Achtes Kapitel.
Unter den Indianern am Rio Pilcomayo (Fortsetzung).
Krieg und Frieden.
Als ich die Chorotis und Ashluslays im Jahre 1908 besuchte, herrschte zwischen diesen beiden und den Matacos ein sehr gespanntes Verhältnis. Die Chorotis und Tobas waren ebenfalls keine Freunde. In welchem Verhältnis die Ashluslays zu den Tobas standen, weiß ich nicht, da ich die Gegenden, wo diese Stämme aneinandergrenzen, in diesem Jahre nicht besuchte.
1909 war die äußere politische Lage verändert. Die Chorotis und Ashluslays hatten mit den Matacos Frieden geschlossen. Dagegen lebten die Ashluslays mit den Tobas in erbitterter Fehde.
a = Strauß. b = Weg. c = Ebene (Pampas). d = Wald.
Die Ursache der Kriege zwischen diesen Stämmen ist gewöhnlich der Fischfang und die Plünderungssucht. Ein Stamm sperrt den Fluß ab, so daß die Fische nicht zu den Fischplätzen des anderen hinaufkommen können. Dieser versucht die Sperre zu zerstören, einer der Stämme verwundet oder tötet einen von der Gegenpartei, und der Krieg ist in vollem Gange.
Beide Stämme ziehen sich so weit zurück, daß zwischen ihnen eine unbewohnte Zone entsteht. Geordnete Schlachten scheinen selten geschlagen zu werden und in der Regel ist die Zahl der Getöteten eine sehr geringe.
Ein weißer Mann hat mir über eine Schlacht zwischen den Chorotis und Matacos folgende Schilderung gemacht, die sehr charakteristisch, wenn auch etwas übertrieben ist.
In der Nähe seiner Ansiedelung hatten zwei bedeutende Gruppen sich einen ganzen Tag bekämpft. Eine Menge Schüsse waren abgefeuert worden, denn einige der Indianer hatten Feuerwaffen. Des Abends kam ein Choroti fliehend an seinem Hause vorbei:
„Wie ist es gegangen?“ wurde er gefragt.
„Schlecht“, war die Antwort.
„Wie viele sind denn getötet worden?“
„Keiner.“
„Dann habt ihr wohl viele Verwundete gehabt?“
„Keine“, war die Antwort.
Man hatte sich offenbar zuerst außerhalb der Schußweite bekämpft. Als die Matacos dann mit großer Tapferkeit etwas näher gingen, waren die Chorotis davongelaufen.
Alle Kämpfe verlaufen indessen keineswegs so unblutig.
In dem Kampf zwischen den Ashluslays und den Tobas, die ich am Anfang des Buches erwähnt habe, wurden zehn Ashluslays und ein Toba getötet. Dieser letztere war ein zur Rekognoszierung vorausgesandter Späher. Zur Erforschung der feindlichen Stellung wurden nämlich zahlreiche Späher angewendet.
Die besten Krieger sollen die älteren Männer und die Greise sein. Die Jugend hält sich gern zurück. In geeigneter Entfernung von den Dörfern sind Aussichtsposten gebaut. Auf den Kreuzwegen geben auf gewisse Art gelegte Zweige u. dgl. dem Freunde an, welchen Weg er einschlagen soll.
Eine wichtige Neuigkeit wird durch Eilboten von Dorf zu Dorf verbreitet. Mehrere Tage, bevor ich zu dem äußersten bolivianischen Militärposten am Rio Pilcomayo kam, gingen die Indianer zu dem Chef desselben und sagten zu ihm: „Elle (der kleine Papagei) kommt.“ Sie berichteten ihm auch, wie viel Mann der kleine Papagei mithatte, und sonst noch alles mögliche, was er nicht verstand, da er keinen Dolmetscher hatte und nicht wußte, daß ich, d. h. der Papagei, kommen würde.
Sowohl die Chorotis und Ashluslays wie auch die Tobas und Matacos skalpieren ihre getöteten Feinde. Der Skalp eines Tobapilage, den ich nach vielen Unterhandlungen von einem Ashluslay eingetauscht habe, ist hier abgebildet (Abb. 70). Diese Skalpe hängen bei schönem Wetter, an Lanzen angebunden, zu Ehren des Siegers vor den Hütten. Bei Trinkgelagen spielen sie eine große Rolle. Dorfschaften, die nicht so glücklich sind, daß einer der Ihren einen Skalp genommen hat, leihen einen solchen von einem Nachbardorf für ihre Feste.
A = Kuh; a = Zähne, b = Horn, c = Schwanz. — B = Jaguar.
Wenn die Indianer zum Kampfe ausziehen, stellen sie zuerst ein ordentliches Trinkgelage an, bemalen sich kohlschwarz und schmücken sich mit Federschmuck, Magenpanzer aus dickem Fell, Jacken und Mützen aus Jaguarhaut usw.
Die Ashluslays führen richtige Kriegsspiele, richtige Feldmanöver auf, wo man sich übt oder richtiger amüsiert. Diejenigen, die den Feind vorstellen, bekommen immer Prügel. Die Häuptlinge sind, wie schon gesagt, im Kriege Befehlshaber. Eine Disziplin ist nicht vorhanden.
Die Waffen im Kampfe sind Pfeil und Bogen sowie Streitkolben. Durch Umwicklung des linken Handgelenks schützt man sich gegen die Bogensehnen (Taf. 4). Einige der Ashluslays, die beritten sind, wenden Lanzen an. Die Matacos benutzen bisweilen Brandpfeile, mit denen sie die Dörfer der Feinde in Brand setzen.
Der bitterste Feind der Ashluslays ist der Tobahäuptling Taycolique, der, wie ich vorher erzählt habe, seine Leute systematisch mit Feuerwaffen bewaffnet. Ich fragte einmal Dr. L. Trigo, der fünf Jahre lang Gouverneur im bolivianischen Chaco war und als solcher viel mit den Indianern zu tun gehabt hat, ob er unter ihnen eine bedeutende, leitende Persönlichkeit, einen „großen Mann“, angetroffen habe. Er antwortete, der einzige sei Taycolique.
Unter den Indianern geht das Gerücht, daß dieser Häuptling eine allgemeine indianische Empörung gegen die Weißen anzustiften versucht habe. Er hat mit dem Chiriguanohäuptling Mandepora und dem Chanéhäuptling Vocapoy geheime Konferenzen gehabt. Dies geschah 1909 unter dem Einfluß des Gerüchts, daß zwischen Bolivia und Argentinien ein Krieg im Anzug sei.
Ein Friede zwischen den Stämmen wird in der Weise geschlossen, daß an die Angehörigen der im Kampfe Gefallenen Schafe, Pferde und andere Gaben ausgeteilt werden. Beide Stämme, auch die Sieger, bezahlen einander Blutschuld. Der Friede wird somit eigentlich zwischen den Individuen und nicht zwischen den Stämmen geschlossen. Haben alle Individuen der Stämme ihre gegenseitigen Streitigkeiten beglichen, so hört der Krieg auf. Mein Dolmetscher Manuel Flores, von dem ich vorher gesprochen habe, hat auf diese Weise 1908 die Blutschuldauszahlungen zwischen den Matacos und den Chorotis geordnet, worauf sie in Frieden, wenn auch in einem bewaffneten Frieden, lebten. Ihre gefangenen Kinder versuchten die Ashluslays mitten im Kriege von den Tobas gegen Pferde zurückzukaufen. Einige Mataco-Guisnays, die unter den Tobas lebten und eine eigentümliche neutrale Stellung zu beobachten schienen, dienten als Zwischenhändler.
Verschiedene der Kriege im Chaco sind sicher auch Ausrottungskriege, die nicht eher aufhören, als bis der eine Stamm unterjocht wird oder auswandert. Ein solcher Krieg ist sicher der zwischen den Tapiete- (Yanaygua) und den Tsirakuaindianern, über den ich am Schlusse dieses Buches zu sprechen Gelegenheit haben werde.
Infolge der Kriege verändern sich die Verbreitungsgebiete der Stämme. Auf diese Weise läßt es sich erklären, daß Campos[45] die Stämme 1883 an ganz anderen Stellen fand, als wo sie 1908 und 1909 wohnten. Wird der Krieg zwischen den Tobas und den Ashluslays fortgesetzt, so drängen die ersteren die letzteren wahrscheinlich ganz vom Flusse fort. Die Eroberung der bolivianischen Seite des Rio Pilcomayo ist auch für die Tobas außerordentlich wichtig, da die Argentinier sie immer mehr zur Unterwerfung zu zwingen suchen.
Kämpfe um den Fluß und den Fischfang haben hier wohl zu allen Zeiten geherrscht. Die stärkeren Stämme haben sich der Nahrungsquelle Rio Pilcomayo bemächtigt und die schwächeren nach noch unerforschten Gegenden des nördlichen Chaco gedrängt, wo wir wahrscheinlich Reste von Stämmen finden können, deren Namen uns nicht einmal bekannt ist.
Handel.
Auch eine friedliche Verbindung herrscht zwischen den Stämmen. So habe ich am Rio Parapiti von den dort Yanaygua genannten Tapieteindianern runde, durchbohrte, kleine Scheiben Muschelschalen eingetauscht. Diese erhalten sie von den Ashluslays, die sie wieder von einem mir unbekannten Stamm, von den Ashluslays Manslé (möglicherweise = Lengua) genannt, bekommen, der unweit des Rio Paraguay wohnt und reiche Vorräte von Eisen, besonders Töpfe und Wagenachsen, zu besitzen scheint. Die Manslé sollen durch den nördlichen Chaco bis zum Chorotigebiet auf Wegen gehen, die nicht dem Rio Pilcomayo folgen. Sie haben Eisen und Schneckenschalen mit, die sie gegen Tiere und Mäntel aus Pelz und Wolle eintauschen. Man sieht Chorotis, die bis zu zehn bis zwanzig Meter lange Halsketten aus diesen kleinen Schneckenschalen haben (s. Abb. 33).
Nimmt man übrigens eine Sammlung von Gegenständen z. B. bei den Chorotis vor, so darf man keineswegs glauben, daß alles, was man erhält, an Ort und Stelle angefertigt ist. Mit Geräten, Geweben, Taschen aus Caraguatá usw. wird ein bedeutender Tauschhandel zwischen den Stämmen betrieben. Von den Chiriguanos erhalten die Chorotis die rote Farbe, Uruku. Für ein kleines Stück davon bezahlen die Chorotis einen warmen und großen Mantel aus Wolle. Von den Chorotis erwerben dann die Ashluslays diese beliebte Farbe.
Auch im Paraguayer Chaco ist Uruku eine Handelsware. Nach Boggiani[46] erhalten die Chamacocoindianer die kostbare Farbe von den Caduveis. Domenico del Campana[47] erwähnt, daß die Chiriguanos Uruku zum Verkauf nach Gegenden, wo dieser Busch nicht wächst, herstellen.
In Eric von Rosens schöner Sammlung von den Chorotis, die in der Nähe von Caiza, nicht weit von dem letzten Gebirgskamm der Anden nach dem Chaco, wohnten, befindet sich ein ornamentiertes Gewebe, das durch Handel von den weit davon wohnenden Ashluslays erhalten sein muß.
Das Eisen ist im Chaco seit langem eine wichtige Handelsware. Sowohl die Ashluslays wie die Chorotis haben dasselbe ihrer eigenen Angabe nach erst von Osten, d. h. von Paraguay, erhalten. Der Stamm, der wohl am längsten am Rio Pilcomayo gewohnt hat, ohne das Eisen zu kennen, war der der Chorotis, obschon sie jetzt viel mehr Werkzeuge aus diesem Material besitzen, als die Ashluslays.
Ich habe einmal einen Handelsreisenden in Eisen gesehen. Es war ein Choroti, der mit allerlei Schrot, Nägeln u. dgl. auf dem Wege nach dem Innern des Ashluslaygebietes begriffen war. Seinem wenig wertvollen Lager nach zu urteilen, muß die Nachfrage nach der Ware eine sehr große sein.
Von sehr großer Bedeutung ist der Handel mit getrockneten Fischen. Die Chorotis wie auch die Matacos, Tobas und Tapietes bringen solche Fische zu den Chanéindianern am Rio Itiyuro und zu den Chiriguanos, und die Chiriguanos bringen wieder Mais zu den Stämmen am Rio Pilcomayo, wo sie ihre Fischeinkäufe machen. Man mißt den Mais in großen Tongefäßen, „Yambuy“, und in Kalebassen. Die Maße sind natürlich ungefähre.
Meine Tauschwaren wurden durch den Handel der Indianer untereinander weit umher verbreitet. In einem Chorotidorf hatte ich mehrere bunte Hemden in den Tausch gegeben. Als ich einige Tage später den Fluß weiter herunter kam, waren meine grelleuchtenden Hemden das erste, was ich in den Dörfern sah. Sie hatten schon den Eigentümer gewechselt. In den Ashluslaydörfern war es nichts Ungewöhnliches, daß ein Indianer hunderte große Nähnadeln durch Tausch an sich brachte, und höchstwahrscheinlich werden sie von diesen Grossisten in Nähnadeln als Tauschwaren für im Inneren des Chaco wohnende Indianer angewendet.
Ein anderer Handel ist der mit Pferden, Schafen usw. Zuweilen sind diese Pferde gestohlen, und hat ein solches gestohlenes Pferd mehrere Male den Besitzer gewechselt, so haben die Weißen große Schwierigkeit, es zurückzubekommen. Die Indianer verstehen das Unrechte, zu stehlen, aber nicht das, gestohlene Waren zu kaufen.
Dieser Handel zwischen den Stämmen ist natürlich für die Vermittlung von allerlei Kultureinflüssen von großer Bedeutung. Für den Ethnographen ist er sehr zum Ärger, da er den umbildenden Einfluß der Weißen auf Indianer, die in keiner direkten Verbindung mit irgend welchen Fremden gestanden haben, vermittelt.
Von Interesse ist es zu beobachten, wie die Indianer beim Tauschhandel ihre Habseligkeiten taxieren. Am teuersten sind z. B. bei den Chorotis die Halsketten, die Mäntel, die sehr großen Caraguatátaschen, die Netze, Kalebassen und die Urukufarbe. Die Chorotis und die Ashluslays haben die ganz natürliche Auffassung, daß das, was ihnen die meiste Arbeit macht, durch die gesuchtesten Tauschwaren, wie Zeuge, Messer u. dgl., ersetzt werden muß. Für die Halsketten bezahlen sie selbst Schafe, und diese schätzen sie sehr hoch. Daß sie den wirklichen Wert der ihnen angebotenen Tauschwaren nicht kennen, ist natürlich. Hatte ich irgend welche Gegenstände nach Ansicht der Indianer zu hoch bezahlt, so verbreitete sich sofort das Gerücht davon und mir wurden überall solche angeboten. Eine Herabsetzung des Preises für einen Gegenstand, weil der Vorrat groß war, war für die Indianer unbegreiflich und deshalb schwer. Beinahe unmöglich war es, gewisse Gegenstände einzutauschen, die sie für unentbehrlich hielten. Sehr große Caraguatátaschen gaben sie deshalb, falls sie nicht mehrere Exemplare davon hatten, nicht her, weil sie dieselben notwendig zum Einsammeln wilder Früchte gebrauchten.
Außer im El Gran Chaco, hat man in Bolivia nicht häufig Gelegenheit, den Handel zwischen den Stämmen zu studieren. In den übrigen Teilen von Ostbolivia gibt es zwar noch äußerst primitive Indianer, diese sind aber beinahe überall nach den unzugänglichsten Wäldern hingedrängt und die verschiedenen Stämme wohnen isoliert voneinander.
Besuch in fremden Dörfern.
Leben zwei Stämme auf freundschaftlichem Fuße miteinander, so besucht sich die Jugend oft und tanzt auf den Tanzbahnen der anderen. Manche Nacht bin ich auf einem Tanzplatz gewesen, wo sich sowohl die Choroti- als die Ashluslayjugend zu versammeln pflegte. Niemals hörte ich einen Zank zwischen der Jugend der verschiedenen Stämme, noch weniger war ich Zeuge irgend einer Schlägerei. Die Mädchen der verschiedenen Stämme sollen sich jedoch zuweilen gründlich prügeln.
Kommt ein Indianer nach einem fremden Dorf, so erfordert es die Höflichkeit, daß er die ganze Nacht über zum Takt einer Kalebaßklapper singt. Bei solcher Gelegenheit wurde folgendes Chorotilied gesungen:
anám, anám, ta ayén skíales, átashlé ayén sikiáles, lám sis, hähuin néo húäsis, ta lám sis yám, po hayéne sítyusis, sis, hälea húäsis, nä lámes.
Das bedeutet ungefähr: Ich bin gekommen, ich bin gekommen, um meine Brüder zu sehen. Ich bin von weither gekommen, um meine Kinder zu sehen. Nun geht es ihnen gut. Sie werden nicht die Feinde sehen. Jetzt geht es ihnen gut, zusammen mit mir. Ich bin gekommen, um meine Brüder zu sehen. Die Feinde werden sie nicht töten. Jetzt geht es ihnen gut.
Mein Dolmetscher, der die Sitten und Gebräuche der Indianer kannte, sang auch die ganze erste Nacht, die wir im Dorf des Ashluslayhäuptlings Toné waren, diesen Gesang. Auf solche Aufmerksamkeit von den Weißen legen die Indianer Wert. Das halten sie für gute Lebensart.
Das Verhältnis zu den Weißen.
Alle längs des Rio Pilcomayo lebenden Chorotis stehen seit einigen Jahren mit den ihr ganzes Gebiet bewohnenden Weißen in lebhafter Berührung. Einige Meilen vom Fluß entfernt leben sie jedoch vollständig unabhängig, und die Gegenden, die sie dort bewohnen, sind unerforscht. Die Ashluslays wurden erst 1883 von Campos entdeckt und dann von Trigo 1906 sowie später von Herrmann besucht. Innerhalb ihres eigentlichen Gebietes am Flusse liegt jetzt ein bolivianischer Militärposten. Als der erste Weiße habe ich einen Teil ihres Hinterlandes besucht, das nach allen Wegen, die ich auf meinem Ausfluge sah (s. die Karte), und aus den Auskünften, die ich von den Indianern erhalten habe, sehr umfangreich sein muß.
In Bolivia habe ich die Indianer niemals von den Weißen so gut behandelt gesehen, als am Rio Pilcomayo. Das ist das Verdienst einer Person, und zwar des Dr. L. Trigo, eines Mannes, der es verstanden hat, sich die Sympathien der Indianer wie der Indianerinnen zu erwerben, der sie immer als Freunde und Kameraden behandelt hat, der nicht als hoher Gouverneur, sondern als ein warmherziger und feingebildeter, verstehender Mensch aufgetreten ist.
Dr. Trigo hat sie manchmal bestraft, denn wenn der weiße Mann in das Gebiet der Indianer eindringt, muß es zu Konflikten kommen, noch öfter hat er sie aber, trotz der energischen Aufforderungen der weißen Kolonisten zu einer exemplarischen Bestrafung, unbestraft gelassen.
Trigo hat mit Tabak, Decken, bunten Zeugen u. dgl. ein großes Gebiet im Chaco erobert. Pulver und Blei hat er nur im äußersten Notfall angewendet.
Kommt ein Fremder in ein Indianerdorf, so dauert es einige Zeit, bis die Indianer ihren wirklichen Charakter zeigen. Im Anfang erscheinen sie verschlossener, als sie es in Wirklichkeit sind. Sind Neugier und Argwohn vorüber, so sind die Indianer wieder sie selbst. Im Dorfe ertönt den ganzen Tag über heiterer Scherz, man spielt, tanzt und vergnügt sich.
Manchmal können die Indianer in ihren Freudenausbrüchen ganz ausgelassen und wild sein. So erinnere ich mich einer Nacht im Dorfe des Chorotihäuptlings Waldhuhn. Bemalt und nackt, mit Federn und Halsketten geschmückt, tanzte ich mit meinen Freunden, während der zweitälteste Sohn des Häuptlings die Rolle des „Elle“ in Stanleyhelm, Brille und Mantel spielte und überall Tabak verteilte. Die Indianer krümmten sich vor Lachen. Wir amüsierten uns diese Nacht und viele andere ebenfalls.
Die Indianer sind sehr leicht beleidigt, handelt es sich aber um Kleinigkeiten, so verschwindet der Unwille schnell. Schwer zu beurteilen ist, ob sie in Ernstfällen nachtragend sind, aber ich glaube es beinahe. Sie sind sehr eingebildet. Eine kleine Schmeichelei nehmen sie in der Regel gut, eine Bemerkung sehr übel auf. Als ich z. B. zu einem Chorotimädchen einmal sagte, das Ausreißen der Augenhaare habe sie sehr häßlich gemacht, war sie mir sehr böse. Eine Höflichkeit über einen kleidsamen Federschmuck oder derartiges nehmen die Chorotis sehr wohl auf. Eine gute Art, die Chorotimädchen zu ärgern, ist, wenn man ihnen erzählt, wie viele hübsche Mädchen man bei den Ashluslays sieht.
Den Versprechungen der Indianer kann man wenig trauen. Den einen Tag versprechen sie z. B. auf einer Exkursion mitzufolgen, am anderen brechen sie das Übereinkommen ungeniert.
In der Regel schienen mir besonders die Chorotis sehr undankbar. So hatte ich z. B. einmal einen Choroti mehrere Tage zu Gaste in meinem Lager und bewirtete ihn reichlich. Kurz darauf kam ich zu Besuch in sein Dorf. Der Indianer war auf dem Fischfang. Als er mit Fischen beladen nach Hause kam, glaubte ich, er würde mir einen Fisch schenken, ich täuschte mich aber gewaltig. Ich bekam nichts. Statt dessen forderte er Tabak und einen Hut von mir.
Ähnliches habe ich mehrmals erlebt und ich wurde zuweilen dadurch verstimmt. Dies war dumm von mir. Ich hätte verstehen müssen, daß ein Mann, der ein paar mit Zeugen, Messern, Nadeln, Glasperlen usw. beladene Maulesel besitzt, vom Gesichtspunkt der Indianer aus so kolossal reich ist, daß er von den armen Indianern keine Gaben fordern darf.
Unter sich sind sie ja so freigebig, daß sie verschenken, was sie selbst gebrauchen könnten. Wie oft kam es vor, daß ein hungriger Indianer, dem ich einen Teller Essen angeboten hatte, diesen mit allen teilte und selbst nichts bekam. Die von den Weißen unberührten Ashluslays waren viel gastfreier als die Chorotis und schenkten mir beständig Fische, Mais, Algarrobo u. a.
Wenn wir in ein niemals von Weißen besuchtes Ashluslaydorf kamen, forderten die Indianer keine Geschenke. Anders ist es leider in den Dörfern, in denen die Indianer in die Fabriken in Argentinien zu gehen pflegen. Sie halten es ganz einfach für selbstverständlich, daß man ihnen wenigstens Tabak gibt. Es scheint mir beinahe, als betrachten die Indianer in gewissen Gegenden die Tabakverteilung als eine Steuer, die der durchziehende Weiße zu entrichten verpflichtet ist.
Von den Weißen werden die Indianer der Unehrlichkeit beschuldigt. Es läßt sich auch nicht leugnen, daß sie Vieh stehlen und daß die Ashluslays sich vor einigen Jahren durch Diebstahl achtzig Pferde zugelegt haben, daß sie einen Teil des Maises, den die Kolonisten säen, ernten usw.
Meine Erfahrung ist jedoch die, daß die Indianer recht ehrlich sind. Von seinen Freunden stiehlt man nämlich nicht. Es geschah wohl zuweilen, daß jemand z. B. meine Hosen, meinen Stanleyhelm oder meine Stiefel ohne Erlaubnis lieh, dies geschah aber nur, um ein Weilchen damit herumzustolzieren, nicht um zu stehlen.
Sicher beschuldigen die Weißen die Indianer auch solcher Diebstähle, die sie unter sich begehen. So war ich einmal in einem kleinen Kolonistenhof am Rio Pilcomayo. Der Besitzer war krank geworden und verreist. Zufällig sah ich, wie die weißen Diener in seine Vorratskammer gingen und Zucker, Konserven und Zeug stahlen. Ein junger Chorotiindianer wurde aufgefordert, den Raub zu teilen. Mit einem verächtlichen Lächeln verließ er sie.
Als der Diebstahl entdeckt wurde, hatte natürlich das verdammte indianische Pack oder richtiger „esos indios c—s“ seine Hand dabei gehabt.
Daß die Indianer zuweilen eine Kuh stehlen und schlachten, wenn der Magen leer ist, ist nicht zu verwundern. Das würde unter ähnlichen Umständen ein Weißer auch tun.
Die Weißen nehmen den Indianern das Land stückweise ab, zwingen sie weit ab vom Flusse, wo kein Vieh in der Nähe ist, zu bauen, ohne den Indianern Arbeit zu geben. Wenn die Indianer ihr Land an die Weißen verlieren, so ist es recht und billig, daß diese ihnen so viel Arbeit geben, daß sie genügend für Essen, Werkzeuge, Kleider usw. verdienen können, denn einmal in Berührung mit der Zivilisation der Weißen, bekommen die Indianer neue Ansprüche an das Leben.
Zu meiner Ehrlichkeit hatten die Indianer ein sehr großes Vertrauen. So pflegten, als ich einige Tage mich bei dem Militärposten in Guachalla aufhielt, die Ashluslays, und darunter viele, die ich kaum kannte, ihre Habe mir in Verwahrung zu geben. Dieses Vertrauen teilte ich nur mit dem Dolmetscher Manuel Flores und mit Dr. Trigo.
Trotz ihrer Fehler sind mir die Choroti- und Ashluslayindianer sehr sympathisch. Ihre Unzuverlässigkeit, Undankbarkeit und Lügenhaftigkeit schreibe ich zum großen Teil den Weißen zu, denn diese häßlichen Seiten scheinen nur meistens bei der Berührung mit den Eindringlingen hervorzutreten.
Solche generellen Urteile, wie ich sie hier über den Charakter einer großen Menge Menschen fälle, sind natürlich immer etwas schwebend. Es gilt hier, wie bei den zivilisierten Menschen, daß die Individuen so verschieden sind. Der eine ist still und verschlossen, der andere geht lachend durchs Leben. Der eine ist äußerst eitel, dem anderen liegt nichts daran, sich geltend zu machen. Am liebsten möchte ich jedes Individuum, das ich näher kennen gelernt habe, besonders schildern, in der Regel war ich aber allzu kurze Zeit mit ihnen zusammen, um mich auf die Individualpsychologie einzulassen.
Außerordentlich glücklich wäre es, wenn Dr. Trigos kluge Indianerpolitik im Chaco fortgesetzt würde. Die Indianer brauchen keine Schutzgesetze, sondern warmherzige und energische Männer, die die Gerechtigkeit mit Klugheit und Geduld, vor allem Geduld, handhaben.
Zuletzt ein paar Mutmaßungen. Dr. Trigo schätzt die Zahl der Chorotis auf etwa 4000. Ich glaube nicht, daß diese Zahl stark übertrieben ist, wenn man berechnet, daß zahlreiche Chorotis im Innern des nördlichen Chaco leben.
Wie viel Ashluslays gibt es? Moberg und der Verfasser sind in einundzwanzig Dörfern gewesen, von denen mehrere sehr volkreich waren. Berechnen wir, daß jedes Dorf durchschnittlich 200 Einwohner hat, so erhalten wir 4200 Indianer. Wahrscheinlich gibt es mindestens ebenso viele Dörfer, die wir nicht besucht haben. Ein ganzer Teil soll sich im Innern des Chaco befinden. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn der Ashluslaystamm nahezu 10000 Individuen zählte. Das ist natürlich nur eine Annahme. Aus der Karte sieht man jedoch, daß dieser Stamm eine große Verbreitung hat.
Ich verlasse nun die Chorotis und Ashluslays. In den Fachzeitschriften werde ich auf ihre Kunst und Industrie, die ich hier nur flüchtig berührt habe, zurückkommen.
In meinen Schilderungen ist nicht viel von der Poesie des letzten Mohikaners, ich beschreibe hier nicht die Helden der Indianerbücher, sondern ganz einfach gewöhnliche Menschen. Die Jüngsten lieben das Spiel, die Jungen die Liebe, die Alten Essen, Trinken und Tabak. Sie kämpfen, wie andere, ihren Kampf ums Dasein, und dieser Kampf ist sicher oft hart. Besser als wir verstehen sie es, zusammenzuhalten, einander zu helfen. Deshalb liebe ich sie — und ich wäre froh, wenn auch der Leser etwas Sympathie für sie bekommen hätte.