blühenden Rotdorngänge des Parks und die anmutige Umgebung verliehen unserem Dasein trotz der Nähe der Front eine Spur jenes heiteren Lebensgenusses, den der Franzose unter seinem „vie de campagne“ versteht. In meinem Schlafzimmer hatte sich ein Schwalbenpärchen eingenistet, das schon in den frühesten Morgenstunden mit der geräuschvollen Fütterung seiner unersättlichen Nachkommenschaft begann.

Am 30. Mai hatte dieses Idyll für mich ein Ende, denn der aus dem Lazarett entlassene Leutnant Vogeley übernahm wieder die Führung der vierten Kompagnie. Ich begab mich zu meiner alten zweiten Kompagnie, die jetzt unter Führung eines Kavallerieleutnants stand, in den Schützengraben.

Unser Abschnitt war von der Römerstraße bis zum sogenannten Artilleriegraben von zwei Zügen besetzt; der Kompagnieführer lag mit dem dritten hinter einem kleinen Hange ungefähr 200 Meter zurück. Dort erhob sich auch eine winzige Bretterbude, die ich mit Leutnant Kius zusammen in rührendem Vertrauen auf die Stümperhaftigkeit der englischen Artilleristen bewohnte. Die eine Seite war an einen kleinen, in der Schußrichtung verlaufenden Hang geklebt, die drei anderen boten dem Feinde trutzig die Flanken. Jeden Tag, wenn der Morgengruß angefegt kam, konnte man ungefähr folgendes Zwiegespräch, das sich zwischen dem Besitzer der oberen und dem der unteren Pritsche entspann, vernehmen:

„Du, Ernst!“

„Hm?“

„Ich glaube, sie schießen!“

„Na, laß uns man noch ein bißchen liegen; ich glaube, das waren die letzten.“

Nach einer Viertelstunde:

„Du, Oskar!“

„Ja?“

„Das hört ja heute gar nicht mehr auf; ich glaube, eben ist eine Schrapnellkugel durch die Wand geflogen. Wir wollen doch lieber aufstehen. Der Artilleriebeobachter nebenan ist schon lange ausgerissen!“

Die Stiefel hatten wir leichtsinnigerweise immer ausgezogen. Wenn wir fertig waren, war es der Engländer meist auch, und wir konnten uns vergnügt an den lächerlich kleinen Tisch setzen, den von der Hitze sauer gewordenen Kaffee trinken und die Morgenzigarre anzünden. Nachmittags wurde vor der Tür der englischen Artillerie zum Hohn ein Sonnenbad auf der Zeltbahn genommen.

Auch sonst war unsere Bude äußerst kurzweilig. Wenn man im dolce far niente auf der Drahtpritsche lag, pendelten riesige Regenwürmer an der Erdwand, die bei Störungen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit in ihre Löcher schossen. Ein grämlicher Maulwurf schnüffelte ab und zu aus seinem Bau heraus und trug viel zur Belebung unserer ausgedehnten Siesta bei.

Am 12. Juni mußte ich mit 20 Mann die zum Kompagnieabschnitt gehörige Feldwache besetzen. Zu später Stunde verließen wir die Stellung und schritten auf einem Trampelpfade, der sich durch das wellige Gelände schlängelte, in den lauen Abend. Die Dämmerung war so weit vorgeschritten, daß der rote Mohn auf den verwilderten Feldern mit dem hellgrünen Grase in einem merkwürdig satten Farbenton zusammenschmolz. Wir schlenderten, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, mit umgehängtem Gewehr lautlos über den blumigen Teppich und hatten nach 20 Minuten unser Ziel erreicht. Flüsternd wurde die Wache übergeben, leise die Posten aufgestellt, dann entschwand die abgelöste Mannschaft im Dunkel.

Die Feldwache lehnte sich an einen kleinen Steilhang. Im Rücken floß ein wirr verwachsenes Waldstück in die Nacht, vom Hange durch einen 100 Meter breiten Wiesenstreifen getrennt. Davor und in der rechten Flanke erhoben sich zwei Hügel, auf denen die englische Linie verlief. Zwischen diesen Hügeln führte ein Hohlweg zum Gegner.

Dort traf ich beim Abgeben meiner Posten den Vizefeldwebel Hackmann mit einigen Leuten der siebenten Kompagnie im Begriff, eine Patrouille zu machen. Ich schloß mich ihnen als Schlachtenbummler an, trotzdem ich eigentlich meine Feldwache nicht verlassen durfte.

Wir überschritten, indem wir eine von mir erfundene Methode des Vorgehens anwandten, zwei den Weg sperrende Drahtverhaue und gelangten, seltsamerweise ohne auf einen Posten zu stoßen, über den Hügelkamm, auf dem wir rechts und links vor uns Engländer schanzen hörten. Später wurde mir klar, daß der Gegner seine Postierungen zurückgezogen hatte, um sie nicht bei dem Feuerüberfall auf unsere Feldwache, von dem ich gleich berichten werde, in Mitleidenschaft zu ziehen.

Meine eben erwähnte Art des Vorgehens bestand darin, daß ich in einem Gelände, in dem wir jeden Augenblick auf den Feind stoßen mußten, die Patrouillenteilnehmer abwechselnd vorkriechen ließ. So befand sich zur Zeit immer nur einer, den sich das Fatum auswählen mochte, in der Gefahr, von einem lauernden Schützen erschossen zu werden, während die anderen geschlossen weiter hinten zum Eingreifen bereit waren. Ich pflegte mich natürlich für meine Person von diesem Amte niemals auszuschließen, trotzdem ich meine Anwesenheit bei der Patrouille selbst für wichtiger hielt. Indes muß der Frontoffizier im Kriege manchmal aus Rücksichten subjektiver Art taktische Fehler begehen.

Wir umschlichen mehrere schanzende Abteilungen, die leider durch dichte Hindernisse von uns getrennt waren. Nachdem der Vorschlag des etwas exzentrischen Feldwebels, sich als Überläufer auszugeben und so lange zu verhandeln, bis wir den ersten feindlichen Posten umgangen hätten, in einer kurzen Beratung verworfen war, pirschten wir uns mißmutig zur Feldwache zurück.

Dort setzte ich mich am Steilhange auf meinen Mantel, zündete mir so versteckt wie möglich eine Pfeife an, und überließ mich meiner Phantasie. Inmitten des schönsten Luftschlosses wurde ich durch ein merkwürdiges Rascheln im Waldstück und auf der Wiese hochgeschreckt. Vorm Feinde liegen die Sinne immer auf der Lauer und es ist sonderbar, daß man in solchen Augenblicken bei gar nicht ungewöhnlichen Geräuschen sofort bestimmt weiß: Jetzt ist etwas los!

Gleich darauf kam der nächste Posten angestürzt: „Herr Leutnant, es gehen 70 Engländer gegen den Waldrand vor!“

Ich wunderte mich etwas über die präzise Zahlenangabe, versteckte mich aber vorsichtshalber mit den vier in meiner Nähe liegenden Leuten oben auf dem Steilhange im hohen Grase, um die weitere Entwicklung der Dinge zu beobachten. Nach einigen Sekunden sah ich einen Trupp über die Wiese huschen. Während meine Leute die Gewehre darauf richteten, rief ich ein leises: „Wer da?“ Es war der Unteroffizier Teilengerdes, ein bewährter alter Krieger der zweiten Kompagnie, der seine aufgeregte Gruppe zu sammeln versuchte.

Ich raffte rasch alles zusammen und ließ eine Schützenlinie formieren, deren Flügel sich an Steilhang und Waldstück lehnten. In einer Minute standen die Leute mit aufgepflanztem Seitengewehr. Als ich die Richtung nachsah und einen etwas zurückstehenden Mann zurechtweisen wollte, bekam ich zur Antwort: „Ich bin Krankenträger.“ Der Mann hatte sein Exerzierreglement gut im Kopfe. Beruhigt durch diesen Triumph preußischer Disziplin, ließ ich antreten.

Während wir den Wiesenstreifen überschritten, setzte von englischer Seite ein Schrapnellhagel und wildes Maschinengewehrgeknatter ein. Wir gingen unwillkürlich in Laufschritt über, um den toten Winkel des vor uns liegenden Hügels zu gewinnen.

Plötzlich erhob sich vor mir ein dunkler, Schatten. Ich riß eine Handgranate ab und schleuderte sie ihm entgegen. Zu meinem Schrecken erkannte ich beim Aufblitzen der Explosion den Unteroffizier Teilengerdes, der unbemerkt vorgelaufen und über einen Draht gestolpert war. Glücklicherweise blieb er unverletzt. Gleichzeitig ertönte neben uns das schärfere Krachen englischer Handgranaten, und das Schrapnellfeuer verstärkte sich zu unangenehmer Dichte.

Meine Schützenlinie zerflatterte und verschwand in der Richtung auf den Steilhang, der unter schwerem Feuer lag, während ich mit Teilengerdes und drei Getreuen meinen Platz behielt. Plötzlich stieß mich einer an: „Die Engländer!“

Wie eine Vision bohrte sich sekundenlang auf der nur durch stiebende Funken erhellten Wiese eine Doppelschnur knieender Gestalten in mein Auge, sich gerade erhebend und avancierend. Ich erkannte deutlich die Figur des Offiziers am rechten Flügel.

Wir sprangen auf und rannten dem Steilhang zu. Trotzdem ich über einen tückisch durchs hohe Gras gespannten Draht stolperte und mich überschlug, kam ich doch glücklich an und brachte meine erregten Leute allerdings nur durch Anwendung höchster Energie in eine auf Tuchfühlung gedrängte Schützenlinie.

Ich habe immer erfahren, daß in solchen Augenblicken der gewöhnliche Mann, der vollauf mit seiner persönlichen Gefahr beschäftigt ist, die scheinbar unbeteiligte Sachlichkeit des Führers bewundert, der inmitten der tausend entnervenden Eindrücke des Gefechts die Ausführung seines Auftrages klar im Auge hat. Diese Bewunderung hebt jeden ritterlich Gesinnten über sich selbst hinaus und spornt ihn zu immer größeren Leistungen an, so daß Führer und Mannschaft sich aneinander zu gewaltiger Energieentfaltung entzünden. Der moralische Faktor ist eben alles.

Schlagartig verstummte das Feuer, während ein vielfaches Knacken und Rauschen durch das Unterholz des Wäldchens glitt.

„Halt! Wer da! Parole?!“

Wir brüllten wohl fünf Minuten lang und schrieen auch das alte Losungswort des 1. Bataillons „Lüttje Lage“, ein Ausdruck für Schnaps und Bier, jedem Hannoveraner geläufig; doch antwortete uns nur ein seltsames, unverständliches Geschrei. Endlich nahm ich die Verantwortung auf mich und ließ feuern, trotzdem einige Leute behaupteten, deutsche Worte gehört zu haben. Meine zwanzig Gewehre fegten ihre Geschosse in das Wäldchen, die Kammern rasselten, und bald hatte sich das Geschrei drüben in Wimmern verwandelt. Ich hatte dabei ein flaues Gefühl der Ungewißheit.

Doch blitzten uns ab und zu gelbe Flämmchen entgegen. Einer von uns bekam einen Schulterschuß und wurde durch den Sanitäter verbunden.

„Stopfen!“

Langsam drang das Kommando durch, und das Feuer ruhte. Die Spannung der Nerven war durch die Tat gedämpft.

Erneutes Parolerufen und meinerseits die überredende Aufforderung: „Come here, you are prisoners, hands up!“

Darauf drüben vielstimmiges Geschrei. Ein einzelner löste sich vom Waldsaum und kam auf uns zu. Einer beging die Dummheit, ihm „Parole!“ entgegenzurufen, worauf er stehen blieb und sich umdrehte.

„Schießt ihn kaputt!“

Ein Dutzend Schüsse; die Gestalt sank zusammen und glitt ins hohe Gras.

Dieser kleine Zwischenakt erfüllte uns mit einem Gefühl der Genugtuung. Vom Waldrande erscholl wieder wirres Rufen; es klang, als ob die Angreifer sich gegenseitig ermutigten, gegen die geheimnisvollen Verteidiger vorzugehen.

In höchster Spannung starrten wir auf den dunklen Streifen. Es begann zu dämmern, und ein leichter Nebel stieg vom Wiesengrunde auf.

Da hob sich eine Reihe von Schatten aus dem Dunkel. Fünf, zehn, fünfzehn, eine ganze Kette. Zitternde Hände lösten die Sicherungsflügel. Auf 50 Meter waren sie heran, 30, 15 . . . . . Feuerrr! Minutenlang knatterten die Gewehre. Funken sprühten auf, wenn spritzende Bleikerne gegen Waffen und Stahlhelme wuchteten.

Plötzlich ein Schrei: „Aaaachtung, links!“ Eine Schar von Angreifern schnellte von ganz links auf uns zu, voran eine Riesengestalt mit vorgestrecktem Revolver, eine weiße Keule schwingend.

„Linke Gruppe links schwenken!“

Die Leute flogen herum und empfingen die Ankömmlinge stehend. Einige der Gegner, darunter der Führer, brachen unter den hastig abgefeuerten Schüssen zusammen, die anderen verschwanden spurlos, ebenso schnell wie sie gekommen waren.

Das war der Moment zum Draufgehen. Mit aufgepflanztem Seitengewehr und wütendem Hurra stürmten wir das Wäldchen. Handgranaten flogen in das verschlungene Gestrüpp, und im Nu waren wir wieder im Alleinbesitz unserer Feldwache, allerdings ohne den geschmeidigen Gegner gepackt zu haben.

Wir sammelten uns in einem angrenzenden Kornfeld und starrten in die blassen, übernächtigen Gesichter der Kameraden. Die Sonne war strahlend aufgegangen. Eine Lerche stieg hoch und ärgerte uns durch ihr Trillern. Wir waren ungefähr in derselben Stimmung, in der man nach einer durchspielten Nacht die Karten auf den Tisch wirft, wenn die kühle Morgenluft sich durch die aufgerissenen Fenster mit abgestandenem Zigarrenqualm vermengt.

Während wir uns die Feldflaschen boten und eine Zigarette ansteckten, hörten wir, wie sich der Gegner mit einigen laut jammernden Verwundeten durch den Hohlweg entfernte.

Ich beschloß den Kampfplatz abzugehen. Aus der Wiese, auf der wir die Schützenlinie zusammengeschossen hatten, stiegen fremdartige Rufe und Schmerzensschreie. Wir entdeckten im hohen Grase eine Reihe von Toten und drei Verwundete, die uns um Gnade anflehten. Sie schienen fest überzeugt, von uns umgebracht zu werden.

Auf meine Frage: „Quelle nation?“ antwortete einer: „Pauvre Radschput!“

Wir hatten Inder vor uns, weit übers Meer gekommen, um sich bei diesem gottverlassenen Stück Erde an Hannoverschen Füsilieren die Schädel einzurennen.

Die zierlichen Gestalten waren übel zugerichtet. Auf diese kurzen Entfernungen besitzt das Infanteriegeschoß Sprengwirkung. Keiner hatte weniger als zwei Schüsse bekommen. Wir nahmen sie auf und schleppten sie zu unserem Graben. Da sie schrieen, als ob sie am Spieß stäken, verstopften ihnen meine Leute den Mund und drohten mit der Faust, wodurch sie in ihrer Angst noch bestärkt wurden. Einer starb schon während des Transportes. Er wurde doch noch mitgenommen, da auf jeden Gefangenen, ob tot oder lebendig, eine Prämie gesetzt war. Die beiden anderen suchten unser Wohlgefallen zu gewinnen, indem sie fortwährend riefen: „Anglais pas bon!“ Weshalb diese Leute französisch sprachen, ist mir nicht recht klar geworden.

Im Graben wurden wir von der Kompagnie, die den Lärm des Kampfes gehört und schweres Absperrungsfeuer bekommen hatte, mit Jubel empfangen und unsere Beute gebührend bestaunt. Ich zog mich mit Kius, der gleich ein halbes Dutzend Aufnahmen machte, in unsere Hütte zurück und ließ mich von ihm zur Feier des Tages mit Spiegeleiern bewirten.

Unsere Leistung erregte berechtigtes Aufsehen und wurde im Divisionstagesbefehl lobend besprochen. Wir hatten mit 20 Mann einer um das Mehrfache überlegenen Abteilung, die uns schon in den Rücken gekommen war, siegreich widerstanden. Ein solcher Erfolg ist natürlich nur durch eine glänzend disziplinierte Truppe von hoher moralischer Qualität zu erzielen.

Ich selbst konnte mir mit Befriedigung sagen, daß ich durch Überlegenheit über die Situation und persönliche Einwirkung auf meine Leute dem feindlichen Führer eine arge Enttäuschung und ein frühzeitiges Grab bereitet hatte. Wir beiden hatten unsere Fähigkeiten in derselben Weise gemessen, wie es bei kleinen Offiziersübungen in der Garnison üblich ist; nur hatten wir nicht mit Platzpatronen geschossen.

Sollte ein Angehöriger der 1st Hariana Lancers diese Zeilen lesen, so sei ihm hier meine Achtung ausgesprochen für eine Truppe, die solche Führer ihr eigen nennt wie diesen Oberleutnant, gegen den ich die Ehre hatte zu kämpfen.

Was sagt Nietzsche vom Kriegsvolke? „Ihr dürft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten. Ihr müßt stolz auf Euren Feind sein, dann sind die Erfolge des Feindes auch Eure Erfolge.“

Am nächsten Abend bekam ich Befehl, die Feldwache, bei der sich tagsüber der Sichtverhältnisse wegen niemand aufhalten konnte, wieder zu besetzen. Kius und ich faßten mit 50 Mann zangenförmig um das Gehölz und trafen am Steilhange zusammen. Vom Feinde war nichts zu bemerken, nur aus dem Hohlwege, den ich mit dem Feldwebel Hackmann erkundet hatte, rief uns ein Posten an, schoß eine Leuchtkugel ab und feuerte. Wir merkten uns den unvorsichtigen jungen Mann für unseren nächsten Ausflug vor.

An der Stelle, wo wir in der vorigen Nacht den Flankenangriff abgeschlagen hatten, lagen drei Leichen. Es waren zwei Inder und ein weißer Offizier mit zwei goldenen Sternen auf den Achselstücken, also ein Oberleutnant. Er hatte einen Schuß ins Auge bekommen. Das Geschoß hatte die entgegengesetzte Schläfe durchbohrt und den Rand seines Stahlhelmes zerschmettert, der sich heute in meiner Sammlung derartiger Dinge befindet. Seine Rechte hielt noch die von eigenem Blut bespritzte Keule, die Linke einen großen, sechsschüssigen Coldrevolver umspannt, dessen Trommel nur noch zwei scharfe Patronen enthielt.

Meine Leute plünderten die Gefallenen. Dieser Anblick hat mich immer unangenehm berührt, doch mischte ich mich nicht ein, da die Sachen doch nur dem Verderben ausgesetzt waren, und ästhetische oder moralische Bedenken mir in dem dunklen Wiesengrund über dem noch die ganze rohe Unerbittlichkeit des Kampfes schwebte, nicht recht am Platze schienen.

In den nächsten Tagen machte sich noch eine Anzahl im Unterholz des Wäldchens verborgener Leichen bemerkbar, ein Zeichen der schweren Verluste der Gegner, das den Aufenthalt auf Feldwache noch weniger einladend machte. Als ich mich einmal allein durch das Gestrüpp arbeitete, fiel mir ein merkwürdiges, zischendes und sprudelndes Geräusch auf. Ich trat näher und stieß auf zwei Leichname, die infolge der Hitze zu einem gespenstischen Leben erwacht schienen.

Am Abend des 19. Juni ging ich mit dem kleinen Schultz, zehn Mann und einem leichten Maschinengewehr von dem allmählich etwas beklemmenden Orte auf Patrouille aus, um dem Posten, der sich neulich so forsch im Hohlweg bemerkbar gemacht hatte, einen Besuch abzustatten. Schultz ging mit seinen Leuten rechts, ich links vom Hohlweg vor mit der Verabredung, uns gegenseitig beizuspringen, wenn ein Trupp Feuer bekäme. Wir arbeiteten uns kriechend, ab und zu lauschend, durch Gras und Ginstergestrüpp vor.

Plötzlich ertönte das klappernde Geräusch einer Gewehrkammer. Wir lagen wie angegossen am Boden. Jeder alte Patrouillengänger wird die Reihe unangenehmer Gefühle der nächsten Sekunden zu würdigen wissen.

Ein Schuß zerriß die drückende Stille. Ich lag hinter einer Ginsterstaude und wartete ab. Rechts von mir warf ein Mann Handgranaten in den Hohlweg.

Schlagartig sprühte eine Feuerlinie vor uns auf. Der ekelhaft scharfe Knall der Abschüsse verriet, daß die Schützen nur wenige Meter von uns lagen. Ich sah, daß wir in eine üble Falle geraten waren und rief zum Rückzug. Alles sprang hoch und rannte in wahnsinniger Hast zurück, während auch zu unserer Linken Gewehrfeuer einsetzte. Inmitten dieses entnervenden Geknatters gab ich jede Hoffnung an heiles Zurückkommen auf. Das Unterbewußtsein war in ständiger Erwartung eines Treffers. Der Tod hielt eine Hetzjagd ab.

Irgendwo neben uns ging eine Abteilung mit schrillem Hurräh auf uns los. Der kleine Schultz gestand mir später, die Vorstellung gehabt zu haben, daß ein hagerer Inder messerschwingend hinter ihm her wäre und ihn schon fast am Kragen gepackt hätte.

Einmal stürzte ich und über mich hinweg der Unteroffizier Teilengerdes. Ich verlor Stahlhelm, Pistole und Handgranaten. Nur weiter! Endlich erreichten wir den schirmenden Steilhang und preschten hinunter. Zu gleicher Zeit kam der Leutnant Schultz mit seinen Leuten an. Er berichtete mir ganz außer Atem, daß er wenigstens den frechen Posten durch Handgranaten gezüchtigt hätte. Gleich darauf brachten zwei Leute den Füsilier F. angeschleppt, der Schüsse durch beide Beine bekommen hatte. Alle anderen waren unverwundet.

Das größte Unglück war, daß der Mann, der das Maschinengewehr getragen hatte, ein Rekrut, über den Verwundeten gefallen war, und das Ding liegen gelassen hatte.

Während wir noch lebhaft debattierten und eine zweite Expedition planten, setzte ein Artilleriefeuer ein, das mich genau an die Nacht vom 12. erinnerte, auch in bezug auf die heillose Verwirrung, die sofort ausbrach. Ich fand mich ohne Waffe am Steilhang allein mit dem Verwundeten, der sich mit beiden Händen vorwärtszog, an mich herankroch und jammerte: „Herr Leutnant, nicht allein lassen!“

Ich mußte, so leid es mir tat, ihn liegen lassen und mich an der Aufstellung der Feldwache beteiligen. Ich sammelte die Leute in einer Reihe von Postenlöchern am Waldrande, war jedoch herzlich froh, als der Morgen dämmerte, ohne daß sich etwas Besonderes ereignet hätte.

In derartigen Augenblicken war ich immer wieder erstaunt und gerührt von dem gläubigen Vertrauen des Mannes auf die Überlegenheit den Offiziers über die Lage.

„Herr Leutnant, wo sollen wir hin? Herr Leutnant, zu Hilfe, ich bin verwundet! Wo ist der Leutnant?“

Dann Führer zu sein mit klarem Kopfe, birgt den schönsten Lohn in sich, wie die Feigheit ihre Strafe. Ich habe stets den Feigling bemitleidet, dem die Schlacht zu einer Reihe höllischer Qualen wurde, die der Mutige in gesteigerter Lebenskraft nur als eine Kette aufregender Ereignisse betrachtete.

Die nächste Nacht fand uns an demselben Orte mit der Absicht, unser Maschinengewehr wiederzuholen, doch verriet uns eine Reihe verdächtiger Geräusche beim Anschleichen, daß wieder eine starke Besatzung lauern mußte.

Es wurde daher beschlossen (ein Ehrenstandpunkt, der wie so mancher andere im Kriege uns innerlich fluchen machte), die verlorene Waffe mit Gewalt wiederzuerobern. Wir sollten um 12 Uhr nachts nach einer Feuervorbereitung von drei Minuten die feindlichen Postierungen angreifen und das Gewehr suchen.

Ich machte gute Miene zum bösen Spiel und schoß am Nachmittage selbst einige Batterien ein.

Um 11 Uhr fand ich mich mit meinem Unglückskameraden Schultz wieder auf dem unheimlichen Stück Erde, auf dem mir schon so manche wilde Stunde geblüht hatte. Der Verwesungsgeruch in der schwülen Luft war kaum mehr auszuhalten. Wir überstreuten die Leichen mit Chlorkalk, den wir in Säcken mitgebracht hatten. Wie Leichentücher leuchteten die weißen Flecke aus dem Dunkel.

Das Unternehmen fing damit an, daß uns die eigenen Maschinengewehrgeschosse fortwährend um die Beine flogen und in den Steilhang klatschten. Deswegen entstand ein heftiger Zank zwischen mir und dem kleinen Schultz, der die Gewehre selbst eingerichtet hatte. Wir versöhnten uns jedoch wieder, als Schultz mich hinter einem Busche im Zwiegespräch mit einer Flasche Burgunder entdeckte, die ich zur Stärkung für das bedenkliche Abenteuer mitgenommen hatte.

Zur verabredeten Zeit brauste die erste Granate heran. Sie schlug 50 Meter hinter uns ein. Ehe wir uns noch über diese seltsame Schießerei verwundern konnten, saß eine zweite neben uns auf dem Steilhange und überschauerte uns mit einem Erdregen. Hierbei durfte ich noch nicht einmal fluchen, denn ich hatte die Geschütze ja selbst eingeschossen.

Nach dieser wenig ermunternden Einleitung gingen wir vor, mehr der Ehre wegen als in der Hoffnung auf Erfolg. Wir hatten das Glück, daß die Posten anscheinend ihre Plätze verlassen hatten, sonst wäre uns wohl ein sehr unsanfter Willkomm zuteil geworden. Leider fanden wir das Maschinengewehr auch nicht.

Da wir am folgenden Tage durch Truppen einer anderen Division abgelöst wurden, hatte das Geplänkel ein Ende.

Wir kamen vorläufig nach Montbréhain zurück und marschierten von dort nach Cambrai, wo wir fast den ganzen Monat Juli verlebten.

Die Feldwache ging in der auf unsere Ablösung folgenden Nacht endgültig verloren.

Langemarck.

Cambrai ist ein ruhiges, verträumtes Städtchen des Artois, an dessen Namen sich manche historische Erinnerung knüpft. Enge, altertümliche Gassen schlingen sich um das mächtige Rathaus, verwitterte Stadttore und viele Kirchen. Wuchtige Türme ragen aus einem Gewirr winkliger Giebel. Breite Alleen führen zu dem gepflegten Stadtpark, den ein Denkmal des Fliegers Blériot ziert.

Die Einwohner sind stille, freundliche Leute, die in den großen, einfach aussehenden und reich ausgestatteten Häusern ein behagliches Spießbürgerdasein führen. Viele Rentiers verbringen hier ihren Lebensabend. Das Städtchen führt mit Recht den Beinamen la ville des millionaires, denn kurz vor dem Kriege zählte man darin über 40 Millionäre.

Der große Krieg riß das stille Nest brutal aus seinem Dornröschenschlummer und verwandelte es in einen Brennpunkt riesiger Schlachten. Ein hastiges, neues Leben rasselte über das holperige Pflaster und klirrte gegen die kleinen Fenster, hinter denen ängstliche Gesichter lauerten. Fremde Gesellen tranken die liebevoll gefüllten Keller leer, warfen sich in die mächtigen Mahagonibetten und störten in ständigem Wechsel die beschauliche Ruhe der Privatiers, die nun inmitten des verwandelten Milieus an den Ecken und Haustüren zusammenstanden, sich mit vorsichtiger Stimme Schauermären und sicherste Nachrichten über den baldigen Endsieg der Landsleute zuraunend.

Die Leute wohnten in einer Kaserne, die Offiziere waren in der Rue-des-Liniers untergebracht. Diese Straße nahm während unserer Anwesenheit das Aussehen eines Studentenviertels an; allgemeine Unterhaltungen aus den Fenstern, nächtliche Gesänge und kleine romantische Abenteuer waren an der Tagesordnung.

Jeden Morgen rückten wir zum Exerzieren auf den großen Platz bei dem später berühmt gewordenen Dorfe Fontaine. Ich hatte einen sehr interessanten Dienst, denn der Oberst von Oppen hatte mir die Ausbildung des Sturmtrupps übertragen.

Mein Quartier war äußerst behaglich; selten ließen meine Wirte, das freundliche Juwelierehepaar Plancot-Bourlon, mich mittags essen, ohne mir irgend etwas Gutes heraufzuschicken. Abends saßen wir bei einer Tasse Tee zusammen, spielten und plauderten. Besonders oft wurde natürlich die schwer zu beantwortende Frage erörtert, warum die Menschen Krieg führen müßten.

Während dieser Stunden gab der gute Monsieur Plancot mancherlei Schwänke der allzeit müßigen und witzigen Bürger Cambrais zum besten, die in Friedenszeiten Straßen, Weinschänken und Wochenmarkt in schallendes Gelächter versetzt hatten, und die mich lebhaft an Claude Tilliers köstlichen Onkel Benjamin erinnerten.

Am 25. Juli nahmen wir Abschied von dem lieben Städtchen und fuhren nordwärts nach Flandern. In den Zeitungen hatten wir gelesen, daß dort schon wochenlang ein Artilleriekampf tobte, wie ihn die Weltgeschichte noch nicht gesehen.

In Staden wurden wir unter fernem Kanonendonner ausgeladen und marschierten durch die ungewohnte Landschaft nach dem Ohndanklager. Rechts und links von der schnurgeraden Chaussee grünten fruchtbare, beetartig erhöhte Felder und saftige, wasserreiche, von Hecken besäumte Wiesen. Weit verstreut lagen saubere Bauernhöfe mit niederen Stroh- oder Ziegeldächern, an deren Mauern Bündel von Tabakspflanzen zum Trocknen aufgehängt waren. Die des Wegs kommenden Landleute waren von germanischem Typ und unterhielten sich in derber, heimatlich anmutender Sprache. Wir verbrachten den Nachmittag in den Gärten von Einzelgehöften, der Sicht der feindlichen Flieger entzogen. Ab und zu sausten mit weit herkommendem Gurgeln gewaltige Granaten von Schiffsgeschützen über unsere Köpfe hinweg und explodierten in der Nähe. Eine schlug in einen der zahlreichen kleinen Bäche und tötete einige badende Leute vom Regiment 91.

Gegen Abend mußte ich mit einem Vorkommando zur Stellung des Bereitschaftsbataillons abrücken, um die Ablösung vorzubereiten und meine Leute einzuweisen. Wir gingen durch den Houthulster Wald und das Dorf Kokuit zum Reservebataillon und wurden auf diesem Wege durch schwere Granaten einige Male „aus dem Schritt gebracht“. In der Dunkelheit hörte ich die Stimme eines Rekruten: „Der Leutnant legt sich ja nie hin.“

„Der weiß ganz genau Bescheid,“ wurde er durch einen Älteren belehrt. „Wenn eine richtig kommt, ist er der erste, der liegt!“

Der Mann hatte meinen stets befolgten Grundsatz durchschaut. „Nimm nur Deckung, wenn es nötig ist, dann aber plötzlich.“ Den Grad der Notwendigkeit kann allerdings nur der Kriegserfahrene beurteilen, der den Endpunkt der Geschoßkurve schon im Gefühl hat, ehe der Neuling noch das leichte, ankündigende Flattern wahrnimmt.

Unsere Führer, die ihrer Sache nicht ganz sicher schienen, wanden sich durch einen endlos langen Schachtelgraben vor. So nennt man Gräben, die des Grundwassers wegen nicht tief gebaut, sondern mit Sandsäcken und Faschinen auf den gewachsenen Boden gesetzt sind. Dann streiften wir einen unheimlich zerflederten Wald, aus dem der Erzählung der Führer zufolge vor einigen Tagen ein Regimentsgefechtsstand durch die Kleinigkeit von 1000 24-cm-Granaten vertrieben war. „Hier scheint es ja großzügig zuzugehen,“ dachte ich mir dabei im stillen.

Nachdem wir kreuz und quer durch dichtes Unterholz geirrt waren, standen wir ratlos, von unseren Führern verlassen, auf einem schilfbewachsenen Stück Erde, von moorigen Sümpfen eingefaßt, auf deren schwarzen Spiegeln sich das Mondlicht brach. Fortwährend krachte es irgendwo auf, und hochgeschleuderter Schlamm klatschte plätschernd ins Wasser. Endlich kam der unglückliche Führer, auf den sich unsere ganze Wut verdichtete, zurück und gab an, den Weg gefunden zu haben. Er führte uns jedoch wieder irre, bis zu einem Sanitätsunterstand, über dem in regelmäßigen, ganz kurzen Abständen zwei Schrapnells explodierten, die ihre Kugeln und Hohlbläser durch das Geäst prasseln ließen. Der diensthabende Arzt gab uns einen vernünftigen Mann mit, der uns zur Mäuseburg, dem Sitze des Bereitschaftskommandeurs, geleitete.

Ich begab mich gleich weiter zu der Kompagnie des Regiments 225, die von der zweiten Kompagnie abgelöst werden sollte und fand nach langem Suchen im Trichtergelände einige zerfallene Häuser, die innen unauffällig durch Eisenbeton verstärkt waren. Das eine war am Tage vorher durch einen schweren Treffer eingedrückt und die Besatzung durch die niederkrachende Dachplatte wie in einer Mausefalle zerquetscht worden.

Den Rest der Nacht brachte ich in dem überfüllten Betonklotz des Kompagnieführers, eines biederen Frontschweins, zu, der sich mit seinen Ordonnanzen die Zeit mittels einer Schnapsflasche und einer großen Dose Schweinefleisch vertrieb und öfters diese Beschäftigung unterbrach, um kopfschüttelnd dem ständig wachsenden Artilleriefeuer zu lauschen. Dann pflegte er die schönen Zeiten in Rußland zu beseufzen und fluchte über die Auspumpung seines Regiments. Endlich fielen mir die Augen zu.

Der Schlaf war schwer und beklommen; die in der undurchdringlichen Dunkelheit rings um das Haus niederfallenden Brisanzgranaten riefen inmitten der toten Landschaft ein unbeschreibliches Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit hervor. Ich schmiegte mich unwillkürlich an einen Mann, der neben mir auf der Pritsche lag. Einmal wurde ich durch einen starken Stoß hochgeschreckt. Meine Leute leuchteten die Wände ab, um nach einem Loch zu suchen. Es stellte sich heraus, daß eine leichte Granate an der Außenwand geplatzt war.

Den nächsten Nachmittag verbrachte ich beim Bataillonskommandeur auf der Mäuseburg, da ich mich noch über einige wichtige Fragen informieren mußte. Andauernd schlugen neben der Befehlsstelle 15-cm-Granaten ein, während der Rittmeister mit seinem Adjutanten und dem Ordonnanzoffizier einen endlosen Skat spielte und eine Seltersflasche voll schlechten Fusels kreisen ließ. Manchmal legte er die Karten hin, um einen Melder abzufertigen oder stellte mit sorgenvoller Miene die Bombensicherheit unseres Betonklotzes zur Diskussion. Trotz seiner eifrigen Gegenreden (der Wunsch war deutlich der Vater des Gedankens) überzeugten wir ihn, daß wir einem Treffer von oben nicht gewachsen wären.

Am Abend entbrannte das allgemeine Feuer zu rasender Heftigkeit, vorn stiegen in unaufhörlicher Folge bunte Leuchtkugeln hoch. Staubbedeckte Läufer brachten die Meldung, daß der Feind angriffe. Nach wochenlangem Trommeln wurde der Infanteriekampf eingeleitet.

Zum Stande des Kompagnieführers zurückgekehrt, wartete ich auf das Eintreffen der zweiten Kompagnie, die um 4 Uhr morgens während eines lebhaften Feuerüberfalls erschien. Ich übernahm gleich meinen Zug und führte ihn an seinen Platz, einen von den Trümmern eines vernichteten Hauses bedeckten Betonbau, der unsäglich verlassen inmitten eines riesigen Trichterfeldes von grauenhafter Wüstheit lag.

Um 6 Uhr morgens lichtete sich der dichte flandrische Nebel und gab uns einen Ausblick auf unsere schaurige Umgebung. Gleich darauf erschien, dicht über dem Erdboden hängend, ein Schwarm feindlicher Flieger und durchforschte, Sirenensignale abgebend, das zerstampfte Gelände, während versprengt umherirrende Infanteristen sich in Granatlöchern zu verbergen suchten.

Eine halbe Stunde später setzte ein furchtbarer Feuerüberfall ein, der unsere Zufluchtsinsel einem taifungepeitschten Meere gleich umbrandete. Der Wald von Einschlägen um uns verdichtete sich zu einer wirbelnden Wand. Wir hockten zusammen und erwarteten jeden Augenblick den schmetternden Treffer, der uns samt den Betonblöcken spurlos hinwegfegen und unseren Aufenthalt der Trichterwüste gleichmachen mußte.

Unter derartigen gewaltigen Feuerstößen, auf die wir uns in längeren Pausen vorbereiten konnten, verging der ganze Tag.

Am Abend erschien eine erschöpfte Ordonnanz und übergab mir einen Befehl, aus dem ich entnahm, daß die erste, dritte und vierte Kompagnie um 10.50 Uhr zum Gegenstoß antreten, die zweite ihre Ablösung erwarten und in die vordere Linie einschwärmen sollte. Um den nächsten Stunden gekräftigt entgegensehen zu können, legte ich mich nieder, nicht ahnend, daß mein Bruder Fritz, den ich noch in Hannover wähnte, mit einer Gruppe der dritten Kompagnie durch den Feuerorkan dicht an meiner Hütte vorbei zum Sturm vorging.

Mein Schlaf wurde lange durch das Jammern eines Verwundeten gestört, den zwei im Trichterfelde verirrte Sachsen, die völlig erschöpft eingeschlafen waren, bei uns niedergelegt hatten. Als sie am nächsten Morgen erwachten, war ihr Kamerad tot. Sie trugen ihn in das nächste Granatloch, überdeckten ihn mit ein paar Schaufeln Erde und entfernten sich, eines der unzähligen einsamen und unbekannten Gräber des Krieges zurücklassend.

Ich erwachte erst um 11 Uhr aus tiefem Schlummer, wusch mich in meinem Stahlhelm und schickte nach Befehlen zum Kompagnieführer, der zu meinem Erstaunen schon abgerückt war, ohne mich und den Zug Kius überhaupt benachrichtigt zu haben.

Es zeigten sich eben die Folgen davon, daß Offiziere fremder Waffengattungen, die nicht einmal „Gewehr über!“ kommandieren konnten, nur ihres Dienstalters wegen gleich an der Spitze von Kompagnien in die Infanterieschlacht geschickt wurden. Derartige Anciennitätsrücksichten mag man, wenn man nicht ohne sie auszukommen glaubt, da anwenden, wo keine Menschenleben in Frage kommen.

O, rühret, rühret nicht daran! Wir haben so manches Mal im Unterstand und hinterm Becher darüber geflucht, aber nur unter uns. Es war angenehmer, gegen das Fort Douaumont Sturm zu laufen, als gegen dieses uralte Erbübel. Den friderizianischen Geist in hohen Ehren, aber Perücken, Zöpfe und Rangordnung auf Kammer zu den Donnerbüchsen von 1806, wenn es noch einmal losgehen sollte.

Während ich noch fluchend auf meiner Pritsche saß und überlegte, was ich tun sollte, erschien eine Ordonnanz vom Bataillon und übergab mir den Befehl, sofort die achte Kompagnie zu übernehmen.

Ich erfuhr, daß der Gegenangriff des I. Bataillons in der vorigen Nacht unter starken Verlusten zusammengebrochen war, und daß die Reste in einem vor uns liegenden Wäldchen, dem sogenannten Dobschützwald, und rechts und links davon eine Verteidigungsstellung bezogen hätten. Die achte Kompagnie hatte den Auftrag gehabt, zur Verstärkung in das Wäldchen einzuschwärmen, war jedoch im Zwischengelände unter starken Verlusten im Sperrfeuer zerstoben. Da auch der Kompagnieführer, Oberleutnant Büdingen, gefallen war, sollte ich die Kompagnie erneut vorführen.

Nachdem ich mich von meinem verwaisten Zuge verabschiedet hatte, machte ich mich mit der Ordonnanz auf den Weg quer durch die schrapnellbestreute Einöde. Eine verzweifelnde Stimme hielt unseren gebückten Lauf für einen Augenblick an. In der Ferne winkte eine halb aus einem Trichter ragende Gestalt mit blutendem Armstumpfe. Wir wiesen auf unsere eben verlassene Hütte und hasteten weiter.

Ich fand die achte Kompagnie als ein entmutigtes, hinter einer Reihe von Betonklötzen hockendes Häuflein vor, das ein nochmaliges Vorgehen gegen die uns vom Dobschützwald trennende Wand schwerer Einschläge für unmöglich erklärte. Sieben Mann meldeten sich krank.

Dagegen blieb mir nur der Beweis ad oculos übrig. Ich befahl, mir zu folgen, und sprang mitten ins Feuer hinein. Schon nach ein paar Sätzen überschüttete mich eine Granate, die ihren Kegel zum Glück ganz steil hochwarf, mit Erde und schleuderte mich in den nächsten Trichter. Ich merkte jedoch bald, daß die Wut des Feuers weiter vorn geringer wurde. Nachdem ich mich 200 Meter weit vorgearbeitet hatte, sah ich mich um. Das Gelände war menschenleer.

Endlich tauchten zwei Mann aus Rauch- und Staubwolken auf, dann noch einer, dann wieder zwei. Mit diesen fünf Leuten erreichte ich glücklich mein Ziel.

In einem halb zerschmetterten Betonklotz saßen Leutnant Sandvoß, Führer der dritten Kompagnie, und der kleine Schultz mit drei schweren Maschinengewehren. Ich wurde mit lautem Hallo und einem Schluck Kognak empfangen, dann erklärten sie mir die Lage, die sehr wenig angenehm war. Dicht vor uns saß der Engländer, rechts und links war kein Anschluß.

Ganz unvermittelt fragte mich Sandvoß, ob ich etwas von meinem Bruder gehört hätte. Man wird sich meine Gefühle vorstellen können, als ich erfuhr, daß er den gestrigen Sturm mitgemacht habe und vermißt sei.

Gleich darauf kam ein Mann und teilte mir mit, daß mein Bruder verwundet in einem nahen Unterstand läge und zeigte dabei auf ein wüstes, von entwurzelten Bäumen bedecktes Blockhaus. Ich eilte über eine Lichtung, die unter gezieltem Gewehrfeuer lag und trat ein. Welch ein Wiedersehen! Mein Bruder lag in einem von Leichengeruch erfüllten Raum inmitten einer Menge ächzender Schwerverwundeter. Er war in einer traurigen Verfassung. Beim Sturm hatten ihn zwei Schrapnellkugeln getroffen, die eine hatte die Lunge durchschlagen, die andere das rechte Oberarmgelenk zerschmettert. Das Fieber glänzte ihm aus den Augen; er konnte nur mit Mühe sich bewegen, sprechen und atmen. Wir drückten uns die Hand und erzählten.

Es war mir klar, daß er nicht an diesem Orte bleiben durfte, denn jeden Augenblick konnte der Engländer stürmen, oder eine Granate dem schwerbeschädigten Betonklotz den Rest geben. Der beste Bruderdienst war, ihn sofort zurückzuschaffen. Trotzdem Sandvoß sich gegen jede Schwächung unserer Kampfkraft sträubte, gab ich den fünf mit mir gekommenen Leuten den Auftrag, meinen Bruder zum Sanitätsunterstand „Kolumbusei“ zu schaffen und von dort Leute zur Bergung der anderen Verwundeten mitzubringen. Wir knüpften ihn in eine Zeltbahn und steckten eine lange Stange hindurch, dann nahmen ihn zwei Mann auf die Schultern. Noch ein Händedruck, dann setzte sich der traurige Zug in Bewegung.

Ich sah vom Waldrande aus der schwankenden Last nach, die sich durch einen Wald kirchturmhoher Granatfontainen wand.

Nachdem ich aus den Trichtern am vorderen Waldrande noch etwas mit den langsam vordringenden Engländern geplänkelt hatte, verbrachte ich die Nacht mit meinen Leuten und einer Maschinengewehrbedienung zwischen den Trümmern des Betonklotzes. Andauernd schlugen in der Nähe Brisanzgranaten von ganz außergewöhnlicher Wucht ein, von denen mich am Abend eine um ein Haar getötet hätte. Gegen Morgen ratterte plötzlich der Maschinengewehrschütze los, da sich dunkle Gestalten näherten. Es war eine Verbindungspatrouille des Infanterieregiments 76, von der er einen Mann niederstreckte. Derartige Irrtümer kamen in diesen Tagen häufig vor, ohne daß man sich lange darüber aufhielt.

Um 6 Uhr morgens wurden wir durch Teile der neunten Kompagnie abgelöst, die mir den Befehl überbrachten, mit meinen Leuten die Rattenburg zu besetzen. Auf dem Wege dorthin wurde mir noch ein Fahnenjunker durch Schrapnellschuß kampfunfähig gemacht.

Die Rattenburg präsentierte sich uns als ein zerschossenes, mit Betonquadern ausgemauertes Haus hart an dem sumpfigen Bette des Steenbachs, das seinen Namen wahrscheinlich wohl verdiente.

Ziemlich zermürbt hielten wir unseren Einzug und warfen uns auf die strohbedeckten Pritschen, bis uns ein reichliches Mittagessen und die ermunternde Pfeife Tabak hinterher wieder etwas auf die Beine brachten.

In den frühen Nachmittagsstunden setzte eine andauernde Beschießung mit schweren und schwersten Kalibern ein. Von 6 bis 8 Uhr jagte eine Explosion die andere; oft wurde der Bau durch die ekelhaften Stöße in der Nähe einschlagender Blindgänger erschüttert und drohte einzustürzen. Als das Feuer gegen Abend verebbte, pirschte ich mich zum Sanitätsunterstand „Kolumbusei“ und erkundigte mich bei dem Arzt, der gerade das grauenhaft zugerichtete Bein eines Sterbenden untersuchte, nach meinem Bruder. Mit Freude hörte ich, daß er in verhältnismäßig guter Verfassung zurückgeschafft sei.

Zu später Stunde erschien mein Essenträgertrupp und brachte der kleinen, auf 20 Mann zusammengeschmolzenen Kompagnie warmes Essen, Büchsenfleisch, Kaffee, Brot, Tabak und Schnaps. Wir aßen kräftig und ließen ohne lästigen Standesunterschied die Flasche mit „98prozentigem“ rundgehen. Dann gaben wir uns dem Schlafe hin, der durch aus dem Bachgrund aufsteigende Mückenschwärme, Granaten und zeitweilige Gasbeschießungen reichlich gestört wurde.

Infolgedessen schlief ich am nächsten Morgen so fest, daß mich meine Leute nach stundenlangem, schwerstem Feuer wecken mußten. Sie berichteten, daß von vorn dauernd Leute zurückkämen mit der Angabe, die vordere Linie sei geräumt und der Gegner im Vordringen.

Nach dem alten Soldatengrundsatz: „Gut gefrühstückt, hält Leib und Seele zusammen“, stärkte ich mich zunächst, steckte mir eine Pfeife an und sah dann zu, was draußen los war.

Ich hatte nur einen bescheidenen Überblick, da die ganze Umgebung in dichten Qualm gehüllt war. Das Artilleriefeuer wurde von Minute zu Minute gewaltiger und erreichte bald jenen Höhepunkt, auf dem die Nervenerregung, keiner weiteren Steigerung fähig, in eine beinahe lustige Gleichgültigkeit umschlägt. Andauernd prasselten Schauer von Erdklumpen auf unser Dach, zweimal wurde das Haus selbst getroffen. Brandgranaten warfen schwere, milchweiße Wolken hoch, aus denen feurige Tropfen zur Erde rieselten. Ein Stück dieser brennenden Masse klatschte auf einen Stein vor meinen Füßen und brannte noch minutenlang weiter. Verzögerungsgeschosse wühlten sich dröhnend in den Boden, flache Erdglocken hochstoßend. Gas- und Nebelschwaden krochen schwerfällig über das Schlachtfeld. Kurz vor uns ertönte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, ein Zeichen, daß der Feind schon nahe herangekommen sein mußte.

Unten im Steenbachgrunde schritt eine Gruppe von Leuten durch den wechselnden Wald hochspritzender Schlammgeiser. Ich erkannte den Bataillonskommandeur, Hauptmann von Brixen, der sich mit verbundenem Arm auf zwei Sanitäter stützte, und eilte nach ihm hin. Er rief mir hastig zu, daß der Feind im Vordringen sei und warnte mich vor längerem Verweilen ohne Deckung.

Bald klatschten die ersten Infanteriegeschosse in die umliegenden Trichter oder zerschellten an den Mauerresten. Immer mehr flüchtige Gestalten verschwanden hinter uns im Dunst, während rasendes Gewehrfeuer für die erbitterte Verteidigung der vorn Festhaltenden zeugte.

Es galt zu handeln. Ich beschloß, die Rattenburg zu verteidigen und machte den Leuten, von denen einige bedenkliche Gesichter zogen, klar, daß ich an Rückzug nicht im entferntesten dächte. Die Mannschaft wurde hinter Schießscharten verteilt, und unser einziges Maschinengewehr in eine Fensteröffnung gestellt. Ein Trichter wurde zum Verbandplatz bestimmt, und ein Sanitäter, der gleich reichliche Arbeit fand, hineingesetzt. Auch ich nahm ein herumliegendes Gewehr auf und hing einen Gurt Patronen um den Hals.

Da mein Häuflein sehr klein war, versuchte ich, es durch die zahlreichen führungslos umherirrenden Leute zu verstärken. Die meisten folgten willig unseren Zurufen, froh, sich anschließen zu können, während andere, von ihren Nerven verlassen, weiter eilten, nachdem sie einen Augenblick gestutzt hatten. In solchen Fällen hört jede zarte Rücksicht auf.

„Anschlagen!“ rief ich meinen Leuten zu, die vor mir im Schutze des Hauses standen, und schon fielen ein paar Schüsse. Von den Mündungen der Gewehre magnetisch angezogen, kamen diese in jeder Schlacht unvermeidlichen Drückeberger langsam näher, obgleich man ihren Mienen ansah, wie ungern sie uns Gesellschaft leisteten. Eine mir wohlbekannte Kasinoordonnanz versuchte, sich durch allerlei Ausflüchte loszuwinden, ich ließ jedoch nicht locker. „Aber ich habe ja gar kein Gewehr!“ „Dann warten Sie, bis einer totgeschossen wird!“

Während einer letzten gigantischen Feuersteigerung, bei der die Trümmer des Hauses mehrere Male getroffen wurden und die Ziegelbrocken hoch aus der Luft auf unsere Stahlhelme klirrten, wurde ich im Blitze eines furchtbaren Schlages zu Boden geworfen. Zum Erstaunen der Leute raffte ich mich unverletzt wieder hoch.

Nach diesem mächtigen Schlußwirbel wurde es ruhiger. Das Feuer sprang über uns hinweg und blieb an der Straße Langemarck—Bixschoote stehen. Uns war nicht wohl dabei zumute. Bislang hatten wir den Wald vor Bäumen nicht gesehen, die Gefahr war so gewaltig und vielgestalt auf uns eingedrungen, daß wir uns nicht mit ihr beschäftigen konnten. Nachdem der Sturm über uns hinweggebraust war, fand jeder Zeit, sich für das zu rüsten, was unvermeidlich kommen mußte.

Und es kam. Die Gewehre vor uns verstummten. Die Verteidiger waren erledigt. Aus dem Qualm tauchte eine dichte Schützenlinie. Meine Leute schossen, hinter den Trümmern kauernd, das Maschinengewehr tackte. Wie weggewischt verschwanden die Angreifer in den Trichtern und fesselten uns durch ihr Feuer. Rechts und links gingen starke Abteilungen vor. Bald waren wir von einem Kranze von Schützen umgeben.

Die Lage war aussichtslos; es hatte keinen Zweck, die Mannschaft hinzuopfern. Ich gab Befehl zum Rückzuge. Es war schwierig, die im Kampfe verbissenen Leute hochzubekommen.

Eine im Grunde lagernde Rauchwolke ausnutzend, entkamen wir, ohne bemerkt zu werden. Ich verließ die kleine Feste als Letzter, den Leutnant Höhlemann unterstützend, der aus einer schweren Kopfwunde blutete und sich mit einigen Witzen über seine Unbeholfenheit hinwegsetzte.

Beim Überschreiten der Straße stießen wir auf die zweite Kompagnie, die zur Verstärkung vorgeschickt war. Nach kurzer Beratung beschlossen wir, stehen zu bleiben und den Gegner zu erwarten. Auch hier mußten wir Leute anderer Truppenteile, die den Rückzug eigenmächtig fortsetzen wollten, zwingen, zu bleiben. Besonders Artilleristen, Lichtsignalisten, Fernsprecher usw. waren nur durch Gewalt zu der Einsicht zu bringen, daß unter diesen Umständen auch sie sich mit einem Gewehr in die Schützenlinie zu legen hätten. Mit Bitten, Befehlen und Kolbenstößen schaffte ich mit Hilfe von Kius und einigen ruhigen Leuten bald Ordnung.

Dann setzten wir uns in einen angedeuteten Graben und frühstückten. Kius zog seinen unvermeidlichen Apparat hervor und photographierte. Links vor uns am Ausgang von Langemarck entstand Bewegung. Unsere Leute schossen auf umherlaufende Gestalten. Bald darauf erschien ein Unteroffizier und meldete, daß sich eine Kompagnie der Gardefüsiliere an der Straße eingenistet und durch unser Feuer Verluste erlitten hätte.

Ich ließ daraufhin unter starkem Gewehrfeuer bis in ihre Höhe vorgehen. Einige Leute fielen, der Leutnant Bartmer von der zweiten Kompagnie wurde schwer verwundet. Kius blieb an meiner Seite, im Vorgehen sein Butterbrot zu Ende essend. Als wir die Straße besetzt hatten, von der das Gelände zum Steenbach abfiel, bemerkten wir, daß die Engländer im Begriff gewesen waren, dasselbe zu tun. Bis auf 20 Meter waren die ersten khakifarbenen Gestalten schon heran. Soweit das Auge blicken konnte, war das Vorgelände von Schützenlinien und Reihenkolonnen erfüllt. Auch um die Rattenburg wimmelten sie schon herum.

Wir nutzten unser überraschendes Erscheinen energisch aus und knallten gleich ordentlich dazwischen. Am Steenbach brach eine ganze Reihe zusammen. Einer von ihnen hatte eine Rolle Draht auf dem Rücken, von der er eine Leitung abwickelte. Andere sprangen wie die Hasen hin und her, während neben ihnen die Staubwölkchen unserer Geschosse aufwirbelten. Ein strammer Gefreiter der achten Kompagnie legte mit der größten Ruhe sein Gewehr auf einen zersplitterten Baumstumpf und schoß nacheinander vier Gegner ab. Der Rest verkroch sich in Granattrichter, um sich dort bis zur Dunkelheit verborgen zu halten. Wir hatten gut aufgeräumt.

Gegen 11 Uhr schraubten sich kokardengeschmückte Flugzeuge auf uns herunter und wurden durch lebhaftes, von oben erwidertes Feuer vertrieben.

Gleich nach der Besetzung der Straße hatte ich dem Regiment gemeldet und um Unterstützung gebeten. Am Nachmittag kamen Infanteriezüge, Pioniere und Maschinengewehre zur Verstärkung. Nach der Taktik des Alten Fritzen wurde alles in die überfüllte vordere Linie gesteckt. Ab und zu streckte der Engländer einige unvorsichtig über die Straße gehende Leute nieder.

Gegen 4 Uhr begann eine sehr unangenehme Schrapnellschießerei. Die Ladungen wurden haarscharf auf die Chaussee geschleudert. Mir war klar, daß die Flieger unsere neue Widerstandslinie festgestellt hatten und uns noch schwere Stunden bevorstehen mußten.

Wirklich setzte bald eine gewaltige Beschießung mit leichten und schweren Granaten ein. Wir lagen dicht nebeneinander in dem überfüllten, schnurgeraden Straßengraben. Das Feuer tanzte uns vor den Augen, Zweige und Lehmklumpen pfiffen auf uns herab. Links neben mir flammte ein Feuerblitz auf, weißen, stickigen Dampf zurücklassend. Ich kroch auf allen Vieren zu meinem Nebenmann. Er regte sich nicht mehr. Das Blut sickerte ihm aus vielen, von schmalen, zackigen Splittern geschlagenen Wunden. Auch weiter rechts traten schwere Verluste ein.

Nach einer halben Stunde wurde es still. Wir gruben emsig tiefe Löcher in die flache Mulde des Grabens, um bei einem zweiten Überfall wenigstens Schutz gegen Splitter zu haben. Unsere Spaten stießen dabei auf Gewehre, Koppelzeug und Patronenhülsen aus dem Jahre 1914, ein Zeichen, daß dieser Boden nicht zum ersten Male Blut trank. Während der Dämmerung wurden wir noch einmal gründlich bedacht. Ich hockte neben dem Leutnant Kius in einem Sitzloch, das uns manche Schwiele gekostet hatte. Der Boden rollte wie eine Schiffsplanke unter fortwährenden nächsten Einschlägen. Wir waren auf das Ende gefaßt.

Den Stahlhelm in die Stirn gedrückt, zerkaute ich meine Pfeife und starrte auf die Chaussee, deren Steine unter aufspringenden Eisenbrocken Funken sprühten. Die merkwürdigsten Gedanken schossen mir durch den Kopf. So beschäftigte ich mich lebhaft mit einem französischen Schundroman „le vautour de la Sierra“, der mir in Cambrai in die Hände gefallen war. Mehrere Male murmelte ich ein Wort Ariost’s: „Ein großes Herz fühlt vor dem Tod kein Grauen, wann er auch kommt, wenn er nur rühmlich, ist.“ Heute schmeckt es mir etwas nach Theater, damals half es mir, Haltung vor mir selbst zu bewahren. Wenn die Granaten dem Ohr etwas Ruhe ließen, hörte ich Bruchstücke des schönen Liedes vom schwarzen Walfisch zu Askalon neben mir ertönen und hielt meinen Freund Kius für übergeschnappt. Jeder hat eben sein eigenes Nervenberuhigungsmittel.

Am Ende der Beschießung flog mir ein großer Splitter gegen die Hand. Kius leuchtete mit seiner Taschenlaterne. Wir stellten einen oberflächlichen Riß fest.

Stunden wie die eben erlebte waren ohne Zweifel die schrecklichsten des ganzen Krieges.

Du kauerst zusammengezogen einsam in deinem Erdloch und fühlst dich einem unbarmherzigen, blinden Vernichtungswillen preisgegeben. Mit Entsetzen ahnst du, daß deine ganze Intelligenz, deine Fähigkeiten, deine geistigen und körperlichen Vorzüge zur unbedeutenden, lächerlichen Sache geworden sind. Schon kann, während du dies denkst, der Eisenklotz seine sausende Fahrt angetreten haben, der dich zu einem formlosen Nichts zerschmettern wird. Dein Unbehagen konzentriert sich auf das Gehör, das das Heranflattern des Todbringers aus der Menge der Geräusche zu unterscheiden sucht.

Dabei ist es dunkel. Du mußt alle Kraft zum Aushalten aus dir allein schöpfen. Du kannst nicht einmal aufstehen und dir mit blasiertem Lächeln eine Zigarette anzünden, dich an den bewundernden Blicken deiner Kameraden aufrichtend. Du wirst nicht ermutigt durch deinen Freund, der sich das Monokel einklemmt, um einen Einschlag auf der Schulterwehr neben dir zu betrachten. Du weißt, wenn es dich trifft, wird kein Hahn danach krähen.

Ja, warum springst du nicht auf und stürzt in die Nacht hinein, bis du in einem sicheren Gebüsch wie ein erschöpftes Tier zusammenbrichst? Warum hältst du noch immer aus, du und deine Braven? Kein Vorgesetzter sieht dich.

Und doch beobachtet dich jemand. Dir selbst vielleicht unbewußt, wirkt der moralische Mensch in dir und bannt dich durch zwei mächtige Faktoren am Platze: die Pflicht und die Ehre. Du weißt, du bist zum Kampfe an diesen Ort gestellt und ein ganzes Volk vertraut darauf, daß du deine Sache machst. Du fühlst, wenn ich jetzt meinen Platz verlasse, bin ich ein Feigling vor mir selbst, ein Lump, der später bei jedem Worte des Lobes erröten muß. Du beißt die Zähne zusammen und bleibst.

An diesem Abend hielten alle aus, die dort an der dunklen flandrischen Chaussee lagen. Man sah, daß Führer und Mannschaft in einem heroischen Geiste erzogen waren.

Pflicht und Ehre müssen die Grundpfeiler jeder Armee sein. Und dem Offizier als Vorkämpfer muß das Gefühl gesteigerter Pflicht und gesteigerter Ehre anerzogen werden. Dazu braucht man geeignetes Material und gewisse Formen. Das wird einem erst im Kriege ganz klar. —

Nach Mitternacht begann es zu rieseln; Patrouillen eines inzwischen eingeschwärmten Regiments, die bis zum Steenbach vorgingen, fanden nur schlammgefüllte Trichter vor. Der Feind hatte sich hinter den Bach zurückgezogen.

Von den Anstrengungen dieses gewaltigen Tages erschöpft, setzten wir uns bis auf die in Wachen eingeteilten Leute in unsere Löcher. Ich zog mir den zerfetzten Mantel meines toten Nebenmannes über den Kopf und verfiel in einen unruhigen Schlaf. Zur Zeit der Dämmerung erwachte ich durch ein merkwürdig kaltes Gefühl und entdeckte, daß ich mich in einer betrüblichen Lage befand. Es regnete in Strömen, und die Rinnsale der Straße ergossen sich in die Tiefe meines Sitzloches. Ich errichtete einen kleinen Damm und schöpfte meinen Ruheort mit dem Kochgeschirrdeckel aus. Infolge des ständigen Steigens der Wassermenge mußte ich meinem Erdwerke eine Krone nach der anderen aufsetzen, bis endlich der schwache Bau dem wachsenden Druck wich, und ein schmutziger Strom mein Sitzloch gurgelnd bis obenhin füllte. Während ich mich bemühte, aus dem Schlamm Pistole und Stahlhelm zu angeln, trieben Tabak und Lebensmittel den Chausseegraben entlang, dessen übrigen Bewohnern es ähnlich ergangen war. Zitternd und frierend, ohne einen trockenen Faden am Leibe standen wir in dem Bewußtsein, der nächsten Beschießung völlig deckungslos ausgesetzt zu sein, im Schlamm der Straße. Es war eine erbärmliche Situation. Ich machte hier die Beobachtung, daß kein Artilleriefeuer die Widerstandskraft des Menschen so gründlich zu brechen vermag wie Nässe und Kälte.

Für den weiteren Verlauf der Schlacht war dieser Landregen ein wahres Gottessgeschenk, denn die englische Offensive mußte ja dadurch gerade in den ersten, wichtigsten Tagen ins Stocken kommen. Der Gegner mußte mit seiner Artillerie die versumpfte Trichterzone überwinden, während wir unsere Munition auf intakten Straßen heranrollen konnten.

Um 11 Uhr erschien, als uns schon die Verzweiflung gepackt hatte, ein rettender Engel, in Gestalt eines Meldeläufers, der den Befehl brachte, daß sich das Regiment in Kokuit sammeln sollte.

Auf dem Wege sahen wir, wie schwierig die Verbindung nach vorn am Angriffstage gewesen sein mußte. Die Straßen waren besät von Menschen und Pferden. Neben einigen bis zur Unkenntlichkeit zerschmetterten Protzen lagen zwölf grauenhaft verstümmelte Pferde auf einem Haufen.

Auf einer regenfeuchten Wiese, über der sich die milchweißen Bälle vereinzelter Schrapnells wölkten, sammelten sich die Reste des Regiments. Wir wurden erschüttert durch den Anblick dieser kleinen Schar von der Stärke einer Kompagnie, in deren Mitte ein Grüpplein von Offizieren stand. Welche Verluste! Von zwei Bataillonen fast alle Offiziere und Mannschaften. Düsteren Blicks standen die Überlebenden im strömenden Regen, bis die Quartiere angewiesen waren. In einer Holzbaracke trockneten wir uns, um einen glühenden Ofen geschart, und faßten bei einem kräftigen Frühstück wieder frischen Lebensmut. Die menschliche Natur ist eben unverwüstlich.

Gegen Abend schlugen Granaten ins Dorf. Eine der Baracken wurde getroffen und eine Reihe von Leuten der dritten Kompagnie getötet. Trotz der Beschießung legten wir uns bald nieder mit der einzigen Hoffnung, nicht zum Gegenangriff oder plötzlicher Verteidigung wieder in den Regen hinausgeworfen zu werden.

Um 3 Uhr morgens kam der Befehl zum endgültigen Abrücken. Wir marschierten über die mit Leichen und zerschossenen Wagen bestreute Chaussee nach Staden. Um den Krater eines riesigen Einschlages herum lagen allein zwölf Tote. Staden, das bei unserer Ankunft noch so belebt gewesen war, wies schon viele zerschossene Häuser auf. Der verödete Marktplatz war mit fortgeworfenem Hausgerät besät. Eine Familie verließ mit uns das Städtchen, als einzigen Besitz eine Kuh hinter sich herziehend. Der Mann hatte ein Stelzbein, die Frau hielt die weinenden Kinder an der Hand. Der wirre Lärm im Rücken erhöhte das Traurige des Bildes.

Die Überreste des II. Bataillons wurden in einem einsamen Hof untergebracht, der sich inmitten saftiger, hochaufgeschossener Felder hinter dichten Hecken verbarg. Dort wurde mir die Führung der siebenten Kompagnie übertragen, mit der ich bis zum Schluß des Krieges Freud und Leid teilen sollte.

Am Abend saßen wir vor dem mit alten Kacheln ausgelegten Kamin, stärkten uns durch einen steifen Grog und lauschten dem wieder auflebenden Donner der Schlacht. Aus dem Heeresbericht einer neuen Zeitung sprang mir der Satz in die Augen: „Es gelang uns, den Feind an der Steenbachlinie aufzuhalten.“

Es war seltsam, zu empfinden, daß unser scheinbar wirres Tun in finsterer Nacht weltgeschichtliche Bedeutung erlangt hatte. Wir hatten ein gut Teil dazu beigetragen, die mit so gewaltigen Kräften begonnene feindliche Offensive zum Stillstand zu bringen.

Bald begaben wir uns zur Ruhe auf den Heuboden. Trotz des ausgiebigen Schlaftrunkes phantasierten die meisten Schläfer und wälzten sich hin und her, als ob sie die Flandernschlacht noch einmal durchkämpfen müßten.

Am 3. Juli setzten wir uns, reichbeladen mit Vieh und Feldfrüchten der verlassenen Gegend nach dem Bahnhof des nahen Städtchens Gits in Marsch. In der Bahnhofskneipe trank das ganze zusammengeschrumpfte Bataillon schon wieder in glänzender Stimmung Kaffee, den zwei derbe flämische Kellnerinnen zum allgemeinen Vergnügen mit sehr gewagten Redewendungen würzten. Besonderen Spaß machte es den Leuten, daß sie nach Landesbrauch jeden, auch die Offiziere, mit „du“ traktierten.

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Nach einigen Tagen erhielt ich aus einem Gelsenkirchener Lazarett einen Brief meines Bruders. Er schrieb, daß er wohl einen steifen Arm und eine klapprige Lunge behalten würde.

Ich entnehme seinem Tagebuch folgende Zeilen, die meinen Bericht ergänzen und die Eindrücke eines in das Tosen der Materialschlacht geworfenen Neulings anschaulich wiedergeben:

„— — Antreten zum Sturm!“ Das Gesicht meines Zugführers und Vizefeldwebels Schnell beugte sich über den Eingang der kleinen laub- und bretterüberdachten Höhle, in der wir seit Stunden rauchend und essend lagen. Die drei Leute neben mir beendeten ihr Gespräch und rafften sich fluchend auf. Ich erhob mich, schnallte um, rückte den Stahlhelm fest und trat in die Dämmerung hinaus.

Es war neblig und kühl. Das Bild hatte sich inzwischen verändert. Das Granatfeuer hatte sich verzogen und lagerte dumpfdonnernd auf anderen Teilen des riesigen Schlachtfeldes. Flugzeuge durchknatterten die Luft und beruhigten das ängstlich spähende Auge durch ihre großen eisernen Kreuze.

Ich lief noch einmal zu einem Brunnen, der zwischen Trümmern und Schutt sich merkwürdig klar erhalten hatte, zog den Eimer hoch, trank und füllte meine Feldflasche.

Die Leute der Kompagnie traten in Zügen an. Ich hakte mir eilig vier Handgranaten in das Koppel und begab mich zu meiner Gruppe, von der zwei Mann nicht zur Stelle waren. Kaum hatte ich noch Zeit, die Namen aufzuschreiben, als alles sich in Bewegung setzte. In Reihen zu einem bewegten sich die Züge durch das Trichtergelände, umbogen Balken, preßten sich an Hecken, tauchten in Tiefen unter und wanden sich klirrend und polternd auf den Feind zu.

Ich war mir meines Auftrages klar bewußt. Das zweite Bataillon unseres Regiments und ein Bataillon des Nachbarregiments hatten den Befehl, englische Abteilungen, die über den Kanal gestoßen waren, zurückzuwerfen. Mir war zugedacht, mit meiner Gruppe vorn liegen zu bleiben und den Gegenstoß aufzufangen.

Während ich all dieses noch einmal überlegte, traf mein Blick auf das blasse, entschlossene Gesicht eines jungen Unteroffiziers. „Bachmann“, dachte ich, obgleich ich ihn nicht kannte. Es war mein Kamerad, Fahnenjunker-Unteroffizier, ebenfalls bei der Kompagnie Sandvoß. Ich verlor ihn aus dem Gesicht und betrachtete staunend die Landschaft, die sich plötzlich vor unseren Augen entwickelt hatte.

Wir waren vor den Trümmern eines Dorfes angekommen. Aus der schrecklich zernarbten Ebene Flanderns ragten schwarz und zersplittert die astlosen Stümpfe einzelner Bäume, Überreste eines großen Waldes. Ungeheure Rauchschwaden zogen durch die Luft und verhängten den Himmel mit düsterem, schwerem Gewölk. Über der kahlen Erde, so unbarmherzig zerrissen und wieder zerrissen, schwelten stinkende Gase, die gelb und braun träge umherwanderten.