WeRead Powered by ReaderPub
Indianerleben cover

Indianerleben

Chapter 29: Kunst und Industrie.
Open in WeRead

About This Book

A detailed ethnographic account records life among several indigenous peoples of the Gran Chaco, combining chaptered field descriptions of houses, family and communal organization, subsistence, gendered division of labor, and material culture with examinations of ritual specialists, ceremonies, myths, and oral sagas. It surveys artistic techniques, tools, games, and trade, and discusses conflict, alliances, and contact with settlers and missionaries. Scattered anecdotes and translated legends illustrate cosmologies and moral ideas while systematic comparisons highlight regional differences in social institutions and daily practices.

Siebentes Kapitel.
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung).

Kunst und Industrie.

Es gibt ein kleines Wort, das die Chorotiindianer stets anwenden, nämlich és. Die Ashluslays sagen ìs. Es bedeutet gut, gesund, wohl und hübsch. Wenn wir die Industrie und primitive Kunst dieser Menschen beurteilen, so dürfen wir auch die Bedeutung dieses Wortes nicht unterschätzen. Er, oder richtiger sie, denn in der Regel ist es die Frau, die etwas Kunstfertigkeit besitzt, will, daß das von ihr Hergestellte és ist. Sie ist stolz, wenn es richtig és ist. Sie lacht vor Vergnügen, wenn sogar ein weißer Mann eins ihrer Erzeugnisse für és findet. Die Ideen zu einem Ornament erhält sie auf verschiedene Weise. Die Technik der Tongefäßerzeugung hat ihr die Idee gegeben, die Rollen, aus denen sie das Tongefäß aufgebaut hat, auf einem Teil desselben als Ornament stehen zu lassen (Abb. 46). Sie schmückt das Gefäß, indem sie die Fingereindrücke, die sie in dem weichen Ton gesehen hat, zu regelmäßigen macht. Durch Variation der Anzahl Fäden gelingt es ihr, an den von ihr aus Caraguatábast hergestellten Taschen — eine Industrie, in der sie es sehr weit gebracht hat — immer verwickeltere Ornamente anzubringen. Sie macht die Taschen immer mehr és. Fremde Ornamente an Gegenständen, die durch den Handel mit anderen Stämmen zu ihrem Stamm gekommen sind, geben ihr neue Ideen. Was ich hiermit sagen will, ist das, daß wir die Freude, die auch Naturvölker an der Herstellung oder dem Besitz schöner, ornamentierter Sachen haben, nicht unterschätzen dürfen.

Wenn die kleinen Kinder spielen, muß die Phantasie oft die Einzelheiten einer Spielsache ausfüllen. Ein Holzklotz kann eine Lokomotive, ein anderer ein Lastwagen sein. Was nicht in der Wirklichkeit vorhanden ist, findet sich in der Erinnerung der mehr detaillierten Lokomotiven und Wagen, die das Kind gesehen hat. Auf dieselbe Weise kann ein solcher Hutpilz, wie er Abb. 47, Fig. 3 abgebildet ist, einen Maulesel darstellen. Die Phantasie des Naturkindes füllt das Fehlende aus. Betrachten wir die nebenanstehenden Figuren, so sehen wir, wie das eine Detail nach dem anderen fortgefallen ist, bis das vierfüßige Tier einbeinig und für den Uneingeweihten unerkennbar dasteht. Diese eigentümlichen Tiere habe ich von Chorotimamas bekommen, die sie für ihre Kleinen modelliert hatten.

Abb. 46. Tongefäß, an welchem die Rollen, von denen es aufgebaut ist, als Ornament stehen geblieben sind. ¼. Von den Mataco-Vejos. Ähnliche sieht man auch bei den Chorotis.
Abb. 47. Puppen, von denen alle, außer 4, die von den Tapiete stammen, von den Chorotis sind. ½.
1
= Maulesel.
2
=   ”
3
=   ”
4
= Frau.
5
=   ”   A = Kopf; B = Stirntätowierung; C = Nasentätowierung; D = Tätowierung der Wangen; E = Auge; F = Kinntätowierung; G = Frauenbrust.
6
= Gesichtstätowierung. Chorotifrau, Rio Pilcomayo.
7
= Frau. A = Haare; B = Tätowierung der Wangen; C = Frauenbrust; D = Auge; G = Haare; E = Kinntätowierung; F = Stirntätowierung.
8
a = Mann. A = Stirntätowierung; B = Tätowierung unter den Augen; C = Kopf mit Haaren.
8
b = Tätowierung der vorigen Figur. A = Stirntätowierung; B und C Tätowierungen unter den Augen.
9
= Gesichtstätowierung. Chorotimann. Rio Pilcomayo.
10
= Mann. A = Stirntätowierung; B = Nasentätowierung; C = Kopf.
11
= Frau mit einem kleinen Kind. A = Rudimente der Tätowierung.
12
= Frau, die ein kleines Mädchen auf Chorotiweise trägt.
13
= Frau. A = Tätowierung der Wange; B = Stirntätowierung; C = Haar.
14
= Dieselbe Figur wie 13, von der Seite gesehen. A = Tätowierung der Wangen; C = Haar.
15
= Frau. A = Kopf; B = Tätowierung der Wangen; C = Nasentätowierung; D = Augen.
16
= Frau. A = Nasentätowierung; B = Rudimente der Tätowierung der Wangen.
17
= Frau. A = Rudimente der Tätowierung.
18
= Frau. A = Rudimente der Tätowierung; B = Augen.

Hier sind auch einige Puppen von den Chorotis abgebildet, zu deren Verständnis ebenfalls eine Erklärung notwendig ist. Die Form ist bis zur Äußerlichkeit vereinfacht worden, während man sie gleichzeitig mit einem erklärenden Detail versehen hat. Sie haben weder Arme und Beine, noch rudimentäre Köpfe, aber eine genau ausgeführte Tätowierung, welche allerdings im Gesicht und nicht, wie hier bei den Puppen, auf dem ganzen Körper sitzen soll. Dies bedeutet jedoch nicht viel. Das Wichtigste ist, daß sie überhaupt mitgekommen ist. Es ist ganz dasselbe, als wenn die Bororóindianer K. v. d. Steinens[43] den Schnurrbart auf die Stirn zeichneten. Er sollte in der Beschreibung, die der Naturmensch mit seiner Zeichnung von diesem weißen Mann gab, mit dabei sein. Nicht an allen Puppen hat man die Tätowierung ordentlich ausgeführt, auch sie wird allmählich bis zu einem bloßen Ornament vereinfacht.

Abb. 48. A Strumpf aus Caraguatá, angewendet zum Schutz gegen den Biß der Palometafische. Ashluslays. B, C, D Taschen aus Caraguatá. Chorotis.

Die Chorotiindianer haben eine Industrie, in der sie sehr bedeutend sind. Dies ist die Herstellung von Taschen und Hemden aus Blattfasern der Caraguatá. (Taf. 16.) Wer in den Trockenwäldern des Chaco gewandert ist, erinnert sich sicher sein Leben lang der Caraguatápflanze, mit ihren krummen Stacheln, erinnert sich, wie schwer es gewesen ist, auf Boden vorwärts zu kommen, der mit dieser so nützlichen und so unangenehmen Pflanze dicht bewachsen war, erinnert sich, wie er sich die Kleider und die eigene Haut zerrissen hat.

Abb. 49. Grabestock. ¹⁄₁₅. Ashluslay.
Abb. 50. Säge aus hartem Holz. ⅓. Ashluslay.
Abb. 51. Scharre aus Muschelschalen. ⅓. Ashluslay.

Die Frauen sammeln die Caraguatáfasern. Wie diese Arbeit bei den Ashluslays ausgeführt wird, will ich hier schildern. Die besten Fasern erhält man von einer kleinen Varietät. Zuerst wird die Pflanze mit einem Grabestock (Abb. 49) ausgegraben. Dann werden Stamm und Blätter mit einer Holzsäge (Abb. 50) in der Weise abgesägt, daß die Säge zwischen die große Zehe und die nächste Zehe gestellt und der Stamm der Pflanze gegen die Säge gerieben wird. Diese Arbeit wird im Walde vorgenommen. Die Blätter werden dann nach Hause getragen und die Fasern mit einer Muschelschale (Abb. 51) oder einem hölzernen Messer (Abb. 17) abgeschabt. Nachdem diese Fasern gebündelt und getrocknet sind, werden Fäden gesponnen. Hierbei wird kein anderes Werkzeug als die Hände angewendet. Man dreht die Fäden an den mit Asche eingeriebenen Schenkeln. Die gezwirnten Fäden werden in großen Bündeln gesammelt und dann zu verschiedenen Zwecken angewendet. Ein Teil der Fäden wird mit Tusca heller braun und mit Algarrobillo[44] dunkler braun gefärbt.

Außer aus Caraguatá flechten die Chorotis und Ashluslays Seile aus Menschenhaaren. Das Material liefern ausschließlich die Frauen.

Abb. 52. Webstuhl. Ashluslay.

Die Ashluslay- und auch die Chorotifrauen sind geschickte Weberinnen. Gleichwohl verstehen es nur die ersteren, hübsche Ornamente zu weben (Abb. 53).

Das Material, aus welchem die Frauen weben, ist stets Schafwolle. Früher haben sie wahrscheinlich Caraguatá oder Baumwolle benutzt. Die letztere Pflanze wird noch jetzt von den Ashluslays gebaut. Anderenfalls müßte die Webkunst hier erst eingeführt worden sein, nachdem diese Indianer die Schafe von den Weißen erhalten haben.

Die Frauen sind recht geschickte Töpfer. Die Tongefäße werden nach der bei den Indianern gewöhnlichen Methode durch Aufbauen von Tonrollen (Abb. 54) hergestellt.

Abb. 53. Von Ashluslays gewebter kleiner Mantel.

Der Ton wird zuerst mit zerstoßenen, gebrannten Tonscherben vermischt, damit die Gefäße beim Brennen nicht bersten. Zum Glätten der Gefäße wird eine Muschelschale, eine Frucht oder ein Holzgerät angewendet (Abb. 56). Die Chorotis haben keine bemalten Tongefäße. Solche sieht man dagegen bei den Ashluslays (Abb. 59). Die „Farbe“ besteht aus einem grünlichschwarzen Harz von einem „palo santo“ genannten Baum, das gewärmt und auf das Gefäß gestrichen wird, nachdem dasselbe ganz fertig ist. Bekommt ein Tongefäß einen Riß, so verklebt man ihn mit Harz. Es wird dann wieder wasserdicht, kann aber nicht mehr als Kochgefäß dienen. Sehr wahrscheinlich ist die Ausbesserung das Primitiv gewesen, und man ist erst davon auf die Idee gekommen, die Gefäße zu bemalen. Von den Tongefäßen sind die Wasserkrüge (Abb. 13 u. 58) außerordentlich charakteristisch für die Chacoindianer. Bei den Ashluslays findet man die eigentümlichste Keramik (Abb. 59).

Arbeiten in Fell werden sowohl von Männern als Frauen ausgeführt, die Zubereitung des Fells liegt aber ausschließlich in den Händen der Männer. Das Gerben ist hier unbekannt. Dagegen versteht man es, das Fell durch Kreuz- und Querschnitte auf der Unterseite zu erweichen. Man macht auch das Fell durch Ziehen über einen gespaltenen Stock biegsam.

Abb. 54. Chorotifrau, ein Tongefäß bauend.
Abb. 55. Töpferin. Choroti.

Die Ashluslays wenden viel mehr Felle an als die Chorotis.

Im Herzen des Chaco sehen wir, wie schon erwähnt, bei den Ashluslays, den Toba-Pilagas und Mataco-Guisnays zahlreich die von Patagonien und dem Feuerland, aber nicht von dem übrigen Südamerika bekannten Pelzmäntel. Im Chaco werden sie nur von den Frauen angewendet, während die Männer die leichteren gewebten Mäntel tragen. Wir können uns leicht denken, daß die Chacoindianer, sowohl Männer wie Frauen, alle früher, gleich den ihnen in kultureller Beziehung nahestehenden Patagoniern, Pelzmäntel angewendet haben. Als sie von den Weißen das Schaf erhielten, begannen sie Mäntel und Schurzfelle aus Wolle zu weben. Diese wurden zuerst nur von den Männern getragen, bis sie bei den Chorotis und anderen die Pelzmäntel vollständig verdrängten, während sie von den Ashluslays noch von den Frauen angewendet werden.

Tafel 11. Chorotifrauen tragen wilde Früchte in ihren Caraguatátaschen nach Hause.

Wie gewöhnlich bei diesen Indianern, begnügen sich die Frauen mit dem Älteren und Schlechteren. Sie repräsentieren das konservative Element im Gemeinwesen. Wie wir weißen Männer nicht ungern sehen, daß unsere Frauen schick gekleidet sind, so lieben es die Indianer, ihre Männer mit schön ornamentierten Mänteln auszustaffieren, obschon ihnen dies viele Arbeit kostet.

Korbarbeiten sind, wie erwähnt, vollständig unbekannt. Die Ashluslayfrauen knüpfen Sitzmatten aus einem auf Spanisch totora genannten Schilf.

Die hauptsächlichste Industrie der Männer ist die Holzschnitzerei. Sie fertigen Pfeifen zum Rauchen, Pfeifen, Stempel, die im vorhergehenden erwähnten Werkzeuge usw. an. Sie schnitzen auch die Kalebassen zu und ornamentieren sie. Diese werden zur Aufbewahrung von Bier, als Eßschalen, als Schachteln zur Verwahrung von kleineren Gegenständen usw. angewendet. Recht oft sind sie mit liniierten, eingeritzten oder eingebrannten, schlecht gearbeiteten Ornamenten versehen, obschon die Indianer behaupteten, sie seien és (schön), hätten aber keine Bedeutung.

Abb. 56. Für die Tongefäßherstellung angewendetes hölzernes Gerät. ⅓. Ashluslay. Ähnliche wenden die Chorotis an.

Bei den Mataco-Vejos habe ich indessen Erklärungen über ähnliche Figuren bekommen, die beweisen, daß sie keineswegs so bedeutungslos sind (Abb. 62). Vielleicht sind sie dies niemals. Die Indianer bessern eine Kalebasse, die gesprungen ist, stets mit sehr großer Sorgfalt wieder aus. Sie nähen sie mit Caraguatáfasern zu und dichten sie dann mit Wachs. Auf wenig Dinge legten die Chorotis und Ashluslays so viel Wert, wie auf richtig große Kalebassen (Abb. 39). Niemals waren die Indianer und ich so verschiedener Ansicht über den Wert von Gegenständen, mit denen wir ein Tauschgeschäft machen wollten, als wenn es diese galt. Eine große Kalebasse wurde als von viel größerem Wert betrachtet als ein Tongefäß von entsprechender Größe. Ganz allgemein sind die Kalebaßschachteln von dem auf Abb. 61 abgebildeten Typ. Die Deckel dazu sollen ausgeschnitten werden, wenn die Früchte noch an den Pflanzen hängen und nicht ganz vollreif sind.

Abb. 57. Trommel aus einem Tongefäß. ⅓. (Kochtopf.) Choroti.
Abb. 58. Wasserkrug. ⅙. Ashluslay.
Abb. 59 a. Bierkrug. ⅙. Ashluslay.

Die Federarbeiten bieten bei diesen Indianern keine Proben einer entwickelten Kunstfertigkeit. Die Federn, welche die Chorotis und Ashluslays im Stirnband tragen, sind oft hakenförmig ausgeschnitten (Abb. 68). Diese Haken scheinen nur als Ornament zu dienen. Sie selbst erklären nur, sie seien schön.

Die Indianer als Zeichner

Von den Chorotis, Ashluslays und Matacos habe ich verschiedene Zeichnungen gesammelt, die diese in meinem Notizbuch ausgeführt haben. Es sind dieselben beschreibenden Zeichnungen, die wir durch Karl v. d. Steinen, Koch-Grünberg u. a. von den Indianern Südamerikas kennen gelernt haben.

Abb. 59 b. Bierkrug. Ashluslay. ⅙.
Abb. 60. Kalebasse. Choroti. ⅓.
Abb. 61. Kalebasse. Ashluslay. ¼.

Ganz gewöhnlich war es, unter den Chorotis und Ashluslays solche zu finden, die gar nicht zeichnen konnten, sondern auf dem Stadium des „Kritzelns“ standen, d. h. auf demselben Standpunkt, wie unsere zwei- bis dreijährigen Kinder (Abb. 63). Sahen sie dann andere zeichnen, so imitierten sie und zeichneten dann besser.

Die Kinder zeichneten zuweilen besser als die Älteren. So habe ich mehrere verhältnismäßig gute Zeichnungen von einem zirka siebenjährigen Ashluslayknaben (Abb. 65).

Da die Indianer sich außerordentlich leicht von den Zeichnungen, die man selbst gemacht hat, beeinflussen lassen, darf man in einem Dorfe, wo man solche zu sammeln beabsichtigt, nicht selbst zeichnen. Ich pflegte beispielsweise in meinem Notizbuch schnell Gesichter zu zeichnen, in welche ich Tätowierungen und Gesichtsbemalungen einführte. Vergleichen wir die beiden Zeichnungen Abb. 64 A u. B, so ist die erste 1908 ausgeführt, ohne daß die Zeichnerin, ein Chorotimädchen, Ashlisi, von diesen meinen Zeichnungen beeinflußt worden ist, während sie bei 64 B, gezeichnet 1909, mich schon imitiert.

Zu den allerprimitivsten Zeichnungen pflegten die Indianer höchst eigentümliche Erklärungen zu geben. Keiner meiner Leser wird, nehme ich an, verstehen, daß die Abb. 63 wiedergegebene Zeichnung eine Mais erntende Frau darstellen soll. Unsere kleinen Kinder sehen auch oft in ihren Zeichnungen vieles, was wir Älteren nicht Phantasie genug haben, zu begreifen.

Die Abb. 65 abgebildete Frau zeigt uns die kindliche Unschuld der Indianer.

[43] K. v. d. Steinen, Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens. Berlin 1894.

[44] Acacia moniliformis.