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Indianerleben

Chapter 38: Indianer als Geographen.
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About This Book

A detailed ethnographic account records life among several indigenous peoples of the Gran Chaco, combining chaptered field descriptions of houses, family and communal organization, subsistence, gendered division of labor, and material culture with examinations of ritual specialists, ceremonies, myths, and oral sagas. It surveys artistic techniques, tools, games, and trade, and discusses conflict, alliances, and contact with settlers and missionaries. Scattered anecdotes and translated legends illustrate cosmologies and moral ideas while systematic comparisons highlight regional differences in social institutions and daily practices.

Zehntes Kapitel.
Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer.

Indianer als Geographen.

Gibt es auf dem südamerikanischen Kontinent einen einzigen bewohnbaren Platz, der nicht von den Indianern entdeckt ist?

Diese Frage wage ich mit „Nein“ zu beantworten. Auf den höchsten Gipfeln der Anden finden wir Indianer, in den trockenen Buschwäldern des nördlichen Chaco gibt es Indianer, in den tiefen Urwäldern von Ost-Bolivia streifen Indianer umher, die ungastfreundlichen Inseln um das Feuerland werden von Indianern bewohnt, in den Pampas in Argentinien haben früher viele Indianer gelebt.

Welch kolossale Zeit haben diese Menschen nicht gebraucht, um jeden Bach, jede Pfütze, jede Klippe, jedes Wäldchen auf dem südamerikanischen Kontinent zu entdecken. Vierhundert Jahre lang hat der weiße Mann mit allen seinen Hilfsmitteln Südamerika zu erforschen gesucht, und doch ist noch viel mehr unerforscht, als man gewöhnlich glaubt. Er kennt im inneren Südamerika alle die größeren Flüsse und Verkehrsstraßen, ungeheuer sind aber noch die Gebiete, die niemals der Fuß eines Weißen betreten hat. Die Indianer kennen jeden Winkel, oder haben ihn wenigstens gekannt.

Die Zeit, die zur Entdeckung dieses Kontinents und zur Anpassung an das wechselnde Klima, die wechselnde Pflanzen- und Tierwelt vergangen ist, ist sicher eine sehr, sehr lange gewesen. Das beweisen auch die hunderte Indianersprachen, die von Südamerika her bekannt sind.

Das Gebiet, das jeder Indianer in der Regel kennt, ist kein großes, er kennt es aber genau. Ich habe, wie ich hier schon erwähnt habe, mit den Ashluslayindianern eine Wanderung von etwa 250 km in den Wäldern vorgenommen. Dies geschah in ihrem eigenen Land, und das kannten sie vollständig. Einzelne Individuen kennen infolge des Handelsverkehrs etwas von dem Lande der befreundeten Nachbarstämme.

Ich habe stets die Indianer gefragt, von welchen Stämmen sie gehört haben, und habe sie gebeten, diese aufzuzählen. Dies taten sie gern, solche Stämme aber, von denen sie glaubten, daß ich sie nicht kenne, erwähnten sie ganz einfach nicht. Sie wollen die Kenntnis des weißen Mannes vom Lande nicht unnötig erweitern. Dies ist der Grund, warum es oft so schwer ist, unter den Indianern einen Wegweiser zu finden. Wer den weißen Mann in ein diesem unbekanntes Dorf führt, ist ein elender, des Todes werter Verräter. Die Chorotis sagen immer, im Innern ihres Landes, vom Rio Pilcomayo an gerechnet, wo noch niemals ein Weißer gewesen ist, gebe es keine Menschen. Die Ashluslayindianer waren sehr erstaunt, als ich ihnen das charakteristische Besitztum der Tsirakuaindianer beschrieb und ihnen von den Yanayguas erzählte. Daß der weiße Mann diese Stämme kennt, war ihnen vollständig unverständlich.

Sehr umfassend sind die Kenntnisse der Indianer von dem Kontinent, den sie bewohnen, nicht. Kein Indianer südlich von Santa Cruz de la Sierra kennt z. B. die nördlich von dieser Stadt wohnenden. Der Rio Paraguay ist den Chanéindianern eigentümlicherweise bekannt. Die dortigen Stämme kannten sie nicht. Dort wohnt, sagten sie, ein großer Häuptling. Sie fragten mich, ob ich von diesem Häuptling ausgesandt sei, um alle Gegenstände aus alten Zeiten zu sammeln, damit sie nicht verloren gingen. Diesen großen Häuptling in Paraguay meinte ein alter Sagenerzähler, als er eine Abschiedsrede für mich hielt, die folgendermaßen begann: „Nun kannst du deinem großen Häuptling sagen, daß du uns und unsere Armut gesehen hast ...“

Das Orientierungsvermögen der Indianer ist viel besprochen. Der Indianer besitzt sicher eine sehr ausgebildete Beobachtungsgabe, sein Orientierungsvermögen ist aber nicht so bedeutend. Ich bin mit den Guarayúindianern im östlichen Bolivia etwa 250 km in tiefen, großen Wäldern, die sie nicht kannten, und in denen wir uns oft mit dem Waldmesser Schritt für Schritt einen Weg bahnen mußten, gewandert. Sie führten mich, wenn die Sonne von Wolken bedeckt war, oft irre, was ich an meinem Kompaß sah. Für einen weißen Mann, der aus dem Stadtleben direkt in die Wildnis versetzt wird, ist die Vertrautheit des Indianers mit der Natur merkwürdig. Ist man erst selbst an dieses Leben gewöhnt, so sieht man die Sache mit anderen Augen an.

Abb. 79. Alter Chiriguano mit großem Lippenknopf. Tihuïpa.

Die Entfernung von einem Platz zu einem anderen wird von allen Indianern dadurch angegeben, daß sie zeigen, wie weit die Sonne gehen muß, ehe man ankommt. Ist es weit, so sagt der Indianer, wie viele Nachtlager man bis dahin aufschlagen muß. Lange und kurze Wege sind ja auch bei uns in verschiedenen Gegenden verschiedene Begriffe. Was wir in der Stadt weit nennen, wird auf dem Lande oft kurz genannt. Für den Indianer sind Wege, die dem weißen Mann kurz erscheinen, in der Regel lang. Es fehlt den Indianern des Urwaldes die Marschfertigkeit, die wir bei den Gebirgsindianern finden.

Jedem Hügel, jeder Ebene, jeder Talschlucht hat der Indianer einen Namen gegeben. Die Chanés sagen, vor langer Zeit, als alle Völker an den Ufern des Parapitiflusses fischten, kam ein großer Geist (Añatunpa) zu Pferde und gab den verschiedenen Stellen Namen. Dieser Fluß soll Parapiti (wo getötet wird) heißen, diese Stelle Amboró usw., sagte Añatunpa. Von den Namen von Chanédörfern seien erwähnt: Húirayúasa (Vögel treffen sich), Aguaráti (weißer Fuchs), Aguarátimi (weißes Füchslein), Yóvi (grünes Wasser), Ouivarénda (wo es Chuchio gibt),[54] usw. Die letztgenannte Pflanze, deren Blütenstengel von vielen Indianerstämmen in Südamerika als Pfeilschaft angewendet wird, ist jetzt durch die Rinderherden am Rio Parapiti ausgerottet. Die Chané, die ihre Pfeile früher aus Chuchio machten, bauen jetzt eine Art Schilf an, das sie, gleich den anderen Chacoindianern, als Pfeilschaft anwenden. Andere Orte sind nach Häuptlingen benannt, wie Tamachindi, Tamané und Corópa. Ein Dorf nennen sie Yahuanau. Früher war dort ein Sumpf, an dessen Ufern sich kleine schwarze Geschöpfe (Yahuanau) zu sonnen pflegten. Viele Chanéortsnamen sind unübersetzbar, von einem weiß ich, daß er unanständig ist. Einige indianische Ortsnamen sind sicher sehr alt, denn sie beziehen sich auf Pflanzen, Seen oder Sümpfe, die nicht mehr existieren. Im Caipipendital am Parapiti ist ein Dorf namens Tapiirenda. Das Tal ist jetzt ausschließlich von Chiriguanos bewohnt und keiner von ihnen erinnert sich, daß dort, wie der Ortsname angibt, Tapii (Chanés) gewohnt haben.

Die Ortsnamen der höherstehenden Indianer werden von den Weißen, auch wenn sie die Herren im Lande geworden sind, beibehalten. So haben beinahe alle von ihnen im Chiriguanogebiet bewohnten Plätze Guaraninamen, wie Charagua (Name der vom Wasser eigentümlich ausgeschnittenen Klippen), Carandaiti (wo Palmen wachsen). Die Ortsnamen der niedrigeren Stämme werden dagegen von den Weißen nicht bewahrt. So kennt kein Weißer die Mataco- oder Chorotinamen der verschiedenen Plätze am Rio Pilcomayo. Die Ansiedlungen der Weißen werden nach Heiligen, bolivianischen Staatsmännern und Forschungsreisenden benannt. Wird ein Stamm, wie z. B. die Chorotis, ausgerottet, so bleibt von dessen Sprache nichts in den Ortsnamen zurück. Dies dürfen Ortsnamenforscher nicht übersehen.

Durch die Verbindung mit den Weißen erweitern sich die geographischen Kenntnisse der Indianer bedeutend. Sie gehen immer weitere Wege, um Arbeit zu suchen, und sehen Länder, von denen sie früher keine Ahnung gehabt haben.

Der Indianer als Historiker.

Falls wir die Geschichte der Chorotis und Ashluslays schreiben wollten, könnten wir in der Zeit nicht weit zurückgreifen. Erst in den letzten Jahrzehnten sehen wir sie in der Literatur näher erwähnt. Die Chiriguanos kennen wir dagegen schon von ihren Kämpfen mit dem großen Herrscher Inca Yupanqui, aus der Zeit vor der Entdeckung Amerikas her. Über seine Versuche, das Land zu erobern, berichtet Garcilasso de la Vega.[55] Seine Beschreibung der Chiriguanos als einer äußerst niedrig stehenden, menschenfressenden Rasse ist sicher seiner eigenen Phantasie entsprungen. In den Gebirgstälern hat sich die Tradition von diesen Kämpfen noch bewahrt.

In der spanischen Zeit ist das Gebiet der Chiriguanos trotz der jahrhundertelangen tapferen Verteidigung Schritt für Schritt erobert worden. Erst noch 1890 unternahm ein Teil von ihnen einen letzten Empörungsversuch, wurde aber, wie erwähnt, in der Schlacht bei Curuyuqui, auf der Ebene von Boyuovis, besiegt. Etwa fünftausend Indianer hatten sich dort gesammelt und kämpften einen ganzen Tag mit den Weißen den ungleichen Kampf gegen die Feuerwaffen. Der Kampf hatte des Morgens begonnen, und des Abends, als es dunkel wurde, war er noch nicht beendigt. Die Lage begann für die Weißen höchst unangenehm zu werden, da ihre Munition beinahe zu Ende war. Der moralische Mut der Indianer war jedoch leider gebrochen. Sie verließen in der Stille der Nacht ihre Verschanzungen.

Ein sehr wichtiges Kapitel in der Geschichte dieser Indianer ist auch die lange und beharrliche Arbeit der Missionare, das Land der Indianer auf verhältnismäßig friedliche Weise zu erobern. Diese wird in der Literatur ausführlich behandelt.

Hier will ich jedoch nicht von der Geschichte dieser Indianer, wie wir sie durch die Literatur kennen, sprechen, sondern von dem Indianer als Historiker.

Spricht man mit den Indianern, so wissen sie von ihrer eigenen Geschichte nicht viel, ihre Tradition geht nicht weit zurück. Die Chanés am Rio Parapiti erzählten mir, sie hätten erst am oberen Rio Parapiti gewohnt,[56] seien aber von einem großen Häuptling von dort vertrieben worden. Einige blieben, wo sie jetzt wohnen, andere begaben sich durch den Chaco nach dem Rio Paraguay, welcher Fluß, wie gesagt, den Indianern nicht unbekannt ist. Am Rio Paraguay finden sich auch Arowaken.

Abb. 80 a. Pfeife. „Huiramimbi“. Tihuïpa.
b. Zeigt a im Durchschnitt. ⅔.
Abb. 81: Festtracht für Männer. „Tirucumbai“. Chané. Rio Parapiti. ¹⁄₂₂.
b = Öffnung für den Kopf, a = Armlöcher.

Die Chiriguanos wohnten zuerst am unteren Rio Parapiti und wurden von den Chanés von dort vertrieben. Dies ist möglicherweise „offizielle Geschichte“, denn wahrscheinlicher haben wohl die Chiriguanos die Chanés aus den fruchtbaren Tälern des oberen Rio Parapiti gejagt.

Batirayu hat mir alles erzählt, was er über die Geschichte der Chanéindianer am Rio Parapiti wußte. Der letzte große Häuptling war Batirayus Onkel, Aringui. Dieser führte viele Indianer seines Stammes zur Arbeit nach Argentinien. Sein Vorgänger war Yámbáe. Vor ihm hatte Ochoápi die Häuptlingswürde bekleidet. Zu seiner Zeit begannen die Weißen ins Land zu dringen. Dieser Häuptling wird als ein bedeutender Mann geschildert, der die Sitten und Gebräuche der Weißen unter seinen Indianern einzuführen suchte. Bekannt ist Ochoápi wegen seiner umfassenden Reisen und seiner Verfolgung der Zauberer. Er soll in Buenos Aires gewesen sein. Vor ihm hatte Chótchori die Häuptlingswürde. Zu seiner Zeit waren die Weißen noch nicht bis zum unteren Rio Parapiti gekommen. Hier ist die Tradition zu Ende. Die hier erwähnten Häuptlinge waren aus demselben Geschlecht, die Regierung geht aber nicht vom Vater auf den Sohn über.

Von den Chanés am Rio Itiyuro könnte ich ein wenig Geschichte erzählen, will aber nicht durch zu viele Namen ermüden. Auch dort geht die Tradition nicht weit zurück, drei Generationen, das ist alles.

In den Sagen dieser Indianer, von denen ich weiterhin mehrere wiedergegeben habe, erfahren wir nichts über die Geschichte dieser Völker. Keine geschichtlichen Ereignisse scheinen dort zu Sagen umgebildet zu sein. Sie haben ganz andere Motive.

Es ist wirklich ganz eigentümlich, daß bei diesen Indianerstämmen ihre Geschichte, der Name ihrer Häuptlinge in Vergessenheit geraten ist, während die Sagen sicher, wenn auch in veränderter Form, jahrhundertelang von Generation zu Generation bewahrt worden sind. Für das hohe Alter der Sagen spricht vor allem ihre große geographische Verbreitung.

Die Gestalten der Sagen und deren Erlebnisse regen die Phantasie an, werden behalten und weitererzählt. Die geschichtlichen Persönlichkeiten und Ereignisse vergißt man.

Sucht man in den Chané- und Chiriguanohäusern, so findet man viele Sachen bewahrt, die jetzt außer Gebrauch sind, die sie aber als Erinnerung an frühere Zeiten ehren und oft nicht hergeben wollen. So sieht man hübsche, runde Pfeifen, „huiramimbi“ (Abb. 80), die sicher von Generation zu Generation gegangen sind. Sie wurden früher bei Kriegszügen angewendet. Der alte Maringay hatte alles mögliche aus alter Zeit aufgehoben. Es bereitete mir ein großes Vergnügen, in den Verwahrungsstellen des Alten herumzuwühlen. Ich wollte gern etwas von ihm kaufen, es genierte mich aber, ihm Geld für seine Erinnerungen zu bieten.

In die Wände gestochen fand ich einst Bündel hübscher, ganz verräucherter alter Pfeilspitzen. „Würdest du mir sie nicht verkaufen wollen?“ fragte ich meinen alten Freund zögernd. „Du sollst drei geschenkt bekommen“, sagte Maringay. Nach dieser Abweisung ließ ich ihn seine lieben Sachen behalten.

Einmal ritt ich von Vocapoys Dorf, um einen alten Chané aufzusuchen, der eine hübsche alte Tracht hatte. Nach einigem Zögern zeigte er sie mir. Er hatte sie sorgfältig in anderes Zeug eingewickelt. Wie ein enthusiastischer Museumsbeamter ein altes Kleinod hervorholt, so wickelte er sie sorgfältig auf. Man sah förmlich, wie lieb sie ihm war. Obgleich ich ihm einen sehr hohen Preis bot, wollte er sie nicht verkaufen.

Daß diese Indianer die alten Erinnerungszeichen lieben, beweist, daß sie eine gewisse Kultur haben. Dies gilt jedoch nur für die Alten, die Jungen sind nicht mehr so, die verkaufen alles, ohne zu zögern. Was kümmern sie sich um eine abgenutzte, alte Festtracht, wenn sie ein rotes, flatterndes Halstuch und Hosen mit Rock dagegen bekommen können! Der Siegeszug der Hosen über die Welt hat auch diese Täler und Ebenen erreicht.

Die Chiriguanos und Chanés führen jetzt nicht mehr richtigen Krieg mit anderen Indianerstämmen. Bisweilen machen die Chanés am Rio Parapiti jedoch gelegentlich Streifzüge gegen die Tsirakuaindianer. Die Ashluslays behaupteten auch, wie mir mein Dolmetscher erzählt hat, daß der Tobahäuptling Taycolique bei seinem Einfall in ihr Gebiet 1909 verschiedene Chiriguanos bei sich hatte.

Batirayu erzählte, die Chanés hätten früher die Köpfe der getöteten Feinde heimgebracht und sie bei Festen auf den Plätzen der Dörfer aufgestellt.

Abb. 82. Tongefäß von den Chanés. ¼. Rio Parapiti.

[54] Arundo saccharoides.

[55] Garcilasso de la Vega: The Royal Commentaries of the Incas. Vol. I–II. Hakluyt Society. London 1869 u. 1871.

[56] Dies wird durch Viedma bestätigt: Descripcion geografica y estadistica de la Provincia de Santa Cruz de la Sierra. Coleccion Pedro de Angelis. Buenos Aires 1836. Tom. III. S. 180–181.